Finding the Key

Kapitel 2


Das Licht im Zimmer weckte mich auf. Es kar kein Sonnenlicht, nicht hier in Forks, aber ein heller Himmel, der bedeutete, dass die Sonne irgendwo über der dicken Wolkendecke aufging. Dennoch war es genug Licht, um mich aufzuwecken, was wahrscheinlich bedeutete, dass es nicht regnete. Noch nicht.

Ich setzte mich auf und streckte mich, blickte mich dabei im Zimmer um. Etwas war anders, oder eher, etwas fühlte sich anders an. Ich nahm mir einen Moment Zeit zum Nachdenken. Mein immer noch vom Schlaf vernebelter Verstand suchte das Zimmer und mich selbst ab.

Und da lag der Unterschied. Das Zimmer sah noch genauso aus wie gestern Nacht, nicht mal ein Buch war verschoben. Ich selbst war es, die anders war. Ich fühlte mich entspannt, erfrischt, als ob ich mich stundenlang ausgeruht hätte, anstatt mich durch die Finsternis zu kämpfen.

Seltsam, wirklich, weil meine Erinnerung an meine erste Nacht in Forks voriges Jahr war voller Unbehagen, Unruhe und überhaupt nicht so wie jetzt gewesen. Ich beschloss, es für ein gutes Omen für die Ereignisse des heutigen Tages zu werten, als zu viel darüber nachzudenken.

Dieser Tage fiel alles Neues automatisch in die Kategorie „gut".

Charlie saß am Küchentisch, als ich nach unten kam. Man konnte den leichten Duft von Eiern in der Küche riechen, also wusste ich, dass er schon gegessen hatte. Ich holte mir einen Pop Tart aus dem Schrank und steckte es in den Toaster, bevor ich mich zu ihm setzte. (Ü/N: Ein Pop Tart ist ein toastförmiges Stück Kuchenteig mit süßer Zuckerfüllung von Kellogg's.)

Die Schachtel mit den Kuchenstücken gab mir einen kleinen Stich in der Brust. Er erinnerte sich an meine Lieblings-Geschmacksrichtung. Aus irgendeinem Grund blitzte der Gedanke an Schneeketten auf. Mein Truck mit Schneeketten. Das machte keinen Sinn für mich, aber es war wieder etwas Neues. Ich konnte nicht sagen, ob es eine Erinnerung war oder ob mir dieser Gedanke zufällig gekommen war, aber egal.

„Morgen, Bells. Gut geschlafen?", fragte Charlie, als ich mich schließlich mit meinen Pop Tarts in der Hand zu ihm an den Tisch setzte.

„Das hab ich wirklich, danke", antwortete ich locker.

„Renée hat erwähnt, dass du seit kurzem unter Alpträumen leidest. Hat mir gesagt, ich soll darauf aufpassen", sagte er, aber es klang mehr wie eine Frage. Eine Frage, die zu seinen erhobenen Augenbrauen und dem Blick passte, den er mir über den Tisch zuwarf.

„Sie kommen und gehen", antwortete ich, ohne ihm in die Augen zu sehen. „Aber letzte Nacht war alles in Ordnung. Ich hab traumlos durchgeschlafen." Zum ersten Mal seit ewigen Zeiten, dachte ich, aber sprach es nicht laut aus.

„Nun, das ist gut. Schön, das zu hören." Charlie strahlte mich über den Tisch hinweg an.

„Du bist so fröhlich heute Morgen", bemerkte ich und betrachtete ihn genauer. Irgendwas war komisch. Sehr, sehr komisch. Das war nicht der Vater, den ich gewöhnt war, oder bei dem ich dachte, ihn gewöhnt zu sein. Charlie war normal nicht so euphorisch ... oder? Ich schluckte meinen Frust hinunter und hämmerte mental gegen die verschlossenen Türen in meinem Gedächtnis.

Weil die Wahrheit war, ichhatte keine Ahnung, ob er jeden Morgen so war, weil ich mich nur an einen einzigen Morgen erinnern konnte.

„Was hast du heute vor?", fragte Charlie, während er seine Kaffeetasse ausspülte. „Ich kann hier bleiben, wenn du denkst, dass es helfen könnte."

Ich konnte nicht umhin, die Angelrute zu bemerkten, die bereits im Vorzimmer lehnte, als ich herunter gekommen bin, also sagte ich ihm einfach ab. „Nein, Dad. Geh nur los und ertränke ein paar Würmer. Ich glaube, ich werde heute ein bisschen über das Schulgelände wandern. Mal sehen, ob sich etwas auftut."

