Kapitel 3 – Das Kapitel mit den kleineren Unstimmigkeiten

Vor dem Krankenhaus

Meredith hatte schon seit längerer Zeit das Gefühl, dass ihr jemand folgen würde. Nervös sah sie sich um, doch sie konnte nichts ungewöhnliches feststellen. Tief durchatmend versuchte sie den warmen Tag zu genießen. Als sie zu den Bänken sah, konnte sie Derek ausmachen. Lächelnd beschleunigte sie ihren Schritt, um schneller zu ihm zu gelangen. Da er sie nicht bemerkt hatte, legte sie ihre Hände über seine Augen.

„Wer bin ich?" Hauchte sie, als sie sich zu ihm hinunter beugte.

„Eine aus dem Krankenhaus." Antwortete Derek tief ausatmend.

Irritiert über diese Antwort nahm Meredith ihre Hände von seinen Augen und setzte sich danach neben ihn. „Was ist dir denn über die Leber gelaufen?"

„Nichts." Er starrte weiterhin auf den Boden. Da er Merediths Blick auf sich spürte, sah er auf seine Uhr. „Meine Pause ist gleich um."

„Danke für den Hinweis." Sie rollte mit den Augen. Für einen Moment beobachtete sie Dereks Bemühungen interessiert die kleinen Steine vor der Bank zählen zu wollen. Sie vermutete, dass er sich ständig verzählte, denn sie kam auf genau 8 Steine, 4 Ahornblätter und 10 Blätter, die sie nicht kannte. Wenn man dann noch den Kaugummi dazu zählte, müsste er ihrer Meinung nach alles relevante erfasst haben. Sich räuspernd rückte sie näher an ihn heran und legte ihr Kinn auf seine Schulter. „Egal was es ist, ich verkrafte es. Also raus mit der Sprache."

„Um ehrlich zu sein, will ich nicht mit dir darüber reden." Er zuckte mit der Schulter, so dass sie das Kinn wieder anheben musste.

Stirnrunzelnd lehnte sich Meredith zurück. Sie kannte Derek zu gut, aber so hatte er sich ihr gegenüber noch nie verhalten. „Okay, wer bist du und was hast du mit meinem Freund Derek gemacht?"

„Ich habe ihn eingesperrt und lasse ihn von deiner bösen Zwillingsschwester foltern." Noch immer weigerte er sich Meredith anzusehen, die sich irritiert abgedreht hatte. „Vielleicht kannst du ihr sagen, dass sie sich mal zurückhalten soll."

„Vielleicht kannst du mir mal sagen, was mit dir los ist oder besser gesagt, was ich dir so schlimmes angetan haben soll." Sie verschränkte die Arme auf der Brust während sie ihn verärgert ansah. Zwar wusste sie um seine Launen, aber für gewöhnlich konnten sie ihre Differenzen normal ausdiskutieren.

Derek fuhr sich mit seiner Hand durch das Gesicht. Seufzend lehnte er sich jetzt ebenfalls zurück, behielt seinen Blick aber nach vorne gerichtet. „Deine Meinung, wer oder was ich bin. Sie verwirren mich mehr als alles andere. Und dabei ist dein Leben nicht minder kompliziert als meines. Trotzdem nimmst du dir das Recht heraus, meinen Lebenswandel zu kritisieren."

Erschrocken über seine Ehrlichkeit sah Meredith ihn eine Weile mit offenem Mund an. Sie musste tief durchatmen, denn er hatte sie noch nie persönlich angegriffen. „Das muss ich mir nicht anhören." Wütend stand sie von der Bank auf. „Wenn du wieder bei Verstand bist, dann können wir gerne darüber reden oder es gleich vergessen."

„Natürlich machen wir das." Erwiderte Derek sarkastisch. Kopfschüttelnd drehte er seinen Kopf zur Seite, damit er Meredith nicht vor sich stehen sah. Erst ein Schmerz, der sich langsam von seinem Schienbein ausbreitete, veranlasste ihn, sich ihr wieder zuzuwenden. „Au, was soll das denn?"

„Was das soll? Was das soll?" Meredith warf die Hände in die Luft. Ihre Stimme überschlug sich fast vor Erregung. Sie funkelte ihn wütend an. „Ich fasse es nicht, was du mir da an den Kopf wirfst. Wenn du unsere Freundschaft beenden willst, dann kannst du das gerne auch feinfühliger machen."

