Kapitel 6 - Das Kapitel der verwirrten Gefühle

George's Apartment

Seufzend drehte sich George in seinem Bett auf die andere Seite und griff nach dem Wecker, der auf dem Nachttisch stand. Es war wie verhext. Die halbe Nacht hatte er wach gelegen und war nun wieder zur selben Zeit wach, wo er sonst aufstehen musste. Nur heute war sein freier Tag, und er hätte den ganzen Tag liegen bleiben können, wenn er gewollt hätte. Er stellte den Wecker wieder zurück und wollte sich gerade wieder einkuscheln, als es an der Tür klopfte. Überrascht setzte er sich auf. Wer konnte etwas von ihm wollen zu dieser Uhrzeit? Er sprang aus dem Bett und zog sich seinen Bademantel über, bevor er die Tür öffnete, um zu sehen, wer ihn besuchen kam. Kaum hatte er die Tür geöffnet schlangen sich auch schon kleine, schmale Kinderarme um seine Beine.

„Daddy!"

„Benji?!" George schaute einen Moment verblüfft zu seinem Sohn herab, bevor er sich zu ihm beugte und ihn hochhob. „Hey Buddy, was machst du denn hier? Ich dachte, du wärst bei Oma und Opa in Mexiko."

„Er wollte nach Hause." Callie stand am oberen Treppenabsatz und kam nun langsam näher. „Er hatte Heimweh. Wir sind jetzt direkt vom Flughafen mit dem Taxi hierher gefahren", erklärte sie. "Stören wir?"

George schüttelte den Kopf. Er drückte Benji noch ein letztes Mal an sich und stellte ihn dann zurück auf die Füße. "Kommt herein!" Er öffnete die Tür weiter, damit Callie und Benji eintreten konnten. "Ich bin nicht auf Besuch vorbereitet", sagte er mit einem entschuldigenden Blick auf den chaotischen Zustand des Apartments.

"Wir wollen nicht lange bleiben", erklärte Callie. "Er wollte dich nur sehen. Während des ganzen Fluges hat er mich damit gelöchert." Sie rollte mit den Augen.

„Schau, Daddy, ein Flugzeug!" Benji zeigte stolz auf den kleinen Spielzeugflieger in seiner Hand.

„Ein Geschenk der Stewardess, damit er endlich Ruhe gibt", sagte Callie schmunzelnd.

"Setzen wir uns doch." George wies zum Sofa hinüber.

Während Benji mit seinem Spielzeugflugzeug Loopings durch George's Apartment flog, setzten sich George und Callie gemeinsam aufs Sofa. Eine Weile saßen sie nur schweigend da, während jeder seinen eigenen Gedanken nachging.

„Du hattest Recht", brach Callie schließlich das Schweigen.

„Womit denn?" George runzelte fragend die Stirn.

Callie wies zu ihrem spielenden Sohn hinüber. „Er wollte lieber in den Zoo – mit dir. Wir waren mit ihm im Zoo, aber das war wohl nicht dasselbe." Sie hob den Kopf und zog die Stirn dann in Falten, als sie George's leicht spöttischen Gesichtsausdruck sah. „Schau mich nicht so selbstgefällig an! Ich weiß schon, dass ich einen Fehler gemacht habe."

„Wer schaut hier selbstgefällig?" fragte er mit einem übertriebenen verschmitzten Grinsen.

