Für Hillie – und für euch alle. Ich hoffe, ihr habt einen wundervollen Tag.
6. Kapitel
„Ich glaube das einfach nicht", murmelte Minerva und presste sich die Fingerspitzen an die Schläfen. „Dass er ein Kind entführt... warum sollte er das tun?"
Ich tauschte einen Blick mit Hermione und Severus. Offenbar hatte Remus sich nie bei Minerva über Broom beschwert – aus welchen Gründen auch immer. Inzwischen nahm ich an, dass es Remus in Fleisch und Blut übergegangen war, sich nicht mehr zu wehren, wenn jemand gegen ihn als Werwolf hetzte.
„Minerva", setzte Hermione an, doch Snape unterbrach sie.
„Broom hasst Wölfe", sagte er kurz angebunden. „Schon immer und besonders Lupin."
Alle Augen richteten sich auf ihn. Er zuckte mit den Schultern. „Lupin damals bei seinen Verwandlungen in der Heulenden Hütte einzusperren, war keine Meisterleistung von Dumbledore. Besonders, als seine... Freunde angefangen haben, mit ihm des Nachts durch die Gegend zu streifen wurde es gefährlich. Ich bin vielleicht als Einziger von Black gezielt dorthin gelockt worden, aber ich war gewiss nicht der Einzige, dem Lupin bei seinen Streifzügen über die Ländereien zu nahe gekommen ist."
Hermione keuchte auf. „Das... das hat er uns seinerzeit noch erzählt! In der Heulenden Hütte, weißt du noch, Harry?"
Harry hörte auf, ruhelos hin und her zu marschieren, und nickte. „Du... du hast Recht, Hermione... wie immer, eigentlich. Du hast Remus noch Vorwürfe gemacht, wie gefährlich das war, mit einem Werwolf loszuziehen... und er hat zugegeben, dass es manchmal brenzlig wurde..."
„... und dass er die anderen Rumtreiber aus den Augen verloren hat und beinahe Leute verletzt hätte!", schloss Hermione. „Sicherlich waren die Rumtreiber in all den Jahren nicht die einzigen Schüler, die sich außerhalb der Betten aufhielten... wenn Remus Broom begegnet ist..."
„... und ihm den Schrecken seines Lebens eingejagt hat..."
„... warum lässt er das dann an Teddy aus?"
Severus schnaubte leise. „Euch ist noch etwas entgangen."
Unser aller Augen richteten sich auf den Ex-Spion, der sich mit verschränkten Armen zurücklehnte und die Braue hob. „Offensichtlich habt ihr es geschafft, zu übersehen, dass Broom sich in Tonks ‚verliebt' hat und hinter ihr her ist wie der Teufel hinter der Seele."
Mein erster Impuls auf Severus' Eröffnung war, geringschätzig abzuwinken. Doch dann hielt ich inne. Severus war nun einmal Spion, der hatte seine Augen von Berufs wegen schon überall. Der Einwand, dass er inzwischen, um Hermione zu zitieren, nur noch ein „paranoider Ex-Spion" war, galt nicht. Vor allem... wenn ich so darüber nachdachte...
Broom war gegenüber Remus und Teddy immer mindestens kalt, oft genug feindselig gewesen. Zu Tonks war er immer... mindestens charmant. Im Laufe des vergangenen Jahres, besonders während der letzten paar Monate, ist mir immer wieder aufgefallen, dass Broom Tonks Komplimente gemacht hat oder ihr mit großer Geste die Tür aufhielt...
Eigentlich Kleinkram. Ich hatte mir nichts dabei gedacht, und wenn doch, dann hätte ich es als Versuch gewertet, bei der gesamten Familie Lupin gut Wetter zu machen.
Merlin, ich machte meinen Kolleginnen auch Komplimente und war höflich, und das alles ohne Hintergedanken!
Und doch... Es passte.
„Er", ich nickte zu Severus hin, „könnte Recht haben. Auf jeden Fall kann es nicht schaden, überhaupt herauszufinden, wo Broom steckt."
