Finding the Key
Kapitel 3
Mein Atem blieb stehen und ich schnappte nach Luft, als ich hoch blickte. Das Gesicht vor mir war sowohl erwartet als auch unerwartet, und ich wusste nicht warum. Das einzige, dem ich momentan trauen konnte, waren meine Instinkte. Meine vorherige Reaktion war mein einziger verlässlicher Hinweis, dass ich auf der richtigen Spur war oder mich zumindest in die richtige Richtung bewegte.
„Entschuldige. Habe ich dich erschreckt? Das wollte ich nicht. Ich bin Dr. Cullen", sagte der schmerzhaft schöne, blonde Mann vor mir. Seine Hände waren zu mir ausgestreckt. Sie waren kalt und gleichzeitig war dies nichts Unerwartetes. „Ich bin mir sicher, dass du ziemlich desorientiert sein musst", fuhr er fort, als ich nicht sprechen konnte. Ich war überhaupt nicht imstande, meine Stimme zu finden. „Aber du bist in Ordnung. Du hast keine einzige Beule und keinen einzigen Kratzer abbekommen. Es sieht so aus, als wärst du ohnmächtig geworden, als mein letzter Patient gerade hereingebracht worden war."
Er hatte seinen Kopf zur Seite geneigt, als er mich oder wohl eher das Stirnrunzeln auf meinem Gesicht betrachtete.
„Aber Sie ... ich habe gehört ..." Ich brach ab, als er weiterhin verwirrt dreinblickte. „Ich hab Sie gehört, als ich wieder zu mir gekommen bin. Sie und ... noch jemanden ..." Ich sah mich um und versuchte, hinter ihm nach der Herkunft der zweiten Stimme zu suchen.
Meine Entschlossenheit geriet nicht ins Wanken, nicht einmal in meinem schwindelnden Kopf. „Sie werden mich gehört haben, Miss Swan, aber ich versichere Ihnen, ich habe Mr. Phillips behandelt, nachdem er hier eingeliefert wurde. Ich werde manchmal ein wenig laut, wenn ich arbeite. Vielleicht haben Sie das gehört?"
Der Doktor wusste also Bescheid.
Ich hörte den Satz in meinem Kopf, wieder öffnete sich eine dieser kleinen Türen, und ich erinnerte mich. Ich hatte diese Unterhaltung schon einmal geführt, oder zumindest verlief sie ähnlich. Und sie hatte in diesem Krankenhaus stattgefunden, während dieser Arzt mich behandelt hatte. Ich wusste es und war dankbar dafür.
„Dr. Cullen", sagte ich und versuchte etwas anderes. „Sind sie mit einer Alice Cullen verwandt? Ich habe sie vorhin getroffen, bei der Schule."
Ich beobachtete ihn genauso sorgfältig wie er mich, und eine weitere, jüngere Erinnerung schob sich in den Vordergrund meiner Gedanken. Das Flüstern, das ich gehört hatte, als ich wieder zu Bewusstsein gekommen war. War nicht eines der Worte, die ich gehört hatte, Alices Name gewesen? Ihre Gesichter, ihre Stimmen, ihre kühle Haut, sogar die dunklen Schatten unter ihren Augen – sie mussten einfach verwandt sein oder zumindest irgendwie miteinander zu tun haben.
„Ja", meinte er ein wenig zögerlich, aber mehr sagte er nicht.
„Sind Sie ihr ... Bruder?", riet ich, obwohl dieses Wort falsch klang.
„Eigentlich bin ich ihr Vater." Er fuhr fort, bevor ich dagegen protestieren konnte, dass offensichtlich so ein junger Mann der Vater eines Teenager-Mädchens sein konnte, und schon gar nicht der Vater mehrerer Teenager. „Meine Frau und ich haben ein paar Teenager adoptiert. Tatsächlich ..."
Hinter mir ertönte ein kleines, zischendes Geräusch und dann ein tiefes Grollen von irgendwo hinter ihm, wodurch die Fragen unterbrochen wurden, die mir bereits auf der Zunge lagen. Wir blickten uns beide nach der Quelle der Geräusche um. Ich drehte mich um, um hinter mich zu blicken, und er sah nach seinem Patienten. Als ich keinen Grund für dieses zischende Geräusch fand, sah ich mich in der Notaufnahme um und in Richtung des anderen Geräuschs, das ich gehört hatte. Ich sah den Mann, der vorhin hereingebracht worden war und der gerade auf seiner Krankentrage aufwachte. Ich sah wieder den Arzt an, gerade rechtzeitig, um zu erkennen, dass ... etwas über sein Gesicht zuckte. Es sah beinahe aus wie Verzweiflung, aber das machte keinen Sinn.
