Kapitel 12 – Das Kapitel mit den Folgen danach
Callie's Wohnung
"Benji?" Callie öffnete die Tür zum Kleiderschrank und schüttelte dann über sich selber den Kopf, dass sie ihren Sohn tatsächlich im Schrank vermutete. Doch die Zeit drängte. Sie musste zur Arbeit und Benji vorher noch in den Kindergarten gebracht werden. Ungeduldig schob sie die Tür wieder zu und machte sich weiter auf die Suche nach ihrem verschollenen Sohn. "Komm schon, Benjamin Harold Torres, das ist jetzt nicht mehr witzig!" rief Callie streng. Sie ging zurück in ihr Schlafzimmer und öffnete den großen Flügelschrank. Auch hier keine Spur von Benji. Noch während sie darüber nachdachte, wo sie als nächstes suchen könnte, hörte sie ein Rascheln. Sie kniete sich auf den Boden und schaute unters Bett. "Hier steckst du also!" Sie ergriff seine Beine und zog ihn vorsichtig unter dem Bett hervor. "Was fällt dir ein, dich einfach zu verstecken?" Sie sah ihn streng an. "Du weißt doch, dass wir zu spät zum Kindergarten kommen." Erst jetzt bemerkte sie, dass Benji's Augen feucht glänzten. "Was ist denn los?" fragte sie mit weicherer Stimme. Sie hob den 3 ½ Jährigen aufs Bett und setzte sich daneben.
Benji hatte den Kopf gesenkt. Seine viel zu langen dunklen Ponyfransen fielen ihm dabei ins Gesicht, und er hielt etwas fest in seiner Hand umklammert.
"Was hast du da?" Callie deutete auf den Gegenstand. Es sah aus der Entfernung wie ein Stück Papier aus. "Gibst du es mir mal?"
Der Kleine schüttelte trotzig den Kopf, während sich seine kleine Faust noch fester um den Gegenstand schloss.
Genervt von Benji's Bockigkeit griff Callie nach seiner Hand und versuchte, die geschlossene Faust zu öffnen. Der Versuch gelang, und Callie stockte für einen Moment der Atem, als sie sah, was Benji in seiner Hand hielt. Es war ein völlig zerknicktes Foto auf dem Benji mit George abgebildet war.
Tränen strömten mit einem Mal über Benji's Gesicht, während er auf das Bild zeigte. "Daddy …" stieß er hervor.
Callie nickte. Ein dicker Kloss bildete sich in ihrem Hals, während sie das Foto anstarrte. Sie erinnerte sich an den Tag, als sie es gemacht hatte. Benji war etwas über ein Jahr alt gewesen, als er angefangen hatte zu laufen. Das Foto war entstanden auf einem seiner ersten Spaziergänge, die sie gemeinsam unternommen hatten. Callie hatte keine Ahnung, wie Benji an das Bild gekommen war. Sie war der Meinung gewesen, dass sie es damals George geschenkt hatte.
"Daddy böse?" fragte Benji in Callie's Gedanken hinein.
Sie sah ihn betroffen an. "Wie kommst du denn darauf?" Noch während sie die Frage stellte, wusste sie, was Benji meinte. George hatte sich seit Tagen nicht mehr bei ihnen gemeldet, und im Krankenhaus ging er ihr aus dem Weg. Callie wusste den Grund nur zu gut. Er hatte von ihrem Verlöbnis mit Marcus erfahren und sie gleich zur Rede gestellt. Vielleicht hätte sie ihm die Wahrheit sagen sollen. Aber sie hatte gelogen und behauptet, dass sie Marcus lieben würde. Wieso hatte sie gelogen? Sie liebte ihn nicht. Er war wie ein Freund für sie. Mit dem Abstand von einer Woche fragte sie sich mittlerweile, wieso sie seinen Antrag überhaupt angenommen hatte. Vielleicht war es ein Moment der Schwäche gewesen. Ein romantisches Restaurant, Kerzen, Blumen, ein Geiger, der "I will love you forever" spielte … Es war der perfekte Moment … Nur mit dem falschen Mann. Callie sah auf ihren Verlobungsring. Marcus hatte sich nicht lumpen lassen. Der Stein hatte sicher ein Vermögen gekostet. Als freiberuflicher Systemberater verdiente er sicher sehr gut. Es würde ihr und Benji an nichts fehlen, nur … Liebe. Callie war sich sicher, dass Marcus durchaus Gefühle für sie hatte. Aber sie glaubte nicht, dass er sie wirklich liebte. Sie kannten sich erst wenige Wochen. So schnell verliebte man sich nicht. Und doch hatte sie es getan - damals vor 5 Jahren. Und an diesen Gefühlen hatte sich bis heute nichts geändert. Und jedes Mal, wenn sie Benji ansah, wurde sie daran erinnert, dass sie nie haben konnte, was sie so sehr begehrte. George's Blick war voller Hass gewesen, als er sich mit dem Worten "Viel Glück mit deinem neuen Leben!" verabschiedet hatte.
