Kapitel 9 – Das Kapitel in dem die Wahrheit ans Licht kommt… oder auch nicht

Derek's Haus

Merediths Stöhnen wurde durch das Kissen, in das sie ihr vergraben hatte, gedämpft. Eigentlich mochte sie Alkohol. Er hatte diese einlullende Wirkung. Alles sieht anders aus und nicht mehr so bedrohlich. Doch das Aufwachen war jedes Mal eine schmerzhafte Erfahrung. Sie hob langsam ihren Kopf an und sah in zwei blaue Augen, die zu einem grinsenden Gesicht gehörten. Um spezifischer zu werden. Sie gehörten Derek.

„Du bist laut." Begrüßte er sie grinsend bevor er ihre Wange küsste.

„Ich bin laut?" Meredith drehte sich auf die Seite, um ihn ansehen zu können. Schmollend zog sie die Bettdecke bis an ihr Kinn. „Du wolltest, dass ich bleibe."

„Und ich bereue es auch nicht. Ich wollte lediglich festhalten, dass du laut bist." Grinsend stützte er sich auf seinem Ellenbogen ab.

„Du machst dich lustig über mich." Stellte Meredith noch immer schmollend fest.

„Nein, ich bin eher fasziniert wie du so laut sein kannst." Schmunzelnd wehrte er das fliegende Kopfkissen ab, mit dem Meredith begonnen hatte, auf ihn einzuschlagen. Als er es endlich in seine Gewalt gebracht hatte, hörte er sie aufschnauben.

„In Ordnung. Ich gehe dann." Sie schob die Bettdecke von sich, doch bevor sie aufstehen konnte, hatte Derek nach ihrem Arm gegriffen. „Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass du dich über mich lustig machst."

„Ich mache mich nicht lustig." Er unterdrückte sein Lachen als Meredith ihn vorwurfsvoll anblickte. „Na schön. Vielleicht ein wenig."

„Das war die dämlichste Entschuldigung, die ich je gehört habe." Sie ließ sich wieder auf die Matratze fallen und verschränkte die Arme. „Wie wäre es mit einem ‚Meredith, ich bin ein Trottel. Verzeih mir.'"

„Du hast mich wach gehalten. Eigentlich schuldest du mir eine Entschuldigung." Er hob amüsiert eine Augenbraue. „Und ich bevorzuge ein ‚Derek, ich schnarche für 10. Verzeih mir bitte.'"

Meredith sah ihn ungläubig an. Als sein Gesicht sich zu einem verschmitzten Grinsen verzog, schüttelte sie seufzend den Kopf. „Warum du mein Freund bist, weiß ich wirklich nicht."

„Weil du mich magst." Erklärte Derek in einem ernsthaften Tonfall und strich ihr dabei eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Vermutlich." Murmelte sie unsicher. Denn Mögen wäre eine Untertreibung des Jahres. Allein seine Nähe verursachte bei ihr Herzrasen und sie war sich nicht sicher, ob die Frequenz in einem noch tolerierbaren Rahmen war.

Derek stützte sich erneut auf seinem Ellenbogen ab. „Danke, dass du geblieben bist." Er runzelte die Stirn als er sich ihr Gesicht betrachtete.

„Was?" Jetzt runzelte auch Meredith fragend ihre Stirn, da Derek sie weiterhin mit seinem Blick zu durchbohren schien.

„Du könntest das Gästezimmer nehmen." Eröffnete Derek schließlich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck.

„Du lagerst mich ins Gästezimmer aus? Weil ich schnarche?" Irritiert setzte sich Meredith auf.

„Nein. Ja. Nein." Derek richtete sich ebenfalls auf, um ihr weiterhin in die Augen sehen zu können. „Du willst nicht allein sein. Ich will nicht allein sein. Wir sind gute Freunde. Ich habe ein Zimmer frei und du könntest es nehmen." Da Meredith ihn weiterhin mit einem fragenden Gesichtsausdruck bedachte, nahm er tief Luft. „Und als Bonus. Ich koche auch für dich."