Callie musste unwillkürlich lachen. „Benji sieht genauso an, wenn er etwas ausgefressen hat und so tut, als ob nichts gewesen wäre." Sie wurde plötzlich wieder ernst. „Er wird dir von Tag zu Tag ähnlicher. Wenn ich ihn ansehe, dann denke ich manchmal ..." Sie stoppte mitten im Satz. Die Erinnerung an alte Zeiten brach alte Wunden auf. Fünf Jahre war es her, dass sie sich unsterblich in den jungen, aufstrebenden Chirurgen verliebt hatte. Doch leider entpuppte sich der Prinz schnell als Frosch. Nur wenige Wochen, nachdem sie zusammen gekommen waren, hatte sie ihn mit einer anderen im Bett erwischt. Sie hatte die Konsequenzen gezogen und sich von ihm getrennt. Der Schock war zuerst groß gewesen, als sie dann festgestellt hatte, dass sie schwanger war. Für einen Moment hatte sie sogar den Gedanken an Abtreibung gehabt, doch zu ihrer größten Überraschung war George dann derjenige gewesen, der mit allen Mitteln versucht hatte, sie von diesem Vorhaben abzubringen. Er war voller Euphorie darüber gewesen, Vater zu werden. Und daran hatte sich bis heute nichts geändert. Einen liebevolleren, fürsorglicheren Vater als George hätte man sich nicht vorstellen können. Er hatte sie während der Schwangerschaft unterstützt und war auch bei der Geburt dabei gewesen. All diese Erinnerungen kamen gerade jetzt wieder hoch, wo er sie mit diesem verschmitzten Grinsen ansah, in das sie sich einst verliebt hatte.

Das Grinsen gefror schließlich auf George's Lippen, als er Callie's traurigen Blick sah. Er erinnerte sich plötzlich, wie alles angefangen hatte. War es wirklich schon 5 Jahre her, dass er Callie damals in Joe's Bar angesprochen und sie auf einen Drink eingeladen hatte? Er war fasziniert gewesen von ihrer rassigen Schönheit, ihrem selbstbewussten Auftreten. Sie war anders als die andere Frauen gewesen, die er mit nach Hause genommen hatte. Aus dem ONS hatte sich schnell mehr entwickelt. Sie trafen sich über Wochen regelmässig – in Bereitschafts- und Wäscheräumen und schließlich auch in George's Apartment. Es dauerte nicht sehr lange, bis er merkte, dass sie mehr wollte – viel mehr. Es war damals ein Schock für ihn gewesen, als sie ihm ihre Liebe offen gestanden hatte. Die Panik trieb ihn wieder in die Arme anderer Frauen, und er wurde prompt erwischt. Noch heute fragte er sich manchmal, ob das Schicksal gewollt hatte, dass sich ihre Wege nicht ganz trennten. Auf jeden Fall war die Mitteilung, dass Callie schwanger war ein Grund für ihn gewesen, sein Leben neu zu überdenken. Er wollte dieses Baby und hatte darum gekämpft, anfangs sogar gegen Callie, die für eine Abtreibung gewesen war. Sie hatten ein Besuchsrecht ausgehandelt, damit Benji trotz räumlicher Trennung seiner Eltern, beide Elternteile hatte. Eine gute Lösung, mit der alle gut leben konnten.

George riss sich gewaltsam von seinen Gedanken los und sah zu Callie hinüber. „Soll ich dich und Benji nach Hause bringen?" bot er sich an.

Sie warf ihm einen überraschten Blick zu. „Musst du nicht arbeiten?"

„Nein, ich habe heute meinen freien Tag." Er sah hinüber zu seinem Sohn. „Er hat mir gefehlt", sagte er leise.

„Ich weiß." Sie schluckte den Kloß herunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. „Würde es dir etwas ausmachen, uns zu fahren?"

„Ich hätte es nicht angeboten, wenn es mir etwas ausmachen würde." Er lächelte. „Aber ich hätte noch einen anderen Vorschlag zu machen."

„Und der wäre?" Callie sah ihn neugierig an.

„Ich habe heute meinen freien Tag, und du musst auch nicht arbeiten." Er räusperte sich. „Wie wäre es, wenn wir alle gemeinsam in den Zoo gehen würden?"

Kaum hatte er das Wort „Zoo" ausgesprochen, rannte Benji auf ihn zu und hüpfte mit einem Satz auf seinen Schoß. „Zoo?" Er sah ihn mit großen Augen an. „Papa, Mama, Benji in Zoo gehen!" verlangte er.

