Kapitel 15 – Das Kapitel mit den Spätfolgen
Izzie's Wohnung
Der Morgen nach einer durchzechten Nacht war öfter auch einmal geprägt von Überraschungen der besonderen Art - besonders, wenn man sich nicht mehr an die Nacht davor erinnern konnte. Diese Erfahrung musste auch Izzie machen, als sie von den Sonnenstrahlen geweckt wurde, die durchs Fenster schienen. Sie wunderte sich, dass sie anscheinend vergessen hatte, die Jalousie zu schließen. Normalerweise dachte sie daran, bevor sie ins Bett ging, um zu verhindern, dass sie schon bei Sonnenaufgang erwachte. Aber was ihr da entgegen schien war keine Morgensonne, das sah eher nach Mittagssonne aus. Wohlig räkelnd drehte sich Izzie auf die andere Seite, um auf den Wecker zu schauen, als ihr Blick auf ihr Nachthemd fiel, das achtlos zusammengeknüllt am Fußende lag. Wenn ihr Nachthemd da unten lag, was hatte sie dann an? Erinnerungsfetzen an die letzte Nacht kamen wieder hoch. Sie hatte Dart gespielt in Joe' s Bar und Champagner getrunken … viel Champagner … zuviel Champagner. Und Alex war da gewesen. Er hatte mit ihr geredet und sie waren nach draußen gegangen. Und dann? Izzie versuchte sich weiter zu erinnern, doch ihr Gedächtnis ließ sie im Stich. Vorsichtig tastete sie unter ihre Bettdecke und schloss für einen Moment erschrocken die Augen, als sie nackte Haut fühlte. Sie war nackt?! Wieso war sie nackt? Was hatte sie getan, an das sie sich nicht mehr erinnern konnte? Okay, nicht ganz nackt, wie sie nach weiterem Abtasten feststellen konnte. Sie trug zumindest noch ihren BH und Slip. War sie alleine nach Hause gefahren? Sicher nicht. Sie war mit Alex gefahren, also hatte er sie wohl auch wieder mit nach Hause genommen … und ins Bett gebracht? Izzie hielt für einen Moment schockiert den Atem an, als sie sich vorstellte, dass es womöglich Alex gewesen war, der sie ausgezogen hatte. Seufzend rieb sie sich ihre Stirn. Die letzten Stunden dieser Nacht waren völlig aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Langsam setzte sie sich auf und schaute sich um. Doch die Kopfbewegungen verursachten sofort leichte Übelkeit. Das war also die Strafe dafür, dass sie einmal in ihrem Leben Spaß haben wollte, dachte sie missmutig. Sie lehnte sich wieder stöhnend zurück und schloss die Augen. Es dauerte eine Weile, bis sie erkannte, dass das Klopfgeräusch nicht in ihrem Kopf war sondern von der Haustür kam.
"Moment!" Sie setzte sich wieder auf und atmete ein paar Mal tief durch, bevor sie sich erhob und schnell in ihren Bademantel schlüpfte, der am Garderobenhaken neben dem Bett hing. Mit langsamen, bedächtigen Schritten ging sie dann zur Tür.
"Guten Morgen!" Alex stand vor ihr, eine Bäckertüte in der Hand. "Ich habe für Susanna und mich gerade ein paar Brötchen geholt und dachte, dass du vielleicht auch welche magst."
Seine strahlend gute Laune war wie ein Fausthieb ins Gesicht. Izzie beschattete ihr Augen, weil ihr das grelle Licht im Flur Kopfschmerzen bereitete. "Danke, das ist lieb, aber …nimm sie wieder mit." Sie wedelte mit ihrer Hand in einer abweisenden Geste vor der Brötchentüte herum.
Alex konnte nur mit Mühe ein Schmunzeln verkneifen. "Der erste Kater danach ist der schlimmste. Aber dagegen hilft ein gutes Frühstück."
"Ich habe keinen Hunger …" Izzie's Hand flog zum Mund. "Mir ist schlecht und du redest von Essen", sagte sie vorwurfsvoll.
"Dir ist immer noch schlecht?" Sein Gesichtsausdruck wechselte von amüsiert zu besorgt.
"Was heißt denn "immer noch?" Izzie sah ihn lauernd an. Vielleicht hatte Alex die Informationen für sie parat, nach der sie so dringend suchte.
"Nun …" Er trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. "Die frische Luft gestern Nacht ist dir anscheinend nicht bekommen", druckste er herum. "Du hast auf dem ganzen Weg nach Hause nur …" Er machte eine Handbewegung, stoppte dann jedoch, als er Izzie's entsetzten Gesichtsausdruck sah.