„Das macht die Entscheidung gleich so viel leichter." Seufzend lehnte sich Meredith zurück. Sie betrachtete sich das strahlende Gesicht von Derek und nickte dann mit dem Kopf. „Für den Übergang. Also bis ich wieder eine Wohnung habe und bis wir wieder allein sein können."

„Dann wirst du wohl für immer bleiben müssen, denn ich kann nicht allein sein." Er nahm ihre Hand und drückte sie leicht. „Du ziehst also ein?"

Etwas zögerlich nickte Meredith erneut mit dem Kopf. „Du hast wirklich Glück, dass ich dich li… mag."

„Ich weiß." Erneut drückte er ihre Hand. „Und ich habe noch mehr Glück, dass das Gästezimmer so weit weg ist. Sonst könnte ich nachts nicht mehr schlafen, so laut wie du bist." Lachend konnte er Merediths ersten Fausthieb abwehren, doch der zweite traf ihn hart an der Schulter. Mit heruntergelassener Deckung konnte er nicht mehr verhindern, dass Meredith sich auf ihn warf und mit kleineren Hieben bearbeitete. Erst als er anfing, sie zu kitzeln, schaffte er es, sie zu drehen, so dass er oben lag.

„Kitzeln ist unfair." Protestierte Meredith lachend, da Derek sie weiterhin bearbeitete.

Derek positionierte seinen Körper so, dass Meredith sich nicht mehr aus seinem Griff winden konnte. „Und was wäre fair? Irgendwie muss ich mich gegen dich doch wehren können."

„Das ist deiner Kreativität überlassen." Keuchte Meredith noch immer außer Atem. Als sie wieder zu Luft gekommen war blickte sie in seine Augen. Sie war sich sicher, dass sie sich Dinge einbildete, denn ihr war, als ob er sie anders ansehen würde. Aus einem Reflex heraus befeuchtete sie ihre Lippen, doch genau in diesem Moment lockerte Derek den Griff und stand auf.

„Wir sollten uns für die Arbeit fertig machen. Du kannst das große Bad nehmen." Er kramte in einer Schublade herum bis er die gewünschten Kleider in der Hand hielt. „Du weißt ja, wo die Handtücher liegen." Mit einem aufgesetzten Lächeln verließ er das Schlafzimmer.

„Verdammt." Meredith schloss die Augen. Warum musste sie auch zusagen. Nicht nur, dass sie mehr von ihm wollte als irgendeine Freundin sein. Sie lebte immerhin auch in Scheidung und da sollte man möglichst nicht bei einem Freund wohnen. Zumindest dann nicht, wenn es sich wie selbstverständlich anfühlte, in seinem Bett zu schlafen. Seufzend stand sie auf, um sich ebenfalls für die Arbeit fertig zu machen.

Umkleideraum

Izzie betrat die Umkleidekabine und stellte mit Erleichterung fest, dass niemand sonst anwesend war. Heute war der erste Tag seit zwei Wochen, an dem sie wieder Frühschicht hatte. Alex hatte in dieser Woche die Spätschicht übernommen. Auf der einen Seite war sie erleichtert, dass sie ihn nicht sehen mußte. Auf der anderen Seite war es nur ein Aufschub, denn sie musste ihm irgendwann mitteilen, dass sie bei ihm einziehen würde. Und das würde eher früher als später passieren müssen. Wobei Izzie immer noch hoffte, dass seine Frau das für sie erledigen würde. Du bist ein Feigling, Isobel Stevens, schimpfte sie mit sich selber. Eilig schlüpfte sie in ihre Arbeitsklamotten und klemmte ihren Pager an die Kitteltasche fest. Sie wollte gerade die Umkleide verlassen, als Dr. Bailey auf sie zukam.

„Wie ich sehe sind sie einsatzbereit", sagte Dr. Bailey lächelnd.

Izzie nickte, während sie noch schnell ihren Kittel zuknöpfte. „Ich bin bereit."

„Was macht ihre Wohnungssuche?" erkundigte sich Dr. Bailey neugierig, als sie gemeinsam den Flur entlang gingen.

Izzie sah sie überrascht an. Sie wunderte sich, dass Dr. Bailey daran gedacht hatte. „Gut ... um nicht zu sagen ... sehr gut sogar." Izzie's Lächeln wirkte leicht verkniffen. „Ich habe eine Wohnung gefunden."

