Kapitel 2 ~ Vielleicht, vielleicht nicht
John drehte sich in seinem Bett hin und her. Noch vor einer halben Stunde war er totmüde mit Sherlock nach Hause zurückgekehrt und nun konnte er partout nicht einschlafen, er wälzte sich mit offnen Augen herum. Nach Hause, wie sich das anhörte, John hatte sich sehr schnell eingelebt, als hätte er sich schon immer eine Wohnung mit Sherlock geteilt.
Seufzend schwang er die Beine aus dem Bett und blieb auf der Bettkante sitzen. Er musste mit Sherlock reden, auch wenn es Sherlock nichts bedeuten würde, so war es ihm doch wichtig. John zog sich den Bademantel über den Pyjama und schlurfte die Treppe hinunter.
Er spitzte die Ohren, doch Sherlocks Geigenspiel war nicht zu hören. Der Meisterschnüffler fiedelte meistens vor sich hin, ohne irgendeine Melodie oder ein Lied zu spielen. John hatte den Eindruck, dass die Musik in Gegenwart von Mycroft ein musikalischer Kommentar für seinem Bruder war. Weitere Spitzen unter Geschwistern. Sherlock spielte, wie es ihm in den Sinn kam, mal schwermütig, mal lebenslustig.
Zu Johns Erstaunen war das Wohnzimmer leer, der Geigekasten war unberührt, Sherlocks Laptop stand aufgeklappt auf dem Couchtisch, der Bildschirmschoner lief.
„Sherlock?"
In der Küche war niemand zu sehen, das Bad war ebenso leer. John klopfte an Sherlocks Zimmertür. „Sherlock?", rief er und horchte. Als er keine Antwort bekam, drückte er leise die Klinke herunter. Niemand da. Zurück auf dem Flur fiel John auf, dass Sherlocks Mantel fehlte.
Klasse. Wieder einmal war Sherlock sang- und klanglos verschwunden.
John seufzte enttäuscht. Er schaute sich in der Wohnung um und entschied, sich eine Tasse Tee zu machen, als sein Blick auf die Treppe nach oben fiel. Er schlüpfte in seine Schuhe und zog seine Jacke über, in der Hoffnung dass Sherlock auf dem Dach rauchte.
Oben war es bitterkalt, es schneite noch immer große Flocken, die das Dach mit ein paar Zentimetern frischen Schnees bedeckt hatten. Sherlock stand mit dem Rücken zu ihm an der Brüstung zur Straße; er musste die Tür gehört haben, zeigte aber kein Anzeichen dafür. Sherlock schmollte, das kannte John schon. Der Consulting Detective rollte sich öfter schmollend auf dem Sofa zusammen und spielte das beleidigte Kind, bis es ihm zu langweilig wurde.
„Sherlock?", rief John laut.
Keine Reaktion.
„Es tut mir leid, was ich gesagt habe", rief John. Fröstelnd schob er seine Hände in die Jackentaschen, sein Pyjama war nicht wirklich für diese Temperaturen gedacht. Sherlocks Fußspuren im Schnee waren aufgrund des neuen Schnees kaum noch zu sehen.
Endlich drehte sich Sherlock um, er hielt eine Zigarette in der Hand. John konnte sich ihn nur schwer als Kokain-User vorstellen.
„Ich habe nachgedacht", sagte John.
Sherlock hob spöttisch die Augenbrauen. „Erhelle mich."
„Mrs. Hudson...", begann John, „…hat gleich nach der Begrüßung gefragt, ob wir zwei Schlafzimmer bräuchten. Du hast mit keinem Wort darauf reagiert, nicht einmal ein schnelles ‚Mrs. Hudson, ich dachte, Sie kennen mich inzwischen besser.' Später im Restaurant, als Angelo uns ein romantisches Candle Light Diner bieten wollte, kam mir in den Sinn, dass Mrs. Hudson dich schon länger kennt."
„Wie klein und langweilig ist doch die Welt..."
„Du hast das Thema zur Sprache gebracht!", erwiderte John. Er drückte die Jacke fester an seinen Körper, der Windschatten der Tür schützte ihn wenig. „Ich bin neugierig. Ich will einfach wissen, woran ich bin. Okay! Im Restaurant haben dich meine Fragen auf Ideen gebracht, du hast angenommen, ich würde dich... – obwohl ich das nicht getan habe."
