Kapitel 17 - Das Kapitel der großen Überraschungen und kleinen Geschenke

Im Krankenhaus – Keller

Meredith streckte sich gähnend als sie von einem der abgestellten Betten aufstand. Als sie Schritte hörte, drehte sie sich neugierig um. Da sie gleich Cristina erkannte, widmete sie sich der Ordnung ihrer Patientenunterlagen, die sie vervollständigt hatte.

„Du hast Arbeit mitgebracht?" Cristina beugte sich nach vorne, um einen Blick auf die Akten zu werfen.

„Bin schon fertig." Erwiderte Meredith trocken. Ihr steckte noch die viel zu kurze Nacht in den Knochen und der Gedanke, dass sie erst in ein paar Stunden nach Hause durfte, verdrängte eine höfliche Antwort. Allerdings schien Cristina das ohnehin egal zu sein, da sie sich längst auf ein anderes Bett gelegt hatte und an die Decke starrte.

„Wann hast du heute eigentlich Dienstfrei?" Cristina hatte sich auf dem Bett gedreht, so dass sie Meredith ansehen konnte.

„Warum willst du das wissen? Du hast heute Nacht doch ohnehin Dienst." Verwundert über Cristinas Frage, sah Meredith von den Akten hoch.

„Nur so." Cristina zuckte mit der Schulter bevor sie sich wieder auf den Rücken drehte. „Wann hast du denn jetzt Schluss?" Hakte sie schließlich nach ein paar Sekunden nach und versuchte dabei so beiläufig wie möglich zu klingen.

Nachdenklich runzelte Meredith die Stirn. Als Cristina sich erneut zu ihr umdrehte, stemmte sie eine Faust in die Seite und musterte ihre Freundin genau. „Was soll die Frage? Schon seit Wochen erkundigst du dich nach meinem Dienstplan. Könntest du mich mal einweihen?"

„Ist es etwa so ungewöhnlich, dass ich nachfrage?" Cristina mied sorgfältig den prüfenden Blick. Räuspernd richtete sie sich auf und setzte sich dann an den Bettrand. „Ich versuche nur eine gute Freundin zu sein."

„Als ob ich dir das glauben würde." Meredith verdrehte kurz die Augen und hob dann fragend eine Augenbraue. Doch Cristina mied weiterhin Augenkontakt, weswegen Meredith sich schließlich vor ihr aufbaute. „Jetzt wäre der Punkt erreicht, an dem wir beide mit der Wahrheit rausrücken."

„Du bist unmöglich." Empört sprang Cristina vom Bett auf und stieß dabei Meredith unsanft zur Seite. „Ich bekunde mein Interesse und du zweifelst mich an."

Irritiert ließ sich Meredith auf das Bett fallen. „Ganz ehrlich. Ich komme nicht mit. Was ist mit dir los?"

„Gar nichts." Cristina trat von einem Bein auf das andere. „Allerdings weiß ich jetzt, dass es dir nicht recht ist, wenn man sich um dich kümmert."

Meredith hatte das Gefühl, dass sie je länger das Gespräch dauerte, sie immer weniger verstand. Vor allem wurde sie aus ihrer langjährigen Freundin nicht schlau. „Cristina, ich habe nichts dagegen, wenn sich jemand um mich kümmert." Sie sah Cristina mit einem fragenden Gesichtsausdruck an. „Aber in den letzten Wochen habe ich immer einen, der mir nachläuft. Letzte Woche ist mir Mark sogar bis auf die Toilette nachgerannt. Und Derek? Der ist inzwischen mehr eine Art Bodyguard als sonst was."

Nervös sah Cristina auf den Boden. „Das kommt dir nur so vor. Ich habe weder bei Mark noch bei Derek das Gefühl, dass sie sich merkwürdig benehmen." Räuspernd riskierte sie einen kurzen Blick auf Meredith.

Skeptisch schüttelte Meredith den Kopf als sie an ihrem Arztkittel nestelte. „Du willst sagen, dass es für Mark normal ist, wenn er Frauen auf die Toilette folgt." Sie runzelte die Stirn als sie über ihre eigenen Worte nachdachte. „Vielleicht hast du Recht. Das ist für ihn nichts ungewöhnliches."

„Sag ich doch." Nickend bestätigte Cristina den Gedankengang ihrer Freundin und hoffte gleichzeitig, dass sie das andere fallen lassen würde.

„Gut, dann ist Marks Verhalten erklärt. Aber was ist mit Derek los?" Meredith blickte zu Cristina auf, die leicht zusammen zuckte.

„Derek ist doch auch so wie immer." Cristina trat erneut nervös von einem Bein auf das andere. „Wann hat er denn in der Vergangenheit nicht an deinem Arztkittel gehangen?"

Misstrauisch beobachtete Meredith das Verhalten ihrer Freundin und schüttelte nach ein paar Momenten mit dem Kopf. „Wenn du meinst, dass damit auch Derek sich normal verhält. Dann erkläre mir doch bitte einmal, was mit dir los ist."

„Mit mir?" Cristina spielte die Überraschte und deutete mit dem Zeigefinger auf sich selbst. „Wenn hier eine normal ist, dann bin das immer noch ich. Genauso gut könnte ich dich fragen, warum du so merkwürdig reagierst, wenn man Interesse bekundet."

„Wenn du meinst." Schulterzuckend stand Meredith vom Bett auf und sammelte ihre Akten auf. „Ich bekomme noch heraus, was mit dir los ist."

