Als Hank Griffin am nächsten Morgen zum Dienst erschien staunte er nicht schlecht, seinen jüngeren Partner schon an seinem Schreibtisch vorzufinden.

„Bist du aus dem Bett gefallen?" fragte der Afroamerikaner und … schnupperte. „Was riecht denn hier so komisch?"

Nick blickte auf und zuckte mit den Schultern. „Ich konnte nicht schlafen, da dachte ich, komme ich einfach mal eher", antwortete er, ließ die zweite Frage mehr oder weniger dezent unter den Tisch fallen.

Es wäre auch eine eigenartige Erklärung gewesen, die er Hank hätte geben müssen.

Nachdem die Krankenschwester ihn mehr oder weniger aus dem Krankenhaus geworfen hatte, war er zu Monroe zurückgefahren, um aufzuräumen, womit er dann auch tatsächlich einen Teil der Nacht verbracht hatte. Irgendwann war er im wahrsten Sinne des Wortes auf Monroes Sofa zusammengebrochen und hatte den Schlaf der Erschöpften geschlafen – glücklicherweise traumlos ausnahmsweise.

Das Problem war nur, daß das Baldrianöl bereits in Monroes Möbel, besonders eben in die Polstermöbel gedrungen war. Als Nick am frühen Morgen aufwachte, stank er selbst für sich selbst zum Himmel.

Als Polizist kannte er zwar ein, zwei Tricks, um den an Fäulnis erinnernden Geruch halbwegs abwaschen zu können, doch ein letzter Rest des Bouquets haftete immer noch an ihm, ohne daß er daran etwas ändern konnte. Und genau das roch nun Hank.

„Meine Güte, das stinkt, als hätte jemand einen toten Biber ausgegraben und in einen alten Socken gewickelt!" entfuhr es dem Afroamerikaner.

Nick konzentrierte sich wieder auf den Bildschirm und ignorierte seinen eigenen Gestank, so gut es ging. Dabei war er noch mehr als glücklich, daß er zumindest Sachen zum Wechseln im Truck gehabt hatte. Wenn etwas noch mehr Baldrianöl als er an sich haften hatte, dann war es seine gestrige Kleidung.

Nick stützte das Kinn auf eine Hand und scrollte mit der Maus den Bildschirm hinunter.

Seine Suchanfrage allerdings beschäftigte sich nicht mit dem Fall, den er eigenlich bearbeiten sollte, sondern auf die hoffentlich erfolgreiche Suche nach Monroes Verwandten. Irgendwo mußten die ja schließlich stecken – hoffentlich auch diesseits des Ozeans.

Hank stellte ihm einen Pappbecher hin und warf einen Blick auf den Bildschirm. „Monroe? War das nicht dieser komische Kauz, dieser Freund von dir?" erkundigte er sich dann.

Nick seufzte und lehnte sich zurück. „Ja, stimmt", antwortete er.

„Wieso betreibst du jetzt Recherche über deinen Freund? Traust du ihm nicht mehr?" bohrte Hank weiter.

Nick starrte auf den Bildschirm. Er konnte nicht einmal einen Verwandten seines Freundes ausfindig machen, zumindest nicht auf diese Weise. Vielleicht würde er Monroe selbst zum Sprechen bringen später, wenn er seinen Freund im Krankenhaus besuchte.

„Ist nichts weiter, nur ein kleiner Checkup", sagte er und schloß den Browser, um einen anderen aufzurufen.

Die Forensik hatte ihm die Berichte über den ermordeten Pfandleiher Edwin Munter per Mail zugesandt inzwischen. Nick lehnte sich zurück und begann, die Informationen zu sichten.

Viel gab es nicht, was da zu sichten war. Aber besser als nichts, fand er.

„Edwin Munter starb, große Überraschung, an einer Stichwunde, die die Schlagader punktierte", las er aus dem Autopsiebericht vor. Hank war gestern allein bei der Sektion anwesend gewesen, erinnerte er sich, weil er eher hatte gehen wollen, um ein Geschenk für Monroe zu kaufen.