Minerva wirkte immer noch nicht hundertprozentig überzeugt, rief aber einen Hauselfen zu sich mit der Bitte, Broom aufzutreiben. Solange würde der Rest von uns wohl weiter beratschlagen, was zu tun war.
„Jemand sollte Tonks den Stand der Dinge mitteilen", meinte Minerva unvermittelt. „Das arme Mädchen kommt bestimmt beinahe um vor Sorge."
Hermione, die bisher in sich zusammengesunken auf einem Sessel dagesessen und grübelnd vor sich hin gestarrt hatte, sprang auf. „Ich gehe. Ich... ich muss auch sehen, ob Remus' Trank gewirkt hat. Notfalls müssen wir vielleicht noch die Banne um seine Zelle verstärken."
Severus nickte ihr zu. „Ich komme mit dir. Und Longbottom."
„Ich?"
Harry sah scharf zwischen Hermione, Severus und mir hin und her. „Ich komme auch mit!"
Severus verdrehte – demonstrativ, wie ich annahm –, die Augen. „Natürlich. Der Weltenretter." Ehe irgendjemand die Zeit hatte, einen Streit vom Zaun zu brechen, wandte der Tränkemeister sich an mich. „Ja, Sie auch. Sollte uns unten ein wilder Wolf begegnen, will ich Leute dabei haben, von denen ich weiß, dass sie fähig sind, starke Verteidigungszauber zu wirken."
Ein... Kompliment von Snape?
Wäre die Situation eine andere gewesen, wäre ich wohl sprachlos.
Minerva blieb mit den Auroren im Lehrerzimmer, um auf den Bericht der Hauselfen zu warten. Die anderen Lehrer von Hogwarts waren mehr oder weniger willkürlich im Schloss und auf den Ländereien verteilt, um noch verstreute Schüler einzusammeln (eine allgemeine Ausgangssperre lockte ja immer besonders viele aus ihren Gemeinschaftsräumen) und um Teddy zu suchen.
Hermione, Harry, Severus und ich eilten die Stufen zu den Kerkern hinab, alle in verschiedenen Stadien der Beunruhigung. Hermione wirkte sehr gefasst, machte aber einen wild entschlossenen Eindruck; Harry war kreidebleich und schwitzte; Severus sah man natürlich überhaupt nichts an. Und ich? Mir behagte gar nicht bei dem Gedanken, gleich einen Blick auf einen ausgewachsenen Werwolf zu erhaschen – obwohl ich von uns Vieren am wenigsten Erfahrung mit Lykanthropie hatte!
Severus war es, der für uns die Banne hob, damit wir den Kerker betreten konnten.
Die Zauberstäbe in der Hand bogen wir um die Ecke in den finsteren Korridor, in dem Remus' Zelle für diesen Vollmond lag.
Wir hielten mitten im Schritt inne.
Dort, wo eigentlich Tonks auf uns warten sollte, war niemand. Das flackernde Licht der Fackeln zeigte einen leeren Gang.
„Ist das jetzt so ein Familiending?", entfuhr mir ungehalten, während mein Herz wild zu klopfen begann. Tonks konnte nicht auch...
Severus rauschte so schnell auf die Tür zu Remus' Zelle zu, dass sein Umhang heftig hinter ihm her flatterte. Mein Kollege warf einen Blick durch das Guckloch, das in die massive, bannverstärkte Eichenholztür eingelassen war, und ich wurde Zeuge von etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte: Severus Snape war offensichtlich völlig verblüfft.
Wenn auch nur für zwei Sekunden. Dann änderte sich sein Gesichtsausdruck in offensichtlich verärgert, eine Miene, die ich nur zu gut kannte.
Und mit einem Wink seines Zauberstabes riss er die Tür auf.
Harry, Hermione und ich keuchten simultan auf und rissen ebenso gleichzeitig unsere Zauberstäbe hoch.
„Nicht einmal ich hätte dich für so töricht gehalten, Nymphadora", sagte Severus im Plauderton. Er winkte uns gelassen zu sich heran und trat beiseite, dass wir durch die Tür einen Blick in die Zelle werfen konnten.