"Oh nein … das Auto …" stammelte sie. "Du … du willst mir also sagen, dass ich in dein Auto …" Sie schlug die Hände vors Gesicht und lehnte sich stöhnend gegen die Tür.
"Es ist nicht so schlimm. Ich meine …" Er räusperte sich. "Ich habe gerade vorhin einen Termin bei einer Autoreinigungsfirma gemacht für eine professionelle Innenreinigung."
"Gibt es noch mehr was ich über die letzte Nacht wissen müsste?" stieß Izzie hervor. Kaum ausgesprochen bereute sie die Frage schon wieder. Sie war halb nackt unter ihrer Bettdecke gewesen. Was erwartete sie für eine Antwort von ihm?
Alex wurde blass. Er hatte befürchtet, dass die Frage kommen würde. Aber vermutlich dachte Izzie nicht an den Kuss sondern an etwas ganz anderes. "Du kannst dich an gar nichts mehr erinnern?" fragte er zögernd.
Sie schüttelte den Kopf. "Ich weiß, dass wir nach draußen gegangen sind." Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an. "Haben wir uns gestritten?"
Alex nickte. Er überlegte, ob er ihr von der Ohrfeige erzählen sollte, doch er verwarf den Gedanken gleich wieder. Vielleicht war es gut so, dass sie sich an nichts mehr, was danach geschehen war, erinnern konnte.
"Und dann?" Izzie hob den Kopf und sah ihn mit erwartungsvollem Blick an. "Sind wir dann gleich nach Hause gefahren?"
Er zögerte einen Moment, bevor er antwortete. "Du bist plötzlich eingeschlafen", sagte er ruhig.
"Oh …" Izzie sah ihn verwirrt an. "Ich kann mich wirklich an gar nichts mehr erinnern." Sie zog den Gürtel ihres Bademantels fester um sich. "Und du hast mich dann … ausgezogen?"
Alex verdrehte die Augen. "Nun, ich konnte dich ja wohl schlecht in deinen vollgek…" Er brach ab und räusperte sich. "Also dein Kleid und die Schuhe liegen in einem Plastikbeutel verschnürt im Keller."
"Es … es tut mir leid …" Izzie senkte schnell den Kopf. Die Situation war ihr mehr als unangenehm. "Ich scheine immer nur alles zu ruinieren ... erst dein Hemd und nun dein Auto."
"Du hast nichts ruiniert." Eigentlich war der Satz nicht dazu geeignet, ausgesprochen zu werden. Aber nun war es zu spät.
Izzie hob überrascht die Augenbrauen. "Soll das heißen, dass ich irgendwann wieder in deinem Wagen mitfahren darf?"
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über Alex' Gesicht. "Nach der Innenreinigung."
Izzie lächelte. "Ja ... Danke Alex … für alles!"
"Wofür?" Er hob fragend die Augenbrauen. "Ich habe nichts getan."
"Du hast mich nach Hause gebracht, mir die schmutzigen Sachen ausgezogen, mir ins Bett geholfen …" zählte sie auf. Sie stoppte mitten im Satz und hob ihr Gesicht zu ihm. "Und ich habe nichts, was ich dir dafür geben kann."
Es lag ihm auf der Zunge zu sagen, dass sie ihm schon mehr gegeben hatte, als er jemals erwartet hatte. Doch er schluckte die Bemerkung hinunter. Dieser demütige Blick aus ihren braunen Augen war fast mehr, als er ertragen konnte. Wie gerne hätte er sie jetzt in seine Arme geschlossen, wie er es schon wenige Stunden zuvor getan hatte. Wie gerne hätte er jetzt seinen Mund auf ihren gesenkt, die Weichheit ihrer Lippen gespürt, die Feuchte ihrer Zunge, die Wärme ihres Körpers unter seinen Händen gefühlt ... Er trat schnell einen Schritt zurück und presste die Brötchentüte fester an sich. "Ich … ich muss gehen!" stieß er hervor.
"Ja ... ist gut. Bis nachher!" Izzie sah ihm Stirn runzelnd hinterher, wie er in beinahe halsbrecherischem Tempo die Stufen nach unten nahm.
Im Krankenhaus
Meredith sah auf ihren Pager hinab. Irgendetwas musste sie falsch gemacht haben, denn er schien immer nur dann los zu gehen, wenn er nicht sollte. Doch viel deprimierender war, dass sie fälschlicherweise angefunkt worden war. Seufzend bog sie um die Ecke, die zur Umkleidekabine führte.
„Ich sehe, dass du Zeit hast." Finn tauchte hinter Meredith auf und hielt sie am Arm fest. „Dann können wir reden."
„Lass mich los." Sie riss an ihrem Arm, doch Finn lockerte seinen Griff nicht, sondern zog sie weiter zu der Umkleidekabine. „Finn, würdest du mich los lassen?"
