Kapitel 2 – Das Kapitel über das Suchen und Finden

Im Krankenhaus

Meredith drehte sich hastig um. Schon wieder hatte sie das Gefühl, das jemand hinter ihr sei. Sie machte schnell eine Notiz an sich selbst, Derek nichts davon zu erzählen. Seine Stimme hatte nach seinem vorgetäuschten Erstickungstod einen leicht rauchigen Unterton bekommen und er hatte sie das bereits über das Telefon wissen lassen. Leider hatte das dazu geführt, dass Finn mal wieder misstrauisch geworden war und sie während des Frühstücks mit Fragen bombardiert hatte. Ihre gesamte Kaffeetasse lang. An solchen Tagen wusste sie, warum ausgedehnte Frühstücks durchaus unangebracht waren. Wieder machte sie sich eine Notiz, Derek nichts zu erzählen, denn sonst würde er ihr den „Frühstück ist wichtig" Vortrag halten. Mit einem Blick auf die Uhr fluchte sie leise. Sie war spät dran und hatte keine Lust, die niederen Arbeiten annehmen zu müssen. Das immer noch bestehende Gefühl, verfolgt zu werden, beflügelte sie förmlich, den Weg zur Umkleidekabine noch schneller zu bewältigen. Ein Gefühl der Erleichterung machte sich in ihr breit als sie sah, dass die Umkleidekabine weitestgehend leer war. Somit würde sie um zeitaufwendige Gespräche herum kommen.

Erleichtert atmete Izzie auf, als sie endlich eine Beschilderung auf einer Wand des Krankenhausflurs vorfand, die mit dem Hinweis „Umkleidekabinen" versehen war. Sie hatte das Gefühl, schon seit Stunden im Krankenhaus herumgeirrt zu sein, auf der Suche nach diesem Raum. Sie schüttelte den Kopf über die Unfähigkeit des Krankenhauses vernünftige Wegweiser anzubringen. Mit einem Blick auf die Uhr stellte sie fest, dass sie viel zu spät dran war. Und das auch noch an ihrem ersten Arbeitstag! Machte bestimmt einen guten Eindruck. Missmutig verzog Izzie das Gesicht, während sie auf die Tür zuging, die sie zum Umkleideraum führte. Schwungvoll öffnete sie sie und blieb dann für einen Moment überrascht stehen. Sie hatte gedacht, dass die anderen schon alle weg wären, doch zu ihrer größten Überraschung gab es noch jemanden, der anscheinend verschlafen hatte. Izzie schob ihre Brille weiter den Nasenrücken hinauf und begann zu lächeln. „Einen schönen guten Morgen!", wandte sie sich an die junge Frau, die in ihrem Spind herumkramte.

Meredith zuckte zusammen. „Mist." Fluchte sie leise. Zumindest war es nicht Finn, der sie gefunden hatte, dafür aber eine unbekannte… was auch immer sie sein mochte. Es drängte sich die Frage auf, was besser wäre. Ignorieren oder freundlich grüßen. In der Hoffnung, es schnell hinter sich bringen zu können, drehte sie sich zu der Frau um. „Morgen."

Nur für einen kurzen Moment fühlte sich Izzie leicht befangen. Es lag ihr einfach nicht, sich mit Fremden bekannt zu machen. Und sie war sensibel genug zu spürten, dass die Frau ihr gegenüber wenig Lust auf Konversation hatte. Aber sie war momentan die einzige Verbindung zwischen der Außenwelt und dem Krankenhaus. Und Izzie wusste praktisch gar nichts über das Krankenhaus und seine Angestellten. Vielleicht wusste diese junge Frau ja mehr. Izzie nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Ich bin ... Dr. Isobel Stevens vom Washington Hospital. Und heute ist mein erster Tag hier", sagte sie mit einem leicht verkrampften Lächeln.

Damit war die Hoffnung begraben, sich ungestört umziehen zu können. Für einen Bruchteil versuchte Meredith zurückzulächeln, aber da sie Grimassen ziehen wollte, beließ sie es bei ihrem morgendlichen und somit mürrischen Gesichtsausdruck. „Dr. Meredith Grey. Und das ist mein ich weiß nicht wievielter Tag, da ich schon seit Jahren hier bin."

„Nett sie kennen zu lernen, Dr. Grey!" Izzie streckte ihr die Hand entgegen, zog sie jedoch schnell wieder zurück, als sie bemerkte, dass ihr Gruß nicht erwiderte wurde. „Auf welchem Gebiet sind sie spezialisiert?" erkundigte sie sich neugierig.

„Noch Neurochirurgie, aber sollte ich zu spät zur Visite kommen, dann werde ich heute in die Proktologie wechseln." Meredith zog ihre OP Hose zu und versuchte ihre neue Kollegin zu ignorieren, allerdings setzte so langsam ihr soziales Gewissen ein und sie drehte sich wieder um. „Ich habe es nicht so mit dem Morgen. Es ist früh, gestern war Alkohol im Spiel und mein Boss liebt es mich zu quälen, wenn ich ihm nicht Vorbild genug für die Assistenzärzte aus dem ersten Jahr bin."

Izzie sah erschrocken hoch. „Oh, sie denken, ich bin eine Assistenzärztin im ersten Jahr?" Sie sah schnell an sich herunter. Sah sie wirklich wie ein Frischling aus?

Meredith musterte die junge Ärztin neben sich genau. „Sind sie das nicht?" Sie zuckte mit den Schultern und streifte danach ihr OP Oberteil über. „Mein Fehler. Wie weit sind sie denn? Haben sie schon eine Fachrichtung?"

