400 Tage.
Das war nicht so lang, nicht in der großen Gesamtheit meines Lebens, sowohl sterblich, als auch unsterblich. Aber ich hatte jede einzelne Sekunde der letzten vierhundert Tage wie Nadelstiche unter meiner Haut gespürt. Jeder Sonnenaufgang markierte einen weiteren Tag meiner ganz privaten Hölle und führte mich in den nächsten Tag.
Dantes Höllenkreise waren im Vergleich dazu ein Strandspaziergang.
Wenn es nur einen Atemzug kühler Luft gäbe, um die endlose Wut in Zaum zu halten, weil Bella nicht hier bei mir war. Sie lebte ihr Leben, ganz ohne der Gefahr, die ich ihr vor die Füße geworfen hatte in dem Moment, in dem ich meinem Egoismus nachgegeben hatte.
Sie war frei. Unbelastet. Und kurz davor, den nächsten Abschnitt ihres menschlichen Lebens zu beschreiten. College, Ehe, Familie. Genau das hatte ich immer für sie gewollt.
Das kleine Bäumchen, das ich festgehalten hatte, brach entzwei. Wenn ich nicht lernte, mein Temperament unter Kontrolle zu halten, würde ich noch dafür verantwortlich sein, mit einer Hand die ganze olympische Halbinsel zu roden.
"Also was willst du jetzt machen?", fragte Alice. Sie kam zu mir und nahm mir die Überreste des Baumes aus der Hand. "Jagen oder dich in deinem Elend suhlen?"
"Jagen", knurrte ich als Antwort.
"Wirklich? Weil als ich das letzte Mal nachgesehen hatte, wanderten die Tiere nicht von allein zu dir und boten dir ihre Kehlen dar. Ein wenig Anstrengung deinerseits ist schon nötig."
"Sei nicht so hysterisch, Alice. Wirklich."
Aber ich stieß mich dennoch von dem Felsen ab und ging mit ihr in Richtung der Lichtung.
"Weißt du, Edward ..."
Ich ging weiter, als sie innehielt. Aber als die Stille sich ausbreitete, drehte ich mich zu ihr um und war überrascht zu sehen, dass sie nicht länger neben mir war. Alice war stehen geblieben und ihre Augen starrten in das leere Äther ihrer Visionen.
Ich blickte nicht in ihre Gedanken, als sie sich auf ihre Vision konzentrierte, weil die Zukunft nichts von Interesse mehr für mich hielt. Ich wartete einfach, bis ihre Augen und ihre Gedanken wieder in der Gegenwart ankamen. Ich wollte gerade weiter zur Lichtung laufen, als ich es hörte.
Alice sagte das kyrillische Alphabet auf. Rückwärts. Dann vorwärts. Dann wieder rückwärts.
"Was hast du gesehen?", fragte ich schließlich. Ich konnte meine Neugier nie unterdrücken.
"Nichts." Sie lächelte zurück zu mir und lief gerade außer Reichweite. Da sah ich wirklich ihr Gesicht. Diese Selbstzufriedenheit, die sie ausstrahlte, sollte eigentlich illegal sein.
"Alice ...", warnte ich sie. Das Ende ihres Namens verwandelte sich beinah in ein gefährliches Zischen.
"Was?", trällerte sie. In ihrer Stimme lag nichts als Unschuld.
Ich sprang in einer schnellen Bewegung zu ihr, traf fast keine bewusste Entscheidung, das zu tun, und so landete ich direkt vor ihr. Ob sie meine Bewegung gesehen hatte und es ihr egal war oder ob sie zu sehr damit beschäftigt war, ihre Gedanken vor mir zu verheimlichen, damit sie es nicht sah, würde ich nie in Erfahrung bringen. Egal, ich blockierte ihren Weg und verschränkte meine Arme.
"Ehrlich, Edward, ich verstehe nicht, warum du deswegen so ausflippst, es ist ja nicht so, als würde ich dir von jeder Vision erzählen, die ich habe." Da hatte sie wohl Recht, wenn sie in ihrem Kopf nicht gerade "Funkel funkel kleiner Stern" singen würde ... auf Walisisch.
"Du gibst dir zu sehr Mühe, mich auszublocken, Alice. Es hat etwas mit mir zu tun und ich will es wissen."
"Nein. Willst du nicht."
Ich knurrte und meine Hände ballten sich zu Fäusten. "Oh doch."
"Nein, willst du nicht." Sie strahlte praktisch ihre Selbstzufriedenheit aus. "Du hast mir eigens gesagt, ich solle aufhören, in eine bestimmte Richtung Ausschau zu halten. Und bevor du mich jetzt anspringst, das habe ich auch nicht. Das kam ganz von allein zu mir."
"Das hat zu tun mit ..." Ich hielt inne. Auch jetzt noch schälte es mir einen oder zwei Zentimeter Haut von meinem Körper, wenn ich ihren Namen sagte. Mein Körper wurde vor Schock ganz starr.
"Es geht um ..." Ich machte eine Pause, um meine Stimme zu finden. "Geht es ihr gut? Ist sie verletzt?" Ich war überrascht, dass die Stimme, die ich wiedererlangt hatte, beinah zitterte.