„Gar nichts." Beteuerte Cristina lautstark als sie sich Meredith in den Weg stellte. „Du hattest heute Nacht viel zu tun und ich würde mich für dich freuen, wenn du rechtzeitig nach Hause gehen könntest."

„Schon klar." Erwiderte Meredith sarkastisch, da sie von Cristinas Erklärungen alles andere als überzeugt wurde. Hinzu kam, dass auch Derek in den letzten Wochen ausweichend auf die massiven Dienstplanänderungen reagiert hatte. „Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest. Ich muss diese Akten wegbringen, damit ich pünktlich raus kann."

„Natürlich." Cristina trat mit gesenktem Blick zur Seite, um Meredith den Weg frei zu geben.

„Danke." Murmelte Meredith noch immer verwundert über Cristinas merkwürdiges Verhalten. Da sie wusste, dass sie von ihr nichts erfahren würde, beließ sie es dabei und machte sich auf den Weg zum Treppenhaus. Allerdings formte sich mit jedem Schritt das Vorhaben, abends Derek auf den Zahn zu fühlen. Etwas stimmte nicht und sie würde es jetzt endlich erfahren.

Cafeteria

Nervös schaute Callie auf die Uhr, während sie unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her rutschte. Was sie nun tun musste war nicht einfach für sie, und sie wusste auch noch nicht, ob sie die richtigen Worte finden würde. Doch Marcus war den Tag zuvor nach New York abgereist, um dort seinen neuen Job anzutreten und hatte sie gebeten, reinen Tisch mit George zu machen. Callie hatte gehofft, dass er bis nach Weihnachten warten würde, doch er hatte sich kurzfristig anders entschieden. Benji und sie würden das Weihnachtsfest alleine verbringen. Sie hatte es ihm nicht gezeigt, aber es machte sie doch betroffen, dass sie einen Mann heiraten würde, dem Familientraditionen so wenig bedeuteten. Unwillkürlich hatte sie an das erste Weihnachtsfest mit Benji zurückdenken müssen. Er war zu dem Zeitpunkt 6 Monate alt gewesen und hatte bereits angefangen, krabbelnd die Gegend unsicher zu machen. George hatte sie damals besucht, um mit ihr und Benji zusammen das erste Weihnachtsfest zu feiern. Und ihm hatte der Kleine möglicherweise auch sein Leben zu verdanken. Denn in einem unbedachten Moment hatte Benji die Tischdecke samt Gedeck und brennender Kerze vom Tisch gerissen und damit beinahe das ganze Wohnzimmer in Brand gesteckt. Nur durch George's beherztes Eingreifen konnte das schlimmste verhindern werden. Benji war mit einer Beule und einem Schock davon gekommen. Doch George hatte damals darauf bestanden, dass er trotzdem ins Krankenhaus gebracht wurde, damit man ihn dort untersuchen konnte. Callie schreckte aus ihren Gedanken hoch, als sie sah, wie George auf sie zukam.

"Hey!" sagte er lächelnd. „Gibt es etwas besonderes, weshalb du mich sprechen willst?" Er setzte sich neben sie und sah sie fragend an.

Callie's Kehle fühlte sich mit einem Mal wie zugeschnürt an. Alles was sie sich zurechtgelegt hatte, war mit einem Mal aus ihrem Gedächtnis verschwunden. „George ... ich wollte dir ... sagen, dass ..." Sie stoppte mitten im Satz und schaute auf ihre zitternden Hände herab.

„Ist was mit Benji?" fragte er alarmiert.

Callie erkannte die Panik in seiner Stimme und hob schnell den Kopf. „Benji?" Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Benji geht es gut", stieß sie schneller hervor. „Es geht um ..." Sie räusperte sich nervös. ..." ... Marcus." Sie war erleichtert, dass es raus war. Abwartend sah sie George an.

„Was ist mit ihm?" Seine Augen hatten sich sichtlich verengt. Das Thema "Marcus" saß ihm nach wie vor schwer im Magen.

„Marcus ist gestern nach New York geflogen", fuhr Callie schnell fort, bevor er sie wieder unterbrechen konnte. „Er ... er hat dort geschäftlich zu tun." Nun, das war zwar wahr aber trotzdem beschönigte es nur die Wahrheit, dass er eigentlich dort war, um auch dort zu bleiben.

George nickte. „Und?"

„Er wird über Weihnachten nicht hier sein." Sie schaute wieder auf ihre Hände. In zwei Monaten würde dort, wo nun ihr Verlobungsring saß, noch ein zweiter Ring sitzen – ihr Ehering. Wieso machte sie der Gedanke daran nur so traurig?

„Das tut mir leid ... für dich und für Benji meine ich." George räusperte sich. „Vielleicht habt ihr Lust, zu mir zu kommen?" Er rang sich ein Lächeln ab. „Ich bin noch frei."

Es lag ihr auf der Zunge, ihm zu antworten, dass sie es nicht war. Aber zu ihrer eigenen Überraschung stimmte sie seinem Vorschlag zu. „Ja, ich denke, das würde Benji gefallen."

„Gut." Ein Lächeln huschte über George's Gesicht. „Dann wäre das also geklärt."

