2. Kapitel

Doch so sehr Teddys Streiche mich auch amüsierten, langsam aber sicher näherten meine Gedanken sich einem anderen Thema: Im Sommer würden Hannah und ich heiraten. Und ich war hibbelig. Oh, ich hatte keine kalten Füße, und Hannah auch nicht, da war ich mir sicher.

Hibbelig war ich aber dennoch. Ich würde nur einmal im Leben heiraten, da durfte ich das auch sein. Heute – dem vorletzten Samstag vor Weihnachten – half ich Hannah im Tropfenden Kessel aus. Virginie, das Mädchen, das normalerweise kellnerte, hatte sich die Griselkrätze eingefangen und würde wohl mindestens bis Weihnachten ausfallen.

Da ich immer noch gelegentlich meine Tollpatschigkeitsanfälle hatte, hatte Hannah mich hinter die Theke gestellt und übernahm das Kellnern selber. Wäre ich nicht schon in meinem Traumberuf untergekommen, würde es mir auch gefallen, hier mit ihr zusammen zu arbeiten, und das nicht nur aushilfsweise.

Ich trocknete mit einem Schwenk meines Zauberstabes die frisch gespülten Gläser ab, als die Eingangstür sich von Muggellondon her öffnete, und die Lupins mit einem Schwall eisigkalter Luft den Raum betraten.

Mundungus Fletcher, der vor einer halben Stunde über seinem Feuerwhiskey eingeschlafen war, schreckte auf und hob den Kopf vom Tresen. „Tür zuuuuuu", heulte er.

Da musste ich ihm ausnahmsweise zustimmen, denn es war immer noch unerhört kalt. Wenn das so weiterging, würde ich die Alraunen doch mit Winterausrüstung versorgen müssen...

Remus bat Hannah um drei extragroße Tassen heiße Schokolade, ehe er sich mit seiner Familie an einem Tisch in der Nähe des Tresens niederließ.

„Mum, gehen wir in die ,Magische Menagiere'?", wollte Teddy wissen.

Ich wechselte einen Blick mit Hannah und kümmerte mich um die heiße Schokolade, konnte aber nicht umhin, dem Gespräch der Lupins zuzuhören. Jeder, der schon mehr als drei Sätze mit Teddy gewechselt hatte, wusste, dass er sich zu Weihnachten sehnlichst einen Minimuff wünschte. Ich wusste ja, dass er einen bekommen sollte...

„Warum sollten wir denn, Teddy, Schatz?", hörte ich Tonks' Stimme mit einem Schmunzeln darin.

Woraufhin Teddy gleich zehn bis zwanzig Gründe parat hatte, warum er ganz dringend einen Minimuff brauchte.

„Er ist schon süß, oder?", murmelte Hannah mir zu, als sie die fertige Schokolade holte.

Ich grinste sie an und küsste sie verstohlen. „Sag bloß, du willst auch so einen?"

Meine wunderhübsche Verlobte schenkte mir ein spitzbübisches, aber strahlendes Lächeln. „Du etwa nicht?"

Mein Grinsen wurde nur noch breiter.

Eine halbe Stunde später schmiss Hannah Mundungus eigenhändig raus (ich bewunderte diesen tatkräftigen Zug an meiner Verlobten sehr), weil er angefangen hatte, die Leute anzupöbeln.

Seufzend wandte sie sich mir zu. „Wenn der Idiot sich am helllichten Tag schon volllaufen lassen will und sich dann nicht benehmen kann, soll er in Zukunft wieder zu Abe gehen. Ich hab keinen Bock mehr auf sein Gepöbel."

„Hat Abe ihm nicht auch schon vor Jahrzehnten Hausverbot erteilt?", wollte ich wissen. Ich reichte Hannah eine kleine Packung Bertie-Botts-Bohnen, damit sie die an Teddy weitergeben konnte. Das war eine Eigenheit, die Hannah schon bei der Übernahme des Kessels eingeführt hatte – jugendliche Gäste bekamen immer irgendeinen Naschkram.

Hannah strich sich eine Strähne hinters Ohr und nahm die Bohnen. „Doch, stimmt... wenn Fletcher so weiter macht, kann er bald keinen Fuß mehr irgendwo reinsetzen..." Sie hielt kurz inne. „Mir langt's auch mit ihm. Er kann ja gerne hier durchkommen, aber hier wird er nichts mehr trinken. Ich geh ihm hinterher und sag's ihm. Gibst du Teddy die Bohnen?"

Und so kam es, dass ich, als ich an den Tisch der Lupins trat, Zeuge eines im Zischelton ausgetragenen Streits wurde.

