Monroe konnte nicht von sich selbst behaupten, auf der Höhe zu sein. Es ging ihm etwas besser, das ja. Aber gesund … dazwischen lag ein Abstand der Größe der Wüste Gobi, wenn man ihn fragte.
Trotzdem, oder gerade deshalb, so sicher war er sich da selbst nicht, war es jetzt Zeit, diese Hallen zu verlassen und nach Hause zurückzukehren. Menschenmedizin mochte bedingt auch Wesen helfen, oder zumindest das ganze etwas erleichtern, aber es blieb dabei, es war gefährlich hier zu bleiben und er brauchte wesentlich mehr Ruhe, als er jemals in einem Krankenhaus bekommen würde. Wenn er nur an letzte Nacht dachte, in der die Schwester alle gefühlte fünf Minuten seinen Blutdruck gemessen zu haben schien. Statt einen schlafen zu lassen erst recht wachzuhalten galt in seinen Augen sicher nicht als annehmbare Therapie.
Nein, er würde sich schön nach Hause trollen, vielleicht Rosalee anrufen, damit die ihm ein paar Heilkräuter zusammenstellte, sich in sein Bett legen und es ausschlafen. Ende der Diskussion.
Dachte Monroe. Dachte er wirklich – zumindest bis die Tür sich öffnete und ein sehr besorgt dreinblickender Nick das Krankenzimmer betrat.
„Nein, oder?" Monroe neigte den Kopf. „Eine Nacht, das war der Deal", fügte er verstimmt hinzu und begann zu husten.
Nick biß sich auf die Unterlippe. Seine ohnehin großen Augen schienen noch zu wachsen.
Nein, den Baby-Grimm wollte Monroe jetzt ganz sicher nicht sehen! Das war das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte.
„Ich hab mit dem Arzt gesprochen", begann Nick zögernd und setzte sich Monroe gegenüber aufs Bett.
Der Blutbad verdrehte die Augen und wandte sich ab, um nach seinen Schuhen zu suchen. Irgendwo mußten die ja sein, es sei denn hier lief ein Schuhfreßmonster herum, was er doch stark bezweifelte.
„Monroe?" fragte Nick hinter seinem Rücken.
Der schniefte und hustete wieder, als er sich, zumindest mit einem Schuh bewaffnet, wieder aufrichtete. So gut wie möglich wich er dem direkten Augenkontakt aus, und brummte statt dessen: „Was denn?"
„Warum hast du mir nicht gesagt, daß in deiner Familie eine Krankheit erblich ist?" erkundigte der Grimm sich.
Monroe erstarrte für einen Atemzug.
Das konnte nicht sein! Das war unmöglich! Das würde er wissen!
Würde er? So sicher war er sich da allerdings nicht, mußte er zugeben.
„Hundeschnupfen ist nicht ansteckend für Grimm", sagte er endlich und streifte sich den Schuh über den Fuß.
„Hundeschnupfen?" echote Nick.
Monroe seufzte und begann wieder zu husten, während er nickte. Schließlich brauchte er noch ein paar Atemzüge, um genug Kraft zum Sprechen zu sammeln.
„Hundeschnupfen ist erblich, kommt bei vielen … äh … carniden Wesen vor", antwortete er endlich. „Und es ist nicht so schlimm wie du jetzt denkst. Es gibt ein Mittel, dann ist das ganze Geschichte. Das gute, hatte man es einmal, kommts nicht wieder."
Er spürte immer noch Nicks fragenden Blick auf sich. Hier allerdings war er sich selbst nicht sicher, ob die Grimm über Krankheiten von Wesen Bescheid wußten und darüber auch Buch führten wie über so vieles andere.
„Der Arzt meint, du könntest sterben ..." Nicks Stimme war nicht mehr als bedrücktes Wispern.
Monroe seufzte und drehte sich jetzt doch um. „Wenn ich das Mittel nicht kriege, dann … sollten wir uns übers Sterben unterhalten. Aber solange sehe ich keinen Grund, hier länger herumzuliegen."