"Mama?" Benji zupfte an Callie's Ärmel. "Mama taurig?"
Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Wangen nass waren. Schnell wischte sie die Tränen mit der Hand fort und versuchte zu lächeln. "Nein." Sie strich ihrem Sohn liebevoll über den Kopf.
"Mama müde?" Benji legte seinen Kopf auf Callie's Schoss.
Sie nickte, während sie wieder mit den Tränen kämpfte. Die Hochzeit sollte in zwei Monaten stattfinden. Marcus war bereits auf der Suche nach einem Haus für seine neue Familie. Alles war perfekt. Wieso konnte sie nicht glücklich sein? Sie tippte Benji leicht auf die Schulter. "Hey, Sportsfreund, wir müssen los." Sie versuchte, so heiter wie möglich zu klingen, obwohl sie sich innerlich miserabel fühlte.
Benji nickte und richtete sich auf. Er griff nach dem Foto, dass Callie achtlos neben sich gelegt hatte. "Daddy soll mitkommen!" sagte Benji in einem Ton, der absolute Entschlossenheit zeigte.
Callie lächelte. Er war George in vielem ähnlich. Aber die Hartnäckigkeit hatte er von ihr geerbt. "Okay." Sie nickte. Sie würde ein ernstes Gespräch mit George führen müssen. Auch wenn er sie hasste, er durfte seinen Hass nicht auf Benji übertragen. Der Kleine konnte nichts für die Fehler seiner Eltern. Und sie würde nicht zulassen, dass diese Sache sie für immer entzweite. Was auch passieren würde, Benji war ein Teil von ihnen beiden. Und George konnte sich nicht jetzt, wo es mal schwierig wurde, aus der Affäre ziehen. "Na komm, beeilen wir uns!" Callie zog Benji die Schuhe an und hob ihn dann vom Bett. "Es wird wirklich Zeit!"
Er nickte und rannte in den Flur und griff nach seiner Jacke. Sorgsam verstaute er das Foto in seiner Jackentasche, bevor er in die Ärmel schlüpfte. Stolz präsentierte er danach sein Werk. Callie griff lächelnd nach den Autoschlüsseln, während sich Benji seine Butterbrotstasche um den Hals hing. "Fertig?" Callie sah ihn erwartungsvoll an.
Benji nickte. "Fertig."
"Okay, dann los!" Sie öffnete die Tür, ergriff Benji's Hand und verließ die Wohnung.
Im Krankenhaus
Meredith betrat müde den Flur. Gähnend sah sie zur Seite als sie ein Geräusch hörte. Mit aufgerissenen Augen beschleunigte sie ihren Schritt und eilte die Treppen hinunter. So schnell sie konnte lief sie aus der Haustür heraus zu ihrem Wagen, den sie auch gleich startete und mit Vollgas davon fuhr. Seufzend reduzierte sie nach einer Weile wieder ihre Geschwindigkeit, da sie keinen Unfall bauen wollte. Aber sie mied noch immer Derek, was nahezu unmöglich war. Immerhin lebten sie zusammen und hatten dummerweise auch noch die gleiche Arbeitsstelle. Aber seit sie miteinander geschlafen hatten, konnte sie ihn nicht mehr in die Augen sehen.
Nachdem Meredith sich umgezogen hatte, schlich sie vorsichtig um die Ecken der Krankenhausflure. Alles was sie erreichen musste war, nicht alleine auf Derek zu treffen. So konnte sie das unumgängliche Gespräch meiden. Als sie endlich die Schwesternstation erreicht hatte, atmete sie auf.
