Nick erleichterte, als das Taxi vor Monroes Haus anhielt und er Rosalee bereits an der Haustür stehen sah.
„Mußtest du sie unbedingt anrufen", quengelte der Blutbad neben ihm.
Nick betätigte den Türgriff und antwortete: „Ja! Und jetzt raus mit dir."
Er mußte grinsen, als er bemerkte, wie Monroe alles tat, um so gesund wie möglich auszusehen. Ihm war bereits aufgefallen, daß der Blutbad und die Fuchsbau öfter Zeit miteinander verbrachten, seit sie sich durch ihn kennengelernt hatten. Und ihm war auch nicht die zarte Röte auf Monroes Wangen entgangen, wenn er begann, über Rosalee zu sprechen.
Nick bezahlte den Fahrer, während Monroe, so hoch aufgerichtet wie möglich, den Weg zu seiner Haustür in Angriff nahm. Rosalee trat ihm entgegen und schlang einen Arm um seine Hüften, um ihn zu stützen. Nur allein aus Monroes hektischen Gesten konnte Nick bereits ablesen, daß sein Freund alles andere als begeistert war über die Hilfe.
Das Taxi fuhr los und der Grimm folgte seinen beiden Wesenfreunden den breiten Weg zur Haustür hinauf. Gerade wollte er aufschließen, als sein Handy begann zu klingeln.
Rosalee warf einen Blick über die Schulter zurück, während er das iPhone aus seiner Jackentasche kramte.
Hank!
Nick machte ein Zeichen, daß er rangehen mußte und akzeptierte den Ruf. „Was gibt's?"
„Wo steckst du?" fragte sein Partner. „Hier geht gerade die Welt unter."
Nick wandte sich von den beiden Wesen ab. „Was meinst du damit?" fragte er, dann fügte er hinzu: „Ich habe neue Informationen über Munter."
„Ich auch", kommentierte Hank trocken. „Und genau deshalb solltest du deinen Hintern so schnell wie möglich aufs Revier bewegen. Der Captain ist alles andere als glücklich über deine Abwesenheit."
Nick stutzte. Warum sollte Renard über sein Fehlen mißgestimmt sein? Ansonsten ließ der Captain seinen Detectives doch freie Hand.
„Ich komme so schnell wie möglich", sagte er endlich. „Ich habe nur noch eine Kleinigkeit zu erledigen."
„Die du tunlichst auf Feierabend verschieben solltest. Renard ist auf Kriegspfad und ich möchte dich nicht gern am Marterpfahl sehen."
Nicks Mundwinkel zuckten allein bei der Vorstellung des Captains in Kriegsbemalung und eine Federschmuck auf dem Kopf. „Bin schon unterwegs", sagte er und drückte das Gespräch weg.
Kurz holte er Atem, dann drehte er sich um. Die beiden Wesen waren bereits reingegangen, hatten die Haustür aber für ihn offen stehen lassen. Also wollte er sie nicht zu lange warten lassen, zumal er mit Rosalee die Krankenpflege-Schichten besprechen wollte. Er trat ins Haus, schloß die Tür hinter sich und folgte dem lauten Husten in die Küche.
Rosalee stand am Küchentisch, hatte den Rucksack, den sie auf den Schultern getragen hatte als sie ankamen, abgenommen und war jetzt damit beschäftigt, dessen Inhalt auf dem Tisch zu verteilen. Monroe seinerseits saß an eben jenem Küchentisch und lamentierte darüber, daß es ihm so schlecht nun doch nicht ging. Die hübsche Fuchsbau allerdings reagierte gar nicht darauf, sondern beförderte weiter Dinge aus ihrem Rucksack, bis Nick sich wirklich zu fragen begann, wie sie all das hatte verstauen können.
Rosalee schien ihn zu bemerken, wie immer, während Monroe weiter mit dem Rücken zu ihm sitzenblieb und erneut zu husten begann. Die Fuchsbau nickte ihm zu. „Deine Befürchtung ist leider wahr", sagte sie, „es ist Hundeschnupfen."
„So schlimm nun doch nicht", kommentierte Monroe zwischen zwei Hustenanfällen.
„Hauptsache, das Baldrianöl ist weg." Nick stieß sich vom Türrahmen, an dem er gelehnt und die Szene bisher beobachtet hatte, ab und trat in die Küche. „Es tut mir leid, aber das eben war Hank. Ich muß zum Revier zurück", sagte er dann. „Ist soweit alles in Ordnung hier? Kommt ihr zwei klar?"
Als hätte es dieser letzten Frage bedurft. Es war nur allzu klar, daß Monroe auf Freiersfüßen wandelte ging es um Rosalee. Wie sie das allerdings sah … Nick war sich nicht ganz sicher, glaubte aber, auch in ihren Augen Interesse lesen zu können.
Was wohl herauskäme, wenn eine Fuchsbau und ein Blutbad Kinder bekamen?
Nick riß sich von diesem irrwitzigen Gedanken los.
„Wird schon gut gehen", lächelte Rosalee und nickte. „Geh ruhig. Aber es wäre nett, wenn du spätestens um zehn wieder hier sein könntest."
„Zehn, geht in Ordnung", nickte Nick und wandte sich ab, als ihm einfiel, daß sein Truck im Revierparkhaus stand und er das Taxi weggeschickt hatte. Er blieb stehen wie angewurzelt, während er nachdachte, was länger dauern könnte: der Weg zur nächsten Straßenbahn oder ein neues Taxi rufen.
„Nick? Alles in Ordnung?" fragte Rosalee. Als er sich umdrehte sah er, daß sie ihn stirnrunzelnd ansah.
„Alles okay", log er und schlug die Hände ineinander. „Ich … äh … ich habe nur gerade darüber nachgedacht … naja ..." Er kämpfte mit sich, kniff die Lippen aufeinander.
Nun drehte sich auch Monroe zu ihm um und beobachtete seine hilflose Pantomime sichtlich irritiert.
„Ist wirklich alles in Ordnung?" harkte Rosalee noch einmal nach.
Nick öffnete den Mund und nickte. „Ich hab keinen fahrbaren Untersatz hier", rutschte es ihm schließlich heraus.
Monroe stöhnte. „Klar, hat ja so kommen müssen!"
Rosalee dagegen lächelte. „Ich wüßte nicht, daß das ein Problem ist", entgegnete sie.
Sie konnte auch vielleicht schnell rennen, ging es Nick auf, während er sich bereits mit heraushängender Zunge vor den Stufen des Reviers zusammenbrechen sah.
Rosalee ging an ihm vorbei zur Haustür zurück.
Nick warf Monroe einen irritierten Blick zu, den dieser nur stumm erwiderte.
„Äh, machs gut", verabschiedete der junge Grimm sich von seinem Wesenfreund.
Monroe nickte, während er mit einem neuen Hustenanfall kämpfte.
Nick zögerte noch eine Sekunde, dann folgte er Rosalee zur Tür.
Die Fuchsbau war neben Monroes Schlüsselbrett stehengeblieben und griff jetzt zielsicher zu, um Nick dann einen Schlüssel mit einem VW-Emblem zu reichen. „Soweit ich weiß, bewahrt Monroe die Papiere im Wagen auf", sagte sie.
Nick starrte sie groß an. „Aber ..."
„Der Weg zum Revier ist zu weit, wenn die Zeit drängt. Ein Taxi rufen würde auch lange dauern, mindestens ebensolange wie zur nächsten Tram zu laufen. Also nimmst du den Käfer. Monroe braucht den Wagen eh nicht im Moment. Paß nur gut darauf auf", entschied Rosalee einfach.
Nick blieb wirklich der Mund offen stehen. „Glaubst du wirklich, Monroe ist einverstanden?" fragte er schließlich. „Und … brauchst du den Wagen nicht vielleicht auch, falls es ihm schlechter gehen sollte?"
„Ich kriege das schon hin, du nicht. Das Revier ist am anderen Ende der Stadt, also ..." Sie machte eine auffordernde Geste.
Nick war es deutlich unwohl zumute. Bisher hatte er den Eindruck gewonnen, daß Monroe, trotz aller Widerstände, seinen alten VW Käfer liebte. Immerhin war die Karosserie gut in Schuß, ebenso die Innenausstattung. Und Nick erinnerte sich noch zu gut an das unterdrückte warnende Knurren, als er einmal fragte, ob er nicht besser das Steuer übernehmen sollte.
Er sah Rosalee fragend an, dann begann er zu nicken. „Okay", machte er, drehte sich um und verließ das Haus.
Schon allein das Einsteigen auf der Fahrerseite fühlte sich fremd und beinahe falsch an. Monroe war größer als Nick, also mußte er sowohl Sitz wie auch Spiegel neu einstellen. Als er schließlich den Zündschlüssel drehte, fürchtete er auf einer Seite beinahe, daß ein springteuflerischer Monroe ihn vom Sitz reißen würde, während er auf der anderen hoffte, der Käfer werde nicht anspringen.
Der Motor erwachte zu knatterndem Leben. Nick atmete tief ein, trat die Kupplung durch und legte den ersten Gang ein. Langsam gab er Gas, löste die Handbremse und … der Käfer fuhr anstandslos los und scherrte auf die Straße ein.
Im Haus starrte Monroe aus dem Fenster seines Wohnzimmers und fühlte sich noch kränker als zuvor. Da fuhr sein geliebter Käfer dahin und er wußte nicht, ob er ihn jemals unbeschadet wiedersehen würde …
Es herrschte helle Aufregung, als Nick schließlich ins Revier zurückkehrte. Warum konnte er erst einmal nicht sagen, nur daß alle ziemlich durch den Wind zu sein schienen.
Er schummelte sich irgendwie durch gleich mehrere Gruppen Polizeibeamter, Officers in Uniform, Detectives in Zivil oder beides bunt gemischt, bis zu seinem Schreibtisch und ließ sich dort so unauffällig wie möglich nieder.
„Du hast ganz schön lange gebraucht vom Treeview bis hierher." Hank, der an seinem Arbeitsplatz, dem Kopfschreibtisch ihrer Dreiergruppe, saß, schielte zu ihm hinüber.
Nick zuckte mit den Schultern und rief das letzte Update im Fall Munter auf seinen Bildschirm. „Ich komme nicht aus dem Treeview. Monroe hat auf eigenen Wunsch das Krankenhaus verlassen", erklärte er, „ich habe ihn nach Hause gebracht und mußte erst noch jemanden finden, der auf ihn aufpaßt."
Hank sah ihn starr an. „Du weißt schon, daß eure Freundschaft ein Kuriosum ist, oder?" wandte der Afroamerikaner ein.
„Wieso?" Nick grinste spitzbübisch. „Ich finds recht lustig mit ihm."
„Mit einem durchgeknallten Uhrmacher, den du erst der Kindesentführung bezichtigt hast", entgegnete Hank trocken. „Mich wundert, daß der dich je wieder in sein Haus gelassen hat."
Hatte Monroe auch nicht wirklich – zunächst jedenfalls …
„Das ist eben mein männlicher Charme", zwinkerte er seinem Partner zu. „Dem kann keiner ..."
„Nick? Dürfte ich Sie in meinem Büro sprechen? Gleich!"
Unbemerkt von den beiden Detectivs war Captain Sean Renard an ihre Schreibtische getreten und sah jetzt auffordernd auf Nick herab.
Der junge Grimm blickte auf und wußte einen Moment wirklich nicht, was er sagen sollte.
Im Gegensatz zu Hank sah er allerdings nicht, daß Renard aufgebracht war, zumindest nicht gegen ihn. Irgendetwas schien ihn zu stören, das ja. Aber es war definitiv nicht wirklich Nick.
Gut zu wissen, daß er dennoch noch im Kurs stand …
Nick nickte und erhob sich.
Hank machte eine kurze Handbewegung, mit der er andeutete, daß er seinem Partner die Daumen drückte.
Nicks Mundwinkel zog sich himmelwärts, während er Renard in dessen Büro folgte.
„Schließen Sie bitte die Tür", wandte der Captain sich schließlich an ihn, als sie beide das verglaste Eckbüro betreten hatten.
Nick kam der Aufforderung nach und setzte sich schließlich auf einen der beiden Stühle diesseits des Schreibtisches seines Chefs.
„Was gibt es?" fragte er.
Renard musterte ihn aufmerksam. „Entspricht es der Wahrheit, daß Sie eine gewisse Zeit allein mit der Tochter des Opfers waren heute morgen?" fragte er schließlich, lehnte sich in seinen Bürosessel zurück und faltete die Hände im Schoß.
Nick runzelte die Stirn, nickte aber. „Das ist wahr", antwortete er. „Hank wartete draußen."
„Darf ich fragen, warum Sie und Miss Munter allein waren?" fuhr Renard fort.
Nick zuckte mit den Schultern, lehnte sich jetzt seinerseits zurück. „Sie wollte mir einen Geheimraum zeigen in der Hoffnung, daß wir dort vielleicht das Motiv für den Mord finden würden", antwortete er. Nicht ganz wahrheitsgemäß, zugegeben, aber immerhin so nahe an der Wahrheit, wie er gehen konnte.
Renard musterte ihn scharf. „Warum sagten Sie ihr nicht, daß das nicht der Vorgehensweise dieses Reviers entspricht?" erkundigte er sich schließlich.
Nick stutzte. „Warum sollte ich? Das machen wir doch öfter", antwortete er. „Mal hat Hank den besseren Draht zu den Zeugen, mal ich. Dann wieder wir beide zusammen." Er runzelte die Stirn. „Stimmt etwas nicht?"
„Miss Munter hat Anzeige gegen Sie erstattet, Nick. Das stimmt nicht", antwortete Renard, sah ihn weiterhin forschend an.
„Anzeige?" echote Nick mit geweiteten Augen. „Wieso denn das?"
„Weil sie behauptet, Sie haben sie sexuell genötigt."
Der Schlag saß!
Nick konnte nicht glauben, was sein Chef da gerade zu ihm gesagt hatte. Er und … Er würde nicht einmal im Traum daran denken, soetwas einer Frau anzutun!
Renard hob das Kinn. „Sie sehen überrascht aus."
„Ich bin überrascht", gestand Nick, „und schockiert. Sir, ich hoffe wirklich, Sie wissen, daß ich soetwas nie tun würde!"
„Dummerweise hat Miss Munter die Beschwerde nicht bei mir, sonder direkt beim Commissioner eingereicht", fuhr Renard fort. „Es wurde eine interne Ermittlung gegen Sie in die Wege geleitet, Nick."
Interne Ermittlung? Gegen ihn?
Nick konnte es nicht glauben. Er starrte seinen Chef fassungslos an.
„Ich weiß, es gibt bisher nichts, was gegen Sie vorliegt. Oder doch?" Renard neigte den Kopf. „Wie sieht es mit Ihrer alten Dienststelle aus?"
Nick fühlte sich, als habe eine Walze ihn überrollt, nachdem ein Vorschlaghammer auf seinen Kopf niedergesaust war. Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
„Was … was ist mit der Schießerei auf der Straße damals", wandte er sich an Renard. „Als meine Tante überfallen wurde."
Er wußte, die genauen Umstände des Überfalls waren nie zur vollständigen Zufriedenheit aller geklärt worden. Um ehrlich zu sein, Nick machte sich nicht den Hauch einer Sorge um seine frühere Dienststelle, wohl aber über die Schüsse auf den Reaper damals, als seine Tante im Sterben lag.
„Ich denke, diese Sache ist ausreichend geklärt worden. Sollten noch Einzelheiten fehlen, werden wir sie zusammentragen", antwortete Renard. „Wie ich Ihnen damals sagte, wir sind alle eine große Familie hier."
Nick nickte, biß sich auf die Lippen, ehe er fragte: „Bin ich suspendiert?"
„Nein, bisher nicht", antwortete Renard. „Allerdings wird man Sie unter Bewachung stellen."
Bewachung, daß er nicht lachte.
„Keine Extra-Touren im Moment. Sie bleiben von Dienstantritt bis Schichtende."
Nick fiel es schwer, sich in dieser Situation unter Kontrolle zu halten. Liebendgern hätte er in diesem Moment Munter einmal ihre eigene Medizin verabreicht.
„Okay" sagte er einfach. Doch es war nicht okay! Es war ganz und gar nicht okay, denn wenn er überwacht wurde, konnte er den Trailer nicht aufsuchen. Und dementsprechend konnte er keine Nachforschungen anstellen über Geheimniskauze und ob er vielleicht selbst irgendetwas über Monroes Zustand herausfinden konnte.
Nick fühlte einen Druck in der Magengegend, als er sich an seinen Freund erinnerte.
Keine Sonderbehandlung mehr, sondern sturer Dienst bis Schichtende bedeutete auch keine Besuche außerhalb der Reihe bei seinem kranken Freund. Sollte Rosalee auf seine Hilfe angewiesen sein, konnte e sie ihr nicht geben.
„Sir", wandte er sich an Renard, „äh, es ist so, daß … ein guter Freund von mir ist erkrankt. Da er keine Verwandten hat ..." Er stockte, sich plötzlich sehr hilflos fühlend.
Renard musterte ihn. „Darum waren Sie weg?" erkundigte er sich.
Nick nickte stumm und blickte unter seinen Brauen hervor auf, die Lippen aufeinander gekniffen und auf das Urteil wartend.
„Kann Juliette Ihnen da nicht weiterhelfen?" fragte Renard. „Um ehrlich zu sein, wenn ich Ihnen jetzt freie Hand lasse, stehen wir beide am Ende dumm da. Gerade die Interne Ermittlung ist ..." Er schüttelte den Kopf. „In jedem anderen Fall hätten wir eine Lösung finden können. Aber so?"
„Was, wenn ich Urlaub nehme?" erkundigte Nick sich daraufhin.
„Wir sind jetzt schon unterbesetzt, darum habe ich mich ja dafür eingesetzt, daß Sie eben nicht suspendiert werden", antwortete Renard. „Es tut mir wirklich leid wegen Ihres Freundes, aber ich fürchte, solange die Untersuchung läuft, werden wir da nichts machen können."
Nick seufzte.
Irgendetwas mußte ihm einfallen. Es konnte einen Notfall geben und dann stand Rosalee allein da. Sicher, auch sie schien kräftiger zu sein durch das Wesen in ihrem Inneren. Aber konnte sie es wirklich mit einem Blutbad aufnehmen? Zudem, was wenn sie etwas dringend brauchte aus dem Laden? Er würde nicht einmal Besorgungen machen können.
Das Magengrimmen wurde schlimmer, als Nick aufstand.
„Eines noch, ehe Sie gehen", wandte Renard sich an ihn.
„Sir?" fragte Nick vorsichtig.
In diesem Moment öffnete die Tür sich erneut und Hank kam herein. Und dieses Mal war es ein recht aufgebrachter Hank, um genau zu sein.
„Was immer Nick auch vorgeworfen wird, Sir", wandte der Afroamerikaner sich an Renard, „ich kann bestätigen, daß Nick sich vorschriftsmäßig verhalten hat."
Das war jetzt eine etwas eigenartige Ansprache kam es Nick in den Sinn. Er wandte den Kopf und starrte zu seinem Schreibtisch hinüber, an dem sich gerade zwei Männer in dunklen Anzügen befanden und seinen Arbeitsbereich durchwühlten.
Das Magengrimmen wurde zu einem echten Schmerz.
Es war das erste Mal, daß Nick selbst in der Schußlinie stand, und dieser Vertrauensverlust schmerzte ihn beinahe körperlich. Mit angespannten Kiefern starrte er durch die Lamellen hinüber zu seinem Arbeitsbereich und kämpfte um seine Fassung.
„Es ist gut, Hank", hörte er Renard hinter sich sagen, doch es war nicht gut! Nicht so.
Nick fühlte sich übergangen und hilflos.
„Was wird dir vorgeworfen?" wandte Hank sich an ihn.
„Nick soll eine Zeugin sexuell belästigt haben", antwortete Renard für ihn. Nick warf seinem Vorgesetzten einen Blick zu. Er hätte das im Moment nicht aussprechen können, wurde ihm klar. Um genau zu sein vertraute Nick seiner eigenen Stimme nicht.
„Was?" Hanks Kopf ruckte zwischen Nick und Renard hin und her. „Das ist doch Schwachsinn! Ausgerechnet du? Bei dir erwartet man eher das Gegenteil!"
Nick kratzte endlich genug Selbstbeherrschung zusammen, daß er seiner Stimme zumindest über eine kurze Distanz traute: „Munter behauptet das. Weil ich mit ihr allein im Laden war heute morgen."
Hank lachte bitter. „Ist das ihr Ernst? Ich hab vor dem Schaufenster gestanden und euch beide die ganze Zeit im Auge gehabt. Da hat keiner irgendwas gemacht. Du hast mit ihr gesprochen, sie hat mit dir gesprochen. Du bist um die Theke herum während sie diese Geheimtür geöffnet hat. Das wars."
„Moment, eine Geheimtür?" fragte Renard nach.
Nick vergrub seine Hände tief in den Taschen seiner Jeans, damit die beiden Männer nicht bemerkten, daß sie begonnen hatten zu zittern. „Ein Geheimraum, ja. Dort habe ich das Handy gefunden, das jetzt bei der Spurensicherung liegt", antwortete er mit deutlich belegter Stimme. Er wagte nicht, einen weiteren Blick hinaus in das Großraumbüro zu seinem Arbeitsplatz hinüber zu werfen. Es würde zu sehr schmerzen befürchtete er.
„Und Sie waren mit Miss Munter zusammen in diesem Raum?" bohrte Renard.
„Die Schlampe blieb bei der Tür stehen", antwortete Hank für ihn, „die hat sich nicht einen Zentimeter in den Raum hinein bewegt."
„Sie aber schon?"
Nick nickte wieder und zuckte mit den Schultern. „Ich denke, dieser Raum gehört mit zum Tatort", erklärte er schließlich nach einigem Zögern. „Die Lampe unter der Decke war zersprungen, der Raum weitestgehend leer."
Renard wandte seine Aufmerksamkeit Hank zu. „Konnten Sie Nick IN dem Raum sehen?" fragte er.
Hank überlegte, schüttelte dann den Kopf. „Es war dunkel da drin. Ich sah nur das Licht der Taschenlampe und einmal einen dunklen Schatten, von dem ich denke, daß es Nick war."
„Ich bewegte mich in dem Raum, ja", bestätigte der Grimm sofort. Dann fiel ihm Rosalees Information über den Pfandleiher ein und er holte seinen Notizblock aus seiner Tasche. „Ich habe außerdem mit einer Zeugin gesprochen", fügte er hinzu, „sie möchte ungenannt bleiben, erklärte mir aber, daß Munter unter der Hand eine Art Privatbank führte für solche, die entweder kein Bankkonto haben oder nicht wollen. Er sei wohl sehr günstig gewesen mit Zinsen, verriet sie mir."
Renard lehnte sich zurück, musterte ihn aufmerksam, während er seine Hände faltete. „Deshalb haben Sie nach diesem Geheimraum gesucht?" fragte er schließlich.
Nick kniff kurz die Lippen aufeinander, nickte dann aber.
Renards Blick glitt zu Hank. Der zuckte mit den Schultern. „Soweit die Forensiker es in ihrem vorläufigen Bericht vermerkt haben, war der Raum weitestgehend leer", antwortete er.
„War er, bis auf das Handy", nickte Nick sein Einverständnis.
„Diese Zeugin will nicht offiziell aussagen? Keine Chance?" bohrte Renard weiter.
Nick schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber ich fürchte, sie wird sich nicht überreden lassen. Nein, keine Chance."
„Also ist das Motiv klar, dieser Geheimraum ist ausgeräumt worden", merkte der Captain an.
„Das glaube ich nicht", entgegnete Nick. „Es lag Staub überall. Wenn dort etwas gewesen wäre, hätte es sich im Staub abzeichnen müssen. Tat es aber nicht."
Hank runzelte die Stirn. „Du denkst … ?"
Nick nickte wieder. „Ich denke, es gibt einen zweiten Raum, ja", bestätigte er, „und ich denke, dieser Raum ist nicht in der Pfandleihe."
„Warum nicht?" fragte Renard nach.
„Weil die Zeugin mir sagte, daß Munter darauf bestanden habe, daß man ihm vierundzwanzig Stunden ließ, wollte man seine hinterlegten Wertsachen zurück", antwortete der Grimm und klappte seinen Notizblock wieder zu.
„Sie glauben dieser Zeugin?"
„Unbedingt." Nicks Gesicht blieb ernst.
„Aber Sie beide wissen, daß es verdammt schwer wird, diese Aussage vor Gericht zu belegen, wenn die Zeugin nicht aussagt."
„Das ist mir klar", antwortete Nick.
Renards Blick glitt kurz ab, als er nachdachte. Dann nickte er und richtete sich wieder auf. „Ich lasse Ihnen beiden freie Hand in diesem Fall. Finden Sie diesen Raum. Ich denke, dann finden wir auch das Motiv."
„Ich denke, der Raum IST das Motiv", entgegnete Nick.
„Möglicherweise ..." Renard erwiderte seinen ernsten Blick.