„Entschuldige mich, Bel... Mis Swan, es sieht so aus, als würde mein anderer Patient meine Aufmerksamkeit benötigen."
Er war weg, bevor ich noch etwas sagen konnte. Er bewegte sich schneller, als man es für möglich halten würde. Wieder schien dies aber nicht falsch zu sein. Zu meiner Verärgerung sah dies richtig aus. Oder normal für ihn, auf jeden Fall.
Das Hoch meines ereignisreichen ersten Tages in Forks ebbte ab, nachdem zwei langweilige Tage folgten. Zwei Tage waren vergangen mit nichts mehr als aufblitzenden Erinnerungsteilen. Aufblitzende Erinnerungen, die für mich überhaupt keinen Sinn machten und, wenn möglich, noch frustrierender waren als die Leere in meinen Erinnerungen.
Der Frust begann an mir zu nagen. Er verfolgte mich in den Schlaf und beeinflusste meine Träume. Der eine Traum, der immer wieder gekommen war, seit ich nach Jacksonville gezogen war, war verschwunden, nur um von noch schlimmeren Alpträumen heimgesucht zu werden. Alpträume, die gemeinsam mit meinen verwirrenden Erinnerungsblitzen immer intensiver wurden.
Ich hörte Stimmen, aber konnte die Worte nicht verstehen. Musik spielte in meinem Kopf, Debussy gemeinsam mit ein paar anderen Songs, die ich nicht kannte. Kreischende Bremsen und sanftes, melodisches Gelächter. Das Geräusch, wenn ein Baseball auf einen Schläger traf – Charlies nächtliches Baseball Gucken vermischte sich ohne Zweifel mit den vielen Bildern. Äste folgen vorbei, Autotüren wurden zugeworfen, der Duft von Lasagne. Meine Blutgruppe, Zellkernteilung, Trigonometrie. Salzige Luft, rauschende Wellen und tanzendes, blaues Feuer.
Brannte Feuer jemals blau? Ich glaube nicht. Manchmal, so schien es, stammten diese Bilder bloß aus meiner Fantasie, sodass es schwierig für mich wurde, die Bilder zwischen tatsächlichen Erinnerungen und Einbildung zu unterscheiden.
Ich versuchte, jedes Bild festzuhalten, einzufrieren und es nach irgendeiner Verbindung zu meinen wenigen Monaten in Forks zu untersuchen, aber jedes Mal entwischten sie meinen Gedanken, wie wenn Sand durch meine Finger rieseln würde. Ich blieb mit nichts zurück, was ich mit den einzelnen Erinnerungen, die sich mir aufgetan hatten, verknüpfen konnte.
Nicht dass diese Erinnerungen mir viel geholfen hatten. Was hatte ich herausgefunden? Ich hatte Alice Cullen und ihren Adoptivvater, den Arzt, gekannt. Dieser Arzt hatte mich einmal nach einer Art Unfall am Schulparkplatz behandelt. Ich kannte beide Cullens gut genug, dass mir ihre schönen Gesichter, melodischen Stimmen und die kühle Haut nicht fremd waren.
Ich kannte sie, aber offensichtlich nicht gut genug, dass sie mir helfen würden, die einzelnen Teile zu sortieren, damit ich das Puzzle zusammenbauen konnte. Beide waren beinahe vor mir davongelaufen, das Gesicht des Arztes schien erleichtert, von mir wegzukommen. Sicher, Alice wurde von dem beharrlichen Hupen des Autos auf der Straße weggerufen. Mein Frust wallte wieder hoch. Verdammt sei derjenige, wer auch immer hinter dem Steuer des Volvos gesessen hatte. Weil auch wenn der Arzt nicht so angenehm zu sein schien, war Alice es allemal. Ein Motorengeräusch summte in meinem Kopf, tief und stark, nur um von einem betäubenden Aufheulen meines Trucks ersetzt zu werden.