Wieder schnürte es ihm die Kehle zu, wenn er sich daran erinnerte, wie sein Freund da schwach und allein im Krankenhaus lag …

„Forensik hat nichts weiter ergeben. Tatwaffe nicht auffindbar, was immer der Täter wollte, die Kasse war es nicht", fuhr Hank fort, der offensichtlich ebenfalls die Mails aufgerufen hatte. „Aber keiner legt doch einfach so aus Spaß an der Freude einen anderen Menschen um – zumindest nicht hier!"

Nicht wenn sie es verhindern konnten, korrigierte Nick seinen Partner im Geiste. „Vielleicht ist die Tochter mittlerweile die Inventarlisten durchgegangen, wie sie es uns gestern versprochen hat", wandte er ein.

Hank sah ihn groß an. „Hast du eigentlich das Chaos bemerkt, das in dem Laden herrschte. Ich bezweifle, ob Munter selbst überhaupt noch einen Überblick hatte, wohin er was packen sollte, geschweige denn, was er überhaupt im Laden hatte."

Nick konzentrierte sich bewußt auf diesen Fall. Sein Problem mit Monroe würde er hoffentlich später klären können.

„Also was? Anrufen oder hinfahren?" fragte Hank.

Nick dachte einen Moment lang nach, dann zuckte er mit den Schultern. „Hinfahren und selbst nachsehen, was Sache ist", antwortete er.

Hank grinste. „Das ist mein Junge!"


Als sie die Pfandleihe zirka eine halbe Stunde später erreichten, mußte Nick akzeptieren, daß Hank zumindest herausgefunden hatte, woher sein „verrottender Biber trifft auf alte Socke"-Geruch tatsächlich stammte. Allerdings hatte sein Partner sich nicht weiter dazu geäußert, ihm nur einen langen, sehr beredten Blick zugeworfen und Nick wußte nur zu gut, daß er harten Zeiten entgegensah.

Hintereinander betraten sie den alten Laden, der wirklich jedes Klischee seiner Branche zu bedienen schien: staubig, dreckig, ungepflegt. Die Luft roch abgestanden und fade.

Zumindest würde sein Eigengeruch hier nicht sonderlich auffallen, hoffte Nick, während er Hank zum Thresen folgte, hinter dem die Tochter des ermordeten Pfandleihers ihnen entgegensah.

Nick war sich nicht sicher, ob sie ihn erkannt hatte. Üblicherweise taten Wesen das spätestens nachdem sie gewogt waren, das hieß, nachdem sie sich kurz in ihrer zweiten Gestalt gezeigt hatten. Was sie dann an ihm wahrnahmen wußte er nicht. Monroe hatte zwar einmal behauptet, er würde den Grimm in ihm riechen, aber Nick war sich nicht sicher, ob das nicht doch ein Scherz gewesen war.

Helena Munter aber blieb ruhig, was ihm sagte, daß er wohl doch noch unter ihrem Radar flog. Gut soweit.

Nick war es unangenehm, wenn Wesen ihn erkannten. Was auch immer Grimm getan hatten in früheren Zeiten, er wollte anders sein und war es wohl auch. Sicher, er hatte erfahren, daß seine Tante selbst mit einem Wesen in einer Partnerschaft gelebt hatte, also war seine Freundschaft zu Monroe nicht unbedingt so einzigartig, wie sie beide geglaubt hatten. Dennoch schien er etwas besonderes unter den Grimm zu sein, zumindest in den Märchen der Wesen verkörperten Grimm immer das Böse oder waren Handlanger deselben.

Zudem führte es meist unweigerlich zu Erklärungen und Lügen Hank gegenüber, wenn einmal mehr das Wort „Grimm" fiel, gepaart mit einem panisch-entsetzten Blick der befragten Person. Zu Anfang hatte Hank einfach nicht hingehört, mittlerweile aber wurde er immer wieder hellhörig und Nick war mittlerweile mehr als einmal in Erklärungsnot geraten.

