Als der Arzt aus dem Krankenzimmer kam, erhob Nick sich sichtlich nervös.
Er hatte sich keinen anderen Rat gewußt, als eben den Notruf zu wählen. Soweit er es bisher begriff waren Wesen normalerweise wie Menschen, solange sie nicht ihre zweite Gestalt annahmen. Das bedeutete für ihn, daß Monroe ein Mensch war als er das Bewußtsein verlor in der Küche. Und da er offensichtlich vorher schon krank gewesen war hatte Nick eben das getan, was für ihn in dem Moment logisch erschien: Notarzt und Krankenhaus.
Ironie des Schicksals, vor nicht allzu langer Zeit hatte Nick selbst hier gelegen und Monroe war an seiner Seite gewesen. Damals hatte der junge Grimm erst wirklich begriffen, wie sehr er dem älteren Blutbad vertraute. Danach hatte sich für sie beide viel geändert.
Der Arzt blieb bei ihm stehen, überflog noch einmal die Akte, die die Schwester am Empfang angelegt hatte. „Sie sagten, Mister Monroe habe keine näheren Verwandten, Detective?" fragte er schließlich. „Sie wissen, das Arzt-Patienten-Geheimnis. Eigentlich darf ich Ihnen keine Auskunft geben."
Nick nickte und warf einen Blick in den Raum hinein. Monroe lag still und bleich in dem Krankenbett, daß es dem Grimm die Kehle zuschnürte.
„Soweit ich weiß, hat er einige Verwandte in Europa. Einen Vetter in Antwerpen", antwortete Nick, schüttelte dann den Kopf. „Aber ich kenne dessen Namen nicht."
Der Arzt seufzte und warf einen Blick über die Schulter. „Und Sie sagen, sie zwei sind gut befreundet?"
Nick nickte wieder, eine leise Hoffnung in den Augen.
Der Arzt blickte auf und sah in Nicks Augen. „Sie sollten Mister Monroe veranlassen, eine Patientenverfügung aufzusetzen wie Sie und Ihre Lebensgefährtin sich gegenseitig autorisiert haben. Für den Moment … glaube ich Ihnen einfach."
Nick seufzte erleichtert. „Was fehlt ihm?"
Der Arzt schüttelte den Kopf. „Im Moment kann ich noch nichts genaues darüber sagen, fürchte ich. Es sieht wie ein allgemeiner schwerer Erschöpfungszustand aus."
Das hörte sich jetzt nicht so dramatisch an, mußte Nick zugeben.
„Allerdings macht mir der Zustand seiner Lungen Sorgen", fuhr der Arzt fort. „Die Tests sind noch nicht entgültig, aber es sieht aus, als würde das Gewebe degenerieren."
Nick runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht", gab er zu.
„Die Lungen scheinen sich … zurückzubilden", erklärte der Mediziner ruhig. „Manchmal kann es vorkommen, daß soetwas passiert, eigentlich eher nach einer langen und schweren Krankheit. Aber in diesem Fall gab es da wohl keine Vorgeschichte?"
Nick schüttelte stumm den Kopf.
Der Arzt seufzte. „Nun gut, wir müssen die Ergebnisse der Blut- und Gewebetests abwarten. Im Moment ist Mister Monroe stabilisiert."
„Danke", lächelte Nick und wies auf das Zimmer, „kann ich rein?"
„Er ist nicht bei Bewußtsein", warnte der Arzt, „und ich bezweifle, daß er so bald zu sich kommen wird. Aber …" Er nickte. „Ich denke, etwas Gesellschaft wird ihm guttun."
Nick nickte und wappnete sich, so gut es ging, ehe er das Krankenzimmer betrat.
Nicht nur war es ungewohnt für ihn, Monroe in einer solchen Umgebung zu sehen, darüber hinaus war es ihm unangenehm, den Blutbad so schwach und krank vorzufinden. Bisher war Monroe immer derjenige gewesen, aus dem er Kraft schöpfen konnte, wenn er einmal am Ende war. Monroe und Juliette, um genau zu sein. Den Wolf/Mann jetzt so still und blaß dort liegen zu sehen schnürte Nick die Kehle zu.
Langsam trat er an das Bett heran und sah auf seinen Freund hinunter.
Was der Arzt ihm gerade gesagt hatte, mußte er erst einmal verdauen – und das würde eine Zeitlang dauern. Zudem fand er aber auch nicht den kleinsten Grund, warum er jetzt nach Hause fahren sollte. Eher, so kam es ihm in den Sinn, sollte er Monroes Küche aufräumen, das Baldrianöl entsorgen und das Haus des Blutbads gründlichst durchlüften.
Doch Nick konnte seinen Freund jetzt schlicht nicht allein lassen, ob der nun bei Bewußtsein war oder nicht. Er zog sich einen Stuhl heran und ließ sich an der Bettseite nieder.
„Es tut mir so leid", murmelte er und griff unwillkürlich nach der Hand seines Freundes. „Hätte ich gewußt, daß du so krank bist ..." Er kniff die Lippen aufeinander und senkte den Kopf, mit den Tränen kämpfend, die ihm in die Augen steigen wollten.