„Ich will unsere Freundschaft nicht wegwerfen, sondern nur wieder da hin lenken, wo sie produktiv ist und nicht destruktiv." Er rieb sich sein noch immer schmerzendes Schienbein.

„Dann sag mir doch bitte, wann unsere Freundschaft destruktiv war." Wütend hatte sie ihre Hände vor der Brust verschränkt. Auch wenn es ihr leid tat, so fest zugetreten zu haben, ihr Mitleid hielt sich in Grenzen. Immerhin hatte er ihr einen verbalen Tiefschlag verpasst.

„Deine wirren Gedanken, dass ich nicht auf Männer stehen würde." Er war ein Stück von ihr weggerückt. Misstrauisch versuchte er abzuschätzen, ob er sich noch immer in ihrer Reichweite saß, doch er wagte es nicht, sie zu provozieren.

„Und warum soll das destruktiv sein?" Hakte Meredith nach. Misstrauisch versuchte sie abzuschätzen, ob er sich noch immer in ihrer Reichweite befand, sollte er erneut zu einem Schlag gegen ihre Freundschaft ansetzen.

„Weil ich mit Mark nicht mehr intim werden kann." Zischte er zurück. „Ständig habe ich deine Stimme im Ohr, die mir sagt, dass ich nicht auf Männer stehe."

„Was ja auch der Fall ist." Sie verdrehte jetzt genervt die Augen. „Vielleicht ist es auch nicht meine Idee, sondern deine. Nur meine Stimme klingt in deinem Ohr wohltuender."

„Also schön, dann hast du hier Recht." Derek sah von seinem Schienbein auf Merediths Füße bevor er ihr in die Augen sah. „Und ich habe Recht, wenn ich dir sage, dass deine Ehe ein Witz ist und du ihn niemals hättest heiraten dürfen."

„Du warst mein Trauzeuge, warum hast du mir das nicht an meinem Hochzeitstag gesagt? Damals hast du mich unterstützt." Sie funkelte ihn an, bevor sie auflachte. „Vielleicht sollte ich jetzt lesbisch werden, nur weil meine Ehe deinetwegen den Bach runter geht."

„Meinetwegen?" Wütend sprang Derek auf, was er aber schnell bereute als sein Schienbein ihm ein schmerzhaftes Signal zusandte. „Was soll ich denn damit zu tun haben?"

„Weil du du bist und ich mich immer frage, ob…" Sie brach ab, da sie ihr Gedanke verwirrte. „Vergiss es. Das verstehst du eh nicht." Kopfschüttelnd wandte sie sich von ihm ab. „Ich wäre dir dankbar, wenn du mich in der nächsten Zeit nicht als deine persönliche Assistentin betrachten würdest. Wir sollten uns wohl eine Zeit aus dem Weg gehen."

„Ah, da kommt es wieder. Wir meiden die Probleme." Derek schüttelte den Kopf.

„Nein, ich versuche unsere Freundschaft zu retten. Sofern das überhaupt noch möglich ist." Sie sah traurig zu ihm herüber. „Eigentlich wollte ich dir von meinem Entschluss berichten. Bislang war nie die Zeit, es dir zu sagen, aber jetzt werde ich noch einmal darüber nachdenken, wo meine Eheprobleme wirklich liegen."

Derek spürte, wie sich sein Herz verkrampfte. „Meredith."

„Nein, spar es dir." Sie winkte mit der Hand ab. „Ich brauche jetzt eher Abstand zu dir als zu Finn. Immerhin würde er mich nie so anfahren wie du es gerade gemacht hast." Für einen Moment sah sie ihm in die Augen, dann wandte sie sich ab und ging wieder ins Krankenhaus zurück.

Derek setzte sich niedergeschlagen auf die Bank. Zuerst die Probleme mit Mark und jetzt hatte er auch noch die wichtigste Person in seinem Leben verärgert. Schlechter konnte es wohl kaum laufen. Seufzend schloss er die Augen. Das laute Rascheln eines Busches ließ ihn wieder aufmerksam werden. Da kein Luftzug ging, konnte es nur bedeuten, dass Merediths Stalker das Gespräch mit angehört haben musste. Ausgerechnet jetzt hatte er Meredith verärgert. Über seine Dummheit fluchend machte auch er sich wieder auf den Weg ins Krankenhaus.