„Richtig. Hatte ich ja vergessen. Du willst lieber von Derek angefasst werden." Als die Tür der Umkleidekabine sich hinter ihnen wieder geschlossen hatte, löste er den Griff und verschränkte die Arme vor der Brust.
Meredith verdrehte genervt die Augen. „Ich habe keine Ahnung wovon du redest." Sie rieb sich über den schmerzenden Oberarm.
„Muss ich erwähnen, dass du noch verheiratet bist?" Finn trat wütend gegen die Tür. „Und was sollte dieses Kostüm auf dieser Party? Ich erkenne dich gar nicht wieder."
Stirnrunzelnd musterte Meredith Finn. „Woher weißt du, was ich an hatte? Spionierst du mir nach?"
Räuspernd trat Finn von einem Bein auf das andere. „Das spielt keine Rolle woher ich das weiß. Du bist verheiratet und machst mit einem anderen Kerl rum."
„Ich mache mit niemand rum." Wütend ballte Meredith ihre Fäuste. Sie trat einen Schritt auf ihn zu. „Und die Tatsache, dass du mich nicht erkennst könnte man auch anders deuten. Du hast mich nie richtig gekannt."
„Stimmt. Ich hätte wissen müssen, dass eine Frau, die bei ihrer Hochzeit noch 2 Promille Restalkohol im Blut hat, keine geeignete Ehefrau darstellt." Schnaubend beugte er sich zu ihr vor und sah sie dabei herausfordernd an. Da Meredith nur ihren Kopf schüttelte, zuckte er mit den Schultern. „So wie du dich an ihn ranschmeißt, willst du was von ihm. Könnte ein Problem werden, wenn du weiterhin verheiratet bist."
„Finn, die Scheidung läuft bereits und laut meinem Anwalt ist es nur eine Frage der Zeit bis sie rechtskräftig wird." Sie musterte ihn erneut, nachdem sich in ihr ein ungutes Gefühl aufgebaut hatte.
„Die Scheidung basiert auf einer falschen Angabe. Ich bestehe darauf, dass ein Punkt hinzugefügt werden muss." Er umfasste grinsend den Türgriff. „Du hast mich während der Ehe betrogen."
Meredith trat um Finn herum, damit sie die Tür blockieren konnte. „Ich habe dich nicht betrogen. Wenn du so etwas behauptest, dann möchte ich Beweise sehen."
„Beweise?" Finn lachte höhnisch auf. „Du lebst bei dem Mann, mit dem du mich betrogen hast."
„Ich lebe bei meinem besten Freund. Er hat mich aufgenommen, nachdem ich bei dir ausgezogen bin. Nachdem ich die Scheidung eingereicht habe." Sie funkelte ihn verärgert an, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob er von dem kleinen Unfall wusste.
„Als ob ich dir noch abkaufe, dass ihr beide nur Freunde seid. So wie ihr beide getanzt habt." Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, nur um sie gleich wieder zu richten. Räuspernd senkte er seinen Blick. „Ihr seid keine Freunde Und ich bin mir sicher, dass das auch während unserer Ehe so war."
„Wenn du dich lächerlich machen willst, dann geh den Weg weiter. Alles was du finden wirst ist die Tatsache, dass Derek und ich schon immer enge Freunde waren und mehr nicht." Wütend riss sie die Tür auf und stürmte hinaus. Damit er sie nicht noch einmal abfangen konnte lief sie geradezu in das nächste Treppenhaus, wo sie sich schwer atmend gegen die Wand lehnte. Finn wusste zu viel und sie fürchtete, dass er von ihrer Nacht mit Derek erfahren hatte. Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, denn ihr war klar, was sie zu machen hatte.
Callie's Apartment
Callie wurde wach, als sich ein Arm um sie legte und sie Lippen an ihrem Hals spürte. "George…" murmelte sie noch schlaftrunken und kuschelte sich enger an den warmen Körper. Erstaunt stellte sie fest, dass sich der Griff um ihre Taille plötzlich lockerte.
"Sollte ich mir vielleicht Gedanken darüber machen, dass du von deinem Ex-Freund träumst?"
Erschrocken riss Callie die Augen auf. Sie war mit einem Mal hellwach. "Was?"
"Du hast mich gerade "George" genannt", sagte Marcus mit vorwurfsvoller Stimme.
Callie lag für einen Moment da wie erstarrt, bevor sie sich langsam zu ihm umdrehte. "Ich … ich habe nicht von George geträumt. Ich …habe nur gerade darüber nachgedacht, dass er mir … versprochen hat, Benji von seiner Mutter abzuholen", stotterte sie.