Izzie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Etwas, dass ständig passierte, wenn sie sich schämte oder ihr etwas besonders peinlich war. Und was Dr. Grey vermutete war peinlich. „Nun ich .." Sie räusperte sich. „Ich habe mich auf die Pädiatrie spezialisiert mit dem Schwerpunkt Neonatologie. Ich habe erfahren, dass hier eine Kollegin gesucht wird, die sich besonders in der Frühgeborenmedizin auskennt. Und ich war sehr überrascht, als Dr. Webber's Wahl auf mich fiel."

„Wenn sie gut sind, dann wird ihm die Wahl leicht gefallen sein." Meredith zuckte erneut mit den Schultern. Ihr fiel ein, dass sie gestern ihren Ehering nicht mehr anhatte und fing deswegen an, ihren Spin genauer unter die Lupe zu nehmen. „Die Neonatologie ist ein interessantes Gebiet. Die Exfreundin meines Freundes war darauf spezialisiert. Sie hat jetzt aber so etwas wie eine eigene Praxis. Boston Public oder so ähnlich."
„Die Freundin ihres Freundes ist jetzt Schauspielerin?" Izzie rieb sich nachdenklich die Nase. „Boston Public ist doch eine TV Serie, oder?"

Meredith nahm die Nase wieder aus dem Spin heraus und runzelte nachdenklich die Stirn. „Ist das eine Serie? Dann heißt ihre Praxis anders. Aber mich interessiert die Exfreundin meines Freundes nicht wirklich." Sie tauchte wieder in die Tiefen ihres Spindes ab, nur um unsanft gegen das obere Regal zu stoßen. „Na klasse. Jetzt brauche ich selber noch eine OP und alles nur wegen dem verfluchten Ehering."

„Sie sind verheiratet?" Izzie wollte eigentlich gar nicht so neugierig sein, doch die Frage war heraus, bevor sie sie zurückhalten konnte.

„Unglücklicherweise." Murmelte Meredith, deren Frustfaktor inzwischen jenseits ihrer schlimmsten PMS Phase angelangt war. „Vielleicht sollte ich es als Zeichen ansehen und wirklich einen Schlussstrich unter die Ehe setzen." Erst jetzt fiel ihr wieder ein, dass sich noch eine weitere Person im Raum befand. „Das was sie jetzt gehört haben, bleibt unter uns. Vor allem darf Derek… Dr. Shepherd das nicht erfahren."

Izzie schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich kenne hier doch noch niemanden. Selbst, wenn ich es Dr. Shepherd sagen wollte. Ich weiß ja nicht einmal, wie er aussieht!" Sie seufzte. Ihr fiel plötzlich der eigentliche Grund ein, wieso sie Dr. Grey angesprochen hatte. „Kennen sie Dr. Karev? Ich soll mich bei ihm auf der Gynäkologie melden. Aber ich kann ja schlecht jeden männlichen Arzt, der einen Kittel trägt fragen, ob er Dr. Karev heißt."

„Alex?" Meredith überlegte, wie sie ihren langjährigen Freund beschreiben könnte. „Er hat kurze braune Haare, ist etwas größer als ich. Durchtrainiert." Sie runzelte leicht die Stirn und zuckte dann mit den Schultern. „Und er trägt mit Sicherheit seinen Ehering. Im Gegensatz zu mir." Seufzend wandte sie sich wieder dem Schrank zu, brachte es aber nicht mehr auf sich, noch länger nach ihrem Ring zu suchen. „Er kann manchmal raubeinig sein, aber wenn sie länger mit ihm gearbeitet haben, dann werden sie sehen, dass er nur um seine Patienten besorgt ist."

Die Tatsache, dass Dr. Karev verheiratet war, ließ Izzie innerlich aufatmen. Wenigstens musste sie hier nicht fürchten, von männlichen Kollegen belästigt zu werden. Wobei es anscheinend auch hier Ausnahmen gab. Für einen Moment dachte sie an den nervigen, aufdringlichen jungen Mann, den sie auf der Party kennen gelernt hatte. „Ich schätze, Dr. O'Malley ist nicht verheiratet?" entfuhr es ihr.

Meredith sah kurz auf und fing dann laut an zu lachen. „Entschuldigung." Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Wenn es in diesem Krankenhaus einen gibt, der definitiv nicht verheiratet ist, dann George O'Malley. Und als kleiner Tipp. Halten sie sich von ihm fern. Es geht das Gerücht um, dass er damals die Syphilis ins Krankenhaus gebracht hat."

Izzie ging erschrocken einen Schritt rückwärts. „Wie schrecklich! Nun, vielen Dank für die Warnung. Ich werde mich in Zukunft von ihm fern halten." Sie überlegte einen Moment, ob die junge Ärztin vielleicht auch wissen könnte, wer der Unbekannte von der Party war, an den sie ihr Herz so spontan verloren hatte. Die Beschreibung „braune Haare und durchtrainiert" schien allerdings auf mehr als nur einen Mann in diesem Krankenhaus zuzutreffen. Auch der Hinweis, „braune Augen" würde ihr wahrscheinlich nicht weiter helfen bei der Suche. Mit Sicherheit traf diese Beschreibung auf die halbe Belegschaft des SGH zu. Izzie seufzte. „Gibt es hier einen Arzt, der es mit der Rasur nicht so genau nimmt?" stieß sie hervor.

