3. Kapitel

Zu allem Überfluss fing es an dem Tag, als die Weihnachtsferien begannen, auch noch an, heftig zu schneien. Die Schüler, die hier blieben – und das waren einige, denn seit der Wiedereröffnung der Schule war der Weihnachtsball zu einer jährlichen Tradition geworden –, wagten sich in die Kälte hinaus, um entweder auf dem schon lange zugefrorenen Eis Schlittschuh zu laufen oder Schneeballschlachten zu veranstalten. Sehr zum Unmut von Mister Filch, denn so schleppten sie Unmengen an Schneematsch und Dreck mit hinein.

Minerva hörte sich zwar seine bitteren Klagen an und schaffte große Fußabtreter an, ließ die Schüler aber gewähren. Im Stillen gestand sie mir, dass sie deren Ausgelassenheit durchaus genoss.

Ich kehrte noch einmal kurz nach Hogwarts zurück, um ein paar zu korrigierende Aufsätze mit nach London zu nehmen. Beim Fußmarsch quer über die Ländereien musste ich ein paar verzauberten Schneebällen ausweichen, einigen Leuten Punkte abziehen, weil sie Erstklässler kopfüber in Schneewehen tunkten, und ich bewunderte die kunstvoll gestalteten Schneewesen, die die Schüler gebaut hatten, wie Einhörner und Hippogreife.

Als ich das Schloss betrat, wurde ich von einem infernalischen Gebrüll begrüßt. Professor Broom hatte Teddy Lupin – wortwörtlich – am Schlafittchen gepackt und schrie ihn an, wie er es wagen konnte, einen Schneeball mit ins Schloss zu bringen.

„Wenn du hier Schüler wärst, könntest du dich auf die Strafarbeit deines Lebens gefasst machen!", keifte der untersetzte Mann den Jungen an, der ziemlich bedröppelt aus der Wäsche schaute.

Ich entschied, mich einzumischen, und trat auf die beiden zu. Gerade dann kamen auch Hermione und Professor Snape aus der Großen Halle. „Was ist denn hier für ein Geschrei?"

Teddy sah hilfesuchend zu Hermione, doch es war Professor Snape, der ihm zu Hilfe kam. „Lassen Sie sofort den Jungen los."

Oh, diesen kühlen, verächtlichen Tonfall kannte ich. Normalerweise war er an Schüler gerichtet, die wiederholt ihren Kessel in die Luft sprengten, wie ich aus Erfahrung wusste. Dass Broom Teddys Kragen losließ, als hätte er sich daran verbrannt, sollte mich also nicht weiter überraschen.

Der Junge machte sofort ein paar Schritte von Broom weg und ließ den angetauten Schneeball fallen, den er in der Hand gehabt hatte.

Das war der Augenblick, in dem auch Remus dazu kam.

Teddy sah, dass sein Vater die Treppe herunter kam, rannte auf ihn zu und umklammerte seine Beine. Ich konnte nicht verstehen, was er ihm sagte, aber ich hörte, dass er schluchzte. Es gehörte einiges dazu, den Kleinen zum Heulen zu bringen...

Wütend sah ich Broom an. Wegen eines Schneeballs war so ein Theater völlig übertrieben...

„Professor Broom, finden Sie nicht, dass Sie übertreiben, wenn Sie wegen eines Schneeballes so ein Theater machen?", fragte Hermione da schon mit schneidender Stimme.

Broom warf ihr einen wütenden Blick zu. „Sie wissen genau, dass der Bursche allen auf der Nase herumtanzt. Sie wollen vielleicht später mal so ein verzogenes Balg in Ihrem Unterricht haben, aber ich mit Sicherheit nicht."

„Merlin, ein Schneeball! Das ist ein harmloser Klein-Jungen-Streich, und das wissen Sie", mischte ich mich ein und fand mich sofort am anderen Ende von Brooms giftigem Blick.

