Kapitel 11 – Das Kapitel in dem mehr als nur Blut fließt
Im Krankenhaus
George schaute auf die Uhr und unterdrückte ein Gähnen. Die letzte Nacht war grauenvoll gewesen, denn er hatte sein Bett mit Benji teilen müssen. Callie hatte abends mal wieder einen wichtigen Termin gehabt, den sie nicht aufschieben konnte, und wie es der missliche Zufall wollte, hatte auch seine Mutter an diesem Abend keine Zeit gehabt, um auf den Kleinen aufzupassen. Also hatte George zähneknirschend zugestimmt, um dann die halbe Nacht Monstern hinterher zu jagen, die Benji dreimal aus dem Schlaf gerissen hatten. Jedes Mal hatte er komplett das ganze Zimmer auf den Kopf stellen müssen und sogar im Schrank nachgeschaut, ob sich die Monster vielleicht dort versteckt hatten. Benji war schließlich nur bereit gewesen, in Papa's Armen eingekuschelt, weiter zu schlafen.
George rieb sich die schmerzende Stirn. So mies drauf war er das letzte Mal nach einem Vollrausch gewesen. Irgendwie machten Kinder das unmögliche möglich.
"Machen sie Pause und essen sie was." Dr. Bailey stand kopfschüttelnd vor ihm. "Sie sehen wie eine wandelnde Leiche aus. Wenn ich sie heute nicht dringend in der freien Klinik bräuchte, würde ich sie glatt wieder nach Hause schicken." Sie beäugte ihn kritisch. "Wohl gestern ein bisschen zu viel gezecht bei Joe's, was?" fragte sie amüsiert.
George schüttelte den Kopf. "Schön wärs." Er rollte mit den Augen. "Ich kann ganz gut einschätzen, wie viel Alkohol ich trinken kann, bis ich vom Barhocker kippe. Aber man sollte die stundenlange, nächtliche Jagd nach imaginären Monstern nicht unterschätzen!"
Dr. Bailey nickte lachend. "Sie haben Recht. Das ist nicht zu unterschätzen. Mein Sohn ist zwar jetzt schon 7, aber ich kann mich noch gut an die Anfangszeit erinnern." Sie stieß einen Seufzer aus. "Alleine die schlaflosen Nächte können einen das weitere Kinderkriegen ziemlich vermiesen."
George hob überrascht den Kopf. "Sie wollten nach ihrem Sohn noch mehr Kinder haben?"
Dr. Bailey nickte. "William sollte eigentlich kein Einzelkind bleiben. Aber als die Jahre vergingen erkannten mein Mann und ich, dass wir mit nur einem Kind besser dran waren."
"Nun, ich habe noch zwei Brüder. Ich hätte mir nicht vorstellen können, als Einzelkind aufzuwachsen", erklärte George.
Dr. Bailey nickte. "Das habe ich damals auch gesagt. Aber es bringt auch nichts, Kinder in die Welt zu setzen, wenn man sich nicht um sie kümmern kann." Sie lächelte ganz plötzlich. "Ich finde es bewundernswert, wie sie und Dr. Torres es schaffen, sich die Erziehungsarbeit zu teilen." Sie räusperte sich. "Ich hoffe, sie nehmen es mir nicht übel, aber ich habe damals nicht geglaubt, dass sie sich so um das Kind kümmern würden. Sie schienen mir nicht der Typ Vater zu sein, wie man ihn sich im klassischen Sinne vorstellt."
"Und nun haben sie ihre Meinung geändert?" fragte George vorsichtig nach.
"Vollkommen." Dr. Bailey nickte. "Der Kleine kann sich wirklich glücklich schätzen, sie als Vater zu haben."
"Danke." George schaute verlegen lächelnd auf den Boden.
"Es geht mich ja vielleicht nichts an, aber haben sie sich schon Gedanken darüber gemacht, wie es nun weiter gehen soll, jetzt wo Dr. Torres verlobt ist?"
George fühlte sich mit einem Mal, als ob ihm jemand den Boden unter den Füssen wegziehen würde. Er schwankte leicht und hatte das Gefühl, als ob seine Zunge ihm nicht mehr gehorchen würde. "W…was?" stieß er geschockt hervor.
Dr. Bailey machte ein verlegenes Gesicht. "Ich wusste doch, dass ich mich da nicht hätte einmischen sollen." Sie klopfte George leicht auf die Schulter. "Wie ich schon sagte. Machen sie eine Pause und essen sie etwas. Sie sehen wirklich nicht gut aus." Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging eilig den Flur hinunter.
