Finding the Key
Kapitel 1
„Mom, ich muss zurück nach Forks."
Ich sah, dass die Hand meiner Mutter stehen blieb, kurz bevor sie die Kaffeetasse an ihre Lippen setzte. Ihre Augen weiteten sich vor Schock. Sie stellte die Tasse langsam zurück auf den Tisch.
„Warum, Baby? Du hast dort alles gehasst."
Etwas lag in ihren Augen, so als würde sie eine große Verkündung von mir erwarten. Ich habe dieses Blitzen schon gesehen, es kam und ging immer wieder im letzten Jahr. Aber nur wenn ich Forks oder Charlie erwähnte. Oder meine vergessenen Monate.
Natürlich wusste ich warum. Alle erwarteten von mir, dass ich mich erinnerte. Meine Ärzte hier, mein Arzt in Phoenix, sogar mein Vater. Aber ich konnte mich nicht erinnern und erwartete auch nichts. Wenn es nach über einem Jahr nicht klappte, nach regressiver Hypnose (Renées Idee) oder all den verstörenden Träumen, die ich nicht verstand, dann würde ich mich auch nicht mehr erinnern. Diese Monate waren für immer weg.
Oder wären für immer weg, wenn ich hier bliebe.
„Vielleicht, ich weiß es nicht. Ich kann mich noch immer an nichts erinnern. Aber gestern habe ich ein bisschen gelesen ... Mom, ich werde mich nie mehr daran erinnern, wenn ich hier bleibe. Bislang hat nichts funktioniert und ich glaube, wenn ich hier bleibe, wird sich an diesem Ergebnis auch nichts ändern. Nichts hier löst irgendwelche Erinnerungen aus oder hilft mir, sie zurückzuholen. Ich will dorthin zurückkehren, ein oder zwei Monate bei Charlie bleiben und sehen, ob es hilft, dort zu sein. Alles wiederzusehen, weißt du?"
Ich konnte den Augen meiner Mutter ablesen, dass sie es tatsächlich wusste, und was noch verwirrender war, dass sie diese Idee nicht mochte.
„Bella ...", begann sie, aber ich unterbrach sie. Ich kannte sie besser als sie sich selbst, und sie abzublocken, bevor sie richtig loslegen konnte, war immer der Schlüssel zum Erfolg.
„Mom. Mein Schulabschluss ist vorbei, ich habe noch zwei Monate Zeit, bevor die Schule weitergeht. Es ist gerade perfekt. Jetzt oder nie. Weil ich will nicht mehr, dass dies auf meinen Schultern lastet oder mich bis in den Schlaf verfolgt. Ich brauche Antworten, bevor ich mit dem nächsten Abschnitt meines Lebens beginne. Und hier bekomme ich diese Antworten nicht."
Die Diskussion ging noch eine Stunde lang weiter, aber das Resultat änderte sich nicht. Keine von uns war stärker als die andere und zu guter letzt war ich ja jetzt erwachsen. Ich hasste es, diese Karte auszuspielen, aber dies war meine Trumpfkarte und sie funktionierte immer.
Alles andere waren nur Kleinigkeiten. Ein Anruf an Charlie, der bloß meinen Besuch ankündigte und nicht fragte, ob alles in Ordnung war. Ich hätte eine Wiederholung der Diskussion mit Renée erwartet, aber sie kam nicht. Nach einigen Klarstellungen und „bist du sicher", erklärte er sich glücklich und einverstanden mit meiner Entscheidung. Fast schon zu glücklich. Wenn ich mehr wie ich selbst gewesen wäre oder zumindest besser geschlafen hätte, hätte mich das sehr gewundert.
Aber ich war einfach zu erleichtert, dass alles in die Wege geleitet war.
Alles war gepackt. Ich hab meine Tasche überprüft und anschließend noch einige Male nachgesehen, ob ich keine Jacksonville-Kleidung mitgenommen hatte. Ich würde die wärmeren Sachen für Forks benötigen, die ich ein Jahr lang nicht angegriffen hatte. Es hatte nur einen seltsamen Augenblick gegeben, als ich meine Sachen gefaltet und in meinen Koffer gelegt hatte. Meine Hände auf einer dunkelblauen Bluse liegen und zitterten sehr schlimm, dass ich mehrere Versuche brauchte, um sie ordentlich zusammenzufalten.