„Gut", bestätigte sie. Callie hatte das seltsame Gefühl, dass alles, was sie nun sagte und tat nicht mehr ihrem Willen unterlag. Sie hatte ihn hierher bestellt, um ihm mitzuteilen, dass sie in wenigen Wochen für immer nach New York ziehen würde. Wieso nahm sie jetzt seine Einladung an, mit ihm das Weihnachtsfest zu feiern? Und wie würde Marcus darauf reagieren?

George schaute auf die Uhr und erhob sich dann. „Sei mir nicht böse, aber ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr. Ich hole Benji nach Feierabend ab, damit er bei mir übernachten kann." Er hob irritiert die Augenbraue, als er Callie's abwesenden Gesichtsausdruck sah. „Hast du gehört, was ich gesagt habe?"

Sie nickte mechanisch. „Ja ... Benji abholen ... heute nach Feierabend", wiederholte sie mit monotoner Stimme.

George nickte und lächelte dann. „Dann sehen wir uns also später."

Callie nickte wieder. Sie schüttelte leicht den Kopf, um sich zu vergewissern, dass sie das alles nicht träumte. Sie hatte die Chance vertan, mit ihm zu reden. Was war nur in sie gefahren? Ungeachtet der anderen Kantinengäste, breitete sie leise stöhnend ihre Arme auf dem Tisch aus und ließ dann ihren Kopf darauf fallen.

Im Krankenhaus – Bereitschaftszimmer

Mark kratzte sich nervös an seinem Kinn während er gebannt auf das Display seines Handys starrte. Nachdem er bereits seit Minuten in der gleichen Position verharrte, spürte er wie die Nackenmuskulatur allmählich zu schmerzen begann. Frustriert legte er das Handy neben sich. Mit kreisenden Kopfbewegungen löste er die Verspannung in seinem Nacken wieder. Das piepende Geräusch seines Handys ließ ihn aufschrecken. Doch kaum hatte er die Nachricht gelesen, warf er das Handy wieder neben sich. Als die Tür zum Bereitschaftszimmer aufgestoßen wurde, sah er nur kurz nach oben, ließ seinen Kopf aber schnell wieder hängen.

„Du hast also auch nichts von ihr gehört." Cristina ließ sich erschöpft neben Mark nieder. Die Kopfschmerzen, die sie schon seit einigen Minuten hatte, verstärkten sich wieder. Seufzend rieb sie sich mit den Fingerspitzen die Schläfen, doch sie bewirkte nur einen stärkeres Schmerzgefühl, weswegen sie ihre Bemühungen schnell wieder einstellte.

„Was fällt Meredith ein, sich einfach so zu verdrücken?" Mark stand wutentbrannt auf und lief in dem kleinen Raum umher. Wild gestikulierend kam er vor Cristina zum Stehen. „Keine Nachricht, kein Hinweis wo sie hin ist. Sie kann das nicht machen."

„Oh doch. Sie ist eine erwachsene Frau." Sie schüttelte tief durchatmend den Kopf. „Ich hätte heute Morgen anders reagieren sollen. Sie war misstrauisch geworden."

„Noch lange kein Grund, so eine Aktion zu starten. Was ist denn, wenn Finn sie geschnappt hat?" Erneut gestikulierte Mark wild mit seinen Armen umher. „Wir sollten die Polizei verständigen."

„Jetzt mach mal einen Punkt." Cristina stand vom Bett auf und legte ihre Hände auf seine Schultern. „Atme tief durch und überlass mir das Denken."

„Wie kannst du ruhig bleiben, wenn irgendein Psychopath deine beste Freundin entführt haben könnte?" Kopfschüttelnd riss er sich von ihr los, nur um sein umherlaufen im Zimmer fortzusetzen.

Cristina rieb sich wieder mit ihren Fingerspitzen die Schläfen. „Mark, ernsthaft. Ein Psychopath? Du willst ernsthaft die Polizei einschalten, weil du glaubst Finn sei ein Psychopath?" Sie runzelte nachdenklich die Stirn, denn so wie es aussah hatte Mark den Verstand verloren. Oder besser gesagt, hatten sich eben die wenigen funktionstüchtigen Gehirnzellen verabschiedet, die zu mehr fähig waren als an Frauen zu denken.

„Wie würdest du ihn denn nennen? Er hat doch wohl eine Schraube locker." Mark machte eine kreisende Bewegung mit seinem Zeigefinger. Er lehnte sich gegen die Wand und atmete tief durch. „Also? Wer ruft die Polizei an?"

„Keiner. Die erklären uns für verrückt." Sie setzte sich wieder auf das Bett. „Ich traue Finn so einiges zu, aber er macht mir nicht den Eindruck, dass er irgendwen in ein Kellerloch zieht und denjenigen mit irgendeinem Öl einreibt."

„Da wäre ich mir nicht so sicher." Protestierte Mark leicht als er sich von der Wand abdrückte und einen Blick auf seine Armbanduhr warf. „Sie hat sich seit vier Stunden nicht mehr gemeldet." Stellte er schließlich fest und ließ sich anschließend neben Cristina auf das Bett fallen.

„Wenn du die Polizei einschalten willst, dann muss sie noch 20 weitere Stunden vermisst sein." Erklärte Cristina mit einem nüchternen Tonfall. Da sie Marks misstrauischen Blick bemerkte, zuckte sie mit den Schultern. „Ich habe eben angerufen und nachgefragt. Das mit dem Psychopathen habe ich aber weggelassen."

„Wusste ich es doch." Er nickte ihr zu, senkte danach aber seinen Blick ab. „Hast du Finn heute irgendwo gesehen?"