George stand da wie betäubt. Er konnte es einfach nicht fassen, was er gerade erfahren hatte. Callie hatte sich verlobt? Mit wem? Vermutlich mit diesem Marcus, diesem Affen, dachte er wütend. Seine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten. Ohnmächtige Wut überkam ihn mit einem Mal. Er wusste nicht, ob er wütend auf Callie war, die ihn die ganze Zeit angelogen hatte oder auf diesen Marcus, dass er ihm die Frau weggeschnappt hatte. Er wandte sich abrupt um und ging zielstrebig Richtung Cafeteria.
Im Krankenhaus
Cristina erspähte Meredith an der Schwesternstation. Mit einem frechen Grinsen schlich sie sich heran und stieß ihre Freundin dann etwas unsanft in die Rippen, so dass diese vor Schreck hochsprang.
„Hast du was zu verbergen oder warum bist du so nervös?" Cristina stellte sich grinsend neben sie.
„Ich bin nicht nervös. Warum sollte ich auch?" Meredith schüttelte den Kopf während sie sich noch immer zu beruhigen versuchte. „Im Gegensatz zu anderen Individuen arbeite ich." Sie deutete auf die Unterlagen, die vor ihr lagen. „Würde dir auch besser zu Gesicht stehen."
„Im Gegensatz zu dir, habe ich heute bereits eine gute Tat getan und ein Leben gerettet." Cristina betrachtete sich die Unterlagen, in die Meredith so vertieft schien, zuckte dann aber mit den Schultern. „Also wie lebt es sich in deinem Liebesnest?"
Meredith verschluckte sich und fing zu husten an. „Mein was?" Sie sah überrascht zu Cristina, die sie amüsierte angrinste. „Ich weiß nicht, was du rauchst. Aber lass es lieber. Und ich weiß nicht wovon du redest."
„Natürlich nicht." Cristina schnaubte amüsiert auf. „Jetzt hast du deinen Traummann auf dem gleichen Flur schlafen und du willst mir sagen, dass nichts passiert?"
„Erstens. Derek ist nicht mein Traummann, sondern ein Freund. Und zweitens. Da er nicht mein Traummann ist, passiert auch nichts." Meredith versuchte ihre Enttäuschung über letzteres aus ihrer Stimme herauszuhalten. Da sie sich nicht sicher war, ob ihr das erfolgreich gelungen war, räusperte sie sich laut. „Also erzähl nicht so einen Unsinn." Sie wandte sich von Cristina ab, die noch immer eine schiere Freude daran zu haben schien, in irgendwelchen unausgesprochenen Wunden zu stechen.
„Schon klar. Derek ist nicht dein Traummann." Cristina tippte Meredith an den Kopf. „Darin kannst du dir alles einreden, was du willst. Aber du kannst mich nicht täuschen."
„Und was soll das heißen?" Meredith stemmte eine Hand in die Seite als sie sich wieder zu Cristina umdrehte.
„Derek ist schon seit unserem ersten Tag im Krankenhaus dein McDreamy." Bevor sie weiter reden konnte, hatte Meredith ihr die Hand vor den Mund gehalten.
„Könntest du vielleicht noch lauter schreien?" Zischte Meredith während sie sich in alle Richtungen drehte, um sicher zu stellen, dass keiner mitgehört hatte. Sie wandte sich wieder zu Cristina und sah sie eindringlich an. „Derek ist ein Freund. Mehr nicht. Da war nie etwas und da wird nie etwas sein, denn ich bin für ihn auch nur eine Freundin."
Cristina nickte Meredith zu, die daraufhin die Hand wegnahm. „Sagst du das morgens auf wenn du ihn unter der Dusche hörst oder abends, wenn er sich auszieht?" Sie grinste Meredith an, die aufgebracht ihre Unterlagen unter den Arm klemmte. „Wenn du es zugibst, wird es einfacher." Doch Meredith winkte mit der Hand ab als sie von der Schwersternstation flüchtete. Cristina schüttelte lachend den Kopf.
„Was ist denn so witzig?" Mark legte eine Patientenakte auf den Tresen und stieß danach Cristina an, die sich verwundert umdrehte.
„Entschuldige. Hast du was gefragt?" Cristina wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Ich wollte nur wissen, was so lustig ist." Er sah in die Richtung, in die Cristina eben noch geblickt hatte. Doch außer den wuselnden Mitarbeitern konnte er nichts erkennen, was Cristina so hätte erheitern können.
„Ich finde es nur amüsant, wie Meredith ihre Beine zusammen tackern muss, aber gleichzeitig behauptet, nicht an Derek interessiert zu sein." Sie sah wie sich Marks Ausdruck veränderte und verdrehte die Augen. „Jetzt sag du nicht, dass du eifersüchtig bist."