War ich schon mal in dem Auto gewesen, das Alice fort gebracht hatte? Ich dachte zurück an das Geräusch der quietschenden Bremsen, als es von der Schule davongefahren war, und dachte, dass das eventuell der Fall sein könnte, aber da war nichts, was konkret genug war, damit eine weitere Tür sich öffnete.
Den ganzen Tag lang und auch in der Nacht dachte ich wieder und wieder darüber nach. Alice war bereitwillig gewesen, aber der Arzt ... wie war er gewesen? Misstrauisch? Besorgt?
Ich stand in meinem Zimmer und sah mit meinen Händen am Fensterbrett hinunter auf Charlies Vorgarten. Da war nichts zu sehen außer der grüne Rasen, der Streifenwagen meines Vaters und der nasse Asphalt unserer Straße, aber ich war irgendwie gezwungen, hinunter zu starren. Irgendetwas am Fenster lockte mich wieder und wieder an.
Und dann kam mir eine Stimme, ein Satz, laut und beharrlich in den Sinn. Es kam aus dem Nirgendwo und übertönte alles andere, jedes noch so kleine Bild, und ließ mich zu meinem Bett taumeln, um mich zu setzen, bevor meine Knie komplett nachgaben und ich zu Boden fiel.
Diesmal war es eine Stimme, die ich kannte. Ich kannte sie, weil es meine war.
Ich habe keine Angst vor dir.
Obwohl das Haus still war, hallte der Satz um mich herum nach, fast so als ob ich die Worte in meiner Wirbelsäule spüren konnte, in Mark und Bein. Weil mit dieser Erinnerung, mit diesem Satz, kam auch die Sicherheit, dass es eine Lüge gewesen war.
Ich habe ... oder hatte Angst. Sehr, sehr viel Angst. Und ein Teil von mir fürchtete sich immer noch. Angst vor dem „dir"? Ich hatte keine Ahnung, woher ich das wissen sollte. Der Gedanke fühlte sich falsch und zur gleichen Zeit auch richtig an. Aber da war auch die Furcht, Furcht vor etwas Nebligem, etwas, das ich nicht sehen konnte.
Ich spürte, wie eine Panikattacke aufkam, und hoffte, dass ich sie zurückhalten konnte. Ich bewegte mich zurück, um mich an das Kopfteil zu lehnen. Meine Finger suchten nach meiner alten, kleinen Narbe und streichelten sie. Als ich merkte, dass es half, dass der kalte Halbmond auf meiner Hand Beruhigung ausströmte, konzentrierte ich mich auf tiefe Atemzüge, um meinen Körper weiterhin zu entspannen, um das unstete Jagen meines Herzens zu verlangsamen, bevor es aus dem Ruder lief. Meine Augen schlossen sich und langsam, sehr langsam, entkrampfte sich mein Körper. Mein Puls wurde stiller, mein Atem tiefer, und ich schlief ein.
Ich laufe. Fliege. Bewege mich schnell. Die Bäume und Sträucher sind grüne Flecken links und rechts von mir. Ich halte mich fest. Arme halten mich fester. Ich lache.
Ich habe keine Angst.
Geräusche hinter mir. Jemand jagt. Jemand jagt mich. Aber ich bin in Sicherheit. Beschützt.
Ein tiefes Grollen und ich bewege mich weg. Ich muss. Ich muss springen, ausweichen, retten. Sie? Ihn? Ich weiß es nicht. Angst pulsiert in meinem Körper, aber ich habe keine andere Wahl. Ich muss ... muss ... Ich habe Angst, mich zu bewegen, aber noch mehr Angst zu bleiben. Der Verlust würde unerträglich.
Schmerz. Ich spüre hier Schmerzen. Ich fliege wieder, falle zu Boden. Alles, das ich spüre, ist Schmerz. Er ist überall – Körper und Seele. Es verbrennt mich von innen, bewegt sich durch meinen Körper, tief, tiefer. Es reißt mich auseinander. Reißt alles weg, was wertvoll ist ... was wichtiger als Atmen ist.
Ich habe keine Angst.
Solltest du aber. Meine Schuld. Ich gehe.
Nein! Ich schreie, dann schreie ich wieder. Nein!
Ja.
