Nick blieb stehen wie erstarrt und konnte all das Chaos nicht glauben, das sich da vor seinen Augen ausbreitete. Der große Hackklotz in der Mitte der Küche war umgeworfen worden, Töpfe, Pfannen, Teller, Tassen und Gläser lagen verstreut auf dem Fußboden. Einzelne Schranktüren hingen schief in ihren Angeln. Daß das Wasser lief störte Nick nicht wirklich, dafür umso mehr, daß sämtliche Flammen des Herdes auf vollen Touren liefen, einschließlich des Backofens.
Was war hier passiert?
Nick fühlte einen kalten Schauder seinen Rücken hinunterrinnen, während Unruhe ihn packte.
Wenn eingebrochen worden war, während er nicht hier war, dann …
Er sah gar nicht nach der Hintertür oder den Fenstern, er stürzte zurück durchs Wohnzimmer und hastete zur Treppe.
„Monroe!" rief er und raste, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Stufen in den ersten Stock hinauf. Dann den Flur entlang bis zur letzten Tür und …
Nick riß besagte Tür auf. Der Raum dahinter lag in Finsternis, doch er wußte, wo er den Lichtschalter finden konnte und betätigte ihn.
Die Deckenlampe flammte auf und … tauchte den Raum in honigfarbenes Licht. Monroe lag neben dem Bett auf dem Boden, eine zerschellte Tasse neben sich. Um die Scherben herum war eine Flüssigkeit in den Teppichboden eingdrungen.
Nick zögerte nicht, er kniete an der Seite seines Freundes nieder und fühlte erst nach Monroes Puls. Stark und gleichmäßig.
Nick seufzte erleichtert und begann, an der größeren und breiteren Gestalt zu zerren in der Hoffnung, er werde Monroe allein ins Bett zurückverfrachten können. Eigentlich, so kam es ihm in den Sinn, so gut wie unmöglich. Monroe war größer und stärker als er, das hatten sie beide schon sehr früh in ihrer Freundschaft, eigentlich sogar noch Prä-Freundschaft, festgestellt. Eigentlich sollte Monroe der Stärkere sein …
Nick hievte seinen Freund aufs Bett und war überrascht, daß es ihm tatsächlich gelang, den großen und schweren Blutbad aufzuheben. Gut, über eine längere Strecke würde er ihn besser nicht tragen. Aber immerhin.
„Nick?" krächzte eine heisere Stimme.
Der junge Grimm lächelte tapfer und beugte sich über das bärtige Gesicht seines Freundes. „Hey, wie geht's?" fragte er sanft.
„Wo … wo warst du?" ächzte Monroe. „Wo ist … Rosalee?"
„Bei der Arbeit", zuckte Nick mit den Schultern. „Sagtest du nicht die ganze Zeit, daß du auch sehr gut ohne einen von uns auskommst?"
Monroe schniefte leise vor sich hin. Seine Augen blickten leidend zu dem Grimm hinauf. „Mir geht's übel", kommentierte er schließlich.
Selbst wenn er das nicht ausgesprochen hätte hätte Nick ihm das geglaubt. Der Blutbad sah auch nicht sonderlich gut oder gesund aus. Monroe war bleich wie seine eigene Leiche, dabei schwitzte er fürchterlich und schien so schwach wie Nick es nie erwartet hätte. Es brach dem jungen Grimm fast das Herz.
„Wird schon", zwang Nick sich zu einem Grinsen. „Wirst sehen, bald bist du wieder auf den Beinen."
Monroe schniefte wieder. „Laß mich nicht allein, okay?" nuschelte er schließlich nasal.
Nick war überrascht, nickte aber. „Tu ich nicht. Wir haben den Fall gelöst, das heißt, ich hab den Rest des Tages frei."
Monroe lächelte schmerzerfüllt. „Klingt gut."
Nick nickte, setzte sich auf die Bettkante und griff nach der Hand seines Freundes, ohne es wirklich zu bemerken. Es war wie eine Reflexhandlung, etwas, worüber er nicht wirklich nachdachte.
„Und soll ich dir etwas verraten?" lachte er gutgelaunt. „Du wirst nie glauben, WER den Fall geknackt hat!"
„Wer? Hank?" Monroe lächelte zum ersten Mal zurück.
„Rosalee", antwortete Nick und beugte sich über seinen Freund, um ihn zuzudecken. „Glaub es oder nicht, sie ist letzte Nacht raus zu dem Grundstück Munters gefahren und hat die Mörderin in den Geheimnisraum gesperrt. Ich will gar nicht alle Einzelheiten wissen, aber Rosalee sollte ich wohl als Alibi-Geberin behalten, wenn ich das nächste Mal in Erklärungsnot gerate."