„Du hast das letzte Wochenende also komplett mit deinen Aurorenfreunden verbracht?", sagte Remus, mit einem leisen Knurren in der Stimme.

Tonks seufzte. „Schatz, ich hab dir doch schon gesagt, dass Juliet in einer Krise gesteckt hat, weil es mit ihrem Ex-und-hopp-Freund mal wieder nicht geklappt hat. Sie hat geheult, was hätte ich denn machen sollen? Sagen, sorry, ich hab keine Zeit?"

„Sie hat dich das ganze Wochenende lang vollgeheult?", grummelte Remus zurück.

Teddy warf mir einen genervten Blick zu, als ich bei ihnen ankam. „Kannst du ihnen mal sagen, dass sie aufhören sollen, zu streiten? Ich hab mich sooo auf diesen Ausflug heute gefreut..."

Ich hob einen Mundwinkel, wuschelte Teddy durch die Haare – gerade trübsinnig mausbraun – und warf meinen Kollegen einen kurzen Blick zu. „Lass dir den Tag nicht kaputt machen, Teddy. Deine Eltern sind ja selber Schuld, wenn sie sich hier anmeckern, anstatt mit dir ein der Winkelgasse Spaß zu haben."

Remus warf mir einen giftigen Blick zu, den ich aber ignorierte. Natürlich hatte ich mitbekommen, dass Remus in letzter Zeit oft sauer war, wenn Tonks sich abseilte, gerade wenn Vollmond war. Tonks wiederum war sauer auf ihren Mann, da der mit allen Mitteln verhindern wollte, dass Teddy ihn jemals in Wolfsform sah – warum auch immer. Und Teddy war inzwischen so wild darauf, seinen Vater in anderer Gestalt zu sehen, dass sein Gequengel jeden Monat vor Vollmond allen im Schloss auf die Nerven ging.

In diesem Augenblick rief mich ein anderer Gast zu sich an den Tisch, um zu bezahlen, daher bekam ich den weiteren Verlauf der Streitereien nicht mit.

Zumindest nicht, bis Hannah ein paar Minuten später mit gerötetem Gesicht und klappernden Zähnen wieder herein kam. Sie nickte mir kurz zu – also hatte sie Fletcher gefunden.

„WARUM, Remus?", ertönte da Tonks' Stimme in voller Lautstärke. „Warum verstehst du nicht, dass dein Sohn einfach nur neugierig ist, und warum geht es nicht in deinen verdammten Dickschädel, dass er dich auch dann noch als Vater akzeptiert, wenn er dich als Wolf sieht?"

Im Tropfenden Kessel war zur Mittagszeit natürlich einiges los, aber jetzt hätte man eine Stecknadel fallen gehört.

Im Nu war Hannah bei den Lupins. Remus war blass vor Zorn, Tonks hatte flammend rotes Haar und rote Flecken im Gesicht, Teddy wirkte einfach nur aschgrau, wie er zusammengesunken auf seinem Stuhl hockte. Innerhalb von Sekunden hatte Hannah die Lupins in unser Hinterzimmer verfrachtet.

Ich wusste nicht, was sie ihnen dort erzählte, aber als sie eine Viertelstunde später wieder heraustraten, hielten Tonks und Remus Händchen. Ob demonstrativ oder nicht, konnte ich nicht beurteilen.


„Sag mal... was war da vorhin los?", wollte ich von Hannah wissen, stützte mich auf den Ellbogen und beobachtete, wie meine Verlobte ihre hüftlangen Haare auskämmte, während ich schon im Bett lag.

„Du meinst mit den Lupins?" Sie wartete meine Antwort nicht ab. „Das ist... selten dämlich. Remus graut es davor, was passiert, wenn sein Kleiner ihn als Wolf sieht. Tonks hält das für Schwachsinn, hat es aber inzwischen aufgegeben, dagegen anzureden. Und weil Teddy in letzter Zeit verstärkt dahinter her ist, seinen Vater zu sehen, schafft sie ihn – zumindest, wenn Vollmond auf ein Wochenende fällt –, zu ihrer Mutter. Gerade, damit Remus' Wunsch respektiert wird." Hannah hielt inne und kämpfte mit einem hartnäckigen Knoten in ihren Haaren.

„Und das passt Remus auch nicht, weil sie dann nicht bei ihm ist, wenn er sich zurückverwandelt?", schloss ich.

Hannah nickte und murmelte etwas von starrsinnigen Männern, während sie an ihrer Bürste zerrte.