Schließlich hatte ich das Ding in meinen Koffer gelegt. Ich setzte mich für einen Moment auf mein Bett und holte ein paar Mal tief Luft, damit die Panik wieder verging, bevor sie sich festkrallen konnte. Mein Herz hatte wie wahnsinnig in meiner Brust gehämmert, mein Atem schwankte und war außer Kontrolle, Schweiß war auf meiner Stirn und in meinem Nacken ausgebrochen, aber ich beruhigte mich auf die Art und Weise, die immer funktionierte.
Ich strich über die halbmondförmige Narbe auf meiner Hand, die ein kleines bisschen kälter war als der Rest meiner Haut, bis die letzte Panik wieder verschwunden war.
„Deshalb kehrst du zurück, Bella. Deshalb musst du zurückkehren."
Darüber konnte ich nichts erzählen, weder Renée, noch meinem Therapeuten, noch den unzähligen Ärzten, mit denen ich schon über meinem Zustand gesprochen habe. Jeder hatte Verständnis für die Alpträume, auch die plötzliche Angst, die mich manchmal überkam. Aber niemand würde verstehen, was gerade passiert ist – dass ich gerade fünf Minuten lang gebraucht habe, mich nach der Panikattacke zu beruhigen, die eine Bluse ausgelöst hatte. Eine Panik, die komplett durch meine Verbindung zu dieser halbmondförmigen Narbe auf meiner Hand gemildert wurde.
Die Antwort auf dieses Rätsel lag in Washington. Und ich war endlich auf dem Weg, sie zu finden.
Das Tropfen ist nervig. Das ist das einzige Wort dafür. Ich seufze und rolle mich auf den Rücken. Hat Renée den Wasserhahn laufen gelassen? Wahrscheinlich. Ich versuche, es auszublenden, meinen Schlaf wieder zu finden, aber ich kann nicht. Das Geräusch ist zu nervenaufreibend.
Plap. Plop. Plip. Plop.
Ich stehe von meinem Bett auf und bin fest entschlossen, den Schraubenzieher zur Hilfe zu nehmen, falls nötig.
Aber ich bin nicht in meinem Schlafzimmer. Ich bin in einem Wald. Im Regenwald? So irgendwas. Es ist egal. Ich sehe mich um, aber da ist nichts. Nur Unmengen an Grün. Grün über mir, grün unter mir. Und Regen. Das tropfende Geräusch nimmt gemeinsam mit dem Regen zu. Ich weiß, ich muss einen Unterschlupf finden, aber ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Da gibt es ja nur mich inmitten eines grünen Umfeldes. Ich bin verloren. Allein.
„Bella."
Die Stimme ertönt hinter den Bäumen. Ruft mich. Lockt mich. Ich folge ihr ohne nachzudenken, trotz der aufsteigenden Panik. Ich sollte nicht hier sein. Ich kann nicht hier sein. Wenn ich die Stimme finde, wird sie mir weh tun. Sie wird mich verlassen. Irrationale Gedanken, aber ich weiß, dass sie wahr sind. Ich muss die Stimme finden, aber zur selben Zeit kann ich das nicht. Sie zu finden, wird zu Schmerz führen.
Ich drehe mich weg, wende mich in die andere Richtung. Und dann laufe ich.
„Miss? Geht es Ihnen gut?"
Die ruhige Stimme und die warme Hand auf meiner Schulter zogen mich aus den Wirren meines Traums. Bevor mein Schreien begann, hoffte ich. Ich warf einen Blick auf die anderen, die im Flugzeug in meiner Nähe saßen, und konnte nichts außergewöhnliches in ihren Gesichtern erkennen. Also habe ich definitiv nicht geschrien. Höchstwahrscheinlich habe ich nur wieder im Schlaf gemurmelt.
„Ja, alles okay. Danke", antwortete ich und versuchte, so viel an „geh weg" wie möglich in meiner Stimme durchklingen zu lassen. Anscheinend hatte ich es gut genug gemacht, weil die Flugbegleiterin einfach nickte und weiter den Gang entlang ging.
Seufzend lehnte ich mich in meinem Sitz zurück und öffnete das Rollo vor dem Fenster. Wir begannen gerade mit dem Landeanflug, wie das Knacken in meinen Ohren ankündigte, aber waren noch nicht in die dichte Wolkendecke eingetaucht. Kleine weiße Wellen breiteten sich unter uns aus, während die Sonne hell und warm auf das Flugzeug schien.
Ich blickte über meine Schulter, ging sicher, dass mich niemand beobachtete, und hob dann meine vernarbte Hand, bis das Licht darauf schien. Ich beobachtete, dass die Haut an dieser Stelle zurückglitzerte, und drehte sie in jede Richtung, vorsichtig, damit die Reflexion des Lichtes nicht an die Decke des Flugzeug geworfen wurde.
