Es herrschte eisiges Schweigen im Wagen. Schweigen, das auf Nicks Seele wie ein riesiges Gewicht lastete. Immer wieder sah er zu Hank am Steuer hinüber, doch der würdigte ihn keines Blickes.
Nick kniff die Lippen aufeinander und sah zum Seitenfenster hinaus, als sein Handy begann zu klingeln. Er fischte es aus der Tasche und checkte die Nummer: Rosalee.
Nick seufzte in der Hoffnung auf eine gute Nachricht und akzeptierte den Ruf.
„Was gibt's?" fragte er ohne Umschweife. „Experiment erfolgreich?"
„Nick, wie schnell kannst du hier sein", fragte die Fuchsbau statt einer Antwort.
Nick runzelte die Stirn. Hank blickte zu ihm hinüber und er hatte auch noch sehr gut die Worte des Captains im Ohr. Keine Extra-Touren mehr, bis die Sache mit Munter geklärt war. Gerade sein Erlebnis mit den beiden Ermittlern der Inneren Abteilung sorgte dafür, daß Nicks Magen zu schmerzen begann.
„Das ist kein guter Zeitpunkt", antwortete er. „Ich kann nicht weg. Tut mir leid."
Rosalee seufzte. „Es hat nicht geklappt", ließ sie ihn dann wissen.
Nick runzelte die Stirn. „Aber du warst so sicher ..."
„Ich habe den stärksten Heiltrank gebraut, den ich kenne, Nick", begann die Fuchsbau zu erklären, „aber es war von vorn herein ein Fischen im Trüben. Heilmittel können variieren in den Wesen-Arten."
Nick nagte an seiner Unterlippe.
Was jetzt? Er war so sicher gewesen, daß Rosalee Monroe würde heilen können. Und jetzt …
„Wie geht's ihm?" fragte er endlich zögernd, nicht sicher, ob er es überhaupt wissen wollte.
„Nicht gut. Er wird schwächer", antwortete die Fuchsbau. „Ich hoffe, der Trank bewirkt zumindest eine Verlangsamung der Symptome, aber ich bin mir nicht sicher."
Nick klopfte mit einem Finger auf die Türverkleidung.
Was sollte er jetzt tun?
„Nick, ich fürchte, wir brauchen andere Blutbaden, nach Möglichkeit einen Heiler, der uns weiterhelfen kann", fuhr Rosalee fort.
Oder Monroes ominösen Vetter in Antwerpen.
Nick dachte nun wirklich ernsthaft darüber nach, was der Arzt ihm gesagt hatte. Vielleicht half eine Gen-Therapie.
Aber es hatte auch geheißen, daß es ein direkterer Verwandter sein müsse …
Er fühlte Hanks Blick auf sich und fühlte sich noch schlechter. Er wünschte sich, er könne sich mit seinem Partner beraten. Hank konnte ihm vielleicht einen Tip geben, während ihn die Sorge und Angst um seinen Freund gerade wichtige Details übersehen ließ.
„Nick?" fragte Rosalees Stimme.
„Weißt du von anderen?" fragte er. „Anderen wie … äh … Monroe?"
„In Portland? Nein", antwortete die Fuchsbau ohne zu zögern. „Wenn es hier noch Blutbaden gibt, dann kommen sie nicht in meinen Laden zum Einkaufen."
Im Hintergrund hörte er eine krächzendes Husten, dann eine undeutliche Stimme, die etwas murmelte.
Angelina?
Nick hob den Kopf.
Angelina wäre eine Möglichkeit. Allerdings war die verschwunden seit ihrem Zusammenstoß mit dem Bauerschwein. Und hatte Monroe selbst nicht gesagt, daß sie verschwunden bleiben würde, bis sie selbst gefunden werden wollte.
Nick bewegte unwillkürlich die Schulter, die sie ihm damals fast ausgekugelt hätte. Angelina war zwar eine Wahl, sofern sie noch hier war. Aber er war sich nicht sicher, ob er wirklich noch einmal mit ihr zusammentreffen wollte. Zumal sie sich damals ja auch mit einem Polizeibeamten angelegt hatte.
Was sonst?
„Es wäre wirklich schön, wenn du so schnell wie möglich vorbeikommen könntest", fuhr Rosalee fort. „Wir müssen uns etwas anderes ausdenken."