Im Krankenhaus

Kopfschüttelnd starrte Dr. Bailey auf ihren Pager, bevor sie erneut einen Funkruf absetzte. Schon das dritte Mal innerhalb von einer halben Stunde hatte sie Dr. O'Malley angefunkt, ohne dass er sich danach gemeldet hätte. Wahrscheinlich war er mal wieder mit anderen Dingen beschäftigt, dachte sie bei sich. Über die Jahre hatte sie die Gewohnheiten ihrer Schutzbefohlenen kennen gelernt. So wusste sie, dass es nur einen Ort gab, wo George sich aufhielt, wenn er NICHT auf ihren Ruf reagierte. Mit resoluten Schritten durchmaß sie den Flur und machte sich auf die Suche. Sie wurde schließlich fündig, als sie einen der Bereitschaftsräume öffnete.

„Habe ich es mir doch gedacht!" stieß sie hervor, während sie ihre Hände in die Hüften stemmte und ihn mit empörtem Blick ansah.

George setzte sich erschrocken im Bett auf, was zur Folge hatte, dass er die Bettdecke mit nach oben zog und den Blick auf zwei nackte Frauenkörper frei gab, die rechts und links neben ihm lagen. „Dr. Bailey!" presste er hervor, während er die Decke noch etwas fester um sich herum wickelte.

„Ganz recht, die bin ich." Ihre Augen hatten sich zu Schlitzen verengt, während sie mit ihrem Finger anklagend auf die beiden jungen Frauen zielte. „Ich weiß, dass wir ein Lehrkrankenhaus sind", sagte sie zu den beiden. „Das schließt aber Lehrstunden in Sexualkunde nicht ein." Sie kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Ich habe sie hier noch nie gesehen. Sind sie neu im Krankenhaus?"

Die eine schüttelte den Kopf. „Meine Schwester arbeitet hier. Sie ist Ärztin. Ich bin eigentlich nur Gast."

„Ach so, und da dachten sie, dass sie die Zeit gleich für ein kurzes Praktikum nutzen könnten?" Dr. Bailey schüttelte fassungslos den Kopf. Sie ging auf die zweite junge Frau zu und sah sie von oben herab an. „Und welche Entschuldigung haben sie für diesen Aufzug?"

„Ich arbeite im Labor. Dr. O'Malley brachte mir einige Blutproben und bat mich, sie gleich auszuwerten, und da ..."

„Ich verstehe." Dr. Bailey schnitt den letzten Rest des Satzes mit einer unwirschen Handbewegung ab. Ihr Blick hatte sich auf George geheftet. „Ich frage jetzt lieber nicht, was sie dazu bewogen hat, gleich mit zwei Frauen ..." Sie räusperte sich. „Was sie privat machen interessiert mich nicht. Aber was sie hier im Krankenhaus tun schon. Und ich kann es absolut nicht leiden, wenn man meine Funkrufe ignoriert!"

George sah sie mit einem perplexen Gesichtsausdruck an. „Sie haben mich angefunkt?"

„Tun sie nicht so scheinheilig, O'Malley! Ich kann mir schon vorstellen, dass sie lieber ihrem Vergnügen nachgehen wollten als mir zu dienen." Ihr Blick verdüsterte sich. „Aber in diesem Fall geht es gar nicht um mich. Dr. Torres hatte mich eigentlich gebeten, sie anzufunken. Sie sollen ihr bei einer OP assistieren."

„Dr. Tor... Callie?! George hatte mit einem Mal einen dicken Kloß im Hals.

George's Betthäschen sahen ihn mit gerunzelter Stirn an. „Wer ist denn Callie?" fragten beide wie aus einem Munde.

Er brauchte eine Weile, um seine Stimme wieder zu finden. Der Schock musste erst einmal verdaut werden. „Sie ist ... eine Kollegin", stotterte er. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und lächelte gequält zu Dr. Bailey hinüber.

„Sie ist ein bisschen mehr, aber lassen wir das Thema", sagte diese und grinste spöttisch.

„Okay, ihr Süßen ..." George drückte jeder seiner Bettgenossinnen einen Kuss auf die Wange. „Ihr hört ja. Die Pflicht ruft."

Widerwillig und murrend bewegten sich die beiden aus dem Bett und sammelten ihre Kleidung auf, die achtlos verstreut im Raum lag.

Dr. Bailey konnte sich das Lachen nicht mehr verkneifen, als die beiden Frauen den Raum verlassen hatten.