Monroe lächelte selig, ein Zeichen dafür, wie sehr er die Fuchsbau mochte.
Da ging doch wirklich was.
Nick grinste und erhob sich, als Monroes Augen wieder zufielen. Besser er räumte die Küche auf so lange es hell draußen war, dann …
Weiter kam der Grimm in seinen Überlegungen nicht, wurde er doch plötzlich von hinten attackiert. Jemand packte ihn bei seinem dunklen Haarschopf und riß ihn von Monroe weg, bevor derjenige ihn mit einem Schulterwurf, der ihm selbige fast auskugelte, bis zur anderen Zimmerecke beförderte, wo er einen Moment lang benommen liegenblieb.
„Grimm!" knurrte eine haßerfüllte weibliche Stimme.
Nick fiel nichts besseres ein als nach seiner Waffe zu greifen. Mit geweiteten Augen starrte er einer älteren Blutbad entgegen, die bereits wieder Aufstellung nahm, um ihn erneut zu attackieren.
„Du verdammter Grimm! Du wirst meinen Jungen nicht umbringen wie du wahrscheinlich seinen Freund getötet hast", knurrte die Bludbad.
Nick stutzte. Die Stimme kannte er doch … ?
„Mam J!" krächzte Monroe, der durch den Kampfeslärm wieder aufgewacht war, vom Bett her. „Laß das!"
„Keine Sorge, mein Junge, ich bin da", rief die Blutbad über ihre Schulter zurück.
„Was zum Kuckuck soll das?" wagte Nick endlich einzuwerfen.
Die Blutbad fuhr wieder zu ihm herum und knurrte.
Nick riß die Augen auf und zielte.
„Nein!" krächzte es vom Bett her, dann keuchte Monroe heran und stellte sich, auf bedenklich wackelnden Knien, zwischen sie beide.
„Monroe" entfuhr es Nick. „Edwin!" dagegen der Blutbad.
„Keiner wird hier verletzt oder getötet", Monroe hustete und keuchte wie eine alte Dampflok, drehte sich dann zu der Blutbad um. „Mam J, das ist mein Freund Nick. Nick, daß ist meine Adoptivmutter Janine, die zweite Frau meines Vaters."
Nick starrte die Blutbad groß an, wagte aber noch nicht, die Waffe sinken zu lassen.
„Du paktierst mit einem Grimm?" ereiferte sich die und … wogte zurück in ihre Menschengestalt. „Bist du denn immer noch nicht schlauer geworden, Edwin?"
„Adoptivmutter?" echote Nick endlich.
Monroe seufzte und begann wieder zu husten. „Ja, Mum, ich bin mit einem Grimm befreundet und ich weiß, daß mir das keine Fleißpunkte bei der Familie einbringt. Und ja, Nick, Adoptivmutter. Oder wie lange denkst du, kann ein Blutbad leben? Meine Mutter wäre um die 100 Jahre alt, würde sie noch leben."
„Oh!" machte Nick und ließ endlich die Waffe sinken. „Dann … sollte ich wohl erfreut sein, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mam ..."
Die musterte ihn von Kopf bis Fuß, ehe sie den Kopf schüttelte. „Immer noch der alte Träumer. Edwin, ich dachte wirklich, du seist mittlerweile schlauer!"
Monroe hustete wieder, und dieses Mal zitterten seine Knie deutlich.
Nick vergaß die mögliche Gefahr, in der er schweben mochte, kam wieder auf die Beine und nahm neben seinem Freund Aufstellung. Eilig legte er ihm einen Arm um die Schultern und zwang ihn zum Bett zurück, während die ältere Blutbad ihn sehr genau im Auge behielt.
Vorsichtig half er Monroe sich hinzusetzen, trat dann aber um das Bett herum auf die andere Seite. Zu spät ging ihm auf, daß er sich damit den Fluchtweg verbaut hatte, stand die Blutbad doch jetzt zwischen ihm und der Tür. Andererseits hatte er das Fenster auf der seinen. Ob Monroe es ihm verzeihen konnte, wenn ein zweites Fenster wegen ihm zu Bruch ging? Irgendwie meinte Nick, diese Frage in der jetzigen Situation bejahen zu können.
„Ich glaube das einfach nicht!" seufzte die Blutbad endlich und hockte sich vor Monroe nieder, um ihm tief in die Augen zu sehen.
„Zumindest wirklich keine Vergiftung", kommentierte sie.
Nick stutzte. „Sind Sie etwa ..."
„Mam J. ist eine Heilerin, ja", antwortete Monroe für sie. „Eine wirklich gute noch dazu."