Zum ersten Mal war mir diese Besonderheit meiner Haut etwa eine Woche nach meiner Ankunft mit Renée in Jacksonville aufgefallen. Ich war noch wackelig auf den Beinen, war erst vor zwei Wochen aus dem Krankenhaus entlassen worden, aber ich hatte darauf bestanden, draußen ein wenig Frischluft zu schnappen. Phil hatte mir ein einen Klubsessel im Garten geholfen – beide hatten alles in ihrer Macht stehende getan, damit ich die Krücken nicht benutzen musste, eine weise Entscheidung, meiner Meinung nach. Als ich dort gelegen bin, immer wieder in Tagträume abgetaucht bin, die später noch zu meinen Alpträumen werden würde, wurde ich plötzlich von dem Licht auf meiner Hand abgelenkt.
Mein Mund war geöffnet, um nach Renée zu rufen, um ihr das zu erzählen ... aber die Worte waren in meinem Hals stecken geblieben. Das war nichts, was ich ihr erzählen konnte. Oder sonst jemandem. Ich wusste nicht warum, aber diese Tatsache war tief in dem verschlossenen Bereich meines Gehirns verankert. Was auch immer die Narbe bedeutete, es war privat. Geheim. Also schloss ich meinen Mund und begann, die Hand einzustecken oder zu verhüllen, wann immer ich im Sonnenlicht war.
Die Stimme des Piloten kündigte unsere Ankunft am Flughafen Sea-Tac an und riss mich so kräftig aus meinen Gedanken, dass ich ein wenig in meinem Sitz aufgesprungen bin. Das Flugzeug setzte seinen Landeanflug fort, ich blickte weiterhin aus dem Fenster und wartete darauf, wieder unter die Wolkendecke zu tauchen.
Die Fahrt vom Flughafen zu Charlies Haus verlief ziemlich genauso wie beim letzten Mal, als ich hierher gekommen bin. Das war eine der wenigen Erinnerungen, die noch intakt waren – die ersten Tage mit Charlie, mein Truck, meine Schule.
„Du siehst", er machte eine Pause, „du siehst gut aus, Bells", sagte Charlie, als er die Tür für mich öffnete. Die Pause verriet seine Lüge, genauso wie bei mir immer, aber ich ließ es durchgehen. Weil ich wusste, wie ich aussah – ich sah verloren aus, abwesend, und genau so wie jemand, der seit Monaten nicht ruhig geschlafen hatte.
„Besser als im Krankenhaus zumindest, richtig?", kommentierte ich zurück. Ich ging hinein, die Tasche über die Schulter gehängt, und sah mich in dem kleinen Wohnzimmer um. Der Fernseher an der Wand, das selbe Sofa und der selbe Lehnstuhl gegenüber. Es sah vertraut aus, aber es folgte keine Offenbarung oder etwas in der Art.
„Viel besser", gab er zurück. Seine Stimme hallte mir noch nach, als ich schon die Stufen hochging. Ich durchquerte den kleinen Gang und ging in mein altes Zimmer. Ich holte vor Erwartung tief Luft.
Nichts passierte.
Wenn ich erwartet hätte, dass mich eine Welle der Erinnerungen überrollen würde, so war ich nun tief enttäuscht. Ich spürte nichts außer das vage Gefühl, in ein vertrautes Zuhause gekommen zu sein.
Aber eine Überraschung gab es doch, ich spürte ein kleines Kribbeln in meinem Nacken. Ein Gefühl, dass etwas fehlte, während meine Augen zum Fenster wanderten und in Charlies Vorgarten hinausblickten. Dann war das Kribbeln wieder weg, genauso wie mein Gedächtnis. Seufzend ließ ich meine Tasche auf das Bett fallen und ließ das Zimmer erst mal mein Zimmer bleiben. Ich würde später noch genug Zeit haben, es näher zu untersuchen.
Ich verbrachte den Tag damit, Forks zu erkunden, das kleine, verregnete Städtchen neu zu entdecken. Bilder aus meiner Erinnerung blitzten auf, der Gebrauchtwarenladen, die Schule. Aber nichts mehr als das Gefühl, dass ich schon mal hier gewesen war, nichts, was die verschlossenen Türen in meinem Gehirn wieder öffnen würde. Es war nur eine normale kleine Stadt.