„Bitte erzählen sie Callie nichts von dem, was sie hier gesehen haben!" flehte er sie an.

Dr. Bailey hob lachend die Arme. „Wir sind hier im Krankenhaus und da gilt für Ärzte die Schweigepflicht." Sie grinste spöttisch. „Später Reue, was?"

Er warf ihr einen bösen Blick zu und griff dann nach seiner Hose. „Würden sie sich bitte mal umdrehen?"

„Ich bin verheiratet, O'Malley, und ich habe einen Sohn. Sie brauchen also keine Angst zu haben, dass ich ihnen etwas weggucke." Sie griff nach seinem Pager und zog dann die Stirn kraus. „Jetzt weiß ich, wieso sie auf meine Rufe nicht reagiert haben.

„Und wieso?" Er streifte sich eilig die Hose über und zog sich dann sein OP Hemd über den Kopf.

Sie hielt ihm den Pager schmunzelnd entgegen. „Keine Batterien mehr." Sie drückte ihm den Pager in die Hand und grinste. „Ich hoffe, dass sie wenigstens daran gedacht haben, ein Kondom zu benutzen. Sie wissen doch, Fehler macht man immer zweimal." Mit diesen Worten klopfte sie ihm leicht auf die Schulter und verließ dann den Raum.

George sah ihr für einen Moment verwirrt hinterher, bevor er dann seinen Kittel anzog und ihr folgte.

In der Umkleidekabine

Meredith hatte sich gegen ihren Spind gelehnt und blätterte in ihrem Terminplaner. Als sie die gewünschte Woche endlich gefunden hatte, seufzte sie frustriert auf. Sie war sich sicher, dass dort stehen musste, es sei nicht ihr Tag. Zumindest war auf ihrer Checkliste alles abgehakt. Langweiliger Morgen mit Finn. Klar. Von Angehörigen angeschrieen. Klar. Patienten verloren. Klar. Von Angehörigen angeschrieen zum Zweiten. Klar. Freundschaft mit Derek zu Ende. Klar. Da aber die Seite in ihrem Planer nur eine leere Seite aufwies, warf sie ihn scheppernd in ihren Spind. Cristina, die sie schon einige Minuten beobachtet hatte, wagte es schließlich sie anzusprechen.

„Muss ich dich abfüllen oder redest du auch so?" Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich würde dich viel lieber abfüllen, dann bist du lustiger drauf."

„Du hast mir gerade noch gefehlt." Schnaubte Meredith auf. Sie warf ihrer Freundin einen wütenden Blick zu und hoffte, dass Cristina sich einschüchtern ließ.

„Wer?" Grinsend lehnte sich Cristina gegen ihren Spind und sah Meredith erwartungsfroh an. Weil sie keine weitere Reaktion erhielt, lehnte sie sich vorsichtig zu Meredith hinüber. „Dann zählen wir mal die Kandidaten auf. Wärst du auf mich sauer, dann würde ich schon längst mit roten Ohren in der Ecke liegen. Bailey war den ganzen Tag im OP. Natürlich hätten wir deinen Göttergatten, aber der regt dich weder auf, geschweige denn das er dich erregt." Sie wich einem fliegenden Stethoskop aus, welches aus Merediths Richtung kam. „Bleibt noch dein Boss und Freund Derek. Habe ich den Jackpot geknackt?"

„Du hast dir gleich rote Ohren und einen roten Hintern eingefangen." Zischte Meredith, die ihr Stethoskop aus dem Wäschekorb fischte.

„Wow." Cristina sah Meredith mit großen Augen an. „Ernsthaft? Du und Derek? Ihr hattet Streit?" Sie tastete sich zur Bank und setzte sich mit einem lauten poltern hin. „Wie ist das denn passiert?"

„Er macht mich dafür verantwortlich, dass er bei Mark nicht mehr landen kann." Berichtete Meredith, die ihr Stethoskop auf dessen Unversehrtheit überprüfte.

„Igitt. Zu viele Informationen." Grinsend stütze sie ihre Ellenbogen auf den Knien ab. „Auch wenn ich die Auswirkungen deiner Einmischung nicht im Detail hören will. Aber er hat Recht."