„Was gibt es denn noch?" begrüßte die Tochter des Opfers sie.

„Wir hätten da noch einige Fragen", erklärte Nick so freundlich wie möglich. „Und nebenbei wollten wir fragen, wie weit Sie mit der Inventarliste gekommen sind."

Die junge Geheimniskauz starrte ihn unverwandt an, machte dann eine weitausholende Geste. „Sieht das hier so aus, als hätte mein Vater ein Inventarverzeichnis geführt?"

„Gestern meinten Sie, daß es soetwas tatsächlich gäbe", wandte Hank ein und lehnte sich lässig gegen den Thresen.

„Gestern habe ich Ihnen auch gesagt, daß ich meinen Vater seit Jahren nicht mehr gesehen habe!" ereiferte sich die Frau.

„Gut, also können wir davon ausgehen, daß Sie nicht wissen, ob es vielleicht um irgendeine Ware gegangen ist?" wandte Nick ein. „Ein Gegenstand von besonderem Wert vielleicht?"

Und da begann das Gesicht der jungen Frau zu wogen.

Nick trat unwillkürlich einen Schritt zurück, während sie sich wieder in dieses eulenartige Wesen verwandelte.

„Halten Sie mich für eine Hellseherin? Mein Vater ist ermordet worden!" fuhr sie ihn an, dann stockte ihr hörbar der Atem.

Nick wußte einfach, was jetzt kam:

„Grimm!"

Hank stutzte und hob die Brauen. „Was?"

Nick beugte sich über den Thresen, während Helena Munter zurückwich. „Wir wissen, daß Ihr Vater ermordet wurde, Miss Munter", sagte er eindringlich. „Dennoch sind wir verpflichtet nachzufragen, ob Ihnen irgendetwas aufgefallen ist."

Die Geheimniskauz schüttelte den Kopf und starrte ihn weiter mit geweiteten Augen an.

Okay, so ging das nicht weiter!

Nick sah zu seinem Partner. „Könntest du uns vielleicht ein paar Minuten allein lassen?" fragte er freundlich.

Hank runzelte die Stirn. „Irgendwie stehe ich gerade neben mir, ich verstehe nämlich nicht, was hier los ist", sagte er.

„Das klären wir später, okay?" Nick hob einen Mundwinkel. „Wartest du bitte draußen?"

Sein Partner warf ihm noch einen langen Blick zu, dann nickte er, drehte sich um und ging.

Als die Ladentür sich geschlossen hatte stemmte Nick sich mit beiden Händen auf die Theke und sah Helena Munter ernst an. „Ich bin nicht Ihr Feind", sagte er eindringlich. „Im Gegenteil versuche ich mein Möglichstes, um den oder die Mörder Ihres Vaters ausfindig zu machen. Also bitte akzeptieren Sie das."

„Aber … Sie sind ein Grimm!" entfuhr es ihr.

Nick nickte. „Und Sie sind ein Geheimniskauz, wie vermutlich ihr Vater auch." Er suchte ihren Augenkontakt und beugte sich noch weiter vor. „Und darum … haben Sie irgendeine Ahnung, wo sich die Geheimnisse Ihres Vaters befinden könnten?"

„Warum wollten Sie das wissen?" fragte sie sofort.

„Weil das möglicherweise das Motiv liefert", antwortete Nick ohne zu zögern. „Solange wir keinen Grund finden, warum Ihr Vater getötet worden ist, werden wir auch dem Täter nicht auf die Spur kommen."

Helena Munter kniff die Lippen aufeinander als müsse sie sich mit Gewalt davon abhalten, etwas auszuplaudern.

Nick verstand das als Möglichkeit. „Wir können gern einige meiner Freunde anrufen, Wesen wie Sie, die ihnen gern bestätigen werden, daß ich weder an Köpfen noch an sonstigen Körperteilen interessiert bin."

„Ein Grimm, der sich mit Wesen anfreundet statt sie zu töten?" Ihr Mundwinkel zuckte. Offensichtlich war die Vorstellung wirklich sehr abwegig für jemanden wie sie.