„Bin ich nicht." Er schüttelte verneinend den Kopf. Da Cristina ihn weiterhin misstrauisch beäugte, atmete er tief durch. „Er hat so seine Vorzüge und die vermisse ich."
Cristina spielte einen Würgereiz vor und ließ sich theatralisch gegen den Tresen sinken. „Bitte verschone mich."
„Er kann etwas, was du zum Beispiel nicht kannst. Was auch Meredith nicht kann." Sein Blick fiel ins Leere. Mit einem Lächeln auf den Lippen nickte er verträumt mit dem Kopf.
„Mark, bitte tu mir das nicht an." Sie stieß ihn unsanft in die Magengrube, woraufhin er sie verstört ansah. „Ernsthaft, ich habe dir den Unfug schon beim ersten Mal nicht abgekauft."
„Er kann kochen, Cristina. Er macht Frühstück. Die Wäsche war stets sauber und er kann Knöpfe annähen." Er grinste Cristina an, die ihn mit offenem Mund anstarrte.
„Verdammt." Stieß sie schließlich erbost hervor. „Jetzt bin ich auf Meredith eifersüchtig. Sie hat die perfekte Frau gefunden."
Mark nickte ihr zustimmend zu. „Verstehst du jetzt, warum ich so nachdenklich bin?"
„Nein, jetzt verstehe ich nicht mehr, warum du ihn hast ziehen lassen." Sie verdrehte die Augen. „Zumindest kann ich Meredith jetzt noch besser in den Hintern treten, damit sie endlich aufhört so anständig zu sein. Dieses Gerede, sie seien nur Freunde, kaufe ich ihr eh nicht mehr ab." Sie sah auf die Uhr und seufzte leise. „Ich muss los."
Mark nickte ihr zu. Er sah ihr hinterher bis sie um die Ecke verschwunden war. Nachdenklich lehnte er sich gegen den Tresen, denn er wusste um Merediths Gefühle für Derek und er hoffte, dass er mit dem gespielten Seitensprung keine Narbe verpasst hatte, die den beiden schaden könnte.
Haus der Karevs - Dachgeschosswohnung
Izzie öffnete den Kühlschrank, holte einige Sachen heraus, und griff dann nach dem Küchenmesser und begann, das Gemüse fürs Abendbrot zu zerkleinern. Drei Wochen lebte sie nun schon im Haus der Karevs, und es lief erstaunlich gut. Nach dem Vorfall im Arbeitszimmer, am Tag ihres Einzugs, hatten Alex und sie ein klärendes Gespräch geführt und waren danach zu dem übereinstimmenden Ergebnis gekommen, dass der Beinahe-Kuss keinerlei Bedeutung hatte. Sie waren Freunde und Arbeitskollegen, mehr nicht. Und mehr würde daraus auch nicht werden. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Izzie nach Möglichkeit oben in ihrer Wohnung bleiben sollte. Jeder wollte weiter sein Leben leben. Und es funktionierte perfekt. Sie gingen sich im Haus aus dem Weg, fuhren getrennt zur Arbeit und sahen sich nur im Krankenhaus. Und dort war es dann kein Problem mehr, sich professionell dem anderen gegenüber zu verhalten. Zumal sie Situationen mieden, wie z.B. zusammen in einem Aufzug zu fahren oder gemeinsam das Mittagessen in der Cafeteria einzunehmen. Wenn Izzie sah, dass Alex den Aufzug nahm, benutzte sie das Treppenhaus und umgekehrt.
Sie war so in ihre Gedanken vertieft gewesen, dass sie zu spät bemerkte, dass sie mit der Messerklinge zu weit geschnitten hatte. Erst als sie einen kurzen, ziehenden Schmerz spürte und das Blut sah, dass auf das Schneidebrett tropfte, schaute sie überrascht auf die tiefe Schnittwunde in ihrer Hand. Izzie ließ das Messer fallen und griff schnell nach einem Küchenhandtuch, das auf dem Tisch lag. Schnell ging sie ins Badezimmer hinüber und öffnete den Schrank, in der Hoffnung, dort ein Pflaster zu finden, doch die Suche blieb erfolglos. Leise fluchend schloss sie den Schrank wieder und schaute auf ihre verbundene Hand. Die Wunde blutete stark, was man daran erkennen konnte, dass die Wundflüssigkeit schon durch das Handtuch drang. Sie war Ärztin, sie wusste, dass es mit einem Pflaster nicht getan war. Sie stieß eine weitere Verwünschung aus. Wie sollte sie mit der umwickelten Hand ins Krankenhaus fahren? Es blieb ihr nur eine Wahl, und so sehr es ihr wiederstrebte,- sie musste Alex um Hilfe bitten.
