8. Owen Harper
Das erste Mal, dass Owen Harper vor seinen Augen starb, folgte auf einen Kuss.
Es waren bereits sechs Monate vergangen, seit Jack und der Doctor in Gefangenschaft des Meisters geraten waren. Martha war seit sechs Monaten verschwunden, und trotz all seiner Versuche sie zu finden, wusste der Meister scheinbar immer noch nicht, wo sie war. Und das ärgerte ihn, egal wie er oft er sie öffentlich als nutzlos bezeichnete und vorgab, dass es ihn nicht interessierte, was sie tat. Jack hatte seinen Ärger darüber allerdings zu spüren bekommen, genau wie Tish und Marthas Eltern und der Doctor. Und Gwen. Und Tosh. Und Ianto.
Mit Jack in Gefangenschaft und diesen Dreien im Reich des Todes war Owen Harper das einzige noch aktive Mitglied von Torchwood Drei. Und Jack traute seinen Augen nicht, als Owen dann eines Tages plötzlich in seiner Zelle auftauchte, ihn von seinen Ketten befreite und vor sich hinmurmelte, wie nutzlos Jack doch eigentlich sei. Er konnte das was er sah, so wenig für wahr halten, dass er sich sogar schon zu fragen begann, ob Owen umgedreht worden war oder das Ganze hier eine Art Prüfung oder perverser Test war oder ein Plan, der zu Martha Jones führen sollte.
Dann ging der Alarm der Valiant los und Jack wusste, dass es doch wahr war. Und dass es nicht lange halten würde.
„Owen, wie bist du an Bord gekommen? Und noch wichtiger: Wie planst du uns von hier wieder wegzubringen?", wandte Jack sich an seinen Freund.
„Tragbarer Teleporter. Miniaturshuttelschiff. Ist eine lange Geschichte. Wir haben keine Zeit mehr. Kannst du gehen?" Owen, der Arzt, musterte den seit Monaten gefangen gehaltenen Unsterblichen besorgt.
„Es geht schon. Aber wir können nicht ohne die anderen gehen. Wir müssen Tish und den Doctor und Francine und Clive holen", erklärte Jack. Niemals würde er sie in Gewalt des Verrückten zurücklassen. Sie mussten sich alle zusammen neu formieren und einen Schlachtplan zur Befreiung der Erde entwickeln. Inzwischen würden sich einige Rebellenherde gebildet haben, deren Kräfte mussten vereint werden. Und dann war da natürlich auch immer noch der geheime Auftrag, den Martha erhalten hatte. Dieser mussten mit all den anderen Versuchen koordiniert werden und-
„Wir haben keine Zeit dafür, Jack. Es tut mir leid, aber ich kann deinen Freunden nicht helfen. Deswegen bin ich nicht gekommen", meinte Owen nur kopfschüttelnd, „Komm schon." Er packte Jack am Arm und führte ihn einige Schritte mit sich in Richtung Freiheit.
„Die Wachen…"
„Sind betäubt. Komm schon. Kannst du nicht schneller gehen?"
Also versuchte Jack schneller zu gehen, vielleicht konnte sie noch einmal zurückkommen um die anderen zu holen. Allerdings war sein letzter sehr schmerzhafter Tod, bei dem jeder einzelne Knochen in seinen Körper gebrochen worden war, noch nicht sehr lange her, und er war immer noch dabei sich zu regenerieren, weswegen er nicht wirklich sehr schnell vorwärtskam.
„Mist", murmelte Owen und kramte etwas aus dem Rucksack, den er auf den Rücken trug, hervor und reichte es Jack, „Hier trink das. Ist ein Stärkungsmittel."
Also trank Jack das Stärkungsmittel. Aber sie kamen trotzdem nicht viel schneller voran. Zweimal wären sie fast mit einer Soldatenpatrouille zusammengestoßen. Der zweite Versuch dieser auszuweichen führte in eine Sackgasse.
„Das wäre nicht passiert, wenn Tosh noch hier wäre", murmelte Owen, „Sie hätte die Pläne vorher gehackt und dann…"
Jack wollte nicht an Tosh denken, es war zu schmerzhaft. Genauso wie das, was nun kommen würde, denn sie hörten bereits Schritte auf sich zukommen.
„Du hättest nicht herkommen sollen, Owen. Es tut mir leid", wandte sich Jack an seinen letzten Mitarbeiter.
„Ist schon okay. Ich hatte sowieso nichts mehr zu verlieren", erwiderte der andere Mann mit leeren Blick, „Wenn ich schon sterben muss, dann wenigstens einen Heldentod. Ich wünschte nur die Mädchen wären jetzt hier. Ein letzter Kuss bevor ich gehe …"
Jack packte den anderen Mann, zog ihn an sich und küsste ihn leidenschaftlich.
Owen seufzte. "Ich wünschte, wir könnten zusammen abtreten."
„Ich auch. Oh, Gott, ich wünschte das auch."
Wenige Sekunden später kamen die Soldaten um die Ecke.