Monroe war seine Stabilität in dieser Zeit des Wandels. Seit seine Grimmkräfte erwacht waren, war Nicks gesamtes Weltbild nicht nur ins Wanken geraten, es brach langsam aber sicher auseinander. Monroe war der einzige, der die ganze Wahrheit kannte, so sehr Nick sich zu Anfang auch gesträubt hatte, dem Blutbad Einlaß in sein anderes, sein normales Leben zu gestatten. Es war einfach passiert. Je mehr das Vertrauen zwischen ihnen wuchs, je mehr Monroe selbst von sich preis gab, desto mehr verschwammen auch die Grenzen, die Nick sich gesteckt hatte.
Zu Anfang hatte er einen Informanten in Monroe gesehen, nicht mehr und nicht weniger. Jemanden, der ihm weiterhelfen konnte in dieser neuen Welt, in die er ohne Vorwarnung gestolpert war. Doch Monroes ganze Art, nach außen so ruppig und griesgrämig, doch mit einem Herzen aus Gold, der, so sehr lamentierte, wenn Nick sich wieder mit einer Frage an ihn wandte, hatte den Grimm immer wieder vergessen lassen, wo die Grenze zwischen Informant und Freund lag.
Die Entscheidung war gefallen, als der Siegbarste Oleg Stark Nick krankenhausreif prügelte und Monroe, auf Nicks Drängen hin, das Wesen schließlich tötete. Da hatte Nick begriffen, daß die Grenze, die er so sorgsam gepflegt hatte, schlicht nicht wirklich existierte. Als Arial Eberhardt Juliette dann entführte, war Monroe seine erste Wahl gewesen, als es um Hilfe ging.
Nick war klar, daß er sein Leben geben würde für den Blutbad, und daß auch Monroe das seine für ihn geben würde. Dabei, darauf waren sie beide sehr eindringlich hingewiesen worden, wurde ihre Freundschaft nicht geduldet in der Wesenwelt. Die Reaper, Erzfeinde aller Grimm, hatte Monroe aufgelauert und übelst zusammengeschlagen mit der Warnung, sich von dem neuen Grimm fernzuhalten, wenn er weiterleben wollte. Für Monroe war es keine Frage gewesen, daß er diese Freundschaft fortsetzen wollte, sowenig wie es für Nick eine Frage gewesen war, um das Leben seines Freundes zu retten, in den Ring der Lowenspiele zu steigen. Den Blutbad am Boden zu sehen und nichts anderes tun zu können als zuzusehen, wie er getötet werden sollte, war zuviel für Nick.
Sicher, Monroe betonte immer wieder gern, daß er immer noch nicht offiziell Juliette vorgestellt worden war, obwohl er ihr das Leben gerettet hatte. Nick würde auch nichts lieber tun. Allerdings stellte sich für ihn immer noch die Frage, wie er Juliette gegenüber diese eigenartige Freundschaft erklären sollte, ohne daß er eben das Doppelleben verriet, das er führte. Also blieb Monroe zunächst noch außen vor, wenn er auch nichts lieber getan hätte, als den Blutbad einmal auch zu sich einzuladen auf ein Bier. Männerabende fanden bisher ausschließlich bei Monroe statt – leider!
Nick schluckte.
Offensichtlich war er wirklich der Softie, für den Juliette und Hank ihn hielten. Andererseits fühlte er sich das erste Mal seit dem Tod seiner Eltern in Gegenwart eines anderen Mannes wirklich sicher.
„Du heulst doch nicht, oder?" flüsterte eine schwache und raue Stimme.
Nick holte tief Atem und blickte auf.
Monroe war aufgewacht und sah ihn jetzt aus schmalen Augenschlitzen an. „Nö, nich? Oder?"
Nick konnte schlicht nicht anders als loszulachen, wenn er sich auch Mühe gab, nicht allzu laut zu sein. „Ich dachte nur gerade an den schönen Auflauf", neckte er seinen Freund, „hast alles auf den Boden gekippt."
„Ja, das kann einen zu Tränen rühren ..." seufzte Monroe und wandte den Kopf. „Wo bin ich?"
„Krankenhaus", antwortete Nick sofort.
„Nick!" Monroes Gesicht sprach Bände.
„Mir fiel nichts besseres ein!" verteidigte Nick sich und richtete sich auf, um seinen Freund zurück in sein Kissen zu drücken, als der Anstalten machte, sich aufzusetzen. „Und du bleibst jetzt schön liegen. Der Arzt sagt, du bist wirklich krank und ich bezweifle, daß Baldrianöl dir da in irgendeiner Weise helfen kann."
Monroe stöhnte, sank aber wieder zurück ins Bett und hustete. „Hast ja recht. Aber morgen … ich muß hier raus!"
Nick nickte. „Darüber unterhalten wir uns morgen", sagte er und blickte auf, als die Schwester den Raum betrat.