„Okay, spuck es aus. Was immer du auch angestellt hast." Cristina hatte Meredith seit dem Verlassen der Umkleidekabine verfolgt und wusste jetzt, dass etwas nicht stimmte.
„Was soll sein? Und warum soll ich etwas gemacht haben?" Meredith runzelte die Stirn, mied aber vorsichtshalber Cristinas Augen.
„Du kannst mir nichts vormachen. Etwas ist vorgefallen und ich will es wissen." Cristina stemmte die Hände in die Seite. Ihr Blick starr auf Meredith gerichtet, die nervös an ihrem Kittel nestelte. „Meredith, was hast du gemacht?"
„Gar nicht. Und selbst wenn, dann geht es dich nichts an." Meredith schüttelte den Kopf und drehte sich von ihrer Freundin ab. Sie ließ sich eine Patientenakte geben, die sie kurz einsah. „Ich muss dann mal los. Wir sehen uns später?" Sie wartete Cristinas Kopfnicken ab und drehte sich danach um, nur um schreiend die Akte fallen zu lassen, als sie gegen Derek rannte.
„Hat er immer noch die Wirkung, Frauen zum Schreien zu bringen?" Mark war zu ihnen gestoßen und beobachtete amüsiert wie Derek verzweifelt Meredith helfen wollte, die aber ständig wieder etwas fallen ließ, wenn sie von Derek berührt wurde.
„Nicht nur das. Man oder besser Frau verliert sogar seine Muskelfunktionen." Cristina schüttelte fassungslos den Kopf. Mit der größten Verwunderung sah sie dann wie Meredith, nachdem sie endlich die Unterlagen zusammen hatte, in eine Richtung verschwand und Derek in die entgegen gesetzte.
„Darf ich fragen, was das war?" Mark sah von Derek zu Cristina, die noch immer Meredith im Auge hatte. „Was haben die beiden denn? Schon seit Tagen benehmen sie sich so merkwürdig."
„Ich habe aus Meredith nichts heraus bekommen." Sie sah seufzend zu Mark auf, der ihr zunickte.
„Da Derek sich mir nicht anvertrauen wird." Er blickte in die Richtung, in die Meredith verschwunden war und dann wieder zu Cristina. „Nehmen wir sie uns einfach getrennt vor. Du Derek und ich Meredith. Vielleicht erfahren wir so mehr."
Cristina nickte ihm zu. „Dann wollen wir mal." Sie rieb sich voller Freude die Hände als sie Derek nacheilte, während Mark sich auf die Suche nach Meredith machte.
Krankenhaus - Dr. Webber's Büro
"Sie wollten mich sprechen, Sir?" Dr. Bailey betrat das Büro des Chiefs und sah ihn verunsichert an.
"Ja, setzen sie sich doch", erwiderte er und machte eine Geste, dass sie Platz nehmen sollte.
"Um was geht es?" Miranda Bailey knetete nervös ihre Finger. Es war nie besonders erfreulich, außerhalb der normalen Sprechzeiten in Dr. Webber's Büro gerufen zu werden. Sie überlegte, was sie getan hatte. Doch so sehr sie sich den Kopf auch zermarterte, es fiel ihr nichts ein.
"Ich habe jahrelang diskret über alle möglichen Verfehlungen, die in diesem Krankenhaus passiert sind, hinweg gesehen", begann er mit seiner Rede. "Ich habe es stillschweigend hingenommen, dass männliche Kollegen weibliche Kollegen geschwängert haben, das sich Individuen gleichen Geschlechts zu eheähnlichen Verbindungen zusammen schlossen und das die Bereitschafts-, Wäscheräume, Aufzüge und Büros , etc. für Dinge genutzt wurden, die ich hier nicht näher definieren möchte." Er stoppte kurz und räusperte sich. "Ich will damit sagen, dass speziell die vorhin genannten Räume über Jahre zweckentfremdet wurden."
"Sir, wenn ich auch einmal etwas dazu sagen darf …" versuchte Dr. Bailey einen Einwand.
"Ich bin noch nicht fertig!" Er kratzte sich nachdenklich an der Stirn. "Wo war ich stehen geblieben?"
