Hank erwartete ihn, als er die Pfandleihe wieder verließ. Der Afroamerikaner lehnte an seinem Wagen und sah ihn nachdenklich an. Dann stieß er sich ab und trat Nick entgegen.

„Geklärt was zu klären war?"

Nick nickte und zog das Handy aus der Tasche. Er spürte den Blick von Helena Munter in seinem Rücken. Sie schien ihn geradezu mit den Augen durchbohren zu wollen.

Er mußte dringend zum Airstream, beschloß Nick. Er mußte mehr über diese Geheimniskäuze herausfinden, ehe es ihm ging wie vor einigen Wochen mit den Geiern.

„Uh, was ist das denn?" Hank streckte die Hand aus. Nick ließ den Beutel los, Hank fing ihn auf.

„Sieht aus, als hätte unser Opfer sich ein neues Handy zugelegt, bevor jemand ihn tötete", kommentierte Nick mit einem hochgezogenen Mundwinkel.

Hank nickte. „Nettes kleines Ding. Wird uns sicher viel verraten, was?"

Nick zuckte mit den Schultern und stülpte den Kragen seiner Jacke um, als ein kalter Windhauch ihn traf. Es wurde wohl wieder kalt in Portland. „Es ist gelockt. Erst einmal müssen unsere Experten ran und herausfinden, wie man überhaupt an die Daten kommt", erklärte er.

„Ach, das ist doch ein Klacks für die Jungs." Hank grinste zum Schaufenster, hinter dem sich die Silhouette von Helena Munter abzeichnete. Dann wurde er wieder ernst und er drehte sich zu Nick um, der bereits beim Wagen war.

„Was sollte das gerade eigentlich?" fragte der Afroamerikaner.

Nick hob die Brauen. „Was?"

Hank deutete mit dem Daumen über seine Schulter. „Ich bin nicht taub, mein Lieber. Mich wundert, was in der letzten Zeit mit dir und unseren Fällen los ist. Zeugen, die Angst vor dir haben? Verdächtige, die ausflippen, sobald du auch nur an der Tür zum Verhörraum auftauchst. Und du? Du weißt schon, daß du teils ziemlich … durch den Wind bist, oder?"

Nick holte tief Atem zu einer Antwort, schloß dann aber den Mund wieder und versuchte sich statt dessen an einem blaßen Lächeln. Er schüttelte den Kopf, während er versuchte, sich die Worte zurechtzulegen.

Wie oft hatte er sich jetzt ausgemalt, wie er einem von beiden, Hank oder Juliette, die Wahrheit sagte, was mit ihm nicht stimmte? Nick wußte, daß sein Partner schon wenigstens einmal zu oft Zeuge von Dingen geworden war, die man normalerweise nicht mit reiner Logik erklären konnte. Aber bisher hatte er sich immer retten können in letzter Sekunde. Hank war der Wahrheit nahe, aber nicht zu nahe. Nick war allerdings auch klar, daß das nur ein sehr schmaler Grad war, auf dem sein Partner da balancierte.

„Im Ernst, was ist hier los? Hast du einen Doppelgänger oder was?" bohrte Hank weiter.

Nicks Blick glitt ab und er kniff die Lippen aufeinander.

Sollte das heißen, Hank hatte mit Juliette gesprochen? Immerhin hatte er ihr ja diese Story aufgetischt, als die Eisbiber sie gestalkt hatten.

„Etwas in der Art, ja", antwortete er endlich. Mit einem Finger klopfte er nervös auf das Autodach und er wagte jetzt erst recht nicht, Hank auch nur ins Gesicht zu sehen.

„Ist das dein Ernst?" Hank riß die Augen auf.

Nick fand es sehr interessant, immer wieder auf den Lack des Wagens zu klopfen. Dabei war ihm die ganze Zeit Monroes Stimme im Ohr:

„Die ganze schonungslose Wahrheit vertragen Menschen nicht. Die flippen komplett aus!"

Irgendwie fürchtete er genau das – oder aber daß Hank ihn in der nächsten Geschlossenen einweisen lassen würde.

Sein Handy klingelte und Nick schwor ingeheim, er war noch nie so erfreut über das Ding gewesen wie in diesem Moment. Er holte das iPhone aus der Tasche und bestätigte den Anruf. „Burkhardt?" meldete er sich.