Sherlock ließ die aufgerauchte Zigarette in das kalte Weiß fallen, trotzdem machte er keine Anstalten, wieder reinzukommen.
„Und dann ist da noch Mycroft. Anfangs hatte ich den Eindruck, dass er vor allem nerven will, aber wenn einer Bescheid weiß, dann dein Bruder. Zufällig habe ich ein Gespräch von euch mitbekommen. Mycroft hat nach mir gefragt. ‚Wo ist dein Mitbewohner?' Äußerst sarkastisch. Eindeutig Mycroft. Du hast gesagt, bei seiner Freundin. Ich wette, Mycroft hat den Kopf geschüttelt, als er dir darauf vorgeschlagen, ebenfalls eine Beziehung einzugehen... Deine Antwort habe ich nicht verstanden." John blickte überzeugt von seinen Schlussfolgerungen zu ihm hinüber.
Entschlossen ging John auf ihn zu. „Du tolerierst mich nicht nur, nein, dir gefällt, dass ich hier bin."
Noch bevor Sherlock ihn warnen konnte, rutschte er auf einer gefrorenen Pfütze versteckt unter dem Schnee auf dem unebenen Dach aus und schlug mit dem Kopf an der Kante des Dachfensters, das dort eingelassen war, auf. John stöhnte schmerzlich auf.
„John." Sherlock kniete im Schnee neben ihm. „Du bist verletzt", bemerkte er, als sich John an den Kopf fasste und Sherlock seine blutigen Finger sah. Er holte aus seiner Manteltasche ein gefaltetes Stofftaschentuch und drückte es gegen die Platzwunde. „Halt das."
Auch wenn sein Schädel wie ein ganzer Hornissenschwarm brummte, versuchte John sich aufzurichten. Sherlock schob seinen Arm hinter Johns Schulter und reichte ihm seine Hand, damit John sich mit dessen Hilfe hochziehen konnte.
So nah an ihm dran fiel John Sherlocks ebenmäßige, feinporige Haut und der Amorbogen, das Herz in der Mitte seiner Oberlippe, auf. An seiner Stirn kräuselte sich eine süße, kleine Locke. John wusste nicht, was ihn mehr schwindeln ließ, Sherlocks Nähe oder seine Platzwunde.
Der half ihm mit einem festen Handgriff auf die Beine.
Vor Kälte bibbernd taumelte John mit einer Hand auf seiner Wunde am Hinterkopf gefolgt von Sherlock zurück ins Wohnhaus. Im Wohnzimmer angekommen ließ er sich mit Jacke in seinen Lieblingssessel fallen.
„Du solltest einen Druckverband anlegen", erklärte Sherlock und hängte seinen Mantel auf.
„Ich weiß, ich bin Arzt...", grummelte John.
Zu seinem Erstaunen, was nur kurz vorhielt, holte Sherlock einen Erste Hilfe-Koffer - und übergab ihn John.
„Sieht schlimmer aus, als es ist. Kopfwunden bluten sehr stark", sagte John, als er Sherlocks blutiges Taschentuch gegen eine frische Mullbinde austauchte, ohne genau zu wissen, wen er beruhigen wollte. Er bat Sherlock um Hilfe, der den Mull mit einem ungeschickten Verband an seinem Kopf fixierte.
„Ich sehe aus wie eine Mumie, wenn du so weiter machst."
Sherlock ignorierte seinen Kommentar. „Ich bin mit meiner Arbeit verheiratet, John. Es ist schmeichelhaft, aber du solltest dir keine Hoffnungen machen." Sein dunkles Timbre hörte sich weicher an, fand John und vermutete, dass Sherlock versuchte, rücksichtsvoll zu sein, weil er verletzt war.
John sackte müde tiefer in den Sessel.
Was er von Sherlock erwarten konnte, kleine Minischritte des Entgegenkommens, (was mehr was, als andere zu erwarten hatten) die zumindest zeigten, dass Sherlock seine Gegenwart schätzte. Sie waren sich an einem Tag begegnet, zusammen gezogen und hatten einen Fall gelöst. Erst hatte Sherlock ihn als Kollegen vorgestellt, doch schon gegenüber Sebastian Wilkes hatte er John als Freund bezeichnet.