Er saß im Wohnzimmer und schaute Fernsehen, als Izzie den Raum betrat. Susanna war mal wieder unterwegs auf eine ihrer Geschäftreisen. Von daher war es ziemlich ruhig im Haus. Überrascht schaute er hoch, als er seine Mitbewohnerin eintreten sah.
„Izzie!" stieß er überrascht hervor. "Was ist ...?" Er stoppten mitten im Satz, als sein Blick auf ihre bandagierte Hand fiel. Schnell sprang er auf und ging zu ihr hinüber.
„Es tut mir leid, wenn ich störe", brachte sie stockend hervor. „Ich weiß, wir hatten eine Abmachung, aber ich bin mit dem Messer abgerutscht, und ich denke nicht, dass ein einfaches Pflaster ausreicht."
Alex nickte. "Zeig mal her!"
Izzie wickelte vorsichtig ihre Hand aus, und Alex holte hörbar Luft. "Der Schnitt ist zu tief", sagte er in professionellem Ton, nachdem er die Wunde inspiziert hatte. "Das muss genäht werden." Er ging in den Flur und griff nach den Autoschlüsseln. "Wann war deine letzte Tetanusimpfung?"
"Vor einem Jahr." Sie versuchte, trotz der Schmerzen zu lächeln. "Danke, dass du mich fährst."
Er zog amüsiert die Augenbrauen nach oben. "Nun, die andere Alternative wäre, dich verbluten zu lassen." Er wurde gleich darauf wieder ernst und sah sie mit besorgtem Blick an. "Halt die Hand nach oben, damit das Blut zurückfließen kann. Ist dir schlecht oder schwindelig?"
Izzie rollte mit den Augen. "Ich bin Ärztin, Alex! Ich habe schon ganz andere Wunden gesehen."
"Nur reine Routinefragen", sagte er lässig, während er sie vorsichtig zur Tür hinaus schob.
Izzie lächelte dünn. Sie warf froh, dass sich Alex um sie kümmerte. Es gab Situationen, da war es gut, einen Freund an der Seite zu haben. Und das war so eine Situation.
Verstohlen sah sie ihn von der Seite an, während er den Wagen Richtung Krankenhaus lenkte. "Du weißt schon, dass unser Geheimnis jetzt auffliegt, oder?" fragte sie vorsichtig.
"Welches Geheimnis?" Er warf einen kurzen irritierten Blick zu ihr hinüber und konzentrierte sich dann wieder auf den Verkehr.
"Nun, ich meinte dass wir zusammen wohnen." Izzie fühlte, wie sie errötete.
"Ich glaube nicht, dass das ein großes Geheimnis ist", meinte er schmunzelnd. "Joe weiß es zum Beispiel auch."
"Du hast es Joe erzählt?" Izzie sah ihn entsetzt an. "Wenn es Joe weiß, dann weiß es bald das ganze Krankenhaus." Sie ließ ihren Kopf stöhnend nach hinten gegen die Kopfstütze sinken. "Wie konntest du das tun?"
Alex sah wieder zur ihr hinüber. "Wovor hast du eigentlich Angst?"
Izzie rollte genervt mit den Augen. Er hatte manchmal wirklich eine lange Leitung. "Nun, ich will nicht, dass die Leute das Tratschen anfangen", erklärte sie simpel. "Es ist ein großes Krankenhaus, mit vielen Menschen, die täglich ein und ausgehen. Ich möchte einfach nicht, dass geredet wird. Und Gerüchte verbreiten sich schnell." Sie hob vielsagend die Augenbraue.
"Und worüber könnten sie tratschen?"
Izzie sah schnell zum ihm hinüber. "Nun, es gibt immer einen Grund", wich sie der Frage aus.
Alex lenkte den Wagen auf den Krankenhausparkplatz und hielt in einer Parkbucht. "Ich glaube, nur Frauen denken so kompliziert." Er drehte sich zu ihr. "Also wenn ich dich jetzt richtig verstanden habe, dann möchtest du, dass ich hier warte, damit uns niemand zusammen sieht, ja?" fragte er mit einem amüsierten Grinsen auf den Lippen.
Izzie nickte. "Exakt! Es stimmt also doch nicht, dass Männer langsam im Denken sind."
Alex rollte mit den Augen. "Nein, es gibt einige Exemplare, die sogar die verquere Logik von Frauen verstehen."
Izzie schoss ihm einen wütenden Blick zu. "Sehr komisch, wirklich!" Sie öffnete die Tür einen Spalt und spähte vorsichtig hinaus, ob auch niemand in der Nähe war, der sie kannte.
"Ich schätze, die Luft ist rein", bemerkte Alex trocken, der Izzie's Blick gefolgt war.
"Du wartest dann?" fragte sie, bevor sie den Wagen verließ.