Cristina schüttelte verneinend den Kopf. „Aber in seinen Tarnfarben kann man ihn ohnehin so schlecht ausmachen." Seufzend stützte sie ihren Kopf auf einer Handfläche ab. „Hast du irgendeinen interessanten Fall, mit dem wir uns ablenken können?"

„Vielleicht muss ich nachher bei meinem Patienten mit den Brandverletzungen noch einmal in den OP." Murmelte Mark leicht abwesend.

„Dann komme ich mit, bevor ich in der Notaufnahme vor Langeweile sterbe." Sie hielt sich die Hand vor den Mund als sie anfing zu gähnen.

„Du hast nur keine Lust, den ganzen Abend auf den Eingang zu starren, ob sie nicht doch Meredith reinkarren." Mark stand grinsend vom Bett auf und zückte seinen Geldbeutel. „Um wie viel wetten wir, dass Finn der Psychopath ist, der Frauen in dunkle Kellerlöcher sperrt."

„Was soll ich denn dagegen wetten?" Fragte Cristina stirnrunzelnd nach. „Vielleicht, dass es statt eines Kellerlochs eher ein Ponystall ist?" Sie stand ebenfalls vom Bett auf und suchte ihre Kitteltaschen ab. „50, dass es ein Ponystall ist."

„Da halte ich dagegen." Er nahm von Cristina das Geld entgegen und stopfte es in einen Umschlag. „Schwester Debbie vermutet übrigens eine Waldhütte und Tyler geht mit einem vergessenen Zimmer im Krankenhaus ins Rennen."

„Zählt das nicht zu Kellerloch?" Sie sah ihn fragend an.

„Nein. Kellerlöcher sind keine vergessenen Räume in öffentlichen Gebäuden. Wir haben das untereinander aber ganz klar definiert." Er öffnete die Tür und wartete auf Cristina, die sich nachdenklich an der Stirn kratzte. „Wir haben als Kellerloch „Das schweigen der Lämmer" als Bezug und der vergessene Raum im Krankenhaus wäre ein alter Putzschrank, der schon ewig nicht mehr benutzt wird."

„Auf deine Verantwortung. Es wird ohnehin der Ponystall werden. Ich habe immer Recht." Sie zuckte leicht mit den Schultern als sie an Mark vorbei ging. Zwar fühlte sie sich etwas unwohl, dass Meredith seit Stunden nicht auffindbar war, aber sie vertraute auf Merediths Schlagfertigkeit.

Im Krankenhaus - Frühgeborenenstation

Izzie stand gedankenverloren vor dem Inkubator eines Frühchens und schaute traurig auf den schlafenden Säugling herab. Sie hatte das Frühchen gerade wieder in sein gläsernes Bettchen zurückgelegt, nachdem die Mutter ihr Kind während des sogenannten „Känguruhens" eine Stunde auf ihrem Bauch liegen gehabt hatte. Das Verfahren zeigte gute Erfolge. So konnten Frühgeborene frühzeitiger das Krankenhaus verlassen, als ursprünglich geplant. Izzie war jedes Mal traurig, wenn einer ihrer Schützlinge, den sie über Wochen betreut hatte, nach Hause entlassen wurde. Aber sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass diese Babys nun in der schützenden Gemeinschaft der Eltern aufwachsen würden. Stark gemacht für das Leben da draußen hatten die meisten eine echte Chance. Während Izzie immer noch den Säugling betrachtete, spürte sie auf einmal, wie jemand hinter sie trat. Ohne sich umzudrehen wusste sie, dass es Alex war. Sie hatte mittlerweile eine Sensibilität entwickelt, dass sie ihn schon körperlich spürte, wenn er noch nicht einmal den Raum betreten hatte. Sie spürte, wie sich die feinen Härchen auf ihren Armen aufstellten und sich ihr Puls beschleunigte, je näher er kam. Ein Monat war vergangen, seitdem dieser „Unfall-Kuss" im Umkleideraum passiert war. Sie hatten beide so gut es ging den Vorfall verleugnet, bzw. heruntergespielt. Aber vor wenigen Stunden war etwas passiert, dass ihr Kartenhaus der Verleugnung ein und für allemal zum Einsturz gebracht hatte.

„Meine Pause ist beendet. Ich bin gekommen, um dich abzulösen", sagte Alex leise, während er sich neben sie stellte und sie von der Seite anlächelte.

„Nicht!" Izzie ging um den Inkubator herum und stellte sich auf die gegenüberliegende Seite.

„Was?" Irritiert runzelte er die Stirn, während er sie ansah.

„Sieh mich nicht so an!" Sie streckte einen Arm aus und hielt ihre Handfläche wie eine Art Schutzschild vor sich.

„Wie sehe ich dich denn an?" Er zog verwirrt eine Augenbraue nach oben.

„So ... so .." Izzie begann hilflos mit den Armen zu gestikulieren. Die Worte wollten einfach nicht über die Lippen, obwohl sie genau wusste, was sie sagen wollte.

Er zog die Stirn in Falten und ging nun ebenfalls auf die andere Seite des Inkubators, wo Izzie stand. „Ist alles in Ordnung mit dir?" erkundigte er sich besorgt.

Sie wich zur anderen Seite aus. „Komm nicht näher! Ich meine das ernst, Alex!" sagte sie drohend.