„Ob sich etwas auftut?", fragte Charlie eindeutig verwirrt.

„Nichts." Ich lächelte und winkte seine Frage ab. „Nur ein Spruch für ..." Ich verlor den Faden und tippte mir an die Schläfe.

Charlie nickte und stand vom Tisch auf. „Viel Glück damit", sagte er mit einem schiefen Grinsen und fuhr ein paar Minuten später mit dem Versprechen, zurück zu sein, bevor es dunkel wurde, davon.

Ich blieb am Tisch sitzen, nachdem er gefahren war. Meine Augen fielen auf den Stuhl, auf dem Charlie gesessen war, als ob ich erwarten würde, dass er immer noch da wäre. Als ob ich erwarten würde, dass irgendjemand da wäre. Aber da war nur ich.

Wie immer.


Ich beschloss, dass ich zuerst zur Schule gehen wollte und mal sehen, wohin es mich danach zog. Die Schule war nicht nur einer der Orte, wo ich an der Rückverfolgung meines Lebens arbeiten wollte, sondern auch der Ort, an dem ich die meiste Zeit außerhalb Charlies Haus verbracht hatte.

Unglücklicherweise war auch hier gerade schulfrei, also kam es nicht infrage, durch die Gänge und Klassenzimmer zu wandern. Ich fragte mich, ob Charlie ein wenig seines Einflusses nutzen könnte, um mir zu erlauben, drinnen herumzulaufen, aber ich beschloss vorsichtshalber, mir diese Option als Reserve zu behalten. Wenn sonst nichts funktionierte, könnte ich noch immer als letzten Ausweg danach fragen. Fehlende Erinnerungen hin oder her, die Idee, wieder in einer High School herumzulaufen, gefiel mir nicht besonders. Es wäre fast so, als ob ich die Erfahrungen wiederholen würde. Die High School zu wiederholen – wer würde das schon freiwillig tun?

Je jünger wir sind ... desto länger können wir bleiben ...

Ich blinzelte, stand wie festgefroren in meiner leeren Parklücke und starrte das Gebäude vor mir an. Ich spürte, wie mein Herz einen Hüpfer machte und der Puls ein bisschen lauter durch meine Venen jagte. Ich schnappte nach Luft, mit einer Hand fasste ich mir auf meinen Brustkorb.

Es war eine Erinnerung. Ich wusste, dass es eine Erinnerung war. Es machte überhaupt keinen Sinn, diese zwei Sätze aus dem Nirgendwo, aber das war egal. Was zählte, war, dass ich mich daran erinnerte, sie gehört zu haben. Nicht, sie gesagt zu haben, sondern sie gehört zu haben.

Ich konnte das breite Grinsen auf meinem Gesicht nicht unterdrücken. Unsinn hin oder her, ich erinnerte mich an etwas.

Es funktionierte.

„Hallo."

Meine Hand lag noch immer angesichts dieser Enthüllung an meiner Brust, um mein Shirt geklammert, als ich als Antwort auf die Stimme hinter mir herumwirbelte. Ich hätte gedacht, ich wäre hier komplett allein gewesen. Ich schüttelte über mich selbst den Kopf. Ich muss in dieser plötzlichen Erinnerung so gefangen gewesen sein, dass ich nicht gehört hatte, wie sie näher kam.

Ich versuchte, wieder die Kontrolle über mich zu erlangen, den Schock zu verdauen und das Mädchen anzulächeln, das nun vor mir stand. Sie war klein, um einige Zentimeter kleiner als ich mit meinen 163 cm, hatte sehr blasse Haut und kurzes, schwarzes Haar, das in alle Richtungen abstand und ihr dennoch zugleich unglaublich schmeichelte. Sie war wahrscheinlich die attraktivste Frau, die ich je so nah betrachtet hatte, trotz der dunklen Ringe unter ihren Augen. Ich fragte mich heimlich, was sie wohl nachts so lange wach hielt.

„Hi", antwortete ich unbehaglich. Ich war noch nie gut im Smalltalk gewesen, besonders nicht bei Leuten, die ich nicht kannte.

„Hab ich dich erschreckt? Tut mir Leid", antwortete das Mädchen. Ihr Lächeln war fast genauso entwaffnend wie ihre glockenhelle Stimme.

„Nein, ist schon gut", versicherte ich ihr, „ich war nur für eine Minute in meinen Gedanken versunken."

