Kapitel 6: Du bist meine kleine Schwester!

Wie lange saß sie schon an diesem Brief, an diesem einen Brief. Immer wieder fing sie neu an zu schreiben nur um ihn darauf hin wieder zu zerknüllen. Wie viele Anfänge hatte sie schon gemacht, wie oft hatte sie ihn schon aufgeschoben. Sie wusste es nicht mehr und es wurde von Blatt zu Blatt, Tag zu Tag schwerer. Seufzend ließ sie sich in der Hängematte zurückfallen. Die Sonne schien und die dunklen Wolken, die Tagelang über dem Land gehangen hatten, waren verschwunden. Wenn sie doch auch aus ihrem Herzen verschwinden würden. Einfach so!

Sie musste was tun! Jetzt sofort!

Etwas schwerfällig zog sie sich aus der Hängematte und machte sich auf den Weg in den Stall um Black zu striegeln. Wieder schob sie den Brief auf, oder drückte sie sich einfach davor ihn zu schreiben.

„Allison Michelle McLeod wo willst du hin?"

Ally zuckte zusammen, wie ein Kind das man beim Keksklau erwischt hatte.

Langsam drehte sie sich um und sah in das nicht gerade milde gestimmte Gesicht ihrer Schwester. Tess hatte Charlotte an beiden Händen und kam langsamen Schrittes auf sie zu.

„Zum Stall?" fragte sie kleinlaut und doch schlich sich ein schelmisches Grinsen in ihr Gesicht.

„Und was hast du dort vor?" fragte Tess zurück.

Ally blickte sie unschuldig an und antwortete: „ Ich will nur ein wenig Black striegeln Tess. Ich geh sonst ein, ich muss was tun, sonst fang ich noch an mich im Kreis zu drehen!"

Tess schmunzelte doch der prüfende Blick blieb in ihren Augen.

„Jody und Kate haben sich heute morgen schon um die Pferde gekümmert, auch um deines," sagte sie und hob sich Charlotte auf den Arm.

„Tess ich werd' noch verrückt, wenn ich den ganzen Tag hier rum sitze. Claire hast du auch nicht ans Bett gefesselt, als sie mit Mepsi schwanger war!" erwiderte sie hitzig und strich sich sanft über den Bauch. Es war ein richtiger Schock gewesen, als sie erfahren hatte, dass sie schwanger war und es dauerte eine ganze Zeit bis sie sich an den Gedanken gewöhnt hatte. Die ersten zwei Monate nach der Diagnose waren nicht leicht für Ally, denn ihr lag es schwerer als alles andere im Magen, dass Nick nicht einmal auf sie gewartet hatte.

Immer noch lag ihre Hand auf ihrem Bauch. Eine Wölbung machte sich bemerkbar und immer öfter spürte sie glücklich, wie das Baby sich bewegte. „Ich weiß, aber bei Claire war es auch ein anderer Fall Ally. Du weißt doch am besten was der Arzt gesagt hat. Deine Schwangerschaft verläuft nicht so wie gewöhnlich. Du musst dich schonen und eigentlich dürftest noch nicht einmal so lange auf den Beinen sein! Das war der Deal und wenn du dich nicht daran hältst dann bring dich selbst zurück ins Krankenhaus!" erklärte Tess ihr und sah ihr in die Augen. Natürlich wusste sie wie schwer es ihrer Schwester fallen musste nichts tun zu können, keine Ablenkung zu finden, doch es war einfach zu gefährlich. Seit zwei Wochen konnte sie kaum etwas essen ohne sich daraufhin zu übergeben. Sie wurde immer schwächer und auch wenn sie es sich nicht anmerken lassen wollte, kannte Tess ihre Schwester besser als jeder andere. Ihre Haut war blass und ihre Wangenknochen eingefallen. Ihre Augen waren ganz trüb und das das Leben ihres Babys in Gefahr war zerrte ziemlich an ihrem Gemüt.

„Ich lag schon den ganzen Tag und vorhin hab ich es geschafft eine ganze Scheibe Brot zu essen, ohne es danach gleich wieder der Toilette zu widmen," sagte sie und ließ Charlotte mit ihrer Hand spielen.

„Komm schon Ally du bist jetzt im fünften Monat und schonen wäre jetzt sowieso langsam angesagt. Ich kann dich ja verstehen, dass du deine Gedanken nicht die ganze Zeit bei ihm haben möchtest, aber denk an das Baby. Und bevor du jetzt ausrastet, genau die gleichen Worte habe ich auch zu Claire gesagt!" erwiderte Tess. Bestürzt sah sie wie eine einzelne Träne über die blasse Wange ihrer Schwester kullerte.

„Komm her kleine Schwester!" flüsterte sie und streckte ihr ihren freien Arm hin um sie in den Arm zu nehmen.