Callie strich ihm zärtlich über den Kopf und lächelte. „Natürlich gehen wir." Sie hob den Kopf und ihr Blick kreuzte sich mit George's. Ein warmes Gefühl, dass sie nicht näher beschreiben konnte, durchflutete sie.

„Dann musst du mich aufstehen lassen, damit ich mich fertig machen kann", sagte George lachend.

„Komm her, Benji!" Callie hob ihren Sohn von George's Schoß. „Du kannst noch etwas spielen, bis Daddy fertig ist." Ihr Blick suchte wieder seinen. „Ich glaube, damit machst du ihn zum glücklichsten Kind auf dieser Erde."

George nickte und erhob sich. „Ich denke, das beruht wohl auf Gegenseitigkeit." Er zwinkerte Callie noch einmal zu und ging dann hinüber ins angrenzende Bad, um sich zu waschen und anzuziehen.

Merediths und Finns Haus

Meredith schlich die Treppe hinunter. Sie konnte die Haustür schon sehen, woraufhin sie sich ein Lächeln erlaubte. Doch bevor sie unten angekommen war, spürte sie die Präsenz von Finn. Geschlagen schloss sie die Augen und wartete auf dessen neuerlichen Anfall.

„Du willst dich also rausschleichen." Stellte Finn mit kalter Stimme fest.

„Ich muss zur Arbeit." Meredith atmete tief durch bevor sie ihren Blick zu ihrem Mann wandte. „Wenn du mich entschuldigen würdest."

„Nein, das werde ich nicht." Bellte Finn erbost. „Du offenbarst mir, dass du dich scheiden lassen willst und ich stimme deiner Einschätzung nicht zu."

„Was gibt es da einzuschätzen?" Verwundert blieb Meredith auf der letzten Treppenstufe stehen. Sie hatte sich den Schritt, die Scheidung einzureichen nicht leicht getan und ihrer Meinung nach auch lange um die Ehe gekämpft. Oder mehr darum, dass für Finn zu empfinden, was man in einer Beziehung für seinen Partner empfinden sollte.

„Ich denke, dass du einfach nur deinen Ärztefreunden nachredest." Finn stellte sich jetzt vor Meredith und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du weißt gar nicht was du willst."

„Wirklich?" Fassungslos schüttelte sie den Kopf. „Lass mich vorbei, ich muss zur Arbeit."

„Nein, wir reden jetzt." Er streckte den Arm raus, um Meredith den Weg zu versperren. „Ich will Antworten."

Meredith versuchte Finns Arm wegzudrücken, doch er war zu stark für sie, weswegen sie ihre Kraft lieber schonen wollte. „Also schön. Was willst du wissen? Warum ich die Scheidung will? Ganz einfach. Ich bin nicht glücklich." Sie sah ihn auffordernd an. „Seit wann bin ich nicht glücklich? Viel zu lange."

„Unsinn. Deine Ärztefreunde haben dir das nur eingeredet. Ich kenne dich besser als die. Du glaubst nur, unglücklich zu sein." Er straffte die Schultern während er einen Schritt auf Meredith zuging. „Vermutlich war es dein geschätzter Freund, der dir diesen Unsinn vorgebetet hat."

„Lass Derek da raus. Oder besser. Lass meine Freunde aus dem Spiel." Sie hob warnend den Zeigefinger. „Ich sage dir, was mich stört. Dein Kontrollwahn. Du hast mich emotional abhängig machen wollen. Damit ist Schluss." Meredith versuchte erneut an Finn vorbei zu gehen, doch dieses Mal hielt er sie am Arm fest. „Lass mich los."

„Siehst du denn nicht, dass ich mich nur um dich sorge?" Er lockerte den Griff um ihren leicht, drückte sie gleichzeitig aber gegen die Wand. „Ich liebe dich."

„Das bezweifle ich auch nicht." Gestand Meredith offen. „Aber ich empfinde nicht das gleiche für dich." Sie drückte mit aller Kraft gegen seine Brust. „Und jetzt lass mich los, Finn."