„Das ging ja flott." Dr. Bailey lächelte. „Haben sie die Adresse parat? Dann können wir sie gleich in ihre Personalakte eintragen. Ich bin sowieso gerade dabei, die Akten auf Vordermann zu bringen." Sie rollte mit den Augen. "Order vom Chief." Sie wandte sich wieder Izzie zu. "Haben sie schon eine Telefonnummer, worunter man sie erreichen kann?"

Izzie sah die Ärztin erschrocken an. Sie hatte gar nicht darüber nachgedacht, dass sie ihre Adresse hinterlassen musste. Aber eigentlich war es nichts außergewöhnliches, denn sie hatte auch damals ihre Hoteladresse angeben müssen. „Ich ... nein ..." stotterte sie. „Sie können mich aber weiterhin übers Handy erreichen."

„In Ordnung. Dann lassen sie uns kurz in mein Büro gehen, um die Formalitäten zu erledigen."

Izzie folgte Dr. Bailey mit einem unguten Gefühl im Magen und nahm dann vor dem Büroschreibtisch Platz.

Dr. Bailey griff nach Izzie's Personalakte und aktivierte ihren Kugelschreiben. „Gut, dann schießen sie mal los!" forderte sie Izzie auf.

Izzie starrte erst ihre Akte und dann Dr. Bailey an. „Bellevue Square 22", stieß sie dann schnell hervor.

Dr. Bailey begann zu schreiben und runzelte dabei die Stirn. „Die Adresse ist außerhalb der Stadt, nicht wahr?"

Izzie nickte beklommen.

„Kommt mir irgendwie bekannt vor." Sie dachte angestrengt nach, und schaute dann auf. „Das ist das Nobelviertel von Seattle." Sie pfiff leise durch die Zähne. „Dort wird man entweder hineingeboren oder man verheiratet sich reich", sagte sie schmunzelnd.

Izzie fühlte, wie sie zu schwitzen begann, auch wenn eigentlich gar kein Grund bestand, denn Dr. Bailey schien völlig ahnungslos zu sein.

„Sind wir dann fertig? Ich bin sicher, meine Patienten warten schon auf mich", warf sie vorsichtig ein.

„Bellevue Square ... Bellevue Square ...?" murmelte Dr. Bailey gedankenverloren, während sie auf ihrem Kugelschreiber herumkaute und angestrengt nachdachte. „Moment mal ..." Sie drehte sich um und kramte in ihrem Aktenschrank herum. Breit grinsend zog sie dann eine andere Akte hervor. „Ich wusste doch, dass mir die Adresse bekannt vorkommt." Sie zog ihre Augenbrauen bis zu den Stirnfalten hoch. „Sagten sie Hausnummer 22?"

Izzie schloss schnell die Augen. Ein kurzer Blick hatte gereicht, um zu erkennen, dass sie Alex' Akte in der Hand hielt.

„Dr. Stevens?"

Izzie öffnete wieder ihre Augen und sah ihre Vorgesetzte mit flehendem Blick an. „Bitte sagen sie nichts zu Dr. Karev! Es soll eine Überraschung werden."

„Interessant." Dr. Bailey rieb sich nachdenklich die Nase. „Soll das heißen, dass er noch nichts davon weiß, dass sie mit ihm zusammenziehen wollen?" Ihre Stirnfalten wurden noch ein wenig tiefer. "Ich dachte, Dr. Karev wäre verheiratet ..."

Izzie befeuchtete ihre trockenen Lippen. „Es ist nicht so, wie es sich anhört", begann sie stockend. „Ich meine ... es ist schon so, dass ich in dasselbe Haus einziehe, aber ..." Der schrille Ton von Dr. Bailey's Pager ließ sie beide zusammen zucken.

„Ein Ruf aus der Notaufnahme!" Sie erhob sich und ging zur Tür. „Am besten kommen sie gleich mit."

Izzie nickte und erhob sich ebenfalls. Bevor sie hinter Dr. Bailey das Büro verließ, warf sie noch einen Blick zu den beiden Akten hinüber. Sie hatte plötzlich dieses ungute Gefühl im Magen, dass ihr Geheimnis nicht mehr lange eins sein würde. Seufzend nahm sie ihren Pager in die Hand und folgte Dr. Bailey hinterher.