"Die vorhin genannten Räume wurden zweckentfremdet", wiederholte Miranda Bailey den Satz noch einmal geduldig.
"Ach ja .." Er tippte sich an den Kopf. "Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass dies ein anständiges Krankenhaus ist, und ich ab sofort erwarte, dass Moral und Anstand mit dem nötigen Respekt begegnet werden!" Er machte eine kurze Pause, und sah die junge Vorgesetzte mit einem bohrenden Blick an. "Und sie sind mir dafür verantwortlich, dass diese Regeln von nun an auch eingehalten werden!"
Dr. Bailey fiel die Kinnlade nach unten. Sie wusste nicht, ob sie geschockt oder beeindruckt sein sollte. "Könnten sie vielleicht noch einmal genau erklären, was sie unter Moral und Anstand verstehen?" fragte sie vorsichtig nach.
"Sie meinen an einem praktischen Beispiel?" Er zog die Stirn kraus und dachte nach. "Also wenn ein verheirateter Mann ein Verhältnis mit einer Kollegin anfängt, dann würde ich das nicht gerade als moralisch bezeichnen", stieß er hervor.
Dr. Bailey nickte. "Nein, Sir. Da stimme ich ihnen zu. Gibt es einen aktuellen Fall hier am Krankenhaus?" fragte sie misstrauisch.
Dr. Webber nickte. "Mir ist zu Ohren gekommen, dass sich Dr. Karev und Dr. Stevens heimlich privat treffen."
Nur mit Mühe konnte sich Dr. Bailey das Lachen verkneifen. "Sie wohnen zusammen", erklärte sie schmunzelnd. "Da ist es wohl ganz natürlich, dass sie sich auch öfter privat sehen."
Dr. Webber schnappte nach Luft. "Sie wohnen zusammen? Aber Dr. Karev ist doch verheiratet!" stieß er empört hervor.
"Oh, das … Ich habe mich vielleicht falsch ausgedrückt", druckste Dr. Bailey herum, als sie seinen geschockten Gesichtsausdruck sah. "Dr. Stevens wohnt in dem Haus zur Untermiete. Sie haben getrennte Wohnungen. Also sie wohnen nicht zusammen im Sinne von … zusammen leben, sondern sie wohnen gemeinsam unter einem Dach, verstehen sie, was ich meine?"
Dr. Webber nickte mechanisch. "Aber ich habe gehört, wie sich einige Schwestern darüber unterhalten haben, dass sie die beiden nachts auf dem Parkplatz gesehen hätten."
"Sie belauschen die Gespräche der Schwestern? Also wirklich, Dr. Webber!" Miranda Bailey hob empört eine Augenbraue.
Er sah schnell zu Boden und bückte sich dann, um einen imaginären Fussel aufzuheben. "Nun, wenn sie mir versichern, dass nur ein reines Mietverhältnis zwischen Dr. Karev und Dr. Stevens besteht, dann bin ich schon beruhigt."
Dr. Bailey nickte. "Sie hatte sich verletzt und er brachte sie zum Krankenhaus. Ich habe die Wunde selber genäht. Danach fuhr er sie wieder nach Hause. Das war's. Ganz harmlos." Sie zuckte mit den Schultern und stand wieder auf. "Darf ich jetzt gehen?"
Dr. Webber nickte. "Ja, natürlich. Und vielen Dank für ihre offenen Worte. Jetzt bin ich doch schon viel beruhigter."
Miranda Bailey verließ das Büro des Chief und lehnte sich draußen gegen die Wand. Es widerstrebte ihr, den Chef anzulügen. Aber in diesem Fall hatte sie noch nicht einmal Beweise. Aber die Art und Weise, wie Izzie Stevens an dem Tag ihres Unfalls über ihren "Lebensretter" gesprochen hatte, hatte sie aufhorchen lassen. Es war nur so ein Gefühl, aber oftmals lag sie richtig mit ihrem Gefühl. Und ihr Gefühl sagte ihr, dass Izzie Stevens in Dr. Karev verknallt war. Für sie als neue Wächterin der Tugend und Moral eine niederschmetternde Feststellung. Seufzend stieß sie sich von der Wand ab und ging zurück an ihre Arbeit.
