Finding the Key

Kapitel 4

Die Wand ließ mich los, fing mich aber eine Sekunde später wieder auf, als meine Beine nachgaben. Diese Hände, stark und kalt, aber zugleich sanft, hielten mich fest und bewahrten mich davor, zu Boden zu fallen.

Nein, es war keine Wand. Ein schöner junger Mann mit bernsteinfarbenen Augen und einem einfach atemberaubenden Gesicht. Ich war noch erstaunter, als wenn ich wirklich in eine Wand gelaufen ware. Mein Blick wurde verschwommen.

„Bella? Was ist denn?", fragte er sanft, sein Tonfall klang besorgt.

In diesem Moment war ich froh, dass er mich nicht losgelassen hatte, seit ich zum zweiten Mal fast auf dem Asphalt gelandet wäre. Seine Stimme, sie klang so sehr wie die des Arztes, so sehr wie die von Alice, aber zugleich so anders. Anders und hypnotisierend. So sanft wie eine Streicheleinheit zog sie mich aus der Dunkelheit, die um mich herum lauerte. Ich zwinkerte mit den Augen, verdrängte die dunklen Flecken in meinem Sichtfeld und versuchte, mich wieder zu sammeln.

Seine Augen sah ich zuerst. Braun, dachte ich, aber ich änderte fast sofort wieder meine Meinung. Sie waren golden. Warm, wie sanftes Karamell, und komplett auf meine fixiert. Ich öffnete meinen Mund, aber konnte kein Wort sprechen. Ich gaffte ihn nur an, weil ich mich endlich genug zusammengerissen hatte, um sein Gesicht zu betrachten. Ich konnte keinen vollständigen Satz bilden. Nicht einmal in meinen Gedanken konnte ich etwas sagen, das nicht komplett gestottert war. Ich starrte in sein umwerfendes Gesicht. Hatte ich jemals jemanden gesehen, der so wunderschön war wie dieser Mann?

Meine Lider flatterten und es machte wieder Klick in meinem Kopf. Oder bildete ich mir das nur ein?

„Hallo? Bist du da?", fragte er. Die Besorgnis war deutlich in seiner Stimme zu hören, auch als er einen Mundwinkel zu einem halben Grinsen hochgezogen hatte.

Ich spürte, wie dieses Lächeln von Kopf bis Fuß reichte. Es sorgte dafür, dass mein Herz schneller schlug als je zuvor. Es hämmerte in meiner Brust wie ein wildes Tier, das sich befreien und ausbrechen wollte. Ich war extrem froh, dass er es nicht hören konnte.

„Ich ... mir geht's gut", brachte ich hervor. Meine eigene Stimme klang rau im Vergleich mit seiner. Nicht zu vergessen, dass sie zitterte. „Ich ... ich glaube, ich kann jetzt aufstehen", fügte ich hinzu, weil er mich noch immer festhielt. Ich bedauerte es, das gesagt zu haben, sobald mir die Worte über die Lippen gekommen waren.

Der Blick auf seinem Gesicht sagte, dass er davon noch nicht so ganz überzeugt war. „Klar, natürlich", antwortete er und sein Atem streifte über mein Gesicht.

Einen Moment zuvor hatte ich geglaubt, dass es nichts ansprechenderes geben konnte als seine Augen oder seine Stimme oder sein wunderschönes Gesicht mit diesem herrlich schiefen Lächeln. Dann drang das Parfüm seines Atems durch meine Sinne. Dieser Duft machte meinen vorigen Gedanken zunichte, aber ich zweifelte, dass es auch nur irgendeine Stelle seines Körpers geben würde, die ich nicht ansprechend finden würde. Ich hatte noch immer mit den Auswirkungen zu kämpfen, die er meinen Sinnen bescherte, als er sich aufrichtete und jeden körperlichen Kontakt mit mir löste.

Er trat einige Schritte zurück und ich wimmerte aufgrund dieses Verlustes. Mein Körper schwankte sogar in seine Richtung und es kostete mich einiges an Überwindung, meine Füße dort zu lassen, wo sie waren.

Dennoch starrte ich ihn noch immer an. Ich konnte damit nicht aufhören, und um die Wahrheit zu sagen, versuchte ich es nicht einmal ernsthaft. Meine Augen wanderten über sein Gesicht und nahmen jedes Detail in sich auf, so wie ein ausgetrockneter Schwamm ein großes Glas Wasser aufsog.

Dann kehrte mein Verstand plötzlich wieder zu mir zurück. Ich zwinkerte zu diesem wunderschönen Mann hoch, versuchte, mich durch sein Gesicht, seine Stimme und seinen Atem nicht allzu sehr ablenken zu lassen, und dann begriff ich, was ich vorher überhört hatte.

„Du hast mich Bella genannt", staunte ich.

Nun war er an der Reihe, zu zwinkern. „Ja, das habe ich, glaube ich", antwortete er mit zusammengezogenen Augenbrauen.

„Du hast mich gekannt? Als ich früher hier gewesen bin?"

Das Stirnrunzeln vertiefte sich, während etwas komplett Unbeschreibliches in seinen Augen aufflackerte. Diese Augen. Ich konnte nicht wegsehen, genauso wenig wie er. Unsere Blicke waren in einander gefangen, als ob keiner von uns es ertragen könnte, die Verbindung zu unterbrechen. Ich begann mich zu fragen, wie gut ich ihn wohl gekannt hatte. Wie gut hatte ich ihn wirklich gekannt, wenn ich nicht mal seinen Namen wusste? Zumindest das konnte ich leicht herausfinden.

„Wie heißt du?"

„Mein Name ist Edward Cullen", sagte er simpel. Dann streckte er seine Hand nach mir aus und ich schüttelte sie automatisch. Es war, als hätte ich eine elektrische Leitung berührt – eine Energieströmung breitete sich meinen Arm hinauf aus und momentan verlor ich komplett die Fähigkeit, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Ich schüttelte meinen Kopf und schloss meine Augen, um mich besser konzentrieren zu können. Er kannte mich, aber ich wusste nichts über ihn – ich hatte keine Erinnerung an ihn, nur meine Sinne erkannten ihn wieder und fielen über mich her.

Aber waren dies echte Erinnerungen? Oder zog ich falsche Schlüsse, seit ich nach meiner Rückkehr Alice und den Arzt getroffen hatte - anderen Cullens ...

„Tut mir Leid, ich erinnere mich nicht an dich, Edward." Fehlendes Gedächtnis hin oder her, mir entging das angenehme Schaudern nicht, das durch mich hindurch schoss, als ich seinen Namen sagte. Ich konnte mich nicht bewusst an ihn erinnern, aber den Reaktionen meines Körpers nach zu urteilen, kannte ein Teil meines Unterbewusstseins ihn doch. „Wir waren Freunde?" Eigentlich hätte es eine Aussage sein sollen, aber im Endeffekt klang es doch wie eine Frage.

„Ja, Bella", sagte er sanft und mit tiefer Stimme. „Wir waren Freunde."

Diesmal war ich aufmerksamer. Da lag etwas in seiner Stimme, als er sprach. Erleichterung? Bedauern? Traurigkeit? Freude? Ich konnte es nicht sagen. Aber das Geheimnis dahinter faszinierte mich und ich war fest entschlossen, es herauszufinden. Wie konnte man etwas sagen und gleichzeitig den Eindruck erwecken, etwas ganz anderes zu meinen?

Irgendwie gelang es mir zu sprechen, trotz dem panischen Klopfen meines Herzens, das seine einfache Aussage ausgelöst hatte. „Es ist schön, dich zu treffen, Edward. Ah, dich wieder zu treffen, schätze ich."

Er schenkte mir wieder sein schiefes Grinsen und zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit spürte ich, wie die Hitze in meinem Gesicht sich ausbreitete. Ich errötete gerade.

Er hob seine Hand, wollte wieder nach mir greifen, genauso wie er mir vorher die Hand geschüttelt hatte, aber dann ließ er sie wieder fallen.

„Ebenfalls", sagte er. Der Moment zog sich in die Länge, wir zwei standen nur einen Meter von einander entfernt. Unsere Augen starrten gebannt in die des anderen, als ob sie nie wieder wo anders hinsehen könnten. Ich konnte sehen, wie es hinter seinen tief goldenen Augen arbeitete, aber ich war mir nicht sicher, was er wohl dachte.