„Du verstehst es nicht. Ich liebe dich." Er beugte sich zu ihr hinunter, doch Meredith schaffte es dadurch, sich von ihm zu lösen. „Meredith." Finn sah sie mit traurigen Augen an.

Seufzend legte Meredith ihre Hand auf seinen Arm. „Es tut mir Leid, Finn. Aber unsere Ehe ist vorbei. Ich will die Scheidung und es gibt für mich keinen Weg zurück."

„Und was ist mit Dogsix? Er ist krank und du willst ihn verlassen? Du willst mich in dieser schwierigen Zeit verlassen? So wie Liz es getan hat?" Finn nahm Merediths Hand in seine und drückte sie leicht. „Du bist besser als das. Ich werde mich ändern und dir ein besserer Ehemann sein."

„Es ist zu spät." Flüsterte Meredith, die inzwischen eine Träne im Auge hatte. „Ich wünschte, dass unsere Ehe noch zu retten wäre, aber es ist einfach zu spät."

„Nein, ist es nicht." Finn drückte sie erneut gegen die Wand. „Gib mir noch eine Gelegenheit, dir zu beweisen, wie sehr ich dich liebe."

„Finn, lass das bitte." Sie wandte ihren Kopf ab, da sie Finn nicht länger ansehen wollte, da sie ihm ihre Tränen nicht zeigen wollte. „Ich muss zur Arbeit." Wiederholte sie mit leiser Stimme.

„Zu deinem Derek, nicht wahr?" Er schnaubte verächtlich auf. „Alles nur wegen ihm."

„Ich habe dir eben schon gesagt, dass du Derek aus dem Spiel lassen sollst." Sie hatte sich wieder Finn zugewandt und funkelte ihn verärgert an.

„Er interessiert sich nicht für dich." Lachte Finn höhnisch auf, da er ganz genau wusste, wie er Meredith einen Stich versetzen konnte.

„Und ich mich nicht mehr länger für dich." Konterte Meredith mit einem schiefen Grinsen, dass breiter wurde als Finns Lachen verstummte. „Ich werde heute Abend ein paar Sachen zusammenpacken. Cristina hat mir angeboten, dass ich bei ihr übernachten kann." Seufzend ging sie zur Tür. „Finn, es ist vorbei."

Traurig schloss Meredith die Tür hinter sich. Sie hatte vorher gehofft, dass sich irgendwann ein Gefühl der Erleichterung einstellen würde, wenn sie erst einmal mit Finn gesprochen hatte. Aber derzeit konnte sie nur eine Leere empfinden, die sie nicht zu füllen wusste.

Im Krankenhaus - Gynäkologische Abteilung

Izzie steckte ihren Pager zurück in die Tasche und rannte so schnell sie konnte den Flur entlang, bis sie das Zimmer ihrer Patientin erreicht hatte. Sie holte noch einmal tief Luft, bevor sie das Krankenzimmer von Tess Foster betrat. Die junge Schwangere war vor einer Woche in der 27. SSW mit Blutungen eingeliefert worden. Damals hatte man die Blutung noch stoppen können, doch in der letzten Nacht hatte sie ganz plötzlich über Schmerzen geklagt. Izzie vermutete nichts Gutes, als sie das Zimmer betrat.

„Sie hat Wehen, die sich nicht mehr stoppen lassen", erklärte Alex, der gerade dabei war, eine Infusion zu legen. „Wir müssen das Baby jetzt holen." Er ging um das Bett herum und warf Izzie einen vielsagenden Blick zu. „Kannst du sie vorbereiten? Ich sage Bescheid, dass wir einen OP brauchen."

Izzie nickte mechanisch. Als Alex verschwunden war beugte sie sich zu der jungen Schwangeren herab, die leise weinend ihre Hände wie beschützend über dem Bauch gefaltet hatte. „Wir können nicht länger warten", sagte sie mitfühlend. „Ihr Baby hat entschieden, dass es jetzt kommen will."