„Ich sehe schon, ich stehe hier alleine da. Gerade diesem Kind muss mal jemand Disziplin beibringen!"

Remus' Kopf schoss bei diesen Worten herum; der Mann hörte auf, seinem Kind tröstend über den Schopf zu streicheln. „Und warum gerade diesem Kind, wenn ich fragen darf?"

„Das kann ich Ihnen sagen, Lupin", keifte Broom zurück. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt, seine gesamte Körperhaltung drückte Aggression aus. „Und ich bin mir sicher, dass zumindest Professor Snape mir zustimmen wird, immerhin kam er auch schon einmal in den Genuss, einem Werwolf bei Vollmond gegenüberzustehen."

„Sprechen Sie für sich selbst", sagte Professor Snape kühl und betrachtete Broom mit abschätzendem Hohn. „Außerdem faseln Sie. Sie wissen genau, dass der junge Lupin kein Wolf ist. Er hatte Glück, von dem Fluch verschont worden zu sein. Das Blut seiner Mutter war eindeutig stärker."

„Könnte jederzeit durchbrechen, und dann wären wir jeden Monat nicht nur der Gefahr durch einen Wolf ausgesetzt, sondern durch zwei, einer davon ein geborener Werwolf!"

„Du lieber Himmel, Severus hat völlig Recht, Sie faseln", meinte Hermione kopfschüttelnd. „Dass Sie offensichtlich eine große Angst vor Wölfen haben, ist Ihre Sache, und vielleicht haben Sie die auch nicht grundlos, das weiß ich nicht – aber ich kreide es Ihnen schwer an, dass Sie diese Angst an einem Jungen, einem Kind auslassen, das nicht einmal ein Wolf ist!"

„Der Junge mag kein Wolf sein, aber er schlägt über die Stränge! Er gehorcht niemanden, er tut, was er will, keiner zieht ihn für seine Taten zur Rechenschaft!"

Hermione seufzte und massierte sich den Nasenrücken. „Ich kann kaum glauben, was ich da höre... kann es sein, dass Sie mit Dolores Umbridge verwandt sind?"

Ein kollektiver Laut der Abscheu ging durch die Reihe. Selbst Professor Snape verzog das Gesicht.

„Was tut das zur Sache?"

„Oh Merlin... er ist mit Umbridge verwandt!"


Es dauerte nicht lange, da wurde Broom klar, dass er in keinem von uns einen Verbündeten finden würde. Heftig fluchend zog er von dannen.

Ich sah ihm kopfschüttelnd hinterher. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir hier an der Schule noch einmal so ein Fanatiker unterkommen würde."

„Du musst mit Minerva darüber reden", meinte Hermione eindringlich. „Sie wird es nicht dulden, dass er hier Hasstiraden verbreitet – schon gar nicht gegen Teddy."

Doch Remus schüttelte den Kopf. „Ich werde mich selber darum kümmern, sollte so etwas noch einmal vorkommen. Ich möchte euch nur bitten, ein bisschen ein Auge auf Teddy zu haben, wenn er hier alleine rumstromert und noch einmal in Broom rein läuft."

„Brooms Äußerungen waren rassistisch... Remus, du musst dich doch dagegen..."

„Hermione, lass es gut sein, ja!"

„Du bist stur wie ein dämliches Rennpferd!", warf Hermione ihm an den Kopf.

Teddy gluckste leise. „Da hat sie Recht, Daddy."

„So ungern ich es auch zugebe, Lupin", mischte Professor Snape sich ein, sah dabei aber Hermione an, „Professor Granger hat Recht. Es ist mir gleich, ob du und Broom euch die Köpfe einschlagt, aber du musst dafür sorgen, dass er deinen Sohn da raus lässt."

Hermiones Kinnlade fiel nach unten, aber sie hatte sich schnell wieder in der Gewalt. „Seit wann...", setzte sie an, verstummte aber beinahe sofort wieder.