Ich spüre, wie es mir entgleitet, kann spüren, wie meine Seele in der Mitte bricht. Ich bewegte mich, ich ging, ich hatte keine Angst, aber die hätte ich haben sollen. Ich hätte nicht aufspringen sollen, hätte ich denken sollen. Meine Sorglosigkeit wird mir Schmerzen jenseits der Vorstellungskraft bringen, meine Schmerzen werden zu mehr führen. Ich treibe dahin, treibe davon, weg.
Ich verliere alles.
Verlass mich nicht.
Aber es ist zu spät. Ich bin bereits allein.
"NEIN!"
Ich wachte schreiend auf, meine Arme waren nach etwas ausgestreckt. Oder nach jemandem? Ich war mir nicht sicher. Was auch immer es war, was auch immer ich verloren hatte, ich war von selbst davongelaufen. Angst hatte mich von der Sicherheit zu den Schmerzen geführt. Das war meine Schuld.
Ich vergrub den Kopf in meinen Händen und weinte für einen Verlust, den ich nicht verstand, den ich aber bis in die Tiefen meiner Seele spürte.
Intermezzo – Edward
Es gab Zeiten, zu denen waren unsere gesteigerten SInne eher ein Fluch als ein Segen. Als ich unter den Bäumen hinter Bellas Haus versteckt stand, hörte ich ihre harschen und abgehackten Schluchzer und konnte überhaupt nichts tun, außer ein paar junge Bäumchen zu entwurzeln. Ich beschloss, dass Fluch ein zu milder Ausdruck dafür war.
Tortur passte schon ein bisschen besser.
Ich konnte jedes harsche Schnappen nach Luft hören, jede Träne fallen hören, und all das traf mich wie eine Lanze durch mein Jahrzehnte altes Herz. Ich war nur knapp aus ihrem Zimmer entkommen, bevor sie aufwachte und in die Höhe schoss. Und nun stand ich hier, hörte, wie sie zu Boden fiel. Meine Hände juckten danach, ihr Trost zu spenden.
Als Alice ihre Vision gehabt hatte, als sie mir erzählt hatte, dass Bella zurückkam, war mein einziger Gedanke, dass ich von ihr fern bleiben musste. So schrecklich die endlosen Tage ohne sie gewesen waren, ich wusste, es war zu ihrem Besten. Bella war frei von mir, auf die beste, nur mögliche Art. Frei, ihr Leben ohne Angst oder Schmerzen zu leben, ohne die ständige Gefahr, wenn ich ihr nahe war.
Das war, was ich wollte. Von dem Augenblick an, in dem ich erkannte, dass ich sie liebte, wusste ich, dass ich ihr dennoch fern bleiben sollte. Dieser Gedanke, diese Idee war leicht, um daran zu denken. Sie aber umzusetzen, hatte sich als unmöglich herausgestellt.
Nun hatte ich meine zweite Chance. Eine perfekte Chance. Wie konnte ich besser sicher stellen, dass Bella in Sicherheit war? Sie konnte Forks besuchen und nicht klüger als zuvor wieder abreisen. Mit den Cullens im Allgemeinen und mir im Besonderen, blieb nichts mehr als ein weißer Fleck in ihrem Unterbewusstsein übrig, den sie nicht einmal vermissen würde. Es waren ja nur vier Monate unseres Lebens. Eigentlich bedeutete es für mich eine kürzere Zeitspanne, da ich schon so viele Jahrzehnte gelebt hatte, aber dennoch.
Würden ihr diese verlorenen Monate auch noch in zehn oder zwanzig Jahren fehlen?
Ein weiteres Seufzen brach durch meine Gedankengänge. Der Schmerz durchbohre mich ein weiteres Mal. Ich musste meine Muskeln verkrampfen, um nicht zurück durch dieses Fenster zu springen.
Wem machte ich hier eigentlich etwas vor?
Ich wusste genauso gut wie zuvor, dass ich ihr nicht fern bleiben konnte. Die Tatsache, dass ich hier stand und die Pflanzen in meiner Umgebung ausriss, bewies es ausreichend.
Ich musste zur Hölle verdammt sein, wie ich immer dachte – ich schaufelte mir mit guten Vorsätzen mein eigenes Grab, wenn man das so sagen konnte. Und genauso wie letztes Mal, würde ich ihnen nicht nachgeben. Ich konnte es nicht
Bella litt Schmerzen. Und ich tat nichts dagegen. Ich fühlte mich wie ein Monster, dafür, dass ich sie liebte und sie nah bei mir hielt, wenn ich doch so gefährlich war. Aber war ich weniger ein Monster, wenn ich ihr nicht mit den Schmerzen half, die sie spürte? Wenn ich sie in diesem Fegefeuer der Unwissenheit schmoren ließ, wenn ich zugleich all die Antworten auf ihre Fragen wusste, die wie Splitter unter ihrer Haut steckten?
