4. Kapitel
Der elendig kalte Winter entpuppte sich auch als elendig lange. Sogar jetzt noch, in den Osterferien, wehte ein schneidend kalter Wind von Norden her. Doch so langsam aber sicher wich die Kälte. Erste Frühblüher tauchten schließlich auf – später als sonst, aber immerhin. Ein Ende der Kälte war in Sicht.
Und damit rückte der Sommer in Reichweite – und meine Hochzeit mit Hannah! Minervas Angebot, Hannah und mich auf Hogwarts heiraten zu lassen, stand immer noch, aber dadurch, dass wir an diesem wunderbaren Ort feiern konnten, hatte sich die Länge der Gästeliste verdoppelt. Viele, die schon abgesagt hatten, hatten es sich doch noch anders überlegt und wollten kommen. Ich war deshalb ein bisschen ungehalten, denn ich hätte eine kleine Feier mit echten Freunden bevorzugt, aber Hannah ging so in den Vorbereitungen auf, dass ich meinen Groll hinunterschluckte. Außerdem hätte es vermutlich nichts gebracht, etwas zu sagen, wo doch meine Granny sich mit Hannah verbündet hatte. Und diesem Duo stellte man sich besser nicht in den Weg, wenn die beiden Frauen sich etwas in den Kopf gesetzt hatten.
So hatten sie aus irgendeinem Grund, den außer ihnen keiner kannte, Hermione dazu zwangsverpflichtet, in den Osterferien mit mir in der Winkelgasse nach einer passenden Robe für die Hochzeit zu suchen.
„Die sollten doch eigentlich wissen, dass ich keine Ahnung von Mode habe", meinte Hermione, als sie mit mir durch die Winkelgasse schlenderte. „Ich meine, gut, Hannah und Susan haben mir den Entwurf für das Kleid gezeigt, aber kann ich damit was anfangen? Nein."
Ich nickte geistesabwesend vor mich hin und war im Stillen dankbar, dass Hannah nichts von Parvati Patil hielt, die eine Modekette eröffnet hatte. Wenn diese ehemalige Mitschülerin mich einkleiden sollte, wäre ich vermutlich pfauenhafter ausgestattet als Gilderoy Lockhart, der inzwischen nicht mehr mit meinen Eltern auf der Station war, sondern in einer offenen, betreuten Wohngruppe lebte – seinen alten Kleiderstil hatte er dabei wieder für sich entdeckt.
Da es an diesem Nachmittag überraschend warm war, gönnten Hermione und ich uns das erste Eis des Jahres, nachdem wir bei Madam Malkin einen schlichten, hellgrauen Festumhang in Auftrag gegeben hatten, der laut Ladeninhaberin „der letzte Schrei" war.
Wir setzten uns vor Florean Fortescues Eissalon in die Sonne (Florean war einige Monate nach dem Krieg urplötzlich wieder aufgetaucht, als wäre niemals etwas gewesen, und keiner wusste, wo er die ganze Zeit über gesteckt hatte. Man munkelte, er wäre in Südafrika gewesen, was erklären könnte, dass er plötzlich typisch südafrikanische Exoten nutzte, um seine Eisbecher zu garnieren).
„Hm, aber da reden wir seit Wochen eigentlich immer nur von meinem Privatleben, und ich frage dich nie, wie es dir geht", meinte ich und schlug die Karte auf, um mir einen Eisbecher auszusuchen.
„Da gibt es ja auch nicht viel zu erzählen, Neville", meinte Hermione und blätterte hochkonzentriert in ihrer Karte. Ein bisschen zu konzentriert vielleicht.
„Also gibt es nichts Neues? Was macht Ron eigentlich? Ich hab schon ewig nichts mehr von ihm gehört." Hermione und Ron waren einige Monate nach dem Krieg zusammen gewesen, hatten sich dann aber in aller Freundschaft wieder getrennt.
„Oh, der ist nicht in England. Der ist doch in die Zauberscherze eingestiegen, und mittlerweile wollen er und George eine Filiale in Paris aufmachen. Jetzt ist Ron mit Bill und Fleur in Frankreich, um sich da mal umzusehen", erzählte Hermione im Plauderton. „Meinst du, man kann die Kombination aus Litschi-Eiscreme und Pistazien-Maracuja-Sorbet wirklich essen? Das klingt mir ein bisschen abenteuerlich..."
„Probier es aus. Im Zweifelsfall geb ich dir was von meinem Erdbeerbecher ab."
Aber Hermione überlegte es sich dann doch anders und aß ein Walnusseis. Auf meinen spöttischen Blick hin grinste sie. „Ich muss nachher noch schnell ins Muggellondon, da will ich nicht riskieren, dass mir schlecht wird."
„Was willst du denn da?"
„Oh, ich will auf den Wochenmarkt und mir eine Stevia-Pflanze holen", sagte sie leichthin.
„Süßkraut? Warum willst du denn Süßkraut? Und warum sagst du nichts? Ich hab ein bisschen was davon in den Gewächshäusern."
„Es darf nicht mit Magie in Berührung gekommen sein, zumindest nicht, bevor ich es verwende."
Daraufhin hob ich die Augenbrauen und schob mir demonstrativ langsam einen Löffel Erdbeereis in den Mund. Eigentlich war es noch zu kalt für diese Nascherei, selbst wenn man in der Sonne saß, aber... vielleicht konnten wir ja den Sommer herbeizwingen.
Hermione lächelte schwach. „Wir... das heißt... Severus und ich arbeiten an... Tränken. Ich hab neben Verwandlung auch immer wieder ein paar Zaubertränkevorlesungen gehabt und hab ein bisschen Ahnung. Und... warum grinst du so?"
Hastig setzte ich einen neutralen Gesichtsausdruck auf. „Nichts weiter. Entschuldige, ich war gerade in Gedanken... also, Zaubertränke? Und da wollt ihr Süßkraut verwenden?"
Hermione nickte. „Wir testen, ob wir es schaffen können, den Wolfbanntrank damit zu süßen. Ich meine... eigentlich ist es ja unnötiger Luxus, sollte man meinen, Hauptsache, der Trank wirkt. Aber gerade im Krieg sind so viele Kinder von Werwölfen gebissen worden, und viele tun sich schwer, den Trank überhaupt runter zu bekommen. Also dachte ich mir, dass man es ihnen – zumindest ein kleines bisschen – angenehmer machen könnte. Ich weiß, dass es nicht viel ist... aber etwas..."
Langsam nickte ich vor mich hin und schob mir noch eine Erdbeere in den Mund. „Deine Idee, nehme ich an? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Professor Snape..."
„Professor Snape ist ein arroganter Angeber", versetzte Hermione trocken, aber mir entging das Funkeln in ihren Augen nicht. „Ihm geht es weniger um die jungen Werwölfe als um die akademische Herausforderung. Belby behauptet steif und fest, dass der Trank vollkommen und ausgereift ist, wie er ist. Severus behauptet wiederum steif und fest, dass Belby ein inkompetenter Dummkopf ist, der einen Glückstreffer gelandet hat. Daher..."
„Verstehe", sagte ich und verstand wirklich. Nämlich, dass ich dringend in diese Wette einsteigen musste, die Tonks mit Minerva angezettelt hatte und bei der inzwischen fast das gesamte Kollegium mitmachte. Ich machte mir die mentale Notiz, Tonks bei Gelegenheit darauf anzusprechen.
Eigentlich war die größte Pflanzzeit schon wieder vorbei, aber nachdem der letzte Winter so vermaledeit lang und kalt gewesen war, dass wir bis Ende April nachts durchgehend Frost gehabt hatten, war ich immer noch gut damit beschäftigt, meine Setzlinge nach draußen zu bringen. In diesem Jahr wollte ich mich daran versuchen, Blaues Bilderkraut im Freien zu ziehen, was kein ganz leichtes Unternehmen war, aber robustere Pflanzen brachte – das Bilderkraut gehörte zur Familie der Magischen Mimosen und war entsprechend empfindlich. Zum Glück wusste ich, dass in einem der uralten Kräuterkundebücher in der Schulbibliothek ein Erfahrungsbericht über die Zucht dieser heiklen Pflanze zu finden war.
Irma Pince sah mich stirnrunzelnd an, als ich mit meinen schmutzverschmierten Schuhen die Bibliothek betrat und mich nach dem Buch erkundigte. Wortlos hörte sie sich meine Bitte an und beseitigte dabei mit ihrem Zauberstab den Dreck, den ich hereingetragen hatte. Den Einfluss, den Argus Filch auf sie hatte, konnte man wirklich nicht übersehen!
„Selbstverständlich haben wir das Buch in unserem Bestand", sagte sie mit etwas wie Stolz in der Stimme.
Ich verkniff mir ein Grinsen – sie hatte das Buch in ihrem Bestand, meinte sie wohl eher. Niemand würde es jemals wagen, anzuzweifeln, dass Irma die Alleinherrscherin über Hogwarts' Bibliothek war.
„Dann würde ich es gerne...", setzte ich an, wurde aber rigoros von der Bibliothekarin unterbrochen.
Sie schnalzte scharf mit der Zunge. „Das arme Buch ist in keinem guten Zustand. Es wäre unverantwortlich, zu gestatten, dass es diese Räume verlässt."
An dieser Stelle bedachte sie mich mit einem vernichtenden Blick. Offenbar hatte sie mir noch nicht verziehen, dass eines der Bibliotheksbücher, das ich mit in die Gewächshäuser genommen hatte, schmutzig von diesem Ausflug zurückgekommen war. Bei der Erinnerung an die Schimpfwörter, die Irma mir an den Kopf geworfen hatte, als ich das Buch wieder in ihre Obhut zurückgegeben hatte, bekam ich immer noch rote Ohren.
Es dauerte eine Viertelstunde und brauchte die Unterstützung von Hermione, die sich auch in die Bibliothek verirrt hatte, bis Irma schließlich so weit war, dass sie mir „Bellinghams botanische Besonderheiten – Berichte" übergab – wenn auch äußerst widerwillig.
Ich sah zu, dass ich flugs aus der Bibliothek kam, ehe sie es sich anders überlegte oder mir noch einen Unbrechbaren Schwur aufzwang, bloß damit dem Buch nichts passierte. Allerdings hatte Irma schon Recht: Das Buch war in keinem guten Zustand. Als ich es auf dem Hinausweg im Gehen aufschlug, kamen mir schon drei lose Seiten entgegen.
Eilig klappte ich das Buch wieder zu. Ich würde es im Gewächshaus lesen.
Dort angekommen machte ich es mir an einem der langen Holztische bequem, stellte mir Blumentöpfe, mit einem speziellen Trank behandelte Aufzuchterde, klares Quellwasser und die Samen bereit, dann fegte ich ein paar Dreckkrümel von der Tischplatte. Ich wusste ja, was mich erwartete, wenn ich ein schmutziges Buch zurückbrachte...
Trotzdem weigerte ich mich, die paar schlichten Küchenkräuter, die in einem halben Meter Abstand auf dem Tisch untergebracht waren, beiseite zu räumen. Man konnte es ja auch übertreiben!
Die Fenster des Gewächshauses standen sperrangelweit offen, Vögel zwitscherten in der Nähe und in etwas größerer Entfernung hörte ich die Stimmen ausgelassener Schüler, die von der Maisonne nach draußen gelockt worden waren.
In aller Ruhe las ich Bellinghams Bericht über das Bilderkraut, dann legte ich das Buch beiseite und widmete mich der Aufgabe, die wertvollen Samen in die vorbehandelte Erde zu bringen. Es war warm, die Arbeit war angenehm... ich ließ es entspannt angehen und dachte ein bisschen an Hannah.
„Verdammte Buchwanze! Wo sind wir?"
Ich fuhr zusammen und sah mich hektisch um. Es war niemand da, aber mir war, als hätte ich eine Frau fluchen gehört!
Kopfschüttelnd kümmerte ich mich wieder um mein Bilderkraut. Das hatte ich davon, wenn ich bei der Arbeit träumte!
„Pscht, Kleine!"
Da! Schon wieder!
„Wisst ihr, wo wir sind?"
Da waren eindeutig Stimmen! Leise, ja... aber da!
„Ich schätze, man hat das Buch ausgeliehen..."
„Pince sollte es besser wissen, als so ein Buch aus der Hand zu geben..."
„Werdet ihr wohl ruhig sein! Wir sind nicht alleine!"
Langsam wandte ich den Blick zu dem Buch, das ich ausgeliehen hatte. Drei kleine, grüne, raupenartige Wesen mit Fühlern hockten davor. Sie sahen mich an.
„Elender Schusterjunge!", knurrte eines der Wesen mit überraschend tiefer, männlicher Stimme. Das zweite Raupenviech schubste das dritte – und kleinste – energisch in Richtung Buch.
Ich spürte, dass mir der Mund offen stand, und schloss ihn wieder. Wenn ich zwei und zwei zusammenzählte... dann waren das hier Bücherwürmer! Nun, damit würden sie zumindest keine Gefahr für meine Kräuter darstellen, im Gegensatz zu gemeinen Raupen.
Allerdings würde Irma es mir verdammt übel nehmen, wenn ich ihr ein wurmverseuchtes Buch in die Bibliothek schleppte... das war, als würde man mir magischen Mehltau in die Gewächshäuser schmuggeln!
Während ich noch nachdachte, was ich jetzt machen sollte, hatten die drei Würmer den strategischen Rückzug angetreten und waren in dem Buch verschwunden. Ich würde mir etwas einfallen lassen müssen...
„Professor Longbottom! Professor Longbottom, sind Sie hier drin?"
Adrian Smittie stand im Eingang des Gewächshauses und sah mich gehetzt an. Der Drittklässler der Slytherins war nass bis auf die Knochen. „Mickey ist in den See gefallen... wir haben ihn rausgezogen, aber er hat irgend so ein Pflanzendingens am Körper... das würgt ihn und will ihn einfach nicht loslassen! Kommen Sie schnell!"
Mit wehendem Umhang folgte ich dem jungen Burschen, um Mickey aus seiner misslichen Lage zu befreien.
Als ich eine halbe Stunde später wieder in mein Gewächshaus zurückkehrte, war ich selber in den Genuss eines unfreiwilligen Bades gekommen. Offenbar hatte ein Teufelsschlingenableger seinen Weg in den See gefunden und dort mit irgendeiner anderen Schlingpflanze eine Hybride gebildet... ich musste also erst einmal den See absperren und dann einen Schüler zu Minerva schicken, damit wir weiteres Vorgehen besprechen konnten. Mickey war mit dem Schrecken davon gekommen...
Ich hatte mich mit einem Zauber wieder abgetrocknet, hatte aber trotzdem das dringende Bedürfnis nach einer Dusche. Dennoch musste ich erst mein Bilderkraut vollends versorgen, wenn ich den Erfolg meines Pflanzversuches nicht gefährden wollte.
Also schlug ich – einigermaßen zackig – Bellinghams Bericht wieder auf, ohne großartig daran zu denken, dass ich das alte, wurmzerfressene Buch pfleglicher behandeln sollte.
Aber... das konnte nicht sein!
Entgeistert starrte ich das Buch in meiner Hand an. Die lose Bindung... war wieder fest. Der abgewetzte Einband... erstrahlte in neuem Glanz. Die vergilbten Seiten... waren wieder rein. Die Eselsohren... verschwunden. Die Risse im Pergament... nicht mehr vorhanden!
„Da hol mich doch der Hippogreif", murmelte ich fassungslos und strich sanft mit dem Finger über die Seite, auf welcher der Bericht zum Bilderkraut stand.
Und ich glaubte, ein leises Kichern aus dem Buch zu hören.
Am nächsten Tag versammelte ich meine UTZ-Schüler am See, gab ihnen allen reichlich Dianthuskraut zu schlucken und tauchte mit ihnen in das kalte Gewässer. So interessant eine Hybride zwischen einer Wasserpflanze und einer Teufelsschlinge auch war (und ich würde mir es nicht nehmen lassen, mir so ein Exemplar im Wassertank zu ziehen!)... es war zu gefährlich. Das gesamte Kollegium hatte mir zugestimmt, dass wir die Wasserschlinge nicht dulden konnten, wenn sie schon dazu ansetzte, arglose Schüler zu ersäufen.
Nach dem anstrengenden und nicht ganz ungefährlichen Tauchgang orderte ich eine Runde Butterbier für meine Helfer. Verdient hatten sie es sich. Der See war jetzt schlingenfrei, ich hatte meinen Ableger... und meine Kräuterkundler hatten Engagement und Einsatz gezeigt. Zusätzlich zum Butterbier gab es für alle Beteiligten also auch Hauspunkte.
Irgendwann im Lauf der folgenden Woche dachte ich daran, Irma Bellinghams Bericht zurückzubringen. Ich konnte mir immer noch nicht wirklich erklären, warum der Zustand des Buches sich so signifikant verbessert hatte, als die Würmer da rein gegangen waren, aber ich nahm an, dass es mit dem Gerücht, es wären Schädlinge, nicht allzu weit her war...
Irma starrte mich entgeistert an, als ich ihr das Buch schließlich auf den Schreibtisch legte. Sie streckte ungläubig die Hand danach aus. „Was haben Sie damit gemacht?"
Ich zuckte mit den Schultern und sagte wahrheitsgemäß: „Nichts."
Die Bibliothekarin sah mich herrisch an. „Und das soll ich Ihnen glauben?"
„Vielleicht waren es ja die Bücherwürmer", scherzte ich und erntete sofort einen strengen Blick.
„Über solche Dinge macht man keine Witze!", wies Irma mich scharf zurecht. Doch ehe sie mich weiter ausfragen oder zusammenfalten konnte, erregte ein im Zischelton ausgetragener Streit drei Regalreihen weiter ihre Aufmerksamkeit.
Irma stürzte sich wie ein Racheengel auf Professor Snape und Hermione, die sich, nach allem, was ich so heraushörte, gerade über der neuesten Auflage von „Geschichte Hogwarts'" in der Wolle hatten.
Mir fiel wieder ein, dass ich ja noch in eine Wette einzusteigen hatte, und ich machte mich auf den Weg ins Lehrerzimmer, um das nachzuholen.
Ähm, ja... ich konnte nicht anders, der Cameo-Auftritt inkl. Self-Insert musste sein. Trotzdem sei hier mal angemerkt, dass es hier nicht um die Buchwelt geht. Das heißt aber nicht, dass sie nicht trotzdem da ist.
Wer weiß, was es mit den Bücherwürmern auf sich hat, bekommt einen virtuellen Felsenkeks von mir.