„Mir würden da sogar einige weibliche Mitglieder aus der Belegschaft einfallen, die es mit der Rasur nicht so genau nehmen." Meredith musste sich beherrschen, nicht noch einmal vor Lachen in Tränen auszubrechen. „Einer von den Ärzten wäre dann auch Derek… Dr. Shepherd. Nicht zu übersehen, da er jedes Jahr die Wahl zu Mr. Hair gewinnt. Und wenn sie ihn treffen, dann sagen sie nichts davon, dass ich mich zur Scheidung durchgerungen habe." Sie zog ihren Arztkittel an und prüfte ihre Taschen auf Vollständigkeit. „Ich wünsche ihnen viel Glück bei der Suche nach Dr. Karev. Notfalls lassen sie ihn von den Schwestern anfunken. Immer noch besser als sich durchzufragen."

Izzie lächelte dünn. „Ja, das ist wohl das beste. Sagen sie, Dr. Shepherd ... Derek hat nicht zufällig braune Augen?"

„Derek… Dr. Shepherd? Nein, die sind blau." Meredith seufzte bei dem Gedanken an seine Augen leise auf. „Und genau zu diesen blauen Augen muss ich jetzt auch. Sollten sie Dr. Karev bis zum Mittagessen noch nicht gefunden haben, dann halten sie nach mir Ausschau. Wenn unser OP Plan es zulässt, dann treffen wir uns zum Essen."

„Vielen Dank nochmal!" rief Izzie ihr hinterher, doch Meredith war schon durch die Tür verschwunden. Einen Moment starrte sie nachdenklich vor sich hin. Sie war sich so sicher gewesen, dass Dr. Shepherd ihr Kandidat gewesen war. Zumindest so lange, bis die Frage zu den Augen kam. Es konnte doch nicht so schwierig sein in einem Krankenhaus mit Hunderten von Angestellten einen Mann zu finden mit braunen Augen, dunklen Haaren und 3-Tage-Bart. Izzie begann seufzend ihre Tasche auszupacken, in der sich ihre Arbeitskleidung befand und zog sich um.

Im Krankenhaus

Mit düsterer Miene und eiligem Schritt ging Dr. Alex Karev den Flur entlang bis zum Büro seines Chefs, während er immer wieder genervt auf die Uhr schaute. Wenn es etwas gab, was er zum Tod nicht ausstehen konnte, dann war es Unpünktlichkeit. Er klopfte energisch gegen Dr. Webbers Tür und trat sofort ein, als er von drinnen ein „Herein!" hörte.

„Dr. Karev!" Dr. Webber sah erstaunt von seinen Papieren auf. „Was tun sie denn hier? Sollten sie nicht auf Station sein, um ihre neue Kollegin in Empfang zu nehmen?"

Alex nickte, während er seine Hände in den Taschen seines Kittels vergrub. „Deshalb bin ich hier." Er deutete mit dem Kopf anklagend zur Wanduhr. „Ich weiß ja nicht, welche Sitten am Washington Hospital herrschen. Aber ich persönlich finde es schon ziemlich unverschämt, gleich am ersten Tag zu spät zu kommen!"

Dr. Webber biss sich auf die Lippen. „Sie ist noch nicht da?" fragte er kleinlaut.

„Nein." Alex schüttelte den Kopf. „Dr. Stevens ist noch nicht da", sagte er mit spöttischen Unterton. „Aber entschuldigen sie die Bemerkung ..." Er räusperte sich. „Das wundert mich auch nicht. Ich habe sie bei der Party kurz kennen gelernt, und sie wissen ja, was man über den ersten Eindruck sagt?" Er verdrehte die Augen, als er an seine Begegnung mit ihr zurückdachte.

„Geben sie ihr eine Chance." Dr. Webber rieb sich seufzend die Stirn. Er war es leid, dieselbe Diskussion wieder und wieder zu führen. „Wenn sie sie besser kennen gelernt haben, werden sie feststellen, dass sie eigentlich ganz nett ist."

Alex Gesicht verzog sich. „Danke, aber mein Bedarf ist vorläufig gedeckt."

„Na schön." Dr. Webber seufzte tief. „Sie sollen sie auch nicht im Wäscheraum vernaschen sondern mit ihr zusammen arbeiten!"

„Sie kann nicht einmal einen Becher festhalten. Wie soll sie sich da um hilflose Neugeborene kümmern?" Alex ignorierte Dr. Webber's Bemerkung und verdrehte stattdessen wieder die Augen. „Sir, mit allem Respekt, aber gab es auf dem Arbeitsmarkt nichts besseres als Dr. Stevens?"

Dr. Webber hatte die Nase voll. „Hören sie, Dr. Karev!" sagte er in aller Deutlichkeit. „Wir können bei der Auswahl unserer Mitarbeiter nicht immer
Rücksicht darauf nehmen, ob ihnen die Nasen der Kolleginnen passen! Sie haben bereits 5 Kolleginnen in einem Jahr durch ihre unmögliche Art vergrault! Ich erwarte von ihnen, dass sie sich ein wenig zusammen reißen und sich bemühen, mit Dr. Stevens zusammen zu arbeiten. Sie hatte am Washington Hospital den besten Ruf. Sie müssen sie nicht mögen, aber versuchen sie sie wenigstens als Kollegin zu akzeptieren. Ansonsten sehe ich mich leider gezwungen, sie in eine andere Abteilung zu versetzen! Nicht ihre Kolleginnen haben ein Problem – sie haben eins!"