„Hier ist Dr. Rosenbaum vom Treeview Hospital", antworte ihm die Stimme des Arztes, mit dem er in der vergangenen Nacht gesprochen hatte.

Nick ging einige Schritte vom Wagen weg, plötzlich von seinem zweiten Problem mehr als nur überwältigt. „Ja?"

„Mr. Monroe hat in die Patientenverfügung eingewilligt und Sie eingetragen als Ansprechpartner", fuhr der Arzt fort.

Nick nickte. „Das weiß ich, ich war dabei", antwortete er wie auf eine Frage.

„In dieser Angelegenheit muß ich Sie sprechen, Mr. Burkhardt", fuhr der Arzt fort. „Die Situation gestaltet sich als komplizierter als zunächst angenommen. Hätten Sie vielleicht Zeit herzukommen?"

Nick fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.

Monroe war wirklich krank? Beinahe hätte er über den Fall diese Tatsache verdrängen können. Beinahe! Aber das Bild, wie Monroe vor seinen Augen einfach umgefallen war gestern abend, das brannte immer noch wie ein heißes Feuer in seinem Geist.

„Geht es ihm schlechter?" fragte er besorgt.

„Es wäre besser, wenn ich das mit Ihnen persönlich besprechen könnte, Mr. Burkhardt", wiederholte der Arzt.

Verdammt! Er steckte mitten in dem Fall und war der Überzeugung, daß sie kurz vor einem Durchbruch standen, sobald der Code, mit dem das Handy gelockt war, geknackt war.

Aber es ging um Monroe! Um seinen besten Freund, demjenigen, der immer für ihn da war, wenn er ihn brauchte. Nebenbei konnte es Stunden dauern, bis die Techniker den Code herausgefunden hatten.

„Nick?" rief Hank ihm zu.

„Mr. Burkhardt, sind Sie noch dran?"

Nick holte tief Atem, dann nickte er. „In Ordnung, ich komme so schnell wie möglich", entschied er endlich und beendete das Gespräch, während er sich schon um Wagen umdrehte. Hank stand auf der Fahrerseite in der geöffneten Tür, die Unterarme auf das Autodach gestützt und mit den Händen eine leere, fragende Geste machend.

„Schaffst du das allein mit dem Handy?" erkundigte Nick sich.

Hank runzelte die Stirn. „Sicher, aber warum?" fragte er. „Stimmt was mit Juliette nicht?"

Nick biß sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf. „Mit Monroe", antwortete er schließlich.

Hank stutzte. „Diesem Uhrmacher?"

Nick nickte und stellte sich auf der Beifahrerseite spiegelverkehrt zu seinem Partner auf. „Er hat keine Verwandten in den Staaten, deshalb hat er mich eingetragen als … naja, so eine Art Angehörigen."

„Ich wußte nicht mal, daß ihr zwei immer noch in Kontakt steht", wunderte Hank sich. „Er schien mir doch etwas … eigenartig. Selbst für deine Begriffe."

Das ließ Nick jetzt besser unkommentiert, ansonsten würde er wieder sehr schnell an einem Punkt in ihrem Gespräch landen, an dem er schlicht nichts zu sagen wußte.

„Ist er sehr krank?" erkundigte Hank sich mit deutlich weicherer Stimme.

Nick zögerte. Er konnte es immer noch nicht glauben, daß ausgerechnet Monroe krank sein sollte, strotzte der Blutbad doch sonst nur vor Gesundheit. Schließlich aber … nickte er.

„Oh Mann!" machte Hank.

Nick blickte auf.

„Wo liegt er?"

„Treeview Hospital", antwortete Nick sofort.

„Liegt auf dem Weg." Tat es nicht, und sie beide wußten das. Aber Hank würde notfalls über New York zum Revier zurückfahren, wenn es um eine, für Nick wichtige Angelegenheit ging. „Spring rein!"

Nick lächelte gequält. „Dank dir!"


Im Krankenhaus angekommen wurde Nick schon von Dr. Rosenbaum erwartet. Dem jungen Grimm schlug das Herz bis zum Hals, als er dem Arzt in dessen Sprechzimmer am anderen Ende des Flures folgte.