Während ich mit mir selbst kämpfte, verstummte ihr Seufzen und wurde zu einem Schniefen und schließlich zu einem tiefen Atmen. Nicht viel später begann sie zu murmeln. Dann sprach sie deutlich genug, dass ich es von meinem Versteck aus auch hören konnte.
„Ich vermisse dich."
Mein Körper wurde steif. Ein weiterer Ast zerbrach unter meiner Hand und ich spürte wieder dieses allumgreifende Gewicht meiner Liebe zu ihr. Genauso wie in der Nacht, als sie zum ersten Mal meinen Namen gesagt hatte, durchströmten mich die Gefühle und trugen mich hinfort. Wie konnte ich von ihr fern bleiben?
Bella schlief tief ein und ich entspannte mich. Dann begann ich nachzudenken. Zum ersten Mal, seit ich wusste, dass sie zurückgekommen war, dachte ich über die Möglichkeit nach, sie wiederzusehen. Von Angesicht zu Angesicht.
Was, wenn ich mich einfach nicht mehr versteckte? Mich nicht mehr in den Schatten herumschlich wie eine billige Verfilmung meiner wahren Natur? Würde ich damit klarkommen, wenn sie mich wieder voll Verwirrung und Misstrauen ansehen würde? Ihre warmen, braunen Augen, die nicht mehr als einen Fremden sahen?
Ich wusste es nicht. Aber das Echo ihres heftigen Kummers hallte noch in meinem Kopf wider und war eine sanfte Erinnerung daran, dass ihr Leben ohne mir genauso leer war wie mein Leben ohne sie. Meine Fähigkeit, an meinen guten Vorsätzen festzuhalten, schwand dahin. Und zwar schnell.
Ich verließ ihr Haus und begab mich auf den Heimweg, als sie schließlich tief und fest schlief. Mit jeder Meile änderte ich meine Pläne. Ich konnte sie anrufen und einen Weg finden, damit wir uns treffen konnten. Ich konnte sie nicht anrufen und sicher gehen, dass sie in Sicherheit war, sich aber mieserabel fühlte. Ich bewegte mich langsamer als ein Mensch und brauchte somit lange für den Heimweg. Bis die Nacht in einen bewölkten Morgenhimmel übergegangen war, kam ich zu Hause an.
Alice wartete bereits auf mich, als ich ankam, und hatte ein Stirnrunzeln auf ihrem elfengleichen Gesicht. Sie tappte erregt mit den Zehen auf den Boden. Sie kam auf mich zu und riss mein Handy aus meiner Jackentasche. Bevor ich es mir zurückholen konnte, wählte sie bereits eine Nummer.
„Deine Unentschlossenheit bereitet mir Kopfschmerzen, Edward. Ruf sie einfach an und sieh, was passiert. Gib deinem Drang nach, okay?"
Ich versuchte zu protestieren, aber sie unterbrach mich mit einem Blick. „Du weißt, irgendwann würdest du sowieso anrufen. Ehrlich, wenn Angst eine olympische Disziplin wäre, würdest du Weltrekorde aufstellen. Du liebst sie, sie liebt dich. Zeig dich ihr, sprich mit ihr. Gib ihr zumindest die Chance, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Gib ihr wenigstens so viel."
Sie drückte auf den grünen Knopf, bevor ich es ihr wegnehmen konnte. Sie hielt das Handy gerade lang genug, bis wir beide die verschlafene Stimme am anderen Ende hören konnten. Dann schob sie es in meine Hand und lief zurück ins Haus.
Resigniert hob ich das Telefon an mein Ohr und sprach.
„Charlie? Hier ist Edward Cullen." Ich machte eine Pause, ließ ihm dies bewusst werden, und sprach weiter. „Sie hat nach mir gefragt. Nicht mich, nicht direkt, aber sie hat gefragt." Ich wusste, er würde keine weiteren Erklärungen benötigen, nicht mal in seinem verschlafenen Zustand, also sprach ich ohne Pause weiter. „Aber ich brauche Ihre Unterstützung, wenn ich ihr helfen soll."
