Das Haus war still, als Monroe irgendwann erwachte. Seltsam still dafür, daß der Blutbad die Anwesenheit eines anderen spürte. Normalerweise wäre es vermutlich kein Problem gewesen herauszufinden, um wen oder was es sich handelte. Im Moment aber …

Monroe stöhnte und griff nach der Tissue-Box auf der Ablage über dem Bett und schnäuzte sich ausgiebig. Half allerdings nicht viel, mußte er zugeben. Seine Geruchssensoren waren definitiv komplett stillgelegt im Moment. Wie es um seine anderen Wahrnehmungen stand …

Monroe setzte sich langsam auf, fühlte sich ungefähr doppelt so alt als daß er tatsächlich war. Jeder Knochen in seinem Leib schien zu schmerzen. Ihm war etwas schwindlig, als er schießlich die Beine aus dem Bett schwang.

Sei es drum, er mußte irgendetwas für seine Kehle tun. Er hatte das Gefühl, selbige sei mit Sandpapier ausgelegt …

Monroe erhob sich ächzend, tat dann einen ersten schlurfenden Schritt, ehe er sich selbst weit genug traute, sich wirklich aufzurichten und … ja, es klappte.

Er schlüpfte in seine Hausschuhe, gute alte Slipper, wie sein Vater sie schon getragen hatte, den abgetragenen Bademantel und ging dann langsam zur Treppe, um sich hinunter in die Küche zu begeben. Licht strahlte aus seinem Wohnzimmer heraus und fing sich an der Tür und der Wand daneben.

„Nick?" krächzte Monroe, erhielt aber keine Antwort.

Etwas vor sich hinknurrend, was er selbst nicht verstand nahm er die Treppe in Angriff, sich mit beiden Händen am Geländer festhaltend.

Was sollte diese ganze Aufregung um ihn eigentlich? Erst Rosalee, jetzt Nick. Als wäre er nicht alt genug, um auf sich selbst aufzupassen.

Monroe zog die Nase hoch und schlurfte, im Erdgeschoß angekommen, den schmalen Eingangsbereich entlang zur geöffneten Wohnzimmertür.

Natürlich, die Lampen brannten, und er konnte die Decken- und Kissensammlung sehen, die sein Übernachtungsgast da wohl zusammengetragen hatte. Von Nick selbst allerdings …

Monroe runzelte die Stirn, griff in die Tasche seines Bademantels und holte ein Taschentuch hervor, um sich noch einmal ausgiebig zu schnäuzen.

„Nick?" krächzte er erneut, gerade als er um die Ecke bog und zu seinem Arbeitsbereich beim hinteren Fenster sehen konnte.

Monroe blieb wie angewurzelt stehen, als er Nick dort sitzen sah. Daß der Grimm an seinem Arbeitsplatz saß war nicht einmal das schlimmste. Daß Nick aber seinen Laptop benutzt hatte dagegen schon.

Monroe schnürte es die Kehle zu, als er sah, was da auf dem Bildschirm zu sehen war: ein Bild von ihm und Angelina. Er hielt sie im Arm und beide lachten.

Monroes Kiefer mahlten, als er nähertrat.

Neben Nick, der offensichtlich über seinem Laptop sanft entschlummert war, lag das gerahmte Bild der Familie Lasser, das er an jenem Abend vor seiner Hintertür gefunden hatte.

Monroe fühlte sich von seinem Freund betrogen. Ihm war klar, Nick wollte helfen, aber hier mischte er sich definitiv in Dinge ein, die ihn nichts angingen, die zu privat waren, um sie mit ihm teilen. Angelina war Monroes große Liebe gewesen über eine sehr, sehr lange Zeit hinweg, und er war sich immer noch nicht sicher, ob es wirklich vorbei war. Die letzten Worte, die sie mit ihm gewechselt hatte vor ein paar Monaten hatten die winzige Lohe in ihm wieder zu einem kleinen Feuer erwärmt. Zu wissen, daß sie ihn noch immer liebte war für Monroe etwas wie ein Glaubensbekenntnis gewesen, dem er sich einfach nicht wirklich entziehen konnte.