Später in einer anderen Zeitlinie, als Owen Harper zum zweiten Mal starb, blieb keine Zeit mehr für einen Abschiedskuss.
9. Martha Jones
Jack hatte im Laufe der Jahre festgestellt, dass es die unterschiedlichsten Arten von Menschen gab, die unterschiedlichsten Arten von Küssen und die unterschiedlichsten Gelegenheiten für diese Küsse.
Jeder Mensch und auch jeder Außerirdische mit Mund küsste andere mit Vorliebe zu bestimmten Anlässen, die ihm oder ihr dafür passend erschienen. Jacks Liebhaber und Bekannte bildeten da keine Ausnahme.
Der Mann, der sich heute John Hart nannte, zum Beispiel, war ein Lustküsser, da aber so ungefähr jeder Anblick, den man sich vorstellen konnte, bei ihm Lust entfachte … küsste er bei fast jeder Gelegenheit.
Martha Jones hingegen war eine Abschiedsküsserin. Und sie meinte damit nicht so wie Owen Harper den großen finalen Moment, sondern jeden Abschied, der ihr dabei in den Sinn kam und bei dem sie sich das erlauben konnte.
Zum ersten Mal stellte Jack das nach dem Jahr, das niemals war, fest.
Die Zeit war zurückgedreht worden, der Meister war tot, der Doctor bereit weiterzuziehen und Jack konnte nur noch daran denken, dass er Ianto, Gwen, Tosh und Owen wieder sehen würde, weil sie nun wieder am Leben waren. Es war ein wenig ironisch, dass er nach all der langen Zeit, in der er nach dem Doctor gesucht hatte, nun aus freien Stücken wieder bereit war zu gehen. Aber es gab inzwischen Wichtigeres in seinem Leben. Und das Jahr, das niemals war, hatte ihm dies beeindruckend vor Augen geführt.
Martha war die Erste, der er seinen Entschluss mitteilte, noch bevor er dem Doctor davon erzählte. „Das ist wohl die Geschichte meines Lebens. Ich treffe einen wunderbaren gutaussehenden Mann und er … hat einfach kein Interesse an einer gemeinsamen Zukunft", meinte sie und lächelte dabei.
„Nun, ja es gibt dort draußen mehr als genug wunderbare gutaussehende Männer, Martha Jones. Und abgesehen davon: Mein Team kann immer Verstärkung gebrauchen. Also, wenn du möchtest, dann gibt es bei uns einen Job für dich. Hübsche Mitarbeiterinnen sind immer ein Plus", erwiderte Jack zwinkernd.
Martha grinste schief und umarmte Jack dann. Jack erwiderte die Umarmung und fand Marthas Lippen wenige Sekunden später auf seinen wieder. Okay, das kam jetzt unerwartet.
Die Medizinstudentin zuckte nur entschuldigend die Schultern, vermutlich hatte sie den Kuss geplant.
Einige Monate später hätte Jack also eigentlich nicht überrascht sein sollen, als sich dieselbe Szene unter anderen Umständen wiederholte.
Martha war nach Ende ihres Studiums zu UNIT und nicht zu Torchwood gegangen, hatte ihnen aber trotzdem ausgeholfen und war in den ganzen Verwirrungen rund um Owens Tod und seine Wiederauferstehung unverzichtbar gewesen.
Und wieder küsste sie Jack, als er gar nicht damit gerechnet hatte, so schnell und unvermittelt, dass er es nicht einmal richtig genießen konnte. Ich muss herausfinden, ob ich der Einzige bin, bei dem sie das immer macht.
In der Schweiz war er dann endlich darauf vorbereitet. Als sie sich diesmal voneinander verabschiedeten, war er es, der sie kurz auf die Lippen küsste, nachdem sie einander in die Arme geschlossen hatten.
„Bis zum nächsten Mal, Martha Jones. Und bis zum nächsten Abschied. Meine Lippen freuen sich schon darauf", verabschiedete er sich. „Spinner", sagte Martha nur.
Martha zu küssen war gut, weil es kurz und sicher war. Sie war verlobt und er hatte Ianto. Sie hatten gemeinsam viel durch gemacht, an das sich abgesehen von ihnen nur sehr wenige andere Leute erinnern konnten, und sie konnten sich immer aufeinander verlassen. Martha war vielleicht eine Abschiedsküsserin, aber vor allem war sie seine Familie. Ihre Küsse hießen nicht: „Leb wohl", sondern „Bis zum nächsten Mal."
A/N: Das Owen-Kapitel spielt während dem Jahr, das niemals war, also sozusagen zwischen der vorletzten und letzten Folge der 3. Staffel von DW. Der erste Martha-Kuss fand offscreen vor der Jacks Abschiedsszene in der letzten Folge dieser Staffel statt. An den zweiten erinnert ihr euch und der dritte spielt natürlich nach „Lost Souls", dem ersten TW-Audio-Drama.
Das Abschlusskapitel wird noch kommen.
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