Marcus bedachte sie mit einem skeptischen Blick. "Das klang vorhin aber anders." Er seufzte tief und legte dann wieder seinen Arm um sie. "Aber das Problem hat sich sowieso bald von sich aus erledigt", sagte er ruhig.
"Wie meinst du das?" Callie sah ihn verwirrt an.
Marcus sah sie nachdenklich an, bevor er antwortete. "Nun, ich wollte es dir eigentlich erst später sagen, aber mein Boss hat mir eine leitende Position in New York in Aussicht gestellt. Noch ist nichts spruchreif. Aber wenn, dann müssten wir bald umziehen."
Callie machte sich in seinen Armen steif. "Du willst nach New York ziehen?" Ihre Stimme hörte sich eigenartig fremd in ihren Ohren an.
Marcus strich ihr zärtlich über die Wange. "Nein, Liebes, wir werden nach New York ziehen."
Callie setzte sich ruckartig auf. "Und was ist mit meinem Job und … Benji?"
"Es gibt auch in New York Krankenhäuser." Marcus lächelte. "Ich bin sicher, dass es kein Problem sein wird, dass du schnell wieder einen Job bekommst. Und Kindergärten für Benji gibt es wie Sand am Meer."
Callie saß da wie betäubt. "Es … es gefällt mir aber hier, Marcus", stieß sie verzweifelt hervor. "Ich möchte nicht weg aus Seattle. Ich habe hier meine Freunde und Benji ebenfalls und …" Sie stoppte. Beim Gedanken daran, dass der Kleine seinen Vater dann nur noch einmal im Jahr sehen würde, brach ihr das Herz. Und auch sie würde George dann nicht mehr sehen können … Tränen liefen auf einmal über ihre Wangen.
"Callie, Süße …" Marcus setzte sich auf und zog sie in seine Arme. "Du findest neue Freunde und Benji auch. Kinder in dem Alter vergessen schnell." Er wischte ihr die Tränen von der Wange. "Und dein Ex-Freund kann seinen Sohn an den Feiertagen sehen … Ostern, Weihnachten, Geburtstag …." Er lächelte wieder. "Es gibt für alles eine Lösung."
Callie entzog sich vorsichtig Marcus' Umarmung und warf die Bettdecke zurück. "Ich … gehe ins Bad und mache dann Frühstück", sagte sie mit mühsam beherrschter Stimme.
Marcus nickte. "Ist gut. Ich fahre nachher noch einmal ins Geschäft." Er sah sie neugierig an. "Musst du heute arbeiten?"
Callie schüttelte mechanisch den Kopf. "Ich hole nachher Benji von Louise ab."
"Ich dachte, das würde dein Ex-Freund machen", sagte Marcus verwundert.
Callie rang sich ein Lächeln ab. "Nein …ja … keine Ahnung …" stotterte sie. "Vielleicht hat er verschlafen. Ich werde auf jeden Fall anrufen und fragen, wie es Benji geht."
"Na schön." Marcus seufzte und kuschelte sich dann wieder ins Bett. "Ich döse noch ein wenig."
Callie nickte, bevor sie nach ihrem Bademantel griff, hinein schlüpfte und dann ins Bad hinüber ging. Sorgsam schloss sie die Tür hinter sich zu und setzte sich auf den Badewannenrand. Hier war sie alleine. Hier konnte sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Sie schlug die Hände vors Gesicht und begann leise zu weinen …
Im Krankenhaus – Notaufnahme
Derek hatte wie immer, wenn es um Kinder ging einen Kloß im Hals. Tief durchatmend betrat er das Zimmer, in das er gerufen wurde. Sofort spürte er die Augen auf sich.
„Mein Name ist Dr. Shepherd." Er reichte der aufgeregten Mutter die Hand und rang sich ein aufmunterndes Lächeln ab. „Was ist denn passiert?"
„Scott glaubt ein Superheld zu sein. Er hat es geschafft auf den Schrank zu klettern und ist dann gesprungen. Er ist mit dem Kopf hart auf den Boden aufgeschlagen." Die Frau stockte als sie erneut von ihren Gefühlen übermannt wurde und zu weinen begann.
Derek nickte ihr verständnisvoll zu und beugte sich dann zu dem kleinen Jungen hinunter, der ihn ängstlich anblickte. „Du brauchst keine Angst zu haben. Superhelden kennen doch so etwas schließlich nicht." Er zwinkerte dem Jungen zu, der daraufhin mutig mit dem Kopf nickte. „Wie heißt du denn?"
„Scott Davis und ich bin 5 Jahre alt und bald bin ich 6 Jahre alt." Klärte Scott mit einem bestimmenden Kopfnicken.
„Das erübrigt die Frage, ob du bald 6 wirst. Immerhin ein wichtiges Alter." Er nickte dem Jungen zu. „Ich müsste dich kurz untersuchen. Ist das in Ordnung?"