Damit wiederum hätte Nick nicht gerechnet …
„Eine Freundschaft zwischen Blutbad und Grimm!" Die ältere Blutbad stand am Herd in Monroes Küche und schüttelte den Kopf. „Ich wußte ja immer, daß Edwin speziell ist. Aber so?"
„Wir sind kein Paar", entgegnete Nick, der auf dem Boden hockte und das noch heile Geschirr zwischen den Scherben auflas. „Um genau zu sein war ich derjenige, der ihn quasi genötigt hat." Er fühlte den harten Blick der älteren Frau auf sich und wäre am liebsten im Boden versunken.
„Er hätte ja nicht wieder einmal den hilfsbereiten Blutbad rauskehren müssen", sagte sie mit fester Stimme.
Nick zuckte mit den Schultern, erwiderte jetzt aber nichts mehr sondern begann, mit Kehrschaufel und Handfeger die Scherben zusammenzukehren.
Was sollte er auch sagen? Daß er sich im Moment fühlte wie ein Schuljunge, der von der Mutter eines Klassenkameraden niedergemacht wurde, die nicht wollte, daß er mit ihrem Sproß verkehrte? Wäre ein wenig zu peinlich gewesen ...
Also konzentrierte Nick sich statt dessen darauf, die Küche aufzuräumen.
Monroe selbst war der Vandale gewesen, hatte der Blutbad schließlich zugegeben, als sie alle drei ins Erdgeschoß gewechselt waren. Auf seiner Suche nach etwas anderem als Rosalees unwirksamen Trank hatte er seine eigene Küche durchwühlt und zwischenzeitlich sei ihm immer wieder schwindlig und übel geworden. Zumindest dieses Rätsel war damit dann zur Zufriedenheit aller geklärt, hatte Nick doch den starken Verdacht, Mam J hätte sonst ihn als Täter hinzustellen versucht.
„Was habt ihr zwei euch denn dabei gedacht?" fragte sie jetzt. „Ihr seid natürliche Feinde. Eine solche Freundschaft ist … unmöglich!"
Nick seufzte, kehrte tapfer weiter.
Was sollte er denn sagen? Daß Tante Maries Tod zu früh gekommen war und er, nicht wissend, was er tun sollte, Hilfe gesucht hatte bei dem einzigen, der ihm bereits einmal geholfen hatte? Eben Monroe? Immerhin hatte der Blutbad sich gegen die aufkeimende Freundschaft gewehrt, ebenso wie er, Nick, es getan hatte. Am Ende aber …
„Verrückt! Vollkommen verrückt!" schnaubte Mam J und rührte weiter in dem Topf.
Sie hatte ihren eigenen Heiltrank mitgebracht, wärmte diesen nun auf.
Nick erinnerte sich daran, daß ihr noch immer eine Zutat fehlte. Und daß er diese Zutat nicht hatte finden können. Sie hatte ihn darauf allerdings auch nicht wieder angesprochen. Und Nick seinerseits war sich nicht sicher, ob er Rosalee ins Spiel bringen sollte. Immerhin war die auch keine Blutbad.
„Mam, bitte", hustete Monroe aus dem Wohnzimmer heraus. „Passiert ist passiet. Und zumindest ich bereue diese Freundschaft nicht!"
„Nach allem, was Grimm uns durch die Jahrhunderte angetan haben mußt du dich natürlich mit einem anfreunden!"
„Das waren andere Grimm, nicht ich", wandte Nick ein und blickte auf.
Als Mam J über die Schulter zu ihm sah bemerkte er, daß ihre Augen noch immer in diesem typischen dunklen Rot leuchteten. Kein gutes Zeichen!
„Grimm ist Grimm. Edwin, du hättest ihm den Kopf abschneiden und draußen auf einen Fahnenmast stecken sollen!"
„Ich bin kein solcher Blutbad mehr!"
Wofür Nick auch wirklich froh war in diesem Moment …
„Papperlapapp!" Sie nahm den Topf von der Flamme und drehte das Gas ab.
Nick richtete sich auf, spürend daß jetzt der Moment der Wahrheit gekommen war. „Äh", machte er.
Mam J drehte sich zu ihm herum. „Was?"
Nick sandte einen beredten Blick zu dem Topf. „Ich fürchte, ich habe die Zutat nicht besorgen können, die Sie wollten", sagte er dann endlich.
Mam J kreuzte die Arme vor der Brust. „Ach wirklich, ja?" Das dunkle Rot leuchtete auf, ein wissendes Lächeln ließ ihre Mundwinkel zucken.
„Zutat?" keuchte Monroe.
Nick wandte den Kopf und sah seinen Freund im Durchgang stehen. „Du sollst doch liegen bleiben!" entfuhr es ihm. Mit zwei Sätzen war er bei dem Blutbad und stützte ihn wieder.