Ally schüttelte den Kopf als wolle sie alle bösen Gedanken aus ihm verbannen und drückte sich fest an ihre Schwester und ihre Nichte, die ihr mit ihrer kleinen Hand sanft auf den Kopf patschte.

„Er hat nicht einmal auf Wiedersehen gesagt Tess! Nicht einmal einen Brief hat er hinterlassen! Wir sollten uns zusammen auf unser Baby freuen!" schluchzte sie. Ihre ganze Gefühlswelt stand auf dem Kopf. Der Mann den sie so sehr liebte, der Vater ihres Babys war einfach aus ihrem Leben verschwunden. Er wusste nicht einmal dass er Vater werden würde und sie konnte es einfach nicht über sich bringen es ihm zu sagen. Und dann auch noch diese verdammten Hormone, die in ihrem Körper verrückt spielten. Mal war sie die gute Laune in Person und in der nächsten Minute weinte sie los ohne auch nur einen einzigen Grund.

Ally spürte wie Tess ihr aufmunternd über den Rücken streichelte. Es tat so gut jemanden in seinem Leben zu haben, der immer für ein da war, der einen ohne Bedingungen liebte.

Ally weinte immer noch so heftig, dass ihr schwindelig wurde. Sie schwankte gefährlich hin und her, so dass Tess Mepsi absetzten musste um ihre Schwester zu stützten.

„So Allison ab in die Hängematte, wenn du schon nicht ins Bett gehen willst! Und wegen Nick machen wir uns erst wieder Gedanken wenn du wieder auf dem Damm bist, verstanden?!" forderte sie und brachte Ally stützend zurück zu Veranda, allerdings nicht ohne Charlotte aus den Augen zu lassen, die fröhlich munter hinter ihnen her krabbelte. Ally hatte nur schwach genickt und ließ sich ohne zu murren zurück zur Hängematte transportieren.

„Tess?" fragte die braunhaarige, als sie sich seufzend in den Weichen hängenden Stoff gleiten ließ.

Tess deckte sie fürsorglich zu und schaute nicht auf als sie antwortete.

„Es wird doch alles wieder gut oder? Er kommt doch wieder zurück?" fragte sie ihre große Schwester und legte eine Hand schützend auf ihren Bauch.

Tess nahm Mepsi auf den Arm, zog sich einen Stuhl an die Hängematte und setzte sich zusammen mit ihrer Nichte auf dem Schoß zu Ally.

Nachdenklich sah sie Ally an.

„Ich weiß es nicht Ally. Doch allerdings wüsste ich nicht warum er nicht zurückkommen sollte," sagte sie, strich Ally das braune Haar aus der Stirn und stand auf um wieder zurück zur Arbeit zu gehen. Charlotte wollte sie zu Meg bringen, damit diese für heute ein Auge auf die Kleine haben konnte.

Ally sah Tess traurig hinterher und nickte in die Luft. Ja ihre Schwester hatte recht! Niemand wusste ob Nick wiederkommen würde und jeder vermisste ihn schrecklich. Außerdem fehlte er an allen Ecken und Kanten. Alex hatte alle Hände voll damit zu tun Killarney zu führen und sich alleine gegen seinen Vater durch zu setzten.

Alex?!

Mit jedem Brief den er Nick schreibt, mit jedem Anruf den er nach Argentinien tätigt, würde er seinem Bruder am liebsten erzählen, dass sie von ihm schwanger ist. Doch Alex musste Ally hoch und heilig schwören, dass er seinen Mund hält. Ihr war schon klar, dass er es nicht für gut heißen würde und für ihn war eine Garantie, dass Nick zurückkommen würde, doch sie wollte es selber tun auch wenn es erst passieren würde, wenn er wieder vor ihr steht. Und trotz alle dem: Alex freute sich darauf Onkel zu werden, auch wenn er es nicht jedem erzählen durfte.

Wie oft hatten sie sich deswegen schon in den Haaren gehabt nicht zuletzt ihr letzter Streit, der dazu führte das Ally im ohnmächtig vor die Füße fiel.