Im Krankenhaus

Mark klappte müde eine Patientenakte auf. Mit einem mürrischen Gesicht versuchte er die Schrift des Assistenzarztes zu lesen. Nachdem er die Hieroglyphen auch nach genauer Betrachtung entziffern konnte, drehte er die Akte auf den Kopf. Eine der Krankenschwestern sah ihn fragend an.

„Vielleicht hatte er die Akte falsch herum liegen gehabt." Mit den Schultern zuckend legte er die Akte wieder richtig vor sich hin und notierte seine Anweisungen. Nachdem er die Akte der Krankenschwester ausgehändigt hatte, reichte sie ihm die nächste, welche er knurrend entgegen nahm. Wenn er eine Sache nicht leiden konnte, dann waren es die ellenlangen Berichte.

Vertieft in die Unterlagen bemerkte er nicht die Frau, die sich neben ihn gestellt hatte. Erst als er eine Pause machte, um seine Gedanken zu sammeln, spürte er die Präsenz einer Person. Neugierig drehte er sich herum und zuckte erschrocken zusammen. Mit der Hand auf der Brust hoffte er, dass sein Herz keinen permanenten Schaden genommen hatte.

„Mark." Die brünette neben ihm hatte die Augen weit aufgerissen und zeigte ihre große Anzahl an Zähnen.

„Sie können sich nicht so an einen heran schleichen und es ist immer noch Dr. Sloan." Kopfschüttelnd drehte er sich von ihr weg. Er hoffte, dass er mit genügend Desinteresse ihr Verschwinden bewirken würde.

„Derek hat heute Morgen unsere OP abgesagt. Weißt du warum?" Sie lehnte sich gegen den Tresen der Schwesternstation und biss in eine Lakritzstange.

„Es ist Dr. Shepherd und nein ich weiß es nicht." Zischte er gereizt. Als er sich zu ihr drehte, verzog er das Gesicht, da sich der Lakritz überall zwischen ihren Zähnen breit gemacht hatte. Angewidert wandte er sich wieder ab.

„Da sie sich getrennt haben. Er ist wieder Single, nicht wahr?" Sie biss erneut auf die Stange ein, nur um dann wild auf dem Stück herum zu kauen.

„Wenn 1 plus 1 immer noch 2 ist, dann ist er Single." Er drehte sich von ihr ab, so dass er ihr seinen Rücken präsentierte. „Und außerdem ist er außerhalb ihrer Liga."

Die Brünette ging um Mark herum und lehnte sich abermals gegen den Tresen. „Ich frage nur, weil er heute mit Dr. Grey gekommen ist."

Mark sah interessiert auf, bereute den Schritt aber wieder, nachdem er die Hälfte der Lakritzstange in ihrem Mund wieder fand. „Die beiden sind enge Freunde. Vermutlich hat er sie abgeholt."

„Sie sind aber auch gemeinsam gestern Abend weggefahren." Konterte die Brünette mit einem zahnstarken Grinsen.

„Noch ein Grund mehr, dass er sie heute wieder zur Arbeit mitbringt." Mark schüttelte leicht den Kopf und drehte sich wieder um, damit sein Rücken zu ihrem Gesicht zeigte.

„Sie waren davor aber bei Joe und dort haben sie sich für 5,8 Sekunden geküsst." Sie runzelte die Stirn als sie um Mark herum ging. „Es war vermutlich länger, da ich die Stoppuhr zu spät betätigt hatte."

„Die beiden haben was?" Erneut war Marks Interesse geweckt. Zu seinem Glück, hatte sie einige der Lakritzreste aus den Zahnzwischenräumen bekommen und war daher halbwegs ansehbar.