Sicher, er empfand auch etwas für Rosalee. Aber Rosalee war eine Fuchsbau, keine Blutbad. So sehr er sie als Freundin schätzte und nicht mehr missen wollte, er war sich nicht sicher, ob er eine tiefere Beziehung zu ihr wollte. Wenn sie seine Art gewesen wäre, hätte er keinen zweiten Gedanken an eine solche Entscheidung verschwendet. Aber da sie nun einmal eine Fuchsbau war …

Monroe fühlte sich verraten. Er hatte Nick nichts davon gesagt, daß Angelina noch einmal bei ihm gewesen war. Er hatte ja auch nicht mehr mit ihr gesprochen, er wußte nur, daß sie sich noch immer irgendwo in der Umgebung Portlands aufhielt. Nick war Polizist und Angelina hatte einen Polizisten angegriffen. Sicher, ein Bauerschwein, der zuerst selbst Rache für den Mord an seinen Brüdern gesucht hatte. Aber dennoch war es für Monroe klar gewesen, daß es selbst in seiner Freundschaft zu Nick eine Grenze gab, die sie beide tunlichst nicht überschreiten sollten. Und diese Grenze waren die Ereignisse um den Mord an Hap Lasser gewesen. Noch nie war Monroe so versucht gewesen, all seine jahrelange selbstauferlegte Disziplin fallen zu lassen als in diesem Fall. Das hatte er Nick auch klar zu verstehen eigentlich war er der Meinung gewesen, der Grimm habe verstanden, was er ihm gesagt hatte.

Offensichtlich aber hatte er sich geirrt, und das schmerzte umso mehr.

„Nick!" Monroe wußte nicht, woher er so plötzlich die Kraft nahm seine Stimme so klingen zu lassen, wie sie eben klang. Es war vermutlich einfach die Wut und Enttäuschung in seinem Bauch und Herzen.

Der Grimm zuckte hoch. „Was … ?" Er drehte sich schlaftrunken um und blinzelte unfokussiert zu Monroe hoch. „Oh!"

Der Blutbad starrte auf den Grimm nieder. „Was tust du da?"

Nick blinzelte wieder, rieb sich dann über die Augen und drehte sich zum Bildschirm um.

„Das ist mein privater Computer", fuhr Monroe im anklagenden Ton fort. „Ich hab dir vertraut!"

Die Spiegelung im Fenster zeigte ihm, daß Nicks Kiefermuskeln sich anspannten, während er das Foto auf dem Bildschirm anstarrte.

„Ich glaube das einfach nicht! Du kehrst den Cop raus? In meinem Haus?" fuhr Monroe fort und hustete.

Sofort war Nick bei ihm und hielt ihn an den Schultern. „Du … du glühst ja?" Die großen Kinderaugen suchten Kontakt zu seinen, doch Monroe verweigerte sich in diesem Fall dem Grimm.

„Du kommst in mein Haus unter dem Vorwand, mir helfen zu wollen. Statt dessen aber ..." keuchte er und wies auf den Bildschirm, während der nächste Hustenanfall ihn schüttelte.

Nicks Gesicht war pures Schuldbewußtsein. „Es tut mir leid. Ich wollte nicht, daß du das siehst", sagte er mit ehrlicher Zerknirschung in der Stimme. Mit sanfter Gewalt drängte er den größeren Blutbad zum Sofa und drückte ihn dort nieder.

Wieder ging Monroe auf, daß sein Hausgast stärker geworden war. Irgendetwas ging mit dem Grimm vor, und er war sich nicht sicher, ob er es wirklich als gut empfinden sollte, WAS. Äußerlich hatte Nick sich nicht großartig verändert, seit sie beide sich das erste Mal begegnet waren, aber er war definitiv schneller geworden als früher, und stärker, wie Monroe nun feststellen mußte. Dabei bezweifelte er, daß Nick mehr trainierte als früher.

Nein, das war etwas anderes, und plötzlich wurde Monroe sich wieder einmal bewußt, daß er eigentlich mit dem Feind paktierte. Was, wenn Nick … nun, wenn irgendwann das Grimm-Wesen in ihm die Kontrolle übernehmen würde? Was, wenn Nick die Seiten wechselte?

Monroe wurde sich bewußt, wie sehr er dem Grimm vertraute und wie widersinnig dieses Vertrauen eigentlich war. Er wußte doch, was Grimm eigentlich taten, er wußte, wie sie wirklich waren. Gut, vielleicht nicht aus eigener Erfahrung, aber …

„Warte hier", befahl Nick ihm und verschwand in der Küche.

Was, wenn das alles nur eine Übergangsphase war bis der wirkliche Charakter des Grimms zu Tage treten würde? Was, wenn Nick seinen Kopf wollte?

Monroes Herz krampfte sich zusammen allein bei dieser Vorstellung.

