Die Fahrt zurück nach Portland verlief weitestgehend schweigend. Rosalee hatte Nick die Schlüssel zu ihrem Wagen in die Hand gedrückt und war auf die Rückbank geklettert, wo sie jetzt offensichtlich schlief. Nick selbst … war froh, daß er sich nicht unterhalten mußte. Er hätte, ehrlich gesagt, nichts zu sagen gewußt.
Was denn auch? Rosalee hatte den Fall quasi im Alleingang gelöst und ihnen sogar eine annehmbare Lösung für das Wesen-Problem geliefert. Keine Lügen, zumindest keine offensichtlichen, kein Vertuschen. Nur, daß die Polizei ein wenig blaß aussah im Gegensatz zu der kleveren Fuchsbau Rosalee. Und daß ihm für die nächste Zeit vermutlich nachhängen würde, daß er ihr gegenüber den Fall ausgeplaudert hatte.
Aber so oder so, sie hatten eine Mörderin gefaßt, die Wertsachen gesichert und würden diese den Besitzern hoffentlich bald zurückgeben können. Und das beste … Nick war hoffentlich raus aus der Anzeige gegen ihn. Es war nur allzu offensichtlich, daß Siebig gefürchtet hatte, er würde ihr zu nahe kommen und die Wahrheit herausfinden und sie deshalb diesen Weg gegangen war, wohl wissend, daß er würde keinen unbeobachteten Schritt mehr tun können. Die Wahrheit, daß sie nämlich ihn als Grimm gefürchtet hatte, würde Nick geflissentlich übersehen. Und, für den Fall, daß Siebig ihn bezichtigen würde … sie wäre nicht die erste, die Blödsinn redete, um um das Gefängnis (oder schlimmeres) herumzukommen.
Nick war zufrieden mit dem Ausgang des Falles. Vielleicht nicht so zufrieden wie er es früher einmal gewesen wäre, sprich bevor er wurde, was er jetzt war, aber es war besser als das meiste, was er abliefern konnte, seit er zum Grimm geworden war.
Himmel, waren denn wirklich alle Kriminellen in Portland un Umgebung Wesen? Wieso war ihm das früher nie aufgefallen?
Sicher, früher einmal hatte er sie nicht sehen können. Aber … wie mochten die Gefängnisse aussehen, wenn wirklich jeder Kriminelle gleichzeitig Wesen war? Gab es keine normalen Menschen mehr, einmal abgesehen von Juliette, Hank, Wu und Captain Renard?
Nick leckte sich die Lippen und schüttelte über sich selbst den Kopf.
Wie kam er auf solche dummen Gedanken? Natürlich gab es auch kriminelle Menschen! Es war nichts als Zufall, daß er in letzter Zeit eben die Wesenfälle magisch anzog, mehr nicht.
Sein Handy klingelte und riß ihn erneut aus seinen Gedanken.
Nick atmete einige Male tief ein und machte sich lang, um an das iPhone in seiner Hosentasche zu kommen. Er warf einen halben Blick auf die Anzeige. Die Nummer sagte ihm nichts, trotzdem setzte er den Blinker und scherrte aus auf den Randstreifen, um das Gespräch anzunehmen.
„Burkhardt?" meldete er sich.
„Nick? Hier ist Edwins Mutter", sagte die bereits bekannte, dunkle aber weibliche Stimme.
Nick seufzte erleichtert. „Mrs. Monroe, schön, so schnell wieder von Ihnen zu hören", sagte er, und er war wirklich erfreut darüber.
„Nun, ich bin gerade auf dem Weg zum Flugplatz", erklärte die Stimme, „ich werde wohl in ein paar Stunden in Portland sein."
Nick nickte. Ein kleines Lächeln wuchs auf seinen Lippen. „Gut. Am besten melden Sie sich, sobald Sie hier gelandet sind. Ich hole Sie dann ab."
„Es gibt da allerdings ein Problem", wandte seine Anruferin ein.
Nicks Lächeln erlosch. „Ja?"
„Wie ich dachte, fehlt mir eine Zutat", erklärte die Stimme.
„Eine Zutat?" wiederholte Nick und warf einen Blick über die Schulter auf die schlafende Rosalee. „Ich denke, das dürfte weniger das Problem sein. Wir sind hier … äh … sehr gut ausgestattet. Ich bin sicher, wir werden Ihnen besorgen können, was Sie brauchen", erklärte er dann.
„Sind Sie sicher? Ansonsten müßte ich mich nämlich nach Europa orientieren. Dort ist zwar mittlerweile auch schwieriger geworden, aber im allgemeinen bekommt man es dort noch."
„Ich bin sicher, wir werden es entweder auf Lager haben oder so schnell wie möglich beschaffen können", antwortete Nick. „Darf ich fragen, worum es sich handelt?"
„Hostalesaang", kam sofort die Antwort.
Nick stutzte. „Bitte was?" Er kramte seinen Notizblock hervor und zückte einen Kugelschreiber.
„Hostalesaang", wiederholte die Stimme.