Er hatte ihr die Schuld an Nicks Weggang gegeben und das sie es doch nur darauf angespielt hatte von ihm schwanger zu werden. Sie hatten sich angeschrieen und angebrüllt, doch irgendwann wurde alles schwarz. Das war vor zwei Wochen gewesen und seitdem durfte Ally keinen Finger mehr rühren. Alex schien das schlechte Gewissen so sehr zu plagen, dass er noch nicht einmal vorbeigekommen war um sie zu besuchen. Seit zwei Wochen hatten sie kein Wort mehr miteinander gesprochen und Ally kam es langsam so vor als sei das ihr Schicksal irgendwann mit allen Ryanmänner zu brechen. Erst Nick und dann auch noch Alex. Der eine war ihr bester Freund, der Mann den sie liebte und der andere ihr großer Bruder. Sie vermisste beide schrecklich und wünschte sich manchmal, dass sie nie mit Nick geschlafen hätte, dass sie beide nie kennen gelernt hätte. Sie wusste, dass sie noch lange nicht soweit war mit Nick zu sprechen, nicht über sich und auch nicht über das Baby, doch sie wollte mit Alex sprechen. Sie wollte dass er von ihr hörte, dass ihr Zusammenbruch nicht seine Schuld war und dass sie ihn schrecklich vermisste.

Entschlossen griff sie zum Telefon und wählte Alex Handynummer.

Einen kurzen Augenblick hoffte sie er würde nicht abheben, doch schon hörte sie seine Stimme.

„Ryan"

Ally zögerte kurz, aber schneller als sie gedacht hatte kam ihr Mut zurück und sie

antwortete: „Hi Alex"

Sie schmunzelte, als sie seine verdatterte Stimme hörte.

„Ally? Ist was passiert?" fragte er.

Ally beeilte sich schnell zu antworten: „ Nein, nein es ist nicht passiert. Ich wollte dich nur darum bitten hier vorbeizukommen, wenn du etwas Luft hast. Ich wollte mit dir reden."

Lange Zeit nichts!

Nachdenkliches Schweigen!

„Alex…Alex bist du noch dran?" fragte sie ihn.

Erst nach ein paar Sekunden hörte sie wieder seine tiefe Stimme.

„Ja…Ja klar ich bin noch da. Ich komme vorbei? Bin in ungefähr in einer Viertelstunde da? Bis gleich!"

Klick

Ja das war Alex! Stürmisch, temperamentvoll und manchmal auch ziemlich kurz angebunden, wenn er nicht weiter wusste.

Ally stand langsam auf um nicht wieder einen Schwindelanfall zu riskieren und ging Schritt für Schritt in die Küche um für sich einen Tee und für Alex eine Flasche Bier zu holen. Dann legte sie sich wieder in die Hängematte und murmelte sich tief in die warme Wolldecke. Es war nicht kalt und die Sonne stand auch noch hoch am Himmel und doch war sie seit ein paar Wochen eine richtige Frostbeule. Kaum hatte sie es sich wieder bequem gemacht hörte sie auch schon den brummenden Motor von Alex schwarzem Auto.

Alex war ziemlich verwirrt, als er das Handy ausgeschaltet hatte. Er hatte nicht gedacht, dass Ally jemals wieder mit ihm reden würde und jetzt bat sie selbst darum dass er vorbeikam um mit ihr zu sprechen. Seit dem Tag als er den Krankenwagen gerufen hatte, der sie ins Krankenhaus brachte, quälte ihn sein Gewissen. Er hatte Ally und auch seinen Neffen oder Nichte in Gefahr gebracht und das nur weil er sein Temperament wieder einmal nicht zügeln konnte.

Er stieg aus dem Auto und ging ums Haus herum zur Veranda. Er hatte von Stevie erfahren, dass sich Ally oft dort aufhielt, weil sie es im Bett nicht mehr aushielt. Natürlich hatte sie ihm und auch alle anderen gesagt, dass es nicht seine Schuld war, dass es Ally so schlecht ging, doch für ihn lag der Fall einfach anders.

Er musste kurz auflachen, als er auf die Veranda trat und Ally dort in der Hängematte liegen sah und ihm eine geöffnete Bierflasche hinhielt.

„Ich dachte das könnte dir gut tun!" rief sie ihm entgegen und lächelte ihn schüchtern an.

Alex nahm die Flasche und nickte ihr zu.

„Ja danke!"

Er nahm einen tiefen Schluck und setzte sich auf den Stuhl, auf dem vorher noch Tess gesessen hatte.

Lange schaute er auf die Flasche in seinen Händen und wusste nicht was er sagen sollte. Es schien ihm als würde alles was er sagen wollte so unglaublich nebensächlich und verleugnerisch klingen.

Aber Ally wäre nicht Ally, wenn sie das nicht schon geahnt hätte.

„Alex sieh mich an!...Alex bitte!" flüsterte sie sanft und legte eine Hand auf seinen Unterarm.

Er hob den Kopf und sah in ein so furchtbar blasses Gesicht, dass es ihm selbst weh zutun schien. Er hatte ja keine wirkliche Ahnung gehabt wie schlecht es ihr gehen musste und doch lächelte sie ihn aufmunternd zu.

„Alex es ist nicht deine Schuld und das weißt du auch! Es ging mir vorher schon schlecht!" sagte sie bestimmt und drückte seinen Arm.