„Sich geküsst. Und sie sind danach in ein Hotel gefahren, wo sie sich nur ein Zimmer genommen hatten." Sie zog ein kleines Heft aus ihrer Kitteltasche und blätterte darin herum. Als sie die gewünschte Seite gefunden hatte, deutete sie mit dem Zeigefinger darauf. „Ich habe es mir genau vermerkt. Derek hat sich eine Flasche Scotch geben lassen. Eine Stunde später ist Dr. Grey gekommen. Sie hat getrunken wie ein Alkoholiker." Sie sah zu Mark auf und rümpfte die Nase. „Als sie schon ziemlich betrunken war, hat sie sich an ihn rangemacht und dann haben sie sich geküsst."

Mark sah von der Brünetten wieder auf seine Unterlagen. „Und sie sind in ein Hotel gefahren."

Die Brünette nickte eifrig. „Der Zimmerservice musste all ihre Kleider wieder in Ordnung bringen. Die von Dr. Grey meine ich." Wieder sah sie in ihr Heft hinein. „Gegen Morgen hat der Zimmerservice sie zurückgebracht und dabei mit Derek gesprochen. Sie haben das Hotel gemeinsam betreten und dann wieder verlassen." Verkündete sie mit stolz geschwellter Brust.

„Meredith war ohne Kleider." Murmelte Mark in Gedanken versunken. Als das eifrige Nicken der Brünetten nicht mehr zu übersehen war, räusperte er sich. „Die beiden sind enge Freunde und sie geht es eigentlich nichts an, was die beiden machen."

„Mich nicht, aber vielleicht Dr. Greys Ehemann." Sie zuckte mit den Schultern. „Ich muss wieder los. Laut OP Plan hat Derek heute noch eine OP und ich muss zusehen, dass ich mit jemand tauschen kann." Sie grinste Mark zum Abschied noch einmal an, dann hüpfte sie den gang hinunter.

Für einen Moment sah Mark ihr hinterher. Kopfschüttelnd riss er sich von der hüpfenden Brünetten schließlich los, nur um sich dann seufzend gegen den Tresen fallen zu lassen. Er war sich nicht sicher, ob er sich verletzt fühlen sollte, dass Derek und Meredith so schnell zusammen gekommen waren. Andererseits hatte Derek an dem Abend ein Hotelzimmer gebraucht, wenn er nicht im Krankenhaus schlafen wollte und das gleiche traf auf Meredith zu. Erneut schüttelte er den Kopf. Er wusste schon immer, dass zu viel Lakritz schädlich ist.

Bereitschaftsraum

Hastig streifte sich George seine Kleider über und schaute ungeduldig auf die Uhr. „Beeil dich! Ich habe gleich eine OP", sagte er zu der jungen Frau, die sich nackt auf dem Bett im Bereitschaftszimmer aalte.

„Du hast es heute aber eilig", sagte sie verwundert. „Keine zweite Runde mehr?" Sie sah ihn enttäuscht an.

„Nein, keine zweite Runde mehr." Er band seine Hose zu und griff nach dem Pager.

„Später dann?" Sie sah ihn erwartungsvoll an.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, auch nicht später."

Sichtlich enttäuscht von seiner Absage kletterte sie aus dem Bett. „Was ist denn nur los mit dir? Du warst total abwesend vorhin."

„Nichts ist los. Was soll los sein?" Ungeduldig begann er, das Bett zu machen. „Ich habe nur gleich eine OP. Also würdest du dich bitte ein bisschen beeilen mit dem Anziehen!"

Sie verzog beleidigt den Mund und schlüpfte in ihre Kleidung. „Sehen wir uns dann nach Feierabend bei Joe's?" fragte sie hoffnungsvoll.

„Verdammt noch mal, Eliza ..."

„Eleonore", korrigierte sie schnell.

George rollte mit den Augen. „Von mir aus ... Eleonore ... Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass das zwischen uns hinter dieser Tür endet?"

„Du schämst dich also für mich?" Sie streckte ihr Kinn trotzig vor und warf ihre dunkelbraunen Haare zurück.

George seufzte genervt auf. „Wieso machst du es so kompliziert? Es war doch alles okay bis jetzt. Wir hatten uns auf unverfänglichen, unkomplizierten Sex geeinigt. Was ist daraus geworden?"

„Vielleicht will ich ja mehr." Sie hob ihren Kopf und sah ihn herausfordernd an. „Ich bin jetzt 25. Denkst du, ich habe Lust, ewig auf „Mr. Right" zu warten?"