„Seit wann kümmert es mich, ob die Schwächeren geschützt werden, Granger?", schnarrte Professor Snape und starrte sie offensichtlich wütend an.

Ich rieb mir die Stirn. Jetzt ging das wieder los... „Komm, Teddy, wir zwei besuchen die Hauselfen und sehen zu, dass wir eine Tasse heiße Schokolade bekommen, ja? Dein Dad kann sich derweil Broom vorknöpfen, und diese beiden Streithähne hier können sich in aller Ruhe austoben."

Remus, Hermione und Professor Snape warfen mir bissige Blicke zu, aber ich grinste nur und hielt Teddy die Hand hin.


In der Küche hockte ich Teddy auf einen Schemel, bat Winky, die völlig in den Kleinen vernarrt war, darum, ihm doch einen Kakao zu organisieren, und wartete. Ich kannte Teddy gut genug, um zu wissen, dass gleich etwas aus ihm herausplatzen würde...

„Er ist so ein miserabler Spielverderber!"

Da, bitte.

„Seit dem kleinen... ähm, Unfall mit der Zuckerzange hat er mich auf dem Kieker!", beschwerte Teddy sich und sah mich mit ernsten Augen an. „Ich meine... Mann, das war doch nur Spaß!"

Teddys Wut verpuffte so schnell, wie sie aufgekommen war. „Und warum hat er was gegen Dad? Dad tut doch keinem was..."

Winky tauchte wieder auf, mit einer großen Tasse Schokolade und einem Teller voller Keksen in den Händen. „Die Leute haben Angst vor dem, was sie nicht kennen, Master Teddy."

„Aber Broom kennt doch Dad!"

„Aber er hat Master Remus noch nie als Wolf gesehen und weiß daher nicht, dass Master Remus wirklich ein ungefährlicher Wolf ist."

Ich hab Dad auch noch nie als Wolf gesehen und weiß das!", konterte Teddy sofort.

Winky warf mir einen auffordernden Blick zu, zur Seite zu rücken, dann setzte sie sich neben den Jungen und streichelte ihm sachte über den Rücken. „Master Remus hat auch Angst, müssen Sie wissen. Master Remus hat Angst, dass Sie ihn nicht mehr lieben, wenn Sie ihn so sehen."

Teddy schmiss einen ganzen Keks in seinen Kakaotasse. „Dann ist Dad echt ein Blödmann."

Ich musste mir selber einen Keks in den Mund stopfen, damit ich auf diese Äußerung hin nicht laut auflachte, auch wenn die Verzweiflung über seinen dämlichen Vater in Teddys Stimme eigentlich nichts Komisches an sich hatte.

Kurze Zeit später hatte Winky Teddy mit Keksen abgefüttert. Der Junge war wieder glücklich mit sich und der Welt.

Und dann tauchte Tonks auf, und erkundigte sich nach ihrem Sohn. Sie sah die Tränenspuren auf seinem Gesicht und musste nachfragen, was überhaupt los war.

Offenbar hatte Lupin seiner Frau nichts von dem Vorfall mit Broom erzählt.

Ich hatte da ein ganz mieses Gefühl.


Die nächsten Tage war das ganze Schloss mit der Vorbereitung für den alljährlichen Weihnachtsball beschäftigt. Argus Filch fluchte zwar heftig, polierte aber eifrig alles, was zu polieren war, und ich war mir sicher, dass er auch einmal kurz zufrieden grinste, als er eine glänzende Rüstung betrachtete. Dann entdeckte er allerdings mich, und sein Grinsen gefror.

Ich tat, als hätte ich nichts bemerkt.

Hagrid schleppte wieder haufenweise Tannen in die Große Halle, und die Schüler der jüngeren Jahrgänge hatten einen Heidenspaß dabei, die Bäume mit Professor Flitwick zusammen zu schmücken – eine kleine Entschädigung, dass sie nicht zum Ball konnten.