Gab es Freundschaft auf den ersten Blick? Jemand – John hatte vergessen wer – hatte einmal zu ihm gesagt, Freundschaft sei die normalste Form von Liebe. Aber es war nicht nur das, sie hatten sich genau zur richtigen Zeit getroffen, als sie einen Freund am meisten brauchten – und das war sehr, sehr gut.
Einige Tage später stand John im Türrahmen der Baker Street 221b und wartete auf Sherlock, als Mrs. Hudson aus ihrer Wohnung kam. Sie hatte sich elegant angezogen und rückte noch ein letztes Mal ihren Wintermantel zurecht.
„Mein lieber Watson, schön Sie zu sehen", begrüßte sie ihn herzlich.
„Sie sehen gut aus. Wo geht's hin?", fragte John ein bisschen Smalltalk machend.
„Danke! Mister Farland hat mich eingeladen. Er war mir sehr behilflich. Schauen Sie mal nach oben."
Über sich entdeckte John einen Mistelzweig. Er lächelte breit an, berührte ihre Arme und drückte Mrs. Hudson einen dicken Kuss auf die Wange.
„Und wollt ihr hin? Ein neuer Fall? Ich habe gar nichts in der Zeitung gelesen. Ein Mord in dieser Zeit der Besinnlichkeit..." Sie machte einen traurigen Gesichtsausdruck.
„Kein Mord, Mrs. Hudson", beschwichtigte John sie. „Mycroft hat uns zum Essen einladen. Für Sherlock ist es genauso schrecklich wie ein Besuch bei meiner Therapeutin für mich, höchstwahrscheinlich schrecklicher..."
Mrs. Hudson lächelte ihn an. „Es wird bestimmt ein schöner Abend. Grüßen Sie mir Sherlock." Sie tätschelte seine Arm und schaute sich nach einem Taxi. Eine schwarze Limousine, die Mycroft geschickt hatte, hielt bereits direkt vor dem Eingang der 221b.
„Fahren Sie mit uns. Die Regierung kann die Unkosten verschmerzen", rief John ihr hinterher und zeigte auf den Wagen. Mrs. Hudson ließ es sich nicht zweimal sagen und stieg ein.
„Sherlock", brüllte John nach oben.
Sherlock kam völlig gelassen die Treppe hinunter, während er sich im Gehen den Schal umband.
„Mycroft erwartet, dass wir zu spät kommen", erwiderte er ohne Regung. Er blieb bei John stehen. „Wir können uns beide eine wesentlich bessere Abendplanung vorstellen."
„Wieso hat er uns dann eingeladen? Nein, vergiss es, ich will es nicht wissen. Ich habe nicht gefragt. Apropos Weihnachtsbräuche." John schaute nach oben.
„Viscum album, weißbeerige Misteln, wachsen parasitär auf Laub-, gelegentlich auch Nadelbäumen. Sie ziehen Wasser und Nährstoffe von ihren Wirten, sind jedoch selbst zur Photosynthese fähig."
„Ah, sehr interessant", meinte John. „Was ist mit dem Brauch?"
„Mycroft besteht-"
„Sherlock..."
Sherlock rümpfte die Nase, ehe er nachgab: „Ich folge diesem Ritual, wenn wir nach dem Dessert sofort nach Hause fahren."
John lächelte zufrieden. „Einverstanden."
Sherlock erwiderte sein Lächeln mit einem neckischen Augenbrauenheben. Er beugte sich vor, presste seine Lippen auf Johns und küsste ihn mit einer Hand in dessen Nacken. Danach ließ er John, der gerne mehr vom dem Kuss gehabt hätte, im Türrahmen stehen.
„Auf geht's", sagte Sherlock ohne jede Begeisterung und tat, als müsste er den Sitz seiner Handschuhe nachjustieren.
John zog die Tür hinter sich zu und stieg zu Mrs. Hudson in die Regierungslimousine. Sie beugte sich zu ihm, sobald er auf der Rückbank neben ihr Platz genommen hatte. „Er küsst leidenschaftlicher, wenn ein Fall involviert ist", teilte Mrs. Hudson schmunzelnd mit ihm.
Vielleicht war Sherlock doch kein so hoffnungsloser Fall, wie er erklärt hatte.
~ Ende