Alex schüttelte den Kopf. "Nein, ich dachte eigentlich, dass du dir zurück ein Taxi nehmen könntest." Nur mit Mühe verkniff er sich ein Schmunzeln. "Denk an das Getuschel, wenn die Leute zufällig mitbekommen, dass du in meinen Wagen einsteigst." Er unterstrich seine Worte, indem er viel sagend mit den Augen rollte.
"Du kannst dir deinen Spott schenken! Ich habe das ernst gemeint." Izzie sprang beleidigt aus dem Wagen und ging zielstrebig Richtung Eingang.
Alex sah ihr nachdenklich hinterher. Er hätte sie gerne begleitet. Aber vielleicht hatte sie ausnahmsweise mal Recht. Die Leute würden vielleicht wirklich falsche Schlüsse ziehen, wenn sie zusammen in der Notaufnahme erscheinen würden. Dabei hätte er sich gerne selber um die Versorgung ihrer Hand gekümmert. Er schaltete das Radio an und lehnte sich seufzend zurück. Es würde wohl eine lange Nacht werden.
Im Krankenhaus – Cafeteria
Meredith stellte sich seufzend an das Ende der Warteschlange. Natürlich war sie immer dann so lang wie die Chinesische Mauer, wenn sie Hunger und keine Zeit hatte. Sie zog sein Handy aus der Tasche und schrieb grinsend eine Nachricht an Derek. Zumindest würde sie so die Wartezeit verkürzen können. Sie wartete eine Weile auf seine Antwort, doch da nichts kam, ging sie dazu über ihre Fähigkeiten zu verbessern. Tetris erschien ihr hierfür angemessen, zumal die Schlange nur zögerlich weiter kam.
Als sie nach gefühlten Stunden endlich mit einem Tablett voller Essen vor den Tischen stand, runzelte sie nachdenklich die Stirn. Sie hatte keine Lust auf überkommunikative Krankenschwestern oder auf die nervenden Fragen der Assistenzärzte aus dem ersten Jahr. Also entschied sie sich für einen der hinteren Tische, die zu ihrer größten Freude auch noch leer waren.
Sie hatte es bis zur Hälfte seines Salates geschafft, als sich eine Horde von OP Schwestern an einen Nachbartisch zwängte und gleich darauf zu schnattern begannen. Eine der Stimmen kam Meredith bekannt vor, weswegen sie sich nach vorne beugte und auch gleich die Brünette wieder erkannte, die sie mit Finn gesehen hatte. Sie rutschte etwas näher an den anderen Tisch heran, um besser mithören zu können.
Die Brünette OP Schwester kicherte mit großen Augen ihre Kolleginnen an. „Wisst ihr, was heute für ein Tag ist? ‚Bring deine dumme Geliebte mit' Tag." Sie schüttelte ihren Kopf und grinste die anderen an. „Eigentlich wollte ich ja nur wissen, ob Derek immer noch diese Grey hat. Doch ratet mal wen ich auf dem Parkplatz habe vorfahren sehen?"
Meredith musste ein frustriertes Stöhnen unterdrücken, um nicht aufzufallen. Was sich diese Krankenschwester einbildete, war ihr nicht ersichtlich. Es ging niemand etwas an, dass sie bei Derek lebte. Zumal es nur wirtschaftlich war, dass die beiden mit einem Auto fuhren, wo sie schon einmal zusammen lebten. Sie schaute zur der Brünetten hinüber, die einige Salatreste an ihren Zähnen kleben hatte.
„Es war Karev und die neue Blonde. Stevens oder wie auch immer sie heißen mag." Fuhr die OP Schwester fort, was zu einem neugierigen Raunen am Nachbartisch führte. „Ist Dr. Karev nicht verheiratet? Seine Frau ist bestimmt genauso erfreut wie Dr. Grey's Ehemann, dass ihre Lieben sich mit Kollegen vertrösten." Sie stopfte sich wieder eine Gabel mit Salat in den Mund und kaute darauf herum. „Wobei ich Derek und Karev nicht verstehe. Sie könnten soviel besser."
Wütend stand Meredith auf, was dazu führte, dass ihr Tablett krachend auf dem Boden landete. Sie spürte sofort die Blicke der Krankenschwestern auf sich, was sie aber nicht weiter störte während sie das notwendigste vom Boden aufraffte.
„Oh. Dr. Grey, ich habe sie gar nicht gesehen." Die Brünette war aufgestanden und beugte sich nach unten, um Meredith zu helfen, doch diese packte alles auf das Tablett und stand auf.