Er blickte sie an und seufzte.

„Ich hätte es nicht so weit kommen lassen dürfen, dass du im Krankenhaus landest meine ich! Ich hätte dir vielmehr helfen sollen und dich nicht so runtermachen dürfen!" erwiderte er hitzig und wollte schon aufstehen, doch Allys Hand hielt ihn auf dem Stuhl.

„Wie hättest du es denn wissen können, nicht einmal Tess habe ich erzählt, wie elend es mir geht. Außerdem hattest du ja recht! Ich hätte nie mit Nick schlafen dürfen, dann wäre er vielleicht noch hier und würde nicht erst in sieben Monaten wiederkommen," erklärte Ally ihm und sah Alex prüfend ins Gesicht. Seine Züge waren so voller unberechtigter Schuld und Trauer.

Weiß Gott was in diesem Moment in ihm vorging?

„Ally als du hier auftauchtest, keine Ahnung vom Landleben, eine teuflisch gute Reiterin und mit soviel verrückten Macken, die nicht einmal Tess und Claire zusammen aufbringen konnten, habe ich deinen Schwestern insgeheim versprochen auf dich aufzupassen. An Claires Grab habe ich es ihr noch einmal versprochen, denn sehen wir es mal so wie es ist du bist wie meine kleine Schwester auf die man aufpassen muss, aber nein ich bin derjenige der dich ins Krankenhaus treibt und dich ans Bett fesselt," sagte er verzweifelt. Ally sah hatte ihm erstaunt zugehört. Nie hatte sie gedacht, dass er so fühlen würde wie sie, dass er so empfinden könnte. Fast schon stürmisch schälte sie sich aus ihrer Decke und kletterte so schnell es ihr in ihrem Zustand möglich war aus der Hängematte um Alex in die Arme zu schließen, die er nach kurzem Zögern auch mit voller Leidenschaft erwiderte.

„Es ist die Schwangerschaft und die Ungewissheit wegen Nick die mich ans Bett fesselt und mich dazu bringt alles zu erbrechen was ich esse! Nicht du, haben wir uns da jetzt endlich verstanden?" nuschelte sie gegen seine Schulter.

„Trotzdem! Ich bleibe dabei, dass ich nicht auf dich aufgepasst habe, aber das wird jetzt anders, das schwöre ich dir!" versprach er und drückte sie noch ein Stück fester an sich.

„Einverstanden, aber um das einzulösen darfst du mich nicht erdrücken Ryan, klar?!" witzelte sie etwas außer Atem. Ihr Kreislauf spielte schon wieder verrückt und ihre Welt schien sich schon wieder zu drehen.

Alex schien es zu bemerken und hob sie schnell ohne Mühe hoch.

„Und du hast dich gefälligst an die Anweisungen zu halten die dir der Arzt gegeben hat, McLeod! Hinlegen und zwar sofort!" befahl er streng und Ally hörte deutlich die tiefe Sorge heraus. Genau wie Tess schon an diesem Tag, deckte Alex sie führsorglich zu und reichte ihr eine Tasse Tee.

„Wo ist Tess oder irgendjemand sonst?" fragte er und setzte sich wieder auf den Stuhl.

Ally nahm einen kleinen Schluck von ihrem Tee und sah wieder zu ihm.

„Tess ist mit Stevie dabei den Zaun bei Skippy Jims zu reparieren, Jody und Kate sind bei den Tränken an der Westkoppel und Meg ist glaube ich mit Charlotte in die Stadt," zählte sie auf.

Alex nickte eifrig: „Gut wo sind die Spielkarten? Oder hast du mehr Lust auf ne Runde Schach?" fragte er wieder und lachte über ihren verdutzten Blick. „Glaubst du ich lass dich hier alleine, oder was? Ich bleibe so lange, bis hier jemand auftaucht und wenn du dann nicht mehr willst dass ich gehe, was ich annehme dann bleibe ich noch länger!"

Ally lachte auf: „ Du hast sie doch nicht mehr alle! Aber gut ich freu mich über Gesellschaft. Ich denke ich hab Lust auf Karten."

Somit stand er auf und marschierte ins Haus um die Karten zu holen.

Der Tag verlief ruhig und entspannt und Ally schaffte es nicht einmal an Nick zu denken, auch wenn sein Bruder den ganzen Tag vor ihr saß, sich ziemlich ungeschickt beim Spielen anstellte und in Kindersprache mit dem Baby sprach.

„Das wird bestimmt ein Junge!" sagte er zum Abschied und gab Ally grinsend einen Kuss auf die Stirn.

Sie lachte und scheuchte ihn mit der Hand weg: „ Das werden wir ja sehen Ryan, beim letzten Mal lagst du auch daneben!"

TBC!!!