Zum Glück beendete Alice diese Qual rasch. "Sie ist nicht verletzt, Edward." Ihr Kopf neigte sich zur Seite und sie betrachtete mich eingehend. "Bedeutet das, dass du es wissen willst?"
Ich antwortete nicht sofort. Ein kleiner Krieg war in meinem Kopf ausgebrochen. Die Schlacht tobte zwischen dem Wunsch, etwas über sie zu erfahren, und dem Bedürfnis, zumindest zu verhindern zu versuchen, dass ich mich mit ihrer Erinnerung quälte.
Am Ende war es kein großer Kampf, bis mein Selbstschutz zerschlagen und besiegt am Boden lag. Alice musste mein Einverständnis gesehen haben, bevor ich auch nur in ihre Richtung nicken konnte.
"Bella kommt nach Hause."
"Sie ... erinnert sich?" Ich hasste diese Flut der Glückseligkeit, die mich bei der Idee überrollte, dass sie endlich die Teile ihrer Vergangenheit zusammensetzen konnte. Die Teile unserer Vergangenheit. Weil ich das nicht wollte.
Oder?
"Nein", widersprach mir Alice. "Tut sie nicht. Ich sah, wie sie durch die Stadt ging, Edward. Die Schule, ihr Haus und die Wälder dahinter. Sie sah verwirrt aus, verloren. Sie kommt nach Hause, um nach dem zu suchen, das sie verloren hat."
Ich bewegte mich nicht. Ich konnte es nicht. Während all dieser Zeit waren die Erinnerungen nicht zu ihr zurückgekehrt? Warum war sie dann ... natürlich.
"Sie hatte unbeantwortete Fragen schon immer gehasst", sagte ich mehr zu mir selbst als zu Alice. "Nicht zu wissen, was passiert war, während sie hier war, wäre so, als würde es sie jucken, aber sie könnte sich nicht kratzen."
Alice machte eine Pause und sah mich mit ihrem kleinen Gesicht an. Die Frustration lag in kleinen Falten auf ihrer Stirn. "Nein", widersprach sie. "Sie kommt, um dich zu finden, du Idiot", sagte sie schließlich und schlug mir auf den Arm.
"Nein", sagte ich daraufhin. "Sie mag einfach keine offenen Fragen, das ist alles. Sie kommt hierher und sieht sich um. Wenn sie ihr Gedächtnis wieder erlangt, werde ich mich darum kümmern. Aber ich halte mich von ihr fern, so wie ich es letztes Jahr hätte tun sollen."
"Oh zur Hölle, nicht das schon wieder", seufzte Alice und kickte einen Kiefernzapfen über den Boden. Er verfing sich am Stamm einer älteren Kiefer. "Wirst du jetzt wirklich wieder damit anfangen, Edward? Das mit 'Bella ist besser dran, wenn sie mir fernbleibt'? Weil ehrlich, das war schon beim ersten Mal langweilig, und ich möchte das wirklich nicht noch einmal durchmachen."
"Alice", sagte ich und zog ihren Namen warnend in die Länge, "du wirst dich ihr nicht nähern."
"Und seit wann bist du mein Herr und Meister? Nein, Edward. Ich habe sie auch geliebt, und das weißt du. Vielleicht nicht auf die selbe Art und Weise, okay, definitiv nicht auf die selbe Art und Weise, aber glaubst du wirklich, du bist der Einzige, der sie vermisst? Denn das bist du nicht. Und wenn meine beste Freundin nach Hause kommt, werde ich tun, was ich kann, um ihr zu helfen."
Ich knurrte sie an. "Also was dann? Wirst du einfach zu ihr dackeln mit einem 'Hi, Bella, erinnerst du dich an mich? Ich bin deine beste Vampir-Freundin?' Das wird sicher gut gehen."
"Ein wenig Taktgefühl solltest du mir schon zugestehen, Edward."
"Es geht nicht um Taktgefühl, Alice, es geht darum, sie zu beschützen. Jetzt ist sie in Sicherheit. Sicher vor mir, vor uns, vor Kreaturen wie James. Ich hatte vor, es auch so zu belassen."
"Du glaubst wirklich, du könntest dich von ihr fernhalten?" Sie schüttelte den Kopf, sodass ihre Haare hoch wirbelten. "Du bist wirklich ein Meister darin, dich selbst zu belügen."
Ich hatte wirklich nicht in Erwägung gezogen, mich selbst zu belügen, es war eher eine Mission. Ich würde diesmal tun, woran ich beim letzten Mal gescheitert war. Es würde diesmal leichter sein, schwor ich mir, weil ich wusste, was die Konsequenzen waren, wenn ich nachgab. Ich würde ihr fernbleiben.
Oder mich darauf beschränken, sie von weitem zu beobachten – nur um sicher zu gehen, dass es ihr gut ging.
Alice stürmte eine Sekunde später im Wald davon. Ich hörte noch den Nachhall ihres Gelächters und kannte die Quelle sofort. Ihre Vision hatte sich geändert. Aber das war egal. Sie war schon zuvor falsch gelegen, und auch diesmal lag sie falsch.
Es gab keinen anderen Weg.