Alex war für einen Moment sprachlos. So hatte der Chef noch nie mit ihm gesprochen. Er wusste, dass er den Faden überspannt hatte. Aber alleine beim Gedanken daran, mit Izzie Stevens zusammen zu arbeiten, ließ seine Laune bis ins Grab sinken. Sie hatte nicht nur sein Hemd versaut, sie würde zusätzlich auch noch sein Leben ruinieren. Er war zum Neonatologen geboren. Er konnte sich nicht vorstellen, etwas anderes zu machen, obwohl er eine Weile mit der plastischen Chirurgie geliebäugelt hatte. Wollte er wirklich auf das alles verzichten nur für eine Frau? „Sie haben ihre Zeugnisse gesehen?" versuchte er einen schwachen Einwand. "Und sie sind auch nicht gefälscht?"

Dr. Webber nickte. „Sie ist die Beste auf ihrem Gebiet. Und wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, sie hierher zu bringen. Also bitte seien sie etwas nett zu ihr!"

„Ansonsten verliere ich meinen Job?" hakte Alex vorsichtig nach.

„Genau! Sehen sie es als eine Art Abmahnung. Ich bin es leid, mir von ihnen auf der Nase herumtanzen zu lassen! Und nun dürfen sie gehen und in ihrer Abteilung auf Dr. Stevens warten. Guten Tag, Dr. Karev!"

Alex schlich nach draußen wie ein begossener Pudel. Er hätte diese Woche sein Horoskop nicht lesen dürfen. „Sie werden eine schicksalhafte Begegnung machen" hatte dort gestanden. Das Schicksal konnte manchmal wirklich grausam sein, wenn es einem einen Menschen wie Izzie Stevens an die Seite stellte. Seufzend schaute Alex auf seine Armbanduhr. Vielleicht hatte sie es ja mittlerweile geschafft, sich auf der Gynäkologie einzufinden. Er drehte sich um und ging den Flur wieder zurück zu den Aufzügen.

Im Krankenhaus – Keller

Cristina öffnete seufzend die Tür des Treppenhauses. Endlich im Keller angekommen fand sie ihr Ziel schnell. Verlassene Betten, die sich dazu eigneten über den Sinn des Lebens nachzudenken. Oder sich einfach von der Hektik des Krankenhausalltags für ein paar Minuten zu entziehen. In diesem Fall wollte sie einfach nur nie die Beine hochlegen und ihren Nagellack auffrischen. Da sie keine Stimmen hörte, machte sich in ihre die Hoffnung breit, allein zu sein, doch kaum hatte sie die Betten in Sichtweite verdrehte sie die Augen.

„Was machst du hier?" Cristina ließ sich auf das Bett fallen und schloss kurz die Augen.

„Bist du heute Morgen aus dem Bett gefallen? Deine Laune passt noch nicht einmal dazu, mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein." Meredith musterte Cristina kurz, verkniff sich dann aber jeglichen Kommentar zu den Fingernägeln.

Cristina öffnete ihre Augen wieder und starrte Meredith an, bis diese sich von ihr abwandte. „Genau wegen solcher Äußerungen. Was machst du hier?"

„Ich mache dir dein Leben zur Hölle." Meredith blinzelte zu Cristina hinüber, die sich frustriert an die Wand gelehnt hatte. „Also willst du mir etwas zu deinem rosa Alptraum von gestern sagen?"

„Es war kein rosa Alptraum. Es war ein Kleid für weibliche Frauen." Cristina hatte durchsuchte ihre Kitteltaschen und zog nach einer Weile ein kleines Fläschchen heraus. Für einen Moment betrachtete sie sich ihre Fingernägel, dann fing sie an munter darauf los zu pinseln.

„Rosa? Ernsthaft?" Meredith schüttelte ungläubig den Kopf. „Als ich meine Haare während meiner Schulzeit pink gefärbt hatte, wollte ich rebellieren. Wogegen rebellierst du? Gegen den guten Geschmack?" Sie beobachtete Cristina, die einen Teil des Nagellacks inzwischen auch auf das Kissen unter sich verteilt hatte. „Und du machst das falsch."

„Oh, jetzt kommt die Modeexpertin wohl endlich durch. Du mit deinen verkorksten Haaren." Cristina wedelte über Merediths Haaren herum.

Meredith rückte ein Stück zur Seite, da sie nicht schon wieder in eine neue Haarfarbe ausprobieren wollte. „Bevor du den Inhalt über meinem Kopf verschüttest, mach lieber bei dir weiter." Sie deutete mit einer Handbewegung zu Cristinas Fingernägeln. Als ihre Freundin sich wieder ihren Nägeln widmete, atmete Meredith erleichtert auf. „Aber seit wann steht dein Freund auf rosa? Ich dachte, dass er nur gerne Schleifen im Haar hat." Sie schlug sich an die Stirn, als ihr wieder etwas einfiel. „Ich nehme alles zurück. Du hast ja einen neuen. Wie heißt er noch mal? Bongo, Bernie… mir fällt es gleich ein."

„Bruno." Antwortete Cristina schnippisch. Sie warf Meredith einen vorwurfsvollen Blick zu, die jedoch nur mit den Schultern zuckte. „Kann ja nicht jeder das Glück haben, einen Stalker zu heiraten."

„Er ist kein Stalker." Protestierte Meredith, auch wenn sie wusste, dass ihre Beweislage auf wackeligem Grund stand. „Er ist lediglich ein wenig übervorsichtig."

„Wegen Liz." Cristina verdrehte die Augen und schüttelte dabei den Kopf. „Ich habe ihn gestern wieder hier herumlungern gesehen. Muss er nicht arbeiten?"