Aus eben der ertönte ein tiefes Grollen.
„Knurr mich nicht an, Lupin, du weißt selbst, dass sie selten dämlich..."
„Wo ist Teddy?", erklang Tonks' Stimme so laut, dass sie das Knurren übertonte.
Über Hermiones Kopf hinweg sah ich in die Zelle, die im Großen und Ganzen eigentlich nur ein kleines, leeres, fensterloses Zimmer war, und ich traute meinen Augen kaum, bei dem, was ich da sah: Ein großer, zottelig braun-grauer Wolf lag mittendrin auf dem Boden, die Vorderläufe hatte er überkreuzt, den Kopf aufmerksam gehoben, die Ohren nach vorn gerichtet. Bei der Erwähnung von Teddy hatte das Knurren schlagartig aufgehört. Richtig bemerkenswert war aber Tonks, die halb auf dem Boden, halb auf der Flanke des Wolfes lag, die Kopf an seinen Hals lehnte und beide Arme fest um ihn geschlungen hatte. Ihr Haar war interessanterweise von derselben Farbe wie das Wolfsfell, aber ich ging nicht davon aus, dass sie es bewusst angepasst hatte.
„Wissen wir nicht, aber wir vermuten, dass Broom ihn entführt hat", erwiderte Harry.
Remus knurrte wild auf und sprang auf die Füße, er zog Tonks mit sich hoch. Die Aurorin krallte sich in seinem Fell fest, um das Gleichgewicht zu halten, und zückte gleichzeitig den Zauberstab.
Jetzt war ihr Haar flammend rot, ihre Augen blitzten gefährlich.
„Wo ist diese Ratte?", zischte sie.
Unwillkürlich machte ich einen Schritt rückwärts. Schon mein Instinkt riet mir, mich keiner Mutter in den Weg zu stellen, die ihr Kind schützen wollte. Dass diese spezielle Mutter auch noch einen ausgewachsenen Werwolf an ihrer Seite hatte, wirkte da nur verstärkend.
Vor allem, als der Wolf nicht mehr nur wild knurrte, sondern auch mit gesträubtem Rückenfell und gelb glühenden Augen einen Schritt auf die Tür zu machte – obwohl... „einen Schritt auf die Tür zu machen", das traf es nicht.
Er pirschte.
Severus und Hermione tauschten einen Blick. „Seine Sinne...?"
Wie um Hermione auf ihre Überlegung zu antworten, nahm der Wolf Witterung auf. Er hielt inne, stieß Tonks vergleichsweise sachte mit der Schnauze in die Seite und winselte.
„Ich bin direkt hinter dir", murmelte Tonks.
Als Remus mit einem Satz zur Tür hinaus war, blieb uns anderen nichts übrig als zur Seite zu springen und uns dann an die Verfolgung der Lupins zu machen.
Nach zwei Treppenabsätzen hatten wir Remus aus den Augen verloren, doch wir kannten den ungefähren Weg, den er einschlug – immer wieder wies uns ein langgezogenes Heulen die Richtung. Tonks, Harry und Severus rannten voraus, Hermione und ich keuchten hinterher. „Ich bin... definitiv... für Sportunterricht... an... an dieser Schule", ich zwackte ein bisschen Luft für diese Anmerkung ab, als wir schließlich die Treppe zum siebten Stock erklommen hatten.
„Genehmigt", ächzte Hermione, packte mich am Ärmel und zog mich weiter. Allzu weit mussten wir gar nicht mehr, denn die Anderes erwarteten uns nur wenige Korridore von der Treppe entfernt.
Und zwar vor der Wand, welche die Tür zum Raum der Wünsche verbarg.
Remus tigerte vor dem Abschnitt hin und her, hielt hin und wieder schnuppernd inne und winselte. Tonks klebte förmlich an der Wand; Harry hatte die Hände auf die Knie gestützt und versuchte, wieder zu Atem zu kommen; Severus rieb sich mit verzogenem Gesicht die Narbe am Hals.