Am Heiligen Abend kam ich mit Hannah zusammen von London aus nach Hogwarts. Wir würden den Ball besuchen und noch in der Nacht zu Hannahs Vater nach Essex flohen, um bei ihm den Rest der Feiertage zu verbringen.

Wir apparierten vor die Tore Hogwarts', wo schon eine Kutsche auf uns wartete, die von einem Thestral gezogen wurde. Da hatte jemand vorausgedacht – denn Hannah hatte trotz Schneegestöbers darauf bestanden, Absatzschuhe zu tragen, und der Fußmarsch über die Ländereien wäre ein Ding der Unmöglichkeit für sie gewesen.

„Meine Güte", murmelte meine Verlobte, kuschelte sich wärmesuchend an mich und sah zum Schloss hinauf, als die Kutsche sich in Bewegung setzte. Die Lichter, die aus den Fenstern strahlten, ließen Hogwarts noch größer und ehrfurchterregender wirken als sonst. „Ich hab ja schon ganz vergessen, wie imposant das Schloss ist. Ich glaube, ich muss dich öfter auf der Arbeit besuchen."

Eine sehr schöne Vorstellung, wie ich fand!

In der Großen Halle brachten wir die üblichen Begrüßungsrunden hinter uns, was allerdings sehr schnell vonstatten ging – denn Harry war ebenfalls da, und die Aufmerksamkeit fast aller Anwesenden, ob Schüler oder Ministeriumsangestellte, galt ihm. Das Gewusel in der Halle war ungewöhnlich farbenfroh – die Mädchen trugen allesamt Abendkleider, die Jungs hatten sich in Festumhänge gehüllt. Es dauerte nicht lange, bis Hannah und ich den Überblick verloren und uns an einen ruhigeren Ort wünschten.

So fand ich mich mit Hannah recht bald an einem kleinen Stehtisch in einer abgeschiedenen Ecke wieder, wo außer uns nur Hermione in einem langen braunen Kleid („Neville, Schatz, das ist nicht braun, das ist ein dunkles Bordeaux!", verbesserte Hannah mich nachsichtig), Minerva in ihrem üblichen Schottenkaro und Tonks in einer schreiend orangefarbenen Aufmachung waren.

Nachdem wir eine Weile über allerlei Nichtigkeiten geplaudert hatten, stieß Minerva Hermione in die Seite. „Meinst du, ich kann es ihnen jetzt sagen?"

Hermione warf Hannah und mir einen kurzen Blick zu, dann grinste sie unsere Chefin an. „Wenn nicht an Weihnachten, wann dann?"

Misstrauisch sah ich die beiden Frauen an. Was hatten sie jetzt wieder geplant?

Minerva trat um den Tisch herum und ergriff die Hände meiner Verlobten, während Hermione und Tonks ein wissendes Lächeln austauschten – ein Komplott! „Also, Hannah, Neville... ich habe zufällig mitbekommen, dass Sie beide immer noch auf der Suche nach einem Ort sind, an dem Sie im Sommer heiraten können. Und da das Schloss in den Sommerferien ungenutzt ist... da wollte ich Ihnen anbieten, hier zu heiraten. Was sagen Sie?"

Ich war sprachlos. Minerva McGonagall bot uns an, auf Hogwarts zu heiraten? Ich wusste ja inzwischen, dass sie privat nicht viel mit der strengen Frau gemein hatte, die sie im Unterricht gab... aber das war ein Angebot, das ich eher von einem Albus Dumbledore erwartet hätte.

Zum Glück war meine Hannah nicht mit der selben Sprachlosigkeit geschlagen wie ich. Sie quietschte erfreut auf und umarmte Minerva spontan. „Oh, das wäre ja wundervoll! Würden Sie das wirklich für uns machen, Professor McGonagall? Ich meine... ich hätte ja auch im Kessel geheiratet, aber an das Schloss habe ich so viele Erinnerungen und hier wären wir auch in der Lage, alle unsere Freunde unterzubringen... sind Sie sicher, dass Sie uns das erlauben wollen? Und Neville, was sagst du dazu? Schatz?"