Da war er mit ihr einer Meinung. Nur leider …
„Ich komme nach Schichtende. Eher geht es leider nicht. Grüß Monroe von mir." Damit legte er auf, und fühlte sich einfach nur schlecht.
Als Hank den Wagen schließlich wieder vor der Pfandleihe parkte, war Nick zu einer Entscheidung gelangt. Während sein Partner den Sicherheitsgurt löste sah er aus dem Seitenfenster und durch das Schaufenster. Helena Munter war wieder hinter dem Thresen.
Nick schloß müde die Augen für einen Moment. Er hatte wirklich besseres zu tun, als sich mit einer Geheimniskauz herumzuschlagen, die ihm aus Trotz die Karriere zerstören wollte.
„Was ist?" fragte Hank, als er immer noch keine Anstalten machte auszustiegen.
Nick zuckte mit den Schultern. „Ich bleibe im wird vermutlich das weiseste sein, das ich heute tun kann."
Hank sah ihn stirnru zelnd an. „Ist es wegen … hör zu, das war nicht so gemeint."
Nick schüttelte den Kopf. „Nein, damit hat es nichts zu tun."
Hank musterte sein Profil. „Sicher nicht?"
Nick nickte. „Sicher nicht."
Hank musterte die Geheimniskauz, für ihn sicherlich nichts weiter als eine hübsche Frau,
„Hör zu", wandte Nick sich an seinen Partner. „frag auf jeden Fall nach dem Grundstück, versuch aber nicht, die Adresse herauszugeben."
„Gibst du es weiter, falls etwas passiert?"
Nick seufzte. „Natürlich. Das ist keine Frage!"
Hank musterte ihn immer noch, drehte sich dann auf dem Fahrersitz weiter zu ihm um. „Ich kann verstehen, daß du im Moment schwimmst", begann er schließlich. „Du hattest dein Leben komplett geplant inklusive der Heirat mit Juliette. Was auch immer passiert ist, als deine Tante überfallen wurde damals, es hat immer noch Auswirkungen auf dich, und damit auch auf uns. Ich weiß nicht, was los ist und warum du so ein Geheimnis daraus machen mußt. Es ist mir gleich, solange unsere Partnerschaft nicht darunter leidet. Und im Moment tut sie genau das. Deshalb ...ich bin für dich da, immer! Egal um welche Tages- oder Nachtzeit. Suchst du jemanden, bei dem du dich aussprechen kannst, ich bin da."
Nick zwang sich zu einem Lächeln. „Geht klar", antwortete er. „Und danke."
Hank warf wieder einen Blick zur Pfandleihe. „Und ich kann verstehen, daß du nicht mit reinwillst, ich hätte dich aber gern am Fenster. Nicht daß ich hinterher mit dir einen Topf geworfen werde, du Wüstling!"
Nick mußte nun doch wider Willen lachen.
Eigentlich, mußte er zugeben, hatte er etwas anderes geplant, während Hank noch einmal Munter befragen sollte. Eigentlich hatte er ihr iPad benutzen wollen, um ein wenig weiter nach Monroes Familie zu forschen. Immerhin fuhren sie das Ding seit Monaten spazieren, da konnte er es auch mal verwenden …
Andererseits drückte ihn sein schlechtes Gewissen. Was also blieb ihm übrig? Sich selbst die Wahrheit einzugestehen, wie er es heute bereits getan hatte, schmerzte. Aber es würde ihn umso mehr schmerzen, wenn er Hank letztendlich verlieren würde. So sollte keine Partnerschaft enden, vor allem, weil er der Schuldige an der Situation war.
„Ich möchte trotzdem wissen, was es mit diesem Grimm-Wort auf sich hat", ächzte Hank, während er ausstieg.
Nick fühlte, wie seine Wangen zu glühen begannen. Eilig senkte er den Kopf und tat, als habe er Probleme, den Gurt zu lösen.
Er mußte sich wirklich schnell eine Lösung einfallen lassen, Hank entweder aufklären (was problematisch sein würde) oder eben einmal mehr eine Lüge vorschieben. So oder so, allmählich sah sein normales Leben aus wie ein Sieb mit tausend Löchern. Und die andere Welt und sein eigenes Erbe schillerten in immer helleren Farben durch all diese Löcher hindurch …
Nick griff trotzdem nach dem Pad, als er ausstieg, und folgte Hank dann auf dem Fuße.