Im Krankenhaus
Cristina stieß eine Brünette OP Schwester zur Seite, die unnütz mitten auf dem Gang stand. Ungehalten entdeckte sie wieder die Haarpracht die sie schon die ganze Zeit verfolgt hatte. Grinsend stellte sie fest, dass sie richtig vermutet hatte. Derek war auf dem Weg auf das Dach des Krankenhauses.
Mark sah noch aus dem Augenwinkel heraus, dass seine Zielperson in das Treppenhaus verschwunden war. So schnell er konnte lief er hinüber, da er sie auf keinen Fall verpassen wollte. Als er die Tür öffnete sah er hinunter. Zufrieden atmete er auf. Meredith war wie er es vermutete hatte auf dem Weg in den Keller des Krankenhauses.
Ihre Haare fest zusammen gebunden, öffnete Cristina die Tür, die auf das Dach führte. Sofort wehte ihr ein starker Wind entgegen. Dennoch wusste sie es zu schätzen, dass er sich einen einsamen Ort zum Nachdenken ausgesucht hatte, denn so konnte sie sicher sein, keine Zeugen in der Nähe zu haben.
„Es ist mir egal, dass du nicht mit mir reden willst. Ich will wissen, was zwischen dir und Meredith vorgefallen ist." Sie stellte sich neben Derek und sah ihn eindringlich an. „Also los. Rede schon."
Als er an einem Kaffeeautomaten vorbei ging, stoppte Mark kurz. So ein Gespräch konnte vermutlich eine Auflockerung gebrauchen. Als er ein paar Münzen aus seinem Kittel zog, hielt er inne. Eigentlich wollte er wissen was los ist und kein Frauengespräch führen. Entschlossen setzte er seinen Weg fort bis er gefunden hatte, was er suchte.
„Es ist mir egal, dass du noch sauer auf mich sein könntest. Oder bist." Er sah zu Meredith, die ihn erst jetzt so richtig wahrnahm. „Also was ist zwischen dir und Derek vorgefallen?"
„Cristina, du hast es schon richtig erkannt. Ich will nicht mit dir reden." Derek starrte weiterhin in die Ferne. Da Cristina aber nicht wegrückte, rieb er sich frustriert durch das Gesicht. „Was muss ich machen, damit du weggehst?"
Sie schnaubte lachend auf. „Mit mir reden?" Mit verschränkten Armen lehnte sie sich mit dem Rücken gegen das Geländer. „Ich bin hartnäckig, solltest du wissen. Egal wo du hingehst, ich werde dir folgen."
„Mark, ich habe kein Interesse daran, mit dir zu reden." Meredith hatte es sich auf einem der abgestellten Betten bequem gemacht. „Und schon gar nicht, wenn es um Derek geht." Fügte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu.
Er schüttelte den Kopf als er sich neben sie setzte. „Das lasse ich nicht gelten. Ich habe Mist gebaut, aber so wie es aussieht, war ich nicht der einzige." Er sah zu ihr hinüber. „Ich werde erst locker lassen, wenn du mir gesagt hast, was los ist."
„Es geht dich ehrlich gesagt nichts an." Derek sah kurz zu ihr hinüber, richtete seinen Blick dann aber wieder auf die aufgehende Sonne.
„Und hier liegt bereits der größte Irrtum vor. Denn irgendwas ist zwischen dir und Meredith vorgefallen." Cristina drehte sich zu Derek um. „Und wenn etwas mit Meredith ist, dann betrifft es mich."
„Warum sollte ich dir etwas sagen, Mark?" Meredith zog ihre Knie an sich. Sie sah zu Mark hinüber, der sie daraufhin musterte.
„Auch wenn du meine Loyalität Derek gegenüber anzweifelst. Er ist mir wichtig." Er atmete tief durch. „Es reicht schon, dass er meinetwegen eine harte Zeit durchmacht. Ich will einfach nur helfen."
„Also schön." Derek atmete tief durch. Er richtete sich auf und drehte sich langsam zu Cristina um, die ihn erwartungsvoll ansah. „Neulich hatte ich einen schwachen Moment. Ich weiß nicht was passiert ist, außer das ich plötzlich Meredith zurück geküsst habe und dann haben wir miteinander geschlafen. Und seitdem gehen wir uns aus dem Weg."