„Du bist wirklich krank, Monroe!" entgegnete Nick sofort.
„Ich habe nicht vor, in diesem Laden zu versauern. Also? Die Abmachung war eine Nacht. Ich war schon kulant und habe den halben Tag noch mit drangehängt. Jetzt würde ich wirklich gern nach Hause. Punkt!" Wieder schüttelte ihn ein Hustenanfall.
Okay, das war offensichtlich schlimmer geworden. Aber dennoch …
Monroe wandte sich ab, damit Nick nicht den Schrecken in seinen Augen sehen konnte.
Hundeschnupfen war gräßlich! Er hatte einen seiner Cousins gesehen, wie der sich damit rumgequält hatte, bis der Heiltrank dann endlich mal fertig war.
Der Heiltrank … das konnte ein Problem werden, mußte er zugeben. Er brauchte Gewißheit, und die würde er nicht in einem Menschenkrankenhaus bekommen, das war ihm klar. Also, raus aus den Federn und … ja, und wohin?
Monroe wurde klar, daß er niemanden kannte, an den er sich wenden konnte. Der Heiltrank gegen Hundeschnupfen war, soweit er wußte, ein Geheimnis der Blutbaden und keiner anderen Wesen-Rasse bekannt. Er mochte sich irren, immerhin gab es ja auch noch andere Formen, die zu den hundeartigen zählten. Soweit er wußte, kannten auch die Fuchsbau Hundeschnupfen. Und damit kam dann wieder Rosalee ins Spiel.
„Ich denke nicht, daß du gehen solltest", wandte Nick mit besorgter Stimme ein.
Monroe seufzte und verdrehte die Augen.
Seit er den Grimm … quasi aufgenommen hatte, ging der ihm wirklich manchmal auf die Nerven – im positiven Sinne. Es war rührend, daß Nick sich um ihn sorgte, aber im Moment bestand wirklich noch kein Grund dazu. Alles reine Effekthascherei. Also?
Monroe wappnete sich gegen die großen, unschuldigen (und vermutlich sehr traurigen) Kinderaugen seines ungewöhnlichen Freundes und drehte sich um.
„Ich sag dir was", bot er an, „wir sorgen dafür, daß immer jemand da ist und du läßt mich aus diesem Affenhaus heraus. Im übrigen habe ich mit meiner Unterschrift nicht meinen freien Willen abgegeben. Die Entscheidung liegt also bei mir!"
„Aber ..." wandte Nick sofort ein.
Monroe hob die Hand. „Spar es dir. Ich bleibe hier nicht länger."
Nicks Kinderaugen schrien ihn geradezu an, möglichst tief in sie zu blicken. Monroe igonrierte das vollkommen, wandte sich wieder seiner Schuhsuche zu.
Nick spannte die Kiefermuskeln an, biß sich auf die Unterlippe und begann zu nicken. „Okay", sagte er schließlich, „aber du bleibst nicht allein in deinem Haus!"
Monroe richtete sich, erneut hustend, wieder auf und deutete auf Nicks Seite des Bettes. „Da … ist mein … Schuh", keuchte er.
Nick schien einen Moment lang nicht zu verstehen, dann aber nickte er, beugte sich vor und griff nach Monroes zweitem Schuh.
„Mit Krankenpflege bin ich durchaus einverstanden", erklärte Monroe, jetzt doch sichtlich befriedigt vom Verlauf des Gesprächs.
„Wenn du mir fünf Minuten läßt ruf ich Rosalee an. Ich muß leider wieder aufs Revier, aber ich komme heute abend zu dir und bleibe über Nacht", erklärte Nick.
„Tu was du nicht lassen kannst", zuckte Monroe mit den Schultern. Noch einen Moment lang fühlte er Nicks Blick auf seinem Rücken, dann erhob der Grimm sich und verließ das Krankenzimmer.