„Du hast doch nicht … ?" fragte Monroe seine Mutter.
Die hob lässig die Brauen. „Es ist eine feste Zutat, daran kann ich nichts ändern. Vermutlich der Hauptgrund, warum dieses Fuchsbau-Gebräu nicht wirkte."
Nick sandte seinem Freund einen mißtrauischen Blick. „Was ist das für eine Zutat, wenn du sie zu kennen scheinst?" fragte er.
Mam Js Lächeln wurde zu einem Grinsen.
„Du wirst ihn nicht anrühren!" knurrte Monroe sofort.
„Wowowow! Warum sollte sie mich anrühren?" Nick wandte den Kopf. „Was für eine Zutat?"
„Grimm", antwortete Mam J endlich.
Monroe stöhnte.
„Was?" Nick riß die Augen auf.
„Grimmblut", korrigierte Monroe vor dem nächsten Hustenanfall. "Laß mich raten, Hostalesaang. Das bedeutet Feindesblut."
Nick stutzte. „Aber … ich meine … Adalind … ?"
„Wer?" fragte Mam J.
Nick fühlte, wie Monroe zusammensackte und dirigierte seinen Freund zurück zum Sofa. „Ein Hexenbiest", rief er über die Schulter zurück.
„Laß dich nicht drauf ein, klar?" keuchte Monroe an seiner Seite. „Ich komme schon durch … irgendwie. Aber sie soll dir kein Haar krümmen!"
„Wird sie nicht, keine Bange," lächelte Nick und half Monroe behutsam, sich wieder auf dem Sofa niederzulassen.
„Oh, sieh an, dein zahmer Grimm zeigt also schon seinen Jagdinstinkt", höhnte Mam J, die ihnen beiden gefolgt war. Wieder traf Nick dieser verwirrte Blick von ihr.
War es denn wirklich so selten, wenn Wesen und Grimm sich anfreundeten? Immerhin war Tante Marie doch auch mit diesem hochnäsigen Steinadler Farley zusammen gewesen – zumindest hatte Farley das behauptet …
„Adalind hatte meinem Partner einen Zaubertrank gegeben „, erklärte Nick, als er sich aufrichtete. Er fühlte, wie Monroe sein Handgelenk ergriff und erwiderte die Geste. „Ich habe meinem Partner geholfen und das Hexenbiest zerstört."
„Nun, Hexenbiester sind keine Blutbaden", entgegnete Mam J. „Für uns ist das Blut eines Grimms ein Stärkungsmittel."
Nick nickte und straffte die Schultern.
„Laß das bleiben!" keuchte Monroe und zerrte an seiner Hand.
„Ich tue was getan werden muß, um einen Freund zu retten", entgegnete Nick enschlossen. „Wieviel Blut?"
„Nein!" Monroe riß mit letzter Kraft an seinem Arm, doch Nick wand sich frei und trat Mam J entgegen.
„Wieviel?"
„Willst du ein freiwilliger Spender sein, Grimm, und die Leben vieler Blutbaden retten, oder willst du nur diesem einen helfen?" fragte Mam J, die seinem entschlossenen Blick ruhig begegnete.
„Mam J, Nick, nein!" keuchte Monroe. „Tut das nicht! Alle beide!"
„Wenn es anderen hilft bin ich gern bereit mehr zu spenden", antwortete Nick. „Aber für jetzt ist mir Monroe der wichtigste. Wieviel? Ein Liter? Zwei?"
Die Blutbaden sah ihn aufmerksam an, dann … schlug sie Nick ins Gesicht, daß sein Kopf herumwirbelte.
Monroe wimmerte auf dem Sofa, während Nick in die Knie ging. Es brauchte wirklich viel Selbstbeherrschung doch dann sah er wieder auf und fühlte Blut aus seiner aufgeplatzten Lippe treten.
Mam J streckte einen Finger aus und tupfte einen Tropfen von der winzigen Wunde. „Das genügt", sagte sie und ging zurück in die Küche.
Nick starrte ihr groß nach, wischte sich dann den Rest des Blutes vom Kinn und richtete sich auf, gerade als die Blutbad zurückkehrte, eine von Monroes Tassen in der Hand sie ihrem Adoptivsohn reichte.
„Ich verstehe diese Freundschaft nicht", erklärte sie, während sie Monroe trinken ließ. „Sie ist mir unheimlich. Aber ich sehe, wenn jemand es ehrlich meint. Und du, Grimm, du meinst es ehrlich. Also … Freunde meines Jungen sind mir willkommen."
Nick seufzte erleichtert.