Cristina sah ihn nachdenklich an, dann schlug sie ihm gegen die Schulter. „Du hast mir einen Schrecken eingejagt. Ich dachte schon, es sei was schlimmes passiert."
Meredith atmete tief durch. „Also schön." Sie veränderte ihre Sitzposition, damit sie Mark gegenübersaß. „Neulich hatte ich einen schwachen Moment. Ich habe Dinge gesagt, Derek hat Dinge gesagt und dann erinnere ich mich nur noch, dass ich ihn geküsst habe und dann haben wir miteinander geschlafen. Seitdem gehen wir uns aus dem Weg."
Mark runzelte nachdenklich die Stirn, dann schüttelte er verärgert den Kopf. „Ernsthaft, Meredith. Mich so zu erschrecken. Ich dachte wirklich, es sei was schlimmes passiert."
„Es ist schlimm." Protestierte Derek aufgebracht. „Ich habe meine beste Freundin verloren. Vorher konnte ich mit ihr über alles reden und jetzt verstecke ich mich im Zimmer, damit ich nicht mit ihr reden muss."
„Derek, ihr beide seid doch schon seit Jahren an der Hüfte fest operiert." Sie setzte ein amüsiertes Grinsen auf. „Jetzt habt ihr eure Hüften wenigstens mal richtig eingesetzt."
„Wie kannst du sagen, es sei nichts schlimmes?" Meredith schüttelte den Kopf. „Statt mit meinem besten Freund zu reden, stelle ich Tag für Tag Rekorde auf, weil ich so schnell vor ihm wegrenne, damit wir nicht miteinander reden müssen."
Mark setzte ein verschmitztes Grinsen auf. „Ihr ward doch schon immer unzertrennlich. Dieses Mal habt ihr eure Verbundenheit nur noch mehr untermauert."
„Ich finde das nicht lustig." Derek schnaubte verärgert auf. „Ich will Meredith nicht verlieren, nur weil wir Sex hatten."
„War es denn so schlecht, dass ihr euch nicht mehr ansehen könnt?" Cristinas Interesse war geweckt und sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Schön, dass du darüber lachen kannst. Ich nicht, denn ich will Derek nicht wegen dieser Sache verlieren." Meredith funkelte Mark wütend an.
Mark konnte sich das Lachen nicht mehr verkneifen. „Entschuldige, aber ich sehe das Problem nicht. Oder lief es gar nicht, dass es euch peinlich ist?"
Auf Dereks Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab, als er an die Nacht mit Meredith dachte. „Es war…" Er seufzte leise. „Toll. Es war mehr als das."
„Okay, werde nicht gleich zur Frau." Cristina fuchtelte mit den Armen vor seinem Gesicht herum, damit er stoppte.
„Im Gegenteil." Merediths Gesicht hellte sich bei dem Gedanken an ihre Nacht mit Derek auf. „Es war…" Sie seufzte leise. „Es war unbeschreiblich."
„Schon in Ordnung, ich habe verstanden." Mark stieß sie sachte gegen die Schulter, damit sie aufhörte zu schwärmen.
„Es ist auch nicht der Punkt." Derek lehnte sich gegen das Geländer. „Wir hätten nicht miteinander schlafen sollen und jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll."
„Was empfindest du denn für sie?" Hakte Cristina interessiert nach.
„Es spielt auch keine Rolle, denn wir hätten nicht miteinander schlafen sollen." Meredith stützte ihren Kopf ab. „Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll."
Mark sah sie fragend an. „Was empfindest du denn für Derek?"
Derek zuckte mit den Schultern. „Sie ist meine beste Freundin. Ich habe Angst davor, mehr als das für sie zu empfinden, denn ich will sie nicht verlieren. Sie versteht mich besser als ich mich selber und deswegen ist sie die wichtigste Person in meinem Leben." Seufzend fuhr er sich mit der Hand durch das Gesicht. „Aber ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nicht schon mal daran gedacht habe, wie es mit ihr wäre."
Cristina nickte ihm tief durchatmend zu. „Liebst du sie?"