Er blieb abrupt stehen und sah sie mit einem verstörten Blick an. „Ich will jetzt wissen, was los ist!" sagte er in beinahe gebieterischem Ton. „Habe ich irgendwas getan?"

Izzie schüttelte den Kopf. „Ich ... ich will nur nicht, dass du mir zu nahe kommst. Das ist alles."

„Das ist alles?" Er sah sie fassungslos an. Er hatte plötzlich eine Vermutung, was Izzie's merkwürdiges Verhalten zu bedeuten hatte. „Du warst heute morgen bei Dr. Webber", begann er zögernd. „Ist dort etwas vorgefallen?"

Izzie schüttelte den Kopf, während sie die Arme um ihren Körper schlang. Sie hatte versucht zu verdrängen, was Dr. Webber sie gefragt hatte. Wie ein Angeklagter auf der Gerichtsbank war sie sich vorgekommen. Sie schloss die Augen, während sie die Szene in Dr. Webber's Büro noch einmal Revue passieren ließ.

Sie wurden gesehen, wie sie und Dr. Karev sich geküsst haben. Sie wissen schon, dass er verheiratet ist? Ich habe es von Anfang an kritisch gesehen, dass sie beide zusammen unter einem Dach leben. War das der erste Vorfall dieser Art? Wie lange läuft das schon zwischen ihnen beiden? Weiß Dr. Karev's Ehefrau Bescheid? Lieben sie Dr. Karev?

„Iz?" Alex trat näher auf sie zu. „Ist es wegen des Kusses?" Er legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter. „Ich habe Dr. Bailey bereits gesagt, dass es ein harmloser Kuss unter Freunden war." Er brach ab, als er sah, wie sich ihre Augen plötzlich mit Tränen füllten.

„Er hat mich behandelt, als ob ich ein Verbrechen begangen hätte!" platzte es aus Izzie hervor. „Er hat mir Fragen gestellt, wie lange das schon zwischen uns beiden laufen würde, und ob deine Frau darüber Bescheid wüßte." Sie hob ihr tränenfeuchtes Gesicht zu ihm. „Es war so furchtbar demütigend, Alex!"

Alex hatte ihr die ganze Zeit ruhig zugehört, doch auch in seinem Gesicht konnte man tiefe Betroffenheit erkennen. Ohne lange darüber nachzudenken, ob es klug war, was er tat, legte er seine Arme um sie und zog sie an seine Brust.

Für einen Moment hatte sie noch darüber nachgedacht, sich gegen die Umarmung zu wehren, doch es fühlte sich so gut an, ihm so nahe zu sein, seine Wärme zu spüren und seinen Herzschlag. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und ließ den Tränen nun freien Lauf.

Für einen kurzen Moment verharrten beide in der Umarmung, bevor Alex sie frei gab und seine Hand sanft unter ihr Kinn legte. Mit dem Daumen wischte er ihr zärtlich die Tränen von der Wange, während sein Blick ihren immer noch gefangen hielt. Wie gerne hätte er sie jetzt geküsst. Doch nachdem, was geschehen war, war es sicher nicht klug, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.

Izzie's Hand zitterte leicht, als sie sie ausstreckte und damit sanft über seine Wange strich. In seinem Blick, mit dem er sie ansah, lag soviel Leidenschaft und Sehnsucht, dass ihr beinahe schwindelig wurde. Auch ohne Worte spürten beide, was der andere fühlte. Deshalb kam es auch nicht überraschend für Izzie, als Alex ihre Hand ergriff und festhielt. Sie umfasste schnell seine andere Hand, und für einen Moment standen sie sich nur schweigend gegenüber, ihre Blicke miteinander verschmolzen und ihre Hände ineinander verschränkt. Zwei Liebende, die alles um sich herum vergessen hatten.

Izzie ließ Alex' Hände schließlich los und trat einen Schritt zurück, während sie ihn scheu anlächelte. Sie wusste, dass das was sie taten falsch war, aber eigenartigerweise fühlte sie keine Reue. „Ich glaube, jetzt brauche ich auch nicht mehr in die Cafeteria zu gehen. Die Pause ist vorbei."

Alex nickte, als er auf die Uhr schaute. „Ja, wir haben sie ... anderweitig genutzt." Er grinste verlegen und räusperte sich dann. „Dann auf an die Arbeit?"

Izzie nickte. Sie strich sich ihren Kittel glatt und straffte ihre Schultern. „Die Patientin in Zimmer 412 hat gefragt, ob sie eine Milchpumpe haben kann." Sie ging zum Regal und holte die Pumpe heraus. „Ich gehe dann zur ihr und bringe sie ihr." Sie lächelte ihm noch einmal zu und verließ dann die Frühgeborenenstation.

Alex nickte geistesabwesend. Er starrte Izzie hinterher, wie sie durch die Tür verschwand. Es war dringend nötig, nun Nägel mit Köpfen zu machen. Denn jetzt ging es nicht nur um eine harmlose Flirterei zwischen Kollegen. Jetzt ging es darum, dass sich beide ineinander verliebt hatten. Und es wurde höchste Zeit, eine Entscheidung für die weitere Zukunft zu treffen. Alex griff nach einer Patientenakte und verließ ebenfalls die Frühchenstation.