Warum? Warum konnte ich mich nicht erinnern? Das ergab keinen Sinn. Überhaupt keinen. Und das machte mich über alle Maßen wütend. Wut auf mich selbst, auf diese Stadt, Wut auf das, was mich dazu bewogen hat, in einer Nacht während meiner Frühlingsferien nach Phoenix zu fahren.
Meine Hände ballten sich zu Fäusten und ich steckte sie tief in meine Hosentaschen, um die Wut zu verbergen, die in mir brodelte. Ich war gerade erst zurückgekommen und wollte den Menschen in dieser Stadt keine Zweifel an der mentalen Stabilität der Tochter ihres Polizeichefs geben.
Sobald ich mich wieder etwas beherrschter fühlte, lief ich im schwindenden Licht der Nachmittagssonne zurück zu Charlies Haus. Ich wusste, ich brauchte Zeit, um meine Wut und meine Frustration aufzuarbeiten. Ich wollte Charlie nicht dieselben Zweifel vermitteln.
Ich spielte alles wieder und wieder in meinem Kopf ab, während ich lief. Mein Erwachen in Phoenix, schmerzender Körper und schwirrende Gedanken. Meine seltsame Halluzination. Renées panische Tränen, Charlies schmerzverzerrtes Gesicht. Und dann die Fragen. Meine, ihre. Wieder und wieder, biss ich um Ruhe bettelte, eine Pause, Zeit, um in meinen Gedanken nach Antworten zu suchen.
Antworten, die ich nie fand.
Am Ende konnte ich eine kleine Zeitlinie der geschehenen Ereignisse zusammensetzen. Klein deshalb, weil nachdem sich herausgestellt hatte, dass mein Gehirn die Tür zu meinen Erinnerungen verschlossen hatte, wollte mir niemand viele Details erzählen. Mein Arzt hatte ihnen offensichtlich erzählt, dass ich mich selbst erinnern müsste, dass jegliche Information dazu dienen würde, dass ich verwirrter und frustrierter werden würde. Dass es einen Grund gab, warum ich diese Erinnerungen verloren hatte, dass mein Gehirn mich abschirmen wollte – und dass es am besten wäre, zu warten, bis ich bereit war, mich wieder zu erinnern. Bis ich bereit war.
Ich hatte dagegen angekämpft, lang und verzweifelt, aber es war vergebens. Sobald der Arzt dies angeordnet hatte, hatten ihm alle gehorcht und waren damit zufrieden, zu warten. Aber ich war nicht damit zufrieden. Ich war wütend und frustriert wegen diesem Rätsel, das ich nicht lösen konnte.
Was ich von den Fragen herausgefunden hatte, die mir gestellt worden sind, bevor damit abgebrochen wurde, hatte ich Forks am Sonntag vor den Frühlingsferien in einem Anfall von Wut verlassen. Worüber war ich wütend gewesen? Ich wusste es noch immer nicht.
Ich war irgendwie nach Phoenix gelangt, wie, das war mir noch immer unbekannt, denn mein Truck war nie dort aufgetaucht. Einen Tag später wurde ich von einem Arzt am Ende der Treppe in einem Hotel nahe dem Flughafen gefunden. Ich hatte mir meine Gliedmaßen gebrochen und blutete. Der Arzt nähte meine Wunde noch dort auf den Stufen und brachte mich ins Krankenhaus, wo ich in künstlichem Koma zwei Tage lang dahinvegetierte.
Und das war's. Das war alles, was ich wusste. Und es war nicht genug.
Unser Abend, Charlies und meiner, verging in Stille. Wir aßen ein kleines Abendessen und unterhielten uns sehr wenig. Charlie schien noch verschlossener zu sein, als ich ihn in Erinnerung hatte, aber da war etwas in seinem Gesicht, das ich zuvor nicht gesehen hatte. Es grenzte beinahe an Erwartung, als ob er hoffte, dass meine Zeit hier meinen Geist öffnen würde und ich mich wieder erinnern konnte. Da ich so viel von unserer gemeinsamen Zeit vergessen hatte, konnte ich das gut genug verstehen, um nicht allzu viel darüber nachzugrübeln.
Als ich das viele Gähnen hinter meiner Hand nicht länger verstecken konnte, stand ich auf und wünschte Charlie eine gute Nacht. Mein ursprünglicher Gedanke war gewesen, in dieser ersten Nacht jeden Zentimeter meines Zimmers zu untersuchen, aber mein Trip durch Forks und der Spaziergang zurück waren zu anstrengend für meinen bereits unter Schlafmangel leidenden Körper gewesen. Ich konnte nichts mehr tun, außer meinen alten Pyjama anzuziehen und mich unter der Decke zusammenzurollen.