Als Hannahs eigener starrsinniger Mann hielt ich es für meine Pflicht, ihr zu Hilfe zu eilen. Ich stand auf und nahm ihr die Bürste aus der Hand. „Lass mich das machen."

Sie lehnte sich an mich und ließ mich gewähren. „Weißt du... ich hab die Befürchtung, dass Remus sich da selber ins Bein beißt, wenn er seine Frau so angeht."

Da konnte ich nur nicken. Trotzdem... Lupins Situation war nicht einfach, und wir wussten alle, dass er da empfindlich war. Teddy akzeptierte das „haarige Problem" seines Vaters völlig, aber er war auch noch nie einem ausgewachsenen Werwolf bei Vollmond begegnet.

Dass Remus sich davor fürchtete, seine Sohn Angst zu machen, war absolut verständlich. Dass er seine Frau so anging... war es nicht.

Als ich mit Hannahs Haaren durch war und die Bürste beiseite legte, stand meine Verlobte von Hocker vor ihrem überfüllten, unordentlichen Frisiertisch auf, drehte sich zu mir um und legte die Arme um mich. „Aber lassen wir mal die Lupins... sag mir lieber, ob du dir inzwischen Gedanken gemacht hast, wo wir heiraten und flittern wollen!"

Ehe ich ihr überhaupt antworten konnte, küsste sie mich schon.


Doch so ganz gingen die Lupins mir nicht aus dem Kopf. Und offenbar war ich damit nicht allein. Mehr als einmal beobachtete ich, wie Minerva und Hermione im Wechsel mit Remus stritten – und hier konnte es kaum um ungerechte Punktverteilung oder den Quidditch-Cup gehen, wie es immer der Fall war, wenn Professor Snape und Hermione aneinander rasselten – was auch jetzt noch mit schöner Regelmäßigkeit geschah. Ich konnte nicht sagen, wer dabei mehr Spaß hatte.

Da die Kältewelle immer noch anhielt, kam ich inzwischen nicht mehr darum herum, die Alraunen in warme Winterklamotten zu stecken. Vor zwei Wochen hatte ich schon damit angefangen, die Hauselfen darum zu bitten, mir die von Hermione immer noch fleißig gestrickten und von den Elfen verschmähten Mützen und Socken einzusammeln. Winky war zwar nicht besonders glücklich mit dieser Aufgabe, aber sie brachte mir genug Sachen, damit ich alle Alraunen warm einpacken konnte.

Da mir der Schrei der Alraunen aus meinem eigenen zweiten Schuljahr noch sehr gut in Erinnerung war, sorgte ich dafür, dass an diesem Nachmittag kurz vor den Weihnachtsferien keine Schüler im Gewächshaus waren, setzte mir Ohrenschützer auf und machte mich an die schweißtreibende Arbeit. Mir wurde sogar richtig warm dabei!

Gerade hatte ich einer besonders widerspenstigen Alraune rosa Söckchen über Füße und Hände gestülpt (Hermione konnte keine Handschuhe stricken, und ich konnte es mir nicht erlauben, wählerisch zu sein!) und sie wieder in ihren Topf gepackt, als die Tür zu Gewächshaus drei aufging.

Ich fuhr herum, um denjenigen, der da so leichtfertig hereinkam, anzuschnauzen, und erblickte Professor Snape. Ich riss mir die Ohrenschützer herunter. „Sie haben wirklich Glück, dass ich die Alraune gerade eingegraben habe, Professor!"

Der Zaubertränkelehrer, mit dem ich bisher nicht viel zu tun gehabt hatte – von den gelegentlichen Streits mit Hermione abgesehen, deren Zeuge ich mehr oder minder freiwillig geworden war –, hob nur eine Braue. „Glauben Sie wirklich, ich hätte den Moment nicht abgepasst, Professor Longbottom?"

Ich schnaubte nur. Früher wäre ich bei dem Tonfall sicherlich zu einem verschüchterten Mäuschen zusammengeschrumpft, aber das hier war mein Fachgebiet, hier ließ ich mir auch von einem Professor Snape nicht die Butter vom Brot nehmen.

Wie gerufen fing der Blumentopf, der hinter mir stand, auch schon an, durchdringend zu wimmern. Ich sah, wie Professor Snape bei dem Geräusch das Gesicht verzog, und grinste in mich hinein, ehe ich der jammernden Alraune im Topf einen Silencio anhexte – was ihr auch nicht passen würde, und was man im Allgemeinen auch nicht machte. Aber mit Ohrenschützern würde ich nicht erfahren, was Professor Snape hier wollte, und ohne Ohrenschützer hätte ich nachher Migräne. Da war ein bisschen Pragmatismus angebracht.