„Oh Gott ..." George warf stöhnend die Arme nach oben. „Glaub mir, wenn du darauf gehofft hast, dann muss ich dich leider enttäuschen. Ich war weder „Mr. Right", noch werde ich es jemals sein. Ich habe schon eine verpatzte Beziehung hinter mir, und ich habe nicht vor, denselben Fehler noch einmal zu begehen."

„Callie Torres", stieß Eleonore verächtlich hervor. Sie nickte. „Ich weiß darüber Bescheid. Und auch, dass du einen Sohn mit ihr hast." Sie lachte sarkastisch auf. „Wie blöd muss man sein, sich gleich in der ersten Nacht schwängern zu lassen. Hat sie noch nichts von Verhütung gehört?"

George's Augen verdunkelten sich und er hatte Mühe, sich zu beherrschen. „Lass Callie aus dem Spiel! Sie hat in unserer Diskussion nichts zu suchen!" stieß er aufgebracht hervor. „Und wenn du es genau wissen willst, Benji ist das beste, was mir jemals in meinem Leben passiert ist!"

„Daher weht der Wind also." Eleonore hob vielsagend die Augenbraue. „Du liebst sie immer noch. Sonst würdest du sie nicht so verteidigen." Sie griff nach ihrem Kittel und zog ihn über. „Tja, scheint so, als ob es das war mit uns beiden, oder?"

George ignorierte ihre letzte Frage. Er war immer noch damit beschäftigt, ihre andere Äußerung zu verdauen. Konnte Eleonore damit Recht haben, dass er Callie immer noch liebte? War es möglich nach so vielen Jahren?

„George?" Eleonore sah ihn prüfend an. „Es ist vorbei, oder?"

Er nickte mechanisch. Verstört sah er, wie sie die Tür öffnete und lautstark hinter sich zufallen ließ. Irritiert horchte er in sich hinein. Er hatte sich gerade selber die Chance auf regelmäßigen Sex genommen. Wieso fühlte er sich trotzdem erleichtert? Seufzend öffnete er die Tür und verließ ebenfalls den Bereitschaftsraum.

Joe's Bar

Derek sah nachdenklich in sein Glas hinein. Schon den ganzen Tag hatte er das Gefühl neben sich zu stehen. Selbst die betäubende Wirkung des Alkohols wollte nicht helfen, die drängenden Fragen aus seinem Gehirn zu verbannen. Es lag aber wohl auch daran, dass er über das erste Glas nicht hinaus gekommen war. Er brauchte mehr. Sein Blick fiel zu Joe, dem er dann das leere Glas hochhob.

„Schwerer Tag, Doc?" Joe füllte das Glas erneut mit Scotch und sah dann interessiert zu, wie es geleert wurde. „Ich nehme das als ein Ja." Erneut füllte er das Glas.

„Danke." Derek nickte ihm mit einem gequälten Lächeln zu. „Schwere Tage würde es eher treffen. Und ständig wechseln die Probleme."

„Als Barkeeper besitze ich die inoffizielle Lizenz was Ratschläge betrifft. Willst du darüber reden?" Er stellte die Flasche zur Seite, damit er mehr Platz vor sich hatte.

Zunächst sah Derek nur in das Glas mit Scotch vor sich, dann atmete er tief durch bevor er zu Joe hinüber blickte. „Das mit Mark und mir weißt du ja schon."

„Gehört, gesehen und mit Erleichterung registriert, dass ihr diesen Fehler endlich korrigiert habt." Joe zwinkerte ihm zu, woraufhin Derek ihn verwundert ansah. „Ach komm schon, Doc. Das war doch nur eine alberne Idee, die durch zuviel Alkohol entstanden ist."

„Du gehörst also auch zu denen?" Derek runzelte nachdenklich die Stirn.

„Ich hatte oft meine Zweifel, ob ihr noch bei Verstand seid. Ja, ich gehöre zu denen." Joe wischte schmunzelnd mit einem Tuch über den Tresen bevor er sich zu Derek hinüber beugte. „Dieses mal hast du aber ein wenig mehr Geschmack bewiesen."

Überrascht richtete sich Derek auf. „Dieses Mal? Was meinst du?"

„Du und Grey in engem Lippenkontakt. War nett anzusehen, auch wenn es nur kurz gedauert hat." Joe zwinkerte Derek zu, der sein Gesicht in den Händen vergrub. „Zugegeben mit einer verheirateten Frau ist es nicht ganz lupenrein, aber zumindest hat sich dein Geschmack verbessert."

„Ich habe ein Problem, Joe." Gestand Derek als er wieder aufblickte. Er nippte an seinem Scotch. Nachdem er das Glas wieder auf den Tresen abgestellt hatte, atmete er tief durch. „Ich habe Meredith gefragt, ob sie bei mir einziehen will."

Etwas geschockt riss Joe die Augen auf. „Was? Ihr beide geht ja schnell ran."

„Joe, es nichts gelaufen. Außer dem Kuss. Und dem fast Kuss. Nein, den fast Küssen." Derek schloss die Augen und rieb sich nachdenklich den Nasenrücken. „Was mache ich nur?"

Joe runzelte die Stirn als er über Dereks Informationen nachdachte. Als er nicht weiterkam, holte er sich ein Glas und schenkte sich ebenfalls etwas ein. „Nur damit ich das richtig verstehe. Ihr habt euch hier geküsst, seit zusammen weg, es ist aber nichts außer fast Küssen passiert. Trotzdem willst du, dass sie bei dir einzieht? Doc, wir reduzieren ab heute deinen Scotch."

„Ich will nicht wegen den fast Küssen, dass sie einzieht. Mehr weil sie eine Wohnung braucht und ich nicht allein sein will." Wieder nippte Derek an seinem Scotch, stellte ihn dann aber nachdenklich wieder ab.

„Darin sehe ich wiederum kein Problem." Joe schüttelte sachte den Kopf. „Du hast Platz, ihr kennt euch schon lange und seid ebenso lange Freunde. Warum denkst du, dass du einen Fehler machst?"

Seufzend schob Derek sein Glas zu Joe hinüber. „Ich will keine feste Beziehung mehr. Zumindest nicht in der nächsten Zeit." Er sah zu Joe, der ihm verständnisvoll zunickte. „Es kann sein, dass ich aus irgendwelchen Gründen mich zu ihr hingezogen fühle."

Joe leerte sein Glas mit einem Zug und stellte es dann lachend ab. „Du hast ein Problem, Doc." Da Derek ihm einen verärgerten Blick zuwarf, hob er abwehrend die Hände hoch. „Schlag sie dir aus dem Kopf. Sie ist verheiratet und somit nicht auf dem freien Markt."

„Sie hat die Scheidung eingereicht." Warf Derek ein. Seufzend griff er wieder zu dem Glas, was er eben erst weg geschoben hatte. Joe schenkte ihm und danach sich selber nach.

„Dann ist es sogar noch einfacher." Joe sah verständnisvoll zu Derek. „Ihr beide mögt euch. Ihr macht beide eine Trennung durch und habt so das Gefühl, euch noch näher gekommen zu sein. Sobald sich dein Trennungsschmerz legt, wird sie für dich wieder nur eine Freundin sein."

„Bist du dir da sicher?" Fragte Derek hoffnungsvoll nach.

„Nein, ihr werdet euch wohl noch in diesem Monat die Klamotten vom Leib reißen." Lachend klopfte Joe Derek auf die Schulter bevor er sich wieder seinen anderen Gästen widmete.

Derek sah zu Joe und dann in sein Glas. Ohne einen weiteren Schluck zu nehmen, legte er ein paar Scheine auf den Tresen. Denn er war sich sicher, dass er einen klaren Kopf brauchen würde, damit aus innerhalb des Monats nicht innerhalb des weiteren Abends werden würde.

Izzie's Hotelzimmer

Izzie war gerade dabei, ein paar ihrer Sachen im Koffer zu verstauen, als das Telefon schellte. Sie fragte sich, wer denn zu so später Stunde noch anrief. Aber die Frage war schnell beantwortet, als sie den Anruf entgegennahm.