„Wird das wehtun?" Verängstigt umklammerte Scott mit seiner kleinen Hand das Lacken während er hilfesuchend zu seiner Mutter blickte, die wiederum Derek ansah.
„Nein, es wird nicht wehtun." Versicherte Derek mit einem ernsten Gesicht. Als der Junge ihm zunickte, rückte Derek näher an das Bett heran. „Kannst du mit den Augen meinem Finger folgen?" Er machte ein paar Bewegungen mit seiner Hand und war mit dem Ergebnis zufrieden. Lächelnd wandte er sich der Mutter zu. „Ich denke, dass es nichts größeres ist. Er kann auf die Fragen antworten. Wir machen noch ein Röntgenbild von seinem Kopf um sicher zu gehen. Sollte das Bild in Ordnung sein, dann können sie ihn wieder mit nach Hause nehmen."
„Und sie glauben nicht, dass er andere Verletzungen haben könnte?" Die Frau sah ihn mit einem Anflug von Panik in den Augen an.
Derek schüttelte vehement den Kopf. „Nein, ich erwarte ein positives Ergebnis. Machen sie sich keine Sorgen." Er drehte sich wieder zu Scott um, der ihn mit großen Augen ansah. „Wir machen jetzt mit einem speziellen Fotoapparat ein Bild von deinem Kopf. Danach sehen wir uns wieder." Er sah noch einmal zu der Mutter und verließ danach das Zimmer wieder.
„Etwas ernstes?" Bailey's Stimme schreckte Derek hoch.
„Nein, nur eine große Beule nach einem tiefen Sturz." Seufzend fuhr sich Derek durch das Gesicht. „Allerdings reicht mir schon die Aufregung zu so einem Fall gerufen zu werden."
„Geht uns allen so." Sie zuckte mit den Schultern als sie sich wieder umdrehte.
„Dr. Bailey, haben sie Dr. Grey gesehen?" Er folgte ihr zu den Aufzügen.
„Sie ist nach Hause gegangen." Erneut zuckte sie mit den Schultern und richtete ihren Blick auf die Patientenunterlagen, die sie bei sich trug. Als sie Derek noch immer neben sich spürte, hob sie ihren Kopf wieder an. „Ist noch etwas?"
„Meredith… Dr. Grey ist nach Hause? Warum?" Nachdenklich sah er auf den Boden. Sie hatte ihm nicht gesagt, dass sie früher gehen konnte. In ihm stieg erneut das ungute Gefühl hoch. „Ist sie krank?"
„Woher soll ich das wissen?" Bailey verdrehte ihre Augen. „Sie wohnen doch mit ihr zusammen, was ich übrigens alles andere als vorteilhaft finde."
„Wir sind Freunde und sie hat schließlich ein Dach über dem Kopf gebraucht nach der Scheidung." Verärgert blieb Derek stehen und funkelte dabei Bailey an.
„Meines Wissens ist die Scheidung nicht durch." Jetzt war auch Bailey stehen geblieben. „Und selbst wenn, dann finde ich es noch immer unpassend. Immerhin sind sie der Vorgesetzte von Dr. Grey."
„Unterstellen sie mir, dass ich sie bevorzuge?" Er schnappte aufgebracht nach Luft.
„Sie stehen sehr häufig mit ihr im OP. Häufiger als mit den anderen Assistenzärzten." Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust, nachdem sie sich vor Derek aufgebaut hatte.
„Wir arbeiten gut zusammen." Konterte Derek wütend. „Da ihnen schon aufgefallen ist, dass ich der Vorgesetzte von Dr. Grey bin. Ich bin es auch von ihnen." Auch wenn er sich beherrschen wollte, so hatte er doch die Stimme gehoben, weswegen er sich jetzt räusperte. „Was zwischen Dr. Grey und mir privat läuft oder auch nicht läuft, geht keinen etwas an."
„Natürlich nicht, Dr. Shepherd." Sie hob eine Augenbraue als sie Derek genau beobachtete. „Allerdings geht es Dr. Grey's Ehemann etwas an. Der war eben hier und sah überhaupt nicht glücklich auch."
„Finn war hier?" Derek senkte nachdenklich den Blick. „Haben er und Meredith gemeinsam das Krankenhaus verlassen?"
„Woher soll ich das wissen? Ich habe lediglich mitgeteilt bekommen, dass er da war." Sie sah misstrauisch zu Derek hinüber. „Sie sollten einmal ihre berufliche und private Beziehung zu Dr. Grey überdenken. Der Chief sieht es schon seit längerer Zeit nicht mehr so gerne, dass das Personal die Grenzen überschreitet."