Derek's Haus

Nervös trommelte Derek auf den Küchentisch ein. Meredith hatte seit 8 Stunden Dienstschluss. Sie war pünktlich gegangen, aber noch immer nicht zu Hause. Zudem hatte sie ihr Handy ausgeschaltet. Seine letzten 12 Anrufe wurden direkt zu ihrer Mailbox weitergeleitet, die 17 davor erlebten noch das Freizeichen. Er hatte auch aufgegeben, Nachrichten an sie zu schicken, denn darauf hatte auch keine Antwort erhalten. Erneut starrte er auf die Uhr. Jetzt waren es 8 Stunden und 10 Minuten. Das piepende Geräusch seines Handys riss ihn aus seiner Starre, doch Marks Nachricht, dass Cristina auch nicht wusste wo sie war, frustrierte ihn nu noch mehr. Schwerfällig stand er vom Tisch auf und ging geradewegs zur Kaffeemaschine. So langsam beschlich ihn das Gefühl, dass er eine lange Nacht vor sich hatte. Doch kaum hatte er angefangen Wasser einzufüllen, hörte er die Wohnungstür auf und dann wieder zugehen. Nur wenige Sekunden später stand Meredith mit einer Einkaufstasche in der Küche.

„Du kippst das Wasser daneben." Stellte Meredith mit einem Fingerzeig fest.

Derek drehte sich um und sah sofort sein Missgeschick. Leise fluchend stellte er die Kanne ab und griff nach einem Lappen, um das Wasser wieder aufzuwischen. Als er fertig war, sammelte er sich kurz, um sich dann wieder Meredith zu zuwenden, die sich tief in den Kühlschrank gebeugt hatte. „Was fällt dir eigentlich ein?" Begann er mit vorwurfsvoller Stimme, weswegen Meredith verwundert zu ihm hinüber sah.

„Was meinst du?" Sie hatte sich die Kanne mit kaltem Eistee herausgenommen und griff nach einem der Gläser.

„Du kannst doch nicht einfach so verschwinden." Er lehnte sich gegen die Anrichte und verschränkte die Arme vor der Brust. „Vielleicht hätte es dir in den Sinn kommen können, dass es Menschen gibt, die sich um dich sorgen?"

„Entschuldigung, Daddy." Sie hob eine Augenbraue und schüttelte dann den Kopf. „Ich treffe schon seit einiger Zeit meine Entscheidungen selbst und ich kann machen was ich will. Dazu brauche ich weder dich zu fragen, noch sonst einen."

„Ach ja?" Dereks Stimme überschlug sich fast, doch es kümmerte ihn nicht. „Es gibt schon mal Regeln, die du befolgen musst. Und du hättest wenigstens einem von uns sagen können, dass du frei hast und durch Seattle irrst."

„Warum sollte ich das machen?" Hakte Meredith inzwischen gereizt nach. „Ich erwarte auch nicht von euch, dass ihr euch bei mir an und abmeldet."

„Das ist ja wohl etwas anderes." Zischte er wütend. Er ging ein paar Schritte auf Meredith zu. „Du solltest uns sagen, wenn du alleine unterwegs bist."

„Ich sehe nicht ein, warum." Sie zuckte ungerührt mit den Schultern. „Außerdem lasse ich mir keine Vorschriften machen. Du bist noch schlimmer als Finn."

„Ich bin was?" Schrie Derek überrascht auf. „Du vergleichst mich mit dem?"

„Was soll ich denn denken, wenn du mich auf Schritt und Tritt verfolgst. Und dann noch unsere Freunde auf mich hetzt." Sie funkelte ihn wütend an.

„Dann werde ich dich in Zukunft nicht mehr beschützen." Zischte er rasend vor Zorn zurück.

„Das wäre mir Recht." Sie drehte sich um, damit er ihre kalte Schulter zu spüren bekam.

Derek wartete einen Moment, doch da sie sich nicht mehr regte, atmete er tief aus. „Fein."

„Fein." Schmollte sie zurück.

Derek schnaubte wütend auf. „Wenn du so denkst. Dann renn in dein Unglück." Er stürmte an Meredith vorbei und knallte hinter sich die Tür zu.

Für einen Moment blieb Meredith der Atem weg. Sie war sich sicher, dass sie ihn noch nie so wütend gesehen hatte. Allerdings war sie noch immer nicht klüger, warum Derek sich so verhielt. Nachdenklich lehnte sie sich gegen die Anrichte. Als die Tür wieder aufgestoßen wurde, sah sie verwundert auf.

„Wir sind besorgt um dich." Begann Derek vorsichtig, mied aber sorgfältig Augenkontakt.

„Ich weiß." Gestand Meredith offen. „Aber wenn ihr mir nicht sagt was los ist, dann verweigere ich eure Hilfe oder was auch immer ihr da macht."

„In Ordnung." Er nickte ihr zu nachdem er sich neben sie an die Anrichte gestellt hatte. „Finn und ich hatten ein merkwürdiges Gespräch. Irgendwie will er die Scheidung aufschieben, in der Hoffnung, dass du dich wieder in ihn verlieben würdest."

Meredith sah ihn verwundert an. „Und warum beschattet ihr mich plötzlich?" Sie sah keinen Zusammenhang in dem merkwürdigen Verhalten ihrer Freunde und dem Gespräch mit Finn.

„Weil wir uns Sorgen machen, dass Finn vielleicht was verrücktes vorhat, wenn er nicht das bekommt, was er will." Erklärte Derek ruhig, auch wenn sein Herz ihm allein bei dem Gedanken bis zum Hals schlug.