„Ich brauche ihre Hilfe nicht." Meredith schob ihr Gegenüber zur Seite. „Ist ihnen mal in den Sinn gekommen, dass Männer und Frauen befreundet sein können? Zudem kommt es noch, dass sowohl Dr. Karev und Dr. Stevens als auch Dr. Shepherd und ich ein Fachgebiet teilen. So hat man innerhalb eines Tages sehr viel Zeit sich kennen zu lernen und sich anzufreunden." Sie ging wutentbrannt an der Brünetten vorbei, die sie siegessicher anlächelte. Verärgert stellte sie das Tablett weg. Ohne sich noch einmal umzudrehen verließ Meredith die Cafeteria. Als sie vor dem Aufzug wartete, hörte sie, dass sie eine Nachricht bekommen hatte. „Du darfst das Fernsehprogramm bestimmen, wenn ich den Film am Wochenende aussuchen darf." Lächelnd ließ sie das Handy wieder in ihre Tasche gleiten. Männer und Frauen können nur Freunde sein, dachte sie bei sich, als sie den Aufzug betrat. Die Frage war ihrer Meinung nach nur, ob sie das wollten.
Haus der Karevs
Alex hielt den Wagen vor dem Haus und sah lächelnd zu der friedlich schlafenden Izzie hinüber. Obwohl die Fahrt vom Krankenhaus nicht sehr lang war, war sie vor Erschöpfung eingeschlafen. Eine Stunde hatte er auf sie gewartet, bis sie schließlich wieder mit verbundener Hand auf dem Parkplatz aufgetaucht war. Zu Izzie's Pech war es tatsächlich nötig gewesen, die Wunde zu nähen. Und Dr. Bailey, die die Erstversorgung vorgenommen hatte, hatte sie auch gleich für die komplette Woche krank geschrieben.
Alex beugte sich noch ein Stück weiter vor und sah sie an. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Atem ging gleichmäßig, was darauf hindeutete, dass sie tief schlief. Eine blonde Haarsträhne war ihr in die Stirn gefallen, und Alex strich sie vorsichtig mit seinem Zeigefinger zur Seite. "Izzie? Wir sind da", sagte er in gedämpfter Stimme.
Izzie's einzige Reaktion darauf war, dass sie kurz den Kopf hin und her bewegte und unverständliches Zeug vor sich hin stammelte.
"Wir sind zuhause. Wir müssen aussteigen!" versuchte Alex es erneut.
Izzie öffnete kurz die Augen, schloss sie jedoch gleich wieder. "Aus … was?" murmelte sie müde.
"Aus-steigen! Warte, ich helfe dir!" Alex schob seinen Arm zwischen Kopf und Rückenlehne hindurch, bis sein Arm um Izzie's Schulter herum lag. Doch schnell stellte er fest, dass dies ein Fehler gewesen war. Denn Izzie's Kopf sank dabei auf seine Schulter.
Alex hielt den Atem an. Ihr warmer Körper schmiegte sich an seinen, und ihr Gesicht war nur noch wenig Zentimeter von dem seinen entfernt. Er konnte nicht anders. Er zog sie noch ein wenig näher zu sich heran und berührte mit seinen Lippen sanft ihre Stirn.
Izzie murmelte wieder etwas im Schlaf und schmiegte sich noch näher an ihn. Ein seliges Lächeln umspielte dabei ihre Lippen.
Alex' Herz begann schneller zu schlagen. Nur ein Stückchen tiefer und er würde ihren weichen Mund spüren. Und er war sich sicher, dass Izzie sich nicht gerade dagegen wehren würde. Doch etwas anderes hielt ihn davon ab, wirklich bis zum Äußersten zu gehen. Es war seine innere Stimme, die ihn daran erinnerte, dass er vor fünf Jahren ein Gelübde abgelegt hatte. Auch wenn seine Ehe mit Susanna nur noch auf dem Papier bestand. Ein Gelübde war ein Gelübde. Widerwillig zog er seinen Arm zurück, und Izzie's Kopf fiel ins Leere.
Erschrocken zuckte sie hoch und sah ihn mit einem verstörten Blick an. "Was … wo … wo bin ich?" stotterte sie.
Alex räusperte sich. "Zuhause … wir sind zuhause. Du hast auf dem ganzen Weg geschlafen", stieß er mit heiserer Stimme hervor.
Izzie setzte sich weiter auf und streckte ihre schmerzenden Muskeln. "Ich bin total müde." Sie gähnte. "Ich werde dann auch gleich ins Bett gehen."
Alex stieg aus dem Wagen aus und ging zur Beifahrerseite herum. "Hast du irgendwelche Schmerzmittel mitbekommen?"
Izzie nickte. "Ich hoffe aber, dass ich sie nicht brauchen werde." Sie verzog das Gesicht. "Mein Abendbrot ist jetzt sicher verdorben."
"Hast du Hunger? Ich kann uns etwas machen", bot Alex sich an.