Das alles registrierte ich, während ich selber um Atem rang.
Ein paar Minuten später beratschlagten wir, was zu tun war.
„Ich dachte, Crabbe hätte den Raum während der Schlacht mit seinem Dämonsfeuer komplett zerstört!", meinte Harry aufgebracht und sah fragend in Hermiones Richtung.
„Dachte ich eigentlich auch!", gab sie zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Neville!"
Ich fuhr auf. „Was?" Merlin, ich war immer noch atemlos.
„Du hast doch seinerzeit den Raum der Wünsche völlig im Griff gehabt! Als Dumbledores Armee dort campiert hat!"
Ich nickte langsam. Ich wusste immer noch nicht, warum ich damals so gut mit dem Raum zurecht gekommen war, aber irgendwie hatte ich es immer hinbekommen, dass wir das Gewünschte bekamen... vielleicht konnte ich das ja noch einmal?
Aber davor musste ich mich noch von etwas überzeugen: „Und seid ihr wirklich sicher, dass Teddy und Broom da drin sind? Wenn wir hier wertvolle Zeit..."
„NEVILLE!"
„Schon gut..." Ich starrte grübelnd die Wand an. Der Raum war während der Schlacht so sehr beschädigt worden, dass es eigentlich unbrauchbar war. Trotzdem hatte Broom es irgendwie hinein geschafft... wie? Und wie kamen wir hinterher? Welche Magie konnte es mit beschädigter Magie aufnehmen, möglichst, ohne sie weiter zu beschädigen? Immerhin wollte ich nicht, dass uns die Decke über dem Kopf einstürzte...
Dass Tonks inzwischen in Tränen ausgebrochen war, lenkte mich einigermaßen ab, aber ich gab mir trotzdem alle Mühe, mir etwas einfallen zu lassen!
Also, welche Magie konnte es mit der Magie des Schlosses aufnehmen? Denn es war ja die Magie des Schlosses, die den Raum der Wünsche dazu brachte, zu funktionieren...
Remus kratzte inzwischen mit der Pfote an der massiven Steinmauer und heulte. Tonks hatte die Arme um sich selbst geschlungen und schluchzte; Severus und Hermione hatten ihre Denkermienen aufgesetzt und Harry machte hilflos einen Schritt auf Tonks zu und rieb ihr den Rücken.
Harry...
Magie, die scheinbar Unmögliches überwindet...
Wenn die Liebe einer Mutter den Tod überwinden kann... was ist dann die Liebe einer Mutter gegen die Magie von Hogwarts?
Zumal ich mir sicher war, dass das Schloss sich einer verzweifelten Mutter nicht in den Weg stellen würde!
„Tonks!"
Sie sah auf und in meine Richtung. Mit einem großen Schritt war ich bei ihr und packte sie an den Schultern. Ich sah ihr fest in die Augen. „Du willst deinen Kleinen retten, oder?" Blöde Frage, natürlich wollte sie das...
Sie schniefte und nickte.
Ich nickte auch. „Gut. Wünsch es dir. So fest du kannst." Und ich schob sie an die Stelle der Wand, wo früher immer die Tür erschienen war.
Tonks sah kurz zweifelnd in Remus' Richtung, aber der schien sie mit seinen gelben Wolfsaugen regelrecht zu beschwören. Wünsch es dir... wünsch es dir... unser Sohn...
So wandte Tonks sich wieder an die Wand, legte die Hände dagegen und schloss die Augen.
Und eine Tür erschien – heruntergekommen, mit halb abgerissener Klinke, aber sie war da.
Snapes Stimme ertönte leise hinter mir. „Genial, Longbottom."
Ich weiß, ich weiß. Das ist noch einmal ein fieser Cliffhanger. Und – bitte nicht hauen! –, morgen wird es kein Update geben. Das RL macht mir ein bisschen einen Strich durch die Rechnung. Ihr dürft aber gerne meckern – hab ich auch gemacht!