„Ihr habt sie nicht mehr alle." Meredith schüttelte lachend den Kopf. „Finn mag zwar anders sein. Er ist immerhin Tierarzt." Sie runzelte die Stirn während sie Derek fragend ansah. „Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass er mir etwas antun würde?" Da Derek schwieg, fing sie lauthals an zu lachen. „Ich glaube eher, dass ihr verrückt seid und nicht Finn."

„Du hättest ihn erleben sollen." Protestierte Derek lautstark, doch Meredith fing nur lauter an zu lachen und ihr liefen bereits Tränen die Wange hinunter. Verärgert verschränkte er die Arme vor der Brust. „Wie gesagt, dann renn doch in dein Unglück."

„Oh Derek." Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Finn ist harmlos und das weißt du auch." Da Derek sich nicht weiter regte, runzelte sie nachdenklich die Stirn. „Er hängt der Ehe eben noch nach und sucht nach dem letzten Strohhalm. Aber das macht ihn nicht zu einem Verrückten."

„Wenn du meinst." Er zuckte ungerührt mit der Schulter. „Ich habe dich jetzt gewarnt und damit hat es sich. Aber beschwer dich hinterher nicht."

Sie sah ihm einen Moment tief in die Augen, dann legte sie ihre Arme um seinen Hals. „Ich bezweifle, dass Finn irgendetwas geplant hat, was mir schaden könnte. Es ist bald Weihnachten und im Gegensatz zu uns, wird er allein sein." Ihren Kopf leicht zur Seite geneigt, lächelte sie ihn warmherzig an. „Also bist du jetzt grundlos übervorsichtig oder grundlos eifersüchtig."

„Weder noch." Er löste sich aus der Umarmung und begann ruhelos durch die Küche zu gehen. „Es wäre mir lieb, wenn du es ernster nehmen würdest."

Seufzend schüttelte Meredith den Kopf. Sie wusste, dass Derek nicht einen Millimeter auf sie zukommen würde und deswegen selber den Schritt wagen musste. „Also schön. Aber nur unter einer Bedingung."

Interessiert richtete Derek seine ganze Aufmerksamkeit auf sie. „Wie lautet die?"

„Mark folgt mir nicht mehr überall hin nach. Toiletten sind tabu. Und du." Sie deutete mit dem Zeigefinger auf seine Brust. „Du wirst dich wieder beruhigen, denn ich traue Finn so einiges zu, aber nicht, dass er mir etwas antun würde."

„Das sind zwei Bedingungen." Schmollte Derek leise. Aufgrund ihrer gehobenen Augenbraue und des unerschütterlichen Gesichtsausdruckes, seufzte er laut. „Also schön. Ich bremse mich und du schaltest dein Handy nicht mehr aus."

„Einverstanden." Sie lächelte ihn an und griff dann nach ihrer Einkaufstasche. „Da siehst du mal, dass ich dich mag. Obwohl ich sauer war, habe ich dir ein Weihnachtsgeschenk besorgt. Und wie hätte ich das machen können, wenn du mich auf Schritt und Tritt begleitest?"

„Ich sagte ja schon, dass ich mich bremsen werde." Er ging auf sie zu und versuchte in die Tasche zu schielen, doch Meredith versteckte sie sofort hinter ihrem Rücken. „Ich bin zu müde, um weiter mit dir zu kämpfen." Lächelnd küsste er sie auf die Wange.

„Mach dir keine Sorgen um mich. Ich kann auf mich aufpassen." Sie nahm seine Hand in die ihre und drückte sie leicht. „Es ist schön zu wissen, dass sich jemand um mich sorgt."

Derek nickte ihr zu und drückte ebenfalls ihre Hand. „Ich gehe jetzt schlafen." Er lächelte sie an und küsste sie erneut auf die Wange bevor er die Küche verließ.

Meredith sah ihm hinterher und setzte sich dann nachdenklich auf einen Stuhl. Obwohl sie sich sicher war, dass Finn ihr nichts tun würde, so beunruhigte es sie, dass auch Cristina besorgt war.

Im Haus der Karevs

Mit fassungslosem Blick starrte Susanna auf die kleine blaue Linie, die im Ergebnisfenster des Testsstäbchens sichtbar geworden war. Es gab wohl nun keinen Zweifel mehr: Sie war wirklich schwanger. Nach dem dritten positiven Testergebnis konnte man wohl einen Fehler des Herstellers der Teststäbchen sicher ausschließen. Sie hatte ihre Unpässlichkeit und das Ausbleiben ihrer Monatsblutung darauf zurückgeführt, dass sie allmählich in die Wechseljahre kam. Schließlich war sie Mitte 40, und auch ihre Mutter hatte schon früh damit begonnen. Das sie stattdessen schwanger war, kam nicht nur überraschend sondern war ein regelrechter Schock. Eine grausame Fügung des Schicksals. Sie wollte kein Baby – kein geplantes und auch kein ungeplantes. Selbst vor ihrer Ehe mit Alex hatte sie keine Kinder haben wollen. Sie wollte ihr Leben nicht für einen schreienden Säugling aufgeben. Und genau das würde passieren, wenn sie dieses Kind austragen würde. Ihr Leben war schon so kompliziert genug. Sie hob erschrocken den Kopf und lauschte, als sie ein Geräusch an der Tür hörte. Schnell nahm sie die Tests vom Boden auf und wickelte sie in eine Lage Zeitungspapier, bevor sie das Bündel in die hinterste Ecke des Badezimmerschrankes schob. Sie würde die Tests vernichten, wenn Alex schlief, nahm sie sich vor. Sie entriegelte die Badezimmertür gerade in dem Moment, als er den Flur betrat.