„Wir haben mittlerweile einen Großteil der Ergebnisse von Mr. Monroe", erklärte der Arzt ihm und legte seine Hand auf eine Akte auf seinem Schreibtisch.

Nick schluckte. „Und?" fragte er.

Rosenbaum seufzte und bot dem jungen Mann einen Platz an, bevor er sich selbst setzte und die Akte aufschlug.

Nick wußte nicht so recht wohin mit seinen Händen. Er fühlte sich ähnlich wie damals, als er Tante Marie besucht hatte kurz nachdem die von der Krebsdiagnose erfahren hatte. Damals hatte er auch mit dem Arzt gesprochen und sich ebenso hilflos gefühlt.

„Nun, im Allgemeinen geht es Mr. Monroe wieder besser", begann Rosenbaum nun endlich.

Nick faltete seine Hände im Schoß und nickte. „Das ist gut, oder?" fragte er, nicht in der Lage die Miene des Arztes zu deuten.

Rosenbaum schürzte die Lippen und faltete die Hände über der Akte. „Ich fürchte nicht", gestand er dann ein. „Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung, wie wir die Degeneration aufhalten können. Und es wird sicherlich noch um einiges schlimmer werden, glauben Sie mir, Mr. Burkhardt."

Nick kniff die Lippen aufeinander. „Das bedeutet?" fragte er schließlich.

Irgendetwas mußte da doch machbar sein! Er hatte noch nie von soetwas gehört wie diese Degeneration, an der Monroe zu leiden schien.

„Ich sehe im Moment keine anderen Möglichkeit für Mr. Monroe als ihn in ein Koma zu versetzen und künstlich zu beatmen", erklärte Rosenbaum schließlich. „Sie erwähnten mögliche Verwandte außerhalb der Staaten?"

Nick mußte diese Erklärung erst einmal verdauen. Er atmete tief und keuchend ein und schluckte einige Male, ehe er sich soweit gefaßt hatte, daß er antworten konnte: „Soweit ich weiß, hat er einen Vetter in Antwerpen. Aber ich kenne dessen Namen nicht."

„Vetter?" Rosenbaum klang enttäuscht.

Nick runzelte die Stirn. Noch immer mußte er um seine Selbstbeherrschung ringen. Monroe im Koma, das war schlicht unfaßbar für ihn!

Rosenbaum seufzte. „Das ist enttäuschend … keine näheren Verwandten?"

Nick schüttelte den Kopf und mußte sich räuspern, ehe er glaubte, seine Stimme wieder im Griff zu haben: „Soweit ich weiß nicht. Wäre das wichtig?"

Der Arzt lehnte sich zurück. „Nun ja", machte er und schürzte wieder die Lippen. „Es gibt möglicherweise eine experimentelle Behandlungsmethode. Allerdings nicht in den Staaten, sondern in Kanada. Dazu allerdings wären Gewebezellen eines näheren Verwandten nötig, nach Möglichkeit ersten oder zweiten Grades."

„Sie reden von einer Gentherapie?" Nicks Kiefer gerieten in Arbeit.

Rosenbaum nickte. „Durch eine Anreicherung von genetischem Material und Stammzellen könnten wir das degenerierte Gewebe möglicherweise wieder herstellen."

Nick schluckte wieder.

Das ganze mußte ein Alptraum sein, beschloß er. Das hier konnte schlicht nicht echt sein, das ging nicht! Er war nicht dabei, seinen besten Freund an eine Krankheit zu verlieren, die ein Arzt mit einer verbotenen und umstrittenen Methode zu bekämpfen gedachte.

„Mr. Burkhardt, ich weiß, ich dürfte mit Ihnen als Polizisten über eine solche Möglichkeit nicht sprechen ..."

Nick schüttelte den Kopf. „Ist in Ordnung", sagte er, und er begriff, es war wirklich in Ordnung für ihn. Er würde weiter gehen, um Monroe zu retten, viel weiter!

„Eine wie auch immer geartete Spende eines Außenstehenden ist nicht möglich?" fragte er. Wenn er genetisches Material zur Verfügung stellte, das dabei helfen würde, seinen besten Freund zu retten, war es ihm recht.