Izzie schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin zu müde, um zu essen." Sie lächelte. "Aber danke für das Angebot."
Alex nickte. Er half Izzie aus dem Wagen und ging dann schweigend hinter ihr her. Am Treppenaufgang blieben sie stehen.
"Ich weiß nicht, was ich ohne dich gemacht hätte", sagte Izzie leise. Sie streckte ihre unverletzte Hand aus und legte sie vorsichtig auf Alex' Schulter. "Ich hatte bisher nicht so viele Freunde in meinem Leben, weißt du? Aber du bist wirklich ein Freund."
Freund … Das Wort hämmerte in Alex' Kopf, während er instinktiv einen Schritt zurück trat, so dass Izzie's Hand von seiner Schulter fiel. Ein Freund? Mehr war er nicht für sie? Enttäuschung machte sich bei ihm breit. Seine Gefühle für sie waren alles andere als freundschaftlicher Natur. Aber da Izzie ihn anscheinend nur als Freund sah, würde es das für sich behalten. Anscheinend hatte er aus ihrem Verhalten die falschen Schlüsse gezogen. Er hätte schwören können, dass sie ihn damals genauso gerne geküsst hätte wie er sie. "Gute Nacht!" stieß er schnell hervor, bevor er sich abrupt umdrehte und zum Wohnzimmer hinüber ging.
Izzie sah ihm verwirrt hinterher. Hatte sie etwas falsches gesagt? Sie wollte nur höflich sein. Aber Alex' "Gute Nacht!" war so frostig gewesen, dass sie beinahe das Gefühl hatte, dass er froh war, sie los zu werden. Tränen behinderten ihre Sicht, als sie langsam die Treppe hinauf in ihre Wohnung ging.
Dereks Haus
Meredith schob die Kissen auf der Couch zur Seite, stellte dann einen kleinen Beistelltisch näher heran, nur um dann mit einem zufriedenen Lächeln eine Schüssel mit Popcorn darauf abzustellen. Mit einem Seufzer ließ sie sich auf die Couch fallen und schaltete mit der Fernbedienung den Fernseher an. Werbung. Bedeutete, dass sie noch rechtzeitig fertig geworden war. Als sie die Tür auf und zugehen hörte, sah sie mit erwartungsvoller Miene zur Wohnzimmertür, wo auch nach wenigen Augenblicken Derek erschien, der neugierig auf den Fernseher starrte.
„Was sehen wir uns an?" Er ließ sich neben Meredith fallen und griff sich eine Handvoll Popcorn.
„Es ist Donnerstag und es ist die letzte Folge der Staffel. Ich warne dich." Sie sah ihn eindringlich an, doch sein verschmitztes Grinsen ließ nichts Gutes verheißen.
„Die letzten 3 Wochen habe ich damit zugebracht, deine Wutausbrüche darüber ertragen zu müssen." Er deutete auf den Fernseher, auf dem inzwischen ein Wohnwagen zu sehen war, weswegen Meredith ihn mit zischenden Lauten zum Schweigen brachte. Amüsiert verfolgte er ihr Gesicht, dass sich von freudiger Erwartung in ein ungläubiges Staunen veränderte. „Und hier kommt es wieder." Grinsend lehnte er sich zurück.
„Ich fasse es nicht." Sie wedelte mit den Armen in der Luft herum als der erste Werbespot über den Bildschirm flimmerte. „Verstehst du das? Wie kann er Hauspläne machen, wenn sie kleine Schritte will und wie kann sie schon wieder so emotionslos reagieren, wenn er offensichtlich eine Zukunft mit ihr aufbauen will." Sie sah zu Derek hinüber, der mit den Schultern zuckte.
„Ich frage mich nur, warum du es dir überhaupt noch ansiehst." Er griff wieder zum Popcorn und kaute grinsend darauf herum.
Meredith schüttelte fassungslos den Kopf und wandte sich wieder ihrer Serie zu. Kaum waren 2 Minuten vergangen stöhnte sie frustriert auf. „Und dann die hier." Sie deutete mit dem Finger auf den Bildschirm. „Die passen noch nicht einmal zusammen. Da kommt bei mir nur ein Wort in den Sinn. Inzest." Angewidert schüttelte sie sich.
„Inzest? Ich dachte, dass sie Freunde waren und nicht verwandt." Derek runzelte nachdenklich die Stirn. Da er die Serie vorher nur aus Merediths Erzählungen kannte, war es manchmal schwer für ihn mitzukommen, wenn sie sich ereiferte.
„Sie waren Freunde." Sie wandte sich Derek zu, der sie mit einer ernsthaften Miene ansah. „Aber sie haben sich mehr wie Geschwister verhalten. Überhaupt gibt mir der Typ mehr das Gefühl, er sei schwul und nicht, dass er der Superhengst im Bett sei." Sie schüttelte sich erneut. „Und deswegen ist es Inzest."