„Du hast ein wenig verloren ausgesehen. Also bin ich herübergekommen." Sie lächelte wieder und streckte ihre Hand aus. „Ich bin Alice. Alice Cullen."

Ihre Stimme erschreckte mich. Je länger ich sie hörte, desto mehr zog sie mich in ihren Bann. Ich wusste nicht, was ich erwartet hätte. So klein, wie sie war, aber der sanfte Klang ihrer Worte gaukelte mir vor, sie würde singen, nicht sprechen. Das war vollkommen hypnotisierend und ich zögerte einen Moment, bevor ich mich an meine Manieren erinnerte.

„Ich heiße Bella", lächelte ich und streckte meine eigene Hand aus, um ihre zu schütteln. Sie beobachtete mich mit einem seltsamen Blick auf ihrem Gesicht, als unsere Hände sich berührten. Beinah erwartungsvoll? So irgendwie. Ich wusste vorher nicht warum, bis meine Haut ihre berührte. Sie war kalt, sehr kalt. Aber komisch, denn das überraschte oder erschütterte mich nicht im Geringsten. Fast so, als hätte ich es erwartet.

Und irgendetwas an dem zufriedenen Ausdruck auf ihrem Gesicht ließ mich fragen, ob ich dieses Mädchen wohl gekannt hatte, als ich hier gewesen bin. Ich wollte schon danach fragen, als wir beide das Vibrieren eines Handys hörten.

Sie runzelte die Stirn, zog das Mobiltelefon heraus und schaute böse auf das Display. „Entschuldige mich kurz", sagte sie, klappte es auf und drehte sich mit einem Seufzen von mir weg.

„Was willst du? Nein, das mache ich sicherlich nicht. Was meinst du, warum? Hab ich mich je umgedreht und dir erlaubt, mir etwas zu befehlen? Richtig, also werde ich jetzt nicht damit anfangen, außerdem ist etwas ... nein, natürlich werde ich das nicht tun, glaubst du, ich könnte so grausam sein? Ehrlich, ich habe auch Gefühle, weißt du. Ich bin genauso ..."

Ihre Unterhaltung, die Teile davon, die ich hören konnte, wurden von Pausen unterbrochen, während derjenige auf der anderen Leitung sprach, aber dann wurde sie plötzlich still. Oder ich dachte, dass sie es wäre. Ich hörte einen komischen, zischenden Laut, aber er war weg, bevor ich dahinter kam, was es gewesen war.

Alice drehte sich mit einem reuevollen Lächeln zu mir um. „Tut mir Leid. Mein Bruder kann manchmal ein wenig herrisch und fordernd sein, wenn er etwas nach seinem Kopf durchsetzen will."

Ich hörte ein kreischendes Geräusch auf der Straße und sah hoch, um einen silbernen Volvo zu sehen, der keine 50 Meter von uns entfernt zu einem abrupten Halt kam. Niemand stieg daraus aus, aber nach einem Moment wurde beharrlich gehupt.

„Siehst du, was ich meine? Er ist wegen den falschen Dingen zu ungeduldig, und zu geduldig bei anderen Sachen."

Ich konnte spüren, wie sich meine Augenbrauen zusammenzogen, da ich ihre Worte überhaupt nicht verstand. Mein Versuch, nachzufragen, wurde von einem weiteren Hupgeräusch aus dem Auto abgebrochen. „Es war schön, dich kennenzulernen, Alice", sagte ich höflich und wünschte, dass sie nicht gehen musste. Sie schaute das Auto böse an und ich spürte, dass ihre Abreise umso schneller kommen würde. „Vielleicht sehen wir uns mal wieder, solange ich hier bin?" Ich konnte den hoffnungsvollen Ton nicht aus meiner Stimme verbannen.

Es gab eine kurze Pause und die Augen des Mädchens starrten eine Sekunde lang unfokussiert in die Luft. Als sie schließlich antwortete, lächelte sie breit und einladend. „Das werden wir, Bella", trällerte sie und lachte beinahe. Das bislang lauteste, längste Hupen folgte ihrer Aussage und sie drehte sich mit einem letzten Winken in meine Richtung zu dem Wagen um. Eine Minute später war sie eingestiegen. Der Wagen beschleunigte bereits, noch bevor sie die Tür geschlossen hatte.

Das Geräusch der quietschenden Reifen sorgte dafür, dass mein Kopf nach oben zuckte. Genauso wie vorher, als Alice mich erschreckt hatte, gerieten mein Puls und meine Atmung in Panik. Ich sah mich gehetzt um, meine Augen musterten links und rechts den leeren Parkplatz und suchten nach einem Van.