„Ich glaube nicht, daß ich so grimmig aussehe, oder?" scherzte er, als er zu Hank aufschloß.
Der musterte ihn und gluckste. „Du? Ehrlich, als du damals ins Revier geschneit kamst dachte ich wirklich, Renard sei verrückt geworden, einen Schüler einzustellen. Daß du dreißig bist, solltest du an einem Schild um deinen Hals tragen, ansonsten glaubt dir das keiner."
Wie zwei überdrehte Schuljungen kichernd und sich gegenseitig anstoßend gingen sie zur Pfandleihe. Nick fühlte sich unendlich erleichtert, für einen Moment seine Sorgen und Ängste einfach einmal vergessen zu können und einfach wieder Hanks kleiner Partner sein zu dürfen, der mit einem Blick auf das Leben eines Menschen schließen konnte.
Eigenartig, ging ihm dann aber auf, als er für seinen Partner die Tür öffnete. Eigenartig, daß ihm das nicht immer gelang, wenn es um Wesen ging. Manchmal empfing er von denen … nichts, andere Male nur verschwommenes, keine Einzelheiten, die doch sonst immer zu seiner beeindruckenden Aufklärungsrate beigetragen hatten.
Sollte er als mehr oder weniger natürlicher Feind der Wesen nicht hinter ihre Fassade sehen können in allen Lebenslagen? Sollte er nicht gerade die Feinheiten bei Wesen besser herausfiltern können als bei Menschen?
Hank sah ihn durchdringend an, als er in der Tür stand. „Nach dem Grundstück fragen", wiederholte er die Answeisung. „Und das nach Möglichkeit, daß du die Reaktion vom Fenster aus sehen kannst?"
„Würde ich mich nicht drüber beschweren", antwortete Nick.
„Dann bleib draußen und stell dein Radar auf längere Distanz." Hank schloß die Tür hinter sich.
Nick seufzte und ging zum Schaufenster.
Gott sei Dank war der Tag bedeckt, so daß er einen guten Blick ins Innere der Pfandleihe hatte. Er beobachtete, wie Hank wieder an den Thresen trat und wartete auf eine Reaktion des Wesens.
Sein Partner hatte Munters Namen in den Grundbucheintragungen eines leeren Grundstückes nahe Portland gefunden. Wohl gemerkt, besagte Grundstück war leer, einmal abgesehen vom obligatorischen Wald und einem Seitenarm des Flußes. Nick und Hank hatten eigens Wu mit einer Streife hingeschickt, während sie eben herausfinden wollten, ob Munters Tochter irgendetwas über dieses Grundstück wußte.
Die anderen eingetragenen Besitzer hatten sich nämlich als Fakenamen herausgestellt. Es gab keinen Bezug zu ihnen. Der einzige, der wirklich existiert hatte, war Munter.
Nick wurde das Gefühl nicht los, daß mehr an diesem Grundstück dran war als sie glaubten. Möglicherweise war dort irgendwo der fehlende Geheimnisraum versteckt. Und da er, schon bevor sie die Anzeige gegen ihn aufgegeben hatte, Helena Munter nicht traute, wollte er wissen, wie sie reagierte, wurde sie mit dieser Neuigkeit konfrontiert. Daher waren die hergefahren, statt einfach anzurufen. Manchmal brauchte man eben Nicks ganz persönliches Auge, um etwas herauszufinden …
Hank stand mit dem Rücken zu ihm, also konnte der Grimm nicht sehen oder hören, was sein Partner sagte oder tat, aber er las von Munters Gesicht … und genau das begann wieder zu wogen für einen Moment.
Nick war sich sicher, sie wußte nichts über das Grundstück. Soweit er die Geheimniskauz bis jetzt gelesen hatte, zeigte sie sich immer in ihrer zweiten Gestalt bei etwas, was sie persönlich begehrte, sie aber auch überraschte. Und das bedeutete, sie vermutete das gleiche wie er: der zweite Geheimraum war irgendwo auf dem Grundstück.
Munters Aufmerksamkeit glitt zum Schaufenster hinüber, nachdem Hank sich abwandte, die Pfandleihe wieder zu verlassen. Einen Moment lang trafen sich ihre Blicke, Helenas und Nicks. Und Nick wußte, er hatte sich wirklich keine Freundin gemacht, als er sie zwang, ihm den Geheimraum zu offenbaren …