„Oh Hi Mom!" Izzie klemmte sich den Telefonhörer zwischen Kinn und Schulter und packte eine weitere Lage Kleider in den Koffer. „Was ich mache? Ich packe ... Ja, ich habe eine Wohnung gefunden. Sie liegt etwas außerhalb von Seattle. ... Morgen früh will ich hier ausziehen. ... Den alten Schaukelstuhl? ... Nein, der ist zu sperrig. ... Du willst ihn mir bringen? ... Also nein, es ist wirklich nicht nötig, dass du hierher kommst. Ich komme schon alleine klar ... Die Vermieter sind sehr nett. Also mach dir keine Gedanken. Die Gegend gehört zu den besseren Orten von Seattle, und es gibt dort keine Kriminalität." Izzie rollte mit den Augen. Gespräche mit ihrer Mutter waren anstrengend und nervenraubend. „Ja, ich weiß, was damals passiert ist. Aber ich wohne ja nicht alleine. ... Und sobald ich umgezogen bin melde ich mich sofort bei dir – versprochen. ... Ja, ich liebe dich auch. Bye, Mom!"

Izzie legte auf und ließ sich stöhnend aufs Bett fallen. Seitdem in ihrem Apartment in Washington eingebrochen worden war, hatte ihre Mutter Angst, dass sich so etwas wiederholen könnte. Damals hatten die Räuber das Apartment völlig zerlegt und Izzie's Fernseher und Stereoanlage mitgenommen. Sie hatte den Vorfall schon längst vergessen. Doch ihre Mutter erinnerte sie ständig und immer wieder daran. Izzie war als Einzelkind großgeworden. Ihr Vater, von Beruf Kraftfahrer, war ständig nur unterwegs gewesen. Ihre Mutter, eine gelernte Köchin, hatte nach der Geburt ihrer Tochter entschieden, dass sie zuhause bleiben wollte. So wuchs Izzie sehr behütet auf, hatte wenig Freunde und kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. Ihre Mutter hatte sie von allem abgeschirmt, so dass es anfangs hart für Izzie gewesen war, sich der Außenwelt mit der ganzen Fülle von Problemen zu stellen. Doch sie hatte es gemeistert. Das eigene Apartment war damals ein Schritt in die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit gewesen. Aber sie fühlte sich trotzdem manchmal noch „anders" als andere junge Frauen. Mit 30 Jahren war sie nicht mehr gerade jung zu nennen, aber bisher war ihr der richtige Partner auch noch nicht über den Weg gelaufen. Alex Karev war verheiratet und somit indiskutabel.

Izzie ließ seufzend das Kofferschloss zuschnappen. Zum einhundertsten Male fragte sie sich, ob die Entscheidung, bei den Karev's einzuziehen, auch die richtige war. Ihre Mutter hatte die spleenige Angewohnheit, bei wichtigen Entscheidungen in ihrem Leben die Tarot Karten zu befragen. Angeblich hatte sie damals einer Ehe mit Izzie's Vater nur zugestimmt, weil die Karten dem ganzen positiv gesonnen waren. Und auch die Entscheidung ihrer Tochter, nach Seattle zu ziehen, wurde damals von den Karten bestimmt. Vielleicht sollte sie sich das nächste Mal die Karten legen lassen, bevor sie eine so schwerwiegende Entscheidung traf wie die Suche nach der richtigen Wohnung.

Izzie schaute auf die Uhr. Es war bereits spät abends, und sie wurde allmählich müde. Den Rest würde sie am nächsten Morgen packen. Sie hatte vor, noch vor dem Beginn der Frühschicht zum Karev Haus zu fahren, um den Koffer hinzubringen. Izzie sah dem kommenden Tag mit gemischten Gefühlen entgegen. Alex würde endlich erfahren, wer seine neue Mieterin war. Und sie fragte sich, wie er reagieren würde. Würde er erfreut sein ... oder vielleicht doch eher entsetzt? Izzie brach den Gedanken ab, weil sie bemerkte, dass ihr Kopf zu schmerzen begann. Wieso sollte sie sich jetzt schon Gedanken darüber machen? Morgen war früh genug. Sie hievte den schweren Koffer von ihrem Bett, griff zum Nachthemd und ging hinüber ins Badezimmer.