5. Kapitel – Das Kapitel mit den unschlüssigen Ärzten
Parkplatz
Meredith stöhnte frustriert auf. Dank Finn's Nachfragen war sie erneut zu spät dran und ihre Tasche hatte sich während eines scharfen Bremsmanövers unter dem Beifahrersitz verfangen. Verzweifelt zog sie daran, doch sie wollte sich nicht lösen. Ihr kam es vor, dass sich alles gegen sie verschworen hatte. Inklusive ihrer Tasche, die vermutlich auch auf Dereks Seite stand. Allein der Gedanke an Derek ließ sie zusammensacken. Gerade jetzt könnte sie ihn gut gebrauchen, doch seit ihrem Streit, der inzwischen 2 Wochen her war, redeten sie kaum noch miteinander. Und wenn sie nicht beeilte, würde er noch einen Grund mehr haben, sauer zu sein. Deswegen zog sie mit aller Kraft an ihrer Tasche, die sich endlich löste und ihr fast ins Gesicht prallte. Erleichtert atmete Meredith tief durch und öffnete ihre Autotür, die scheppernd gegen ein anderes Blech knallte. Erschrocken sah Meredith zur Seite und riss dann die Augen weit auf.
„Ich fasse es nicht." Derek kam aus seinem Wagen gesprungen und lief zu seiner Beifahrertür. „Du scheinst mich sehr zu hassen. Ich habe den Wagen erst gestern Abend von der Werkstatt abgeholt."
Meredith stieg mit zitternden Beinen aus ihrem Wagen aus und betrachtete sich den neuerlichen Schaden. „Ich… oh Gott."
„Auch wenn du wütend bist. Ich finde, dass du zu weit gehst." Ohne Meredith näher zu beachten, beugte sich Derek hinunter und strich über die Beule, die deutlich zu sehen war. „Und komm mir nicht, dass es nur ein Auto ist."
„Ich, nein." Sie lehnte sich gegen ihr Auto und atmete tief durch. Nur mit Mühe hielt sie die Tränen zurück, die bereits in ihren Augen brannten.
„Was ist eigentlich mit dir los? Seit einer Woche kommst du regelmäßig zu spät. Und jetzt das?" Kopfschüttelnd wies Derek mit seiner Hand auf den Schaden. „Du darfst ruhig etwas sagen." Er drehte sich zu ihr um. Als er ihren apathischen Gesichtsausdruck sah, stellte er sich wieder hin und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Meredith, was ist denn?"
„Es tut mir Leid. Ich wollte das nicht." Noch immer waren Merediths Augen auf die Beule gerichtet. „Ich hab nicht aufgepasst."
„Das ist doch nicht alles." Stellte Derek fest. Ihr zittern war kaum zu übersehen, weswegen er sich Vorwürfe machte, sie so angefahren zu haben. Denn am Ende war es dann doch nur ein Auto.
„Was?" Sie riss die Augen von Dereks Wagen und sah ihn dann an. Eine einzelne Träne lief über ihre Wange. Irgendwie war die Beule ein Sinnbild ihres Lebens. Vor allem seit sie sich entschlossen hatte, einen Anwalt wegen der Scheidung aufzusuchen.
„Meredith, was ist los mit dir?" In Dereks Stimme konnte man deutlich seine Sorge heraus hören. Er legte seinen Arm um Merediths Schulter und zog sie näher an sich heran. Kaum hatte sie Körperkontakt hergestellt, spürte er wie Meredith anfing zu weinen. „Es tut mir leid. Ich hätte nicht so laut werden dürfen." Als Antwort legte Meredith ihre Arme um seinen Körper und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Es hatte aus ihrer Sicht etwas Gutes, mit dem Leiter einer Abteilung eng befreundet zu sein, denn so fiel die Strafe für das zu spät kommen, nicht ganz so hoch aus. Vor allem dann, wenn der Leiter und Freund mit einem auf dem Parkplatz stand, weil man sich ausweinen wollte. Als Meredith die letzten Tränen in Dereks Jacke geweint hatte, wischte sie sich umständlich mit dem Hand rücken über die Wange bevor sie sich sanft von ihm abdrückte.
„Hab ich mich jetzt wieder in die Liste für die Auszeichnung Freund des Jahres eingetragen?" Derek strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dabei zwinkerte er ihr mit einem Lächeln auf den Lippen zu, so dass auch Meredith ihre Mundwinkel nach oben zog.
„Du stehst aber noch ganz unten." Brachte sie es mit einer tränenerstickter Stimme hervor.
„Macht nichts, ich arbeite mich gerne nach oben." Seufzend betrachtete er sich ihr Gesicht. „Also was war das? Ich bezweifle, dass du wegen einer Beule zusammenbrichst."
Meredith biss sich auf die Unterlippe als ihr Blick auf ihre Schuhe fiel. „Es war eine harte Woche."
Derek wartete kurz darauf, ob Meredith spezifischer wurde, da sie aber konsequent ihre Schuhwahl für den Tag zu überdenken schien. Legte er ihr seinen Zeigefinger unter das Kinn, um ihren Kopf anzuheben. „Meredith, was ist los? Ich war vielleicht in den letzten Wochen ein schlechter Freund, aber ich sehe doch, dass es nicht nur eine harte Woche ist, die dich so fertig macht."
Sie sah wieder zu ihm hoch. „Ich habe mich mit einem Anwalt getroffen. Wegen einer Scheidung."
„Oh." Derek zog sie wieder näher zu sich heran, so dass sie ihren Kopf auf seiner Schulter ablegen konnte. „Und wie hat Finn reagiert?"
„Er ahnt es nur. Ich habe ihm noch nichts gesagt." Mit einem Gefühl der Sicherheit, schloss sie die Augen und lehnte sich noch mehr gegen Dereks Körper.
„Wenn du soweit bist und es ihm sagst, dann sag mir Bescheid. Ich bin für dich da." Er strich ihr sanft über die Haare, während er sich gleichzeitig wegen dem albernen Streit selber treten wollte.
„Ich hab dich vermisst, Derek." Murmelte Meredith in seine Schulter. Sie hob ihren Kopf an und verzog dann ihre Lippen zu einem schiefen Lächeln. „Mit dem Auto. Es tut mir wirklich leid."
„Vergiss das Auto. Ich hab mich viel zu nahe an dein Auto gestellt." Er drückte sie leicht, bevor er zu lachen begann. „Du bist einfach zu anziehend für mich." Seufzend sah er zum Krankenhaus. „Wir müssen so langsam mal rein." Als er Merediths nicken spürte, sah er noch einmal zu der Beule. Vielleicht würde seine Werkstatt ihm einen Rabatt geben. Es spielte aber auch keine Rolle, denn für ihn war es wichtiger, dass er endlich seine Freundin wieder hatte.
Im Krankenhaus - Chief Webber's Büro
Es war nie ein gutes Zeichen, wenn der Chef einen zu einem persönlichen Gespräch unter „vier Augen" ins Büro bat. Und Gespräche dieser Art waren Alex auch nicht fremd. Doch diesmal hatte er absolut keine Ahnung, was es so dringendes zu besprechen gab. Die Abteilung lief gut, die Arbeit ging locker von der Hand, und nach den üblichen Anfangsschwierigkeiten waren er und Izzie Stevens zu einem richtigen Team geworden. Der Chief hatte damals nicht übertrieben, als er gesagt hatte, dass Izzie eine der besten am Washington Hospital gewesen wäre. Sie hatte eine spezielle Art auf Kinder zuzugehen, die Alex manchmal erstaunte, und sie war Perfektionistin im OP. Seit dem missglückten Abend in der Bar vor zwei Wochen, hatte er sie nur noch ein einziges Mal dort angetroffen und ihr dann bei der Gelegenheit auch gleich das „Du" angeboten, was sie nur zögernd angenommen hatte. Alles lief bestens, hätte nicht besser laufen können. Was wollte der Chief also von ihm? Alex hatte keine Ahnung.
„Setzen sie sich, Dr. Karev!" Chief Webber sah ihn mit ernster Miene an, während er auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch wies. „Sie können sich sicher denken, wieso ich sie zu mir gebeten habe?" kam er gleich zur Sache.
Alex schüttelte den Kopf.
Dr. Webber runzelte die Stirn. „Nicht? Nun, ich dachte, wir hätten Gespräche dieser Art schon öfter geführt, so dass es keine große Überraschung mehr für sie sein würde."
Alex spürte leichte Nervosität aufkommen. „Hat es etwas mit Dr. Stevens zu tun?" fragte er zögernd.
Dr. Webber nickte. „Sie kam gestern zu mir und bat mich um ihre Versetzung."
Ein eigenartig taubes Gefühl machte sich in Alex' Magen breit. „Versetzung ...wohin?" fragte er verwirrt.
„In ein anderes Krankenhaus", gab Dr. Webber Auskunft. „Sie hat mir zwar versichert, dass es nichts mit ihnen zu tun hätte, aber wir wissen ja beide, dass das so nicht stimmen kann." Er sah Alex mit finsterer Miene an. „Ich kann es nicht fassen, dass sie es mal wieder geschafft haben, eine Kollegin zu vergraulen!"
Alex starrte wie betäubt ins Leere. Er verstand überhaupt nichts mehr. Wieso wollte sie gehen? Was hatte er ihr getan? Und wieso war sie nicht zu ihm gekommen und hatte die Sache mit ihm geklärt? Wieso ging sie zum Chief und bat um Versetzung?
„Dr. Karev?" Dr. Webber sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Alles in Ordnung?"
Alex nickte mechanisch. „Wann ..." Er räusperte sich, weil sich sein Hals mit einem Mal rau anfühlte. „Wie lange wird sie noch bleiben?"
„Sie will noch diesen Monat bleiben, bis wir einen Nachfolger gefunden haben." Dr. Webber sah Alex mit einem kritischen Blick an. „Und dann hoffe ich, dass dieser Kollege oder Kollegin etwas länger bleibt als nur einen Monat!"
Alex ignorierte Dr. Webber's Einwand. In seinem Kopf herrschte mit einem Mal ein totales Chaos. Er verstand es nicht. Sie verstanden sich gut, ergänzten sich in allem perfekt. Und er hatte den Eindruck, dass sie in den Wochen, die sie nun zusammen auf Station arbeiteten, viel offener und lockerer geworden war. Ja, es machte richtig Spaß mit ihr zu arbeiten, musste er sich eingestehen. Er wollte nicht, dass sie ging! Er musste versuchen, die verbleibende Zeit zu nutzen, sie zum Bleiben zu überreden. Seine eigenen Gedanken und Gefühle verwirrten ihn. Und wieder drängte sich ihm die Frage auf, wieso er sich so dafür interessierte, was Izzie Stevens tat.
„Haben sie mich verstanden, Dr. Karev?" Dr. Webber sah ihn streng an, nachdem er seinen Satz zum dritten Mal wiederholt und der junge Arzt immer noch nicht darauf reagiert hatte.
„Wie?" Alex hob verwirrt den Kopf. „Was haben sie gesagt?"
„Ich sagte, dass ich fertig wäre und sie nun wieder zurück auf die Station können", wiederholte er den Satz erneut.
„Oh ... gut." Alex verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln und stand eilig auf. „Danke, Dr. Webber!"
„Danke?" Richard Webber sah ihm irritiert hinterher, als er das Büro verließ. Er hatte keine Ahnung, wofür sich Dr. Karev bedankte. Aber er hatte sowieso den Eindruck gehabt, als ob er während der meisten Zeit gedanklich abwesend gewesen war. Seufzend griff er zum Telefon und begann zu wählen.
Im Krankenhaus
Cristina eilte zum Aufzug. Sie wollte noch rechtzeitig in die Cafeteria kommen, um den großen Hot Dog Wettbewerb mitmachen zu können. Immerhin galt es, einen Titel zu verteidigen. Tief durchatmend ging sie ihre Taktik noch einmal durch. Lediglich der Anblick einer zerzausten Krankenschwester, die aus einem der Bereitschaftszimmer kam, ließ sie aufblicken. Sie wollte eigentlich nicht stehen bleiben, doch als sich die Tür erneut öffnete, klappte ihr Unterkiefer nach unten. Irritiert ging sie weiter, denn die Titelverteidigung hatte einfach Vorrang. Außerdem muss es einfach nur Zufall gewesen, dass aus dem Zimmer ausgerechnet Mark gekommen war.
Als sie am Aufzug angekommen war, drückte sie gedankenverloren den Knopf. Sie sah noch einmal in den Gang zurück und schüttelte dann den Kopf. Mit einem letzten Blick auf den Aufzug, drehte sie sich um und lief Mark nach, der inzwischen an der Schwesternstation angekommen war.
„Mark, wir müssen reden." Stieß sie keuchend hervor und zog gleichzeitig an seinem Kittel, so dass er ihr folgen musste.
„Was soll das?" Mark löste sich mit einem Ruck, doch Cristinas resoluter Blick machte ihm schnell klar, dass er besser nicht widersprechen sollte. Nickend ging er hinter ihr her bis sie das Bereitschaftszimmer erreicht hatten, aus welchem er gerade erst herausgekommen ist. Verwundert blickte er zu Cristina, die mit dem Zeigefinger in den Raum deutete.
„Frag nicht, geh einfach rein." Sie stemmte jetzt beide Fäuste in die Seite und folgte anschließend Mark hinein.
„Würdest du mir bitte erklären, was das soll?" Fragte Mark erneut, nachdem Cristina die Tür hinter sich geschlossen hatte.
„Das würde ich von dir gerne wissen." Ihr Blick fiel auf das Bett, welches deutliche Spuren einer Benutzung aufzeigte.
Mark folgte ihrem Blick. Stirnrunzelnd wandte er sich wieder Cristina zu. „Ich verstehe immer noch nicht. Was geht dich das an?"
„Oh, ich weiß nicht. Vielleicht weil ich Meredith sagen sollte, die nicht mit Derek redet, dass sie mit ihm reden sollte, weil sein Freund plötzlich untreu wird?" Sie zuckte mit den Schultern nachdem sie die Arme vor der Brust verschränkt hatte. „Also was soll das?"
Noch immer irritiert sah Mark sich im Zimmer um. Kopfschüttelnd setzte er sich auf die Bettkante. „Ich komme immer noch nicht mit, was das mit dir zu tun hat. Es geht dich nämlich rein gar nichts an, was ich mache. Zumal du Gespenster siehst."
„Gespenster mit Sex Haaren? Interessant." Cristina hob amüsiert die Augenbraue, da Mark leicht zusammenzuckte. „Erwischt. Du bist zu schnell aus dem Zimmer gekommen. Nur ein paar Sekunden später und ich wäre weg gewesen."
„Also schön, erwischt." Er stand wieder auf und ging zu Cristina hinüber, die ein triumphierendes Grinsen aufgesetzt hatte. „Kein Wort zu niemandem."
„Meredith wird mich umbringen, wenn sie erfährt, dass ich etwas wusste." Sie schüttelte verneinend den Kopf. „Der einzige Grund warum ich dich anspreche ist der, dass du das ganze selber beichtest."
„Bist du verrückt?" Mark schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Wozu denn dieses ganze Theater, wenn ich ihm das beichte? Ich habe doch nur mitgemacht, damit er nicht schon wieder eine enttäuschende Beziehung hatte."
„Was bescheuert war." Stellte sie aufschnaubend fest.
„Wir waren betrunken und am nächsten Morgen hatte mein angeschwollener Kopf nur wenig Denkleistung." Mark ließ sich wieder auf den Bettrand fallen. „Cristina, kein Wort. Weder zu Meredith, noch zu Derek. Erst recht nicht zu Derek. Ich versuche es so zu beenden, dass er nicht gleich wieder die nächste Schnapsidee bekommt."
„Wann?" Cristina lehnte sich gegen die Tür und sah Mark eindringlich an.
„Setzt du mir ein Ultimatum?" Er strich sich mit der Hand über das Gesicht. „Ich muss das ganze einfädeln. Da kann ich dir kein Datum nennen. Aber ich werde es beenden."
„Also schön." Tief durchatmend drückte sie sich von der Tür ab. „Aber wenn ich keine Fortschritte sehe, dann werde ich Meredith informieren."
„Einverstanden." Er stand wieder auf und stellte sich vor Cristina hin. „War es das jetzt?"
„Fast." Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Von allen weiblichen Mitarbeiterinnen suchst du dir die Pflanze aus?"
„Pflanze?" Mark runzelte fragend die Stirn.
„Keine Ahnung wie sie heißt. Gift-Efeu oder irgendeine Topfblume." Sie zuckte erneut mit der Schulter. „Ich weiß nur, dass sie peinlich genau Tagebuch führt, wann sie mit wem im OP stand."
„Sie heißt Lotus… glaube ich." Er kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Ernsthaft? Sie schreibt alles in ein Tagebuch auf. Ich sollte wählerischer sein."
„Du solltest es stoppen bis du mit Derek Schluss gemacht hast." Sie hob mahnend die Hand und schüttelte danach erneut den Kopf. „Es war nicht Lotus."
„Was auch immer. Es war eh nichts besonderes." Schulterzuckend ging er zur Tür. Mit der Hand am Türgriff, drehte er sich noch einmal zu ihr herum. „Du sagst nichts?" Als er ihr kopfschütteln sah, nickte er leicht mit dem Kopf, dann ging er aus dem Bereitschaftszimmer heraus.
Cristina setzte sich, nachdem Mark das Zimmer verlassen hatte, auf den Bettrand. Nachdenklich betrachtete sie sich die zerrumpelten Laken. Sie atmete einmal tief durch, bevor sie dann wieder aufstand. In ihrem Kopf hörte sie die mahnende Stimme, die sie vor einem Fehler bewahren wollte, doch sie wusste nicht, ob sie darauf hören wollte.
Im Krankenhaus
Izzie sah ihn die Treppe herunterkommen, als sie das Krankenhaus betrat und dabei war, zu den Aufzügen zu gehen. Sie beschleunigte ihren Schritt noch ein wenig, in der Hoffnung, den wartenden Aufzug noch vor ihm zu erwischen. Doch ihre Hoffnung wurde schnell zerstört, als er sich noch in letzter Sekunde durch die sich schon schließende Tür quetschte.
Er kam gleich zur Sache, ohne lange drum herum zu reden. „Wieso?" stieß er hervor.
Izzie fühlte sich, wie die Maus in der Falle. Sie wusste sofort worauf er anspielte. Anscheinend hatte ihm Dr. Webber gerade mitgeteilt, dass sie das SGH zum Ende des Monats verlassen wollte. Er wusste nur nicht den Grund. Und den würde er auch nie erfahren. „Wovon redest du?" Sie stellte sich absichtlich naiv.
„Wieso muss ich vom Chief erfahren, dass du anscheinend wegen unüberwindlicher Abneigung nicht mit mir zusammen arbeiten kannst?" presste er hervor.
Sie sah ihn für einen Moment überrascht an. Hatte Dr. Webber das wirklich zu ihm gesagt? Das Gegenteil war wohl eher der Fall. „Ich ..." Sie befeuchtete ihre trockenen Lippen, ohne darüber nachzudenken, was das vielleicht bei ihm auslösen könnte. „Ich habe meine Gründe." Ihre Knie begannen leicht zu zittern, als er noch einen Schritt vorwärts machte. Izzie wich weiter zurück bis sie die Wand in ihrem Rücken spürte. Es war keine gute Idee gewesen in den Aufzug zu flüchten. Hier war sie ihm hilflos ausgeliefert.
„Du hast Gründe mich zu hassen? Wieso? Was habe ich getan?" Seine braunen Augen bettelten förmlich um eine Antwort.
Das Gespräch lief in eine völlig falsche Richtung. Izzie sah ihn verzweifelt an. „Ich hasse dich nicht. Ich ..." Sie stoppte. Sie konnte ihm nicht sagen, was sie wirklich fühlte. Er war verheiratet, hatte Verpflichtungen. Sie würde niemals seine Ehe zerstören.
Er beugte sich weiter zu ihr und sah ihr tief in die Augen, während er sich mit einer Hand an der Wand neben ihrem Kopf abstützte. „Ich höre."
Seine Nähe trieb ihren Puls in die Höhe. Sie begann, schneller zu atmen. „Ich ... habe erkannt, dass es nicht das ist, was ich will." Falscher Ansatz. Sie schloss kurz die Augen, weil sie wusste, was als nächste Frage kommen würde. Und die Frage kam.
„Sag mir, was du willst."
Sein Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von dem ihren entfernt. Sie konnte seinen Atem spüren, der leicht über ihre Lippen strich. Sie musste all ihre Kraft zusammen nehmen, ihre Arme nicht um seinen Hals zu schlingen. Seine Lippen kamen näher. Izzie schloss die Augen, um sie gleich darauf wieder erschrocken aufzureißen, als der Aufzug mit einem Ruck stehen blieb. Sie fühlte Bedauern, als er sich von der Wand abstieß und einen Schritt zurücktrat. Die Türen glitten auseinander und zwei Krankenschwestern betraten den Aufzug. Izzie rückte bis in die hinterste Ecke und starrte an Alex vorbei zu der Anzeige hinüber. Sie spürte seinen Blick, wagte es aber nicht, ihn zu erwidern. Ihr Herz schlug immer noch unregelmäßig, und ihre Beine fühlten sich wie Wackelpudding an. Der Aufzug hielt erneut, und Izzie drängte sich an Alex vorbei. Sie wartete nicht ab, ob er ihr folgte. Sie steuerte auf die Toilettenräume zu und warf die Tür hinter sich zu. Hier war sie sicher vor ihm. Vorläufig zumindest, bis sie sich wieder gefangen hatte.
Alex hatte den Aufzug ebenfalls verlassen und starrte in die Richtung, in die sie verschwunden war. Sein Körper und seine Gefühle fuhren immer noch Achterbahn. Als er ihr vorhin so nahe gewesen war hatte er mit einem Mal den irrationalen Wunsch verspürt, sie zu berühren, seine Finger in ihrem seidig weichen Haar zu versenken, seine Lippen über ihre Haut gleiten zu lassen, sie zu riechen, zu schmecken ... Stop! Er schüttelte den Kopf. Sex! Das war es. Er brauchte Sex. Schon seit Wochen hatten er und Susanna nicht mehr miteinander geschlafen. Es war völlig normal, dass er auf Izzie Stevens' weibliche Reize reagierte. George O'Malley konnte überall und mit jeder Frau Sex haben, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Wieso sollte er sich also Gedanken über einen völlig natürlichen und menschlichen Vorgang machen? Er war auch nur ein Mann mit gewissen Bedürfnissen, die schon lange nicht mehr erfüllt worden waren. Und er würde dafür sorgen, dass sich sein Hormonspiegel wieder einpendelte. Mit diesem beruhigenden Gedanken ging er weiter den Flur entlang.
Parkplatz
Meredith ging seufzend in die Hocke. Sie fuhr mit der Hand über die Beule, die man deutlich an Dereks Wagen sehen konnte. Den ganzen Tag über hatte sie die beiden gegensätzlichen Gefühle verspürt. Einerseits die Freude, wieder mit Derek zu reden und dann dieses Gefühl, sich weinend in eine Ecke verkriechen zu wollen, weil sie wieder nach Hause fahren musste, was sich schon lange nicht mehr wie eines an fühlte. Sie sah auf, als sich jemand neben sie kniete.
„Sag mir jetzt nicht, dass du das warst." Cristina grinste sie hämisch an. „Champ."
„Ich war es, aber dieses Mal war es keine Absicht." Seufzend richtete sich Meredith wieder auf. „Zumindest reden wir wieder."
„Kein Wunder. Ich nehme mal an, dass er dir den Preis mitgeteilt hat." Cristina musste sich ein Lachen unterdrücken.
„Großartig." Meredith ließ sich gegen ihr eigenes Auto fallen. „Ich habe ihm noch nicht einmal gesagt, dass ich für den Schaden aufkommen will."
„Wartest du auf ihn?" Cristina sah zum Krankenhaus hinüber und dann wieder zu ihrer Freundin. In ihr wurde die Stimme wieder lauter, das Geheimnis preis zu geben.
„Nein. Er und Mark haben etwas miteinander vor und er wartet deswegen auf ihn." Meredith betrachtete sich wieder die Beule. „Ich komme mir vor wie diese Beule. Alles läuft schief."
Cristina schluckte hart als sie betreten auf den Boden sah. „Was meinst du damit?"
„Finn, Derek." Meredith stoppte ihren Gedanken. „Eigentlich sollte ich mir nur Gedanken um Finn machen. Er ist immerhin mein Ehemann." Sie sah auf ihre Hand, an der noch immer der Ehering fehlte. „Ich habe einen Anwalt eingeschaltet."
„Du hast was?" Cristina sah wieder auf und schnappte nach Luft. „Und warum weiß ich davon nichts?"
„Es war spontan." Meredith zuckte traurig mit den Schultern. „Zuerst war es eine Erleichterung. Immerhin bin ich schon lange nicht mehr glücklich. Aber dann war es auch wieder nicht so toll, denn eigentlich wäre es mir lieber, wenn die Ehe funktionieren würde."
Seufzend stellte sich Cristina neben Meredith. „Liebst du Finn überhaupt noch?"
Meredith sah starr zu Boden, dann zuckte sie erneut die Schultern. „Nein, ich denke nicht."
„Dann hast du zwar eine gescheiterte Ehe, aber auch die Chance auf eine glücklichere Beziehung." Cristina räusperte sich, so dass Meredith sich zu ihr umdrehte. „Freunde haben auch Geheimnisse?"
„Ob Freunde was?" Meredith sah irritiert zu ihrer Freundin hinüber. „Ich weiß nicht. Denke schon. Es gibt immer etwas, was man nicht sofort sagen will. Oder wenn es etwas betrifft, was den anderen nichts angeht."
Cristina nickte ihr seufzend zu. „Da ist etwas dran."
„Ich brauche wohl gar nicht erst zu fragen, da du anscheinend etwas vor mir verbergen willst." Meredith sah mit einem grinsen zu Cristina hinüber, die daraufhin die Augen verdrehte. „Schon in Ordnung. Du wirst deine Gründe haben."
„Sofern ich etwas zu verbergen hätte, dann hätte ich sehr wohl meine Gründe." Cristinas Blick fiel wieder auf die Beule. „Du solltest besser aufpassen. Auf Derek."
„Du meinst wohl eher den Wagen." Meredith lachte auf.
„Ja, auf den auch." Murmelte Cristina leise. Da sie einen fragenden Blick spürte, räusperte sie sich erneut. „Wann wirst du mit Finn reden?"
„Am liebsten hätte ich schon gestern mit ihm geredet." Meredith kramte aus ihrer Tasche den Autoschlüssel heraus. „Ich werde wohl bald eine Couch zum Schlafen brauchen."
„Kein Problem. Ich suche dir schon mal ein weiches Kissen heraus." Cristina rang sich ein Lächeln ab. „Wenn du reden willst, dann kannst du jederzeit anrufen."
„Danke. Und wenn du mir dein Geheimnis anvertrauen willst, dann bin ich jetzt schon neugierig darauf, was es ist." Mit einem schiefen Grinsen öffnete sie die Tür.
„Du weißt, dass ich Geheimnisse bewahren kann." Cristina sah von Meredith zur Beule und dann wieder zu Meredith. „Egal was ist, wir sind Freunde."
„Natürlich sind wir das." Meredith runzelte verwirrt die Stirn. Da Cristina ihr nur zunickte bevor sie ging, ließ sie ihren Blick auf die Beule fallen. Es war nicht wichtig, Neurochirurgin zu sein. Ihr war klar, dass das Geheimnis, was Cristina zu haben schien, mit Derek zu tun hatte. Doch es gab wichtigere Gespräche, die sie zu führen hatte. Derek musste bis morgen warten. Seufzend stieg sie in ihr Auto ein, denn ihr war klar, dass sie diesen Weg nicht mehr all zu oft benutzen würde.
Im Hause der Karev's
Alex hob ruckartig den Kopf und rollte dann mit einer geschmeidigen Bewegung vom Oberkörper seiner Frau und setzte sich auf. „Shit!" fluchte er leise vor sich hin, während er nach der Bettdecke griff.
„Was?" Susanna lag auf dem Rücken, die Beine leicht angezogen und sah ihn verwirrt an.
„Ich ... kann nicht ...", presste Alex zwischen den Zähnen hervor.
„Was meinst du damit‚ du kannst nicht?" fragte sie irritiert.
Er fuhr sich seufzend durchs Haar. „Wie ich es sage ... ich kann nicht."
Susanna setzte sich auf und runzelte die Stirn. „Willst du darüber reden?"
Er drehte sich für einen Moment zu ihr und sah sie verstört an. Sie redeten doch sonst nicht. Wieso wollte sie es gerade in dem Moment, wo er sich als Versager fühlte? Er schüttelte den Kopf. „Nein ... nein, eigentlich nicht." Er presste die Lippen zusammen und beugte sich dann vor, um nach der Packung Zigaretten zu greifen, die auf dem Nachttisch lag.
Susanna's Stirn kräuselte sich noch mehr. „Du hast vor einem Jahr mit dem Rauchen aufgehört", sagte sie verwundert. „Außerdem liegst du mir seit Monaten in den Ohren, dass ich endlich damit aufhören soll, weil es meiner Gesundheit schadet." Sie legte den Kopf schief und sah ihn prüfend an. „Was soll das jetzt also?"
Mit leicht zitternden Händen entflammte er die Zigarette und nahm einen kräftigen Zug. Die Zigarette schmeckte furchtbar. Eine Verwünschung ausstoßend drückte er die angefangene Zigarette im Aschenbecher aus.
Seufzend erhob sich Susanna aus dem Bett und zog sich ihren Morgenmantel über. „Du willst anscheinend nicht darüber reden – fein. Aber dann hast du bestimmt nichts dagegen, wenn ich kurz im Bad verschwinde?" Sie sah ihn fragend an und ging dann hinüber ins Bad, als er den Kopf schüttelte.
Obwohl Alex wusste, wieso Susanna ins Bad gegangen war, zuckte er doch zusammen, als er ein leises, schnurrendes Motorengeräusch hörte. Aufstöhnend ließ er sich zurück aufs Bett fallen und starrte gegen die Decke. Bisher hatte sie ihren Vibrator nur benutzt, wenn sie auf Reisen war. Es demoralisierte ihn aufs Tiefste, dass sie ihn jetzt sogar zuhause benutzen musste, weil er es nicht mehr brachte. Eine frustrierende Erkenntnis. Denn obwohl sie sich menschlich gesehen immer weiter voneinander entfernt hatten, war Sex zwischen ihnen nie ein Problem gewesen. Wieso also gerade jetzt? Komm schon, Alex, meldete sich seine innere Stimme. Du weißt es. Leugne es nicht! Er schob die Bettdecke zurück und stand auf, als er hörte, wie das Motorengeräusch im Badezimmer verebbte. Er war in dem Moment wirklich dankbar, dass Susanna keine von den Frauen war, die während des Orgasmuses laut aufschrie. Das hätte ihm wahrscheinlich den letzten Rest seines Selbstbewusstseins genommen. Zumal er wusste, dass sie ihm den Höhepunkt oft nur vorgespielt hatte. Er griff nach seinen Sachen und zog sich an.
Erstaunt sah ihn Susanna an, als sie aus dem Bad kam. „Wo willst du hin? Es ist bereits nach Mitternacht!"
„Ich kann sowieso nicht schlafen. Ich werde noch zu Joe fahren und mir ein Bier genehmigen." Er griff nach seiner Jacke und den Autoschlüsseln.
„Von mir aus." Sie gähnte. „Aber sei bitte leise, wenn du wiederkommst."
Alex nickte. Er zögerte einen Moment, bevor er Susanna einen Kuss auf die Wange gab. „Tut mir leid!" sagte er und verzog dabei das Gesicht.
Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist schon in Ordnung. Wahrscheinlich haben wir beide derzeit zuviel Stress."
Er nickte erneut. Ja, das war es. Es lag alles nur am Stress. Welcher Stress? „Es kann spät werden." Er rang sich noch ein schiefes Lächeln ab und rannte dann die Treppe hinunter.