Geschlagen lehnte sich Derek gegen die Wand. „Wir sind nur Freunde. Da können keine Grenzen überschritten werden."
„Wenn sie meinen." Bailey zuckte mit den Schultern. „Wenn sie mich entschuldigen würden. Ich habe noch zu tun." Damit drehte sie sich von Derek weg und ging zu den Aufzügen.
Für einen Moment sah Derek ihr noch nach, dann schüttelte er den Kopf. Auch wenn er es nicht gerne zugab, aber er und Meredith hatten längst eine Grenzüberschreitung. Er wusste, dass es nur eine Lösung für das ganze geben konnte. Zumal Finn mal wieder aufgetaucht war und er Meredith nicht in Schwierigkeiten bringen wollte.
Haus der O'Malleys
Lächelnd schaute George auf den kleinen plüschigen Clownfisch, den er in der Hand hielt, während er die Türglocke bediente. Er schaute hoch und lächelte, als sich ihm zwei Kinderarme entgegenstreckten.
"Daddy!"
George hob Benji auf die Arme und drehte sich mit ihm ein paar Mal um die eigene Achse, bevor er ihn wieder absetzte. "Schau, was ich dir mitgebracht habe!" Er streckte seinem 3 ½ jährigen Sohn das Plüschtier entgegen.
"Nemo!" Benji's Augen strahlten vor Glück, während er seinen weichen Spielkameraden an sich presste.
George schaute hoch, als die Tür sich weiter öffnete und seine Mutter im Türrahmen erschien. "Hey Mom!" Er beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. "Ich hoffe, ich komme nicht zu früh?"
"Nein, schon gut. Benji hat mich um 7 Uhr geweckt. Da war an Schlaf nicht mehr zu denken." Louise O'Malley rollte mit den Augen, während sie George eintreten ließ. "Er ist genauso ein Frühaufsteher wie du früher." Sie ging weiter in die Küche. "Möchtest du einen Kaffee? Ich habe gerade frischen gemacht."
George schüttelte den Kopf, während er Benji zusah, wie er mit seinem Fisch spielte. "Er ist so groß geworden", sagte er nachdenklich, während er auf dem Sofa Platz nahm. "Ich kann es nicht glauben, dass er im Sommer schon 4 wird."
"Und er wird noch größer." Louise lachte und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. "Es ist erschreckend, wenn man sieht, wie schnell die Kinder erwachsen werden. Und dann kommt die Zeit, wo sie aus dem Haus gehen und einen alleine lassen." Sie seufzte tief.
"Du brauchst keine Angst zu haben, dass ich dir so schnell ausbüchse." George grinste. "Und Callie und ich sind dir wirklich dankbar, dass du dich so um Benji kümmerst."
"Was sagt eigentlich Marcus dazu?"
George's Gesicht nahm einen abweisenden Ausdruck an. "Was meinst du?" Die Frage war überflüssig, denn er wusste, worauf seine Mutter anspielte. Worauf sie jedes Mal anspielte, wenn es um das Thema 'Marcus' ging.
"Nun, bald ist die Hochzeit, und es wird dann sicher einige Veränderungen für euch alle geben …", begann sie zögernd.
"Was soll sich denn ändern?" George zog die Stirn kraus. "Auch wenn sie heiraten bleibt Benji mein Sohn."
"Natürlich bleibt er das", sagte Louise mit sanfter Stimme. "Aber Marcus möchte dann vielleicht nicht, dass …"
George sprang auf. "Es interessiert mich nicht, was Marcus will!" stieß er aufgebracht hervor.
"George …" Louise sah ihren Sohn erschrocken an. So kannte sie ihn gar nicht.
"Ich werde nicht zulassen, dass irgendetwas oder irgendjemand zwischen Benji und mich kommt!" Er ging ins Nebenzimmer und nahm seinen Sohn auf den Arm. "Komm Benji, wir gehen!"
"George, warte!" Louise ging hinter den beiden her. "Du solltest dich da nicht einmischen. Callie ist glücklich - das erste Mal seit langer Zeit. Mach ihr das nicht kaputt!" sagte sie eindringlich.
"Du bist wohl mächtig stolz auf dich, dass du ihr diesen …" Er suchte nach dem passenden Ausdruck …" diesen … diesen Lackel auch noch angepriesen hast", stieß er sarkastisch hervor.
"George!" Louise sah in entsetzt an. Sie lächelte ihrem Enkel gezwungen zu. "Benji, Liebling, geh doch noch mal ins Wohnzimmer spielen. Dein Daddy und ich haben noch etwas zu besprechen."
George schoss seiner Mutter einen wütenden Blick zu, ließ Benji dann aber auf den Boden runter. "Ja, geh noch ein wenig spielen", murmelte er.