Der Van ...

Ein blauer Van. Er geriet außer Kontrolle, blieb erst stehen, als ich schon fast gegen meinen Truck gequetscht war. Kalt. Der Boden war kalt gewesen. Ich hatte mir den Kopf angeschlagen. Ich wäre fast gestorben ... genau hier auf diesem Parkplatz.

Als ich wieder zu mir kam, saß ich auf dem Asphalt, mein Kopf in meinen Händen. Eine Hand strich über meinen Hinterkopf, über meine Schädeldecke. Ich suchte nach einer Beule, die, wie ich wusste, nicht da war.

Aber sie war da gewesen. Eine schmerzhafte Beule. Als der Van außer Kontrolle geraten war, als er stehen geblieben war, hatte ich mir meinen Kopf angeschlagen, als ich ... hingefallen war? Als ich geschubst wurde ...? Aus dem Weg.

Ich war auf eine Trage gelegt worden, man brachte mich ins Krankenhaus. Ich erinnerte mich daran, wie peinlich es gewesen war, dass die ganze Schule zugesehen hatte, dass Charlie sich aufgeregt hatte. Ich legte meine Hand an meinen Hals, erschauderte angesichts der Erinnerung an die Halskrause, die sie mir aufgezwungen hatten.

Ich erinnerte mich. Und ich wusste, wohin ich als nächstes gehen sollte.

„Es funktioniert wirklich", wiederholte ich und lachte, während ich mich schnell von der Schule entfernte und zum Krankenhaus ging.


Wenn ich in die Notaufnahme irgendeines Krankenhauses gekommen wäre, egal ob in Jacksonville oder Phoenix, egal ob mitten am Tag, ich wusste, dass etwas los sein würde. Ein paar Leute im Wartezimmer, die auf einen Kontrolltermin warteten, Schwestern und Pfleger, die von Untersuchungszimmern zum Labor oder zum Röntgen liefen und Patienten dabei herumführten.

Das wusste ich von den vielen Krankenhausbesuchen, die ich während der 18 tollpatschigen Jahre meines Lebens schon durchgemacht hatte.

Nicht so in Forks. Als die Türen sich öffneten, um mich einzulassen, wurde ich von einer Schwester am Empfangstresen gegrüßt, die gerade ein Magazin durchblätterte. Ein Kind hustete irgendwo hinter ihr.

Dankbarerweise blickte sie nicht auf, als ich herein kam, und ich konnte an ihr vorbei und den Korridor entlang durch das ganze Krankenhaus gehen, ohne von jemandem angesprochen zu werden. Das war gut, da ich nicht gewusst hätte, was ich sagen sollte. Irgendwie zweifelte ich daran, dass „ich sehe mich nur um" als Antwort ausgereicht hätte.

Aber ich sah mich wirklich um. Ich betrachtete jedes Bett, die Patienteninformationen, die Lichter, und die Rollstühle, die am Gang standen. Ich war noch immer halb in der Erinnerung vom Schulparkplatz verloren. Meine Ohren lauschten Geräuschen, die vielleicht wieder eine Erinnerung auslösen würden. Geräusche, Bilder, Gesichter, Stimmen ... Ich suchte nach allem, das irgendwie als Schlüssel in die verschlossene Tür in meinem Gehirn passen könnte.

Ich seufzte vor Enttäuschung und lehnte mich an eine Wand. Hier war nichts. Nichts, überhaupt nichts. Es war bloß eine Notaufnahme, eine weitere, die ich also im Lauf meines Lebens besucht hatte.

Seufzend drehte ich mich um. Ich war fest entschlossen, dass mir dieser Rückschlag den Fortschritt von meinem ersten Tag nicht vereiteln würde. Zumindest hatte ich mich an irgendetwas erinnert.

Meine Füße hatten sich kaum vorwärts bewegt, als ich Stimmen vom Eingang der Notaufnahme rufen hörte.

„Jemand soll sofort Dr. Cullen holen. Wir brauchen ihn hier", rief eine verärgerte Stimme, als mich die Geräusche der zum Leben erwachenden Notaufnahme einfingen.

„Was ist passiert? Sieht ja fürchterlich aus", rief eine andere Stimme.

„Der Idiot dachte, er würde heuer selbst sein Fenster reparieren. Auf einer Leiter, die älter ist als ich", kam die Antwort. „Keiner der Schnitte ist tief, aber sie liegen alle eng beieinander ..."