Erst jetzt ließ Monroe es zu, sich gehenzulassen. Er hustete und keuchte sich die Lungen aus dem Hals und hoffte einfach nur das beste …
Rosalee war gerade damit beschäftigt, einige Teeboxen wieder zurück in eines der deckenhohen Regale zu stellen, als ihr Telefon klingelte. Die Fuchsbau seufzte, kletterte von der Leiter wieder hinunter und griff nach dem Handy, das sie auf dem Bedienungsthresen liegen gelassen hatte. Der Name „Nick" blinkte mit dem Accept-Button um die Wette.
Rosalee runzelte die Stirn.
Daß Nick sie anrief war selten. Normalerweise suchte der junge Grimm eher bei Monroe nach Antworten auf seine tausend Fragen als bei ihr. Rosalee war nicht eifersüchtig, ganz im Gegenteil. Seit Nick Monroe zu ihr gebracht hatte als Verstärkung, damals, nachdem ihr Bruder Freddy während eines Überfalls getötet worden war, waren ihr beide Männer ans Herz gewachsen. Monroe, der nicht ganz so große nicht ganz so böse Wolf und strenger Vegetarier und dann Nick, einerseits ernsthafter Cop, der sich gern in seine Fälle verbiß, andererseits dann aber auch wieder so naiv und unschuldig wirkend wie ein kleiner Junge.
Rosalee lächelte nur allein bei den Erinnerungen and die beiden. Dieses so ungewöhnliche Paar hatte es tatsächlich geschafft, ihr Herz wieder zu erwärmen.
Sie rief sich in die Gegenwart zurück und akzeptierte den Ruf. „Nick, ist alles in Ordnung bei dir?" fragte sie besorgt.
„Hallo Rosalee", begrüßte Nicks dunkle Stimme sie. „Ich tue das wirklich nicht gern, aber … könntest du vielleicht rüberkommen zu Monroe und auf ihn aufpassen?"
Rosalee schmunzelte. „Seit wann braucht Monroe denn einen Babysitter?" fragte sie scherzhaft.
„Seit er den … Hundeschnupfen hat", antwortete Nick sofort.
Und ebenso sofort war Rosalee schwer bestürzt und gleichzeitig voll auf ihre Arbeit konzentriert „Hundeschnupfen, sicher?" fragte sie.
„Monroe hat das zwar abgestritten, aber ja, ich denke, es ist Hundeschnupfen", antwortete der Grimm ihr.
Wenn es wirklich Hundeschnupfen war …
„Wann brauchst du mich?" fragte sie.
„Am besten gleich. Monroe liegt zwar im Krankenhaus, aber du kennst ihn ja: er will raus hier."
Rosalee fühlte, wie das Wesen in ihr an die Oberflache wollte, doch sie kampfte es nieder. „Krankenhaus?" echote sie. „Krankenhaus wie Menschenkrankenhaus?"
Verlegenes Schweigen folgte, dann ein deutlich schuldbewußtes: „Ähm … ja."
Rosalee seufzte. „Hol ihn da raus und bring ihn nach Hause. Ich komme so schnell wie möglich. Ich muß erst noch nachsehen, ob ich alle Zutaten für den Heiltrank habe."
„Rosalee? Danke!" Nick seufzte erleichtert. „Ich hätte ja selbst die erste Schicht übernommen, aber ich muß zurück aufs Revier. Wir stecken da mitten in einem Fall."
Rosalee lächelte. „Gern geschehen", antwortete sie, zögerte dann. „Einen Fall? Meinst du vielleicht Munter?"
„Ja, genau. Du hast davon gehört?" Nicks Ton änderte sich, wurde … copmässig, anders konnte Rosalee das nicht beschreiben.
„Habe ich, ja. Eine Schande!" seufzte sie. „Du solltest wissen, viele Wesen hatten ihre Wertsachen bei ihm hinterlegt. Du weißt doch ..."
„Geheimniskauz, ich weiß Bescheid", antwortete Nick, dann: „Moment, sagtest du, Wesen hätten Wertsachen in die Pfandleihe gebracht?"