Egal, was Nick getan hatte, egal, wie persönlich Monroe den Fall Lasser auch nahm, er fühlte, die Freundschaft zu dem Grimm bedeutete ihm mehr. In den letzten Monaten, seit Nick in sein Leben getreten war mit der wütenden Frage: „Wo ist sie?" hatte der Grimm sich irgendwie in Monroes Herz gestohlen. Nicht im sexuellen Sinne, sondern eher als eine Art … ja, was? Als eine Art Freund, wie Monroe ihn bisher nur selten angetroffen hatte. Anfänglich hatte er deutlich gespürt, daß Nick ihn auf Abstand halten wollte, dies teilweise auch immer noch versuchte. Allerdings war ihnen beiden klar, daß der eine ohne den anderen nicht mehr am Leben wäre und das hatte sie zusammengeschweißt. Monroe mochte die Tatsache zwar nicht, daß er nur ein Teil von Nicks zweitem Leben war, andererseits wuße er, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sich das ändern würde. Irgendwann würde in Nicks Leben ein Punkt erreicht sein, an dem beide Leben nicht mehr getrennt werden konnten.

Was aber wenn Nicks „dunkle Seite" die Freundschaft zerstören würde? Was machte einen Grimm denn überhaupt zum Grimm? Ab wann mußte Monroe mit einer echten Gefahr für Leib und Leben rechnen?

Irgendetwas in ihm sagte, daß Nick schon längst seinen Weg gewählt hatte und daß er diesem Weg folgen würde, komme was da wolle. Um ihn zu einem Grimm zu machen, wie die europäischen es waren, hätte es eine Ausbildung bei einem anderen Grimm bedurft. Aber es gab keinen anderen Grimm in Nicks Leben. Er war auf sich allein gestelllt, darum hatte er ja Monroes Nähe gesucht.

Aber was, wenn er in Zukunft irgendwann einmal auf andere Grimm treffen würde?

Monroe bezweifelte, daß Grimm sich ähnlich wie Blutbaden verhielten – oder aber sie würden sich genau wie Blutbaden verhalten, was zur Katastrophe führen konnte.

„Hier!" Nick war zurückgekommen und hielt ihm ein Glas mit einer milchigen Flüssigkeit hin.

Monroe sah zu seinem Freund hoch und was er in dessen Gesicht fand …

Er griff nach dem Glas und stürzte den Inhalt in einem Schluck hinunter. Rosalees Trank, war ja klar gewesen.

Monroe verzog das Gesicht.

Nick ließ sich neben ihm nieder und sah ihn aufmerksam von der Seite her an. „Ich wollte nicht, daß du das siehst", erklärte er endlich zögernd und nickte zum Laptop hinüber.

Monroe unterdrückte einen neuen Hustenanfall, kniff aber die Lippen aufeinander.

„Es … es ist einfach so, daß Rosalee nicht weiter weiß", fuhr Nick fort. „Und ich auch nicht." Seine Stimme klang belegt. „Ich will dir helfen, aber dazu brauche einen Verwandten von dir, je näher, desto besser", fuhr er zögernd fort. „Entweder wir probieren die Menschenmedizin, die der Arzt im Krankenhaus vorschlug ..."

„Ganz sicher nicht!" krächzte Monroe sofort.

„Gut, aber dann brauche ich einen Blutbad-Heiler für dich", erklärte Nick sofort, schüttelte dann den Kopf. „Ich weiß, daß Angelina sich irgendwo versteckt hält. Ich dachte, wenn ich versuche, sie ausfindig zu machen, kann sie mir vielleicht weiterhelfen. Immerhin … sie war schwer verletzt, als sie verschwand. Ich vermute, sie weiß, wo ich einen Heiler finden kann, der dir helfen könnte. Das hat nichts mehr mit dem Fall zu tun, glaube mir."

Monroe warf seinem Freund einen irritierten Blick zu.

Das waren ja ganz neue Töne! Nick, der Cop, der so sehr Gerechtigkeit wollte, wollte dieses Mal alle Fünfe gerade sein lassen, damit er IHM, dem Exfreund einer Verdächtigen, helfen konnte? Irgendwie war das widersinnig. Aber was er in Nicks Gesicht las … ließ die Zweifel dahinschmelzen.

„Angelina kann dir da nicht weiterhelfen", antwortete Monroe endlich. „Ich habe ihr einen Arzt besorgt damals."

Nick runzelte die Stirn. „Einen Menschenarzt?"

Monroe schüttelte den Kopf. „Erinnerst du dich noch an die Klinik, vor der wir uns begegnet sind vorgestern?"

Nick nickte stumm.

„Dr. Hütterlich ist ein Mellifer", erklärte Monroe, „er ist sehr gut, ich gehe schon seit Jahren zu ihm."

Nicks Stirn krauste sich noch tiefer. „Mellifer?" sagte er zweifelnd.

Monroe nickte, verstand aber nicht, warum sein Freund plötzlich deutlich unsicher erschien.

„Kann dieser Hütterlich dir denn weiterhelfen?" harkte Nick nach.