Der Begriff „ausgezehrt" reichte nicht aus, um meinen Zustand zu beschreiben, als ich am nächsten Morgen endlich aus meinem Schlaf erwachte. Langsam machte ich mich auf den Weg die Treppen hinab und ging um die Ecke in die Küche. Charlie war da, was selten war an einem Samstag. Die Zeitung lag ausgebreitet vor ihm auf dem Küchentisch.
„Morgen, Dad", krächzte ich. Meine Stimme war immer noch heiser von den Tränen der letzten Nacht.
„Morgen, Bella", antwortete er abwesend. Er hob die Augen nicht von der Zeitung, die er gerade las.
Ich kramte in den Schränken herum und suchte mein Müsli und eine Schüssel. Ich bereitete das Frühstück zu, obwohl ich nicht sehr hungrig war. Leise aß ich, während Charlie weiterlas. Die unausgesprochene Frage, wie ich diese Nacht geschlafen hatte, hing zwischen uns in der Luft. Ich war mir nicht sicher, ob ich im Schlaf geschrien hatte, aber ich wusste wegen meiner geschwollenen Augen, dass ich geweint hatte. Charlie, der sich mit weiblichen Emotionsausbrüchen nicht wohl fühlte, hatte offensichtlich beschlossen, die Frage nicht zu stellen, auf die er keine Antwort bekommen wollte.
Das schätzte ich an ihm. Ich hatte eine schwierige Nacht hinter mir, hatte mich zusammengekrampft und Träume durchlebt, die ich nicht verstand. Charlie musste nicht mit mir mitleiden.
„Das erinnert mich an etwas", sagte er schließlich, drehte die Zeitung in meine Richtung und deutete auf einen Artikel über eine neue Statue, di in der etwas größeren Nachbarstadt namens Port Angeles aufgestellt worden war. „Du und deine Freunde, ihr habt jede Menge Zeit in Port Angeles verbracht, während du hier warst. Du weißt schon, Abendessen, Shopping und solche Sachen. Ich hab mich gefragt, ob du heute versuchen möchtest, dort ein bisschen herumzulaufen. Das Wetter sieht gut aus für heute."
Ich wiederholte den Namen der Stadt nochmals in meinem Kopf, als ich den letzten Bissen meines Müslis kaute. Er hatte keine Bedeutung für mich, außer als Zwischenstop auf meiner Reise von Jacksonville nach Forks. Ich erinnerte mich daran, wie Gebäude an mir vorbeiflogen, nachdem Charlie mich abgeholt hatte, aber nicht mehr.
Dennoch schoss eine Welle der Erregung durch meine Wirbelsäule. Nachdem ich mich tagelang an nichts Neues erinnert und eine Nacht voll unerträglicher Seelenqual erlebt hatte, hatte ich plötzlich eine andere Richtung vor mir, in die ich gehen konnte. Ein neuer Ort, den ich erforschen und nach Schlüsseln durchsuchen konnte, um damit vielleicht Türen zu öffnen und andere zu schließen, die während meiner Pein der letzten Nacht aufgegangen waren.
„Das hört sich großartig an, Dad. Danke."
Nachdem ich mich geduscht und angezogen hatte, kletterten wir in den Streifenwagen und fuhren los. Da wir beide nicht besonders gut waren, was den Smalltalk betraf, machten wir das Radio an, um die Stille zu verdrängen, während der Wagen langsam die Meilen zwischen Forks und Port Angeles hinter sich brachte. Eine Stunde später hielten wir außerhalb eines Kaufhauses an.
Ich schnappte meine Handtasche und öffnete die schwere Tür, bevor ich mich zu Charlie umdrehte.
„Bist du dir sicher, dass du das alleine machen willst?", fragte er mit einer Sorgenfalte auf seiner Stirn.
Ganz sicher, Dad. Wir treffen uns hier in ein paar Stunden." Ich machte eine Pause und lächelte. „Mir geht's gut."
Charlie nickte einfach und setzte sich gerader hin, als ich aus dem Streifenwagen ausstieg und die Tür schloss. Ich sah, wie er wegfuhr. Ich holte tief Luft und atmete wieder aus. Ich ließ meine Augen die Straße entlang wandern und suchte nach irgendetwas, das mir entfernt bekannt vorkam. Und dazu zählte nicht das goldene M eines McDonalds am Ende der Straße.
