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Kapitel 2:
Nachdem Cuddy sehen konnte, wie der Wagen ihrer Mutter ihre Einfahrt verlassen hat, geht sie in die Küche und holt sich etwas Tee. Sie setzt sich mit dem Krug ins Wohnzimmer und denkt über alles nach, was ihre Mutter ihr gesagt hat.
Sie hasst es zuzugeben, aber Arlene hat Recht. Cuddy hat während der längsten Zeit ihrer Beziehung versucht, House in das zu verwandeln, was er ihrer Meinung nach werden sollte, anstatt zu versuchen, ihn als den Mann zu akzeptieren, der er ist.
Cuddy beginnt zu überlegen, warum sie das immer getan hat. Lucas war willig, das alles und mehr für sie zu tun, und dennoch hat sie ihm den Korb gegeben. Es war mit ihm schlicht zu einfach. House war die Herausforderung, die sie brauchte. Warum, also, hat sie versuchte, das zu ändern? Ihn zu ändern?
Cuddy begriff, dass sie ein Gutteil ihres Lebens damit verbracht hatte, einem Ideal nachzurennen, welches bedeutungslos war. Wer sagt eigentlich dass man den perfekten Partner braucht, um glücklich zu werden? Und wie soll er sein, „der perfekte Partner"? Für Cuddy ist es sicher nicht ein Ideal aus einer Sitcom der 50ger Jahre.
Es ist jemand, der eine Herausforderung darstellt. Es ist jemand, der ihr nichts durchgehen lassen würde. Es ist jemand, der sie stark anzieht und der sich von ihr stark angezogen fühlen würde.. Es ist jemand, der sich in kein Schema pressen ließe. Es ist jemand, der genau so viele Probleme hat wie sie selber. Es ist House. Ein House, der keine Drogen nimmt, nicht weil sie etwas dagegen hätte, sondern wegen dem, was die Drogen ihm antun würden.
Und ihre Mutter hatte Recht. Cuddy wusste, dass House das Vicodin nahm, damit er sich mit ihrer Krankheit auseinandersetzen konnte, und sie hat ihn seither nicht einmal gesehen. Sie wusste nicht, ob er weitere Pillen genommen hatte, aber höchstwahrscheinlich hat er das getan. Sie müsste das angehen, bevor sie irgendetwas Anderes tat.
Aber, was kommt danach? Was könnte jetzt noch dran sein? Ihre Mutter hatte Recht – Cuddy krümmte sich innerlich – dass Cuddy gewisse Entscheidungen treffen muss. Will sie House wirklich? Und wenn die Antwort darauf „ja" lautet, kann sie ihn so akzeptieren, wie er ist?
Wenigstens sollte sie bei ihm nachschauen, dachte sie. Das wäre ein Start. Und ja, sie hasste es zuzugeben weil sie Entschuldigungen hasste, aber sie müsste sich entschuldigen. Es führt kein Weg daran vorbei, wenn sie je irgendeine Art von Beziehung mit ihm haben will.
Sie denkt darüber nach, ihn anzurufen, aber er würde sie wahrscheinlich ignorieren, also entschloss sie sich, zu seiner Wohnung zu gehen. Sie hat keine Ahnung, was sie dort vorfinden würde. Ist er dort betrunken oder high um ein Uhr Mittag? Hat er eine Prostituierte oder ein Mädchen von einer Bar nach Hause geschleppt? Egal was sie vorfinden sollte, sie muss damit zurechtkommen. Sie hat kein Recht, angewidert oder verärgert zu sein. Was auch immer er tut, er braucht wahrscheinlich ihre Hilfe.
Sie nimmt ihre Handtasche und läuft zur Tür. Sie braucht nur eine Viertelstunde, um die Wohnung von House zu erreichen. Sie findet einen Parkplatz einen Block weiter, und läuft an seinem Wagen vorbei, als sie den Eingang seiner Blocks erreicht. Das ist ein Zeichen, dass er wahrscheinlich zu Hause ist. Sie hofft es wenigstens.
Sie läuft zum Haupteingang und steht vor seiner Wohnungstür. Sie bleibt dort kurz stehen, erinnert sich an die Nacht, die Nacht des Kranunglücks, die Nacht, in der sie ihre Verlobung mit Lucas auflöste, die Nacht, in der sie House sagte, dass sie ihn liebt, obwohl sie sich wünschte, es wäre nicht so. Ihr wird übel, wenn sie sich an ihre Worte erinnert. Und er hat sie trotzdem angenommen. Mann, hat sie viel, worüber sie sich entschuldigen müsste.