Langsam richtete er sich auf, als er sich vergewissert hatte, dass Benji sie nicht mehr hören konnte. "Ich weiß nicht, was wir beiden noch zu besprechen hätten. Von meiner Seite aus ist alles dazu gesagt", sagte er kühl.
Louise schüttelte den Kopf. "Du sagst mir jetzt, wieso du Marcus so hasst! Ich merke schon seit einiger Zeit, dass du ihn nicht magst." Sie seufzte. "Ich dachte, du würdest dich darüber freuen, dass Callie endlich einen Mann fürs Leben gefunden hat?"
"Sie liebt ihn nicht." Er sah schnell auf den Boden.
"Woher weißt du das?" Louise zog fragend die Augenbrauen nach oben.
George starrte weiterhin auf den Fußboden. Er wusste nicht, was er antworten sollte. Er erinnerte sich mit einem Mal an die vergangene Nacht, wie er sie in seinen Armen gehalten und sie ihren Kopf auf seine Schulter gelegt hatte. Der Gedanke, dass sie vielleicht gerade jetzt in diesem Moment in Marcus Watson's Armen lag, schmerzte mehr, als er sich selber eingestehen wollte.
"George?"
Erschrocken schaute er hoch. "Du hast Recht. Ich sollte mich da nicht einmischen." Er ging zurück ins Wohnzimmer. "Komm jetzt, Benji! Gib der Oma einen Kuss. Wir fahren dann."
Verwirrt runzelte Louise die Stirn. Sie konnte George's plötzlichen Stimmungswechsel nicht ganz nachvollziehen. Aber mit dem Instinkt einer Mutter spürte sie, dass er etwas vor ihr verbarg. Sie drückte Benji ein letztes Mal an sich und sah ihrem Sohn und Enkel dann nachdenklich hinterher, als sie das Haus verließen.
Derek's Haus
Unsicher betrat Derek ein dunkles Haus. Er wusste nicht, wie er mit Meredith über diese Sache reden sollte. Als er ein polterndes Geräusch aus dem oberen Stockwerk hörte, runzelte er verwundert die Stirn. Mit schweren Beinen bewältigte er die Treppe nach oben. Wieder hörte er es poltern und direkt danach auch ein Fluchen, was eindeutig von Meredith stammte. Lächelnd öffnete er ihre Zimmertür und erstarrte dann bei dem Anblick, der sich ihm bot.
„Was machst du?" Er ließ seinen Blick über die Koffer gleiten, die auf dem Bett lagen.
„Ich packe, Derek." Meredith biss sich auf die Unterlippe. Eigentlich hatte sie gehofft fertig zu sein bevor er nach Hause kam.
„Warum?" Geschockt ließ er sich auf das Bett fallen, weswegen einer der Koffer runter rutsche und nur knapp neben seinen Füßen zum Liegen kam. Als er den Koffer wieder aufhob schüttelte er über sich den Kopf. Sie hatte die gleiche Idee gehabt wie er.
„Finn will die Scheidung in die Länge ziehen, weil er mir vorwirft, ich hätte ihn betrogen." Traurig wandte sie sich von Derek ab und packte ein paar Hosen in den großen Koffer vor ihr. „Ich sollte ausziehen, damit er keine Grundlage hat."
„Ich weiß." Murmelte Derek leise. Er beobachtete Meredith eine Weile, dann stand er wieder vom Bett auf. „Ich lasse dich dann in Ruhe packen. Wenn du Hilfe brauchen solltest, dann ruf mich einfach."
„Danke." Ohne aufzusehen nickte Meredith mit dem Kopf. Kaum war Derek aus ihrem Zimmer verschwunden, hatte sie auch schon Tränen in den Augen. Sie ließ die Pullover aus ihrer Hand gleiten und hielt sich die Hände vor ihr Gesicht. Als sie zwei Arme spürte, die sich um ihre Taille wanden, sah sie verwundert auf.
„Oder du bleibst einfach hier wohnen." Derek legte sein Kinn auf ihre Schulter ab während er sie fest an sich drückte.
Meredith wischte sich die Tränen von ihrer Wange. Erleichtert sich in seinen Armen fallen lassen zu können, atmete sie befreit durch, doch dann schüttelte sie energisch den Kopf. „Nein, Derek. Es geh nicht." Sie löste sich aus der Umarmung und bückte sich nach den Pullovern, die sie fallen gelassen hatte.
„Meredith, könntest du das sein lassen?" Er ging neben ihr in die Hocke, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. Da sie ihn ignorierte, richtete er sich wieder auf und beobachtete sie bei ihrer Arbeit. Es dauerte nicht lange bis Meredith frustriert die Sachen auf den Boden warf und ihn genervt ansah. „Vielen Dank." Er griff nach ihrer Hand, die er leicht drückte.