Selbst wenn ich einen anderen Ort als Hogwarts bevorzugt hätte, ein Blick in Hannahs strahlende Augen hätte schon ausgereicht, um mich umzustimmen. Und so konnte ich die vier Frauen vor mir nur glückselig-dämlich angrinsen.


Der Ball war nicht mit einem Festessen verbunden, stattdessen gab es ein Buffet, an dem man sich bei Bedarf mit allerlei Häppchen versorgen konnte. Ich behielt es nebenbei im Auge, denn ich wusste nur zu gut, dass der eine oder andere Scherzkeks im Laufe des Abends versuchen würde, die Stimmung mit aufbereitetem Punsch zu heben.

Während Hannah, Tonks und Hermione sich über meine Hochzeitsgarderobe unterhielten (ich hatte wohl mit meinem „Schönes braunes Kleid, Hermione!"-Fauxpas jedes Mitspracherecht verspielt), erspähte ich auch schon den ersten Schüler, der meinte, ein bisschen Stimmung machen zu müssen. Notgedrungen machte ich mich auf den Weg zum Buffet, doch ehe ich mir den Sechstklässler aus Gryffindor (warum war es eigentlich immer mein altes Haus, das sich solche Streiche ausdachte?) schnappen konnte, kam mir ein Anderer zuvor.

Und zwar jemand, von dem ich nicht einmal angenommen hätte, dass er heute Abend hier wäre, nämlich Severus Snape.

„Halten Sie das wirklich für eine gute Idee, Johnson?", zischte mein Kollege den jungen Burschen an, der auch schon ziemlich den Kopf einzog. Eine verständliche Reaktion, wenn man bedachte, wie giftig Professor Snape ihn anstarrte.

„Das macht dann drei Wochen Nachsitzen bei Mister Filch und... ah, Professor Longbottom, helfen Sie mir... wie viele Punkte soll ich Gryffindor abziehen, weil Mister Johnson irgendeine Substanz, die zweifellos aus dem Lager von Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen kommt, in den Punsch kippen wollte?"

Professor Snape fragte mich um meine Meinung? Zum zweiten Mal an diesem Abend war ich sprachlos. Diesmal fing ich mich aber schneller wieder.

„Zusammen mit den drei Wochen Nachsitzen? Nicht über zwanzig, würde ich sagen – es sei denn, Sie legen Wert darauf, es heute noch mit einer fuchsteufelswilden Hermione zu tun zu bekommen", erwiderte ich mit einem halben Lächeln.

Professor Snape wandte den Blick in die Richtung, aus der ich gekommen war. Ich sah ebenfalls zurück zu dem Tisch, an dem Hermione mit Hannah stand. Meine Verlobte redete immer noch gestikulierend auf Hermione ein, aber deren Blick war auf uns gerichtet – oder wohl eher auf Severus.

Der zeigte ein wölfisch fieses Lächeln. „Zwanzig Punkte von Gryffindor, Johnson. Und jetzt sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen."

Der junge Mann ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern tauchte eilig in der Menge unter. Professor Snape sah ihm mit verschränkten Armen hinterher, dann warf er mir einen kurzen Blick zu – und ich sah das Amüsement in seinen Augen. Interessant.

Ich erlaubte mir wieder ein halbes Grinsen. „Soll ich Hermione erzählen, dass der Punkteabzug moderat war, oder möchten Sie das selber mit ihr klären?"

„Sie haben mir besser gefallen, als Sie noch Angst vor mir hatten", grummelte Professor Snape, sah mich aber dabei nicht an, sondern hielt den Blick auf unsere Kollegin mit den wilden Locken gerichtet.

Ich hob eine Braue. „Tatsächlich?"

„Nein."


„Hannah, Schatz, was machst du da?"

Sie hielt inne und drehte sich zu mir um, die Arme voll beladen mit leeren Gläsern. „Na, ich mach hier ein bisschen Ordn... oh." Sie grinste mich verlegen an.

Ich lächelte sie an, nahm ihr die Gläser ab und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze, ehe ich die leeren Gläser auf einem Tisch abstellte. „Meine Gastwirtin... mit Leib und Seele."

Sie klemmte sich eine Strähne, die sich aus ihrem hochgesteckten Zopf gelöst hatte, hinters Ohr. „Du hast Recht... meine Berufung."

„Die Hauselfen werden es dir übel nehmen, wenn du dich in ihren Aufgabenbereich einmischst", warnte ich sie spielerisch. „Du bist heute mal Gast. Entspann dich, Schatz."

„Ich kann das hier doch nicht einfach so stehen lassen", grummelte Hannah und deutete auf das schmutzige Geschirr. „Da widerspricht meine Gastwirtinnenseele!"

„Dann muss ich dich wohl ablenken", schloss ich und streckte die Hand nach ihr aus, um sie mit mir auf die Tanzfläche zu ziehen.

Hannah lächelte mich strahlend an. Das Tanzen war eine ihrer Leidenschaften – und eine von mir.


Pflichtschuldig tanzte ich auch mit Hermione, Ginny (sie war mit Harry gekommen und daher Opfer einiger feindseliger Blicke, aber sie ließ sich davon nicht stören), Tonks, Minerva und meinen anderen Kolleginnen, aber so oft ich konnte, wirbelte ich mit Hannah über die Tanzfläche. Dass wir uns im Herbst bei einem Muggeltanzkurs in London angemeldet hatten, machte sich bemerkbar – Tango, Walzer, Foxtrott – wir konnten sie alle.

Interessanterweise konnten Hannah und ich einiges beobachten, während wir unsere Runden drehten. Broom schien seine Abneigung gegen die Lupins überwunden zu haben (seit dem Vorfall mit Teddy begegnete ich ihm eigentlich nur noch mit kühler, ein bisschen herablassender Höflichkeit und hatte nichts mehr mit ihm zu tun), denn er unterhielt sich gerade mit einer lachenden Tonks, während Lupin direkt daneben in ein Gespräch mit Harry vertieft war. Teddy war für diesen Abend zu seiner Großmutter gebracht worden, wo Remus und Tonks nach dem Ball ebenfalls hinflohen würden, wie sie mir erzählt hatten...

Den Großteil des Abends verbrachte ich mit Hannah zusammen auf der Tanzfläche, wobei wir uns leise unterhielten. Ich behielt nebenher die Schüler im Auge, Hannah beobachtete die anderen Gäste. Wir bewegten uns gerade zu den Tönen eines Tango Argentinos, als Hannah sich plötzlich in meinen Armen versteifte.

„Merlin... Neville, schau mal!"

Ich folgte Hannahs fassungslosem Blick... und erstarrte. In einer weit abgeschiedenen Ecke wirbelten ein braunes... pardon, bordeauxfarbenes Kleid und ein schwarzer Umhang umeinander. Im ersten Augenblick traute ich meinen Augen kaum... andererseits hatte Professor Snape mich heute schon einmal überrascht...

Hannah und ich tauschten noch einen verblüfften Blick, dann riss uns die Kollision mit den Lupins, die nicht gemerkt hatten, dass wir mitten auf der Tanzfläche angehalten hatten, um wie blödsinnige Trolle zu starren, wieder abrupt in die Realität zurück.

Bis wir das Durcheinander aus Armen und Kleidern und Festumhängen wieder gelöst hatten, war der Tango vorbei, und als ich das nächste Mal in die Ecke schaute – diesmal mit Tonks in den Armen, denn die Kollision wurde als Anlass zum Partnertausch genommen –, waren Hermione und Professor Snape verschwunden.