„Es ... ist zu früh ...", schluchzte Tess Foster.

Izzie nickte. „Aber die Medizin ist heute viel weiter als früher. Ab der 24. SSW haben die Frühchen eine gute Chance, zu überleben. Wir erzielen hier sehr gute Erfolge mit dem Känguruhen. Aber das erklären wir ihnen später, wenn ihr Baby auf der Welt ist. Versuchen sie sich jetzt zu entspannen." Izzie zog eine Spritze auf und verabreichte sie der jungen Frau. „Wir fahren jetzt in den OP", erklärte sie, während sie die Seiten des Bettes hochklappte. „Sie werden eine leichte Narkose bekommen, und wir werden das Baby dann per Kaiserschnitt auf die Welt holen. Eine normale Geburt in diesem Stadium wäre zu gefährlich." Sie fühlte, wie die junge Mutter nach ihrer Hand griff und sah, wie sie schmerzerfüllt das Gesicht verzog. „Sollen wir jemanden benachrichtigen?" fragte sie, während sie den Händedruck erwiederte.

Tess Foster schüttelte den Kopf, nachdem die Wehe vorbei war. „Mein Freund hat mich verlassen, als er von der Schwangerschaft erfuhr ..." Sie brach ab und begann wieder zu weinen. „Ich bin alleine. Meine Eltern wollen auch nichts mehr mit mir zu tun haben."

Es brach Izzie fast das Herz, die junge Frau so unglücklich und verzweifelt zu sehen. „Es wird alles gut", versprach sie ihr, während sie das Bett mit ihrer Patientin auf den Flur schob.

„Werden sie dabei sein ... ich meine bei der OP?" Tess Foster sah Izzie ängstlich an.

Izzie nickte. "Ja, ich werde mit operieren."

"Das ist gut." Die junge Frau lächelte müde.

Izzie schob sie in den OP und übergab sie dann dem Anästhesisten, bevor sie sich mit dem Umziehen beeilte.

Im Krankenhaus

Mark schnürte sich verärgert seine OP Hose wieder zu. Mit einem vorwurfsvollen Blick sah er zu Derek hinüber, der seinen Pager an die Hose klemmte und schuldbewusst zu Boden starrte.

„Wird das noch mal was mit dir oder bist du schon im Alter für die blaue Wunderpille?" Fragte Mark mit einem sarkastischen Unterton in seiner Stimme. Er ballte die Faust und schlug damit wütend auf einen kleinen Tisch. „Verdammt, was ist denn mit dir los? Und sag jetzt nicht Meredith."

„Ich weiß es nicht, Mark." Kopfschüttelnd blickte Derek auf. „Es wäre aber hilfreich, wenn du nicht ständig so einen Druck auf mich ausüben würdest."

„Jetzt bin ich Schuld?" Mark schnappte fassungslos nach Luft. Er fing an in dem kleinen Bereitschaftszimmer auf und ab zu laufen. „Im Gegensatz zu dir kann ich es noch."

„Ja, ich weiß und es wäre hilfreich, es mir nicht ständig unter die Nase zu reiben." Zischte Derek, was er aber sofort bereute und laut aufseufzte. „Entschuldige, ich bin nur irgendwie in letzter Zeit neben der Rolle."

„Ist mir gar nicht aufgefallen. Irgendwie hatte ich mir das Zusammenleben ein klein wenig anders vorgestellt." Mit den Augen rollend, lehnte sich Mark gegen die Wand. Er hatte Derek da, wo er ihn haben wollte, seit er rund um die Uhr Cristinas nervende Stimme im Ohr hatte.

„Es gehören mindestens zwei Personen zu einem erfolgreichen Zusammenleben und du bist da auch keine große Hilfe." Verteidigte sich Derek mit gehobenen Händen. „Entweder du kommst gar nicht nach Hause oder so spät, dass wir auch nicht mehr reden können."