„Haben Sie vor mir schon einen Grimm getroffen?" fragte Nick mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen.

Sie zuckte mit den Schultern und schüttelte dann den Kopf.

Nick sah sie nur an, nun wieder ernst, und sie erwiderte seinen Blick, bis sie schließlich zur Seite blickte.

„Also gut", murmelte sie schließlich, „auch wenn ich Ihnen nicht ein Wort glaube." Sie winkte ihn hinter die Theke und ging zirka zwei Meter in die entgegengesetzte Richtung, drehte sich zum hinteren Regal und … Nick sah nicht, was sie tat, er hörte nur ein deutliches Knacken, gefolgt von dem leisen Knarren einer nicht wirklich oft benutzten Tür.

„Das Geheimnislager meines Vaters", sagte Helena Munter und machte eine einladende Geste.

Nick kramte seine Taschenlampe aus der Jackentasche und trat näher.

Der Raum war düster und schien nicht sonderlich groß zu sein, oder aber die darin lagernden Gegenstände waren schlicht zu groß.

Nick richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf die Decke des Raumes, nachdem er dort etwas wahrgenommen hatte.

Eine Fassung, in der noch die traurigen Reste einer Glühbirne eingedreht waren, hing von der Decke. Nick trat näher und leuchtete den Boden aus. Glasscherben, hauchfein, also vermutlich von einer Glühbirne.

„Was ist hier passiert?" verlangte Helena Munter zu wissen.

Das allerdings hätte Nick auch zu gern gewußt. Er sah sich im Schein der Taschenlampe noch einmal um, drehte sich dabei einmal um sich selbst, doch zunächst fand er nichts.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich das hier unserer Forensik melde?" wandte er sich an Munter.

Die zögerte sichtlich und es war nur allzu deutlich, daß sie eigentlich dieses Geheimnis hatte wahren wollen. Doch dann … begann sie zu nicken.

Nick lächelte und fischte mit zwei Fingern sein iPhone aus der Tasche. Er rief die Kurzwahl auf und wandte sich rein automatisch halb von Munter ab, da fiel ihm ein Glitzern auf einem schmalen Tisch auf. Neugierig trat er heran und fand … ein niegelnagelneues Handy dort liegen, noch angeschlossen an sein Ladegerät.

„Forensiklabor Portland?" meldete sich eine Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Burkhardt hier. Ich bräuchte noch einmal ein Team hier in der Bancroft Street", sagte er und trat an das Handy heran.

Ein normales Smartphone ohne äußerliche Kennung. Warum war es hier und warum war es ihm aufgefallen?

Nun, zumindest letztere Frage konnte er beantworten: weil es schlicht hier nicht herpaßte. Die übrigen Gegenstände im Raum waren relativ alt und schmuddelig, von Staub bedeckt und lange nicht bewegt worden. Das Handy dagegen war brandneu.

Nick fand den kleinen Knopf, während er das Gespräch mit der Spurensicherung beendete. Der Bildschirm des Handys leuchtete auf und forderte ihn auf, einen Code einzugeben.

Nick runzelte die Stirn. „Ihres?" fragte er dann, sich umdrehend und wies auf das Smartphone, während er Munter aufmerksam musterte.

Nein, sie kannte es nicht, das war nur allzu deutlich abzulesen an ihrer Miene. Dennoch war sie neugierig und trat näher.

Damit war die Entscheidung gefallen. Nick holte aus seiner Jackentasche einen Beweismittel-Beutel und tütete das Smartphone vorsichtig ein. Dann wandte er sich an Munter:

„Bitte lassen Sie die Leute von der Spurensicherung hier noch einmal suchen. Ich gehe davon aus, daß dieser Geheimraum der einzige ist?"

Munter nickte wieder. „Aber ..."

„Wie gesagt, ich bin nicht daran interessiert, irgendjemanden zu töten. Auch Sie nicht, Miss Munter." Damit ging er, das fremde Handy eingetütet in der Jackentasche.