„Oh ... Hi!" rief er erstaunt aus. „Es war so ruhig. Ich dachte, du wärst vielleicht unterwegs."

Susanna lächelte gequält. "Ich bin noch nicht lange zuhause. Ich war am Packen", sagte sie und ging hinüber ins angrenzende Schlafzimmer.

„Du packst?" Alex sah irritiert zu, wie sie ihre Reisetasche aus der Ecke zerrte und den Kleiderschrank öffnete. „Ich dachte, du hättest Urlaub?"

„Ja ... ich ..." Sie brach hilflos ab. Susanna fühlte sich in der Falle. Sie hatte ihm erst den Tag zuvor mitgeteilt, dass sie nun die nächsten zwei Wochen Urlaub haben würde und sie Weihnachten zusammen feiern könnten. Doch nun, mit dem Wissen um ihre Schwangerschaft wusste sie nicht, wie sie die Zeit mit ihm überstehen sollte. Sie mußte irgendwie verhindern, dass er davon erfuhr. Sonst würde er ihre Pläne vereiteln. „Es gibt eine kleine Planänderung", stieß sie schließlich hervor. „Ron ... ich meine ... Mr. Murphy hat mich gebeten für eine ... Kollegin einzuspringen, die plötzlich .. erkrankt ist", stotterte sie.

„Und es gab sonst niemanden, den er hätte fragen können?" Alex zog die Stirn kraus. Wieso hatte er plötzlich das Gefühl, dass Susanna log?

Susanna schüttelte den Kopf. Sie war froh, dass sie sich mit dem Packen ihrer Sachen ablenken konnte. So war sie nicht gezwungen, ihm direkt in die Augen schauen zu müssen.

„Vielleicht sollte ich mit diesem Murphy mal ein ernstes Wort reden", stieß Alex empört hervor. „Es ist schließlich Weihnachten! Hat der Mann eigentlich gar keine Familie?"

Susanna spürte, wie sie ein leichter Schwindel überkam. Schnell setzte sie sich aufs Bett.

„Alles okay?" Alex sah sie besorgt an. „Du bist ganz blass."

Susanna versuchte zu lächeln, was ihr jedoch gründlich misslang. Es war eben doch nicht so einfach, ein Doppelleben zu führen. „Es geht ... mir gut", brachte sie mühsam hervor.

„Ganz sicher?" Alex beäugte sie misstrauisch.

Susanna atmete tief durch und erhob sich dann wieder. „Ganz sicher. Ich bin nur müde. Der Tag war anstrengend."

„Vielleicht wäre es dann besser, wenn du deinen Boss anrufst und ihm mitteilst, dass du dich nicht so gut fühlst", schlug Alex vor.

„Ich sagte doch, dass es mir gut geht!"

Alex zuckte leicht zusammen. Susanna war normalerweise nicht so aggressiv. Ihr Verhalten war nur eine Bestätigung mehr, dass etwas nicht stimmte. „Wie lange wirst du diesmal fort sein?" fragte er ruhig.

„Ich weiß nicht." Susanna schüttelte unwirsch den Kopf. „So lange wie es dauert", wich sie der Frage aus. Sie war mit dem Packen fertig und stellte ihre Tasche neben dem Bett ab. „So fertig!" Sie ging auf ihn zu und sah ihn mit schuldbewußter Miene an. „Ich weiß, dass du andere Pläne fürs Weihnachtsfest hattest, Alex. Und es tut mir auch sehr leid. Aber mein Job geht nun einmal vor. Das musst sogar du verstehen."

Alex nickte mechanisch. Im Normalfall hätte er auch Verständnis dafür gehabt, aber irgendwie konnte er sich nicht so ganz dem Eindruck entziehen, dass Susanna vor etwas flüchten wollte.

„Ich wusste, dass du es verstehen würdest." Sie strich leicht mit ihren Fingern über seine Wange. Mehr wollte und konnte sie ihm jetzt nicht geben. Sie war froh, dass Alex nicht darauf bestand, jetzt mit ihr zu schlafen. Obwohl er in letzter Zeit immer weniger danach verlangte.

„Bleibt mir eine andere Wahl?" Die Frage war mehr rhetorisch gemeint, denn er wusste, dass Susanna ihm schon lange keine Wahl mehr ließ. Sie tat, was sie wollte, und im Grunde genommen tat er auch, was er wollte. Und es war schon lange nicht mehr Susanna, die er wollte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was Susanna's Entscheidung für ihn und Izzie bedeutete. Sie würden über Weihnachten alleine im Haus sein ...

„Alex, hast du mir überhaupt zugehört?"

„Was?" Er hob erschrocken den Kopf.

„Ich sagte, dass ich mich hinlegen werde. Vielleicht können wir morgen früh noch zusammen frühstücken, bevor mein Flieger geht. Ansonsten wünsche ich dir jetzt schon einmal Frohe Weihnachten!" Sie rang sich ein Lächeln ab und küsste ihn dann noch einmal zum Abschied auf die Wange, bevor sie ihr Nachthemd nahm und im Badezimmer verschwand.

„Ja ... Frohe Weihnachten ... und ... gute Nacht!" murmelte er. Nachdenklich sah Alex ihr nach und ging dann hinüber ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein.