A/N: Beim Kontrollesen dieses Kapitels sind mir einige Parallelen zur letztwöchigen Folge aufgefallen. Gewollt sind diese Parallelen nicht gewesen, es ist aber möglich, da dieses Kapitel am Wochenende VOR der Ausstrahlung geschrieben wurde. Möglich allerdings, daß ich mich ein wenig vom Sneak Peak habe ... inspirieren lassen. So oder so, ich dachte, es sei besser, euch das wissen zu lassen.
Rosalee sah nach ihrem Patienten, während der Heiltrank auf Monroes Herd köchelte. Sie hoffte wirklich, sie konnte dem Blutbad helfen, war sich allerdings auch nicht ganz sicher.
Krankheiten, die zwar ähnliche Wesen-Rassen befielen mußten noch lange nicht das gleiche Heilmittel beinhalten, das allen helfen würde. Nur schien Nick das wieder einmal nicht zu akzeptieren.
Rosalee lächelte auf Monroe nieder. Der war auf seinem Sofa eingeschlafen und schlief jetzt wirklich den Schlaf der Gerechten.
Sie erinnerte sich daran, wie er ebenso auf ihrem Sofa übernachtet hatte, nachdem Freddy getötet worden war und die Skalengecks in den Teeladen einbrachen, während sie im Keller war.
Sie hätte nie geglaubt, daß sie einmal zu einer solchen Beziehung fähig sein würde, als sie noch in Seattle lebte. Weder ihre Freundschaft zu Nick noch das, was sie mit Monroe verband hätte sie sich vorstellen können damals.
Rosalee war tief in sich drinnen zerbrechlich wie feines Glas, und sehr anfällig für seelische Sprünge, wie sie es selbst nannte. Vermutlich hatte sie genau diese Verletzlichkeit damals in die Jay-Sucht getrieben, aus der Freddy ihr schließlich wieder heraushalf.
Trotzdem war es eigenartig, was sie drei miteinander verband. Nick, der Grimm, der doch eigentlich ihr aller Feind sein sollte, Monroe, der Blutbad, der es leid war, ein böser Wolf zu sein und sie, die zerbrechliche Fuchsbau, auf die die beiden Freunde sich nur allzu gern verließen.
Rosalee fühlte sich trotzdem nicht ausgenutzt, auch wenn andere das vielleicht annehmen würden. Nick wußte es schlicht nicht besser und Monroe … nun, sie mußte zugeben, sie genoß seine Anwesenheit im Laden, die Gespräche, die sie beide dort führten.
Nick …
Rosalee fragte sich nicht zum ersten Mal, warum seine Tante ihn nie aufgeklärt hatte über das, was er war. Gut, sie kannte sich in Grimm-Belangen nicht gut aus, aber sie konnte sich nicht vorstellen, daß es natürlich für sie war, ihren Nachwuchs ins Kalte Wasser zu werfen und allein zu lassen. Nun, nachdem, was Nick ihr erzählt hatte, war zumindest letzteres nicht der Plan seiner Tante gewesen, doch der Krebs und die Aufregung, noch dazu drei Mordversuche, waren letztendlich zuviel für Maries totkranken Körper gewesen.
Rosalee fand es trotzdem merkwürdig. Nicht Nick, sondern Monroe hatte ihr später erklärt, daß Marie Kessler Nick gedrängt hatte, keinen Kontakt zu anderen Grimm zu suchen vor ihrem Tod. Da lag die Frage nahe, warum nicht?
Soweit Rosalee wußte, und Grimm waren mittlerweile wirklich selten geworden, selbst in Europa, verließen diese Menschen sich lieber auf die Stärke der Gruppe und zogen nicht unbedingt allein durch die Welt.
Wenn Nick nun Kontakt zu einem anderen Grimm haben würde, würde er sich verändern? Würde er die Freundschaft, an der er so hartnäckig baute, seit sie sich kannten, beiseiteschieben, weil sie eben eigentlich seine Beute sein sollte?
Rosalee war sich nicht sicher. Sie hatte in der letzten Zeit einige Veränderungen an dem jungen Grimm entdeckt, war sich aber nicht sicher, ob diese Veränderungen letztendlich Nicks Charakter treffen würden. Nur eines wußte sie sicher: Nick war noch lange nicht auf dem Höhepunkt seiner Kräfte angelangt!
Noch etwas, was kein Wesen wußte: Grimm-Kräfte erwachten nur allmählich. Noch war Nick verletzlich, laut Monroe war er sogar noch wesentlich verletzlicher gewesen in den ersten Wochen nachdem seine Gabe erwacht war. Jetzt aber … wuchs das, was einen Grimm ausmachte, und es schien immer schneller zu gehen. Der Eigengeruch der Grimm nahm stetig zu, seit sie sich kannten. Und Rosalee wußte, daß Nick und Monroe des öfteren im Wald mit den Waffen der Marie Kessler trainierten. Monroe hatte sogar mehrmals betont, wie stolz er auf seinen Grimm-Freund und dessen außergewöhnliche Fähigkeiten war. Auch wenn Nick noch immer schmal wirkte, er war kräftig geworden in seinem Inneren, als seien seine Muskeln Stahlfedern, die zwar nicht wuchsen, aber deren Druck ständig zunahm. Auch Nicks Treffsicherheit hatte gewonnen, das hatte Rosalee schon selbst gesehen. Nick brauchte gar nicht mehr wirklich zielen, er hielt seine Waffe in die Richtung und drückte ab. Es war, als würde die Kugel allein ihren Weg ins Ziel finden.
Rosalee mußte zugeben, auf der einen Seite faszinierte es sie, das Erwachen eines Grimm mitzuerleben, auf der anderen Seite ängstigte es sie aber auch. Zu lange hatten die Grimm unter den Wesen gewütet, waren Handlanger der Royals gewesen.
Warum also zog hier ein Grimm allein seiner Wege? Warum diese Warnung seiner Tante?
Rosalee verstand es nicht. Allerdings wagte sie zu bezweifeln, daß Marie Kessler wirklich diesen Weg für ihren Neffen vorausgesehen hatte. Daß er sich mit Wesen anfreundete und deren Hilfe suchte, weil er selbst schlicht nicht wußte, was ihn erwartete.
Rosalee mußte zugeben, sie fürchtete um Nick. Es war zuviel, was auf ihn einprasselte. Irgendwann würde irgendetwas passieren, es mußte einfach etwas passieren. Und wenn Nick daraus hervorgehen wollte mit gesundem Geist … es würde schwer werden.
Sie besaß einfach nicht Monroes Glauben in den jungen Grimm, mußte sie zugeben. Monroe folgte Nick, und er würde ihm auch weiterhin folgen und ihm vertrauen. Weil er irgendetwas in Nick sah, was sie nicht sehen konnte. Vielleicht wirklich, weil Nick sich zuerst an ihn wandte, sie wußte es nicht. Sie wußte nur, sie stand Nick zwar freundschaftlich gegenüber, aber auch mit gesunder Vorsicht, nicht mit blindem Glauben in seine Gutartigkeit.
Monroe … dieser widersprüchliche Wider-Blutbad mit dem Herzen aus Gold.
Rosalee wollte ihn nicht mehr missen in ihrem Leben. Es war eigenartig, wie sehr er ihr mittlerweile ans Herz gewachsen war.
Vielleicht, so dachte sie, vielleicht hatte Monroe deshalb ein solches Vertrauen in Nick, weil er sich selbst geändert hatte und wußte, daß neue Wege möglich waren. Sie hoffte es, für beide.
Das leise Klappern des Topfdeckels riß sie aus ihren Gedanken. Rosalee ging in die Küche zurück und zog den Topf mit dem Heiltrank von der Flamme, ehe sie den Herd ganz abstellte.
Noch ein wenig auskühlen, dann würde sie Monroe wecken und ihn trinken lassen. Soweit sie wußte, sollte eine Besserung kurze Zeit später eintreten.
„Nick?"
Er blieb stehen und drehte sich zu seinem Partner um. Hank sah ihn forschend an.
„Was ist los?"
„Wir waren noch nicht fertig", sagte der Afroamerikaner.
Nick stutzte. „Was meinst mit 'wir waren noch nicht fertig'?"
Hanks Gesicht blieb ernst. „Ich würde allmählich wirklich gern erfahren, was zum Kuckuck los ist mit dir."
Nick runzelte die Stirn. „Nichts ist los", entgegnete er.
„Doch, es ist was los", nickte Hank. „Du kommst plötzlich mit geheimnisvollen Zeugen an, andere sind komplett eingeschüchtert, wenn sie dich nur sehen. Und immer wieder dieses Wort ..."
Nick zuckte mit den Schultern. „Du weißt doch, ich habe so ein Allerweltsgesicht. Vermutlich verwechseln die mich mit irgendwem anderes", lächelte er. Doch er sah an Hanks fehlender Reaktion, daß diese Lüge nicht mehr zog.
Verdammt! Er mußte sich allmählich wirklich etwas einfallen lassen!
„Wir beide sind Partner", erklärte Hank ihm, „das bedeutet, wir müssen uns hundertprozentig aufeinander verlassen können. Das bedeutet auch, daß sämtliche Geheimnisse zwischen uns dieses Vertrauen zerstören." Er trat dicht an den kleineren Nick heran und sah ihm in die Augen. „Ich bin dein erster echter Partner, das weiß ich. Und genau darum habe ich bis jetzt ein Auge zugedrückt. Aber allmählich geht das nicht mehr, verstehst du? Hör auf, mich für dumm zu verkaufen und rück endlich mit der Sprache raus!"
Nick erwiderte Hanks Blick so lange er konnte.
Er wünschte sich nichts mehr als endlich seine beiden Leben irgendwie in Einklang zu bringen. Aber wie sollte er Hank erklären, daß er etwas sah, was Hank eben nicht sehen konnte? Daß es da eine andere Welt gab, die parallel zu der existierte, die er immer für real gehalten hatte?
Nick hatte dieses Gedankenspiel jetzt schon so oft betrieben, daß er schon nicht mehr mitzählen konnte, wie oft. Nur eines war immer gleich geblieben dabei, das Ende. Der Bruch mit Hank oder Juliette, im schlimmsten Fall er in der Geschlossenen, im günstigeren würden seine Beziehungen zu den beiden, seine Freundschaft zu Hank und seine Liebe zu Juliette, zerstört werden.
So oder so, Nick konnte die Wahrheit nicht aussprechen, auch wenn sie Hank oder Juliette ins Gesicht schlagen würde. Er konnte nicht, weil es zu verrückt war, was er sagen würde, weil er keinen echten Beweis liefern konnte, weil sie ihm würden glauben müssen. Und die Tatsache war nun einmal, er hatte beide, Hank und Juliette, jetzt schon so oft belogen, er fürchtete wirklich, sie würden die Wahrheit nicht glauben, wenn er sie aussprach.
Hank nickte mit zusammengepreßten Lippen. „Okay", sagte er schließlich und ging an Nick vorbei, ihn mit seiner Schulter streifend. „Wie du willst, Mann! Wie du willst!"
Nick schloß die Augen.
Die Wahrheit brannte auf seiner Zunge, würgte ihn in der Kehle. Er wünschte sich so sehr, sie aussprechen zu können, daß es schmerzte. Doch er konnte nicht.
„Tut mir leid, Hank", wisperte er und senkte den Kopf. Unter seinen dichten Wimpern sah er seinem Partner nach, der die Treppe zum Ausgang nahm. Seine Schultern sanken herab.
Er wünschte wirklich, er könnte irgendetwas tun, es Hank sagen, ihm verständlich machen, ohne daß dieser an seinem Geisteszustand zweifeln würde. Sie beide gingen jetzt seit drei Jahren durch dick und dünn.
Hank hatte recht, er war Nicks erster echter Partner. Sicher, als Nick noch Streifenpolizist gewesen war, hatte er auch Partner gehabt, aber die wechselten ständig. Erst seit er in Portland war, nachdem er seine Detective-Prüfung bestanden hatte und mit viel Enthusiasmus hergezogen war, da hatte Nick begriffen, WAS ein echter Partner wirklich war: ein Teil der Familie.
Das dumme war, seit er zum Grimm geworden war, hatten Nicks Prioritäten sich verschoben, sein ganzes Leben spielte sich auf zwei Gleisen gleichzeitig ab. Schwer genug, das unter einen Hut zu bringen. Aber dann war da noch Monroe. Monroe, mit dem er nicht eine gemeinsame Interesse teilte, Monroe, der Wider-Blutbad, der sich selbst gegenüber so hart war, Monroe, der zur Stelle war, wenn Nick ihn brauchte.
Monroe war zu Nicks neuem Partner geworden, ohne daß einer der drei dies wirklich begriff. Es war einfach passiert und ließ sich jetzt nicht mehr rückgängig machen. Hank war ebenso Nicks Partner, aber da er ihm gegenüber nicht mehr vollkommen ehrlich sein konnte, Monroe dagegen schon, war passiert, was eigentlich nicht hätte passieren dürfen: Nick hatte den einen Partner fallenlassen, um dem anderen nahe sein zu können.
Je mehr er darüber nachdachte, desto klarer wurde das Bild für den jungen Grimm. Und umso klarer wurde ihm auch, daß er beide brauchte: Monroe UND Hank. Nur war ihm immer noch schleierhaft, wie er ein solches Dreiergespann überhaupt zusammenbringen sollte.
„Detective Burkhardt?" riß eine Stimme ihn aus seinen Gednaken.
Nick drehte sich um und sah sich den beiden Beamten der Inneren gegenüber, die die Ermittlungen gegen ihn leiteten.
Jetzt war es also soweit.
Nick fühlte sich von der Welt betrogen als er nickte. „Ja?"
„Wir würden gern mit Ihnen sprechen", erklärte der zweite.
Nick seufzte. „Geht es um die Anzeige gegen mich?"
Beide nickten.
Nick rammte seine Hände in die Taschen seiner Jacke, eigentlich waren Hank und er auf dem Weg gewesen, um einer Unklarheit im Fall Munter nachzugehen, und nickte.
„Kommen Sie bitte mit", forderte ihn der erste der beiden auf.
Nick hielt den Kopf gesenkt, als er zurückkehrte ins Großraumbüro. Kurz warf er einen Blick auf seinen Schreibtisch und fand diesen chaotisch. Die beiden hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, Ordnung zu halten!
Nick spannte die Kiefermuskeln an, während er den beiden zu den Verhörräumen folgte.
So einfach war es also, eine Karriere zu zerstören. Er wußte, es würde schwer werden diese Anschuldigung aus seiner Akte herauszuhalten. Wenn der Captain intervenieren würde … vielleicht. Ansonsten sahen seine Karrierechancen bei der Polizei ziemlich düster aus.
Der eine der beiden öffnete die Tür zu einem der Verhörräume und forderte Nick mit einer Geste auf, den Raum zu betreten.
Der Grimm zögerte kurz, hatte er doch aus den Augenwinkeln Sergeant Wu erkannt, der ihn mit weit aufgerissenen Augen beobachtete. Dann aber, fügte er sich und ging bis zur Schwelle.
„Was geht hier vor?" brach die Stimme von Captain Renard den Zauber, der über Nick gelegen zu haben schien gerade.
„Wir wollen Ihrem Detective nur einige Fragen stellen", erklärte der erste der beiden.
Renard trat an Nicks Seite und legte seinem Detective eine Hand auf die Schulter. „Nicht ohne seinen Gewerkschaftsvertreter und einem Rechtsbeistand", erklärte er kuhl. „Nick, ich denke, Hank braucht Sie."
„Es wäre ein Zeichen der Zusammenarbeit, wenn Detective Burkhardt auf seinen Anspruch verzichten würde", antwortete der zweite.
Renard hatte recht, ging Nick plötzlich auf. Er hatte gar nicht darüber nachgedacht! Aber der Captain hatte wirklich recht. Er brauchte keine Fragen ohne Rechtsbeistand zu beantworten.
„Nick?" Renard sah ihn auffordernd an.
Der Grimm nickte. „Tut mir leid, ich habe zu tun", entschuldigte er sich, machte auf dem Absatz kehrt und folgte Hank nach draußen.
„Versuchen Sie das nie wieder", drohte Renard den beiden Beamten der Inneren. „Nicht in meinem Revier!"
Monroe fühlte sich immer noch nicht sonderlich, als Rosalee ihn weckte. Aber der Schlaf hatte ihm gut getan, hatte er doch ein wenig dessen nachgeholt, was ihm in der letzten Nacht vorenthalten wurde.
„Hier, trink das", forderte die Fuchsbau ihn auf und hielt ihm eine Tasse hin.
Selbst durch die größtenteils verstopfte Nase hindurch konnte Monroe das Gebräu riechen. „Alte Socken", kommentierte er.
Rosalee lächelte und nickte. „Trifft es ziemlich genau."
Monroe seufzte.
Es half nichts. Mittlerweile mußte er sich selbst eingestehen, daß etwas nicht mit ihm stimmte, und erst recht, daß dieses etwas nicht mit einer einfachen Erkältung zusammenhing.
„Sei's drum!"
Er setzte die Tasse an und … kippte den Inhalt in einem Schluck herunter so schnell er nur konnte. Trotzdem war der Geschmack, der sich in seine Zunge brannte, gräßlich und rief den Wolf hervor für eine Sekunde.
„Das Zeug ist ja schlimmer als ich dachte!" keuchte der Blutbad endlich.
„Aber er sollte sofort helfen", fügte Rosalee hinzu.
Monroe verzog den Mund. „Wenn mit helfen Geschmacksknospen abtöten gemeint ist, hat das Zeug seinen Dienst erfüllt." Und dann … nieste der Blutbad so heftig wie nie zuvor und sank auf das Sofa zurück.
Rosalee starrte ihn entgeistert an.
„Sieht nicht so aus, als würde das Zeug sofort helfen", kommentierte Monroe nasal. „Vielleicht bringen es ja mehrere Dosen."
„Das darf aber eigentlich nicht sein. Das ist der stärkste Heiltrank, den ich kenne!" entfuhr es Rosalee endlich.
Monroe röchelte unter dem nächsten Hustenanfall und mußte warten, bis der Reiz in seinen Bronchen etwas nachgelassen ahtte, ehe er antworten konnte: „Ruf besser Nick an."
Genau das würde Rosalee wohl auch tun müssen, gestand sie sich selbst ein.