Sie horcht kurz an der Tür. Keine laute Musik, dafür Stimmen, höchstwahrscheinlich vom Fernseher. Sie hört wenigstens kein Kichern und kein Stöhnen. Sie hofft wirklich, das Bild vom House mit einer anderen Frau werde ihr erspart.
Cuddy klopft und wartet. Sie hört Bewegung drin. Es ist das Gangbild, das sie seit zehn Jahren gut kennt. Die Tür geht auf.
House sieht so aus, wie sie es erwartet hat: Beschwipst, aber nicht vollkommen betrunken. Natürlich, er ist schon seit Langem abhängig und kann dementsprechend viel vertragen, bevor man es ihm richtig ansieht. Er hält inne.
„Cuddy?" fragt er.
„Darf ich reingehen?" Cuddy will sicher stellen, dass die Frage wie eine Bitte klingt und nicht wie ein Befehl.
Er geht ein Schritt zurück und lässt sie hinein.
„Wie geht es dir?" fragte er.
„Die postoperative Heilung verläuft gut."
„Bist du für deine Sachen gekommen? Ich denke nicht, dass du viel da gelassen hast, aber wenn du nachschauen möchtest…" seine Stimme verebbt.
„Ich bin nicht deswegen hier, House."
„Bist du gekommen, um mich wieder zu retten? Na, zu spät, ich nehme bereits Vicodin."
„Ich habe es mir schon gedacht. Es würde mich freuen, wenn du wieder aufhören wolltest, und wenn du Reha willst, werde ich gerne helfen."
„Oh, herzlichen Dank auch. Tust du das für alle Männer, die du in die Wüste schickst, oder nur für die erbärmlichen Exemplaren wie mich?" Sein Zynismus bohrt sich in sie wie ein Messer.
„Ich habe das verdient."
„Yupp."
Sie bleiben eine Weile im Gang stehen.
„Was willst du eigentlich, Cuddy?"
„Zuerst wollte ich sagen: Es tut mir leid."
„Warum tut es dir Leid? Weil du deine Zeit vergeudet hast für einen nutzlosen…"
„Es tut mir leid weil ich versucht habe, dich zu „flicken", dich zu verändern. Das hätte ich nicht tun dürfen."
„Als wir anfingen sagtest du mir, dass du mich nicht ändern willst, und dann alles was ich tat war verkehrt, irgendwie…"
Cuddy ist erstaunt von dieser Reaktion. Entweder ist es ein ganz schlechtes Zeichen - er schert sich einen Dreck darum, was sie nun von ihm denkt – oder es ist eine gute Sache – er hat immer noch etwas Vertrauen und Zuneigung für sie, so dass er ihr einen Einblick in sein Inneres gewährt. Nicht, dass sie es verdient hätte.
„Ich weiß, und es war falsch. Richtig, richtig falsch. Und dumm. Und destruktiv."
Eine andere, gespannte Pause folgt.
„Na, danke für Vorbeikommen."
Cuddy ist unsicher, was sie jetzt sagen sollte. Sie ist gekommen, um sich zu entschuldigen, und sie hat es getan. House scheint die Entschuldigung zu akzeptieren, auf seine Art, kaum je etwas offen zu bestätigen. Wenigstens hat er die Entschuldigung nicht abgewiesen. Stell sicher, dass er Reha bekommt, hört sie das Echo der Stimme ihrer Mutter im Kopf.
„Bitte hör mich an…" beginnt Cuddy zaghaft, weil sie weiß, dass sie vorsichtig vorgehen muss. „Ich denke du weißt schon: Das Vicodin ist keine Lösung für deine Schmerzen. Außerdem, wenn die Nachricht publik wird, dass du…" sie zögerte und versuchte, einen defensiven, nicht anschuldigenden Ton zu benützen, „…zu deinen alten Vorgehensweisen zurückgekehrt bist, dann werden sie Tests verlangen, und sie werden deine Lizenz hinterfragen, und all das."
„Du willst mir sagen, ich muss wieder durch den Entzug gehen?"
„Wahrscheinlich. Und nicht nur deinem Job zuliebe. Es ist besser für deine geistige Gesundheit und für deine Leber."
„Aber was ist mit…" House zögerte ein wenig... "dem Schmerz. Ich meine, mein Bein killt mich zum ersten Mal seit zwei Jahren nicht mehr. Ich weiß nicht, ob ich zurück zu…" House hält inne und schaut zum Boden, lässt fast den Kopf hängen wie ein kleiner Junge.
Und plötzlich trifft es Cuddy wie ein Hammer. Sie weiß nicht viel über seine Familie, aber sie weiß, dass sein Vater bei der Marine war. Er muss House beigebracht haben, dass es eine Schwäche ist, Schmerzen zu zeigen. Und dann jeder um House herum hat seine Schmerzen heruntergespielt und ihn als Abhängigen abgestempelt, womit die Lektion seines Vaters noch bestärkt wurde.
„Schau mich an," bat Cuddy und hofft, dass sie bestimmt aber nicht fordernd klingt. „Das ist noch mal etwas, was ich vermasselt habe. Als du zurück aus Mayfield kamst, hätte ich dir erlauben sollen, einen Schmerzspezialisten zu konsultieren."
„Und hättest du mir erlaubt alles zu nehmen, was er mir verordnet hätte?" fragte House und gab sich alle Mühe wie ein Kind zu klingen, das man in ein Bonbonladen freigelassen hätte.
„In den verschriebenen Mengen, ja," antwortete Cuddy mit gespielten Strenge.
„Spielverderber."
Hier folgt eine neue Pause.
„Und was ist mit…" House schaut sie jetzt direkt an „dem anderen Schmerz?"
„Du meinst unsere Beziehung?" Sobald die Worte ihren Mund verlassen haben, bereut sie sie schon. Ein Aufblitzen geht durch Houses Gesicht bevor seine Maske wieder fällt.
„Yeah, nun, du hast die Bedingungen deinem schwierigen Angestellten klar gemacht, Boss. Ich werde dich wissen lassen, was ich zu tun gedenke."
Er deutete ihr mit der Hand, dass sie nun gehen sollte.
Cuddy denkt kurz nach. Sie hat das Minimum dessen getan, was ihre Mutter ihr zu versuchen riet. Sollte sie jetzt gehen und versuchen, den Rest später anzugehen?
Der nächste Teil dürfte nicht Boss – Angestellter sein, es könnte nicht auf Armlänge geschehen, bräuchte echte Demut und sie müsste ihr Herz offenbaren und riskieren, dass es verletzt wird. Aber, wenn sie es nicht tut, dann kann es ziemlich sicher keine Hoffnung für sie beide geben, weder jetzt noch in der Zukunft. Das ist nicht, was sie will.
„Wenn ich sagte, dass uns unsere Beziehung weh getan hat, dann wirst du mir wahrscheinlich zustimmen. Aber sie machte uns auch glücklich. Sie machte uns sicher weniger einsam. Und…"
„Du hast sicher keine Bombenargumente hier, Cuddy."
„Ich weiß. Aber ich muss realistisch bleiben. Ich will nicht tun, als wäre alles Rosenblüten und Regenbogen gewesen wenn es alles Andere als das war, wenn es so nicht sein konnte weil keiner von uns so was wollte."
„Was willst du, Cuddy?"
„Ich möchte eine Beziehung mit dir, House."
„Warum?"
„Weil ich dich liebe."
„Obwohl du es dir wünscht, es wäre nicht so, aber du kannst nichts dagegen tun?"
Cuddy hatte keine Ahnung, dass House sich an das, was sie in der Nacht sagte, erinnern konnte. Damals schien er es zu akzeptieren, aber es hat ganz offensichtlich weh getan. Gott, was für ein Idiot sie manchmal sein konnte! „Es war eine dumme, grausame Aussage, und es tut mir Leid, die je rausgelassen zu haben."
„Wirklich?"
„Ja. Wenn dies irgendeine Überlebenschance haben sollte, muss ich damit aufhören."
„Als ob ich nie etwas sagen würde, was dir weh tut."
„Yeah. Es würde uns vielleicht gut tun, wenn du ein klein wenig seltener so was tun würdest. Nicht, dass ich dir irgendetwas befehlen könnte oder sollte."
Ein schacher Anflug eines Lächelns huscht über sein Gesicht.
„Hör zu. Ich habe mich entschieden, jemand zu treffen."
„Ein Dreier? Ich hätte einen Vorschlag, Cuddy. Sie heißt Roxy…"
„Ich dachte an einen Psychologen, House."
„Wirklich?"
„Ja. Ich habe jede Beziehung sabotiert, die ich je gewollt hatte, weil ich so manipulativ und kontrollierend war und brachte den einzigen Mann, den ich liebe, dazu, rückfällig zu werden, um Himmels Willen. Wenn das kein Zeichen von ernsteren Problemen sein sollte, dann weiß ich nicht, was es ist."
„Du hast mir das Vicodin nicht eingeflößt, Cuddy. Und ich bin selber nicht gerade der Ausbund psychischer Gesundheit."
„Wenn du glaubst, dass dir fortgesetzte Therapie helfen würde, nur zu!"
„Das wäre eh ein Teil meiner Reha, so oder so."
„Stimmt."
„Und wo bleiben dann…" House zeigt mit der Hand auf sie beide.
„Ich sagte, dass ich eine Beziehung mit dir will, House. Willst du eine Beziehung mit mir?"
„Ja."
Cuddy ist erleichtert und glücklich zu sehen, dass er überhaupt nicht gezögert hat.
„So, ich beginne Reha und Therapie. Wie will ich wissen, dass du nicht wieder mit einem ehemaligen Freund von mir anbändelst?
Cuddy stöhnt. Sie hat damals ein fürchterliches Chaos angerichtet, als er nach Mayfield ging, und sogar schlimmeres, als er zurückgekommen ist.
„Vielleicht habe ich ein Ding oder zwei über mich erfahren, in diesem letzten Jahr. Zum Beispiel, dass du der Einzige bist, den ich haben möchte. Wenn ich dich nicht haben, kann, dann halt niemand anderen."
„Oder ich könnte das ambulant machen, und ein Auge auf dich behalten."
Cuddy kann sich ihren Protest zurückkneifen."Was auch immer für dich funktioniert, House."
„Und du wirst, hmm, auch Psychotherapie bekommen?"
„Ja."
„Wie können wir wissen, ob dies funktioniert?"
„Wir können es nicht."
„Ich bin nicht sicher, ob ich mich ändern kann."
„Machst du Witze? Du hast dich sehr verändert in den letzten beiden Jahren."
„Aber das war nicht genug."
„Das war mein Fehler, mein Problem, nicht deines. Und ich muss zugeben, so verrückt meine Begehren und Manipulationen auch sein mochten, du hast dir Mühe gegeben. Trotz allem."
„Danke. Ich liebe dich und will dich nicht verlieren. Paradoxerweise, weil ich alles getan habe, was du wolltest, ist genau das passiert."
„Eigentlich glaube ich nicht, dass du mich verloren hast. Ich bin jetzt hier, bin ich nicht?
„ja, aber woher will ich wissen, dass du mich nicht wieder verlässt? Wie soll ich wissen, dass ich nicht wieder versage?"
„Weil ich aufhören werde, dich zu testen."
„Und wie soll ich wissen, dass du das kannst?"
„Das kannst du nicht wissen. Aber bitte lass mich versuchen, es diesmal besser zu tun."
House lächelt etwas, als er seine eigenen Worte hört, diesmal an ihn selber gewandt. Es wird viel von beiden abverlangen, und sie könnten scheitern, aber sie lieben sich und es ist den Versuch wert. Der Schmerz, der seine Brust gefangen hielt die letzten zwei Wochen, ließ etwas nach. Aber sogar mit Vicodin, sein Bein machte sich bemerkbar und sagte ihm, dass er sehr lange gestanden ist.
„Wirst du jetzt gehen oder willst du ein Weilchen bleiben?"
„Was willst du?"
„Ich bin ein Kerl, Cuddy. Es ist ziemlich offensichtlich, was ich will."
Cuddy lächelt."Oh, und was Anderes. Wenn diese Beziehung, hmmm, wenn die Dinge nicht so sind, wie ich es mir vorstelle, kein Sexembargo mehr. Das war dumm von mir."
„Jetzt wo du es sagst, merke ich auch, dabei geht uns beiden was ab."
„Und das ist der einzige Grund, warum du es nicht mochtest."
„Ich wiederhole mich: Ich bin ein Kerl, also…"
„Fein. Ich denke, ich würde gerne bleiben, wenn es für dich OK ist."
„Habe ich irgendeine Chance, hmm, du weißt schon?"
„Ich weiß nicht. Ich bin nicht sicher, ob für uns beide das Richtige ist, gerade jetzt. Aber ich sagte auch, dass ich in dieser Hinsicht die Kontrolle etwas abgeben sollte. Und man redet so vom Versöhnungssex…"
Cuddy läuft an House vorbei ins Wohnzimmer. Sie sind beide unsicher wie im Mai letzten Jahres. Wenigstens haben sie ein paar Dinge gelernt. Und vielleicht, mit viel Mühe und Hilfe, könnten sie etwas Funktionierendes schaffen.