„Sie sind Freunde, Meredith. Freunde verlieben sich schon mal ineinander. Das ist normal." Er schmunzelte über ihren ungläubigen Gesichtsausdruck.
„Derek, ernsthaft. Du kennst deren Sexszene nicht. Die war so was von peinlich. Er küsst wie ein Huhn und überhaupt." Sie drehte sich wieder zum Fernseher und stopfte sich dabei unwirsch Popcorn in den Mund. Als wieder Werbung zu sehen war, drehte sie sich erneut zu Derek. „Wenn wir beide Sex hätten, würde keiner sagen, dass es Inzest ist, weil wir nie wie Bruder und Schwester zusammengelebt haben."
Derek griff nach Merediths Hand. „Meredith, beruhige dich bitte. Es ist eine Fernsehserie."
„Ach halt doch die Klappe. Du verstehst das ohnehin nicht." Sie zog ihre Knie an sich und wartete darauf, dass die Serie weiter ging. „Wenn er diese dumme und überflüssige Tussi wählt, dann werde ich es mir ohnehin nicht mehr ansehen."
„Wird er schon nicht. Immerhin ist seine Freundin viel attraktiver als diese andere." Er drückte leicht ihre Hand, weswegen sie ihn dankbar anlächelte. Allein schon um Merediths Nerven zu beruhigen verfolgte er stillschweigend den weiteren Verlauf der Serie, nur um am Ende zusammen zu zucken. Gespannt wartete er auf ihre Reaktion, die darin bestand, die Fernbedienung in Richtung Fernseher zu werfen.
„Siehst du? Er hat die Tussi gewählt." Zähneknirschend starrte sie auf den schwarzen Bildschirm. „Wie soll ich denn noch an die Liebe glauben, wenn alles immer so endet? Warum nicht einmal ein Happy End?" Seufzend starrte sie auf den Boden. „So etwas gibt mir eher das Gefühl, dass auch ich den richtigen nicht finden werde."
Derek rückte näher an sie heran und hob mit dem Zeigefinger ihren Kopf an. „Du wirst den richtigen schon finden. Menschen machen Fehler. Sie treffen aus verletzten Gefühlen falsche Entscheidungen, nur um diese später zu bereuen. Aber wenn sich zwei Menschen lieben, dann finden sie auch irgendwann zusammen."
Meredith spürte, dass ihr Herz einen Schlag ausgesetzte nur um dann wie wild in ihrer Brust zu pochen. Sie presste ihre Lippen auf seine und schaltete gleichzeitig ihren Verstand aus, der ihr zurief, es nicht zu überstürzen. Aber von ihren Händen bekam sie unlängst mitgeteilt, dass sie sich gerne durch seine Haare wühlten. Auch ihr restlicher Körper ließ sie wissen, dass er einverstanden damit war, von seinen Händen erkundet zu werden. Es dauerte eine Weile bis sie schwer atmend voneinander ließen.
„Das war ein Reflex." Keuchte Meredith, ihre Augen noch immer geschlossen. Als sie diese wieder öffnete und direkt in die von Derek blickte, räusperte sie sich leise. „Es tut mir Leid. Ich war wohl noch mitgenommen wegen der Serie und… es war ein Reflex."
„Gut, denn ich habe auch nur reflexartig den Kuss erwidert." Seine Augen wanderten zu ihren Lippen. „Aber das ist gewollt." Dieses Mal beugte er sich zu hinüber. Zunächst ließ er seine Lippen nur sanft über ihre gleiten, doch als Meredith seinen Kopf näher heranzog, vertiefte er den Kuss.
Es war Meredith egal, dass als noch immer verheiratete Frau mit ihrem besten Freund auf der Couch herum machte. Es waren schließlich nur Reflexe. Die bewirkten, dass sie sich nach und nach ihre Kleider auszogen, die reflexartig auf den Boden geschmissen wurden. Es konnten auch nur ihre Reflexe sein, die sie dazu brachten ihre Beine um seine Hüften zu schwingen als er ihr auf den Rücken legte. Ihr Verstand hatte nämlich spätestens ab dem Zeitpunkt aufgegeben, als Derek ihren Hals mit seinen Lippen erforschte, nur um den richtigen Punkt zu finden, der sie aufstöhnen ließ. Sie wollte sich auch keine Gedanken mehr machen, ob sie dabei war, einen Fehler zu machen. Ihr Verstand hatte ihr längst mitgeteilt, dass er sich morgen früh erst wieder melden würde. Also konnte sie genauso gut diesen Abend genießen.