Monroe seufzte und hustete dann wieder. „Hast du von einem Fehlschlag noch nicht genug?" schniefte er.

Nick senkte betreten den Blick.

„Tut mir leid, Kumpel", Monroe klopfte seinem Freund aufmunternd den Rücken. „Was steht als nächstes auf deiner Liste?"

„Einen Blutbad-Heiler zu finden", murmelte Nick. „Und das so schnell wie möglich. Monroe, du bist mein Freund! Wenn ich meinen rechten Arm dafür geben könnte, daß du wieder gesund wirst ..."

„Dann solltest du deinen Arm besser behalten." Monroe erhob sich und schlich zu der großen alten Anrichte hinüber. Er zögerte, ehe er schließlich eine der Schubladen öffnete und ein kleines Büchlein herauskramte, das er Nick, der ihm neugierig gefolgt war, reichte.

„Was ist das?" fragte der Grimm.

„Mein Adreßbuch", antwortete Monroe. „Schlag unter J nach, da gibt's nur einen Eintrag."

Nick tat wie er ihm geheißen hatte. „Mam J.?" Irritiert blickte er auf.

„Meine Mutter", erklärte Monroe. „Und jetzt gehe ich wieder ins Bett."


Rosalee blieb stehen und sah sich noch einmal um, die Nase in die Luft gereckt.

Ihr Geruchssinn war längst nicht so fein wie der eine Blutbads, aber immerhin doch noch feiner als der von Menschen.

Rosalee schnupperte, ging dann vorsichtig weiter.

Menschen, es roch nach Menschen. Es waren also welche hier gewesen. Aber unter dem Mensch-Geruch war noch ein anderer, sehr viel feinerer, also älterer.

Rosalee schnupperte wieder, bis sie endlich erkannte, zu dem dieser Geruch gehörte.

Munter!

Es war lange her, seit ihre Eltern für Freddy und sie etwas Geld bei Munter hinterlegt hatten. Ihr Anteil daran war größtenteils von ihrer Jay-Sucht aufgefressen worden. Was aus dem Anteil ihres Bruders geworden war wußte Rosalee nicht. Doch sie schätzte, Freddy hatte ihn in den Laden investiert, vielleicht besaß sie deshalb einen klimatisierten Keller.

Hatte Nick ihr nicht gesagt, daß Freddy mit Organen gedealt hatte? Würde zumindest den Keller erklären …

Rosalee rief sich ins Hier und Jetzt zurück und ging langsam weiter.

Sie wußte selbst nicht genau warum, aber sie hatte Nicks Informationen einfach folgen müssen. Nicht nur allein aus Nostalige, wobei sie sich wirklich fragte, wo denn die Nostalgie sein sollte. Nein, es war Neugier, allerdings gemischt mit einer guten Portion Verstandeskraft.

Nick war manchmal zu blauäugig, gerade wenn es um Wesen ging. Sicher, Helena Munter mochte nicht unbedingt von Nick oder Hank erfahren haben, daß es da irgendwo ein Grundstück gab, aber es gab definitiv Mittel und Wege, um genau diese Informationen zu erhalten – auch ohne daß die Polizei gewarnt werden würde.

Hier allerdings schien die Luft tatsächlich noch rein zu sein. Rosalee fand keinen Hinweis auf eine weitere Person, einmal abgesehen von den Polizisten, die das Grundstück offensichtlich durchkämmt hatten.

Rosalee schmunzelte.

Natürlich hatten die Polizisten das Grundstück gesucht, nur eben nicht an den richtigen Stellen. Rosalee dagegen folgte ihrem Instinkt und dem Geruch. Und der zeigte ihr nur allzu deutlich, wo Munter die Schätze der Wesen-Familien gelagert hatte.

Rosalee lächelte, als sie sich an ihren Vater erinnerte, der selbst Kunde bei Munter gewesen war. Helena Munter sollte besser das Weite suchen, anstatt sich mit einem Grimm anlegen zu wollen.

Rosalee stoppte, als ein neuer Geruch durch den Wind zu ihr getragen wurde: es war jemand hinter ihr. Und so wie derjenige sich unbeschwert über das Grundstück bewegte, rechnete der andere Eindringling ncht damit, daß es einen Zaungast gab.

Rosalee verschwand hinter einigen Brombeerbüschen. Kaum jemand würde sich auf ein so stacheliges Versteck einlassen, darum war es ja gerade nahezu perfekt.

Rosalee duckte sich tief zwischen die dornenbewährten Äste und wartete. Und lange zu warten brauchte sie nicht.

Ein kleines Knurren entrang sich ihrer Kehle, als sie sah, wer da zwischen den Bäumen auftauchte.