„Er arbeitet doch. Und außerdem ist Dogsix krank. Da wollte er nach mir sehen, ob ich früher nach Hause komme." Meredith setzte an den Bettrand und ließ die Beine schaukeln.

„Hat Dogsix das gleiche wie Dogfive oder glaubst du, dass er wie dessen Vorgänger von einem Auto überfahren wird." Cristina hatte ihre Malstunde beendet und verstaute wieder alles in ihrem Kittel. Dabei vergaß sie aber, dass der Nagellack noch nicht trocken war und deswegen jetzt mehr an ihrem Kittel klebte als auf ihrem Fingernagel. „Ernsthaft Meredith. Ich bezweifle, dass ihr wirklich so viel Pech mit Hunden habt. Er will dich emotional binden und missbraucht die armen Tiere dafür." Sie schüttelte den Kopf als sie Meredith in die Augen sah. „Wie kann man sich nur so nach einem Mann richten."

Merediths Blick fiel auf die Hände von Cristina. „Sagt ja die richtige." Sie atmete tief durch. „Außerdem habe ich die Entscheidung getroffen, ihm die Wahrheit zu sagen. Derek hat Recht. Ich bin schon lange nicht mehr glücklich und irgendwann sollte Schluss sein." Sie sah Cristina eindringlich an. „Womit ich an dem Punkt bin, dass du als Freundin versagst. Eigentlich hatte ich von dir so etwas erwartet."

„Danke für die Blumen, aber du bist auch nicht viel besser." Cristina stand von dem Bett auf und stellte sich vor Meredith. „Ich muss wieder los." Als sie sich umdrehte, rannte sie geradewegs gegen die Brust eines Mannes, weswegen sie laut aufschrie und dann Meredith einen wütenden Blick zuwarf. Sie formte mit ihren Lippen das Wort „Stalker". Bevor Finn etwas sagen konnte, war sie bereits im Treppenhaus verschwunden.

Meredith hatte Cristina zwar noch einen flehenden Blick nachgeworfen, doch da diese so schnell verschwunden war, sank die Hoffnung aus der Situation schnell heraus zu kommen. „Finn, was für eine Überraschung." Sie zwang sich zu einem Lächeln als sie von dem Bett aufstand, da sie so besser fliehen konnte.

„Ich war nur zufällig in der Nähe." Er hielt ihr ein Sandwich hin. „Und ich habe dir Essen mitgebracht."

„Essen?" Meredith lugte an Finn vorbei. Sie konnte das Treppenhaus erahnen, doch ihr Mann versperrte ihr den Weg. „Ja, ich hab aber schon gegessen. Mit Derek. Als Kollegen." Sie setzte wieder ein Lächeln auf, was aber mehr als Grimasse wirkte.

„Geht es ihm besser? Bei Liz war damals nichts mehr zu machen gewesen. Er sollte besser auf sich aufpassen." Er ging einen Schritt auf sie zu und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Pläne können sich so schnell ändern."

„Ja, das können sie." Sie fing an verlegen zu lachen während ihr Blick auf Finns Hand fiel. Als sie sich eine Ausrede überlegt hatte, wie sie von ihm loskommen würde, holte sie tief Luft. Doch ihr Pager unterbrach sie in ihrem Vorhaben. Kaum hatte sie die Nachricht gelesen, atmete sie erleichtert auf. „Ein Notruf. Ich muss sofort zu meinem Patienten." Um Finn keine Chance zu geben, noch etwas zu sagen, lief sie an ihm vorbei. Als sie die Tür zum Treppenhaus öffnete, atmete sie erneut erleichtert auf. „Danke. Ich schulde dir was, Cristina."

Im Krankenhaus

Izzie war nervös. Und mit jedem Schritt, den sie sich der Gynäkologie näherte, wurde sie noch nervöser. Sie versuchte sich selber zu suggerieren, dass sie gut aussah. Sie hatte sich die Haare gewaschen und dann ausgiebig gebürstet, bis sie seidig glänzten, bevor sie sie zu einem kunstvollen Knoten mit 10 Haarklammern hochgesteckt hatte. Wenn sie etwas nicht ertragen konnte dann war es, wenn ihr irgendetwas ins Gesicht fiel, und sei es nur eine vorwitzige Haarsträhne. Sie brauchte klare Sicht. Und nichts war nerviger, als wenn sich eine Strähne im Scharnier der Brillenbügel verfing. Situationen dieser Art hatte Izzie schon mehr als einmal erlebt, und sie waren immer peinlich geendet. Diesmal war sie besser vorbereitet. Sie hatte sogar ein leichtes Make Up aufgelegt und ihre Fuß- und Fingernägel lackiert. Wobei sie nicht sicher war, ob es wirklich erforderlich war, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Wahrscheinlich eher nicht, aber dazu war es nun auch zu spät, noch etwas an ihrem Outfit zu verändern. Zum 100sten Male überprüfte sie, ob ihr Namensschild auch wirklich noch dort saß, wo sie es vor einer halben Stunde befestigt hatte. Mein Gott, seit wann neigte sie zu Zwangshandlungen? Sie konnte sich selber nicht erklären, wieso sie so nervös war. Aber auch wenn sie es sich Tausendmal sagte, es änderte nichts daran, dass ihr das Herz bis zum Hals schlug.

Endlich hatte sie die Gynäkologie erreicht und blieb stehen. Zu ihrer größten Erleichterung sah sie, wie gerade eine Schwester aus einem Raum trat. Schnell ging Izzie auf sie zu und sprach sie an. „Entschuldigung! Ich suche Dr. Karev. Können sie mir sagen, wo ich ihn finden kann?"

Die Krankenschwester musterte Izzie kritisch. „Er untersucht gerade eins der Frühchen", gab sie nach einem kurzen Zögern Auskunft und nachdem sie auf Izzie's Namensschild gelesen hatte, dass die blonde Frau vor ihr wirklich Ärztin war. „Dort können sie jedoch nur mit einem speziellen Kittel hinein und natürlich einem Mundschutz."

Izzie nickte lächelnd. „Ich weiß schon. Es würde völlig ausreichen, wenn sie ihm sagen würden, dass ich hier bin." Sie machte eine Geste mit der Hand. „Ich bin Dr. Stevens und werde von nun an hier mit Dr. Karev zusammen auf der Station arbeiten."

Die Krankenschwester sah sie für einen Moment überrascht an, fing sich dann aber schnell wieder. „Na, dann herzlich willkommen im Seattle Grace", sagte sie lächelnd.

„Danke!" Izzie fühlte, wie ihre Anspannung allmählich wich. Wenn Dr. Karev so nett war, wie diese Krankenschwester, dann brauchte sie nichts zu fürchten. Sie sah der Schwester hinterher, wie sie wieder durch die Tür verschwand. Während sie dann auf Dr. Karev's Erscheinen wartete, versuchte sie sich ein Bild von ihm zu machen. Dr. Grey hatte ihr erzählt, dass er dunkle Haare hatte und durchtrainiert war. Außerdem war er verheiratet. Vermutlich war seine Frau auch Ärztin und sie hatten viele Kinder. Izzie war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie nicht bemerkte, wie sich die Tür wieder öffnete und jemand auf den Flur trat.

„Hallo Dr. Stevens! So sieht man sich wieder."

Sie hörte erst seine Stimme, bevor sie aufschaute, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte. „Sie?!" presste sie dann ungläubig hervor. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als ob ihr Herz 1-2 Schläge aussetzen würde, was einen leichten Schwindel verursachte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an, als ob er eine Erscheinung wäre.

Alex hatte sich eigentlich darauf vorbereitet gehabt, ihr eine ordentliche Standpauke wegen des Zuspätkommens zu halten, doch ihr Anblick hielt ihn davon ab. Sie sah aus, als ob sie gerade einen Geist gesehen hätte. Die Frau stand unter Schock – eindeutig! Mein Gott, was hatte er sich da nur aufgehalst? Er hob die Hand und wedelte vorsichtig vor ihren Augen hin und her. „Dr. Stevens?" versuchte er sie aus ihrer Lethargie zu befreien.

Izzie zwinkerte. Erst einmal, dann ein zweites Mal. Er war immer noch da. Vielleicht war er wirklich echt. Sie kam sich ein wenig albern vor, als sie den Arm nach ihm ausstreckte und mit ihren Fingerspitzen versuchte, ihn zu berühren. Erschrocken zuckte sie zusammen, als sie tatsächlich einen Widerstand spürte. „Sie leben!" stieß sie überrascht hervor.

Alex zog irritiert die Brauen nach oben. „Na, das hoffe ich doch", gab er trocken von sich. „Im übrigen befinden wir uns hier auf der Gynäkologie und nicht im Leichenkeller." Er verzog den Mund zu einem ironischen Grinsen. „Ach ja, ich bin übrigens Dr. Karev", stellte er sich vor.

Izzie zwinkerte erneut. Nein, er war immer noch da. Sie träumte das wirklich nicht. Das war Dr. Karev? Sie fühlte, wie es hinter ihren Schläfen zu pochen begann. Seit wann bekam sie Migräne, wenn sie einer Situation nicht gewachsen war? Sie hatte alles im Griff. Also keine Panik. Vor ihr stand der Mann ihrer Träume, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte. Und jetzt erfuhr sie so nebenbei, dass er ihr Kollege war und zudem auch noch verheiratet. Izzie musste dem Drang wiederstehen albern zu kichern. Die ganze Situation kam ihr unwirklich vor.

Alex sah sie mit einem misstrauischen Blick an. Sie würde doch jetzt nicht in Tränen ausbrechen, dachte er zu seinem eigenen Entsetzen. Für einen Moment glaubte er es wirklich, doch anstatt zu weinen gab sie ein Geräusch von sich, dass wohl einem Lachen ähneln sollte. Nicht, dass er den blassesten Schimmer hatte, was denn so lustig war, aber er erinnerte sich an Dr. Webber's Ermahnung, nett zu Dr. Stevens zu sein. Also lächelte er, auch wenn es ihm schwer fiel.

„Es tut mir leid, ich ..."

„Stop!" Er streckte die Hand aus und gebot ihr zu schweigen. „Vielleicht können sie diesen Satz aus ihrem Vokabular streichen? Es sei denn, es ist das einzige, was sie sagen können." Er machte eine kurze Pause, bevor er weiter sprach. „Da sie den Schock darüber, dass ich lebe, nun anscheinend verarbeitet haben können wir vielleicht zur Tagesordnung übergehen?" Er hob vielsagend die Augenbrauen.

Izzie nickte stumm. Sie hatte sich so viel zurecht gelegt, was sie sagen wollte, doch nun fühlte sie sich wie ein Fisch, dem man langsam das Wasser abgrub.