„Und schon sind wir wieder bei dem alten Thema angelangt." Frustriert fuhr sich Mark durch das Gesicht. „In Anbetracht deiner Berufskleidung tippe ich darauf, dass du auch Arzt bist und somit hast du die gleichen Arbeitszeiten wie ich. Folglich trägst du auch dazu bei, dass wir uns nicht so häufig sehen."

„Ich weiß." Gab Derek nach einer Weile kleinlaut zu. „Hör mal, Mark. Ich will mich doch gar nicht mit dir streiten."

Mark räusperte sich um ein wenig Zeit zu gewinnen. Irgendwie hatte er den Punkt verpasst, in dem er Derek sagen konnte, dass die Beziehung keinen Sinn mehr machte. „Ich mich auch nicht."

„Können wir das ganze dann beenden?" Derek ging mit einem zaghaften Lächeln auf Mark zu, der ihn überrascht ansah.

„Beenden?" Mark runzelte die Stirn. Scheinbar hatte er Derek falsch verstanden und es keimte in ihm Hoffnung auf. „Du willst es beenden?"

„Ja, unseren Streit." Erklärte Derek lächelnd.

„Unseren Streit?" Mark setzte ein halbherziges Lächeln auf als Derek seine Hand nahm.

„Natürlich unseren Streit. An was hast du denn gedacht?" Lachend ging Derek einen Schritt auf Mark zu, der daraufhin einen Schritt zurücktrat. „Was ist denn?"

„Was soll sein?" Mark versuchte ein unschuldiges Gesicht aufzusetzen, was ihm aber deutlich misslang. „Ich bin noch müde von der Nacht und unserer Streit." Er atmete tief durch. „Es ist alles in Ordnung."

„Ich glaube dir zwar nicht, aber bevor wir uns wieder die Köpfe einschlagen, lasse ich es lieber." Erneut ging Derek einen Schritt auf Mark zu, der ihm wiederum auswich. Stirnrunzelnd betrachtete er sich Mark genau. „Was ist hier los?"

„Gar nichts, Derek." Mark ließ die Schultern hängen. „Ich bin müde und muss noch die Visite vorbereiten, weswegen ich gehen muss. Wir sehen uns später." Ohne Derek anzusehen ging er aus der Tür.

„Bis später." Murmelte Derek nachdenklich. Die ganze Zeit hatte er gedacht, dass die unangenehme Stimmung zwischen ihnen hervorrief, doch jetzt hatte Mark sämtliche Register gezogen, um die Stimmung sogar unerträglich zu machen. Er wusste, dass wenn nicht noch eine seiner Beziehungen scheitern sollte, dass er sich ändern musste. Seufzend fuhr er sich durch das Gesicht, denn wenn er wüsste, was er ändern müsste, dann hätte er es längst getan. Mit hängenden Schultern verließ er ebenfalls das Bereitschaftszimmer.

Im OP

„Der Herzton wird schwächer", ertönte die Stimme des Anästhesisten.

Alex warf einen Blick auf den Monitor. „Okay, beeilen wir uns!" Er setzte das Skalpell an und machte einen tiefen Schnitt in den Unterleib der jungen Frau, während er den Monitor weiterhin nicht aus den Augen ließ.

Izzie spürte Unruhe in sich aufkommen, während sie ungeduldig darauf wartete, dass der Schnitt groß genug war, um das Neugeborene aus dem Uterus zu ziehen.

„Der Blutdruck der Mutter fällt", meldete sich der Anästhesist wieder.

Izzie griff in den Bauchraum und zog das Neugeborene, ein kleines Mädchen, vorsichtig heraus und brachte es zu einem Untersuchungstisch hinüber. Sie steckte vorsichtig einen Schlauch in den Mund des Frühchens, um Schleim abzusaugen und begann danach mit der Beatmung. „Wie geht es der Mutter?" richtete sie die Frage an Alex, während sie das Frühchen vorsichtig mit dem Ambu Beutel beatmete.

„Die vitalen Werte sind wieder stabil", gab er Auskunft.

Izzie atmete erleichtert auf. Vielleicht hatte Tess Foster nicht nur Pech in ihrem Leben, dachte sie bei sich. Wenn sie jemandem Glück wünschte, dann dieser jungen Frau. Sie nahm das Neugeborene, legte es in den bereitgestellten Brutkasten und befestigte die Infusionsschläuche für die Atmung und die Ernährung. „Ich bringe die Kleine jetzt auf die Frühchenstation und werde sie die nächsten Stunden überwachen", sagte sie an Alex gewandt. „Wenn die Mutter aus der Narkose erwacht ist sag ihr, dass es ihrer Tochter gut geht."

Alex nickte. „Ich bin auch gleich fertig hier. Sobald sie wieder auf Station ist, komme ich und sehe auch nach dem Neugeborenen."

Izzie nickte ihm noch ein letztes Mal zu, bevor sie die Tür öffnete und den Inkubator nach draußen schob.

Als Alex wenig später folgte, stand Izzie vor dem Inkubator und schaute auf den hilflosen Säugling herab. „Sie ist so winzig. Ich hoffe, sie schafft es", sagte sie leise. Sie versuchte zu ignorieren, dass er direkt hinter ihr stand.

„Sie hat gute Chancen." Er schloss für einen Moment die Augen und sog den Duft ihres Shampoos ein. Er unterdrückte den Reflex, seine Hand auf ihre Schulter zu legen. Sicher war es keine gute Idee, sie zu berühren, auch wenn sich jede Faser seines Körpers danach sehnte.

Izzie schloss die Augen. Sie konnte seine unmittelbare Nähe bis in die Zehenspitzen fühlen. Für einen Moment überlegte sie, was wohl passieren würde, wenn sie sich umdrehen würde. Sie fühlte seinen Atem in ihrem Nacken, und ein wohliger Schauer durchlief sie.

„Alles in Ordnung?" Alex sah, wie sie leicht zu zittern begann.

„Ja ... ja ..." Izzie wagte immer noch nicht, sich umzudrehen. Es war wie damals, als sie sich auf der Party kennen gelernt hatten. Auch da hatte er direkt hinter ihr gestanden.

„Ich bin gekommen, weil ich Bescheid sagen wollte, dass die Mutter aus der Narkose erwacht ist." Er räusperte sich nervös. Der Duft ihres Shampoos benebelte seine Sinne. „Was ist das ... Aprikose?"

Sie drehte sich ruckartig zu ihm um. „Aprikose?" wiederholte sie verstört. Sie wusste, dass es ein Fehler gewesen war, sich umzudrehen. Wieso hatte sie es getan? Sein Blick wirkte hypnotisierend.

Er hätte seine Frage gerne zurückgezogen. Aber dafür war es jetzt zu spät. Er versuchte nicht darüber nachzudenken, was sie jetzt wohl von ihm dachte. Eine peinliche Situation. „Das ... Haar ..." Er räusperte sich erneut und senkte den Kopf.

„Oh das ..." Izzie spürte, wie sie leicht errötete. „Pfirsich-Maracuja."

Alex nickte nur, wagte es aber immer noch nicht, sie anzusehen. „Wie ich schon sagte. Die Mutter ist erwacht und möchte gerne ihre Tochter sehen", sagte er in einem gezwungenen routinemäßigen Ton.

„Ja ... natürlich... sicher. Ich bereite alles dafür vor." Izzie strich sich eine nicht vorhandene Haarsträhne aus dem Gesicht.

Alex nickte. „Ich hole dann die Patientin."

Seufzend lehnte sich Izzie an den Inkubator, als er den Raum verlassen hatte. Wie lange konnte sie sich noch von ihm fernhalten? Er machte es ihr auch nicht gerade leicht. Aber vermutlich dachte er sich gar nichts dabei. Sie wandte sich wieder dem Frühgeborenen zu und begann mit den Vorbereitungen für den Besuch der Mutter.