Meredith blickte zu Mark auf. „Er ist mein bester Freund. Er kennt mich und ich kann mich auf sein Urteil verlassen. Ihn zu verlieren wäre das schlimmste für mich. Deswegen habe ich Angst davor, dass meine Gefühle über die einer Freundschaft hinaus gehen." Seufzend strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Aber in letzter Zeit habe ich öfter daran gedacht, wie es mit ihm wäre."
Mark sah sie mitfühlend an. „Liebst du ihn?"
„Ja." Derek nickte Cristina zu. „Aber ich will unsere Freundschaft nicht riskieren. Als wir uns kennen gelernt haben…" Sein Blick ging ins Leere als er an ihr erstes Zusammentreffen dachte. „Damals hätte ich es mir eher vorstellen können als heute. Denn jetzt weiß ich, was ich verlieren könnte."
„Sie über deine wahren Gefühle im Unklaren zu lassen, ist nicht die Lösung." Cristina sah Derek eindringlich an, der daraufhin zustimmend mit dem Kopf nickte.
„Ja." Antwortete Meredith ohne zu zögern. „Schon immer." Sie dachte sehnsüchtig an ihre erste Begegnung. „Aber es hat sich so vieles zwischen uns verändert. Ich will unsere Freundschaft nicht riskieren. Er bedeutet mir zu viel. Ich könnte es nicht ertragen, ihn zu verlieren."
„Aber du kannst deine wahren Gefühle nicht ewig vor ihm verheimlichen. Dadurch wird es nicht besser." Mark legte eine Hand auf ihren Arm, nachdem sie ihm zugenickt hatte.
„Cristina, sag Meredith bitte nichts davon." Derek sah sie fast flehentlich an. Als sie ihm nach einigem zögern zunickte, atmete er erleichtert auf. „Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, dass wir wieder miteinander reden können."
„Das wird sich mit der Zeit schon geben. Du weißt doch, wie sie ist." Cristina sah auf ihre Uhr. „Ich muss wieder los. Kann ich dich hier oben allein lassen?" Als Derek ihr zunickte, schenkte sie ihm ein aufmunterndes Lächeln und ging dann wieder zurück ins Treppenhaus. Sie wusste nach dem Gespräch, dass die beiden das alleine hinbekommen mussten.
„Mark, sag aber Derek nichts." Meredith sah fragend zu ihm hoch. Erst als dieser ihr zunickte, konnte sie wieder durchatmen. „Im Prinzip muss ich nur einen Weg finden, wie wir wieder miteinander reden können."
„Da mache ich mir keine Gedanken. Und du kennst Derek. Das gibt sich bald." Er sah auf die Uhr und atmete tief durch. „Ich muss los. Kann ich dich allein lassen?" Als sie ihm zunickte, drückte er sie zum Abschied kurz an sich, dann eilte er wieder ins Treppenhaus. Er spürte, dass die beiden das alleine hinbekommen mussten und er nicht weiter eingreifen sollte.
Haus der Karevs
Als Susanna die Tür zu ihrer Küche öffnete, glaubte sie für einen Moment, im falschen Haus zu sein. Da stand doch tatsächlich ihr Ehemann am Herd, um seine Hüften eine ihrer Schürzen geschlungen und rührte in einem Kochtopf. Mit gerunzelter Stirn ging sie auf ihn zu. "Alex? Was tust du da?"
Er hob erschrocken den Kopf, weil er sie erst jetzt bemerkte. "Kochen", gab er die lakonische Antwort.
"Du kochst? Seit wann?" Sie kam näher und schaute ihm über die Schulter. "Nudeln mit Tomatensoße?" Ihr Mund verzog sich zu einem Schmunzeln. "Nun, ich finde es ganz süß von dir, dass du für mich kochst, aber ich habe schon im Flugzeug gegessen."
Angespannt rührte er weiter in seinem Kochtopf herum, während er fieberhaft überlegte, was er nun antworten könnte. "Ich habe nicht für dich gekocht", stieß er schnell hervor.
"Ach nein?" Susanna sah irritiert zum Tisch hinüber, auf dem zwei Teller standen. "Für wen sonst? Wenn ich mich nicht verzählt habe, dann stehen dort zwei Teller."
Alex unterbrach seine Rührerei in der Tomatensoße und schaute auf. "Es ist …" Er räusperte sich nervös. " … für Izzie. Sie hatte einen kleinen Unfall und kann sich derzeit nicht selber versorgen", fügte er schnell hinzu, als er Susanna's fragenden Blick sah.