„Die mögen die Kälte überhaupt nicht, da jammern sie sogar unter der Erde", erklärte ich und levitierte den Blumentopf an das magische Feuer heran, das Gewächshaus drei beheizte. So ziemlich alle Pflanzen waren inzwischen in der Nähe dieser „Heizung" untergebracht.

„Verstehe", sagte Professor Snape trocken und sah sich um.

Ich wartete ab, denn ich bezweifelte doch sehr, dass er zu einem Höflichkeitsbesuch hergekommen war. Mit verschränkten Armen und gekreuzten Knöcheln (ja, da steckte betonte Gleichgültigkeit dahinter, aber ich musste mir gelegentlich selber noch beweisen, dass ich keine Angst mehr vor Professor Snape hatte) lehnte ich an dem schlichten Holztisch, auf dem ich die Alraunen anzog und umtopfte.

„Haben Sie hier männliche Wald-Bingelkraut-Pflanzen?", fragte er schließlich. „Bei dem Wetter ist es unmöglich, noch welche im Wald zu finden, in der Winkelgasse sind sie überteuert, und ich brauche..."

„... zwei Blätter für Professor Lupins Wolfsbanntrank, ich weiß", schloss ich.

Mit leichter Zufriedenheit registrierte ich, dass Professor Snapes linke Augenbraue um zwei Millimeter in die Höhe gezogen wurde. Ich grinste. „Nur weil ich mich nicht mit Tränken auskenne, Professor, heißt das nicht, dass ich nicht weiß, wofür man magische Pflanzen einsetzt. Und dass Professor Lupin ernsthafte Schwierigkeiten bekäme, wenn in seinem Trank kein Bingelkraut wäre."

Professor Snape nickte knapp – beinahe anerkennend. „Dann haben Sie vorgesorgt?"

„Gewächshaus vier", erwiderte ich ruhig. „Warten Sie, ich begleite Sie. Das Chaos da drüben ist noch schlimmer als hier."

Schweigend wechselten wir das Gewächshaus, und Professor Snape wartete einigermaßen geduldig, bis ich die gewünschte Pflanze schließlich hatte. Als ich zwischen den Pflanzenreihen hervortrat, beugte er sich gerade über einen kleinen Pflanzenkübel, den ich nahe am Fenster platziert hatte.

Die darin befindliche Eisblume gedieh nur bei diesem Wetter, und ich war entsprechend glücklich und stolz, dass es mir gelungen war, eine zu ziehen.

„Woher haben Sie die?", wollte Professor Snape wissen und sah mich mit offener Neugier an.

Ich konnte hinterher nicht sagen, welcher Teufel mich da geritten hatte, als ich spöttisch erwiderte: „Nein, wer hätte gedacht, dass ein Zaubertränkemeister die Schönheit einer Eisblume zu schätzen wissen würde?"

Doch anstatt giftig zu reagieren, hob Professor Snape nur einen Mundwinkel zu dem sarkastischen Grinsen, das Hermione immer auf die Palme brachte. „Die Schönheit nicht unbedingt, aber den Nutzen... als Trankzutat ist eine Eisblume nahezu unbezahlbar, weil sie..."

„... Tränke unbegrenzt haltbar macht, ich weiß", schloss ich wieder. Ich grinste.

Diesmal erntete ich offen gezeigte Überraschung von Professor Snape. Eine Premiere. Ich überlegte schon, ob ich Hermione davon erzählen sollte, entschied dann aber, es bleiben zu lassen. Sie würde mir ohnehin nicht glauben...

„Wie viele davon haben Sie? Und wie sind Sie an die Samen gekommen?"

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich hab noch drei Samen. Wie ich an die gekommen bin... Hannah. Im Kessel konnte jemand nicht zahlen, also hat er Hannah die Samen angeboten, wahrscheinlich, ohne zu wissen, um was es sich dabei handelt. Ich hab es erkannt und Hannah überredet, sie in Zahlung zu nehmen."

„Werden Sie die züchten?"

„Ich arbeite dran. Also – Finger weg von meiner Eisblume! Wenn ich hier meine Kühlkammer bekomme, werde ich in zwei, drei Jahren mit viel Glück genug Eisblumen haben, um Ihnen mal eine abzugeben."

Wieder erntete ich ein Nicken. Und diesmal war die Anerkennung darin deutlich. Ich schluckte meine Fassungslosigkeit herunter. „Also, Professor Snape, brauchen Sie noch etwas aus den Gewächshäusern oder kann ich mich wieder um die Alraunen kümmern, ehe sie Frostbeulen bekommen?"