Wild entschlossen, mindestens ein Ding zu finden, an das ich mich aus meiner Vergangenheit erinnerte, ging ich los die Straße entlang. Ich ließ ein Kleidungsgeschäft hinter mir und ging eine Weile. Ich kam an einem Buchladen vorbei, der eher so aussah, als wäre er auf New Age Sachen spezialisiert anstatt auf Klassiker und Romane. Ich spähte in die anderen Schaufenster und fand noch immer nichts Interessantes, nichts, das eine Erinnerung weckte.
Dann bog ich um eine Ecke und spürte es wieder – das Gefühl der Unbehaglichkeit, für die es keinen Grund gab. Es war dem Gefühl ähnlich, das ich auf dem Schulparkplatz gehabt hatte, als ich mir einen imaginären Van vorgestellt hatte, der auf mich zugeschlittert kam. Der Van war nicht da gewesen. Aber die Angst war es allemal.
Die Angst war auch jetzt hier. Etwas war in dieser Stadt (in dieser Straße?) passiert, und es war nicht angenehm gewesen. Aber es war mir egal, ich wollte nicht nur meine Erinnerungen an Plüschhäschen und dergleichen zurückhaben. Ich wollte sie alle, die guten und die schlechten, Konsequenzen hin oder her.
Ich spürte, wie meine Beine mich zogen, mich um die Ecke biegen ließen. Ich verschwendete keine Aufmerksamkeit auf die Richtung, in die ich ging, nur auf die Häuser und Gerüche um mich herum. Nichts davon war recht interessant. Zugenagelte oder leere Geschäftslokale, ein wenig Müll in den Gullis, eine extrem heruntergekommene Bar, die anscheinend geschlossen war.
Ich blieb stehen. Mein Puls beschleunigte sich etwas, weil ich auf eine Erinnerung wartete, als ich die Tür der Bar genauer betrachtete.
Sei nicht so, Zuckerschnecke.
Und wieder war es da. Klar und deutlich, als ob die Stimme des Mannes gerade hinter mir ertönte und nicht in meiner Erinnerung. Ich wusste, ich hatte gehört, wie jemand das sagte. Ich wusste, dass es eine Verbindung zu dieser Bar gab. Zu diesem Ort. Zu der Angst, die ich wie Eiswürfel meine Wirbelsäule hinab spürte.
Und an diesem Punkt gewann mein Fluchtinstinkt die Oberhand. Es war egal, dass ich mitten an einem bewölkten Nachmittag alleine in dieser Straße war, alles, was mein Körper wusste, war, dass ich hier weg musste. Sofort.
Ich rannte nicht, so dumm war ich auch wieder nicht, aber ich ging ziemlich schnell. Alle paar Schritte warf ich einen Blick über meine Schulter, um nach einer Bedrohung Ausschau zu halten, die nicht da war. Ich versuchte, mich selbst zu beruhigen, um die Panik zu unterdrücken und zu besänftigen, aber nichts funktionierte. Es half nicht einmal, wenn ich die seltsame Narbe auf meiner Hand berührte. Ich wusste nur, dass ich mich bewegen musste, hier wegkommen musste ...
Mir wurde plötzlich die Luft aus den Lungen gepresst, als ich genau in eine Wand lief. Ich stolperte ein paar Schritte zurück, schüttelte den Kopf aufgrund meiner eigenen Irrationalität und Abgelenktheit, dass ich nicht einmal mitbekam, wie ich mich umdrehte.
Nur dass ich mich nicht umgedreht hatte. Und ich war auch nicht in eine Wand gelaufen. Nicht wenn die Wände in Port Angeles Hände hatten, die zum Vorschein kamen, um ausgeflippte Touristen festzuhalten und zu stabilisieren.
„Geht's dir gut?", fragte mich die Wand und ließ ihre Hände fallen, als es schließlich so aussah, als würde ich nicht mehr gleich zu Boden fallen.
Ich sah hoch. Mein Kopf wusste irgendwie, dass ich hochblicken musste, um in das Gesicht vor mir zu sehen.
Dann gaben meine Knie vollends nach und ich sackte zu Boden.
Ü/N: Tja, wer könnte das wohl wieder gewesen sein? Kommis sind sehr gerne gesehen!