Das Tropfen ist nervig. Das ist das einzige Wort dafür. Ich seufze und rolle mich auf den Rücken. Hat Renée den Wasserhahn laufen gelassen? Wahrscheinlich. Ich versuche, es auszublenden, meinen Schlaf wieder zu finden, aber ich kann nicht. Das Geräusch ist zu nervenaufreibend.
Plap. Plop. Plip. Plop.
Ich stehe von meinem Bett auf und bin fest entschlossen, den Schraubenzieher zur Hilfe zu nehmen, falls nötig.
Aber ich bin nicht in meinem Schlafzimmer. Ich bin in einem Wald. Im Regenwald? So irgendwas. Es ist egal. Ich sehe mich um, aber da ist nichts. Nur Unmengen an Grün. Grün über mir, grün unter mir. Und Regen. Das tropfende Geräusch nimmt gemeinsam mit dem Regen zu. Ich weiß, ich muss einen Unterschlupf finden, aber ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Da gibt es ja nur mich inmitten eines grünen Umfeldes. Ich bin verloren. Allein.
„Bella."
Die Stimme ertönt hinter den Bäumen. Ruft mich. Lockt mich. Ich folge ihr ohne nachzudenken, trotz der aufsteigenden Panik. Ich sollte nicht hier sein. Ich kann nicht hier sein. Wenn ich die Stimme finde, wird sie mir weh tun. Sie wird mich verlassen. Irrationale Gedanken, aber ich weiß, dass sie wahr sind. Ich muss die Stimme finden, aber zur selben Zeit kann ich das nicht. Sie zu finden, wird zu Schmerz führen.
Ich drehe mich weg, wende mich in die andere Richtung. Und dann laufe ich.
"Schlaf, Bella, schlaf. Jetzt ist alles gut."
Die Stimme kommt wieder aus dem Wald. Sie ist in meiner Nähe, näher, als sie sein sollte. Das Geräusch ist in meinem Ohr, in meiner Seele. Die Verlockung ist da, das Bedürfnis, ihr zu folgen und zugleich wegzulaufen. Aber ich empfinde keine Panik, keine Angst. Nur Frieden, das Gefühl, gehalten zu werden, sicher zu sein. Ein sicherer Hafen in all dem Chaos.
Ich drifte zurück auf die Wiese, in den Regen, und hebe mein Gesicht, um ihn zu begrüßen. Und ich schlafe.
Intermezzo – Edward
Ich konnte Bellas Alpträume noch nie zulassen, doch zum Glück hatte sie während unserer herrlichen Monate zusammen wenige davon gehabt. Herrliche Monate, die viel zu kurz gewesen waren. Ihre Träume, die ihr den Schlaf geraubt hatten, entstammten ihren banalen Alltagssorgen – Matheprüfungen, der heulende Wind außerhalb ihres Fensters, der Verlust ihres geliebten Zuhauses in Arizona.
Also war es naheliegend, dass ich durch ihr Fenster klettern würde, sobald die ersten Geräusche ihres nächtlichen Terrors an meine Ohren gelangten. Ich kletterte hoch und hielt sie so wie früher – bis das Schlimmste ihres Alptraumes vorbei war.
Ich wusste, es war tollkühn und vermessen, nach so langer Zeit der Trennung der mystischen Anziehungskraft ihres Blutes mit meinen niederen Instinkten zu folgen und ihr so nahe zu kommen. Ich war jedoch vorbereitet für den Ansturm, hielt sie fest, während ich selbst zugleich meinen Atem anhielt. Ihr Geruch durchdrang sogar diese Barriere und ich verspürte das Verlangen, das überwältigende Bedürfnis, einfach das Monster in mir los zu lassen.
Dieses Begehren konnte ich aber leicht beiseite schieben. Sie hier zu haben, in meinen Armen, ihre sanften Laute, der nun gleichmäßige Schlag ihres Herzens, die Wärme ihres Körpers, das war genug, um sogar das Schlimmste in mir zu zähmen.
Ich würde das Risiko eingehen, ich würde das tobende Bedürfnis unterdrücken, nur um diesen verbotenen Moment mit Bella zu bekommen. Meine Bella. An einem Ort, wo zumindest ihr Körper, wenn schon nicht ihr Geist, sich an mich erinnerte.
Ü/N: Bellas Erinnerungen lassen in Forks noch auf sich warten. Wie werden unsere beiden reagieren?
Die Autorin und ich bedanken sich für die netten Reviews und würden auch gern eure Gedanken zu diesem Kapitel hören :-)