„Also schön. Was schlägst du vor?" Sie ging mit ihm zusammen zum Bett. Bevor sie sich auf die weiche Matratze fallen lassen konnte, hatte er sie bereits auf seinen Schoß gezogen.
„Du bleibst hier wohnen. Finn hat nichts in der Hand." Er strich beruhigend über ihren Oberarm.
„Ich weiß nicht." Sie seufzte leise während sie von seinem Schoß rutschte. „Allein, dass wir zusammen wohnen dürfte für viele Hinweis genug sein."
„In Ordnung." Er senkte seinen Blick und betrachtete sich für eine Weile die offen stehenden Koffer. „Und wie sollen wir uns in Zukunft verhalten? Dürfen wir noch miteinander reden?"
„Derek, nicht. Glaubst du, dass mir das hier leicht fällt?" Sie sah ihn mit frischen Tränen in den Augen an.
„Eigentlich wollte ich dir einen Auszug vorschlagen als ich heim gekommen bin." Er schluckte hart, um den Kloß aus seinem Hals zu bekommen. „Aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob es richtig ist."
„Zumindest würden sie aufhören zu reden." Erwiderte Meredith mit erstickter Stimme. Sie wischte sich erneut die Tränen von der Wange während sie mit ihrer anderen Hand nach seiner griff.
„Sie reden so oder so. Wie weit willst du gehen? Wir dürften noch nicht einmal miteinander reden, geschweige denn zusammen arbeiten." Er drückte ihre Hand, mehr um sich selbst zu beruhigen.
„Das ist wohl leicht übertrieben." Sie verdrehte die Augen und schüttelte dabei den Kopf. Als sie Derek neben sich leicht in sich zusammensacken sah, schluckte sie hart. „Was? Was ist los?"
Derek strich sich mit der Hand durch die Haare. „Nichts weiter. So wie es aussieht denken einige, dass ich dich bevorzuge."
„Und? Machst du es?" Sie sah ihn fragend an. Seine Schweigsamkeit war ihr dann Antwort genug. „Ich denke, dass es wirklich besser ist, wenn ich ausziehe." Mit hängendem Kopf zog sie ihre Hand zurück und stand wieder vom Bett auf.
„Ich verlange Miete von dir. Dann wärst du eine reguläre Mieterin." Grinsend lehnte sich Derek auf dem Bett zurück. Nach einer Weile fing er an zu lachen.
„Du findest das lustig?" Meredith sah von ihrem Koffer hoch, den sie dabei war umzupacken.
Derek lehnte sich auf den Ellenbogen und hob amüsiert die Augenbraue. „Stell dir nur mal vor auf was für Ideen sie kommen würden, wie du die Miete bezahlst." Er fing erneut an zu lachen, wurde aber gestoppt als er mehrere Pullover gegen das Gesicht geschleudert bekam. Kurz darauf wurde sein Körper von Meredith auf die Matratze gepresst. „Ist das die Kaution?"
Meredith ließ wieder von ihm ab und setzte sich an den Bettrand. „Du bist nicht gerade hilfreich." Seufzend senkte sie ihren Kopf.
„Kann sein." Grinsend setzte sich Derek neben sie. „Finn kann dir nichts beweisen, weil es nichts zu beweisen gibt und im Krankenhaus werden sie immer etwas finden, was sie sich während den Pausen unbedingt erzählen müssen." Er legte seinen Arm um sie. „Wenn du ausziehst, dann haben sie wieder etwas neues."
Tief ausatmend sah sie zu ihm hoch. „Vielleicht hast du… Kann sein." Ein Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. „In Ordnung. Ich sollte dir aber wirklich Miete bezahlen, wenn ich hier schon wohnen darf."
Derek runzelte die Stirn. „So weit kommt es noch. Ich werde mit Sicherheit keine Miete von dir verlangen." Er küsste sie sanft auf die Wange bevor er wieder vom Bett aufstand. „Soll ich dir mit den Koffern helfen?"
„Nein. Du hast schon genug geholfen." Sie ließ sich von ihm hochziehen. Seufzend begann sie ihre Sachen wieder in den Schrank einzuräumen. Da Derek noch immer neben ihr stand, sah sie lächelnd zu ihm hoch. „Wenn du schon helfen willst, dann mach etwas zu essen."
„Wie immer bestimmend." Er zwinkerte ihr lächelnd zu bevor aus dem Zimmer ging. Seufzend lehnte er sich gegen die Wand. Er konnte es sich gar nicht mehr vorstellen ohne Meredith zu leben und allein der Gedanke daran, dass er sie fast verloren hätte, ließ seinen Magen zusammenkrampfen. Tief durchatmend machte er sich schließlich auf den Weg in die Küche.