„Munter bot eine Art Privatbank an für die Wesen, die nicht zu einer Menschenbank wollen", antwortete Rosalee sofort, drehte sich um und begann in den Regalen nach dem richtigen Buch für den Heiltrank zu suchen.
„Das bedeutet, er hatte noch einen anderen Geheimnisraum", murmelte Nick nachdenklich vor sich hin.
Rosalee schmunzelte. „Du weißt also von einem Geheimnisraum?"
Nick schien aufzugehen, daß er laut vor sich hingedacht hatte. „Äh, ja", machte er. „Seine Tochter hat ihn mir gezeigt. Aber sie behauptete, es gäbe nur diesen einen."
„Sie muß auch nichts von einem zweiten wissen", gab Rosalee zu bedenken, klemmte ihr Handy zwischen Ohr und Schulter und hob den gesuchten Folianten aus dem Regal. „Er muß nicht einmal in der Pfandleihe sein. Ich weiß nur, daß Munter eben dieses Geschäft unter der Hand betrieb, und das auch nur, weil er sehr günstig aber gut war. Das einzige, was er zwingend voraussetzte war, daß man, wollte man etwas abholen, es ihm einen Tag vorher sagen mußte."
„Das könnte bedeuten, er hat irgendwo einen Lagerraum", murmelte Nick vor sich hin, scheinbar erneut vergessend, daß er eigentlich telefonierte.
Rosalee konnte nicht anders, sie lächelte nur allein bei der Vorstellung eines nachdenklichen Nicks.
„Okay, ich danke dir für diese Information", sagte der Grimm nach einer kleinen Weile, immer noch sehr nachdenklich klingend.
Rosalee konnte sich vorstellen, wie Nick jetzt versuchte, die neuen Information mit den alten in Einklang zu bringen. Dabei dachte sie, daß sie ihm seinen Beruf gerade nicht gerade leichter gemacht hatte mit dieser Information. Er konnte sie nicht als Quelle nennen, er konnte eigentlich nicht wirklich verwenden, was sie ihm gesagt hatte, es sei denn, einmal mehr würde die Welt der Wesen unter der Welt der Menschen an die Oberfläche kommen.
Es mußte schwer sein, daß Leben zu führen, das Nick aufgebürdet worden war. Dieser Gedanke kam Rosalee nicht zum ersten Mal. Sie hatte es ihm auch selbst schon gesagt, daß sie ihn nicht um das beneidete, was er durchleben mußte.
Sicher, es war seine Wahl. Er konnte ebensogut versuchen, wie die anderen Grimm zu werden, sich anheuern lassen von den Royals und versuchen, sein Gewissen auszuschalten. Und genau das war der Punkt: Nick hatte ein Gewissen. Und solange er dieses Gewissen besaß, würde er nicht zum üblichen Grimm werden.
Allerdings war Rosalee im Gegensatz zu Nick klar, daß er sehr verletzlich war, vielleicht zu verletzlich. Er führte ein Leben, das man ihm wegnehmen konnte, hatte eine Arbeit, die man ihm auch nehmen konnte, liebte eine Frau, und auch die …
„Vergiß nicht, Monroe aus dem Krankenhaus zu holen", erinnerte die Fuchsbau den Grimm.
„Tu ich nicht", entgegnete Nick. „Und nochmals vielen Dank, daß du mir aushilfst."
„Kein Problem", lächelte Rosalee. Sie überflog das herausgesuchte Rezept und erleichterte. „Ich dürfte auch alle Zutaten für den Trank im Laden haben. Ich suche alles zusammen und komme dann rüber. Ist das in Ordnung für euch?"
„Ist es!" Nick klang unendlich erleichtert.
Rosalee beendete das Gespräch und sah nachdenklich zur Ladentür.
Wirklich, Nick war angreifbar und verletzlich. Die Frage war, was würde passieren, wenn er alles verlor, was ihm etwas bedeutete?