„Ich sehe ihre Zustimmung", sagte Alex mit einem leicht spöttischen Unterton. „Also werde ich sie jetzt auf der Station herumführen und sie in ihr Aufgabengebiet einweisen."

Izzie nickte erneut.

„Schön." Er lächelte gezwungen. Scheinbar beschränkte sich Izzie Stevens' Wortschatz wirklich nur auf den Satz „Es tut mir leid ..." Bevor er den Raum betrat, drehte er sich noch einmal zu ihr um. „Wenn sie Fragen haben sollten, dann ..." Er stoppte mitten im Satz und sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Dann schreiben sie es einfach auf. Und nun ..." Er händigte ihr einen Kittel, eine Kopfhaube und Mundschutz aus ..." werden sie ihre kleinen Patienten kennen lernen."

Izzie nahm die Kleidung in Empfang und folgte ihm langsam hinterher.

Im Krankenhaus

Derek rümpfte die Nase als er sich seine dritte Tasse Kamillentee einschenkte. Dank seines Hustenauftritts vorm Vortag fühlte sich seine Kehle an wie eine Käsereibe. Zumindest hatte er mit Meredith eine Leibeigene gefunden, die sämtliche Gespräche übernehmen musste oder auch unangenehme Arbeiten übernommen hatte wie Laborergebnisse abholen, auswerten und vortragen. Trotz des Kamillentees musste er lächeln, da Merediths genervter Gesichtsausdruck vor seinem inneren Auge auftauchte. Zwar hatte er so eine erfahrene Assistenzärztin abgestellt, aber ihre Qualen linderten in diesem Falle seine. Das piepen seines Pagers riss ihn unsanft aus den Gedanken heraus. Stirnrunzelnd betrachtete er sich die Nachricht, setzte sich dann aber auf den Weg. Er brauchte nicht lange, um seinen Bestimmungsort zu erreichen.

„Es gibt auch so etwas wie Büros." Eröffnete Derek das Gespräch, kaum das er das Bereitschaftszimmer betreten hatte.

„Ja, aber ich hatte dich eben gesehen und das nächste Büro war mir zu weit weg." Mark zwinkerte ihm zu.

Derek schloss hinter sich die Tür und lehnte sich dann dagegen. „Um was geht es?"

„Um was es geht?" Mark sah ungläubig zu Derek hinüber und schüttelte danach den Kopf. „Wir sind allein in einem Bereitschaftszimmer. Worum geht es wohl? Bestimmt will ich hier nicht über den Sinn des Lebens philosophieren."

„Wäre aber besser." Derek verschränkte die Arme vor der Brust und senkte dann den Blick ab.

„Nein." Mark kam auf mit gehobener Hand auf ihn zu: „Nicht schon wieder deine Drama Nummer!" Er ging vor Derek auf und ab. „Du bist wieder zu spät nach Hause gekommen, hast die Kleidung falsch zusammengelegt. Du hast wieder nur Fast Food mit nach Hause gebracht." Äffte er Dereks Stimme nach. „Ganz ehrlich, so langsam klingst du wie eine verbitterte Ehefrau." Inzwischen war Mark vor Derek zu stehen gekommen und fixierte ihn mit seinen Augen.

„Was, wenn ich das will?" Entgegnete Derek mit den Schultern zuckend.

„Eine Frau sein?" Mark hob misstrauisch die Augenbraue. „Du darfst nicht mehr mit Meredith trinken gehen. Da kommst du nur auf merkwürdige Ideen." Er beäugte Derek kurz und zuckte dann zusammen. „Nein, du willst dich doch nicht wirklich in eine Frau umwandeln lassen."

Derek verdrehte genervt die Augen. „Nein, natürlich nicht. Aber das mit der Ehe."

„Nein." Unterbrach Mark ihn sofort, indem er Derek seine Hand auf den Mund presste. „Das Wort gibt es nicht. Und ich will die Bedeutung nicht wissen."

Derek riss Marks Hand weg und funkelte ihn wütend an. „Ich rede von einer ernsthafteren Beziehung. Dazu muss man nicht gleich heiraten."

Erleichtert darüber, atmete Mark tief durch. „Für einen Moment hast du mir wirklich Angst gemacht." Er legte seine Hand auf Dereks Schulter und drückte sie dann leicht. „Ich stehe zu uns, aber alles andere geht mir zu weit."

Derek sah auf Marks Hand. Etwas kam ihm eigenartig vor, auch wenn er es nicht benennen konnte, was ihn störte. „Es ist nur." Er nahm tief Luft, ließ seinen Gedanken aber unausgesprochen.

Mark grinste ihn breit an. „Können wir jetzt zu dem übergehen, weswegen Bereitschaftsräume gebaut worden sind?"

„Um sich in der Nacht auszuruhen?" Derek sah wieder auf Marks Hand. „Mark, wir sind im Dienst."

„Das hatte dich damals auch nicht davon abgehalten, den wahren Grund von geschlossenen Räumen zu nutzen." Mark ließ seinen Arztkittel von den Schultern gleiten und warf ihn dann in die Ecke. „Was ist jetzt? Wir haben nicht ewig Zeit."

Derek verfolgte unbehaglich wie Mark anfing seine Hose zu öffnen. Bevor auch diese den Fußboden berührte, stoppte er Marks Bemühungen. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, Mark."

Frustriert stöhnte Mark auf. „Entschuldige, dass ich keine Kerzen dabei habe." Er drückte Derek gegen die Tür und hielt ihn dann an den Schultern fest. „Du wolltest doch das alles haben."