Meredith ließ die Hände nach unten fallen, was sie nach dem unsanften aufkommen ihres Stethoskop leise verfluchte. „Du bist auf seiner Seite?" Sie sah mit einem verdatterten Gesichtsausdruck zu Cristina. „Du bist meine Person und hast auf meiner Seite zu stehen."

„Würde ich ja gerne, aber wo der Mann Recht hat, hat er Recht. Wenn du deine unsägliche Hochzeit abgesagt hättest, nachdem du die Nacht mit Derek verbracht hattest, dann hätte er sich nicht auf diese… wie hieß sie noch mal? Die jetzt diese Boston Public hat." Cristina runzelte die Stirn als sie sich krampfhaft an den Namen erinnern wollte.

„Boston Public ist glaube ich eine Serie. Ihre Praxis heißt anders." Korrigierte Meredith sie gewissenhaft.

„Spielt ja auch keine Rolle." Cristina zuckte mit den Schultern. „Wichtig ist, dass er danach nur noch in Beziehungsfettnäpfchen getreten ist und dann diesen glorreichen Entschluss gefasst hat, mit Frauen ganz abzuschließen." Sie deutete mit ihrem Zeigefinger auf Merediths Brust. „Und an dem Abend hast du es zum Zweiten Mal verbockt. Wäre er neben dir aufgewacht statt neben Mark, dann währt ihr beide glücklich."

„Und ich geschieden." Stellte Meredith fest. Sie hatte sich wieder gegen den Spind gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt.

„Hast du das nicht ohnehin vor?" Cristina warf ihr einen fragenden Blick zu. „Oh nein, du überlegst es dir doch nicht schon wieder? Da sind Millionen Hinweise, dass du und Finn nicht zusammen passt. Allein dein Junggesellinnen Abschied und meine Entdeckung an deinem Hochzeitstag." Sie zwinkerte Meredith zu, die daraufhin die Augen verdrehte.

„Also schön. Zum ich weiß nicht mehr wievielten Mal. Derek und ich haben nicht miteinander geschlafen." Meredith versuchte jedes einzelne Wort so deutlich wie möglich auszusprechen, denn sie beschlich das Gefühl, dass Cristina ab der Hälfte des Satzes nicht mehr so viel mitbekam.

„Natürlich nicht. Deswegen bin ich ja auch nur über deine Unterwäsche gestolpert, als ich dich wecken wollte. Und seine Präsenz schien mir auch mehr nach Adamskostüm auszusehen als nach sonst etwas." Cristina schnaubte auf. Sie wusste was sie gesehen hatte und sie erinnerte sich noch genau wie Derek auf ihrer kleinen Party überraschend aufgetaucht war.

„Ich habe nie bestritten, dass wir nackt im Bett waren." Bevor Cristina triumphierend einschreiten konnte, hatte sie die Hand gehoben. „Du bist Ärztin. Derek und ich waren voll bis unter das Dach. Ich kann mich weder daran erinnern, dass wir zusammen in das Zimmer gegangen sind, noch was in der Nacht passiert ist. Aber in unserem Zustand war es absolut unmöglich, dass wir Sex haben konnten."

„Du kannst es aber nicht beweisen, dass ihr enthaltsam wart." Fügte Cristina grinsend an. „Ach komm schon. Als ich ins Zimmer kam, da wart ihr so eng umschlungen, dass ich noch nicht einmal etwas von ihm sehen konnte."

„Cristina." Meredith atmete tief durch. „Es ist medizinisch nicht möglich, dass Derek auch nur ansatzweise in der Lage gewesen wäre mit mir zu schlafen." Sie rieb sich nachdenklich ihre Schläfe. „Das erste an das ich mich richtig erinnere ist, dass ich von der Toilette weggestoßen wurde, weil er sich übergeben musste. Mein ganzer Tag war ruiniert und ich konnte nur Dank Medikamente aufrecht gehen."

„Ich kann mich erinnern, dass Derek dich anschupsen musste, damit du am Altar „ja" sagst." Cristina fing an zu lachen. „Entschuldige." Sie versuchte ihr Lachen krampfhaft zu unterdrücken, nachdem Meredith sie verärgert anstarrte. „Also schön. Es ist nichts passiert. Derek ist ein Idiot und wir geben uns heute Abend bei Joe die Kante."

„Das ist meine Freundin." Meredith setzte ein halbes Lächeln auf. „Können wir das Thema bis heute Abend ruhen lassen?"