"Und da hast du dich bereit erklärt, für sie zu kochen?" Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass er wirklich fähig war, ein genießbares Essen auf den Tisch zu bringen.
Alex nickte. Er nahm die Nudeln vom Herd und kippte sie dann in ein Sieb ab.
Verwundert sah Susanna ihrem Mann dann dabei zu, wie er scheinbar routiniert die Nudeln auf den Teller füllte und die Tomatensoße darüber goss. "Du hast mir nie erzählt, dass du kochen kannst."
Du weißt vieles nicht von mir, lag ihm auf der Zunge. Aber er schluckte die Bemerkung hinunter. Die letzten Tage waren eine Zerreißprobe seiner Nerven gewesen. Jetzt, wo Izzie verletzt war, war es quasi unumgänglich geworden, dass er sich um sie kümmerte. Und es machte ihn schier wahnsinnig, sie ständig um sich zu haben und sich dabei auch noch neutral zu verhalten. Seit zwei Tagen hatte er auch wieder diese merkwürdigen Träume, und er empfand es als ein Paradoxon, dass sie nur eine Etage über ihm schlief und doch unerreichbar war. Er hatte geglaubt, er könnte seine Gefühle verdrängen. Doch je mehr er versuchte, sich in ihrer Gegenwart zusammen zu reißen, desto quälender wurde der Wunsch, sie ganz für sich zu haben. Er war verheiratet. Er durfte diese Gedanken nicht haben. Wie oft hatte er sich das in den letzten Tagen gepredigt. Doch es nützte nichts. Die Gefühle waren da, und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.
"Alex? Ich glaube, die Nudeln werden kalt, wenn du noch länger hier herumstehst". Susanna sah ihn amüsiert an.
"Was?" Irritiert, dass ihn jemand aus seinen Gedanken risst, schaute er hoch.
"Die Nudeln." Susanna deutete auf den Teller. "Soll ich sie Izzie bringen, bevor sie noch ganz kalt werden, oder willst du das erledigen?"
"Geh du!" Er drückte ihr den Teller in die Hand, erleichtert darüber, seine Arbeit abgeben zu können.
Susanna nickte und verließ dann mit dem Teller die Küche.
Leise stöhnend ließ sich Alex auf den nächsten Küchenstuhl sinken und fuhr sich durchs Haar. So ging es nicht mehr weiter. Er musste mit Susanna reden. Und was noch viel wichtiger war … Er musste mit Izzie reden. Er musste ihr einfach sagen, was er fühlte, auch wenn sie vielleicht nicht dasselbe für ihn empfand. Vielleicht würde das die ganze Situation entspannen. Und was konnte schon passieren? Schlimmstenfalls würde sie ihm eine Ohrfeige verpassen und vielleicht ausziehen. Alex spürte, wie sich bei dem Gedanken daran, sein Magen zusammen zog. Aber besser so, als ewig davon zu laufen. Und danach würde er mit Susanna sprechen. Oder halt! Vielleicht war es doch besser anders herum? Susanna war schließlich seine Ehefrau. Eigentlich sollte sie die erste Priorität haben. Aber Izzie war die Frau, die er liebte … Alex' Kopf schoss nach oben, als Susanna die Küche wieder betrat.
"Sie bedankt sich recht herzlich bei dir", sagte sie lächelnd. "Ich soll dir ausrichten, dass sie sich bei dir revanchieren würde wenn es ihrer Hand wieder besser geht."
Alex lächelte säuerlich. Er musste handeln - und zwar schnell. Hastig sprang er auf. "Ich habe heute Spätschicht. Warte also nicht auf mich." Er gab Susanna noch einen flüchtigen Kuss, band sich die Schürze ab und verließ die Küche.
"Wolltest du nichts mehr essen?" rief sie hinter ihm her, doch Alex war schon um die Ecke verschwunden. Susanna runzelte die Stirn. Irgendwie war sein Verhalten merkwürdig. Sie würde ein anderes Mal mit ihm darüber reden. Jetzt musste sie erst einmal das Chaos in der Küche beseitigen. Seufzend band sie die Schürze um und goss die Nudeln zurück in den Topf.