„Ich habe es mir anders vorgestellt." Erklärte Derek wahrheitsgemäß. Vorsichtig drückte er Mark von sich weg. „Können wir heute Abend darüber reden?"

„Ich habe Dienst." Mark schüttelte den Kopf. „Was ist eigentlich mit dir los? Zuerst bist du Feuer und Flamme. Konntest es gar nicht erwarten, dass wir zusammen ziehen und jetzt stößt du mich weg."

Derek atmete tief durch. „Ich bin nicht… Vergiss es. Das hier ist nicht mein Stil. Oder nicht mehr. Es sollte mehr sein als das Immerhin war das doch das Problem mit meiner Ex."

„Nein, das Problem mit ihr war, dass ihr aneinander vorbei gelebt habt." Mark runzelte die Stirn. Er ließ Derek jetzt ganz los. „Wobei es bei uns anders ist." Seufzend nahm er Dereks Hände in seine. „Wir sollten mal wieder etwas gemeinsames machen." Lächelnd beugte er sich zu Derek vor, der zurückzuckte als sein Pager los ging.

„Entschuldige." Derek betrachtete sich neugierig die Nachricht. „Ich muss los, ein Notfall. Wir reden ein anderes Mal darüber." Ohne Mark noch einmal näher anzusehen ging er aus dem Bereitschaftszimmer heraus. Als er den Aufzug erreicht hatte, lehnte er sich gegen die Wand. Nachdenklich sah er zurück zu dem Gang, in dem das Bereitschaftszimmer war. Aus irgendeinem Grund war er erleichtert angefunkt worden zu sein. Er musste diese Gedanken aus dem Kopf verbannen, dass er angeblich nicht auf Männer stehen würde. Meredith lag falsch. Er war sich fast sicher, dass sie falsch liegt, denn sein Lebensmotto lautete schon seit einiger Zeit, dass man nicht mit Frauen kann und da endete für ihn auch das Sprichwort. Das einzige was ihn stutzig machte war, dass er eher an Meredith dachte als an Mark. Vielleicht hatte er Recht. Vielleicht sollten sie mal wieder zusammen wegfahren, dann würden Merediths verrückte Ideen ihn nicht mehr länger belasten. Seufzend betrat er den Aufzug.

Am Abend – Umkleideraum

Man hätte die Luft im Umkleideraum schneiden können, so dick war sie. Izzie fühlte sich unwohl dabei, sich mit Alex in einem Raum umzuziehen. Zumal sie die einzigen waren. Alle anderen hatten bereits Feierabend. Es hatte irgendwie etwas Intimes an sich, auch wenn er das wohl anders empfang, denn er behandelte sie wie Luft. Den ganzen Tag hatte er sie spüren lassen, dass er sie eigentlich nicht an seiner Seite haben wollte. Er hatte sie herumkommandiert und kritisiert, und außer medizinrelevanten Themen hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Offensichtlicher hätte er seine Abneigung nicht zeigen können. Und Izzie fragte sich, ob er zu allen neuen Kolleginnen so frostig war oder nur zu ihr. Sie konnte sich nicht erklären, womit sie diese Behandlung verdient hatte. Außer dass sie ihm ein Glas Bowle übers Hemd gegossen hatte, war nichts weiter passiert. Sie sah, wie er seine Jacke anzog und zur Tür ging, ohne sie noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

„Dr. Karev?" Es kostete Izzie viel Mühe, ihn noch einmal anzusprechen. Aber außer ihm war niemand mehr hier. Und sie kannte sich noch zu wenig in Seattle aus, um spontan irgendwohin zu gehen.

Er drehte sich zögernd zu ihr um. „Ist noch etwas?" fragte er unwirsch.

„Ich bin erst seit ein paar Tagen in Seattle, und ich wollte sie fragen, ob sie vielleicht wissen, wo man abends noch hingehen kann", fragte Izzie fast schüchtern.

„Die meisten gehen nach Hause", antwortete er knapp.

„Ok ... danke..." Sie senkte den Kopf und begann hektisch, ihre Kleidung in den Spind zu räumen. Wieso war alles, was er von sich gab mit Spott versehen? Sie hatte ihm eine normale Frage gestellt, und er hatte gleich wieder eine bissige Antwort parat. Gefühle hin oder her – eins stand fest: Alex Karev war ungehobelt, unsensibel und absolut emotionslos. Ein richtiger Kotzbrocken, wie er im Buche stand!

Der Tag zeigte allmählich seine Wirkung. Izzie's Augen begannen zu brennen, und sie versuchte die Tränen wegzublinzeln, die sich plötzlich bildeten. Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, dass er immer noch unbeweglich im Türrahmen stand und sie beobachtete.

„Joe's", warf er unvermittelt in den Raum. „Gegenüber vom Krankenhaus gibt es eine Bar. Dort gehen die meisten nach Feierabend hin."

Izzie hob den Kopf und sah ihn an. Sie wusste nicht, was ihn dazu bewogen hatte, ihr doch noch Auskunft zu geben. Aber sie war zu müde, um weiter darüber nachzudenken. Und es störte sie auch nicht, dass er sah, dass es in ihren Augen feucht schimmerte. Sie sah, wie er kurz in ihre Richtung nickte und dann den Umkleideraum endgültig verließ. Keine Gefühlsregung hatte man seinem Gesicht entnehmen können. Aber zumindest hatte er mit ihr gesprochen. Vielleicht konnte man darauf aufbauen. Sie nahm ebenfalls ihre Tasche und verließ hinter ihm den Raum.