„Egal was es ist. Er wird sich einkriegen und vermutlich geht es ihm derzeit noch schlechter als dir." Cristina klopfte Meredith auf die Schulter, dann verließ sie die Umkleidekabine wieder.

Meredith schloss kurz die Augen. Eigentlich wollte sie nicht, dass es Derek schlechter ging als ihr. Dennoch taten seine Worte noch immer weh und sie wollte nicht klein bei geben. Seufzend wechselte sie die Batterien ihres Pagers aus. Zumindest hatte er sie anders eingeteilt und sie musste heute nicht mehr mit ihm arbeiten. Als sie zur Tür der Umkleidekabine ging, hörte sie ein Poltern. Erschrocken drehte sie sich um, doch sie konnte niemanden erkennen. Ihr Blick fiel zum Fenster, was offen stand. Kopfschüttelnd öffnete sie die Tür und ging wieder an die Arbeit.

Haus der Karevs

Alex öffnete die Tür zum Haus und ging gleich weiter ins Wohnzimmer. „Hey!" Er beugte sich zu seiner Frau herab, die auf dem Sofa saß und interessiert einen Katalog durchblätterte, und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Hey!" Susanna Karev schaute nicht einmal auf, sondern blätterte weiter eifrig in einem Katalog. „Wie war dein Tag?" fragte sie eher gelangweilt.

„Gut, danke, und wie war deine Woche?" Alex ließ sich in den Sessel plumpsen und griff nach der Fernbedienung des Fernsehers.

„Auch gut." Sie sah nun doch kurz in seine Richtung. „Dein Essen steht in der Mikrowelle", sagte sie und wies zur angrenzenden Küche hinüber.

„Danke." Er zappte wild durch die Programme. „Hast du schon gegessen?" fragte er, ohne sie anzusehen.

„Ja, im Flugzeug." Sie nahm einen Kugelschreiber und machte einen Vermerk auf einem Foto, dass eine junge Frau im Bikini zeigte.

„Wie war Brasilien?" Alex fischte nach einer Tüte Chips, die auf dem Tisch lag.

„Ziemlich erfolgreich. Es stimmt, was man sagt. Die schönsten Models gibt es in Brasilien."

„Ach ja?" Alex schob sich einen Kartoffelchip in den Mund und begann zu kauen.

„Mr. Murphy hat bereits den nächsten Flug gebucht. Übermorgen geht es nach Mexiko." Sie klappte den Katalog zu und gähnte. „Ich bin müde. Ich denke, ich werde ins Bett gehen."

„Okay." Er nickte und wechselte erneut das Programm.

„Ach Alex, sag der Haushälterin, dass sie mit der Katze zum Tierarzt muss. Ich kann mich leider nicht darum kümmern. Und dann muss auch die Wäsche zur Reinigung." Sie zog die Stirn in Falten. „Was ist mit deinem blauen Hemd passiert? Sieht aus wie nach einem blutigen Gemetzel. Hast du im Hemd operiert?"

Das erste Mal hob Alex den Kopf und sah seine Frau bewusst an. „Ein Unfall", erwiderte er knapp. Für einen Moment überlegte er, ob er mehr Details preisgeben sollte, aber er hielt sich zurück. Wahrscheinlich würde es Susanna sowieso nicht interessieren. Und die Zeiten, wo sie sich gegenseitig Dinge anvertraut hatten waren schon lange vorbei. Im Grunde genommen hatte alles damit angefangen, dass Susanna vor fünf Jahren beschlossen hatte, ihre eigene Modelagentur zu gründen. Seitdem war das ehemalige Model nur noch geschäftlich unterwegs, und sie und Alex lebten sich immer weiter auseinander. Sie hatten sich damit abgefunden, denn eine Scheidung kam für beide nicht in Frage. Dabei war es offensichtlich, dass sie außer dem Haus, einer Katze und gelegentlichem Sex nichts mehr miteinander teilten. Jeder lebte mittlerweile sein eigenes Leben. Es hatte einen Zeitpunkt gegeben, wo er noch gehofft hatte, dass ein Kind Susanna dazu bringen würde, sesshafter zu werden. Doch ihr war die Karriere immer wichtiger gewesen. Und nun war der Zug abgefahren – von der medizinischen Seite her. Dabei war Alex selber in einer großen Familie aufgewachsen und hatte sich nichts mehr gewünscht als Kinder. Vielleicht war er deshalb in die Pädiatrie gegangen. So konnte er zumindest beruflich Kinder um sich herum haben.