„Ich fürchte nicht, nein", antwortete Rosenbaum. „Es ist einfach so, daß … nun, diese degenerative Erkrankung scheint genetisch veranlagt zu sein. Daher braucht man eine Probe eines Verwandten."

Und den gab es nicht, oder Nick war schlicht nicht fähig, ihn zu finden.

Er war Polizist, verdammt! Er konnte Menschen finden, und er hatte schon Menschen anhand weniger Spuren gefunden. Es mußte doch möglich sein, irgendwo einen Verwandten Monroes aufzutreiben. Der Blutbad war schließlich damals nicht aus dem Himmel gefallen und vor seinem Briefkasten gelandet. Und gab es da nicht eine Vergangenheit mit dieser Angelina?

Angelina aber war verschwunden, ihre Brüder beide tot. Er hatte niemanden, den er fragen konnte. Er würde schon selbst suchen müssen.

„Tut mir leid, daß Sie das erfahren müssen. Aber ich denke, das es besser ist. Mr. Monroe möchte das Krankenhaus auf eigenen Wunsch verlassen, obwohl sich das als wirklich gefährlich erweisen könnte für ihn. Wenn die Degeneration weiter so fortschreitet ..."

Nick nickte wieder.

Ja, er konnte es sich vorstellen. Aber er hatte Monroe auch versprochen, daß er heute wieder nach Hause durfte. Der Blutbad konnte sehr dickköpfig sein, und Nick wußte einfach, daß dies ein solcher Fall war.

„Es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie irgendwie auf ihn einwirken könnten. Es kann nicht gut gehen, wenn er wieder nach Hause geht. Über kurz oder lang wird er wieder hier landen. Und dann ist es vielleicht zu spät, um noch aktiv auf den Krankheitsverlauf einwirken zu können."

Nick mußte zugeben, er hatte keine Ahnung, was er jetzt tun sollte. Er wollte seinem Freund helfen und er hätte seinen rechten Arm gegeben, wenn das Monroe in irgendeiner Weise geholfen hätte! Wenn …

Er blickte stirnrunzelnd auf. „Sagten Sie, die Krankheit sei genetisch bedingt?" fragte er, erst jetzt realisierend, was das bedeuten könnte.

Rosenbaum nickte. „Alles deutet auf eine solche Veranlagung hin. Mr. Burkhardt, ich will ehrlich sein, eine so schnell fortschreitende Degeneration ist mir noch nicht untergekommen, überhaupt ist der ganze Krankheitsverlauf eigenartig."

Nicks Blick glitt ins Leere, während er die Informationen sortierte.

Er wußte von Rosalee, daß Wesen nur ungern zu menschlichen Ärzten gingen, weil ihre zweite Gestalt möglicherweise enttarnt werden könnte. Nicht, weil Ärzte mit Grimm gleichgesetzt wurden, sondern starke Emotionen die Kreatur in ihnen an die Oberfläche brachten und die Gefahr bestand, daß ein unvorhersehbarer Schmerz zum falschen Zeitpunkt ein Wogen auslösen konnte. Monroe hatte ihm bereits mehrfach gesagt, daß Wesen die Kontrolle darüber hatten, wann Menschen sie sahen und wann nicht – üblicherweise. Allerdings hatte der Blutbad auch erklärt, daß bestimmte Dinge zu Unfällen führen konnten. Das ganze während einer Untersuchung in einer Praxis … so mußte sich die Hölle anfühlen!

Monroe hatte ihn gestern gebeten, ihn aus dem Krankenhaus zu holen, ja ihn geradezu angefleht. Rosalee sagte, daß Wesen ihre eigenen Ärzte hätten, ebenso wie sie ihre eigenen Medikamente hatten.

Wenn diese Krankheit genetisch veranlagt war, dann konnte es genausogut mit dem Wolf in Monroe zusammenhängen. Nick verstand nicht genug von Medizin, um sich das ganze wirklich ausmalen zu können. Aber …

„Kann ich ihn sehen?" wandte er sich an Rosenbaum.

Wenn er mit seiner Befürchtung recht hatte, hätte Monroe nie ins Krankenhaus gebracht werden dürfen. Oder zumindest nicht in eines für Menschen.