Nick tat sein bestes, um das aufzuschreiben, wollte er Rosalee doch jetzt nicht stören. Um genau zu sein dachte er eher daran, die Fuchsbau in ihr Apartment zu bringen und selbst wieder zu Monroe zu fahren. Immerhin, der Fall war geklärt, die Anzeige hinfällig und Renard wußte, daß Monroe krank war.
„Okay ..." machte er, nachdem er aufgeschrieben hatte, was verlangt wurde. „Ich werde danach fragen und sehen, ob ich es so schnell wie möglich besorgen kann."
„Das klingt fair", antwortete die Stimme. „Nick, ich glaube, Sie sind ein wirklich guter Freund von Edwin."
Nick lächelte wieder. „Das hoffe ich auch", gab er zu. Und er spürte in seinem Herzen, daß er gerade die volle Wahrheit gesagt hatte.
Als Nick schließlich vor Monroes Haus anhielt hatte er nicht nur Rosalee zurück in ihr Apartment gebracht sondern war auch noch im Tee- und Kräuterladen der Calverts gewesen, um dort nach dieser geheimnisvollen Zutat zu suchen. Er wollte Rosalee nicht damit belästigen, da die Fuchsbau schlicht zu müde gewesen war.
Gefunden hatte er diese Zutat allerdings nicht. Es gab im ganzen Laden, inklusive Keller, kein Kraut und kein Gewürz mit dem Namen Hostalesaang. Nick hoffte, daß Rosalee ihm später vielleicht weiterhelfen konnte. Er konnte im Moment ohnehin nichts unternehmen, solange Monroes Mutter noch nicht in Portland war.
Dann hatte ihn noch der erleichternde Anruf Hanks erreicht, daß die Anzeige gegen ihn fallen gelassen worden war, nachdem Siebig gestanden hatte, daß es nie eine Belästigung seinerseits gegeben hatte, sondern sie sich dies ausgedacht hatte, um ihn aus dem Weg zu räumen.
Nick fühlte sich erleichtert. Die meisten seiner Probleme hatten sich in relativ kurzer Zeit in Luft aufgelöst. Er hoffte, daß der Rest so schnell wie möglich folgen und es Monroe bald wieder besser gehen würde.
Wann Mama Monroe wohl eintreffen würde? Und was war das für eine Abkürzung? Mam J klang wirklich eigenartig in seinen Ohren. Allerdings mußte er auch auch zugeben, daß er keine Ahnung hatte, wie Wesennamen wirklich funktionierten.
Vielleicht, so kam es ihm in den Sinn, sollte er Monroe fragen, sobald der wieder gesund war. Und gesund würde sein Freund werden, irgendwie, dafür würde Nick sorgen.
Er schloß den Wagen ab und ging zur Haustür hinauf. Es fühlte sich eigenartig, beinahe falsch an, als er seinen eigenen Schlüssel aus der Jackentasche zog.
Monroe und er hatten schon vor einigen Wochen Schlüssel getauscht, aber er bevorzugte es dennoch, einfach anzuklopfen. Ebenso wie Monroe es bevorzugte, beim Trailer aufzutauchen, wenn der Grimm auch anwesend war, obwohl Nick ihm vollkommen freie Hand gelassen hatte.
Ihre Freundschaft war wirklich eigenartig, dachte der Grimm jetzt, während er den Schlüssel ins Schloß steckte. Er atmete tief ein und … drehte den Schlüssel dann.
Wirklich eigenartig!
Nick öffnete die Tür und trat zögernd ein.
Das Haus war still. Hoffentlich ein gutes Zeichen, dachte er, während er aus seiner Jacke schlüpfte und diese an einen der Haken neben der Tür hängte.
Stille konnte bedeuten, daß Monroe noch immer schlief, oder vielleicht auch wieder schlief. Nick hoffte, sollte der letzte Fall zutreffen, daß er nicht allzu viel abkriegen würde. Immerhin hatte er freiwillig die Nachtschicht übernommen. Er hatte ja nicht wissen können, daß Rosalee plötzlich auf Miss Marples Spuren wandelte.
Nick mußte wider Erwarten schmunzeln. Zumindest würden sie ein gutes Gesprächsthema haben, Monroe und er. Rosalee als Privatdetektivin in Wesen-Sache war sicherlich den einen oder anderen Satz wert. Und Nick hatte auch keine Probleme damit, daß er selbst nicht ganz so toll dastand. Er war generell nicht auf Rampenlicht aus. Daß er hier einmal hatte den Unwissenden spielen dürfen … warum nicht? Er wußte, er konnte es besser, und er kannte die Hintergründe, warum er dieses Mal eben nicht allein vorangekommen war.
Ebenfalls auf der richtigen Seite des Buches stand seine Beziehung zu Hank. Zwar würde er irgendwann mit seinem Partner dieses Gespräch führen müssen, und er graute sich davor, das zu tun. Andererseits …
„Monroe?" rief Nick leise und lauschte.
Alles blieb still. Was an für sich so schlecht ja nicht sein konnte, befand der Grimm. Monroe konnte noch immer den Schlaf der Gerechten schlafen.
„Monroe?" rief er noch einmal, während er die Küche betrat.
Hier hatten Vandalen gewütet!