„Du kannst mir ein anderes Mal davon erzählen." Sie hielt sich demonstrativ die Hand vor den Mund und gähnte.

„Wir haben immer noch niemanden gefunden, der die Dachbodenwohnung mieten will", wechselte er das Thema, während er begann, sich das Hemd aufzuknöpfen.

„Willst du über die Wohnung reden oder Sex haben?" Sie sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen und einem misstrauischen Blick an.

„Sex, aber ich meine mich erinnern zu können, dass du sagtest, dass du müde wärst", erwiderte er lässig.

Erleichterung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. „Wenn ich wieder von meiner Reise zurück bin, okay? Ich verspreche es."

Er nickte. „Okay." Er schaltete den Fernseher aus und stand auf. „Dann werde ich einfach einen Aushang im Krankenhaus machen. Die Zeitungsanzeige war nicht sehr erfolgreich."

„Ist gut." Sie strich sich ihre dunkelblonden Haare nach hinten. „Mach bitte das Licht aus, wenn du das Wohnzimmer verlässt, ja?"

Alex nickte. „Ich werde kurz einen Happen essen und dann auch kommen."

Sie machte eine lapidare Handbewegung. „Keine Eile. Ich schlafe dann sowieso schon." Sie ging einen Schritt auf ihn zu und hauchte ihm noch einen flüchtigen Kuss auf die Wange, bevor sie sich umdrehte und das Wohnzimmer verließ.

Seufzend versenkte Alex seine Hände in den Hosentaschen und trottete dann hinüber in die Küche, um die Mikrowelle in Betrieb zu nehmen.

Im Krankenhaus

Nachdem er das Krankenhaus dreimal abgesucht hatte, musste ein neuer Plan her. Sie hatte in einmal Planer genannt. Ein schöner Kosename wie er fand. Leider hatte Meredith dieses Kosewort nie von Liz übernommen. Jetzt konnte er es wieder unter Beweis stellen, dass er sich mit Plänen auskannte. Zielstrebig suchte er die Schwesternstation auf. Am Tresen konnte er die junge Ärztin ausmachen, die Meredith immer eingeteilt hatte.

„Guten Tag, sie sind doch Dr. Bailey?" Finn setzte sein Ballkönig Lächeln auf als er sich neben die Ärztin stellte.

Bailey sah ihn misstrauisch an. Natürlich hatte sie sein Gesicht schon mehr als einmal im Krankenhaus gesehen. Sie mochte es nicht, wenn ihre Schützlinge ein Treffen im Bereitschaftsraum nach dem nächsten hatten statt zu arbeiten. Räuspernd deutete sie auf ihr Namensschild. „Laut dem hier bin ich es wohl. Was kann ich für sie machen?"

„Ich bin auf der Suche nach meiner Frau. Dr. Meredith Grey." Verkündete er mit einem strahlenden Gesichtsausdruck.

„Das kann ich mir denken, Mr. Grey."

„Dandridge." Korrigierte Finn sie sofort. „Sie wollte den Namen beibehalten. Mein Plan hatte zwar etwas anderes vorgesehen, aber Meredith ist stur geblieben."

„Sehr interessant." Sie sah kurz auf ihre Uhr. „Hören sie, ich weiß nicht wo ihre Frau abgeblieben ist, nachdem sie nicht wie erwartet im OP ist." Wieder räusperte sie sich. „Wo sie schon einmal hier sind."

„Reiner Zufall." Unterbrach Finn sie erneut und nickte dabei beiläufig mit dem Kopf.

„Was auch immer." Bailey atmete frustriert auf. „Ich möchte nicht, dass sie meine Assistenzärztin ständig von der Arbeit abhalten. Wenn sie mich entschuldigen würden." Bevor er sie noch weiter aufhalten konnte, hatte sie sich ihre Unterlagen geschnappt und war damit Richtung Aufzüge verschwunden.

„Eine nette Frau." Murmelte Finn vergnügt, wenn auch nicht ganz zufrieden, da er immer noch nicht wusste, wo sich Meredith aufhielt. Er kratzte sich nachdenklich am Kopf, dann fiel ihm ein Ort ein, wo sie sich seiner Zählung nach immer gerne aufhielt. Auf seinem Weg in den Keller des Krankenhauses grüßte er lächelnd die umherschwirrenden Krankenschwestern, die ihn wiederum merkwürdig ansahen.