Der Geruch erreichte mich etwa zu der Zeit, als ich eilige Schritte hinter mir hörte. Stark und übermannend traf mich der Geruch von Rost und Salz wie die Vision von dem Van. Ich fiel auf die Knie, es war zu viel, zu schnell. Ich hatte keine Zeit, um zu Atem zu kommen. Die Welt wurde erst grau, dann schwarz. Ich war bereits bewusstlos, bevor ich hingefallen war. Ich musste bewusstlos gewesen sein, weil ich spürte nicht, wie ich am Boden aufprallte.


„Ich werde Alice ... Stücke reißen."

„Nein ... nicht."

„... hat das gesehen, das weiß ich ... darauf bestanden, hierher zu kommen?"

„Weil sie ... genauso unglücklich ... dich leiden zu sehen?"

Die Stimmen ergaben für mich keinen Sinn. Keinen wirklichen Sinn jedenfalls. Ich schwebte noch in der Leere zwischen Bewusstsein und Ohnmacht, dicht unter der Decke des Erwachens. Obwohl die Geräusche eher wie ein leises Zischen waren, einige Worte davon konnte ich verstehen.

Ich war nun wirklich schon kurz vor dem Erwachen und bekämpfte den Instinkt, meine Augen zu öffnen und sie wissen zu lassen, dass ich wach war. Ich wollte ihnen weiter zuhören, diesem hypnotischen, zischenden Sprechen um mich herum, wobei das meiste sowieso unter meiner Wahrnehmungsgrenze lag.

„... sollten gehen ... könnte jede Sekunde ..."

„... hinter ... wenn ich euch brauche ... nur noch ... Minute ..."

Etwas kaltes berührte meine Wange und zog eine Spur entlang meines Kinns. Nur eine einfache Berührung, nur eine Bewegung, und eine weitere Tür sprang auf. Ich hatte das schon mal gespürt. Die selbe Bewegung.

Ich kannte diese Berührung. Ich kannte diese Stimmen.

Mehr war da allerdings nicht – keine Namen, keine Erinnerungen, nur die Sicherheit, dass ich richtig lag. Die selbe Sicherheit, die mich in ein Flugzeug nach Forks gezogen hatte, die mich jede bekannte Erinnerung in dieser Stadt nochmals durchleben ließ, die mich in ein Krankenhaus geführt hatte, obwohl ich Krankenhäuser verabscheute.

Er war da, ich wusste es. Der Schlüssel zu all dem, zu meiner innerlichen Tortur im letzten Jahr, zu meinen verstauten Erinnerungen, die in meinem Kopf weggesperrt waren. Dieser Schlüssel war gefesselt von der Musik um mich herum und war gefangen in der kalten Berührung an meiner Wange.

„Ich kenne dich", sagte ich, meine Stimme war ein Flüstern. Mein plötzlicher Kommentar musste sie überrascht haben, meine beiden Besucher, weil ich an jeder meiner Seiten hörte, wie nach Luft geschnappt wurde. Dann merkte ich eine Bewegung, das Geräusch und das Gefühl einer leichten Brise über mir.

Aber als ich die Augen öffnete, war ich allein.

„Nein!"

Ich setzte mich schnell auf und bereute dies genauso schnell wieder, weil sich das Zimmer um mich herum wieder zu drehen begann. „Wartet!", rief ich aus, ohne nachzudenken und obwohl niemand auch nur annähernd in meiner Nähe war. „Bitte", sagte ich, meine Stimme wurde leiser. „Bitte geht nicht."

Es war niemand da, der mich hören konnte, aber ich sprach dennoch weiter.

„Bitte", sagte ich wieder, „ich will mich erinnern können. Aber das schaffe ich nicht allein. Bitte helft mir."

Ich konnte die Verzweiflung in meiner Stimme hören, konnte sie in meinem scharfen Atemzug spüren, während ich versuchte, meine Trauer zurückzuhalten. War ich schon so weit gewesen, nur damit mir nun alles wie Sand durch die Finger rieseln konnte? Mein Kopf senkte sich und die stillen Tränen kamen hoch. Ich spürte, wie sie über meine Wangen liefen, als meine Augen sich schlossen und die Tränen mit sanftem Aufschlag auf meinem Shirt landeten.

Ich spürte wieder eine kühle Berührung an meiner Wange, die die Spuren meiner Tränen wegzuwischen versuchten.

„Weine nicht."

Ich öffnete meine Augen und hob langsam meinen Kopf.


Ü/N: Wer wird es sein? Ihr könnt es sicher schon erraten. Reviewt! :-)