Sein Gesicht hellte merklich auf, als er auf einem der Betten im Keller eine Person sitzen sah. Auch wenn es sich nicht um Meredith handelte, so war er trotzdem zufrieden mit seinem Fund.

„Cristina, gut dich zu treffen." Strahlend stellte er sich vor die Asiatin, die ihn mit großen Augen ansah.

„Oh Gott." Cristina presste sich gegen die Wand während sie in ihrer Kitteltasche nach ihrem Handy kramte.

„Ich bin auf der Suche nach Meredith." Erklärte er, leicht verwundert da Cristina die Augen noch weiter aufriss.

„Moment. Soll das heißen, dass du nicht weißt wo sie ist? Wie konnte das denn passieren?" Eigentlich glaube Cristina nicht an Wunder, doch in diesem Falle konnte sie keine andere Beschreibung finden. Nur mühsam konnte sie den Drang unterdrücken, in die Bibliothek zu laufen, um Meredith von diesem Wunder zu erzählen.

„Ich musste zur Toilette." Finn runzelte für einen Moment die Stirn bevor er sich schüttelte. „Spielt auch keine Rolle. Hast du sie gesehen oder weißt wo sie ist?"

„Ich bin nicht ihre Sekretärin." Sie zuckte mit den Schultern. „Sie ist Chirurgin. Der OP ist somit ein heißer Tipp."

„Da ist sie nicht." Verkündete Finn sofort.

„Dann viel Glück bei der Suche. Wenn du mich entschuldigen würdest. Ich muss mich auf meine nächste OP noch vorbereiten." Sie sprang vom Bett auf und drückte Finn zur Seite, um zum Treppenhaus zu gelangen.

„Kein Wunder, dass Meredith sie als Freundin hat." Finn sah in die Richtung, in die Cristina verschwunden war. Er setzte sich auf das Bett, um einen neuen Plan zu verfassen. Den Blick immer noch auf das Treppenhaus gerichtet, fing er an zu Lächeln. Er schlug sich mit der flachen Hand leicht gegen den Kopf als ihm einfiel, wo sie sich aufhalten konnte. Mit einem strahlenden Lächeln hüpfte er vom Bett. Er brauchte nicht lange, bis er die Galerie erreicht hatte. Trotz der kritischen Blicke betrat er sie, um die Reihen nach Meredith abzusuchen.

„Was suchst du denn hier?" Derek hatte Finn an der Schulter gepackt. Noch bevor dieser sich zu ihm herum gedreht hatte, schüttelte Derek den Kopf. „Die Antwort kann ich mir zum Teil selber geben. Und trotzdem. Was machst du hier?"

„Ich suche nach Meredith." Finn drehte sich wieder von Derek weg, um weiter nach Meredith Ausschau zu halten.

„Schon klar, dass du dir nicht die Perücke annähen lassen willst." Murmelte Derek kopfschüttelnd. Als Finn sich fragend zu ihm umdrehte, zuckte er mit den Schultern. „Ihr OP Plan hat sich geändert. Deswegen weiß ich jetzt nicht wo sie ist." Er grinste Finn breit an.

„Du bist doch ihr Boss. Solltest du nicht wissen, wo sie ist?" Hakte Finn nach.

„Schon." Bestätigte Derek, der dabei aus einem bestimmten Grund ausließ, dass er Meredith in die Bibliothek hat gehen sehen, da sie sich auf eine Operation vorbereiten musste. „Aber ich kann nicht jeden Schritt meiner Mitarbeiter verfolgen, da ich auch noch arbeiten muss. Wie geht es eigentlich den Tieren? Leben sie noch?"

Irritiert sah Finn von Derek in den OP Saal hinunter und dann wieder zu Derek. „Ich muss erst später wieder zu einer Ponygeburt."

„Dann grüß mir das Fohlen." Derek wies zur Tür. „Hier sollen Mitarbeiter sich weiter bilden und nicht Ehemänner ihre Frauen suchen."

„Heute Morgen warst du nicht so selbstsicher." Finn beäugte Derek misstrauisch bevor er wieder aus der Galerie herausging. Unzufrieden mit dem Ergebnis machte er sich auf den Weg in die Lobby. Zwar würde er dort Meredith wohl nicht antreffen, aber zumindest konnte er dort einen neuen Plan schmieden.