„Erzählst du mir, was passiert ist? Nachdem du fort gegangen bist, meine ich."

Ich biss mir auf die Lippe und er bewegte sich neben mir, während wir uns langsam von der geschlossenen Kneipe entfernten und uns dem belebteren Teil der Stadt näherten.

„Du bist nicht mehr in die Schule gekommen", fuhr er fort, als ich nichts sagte. „Nach den Frühlingsferien. Niemand wusste mit Sicherheit warum, aber es ging das Gerücht um, dass du irgendwie verletzt gewesen wärst. Dann erzählte Chief Swan allen, dass du weg warst, um bei deiner Mutter zu wohnen."

„Ja, das stimmt. Ich ging nach Jacksonville und wohnte bei meiner Mom."

Seit ich in diesem Krankenhaus aufgewacht war, war ich mir einer Sache sicher. Dieses eine wusste ich trotz aller Vernunft oder Logik. Es gab irgendein Geheimnis um die Tatsache, dass ich Forks verließ. Etwas, das ich niemandem erzählen konnte. Geheimnisse, die ich bewahren müsste, obwohl ich nicht ganz verstand warum.

„Warum bist du fort gegangen? Warst du so unglücklich in Forks? Ich meine, ich weiß, das war nicht gerade deine liebste Stadt auf der Welt, mit all dem Grün und dem konstanten Regen, aber du hast den Eindruck erweckt, es langsam lieben zu lernen. Oder hast du einfach deine Mom und Phil so vermisst und wolltest ihr helfen, dass sie ihn nicht so vermisste, wenn er auf Reisen war?"

Ich schenkte ihm aus dem Augenwinkel einen kurzen Blick. Ich wusste, mein Gesicht zeigte wohl gerade einen geschockten Ausdruck. Ich hatte ihm all das erzählt? Wie nah waren wir einander gewesen? Wir waren Freunde, hatte er gesagt. Aber wenn er so viel wusste ...

„Eigentlich ist das immer noch eine Art Mysterium. Ich verließ Forks und landete irgendwie in einem Hotel in Phoenix. Ich stürzte über die Stufen und ... als ich im Krankenhaus aufwachte ..." Ich verlor den Faden. Das Krankenhaus ...

Meine Brauen zogen sich zusammen, als eine Tür in meinem Gedächtnis etwas knatterte. Da war irgendetwas, so wie wenn man versuchte, eine bestimmte Aussage dem richtigen Kinofilm zuzuordnen, aber es entglitt mir wieder, so wie alles andere. Ich seufzte.

„Als du im Krankenhaus erwacht bist ...", hakte er nach.

„Konnte ich mich an nichts mehr erinnern."

„Nichts mehr worüber?"

„Über Forks, über die Zeit, in der ich hier gelebt habe. Ich habe alles vergessen, Edward. Alles, an das ich mich deutlich erinnern kann, war mein Flug hierher im Januar. Die vier Monate bis zu den Frühlingsferien waren ein unbeschriebenes Blatt für mich. Sind es noch immer. Zum größten Teil."

„Das muss unglaublich frustrierend sein", sagte er mitfühlend. Er drehte sich ein bisschen, um mich anzusehen, und ich erkannte eine Frage in seinen Augen. „Zum größten Teil?"

„Ja. Seit ich wieder zurückgekommen bin, habe ich ein bisschen Glück gehabt. Kleine Erinnerungsblitze. Dinge, die ich getan hatte. Leute, die ich kannte. Verschiedene Orte. Nicht viel, aber es ist ein Anfang. Darum bin ich hauptsächlich zurückgekommen. Der Grund für meine Rückkehr, obwohl meine Mom nicht gerade begeistert war von meiner Idee. Ich hoffte, dass es mir helfen würde,, mich wieder zu erinnern, wenn ich hier, in Forks meine ich, ein wenig Zeit verbringen konnte."

Ich dachte, ich konnte hören, wie Edwards Zähne aufeinander wetzten, und als er nichts sagte, fuhr ich fort.

„Unglücklicherweise sind meine Erinnerungsblitze ohne Zusammenhang. Komplett zufällige Erinnerungen. Sie ergeben keinen Sinn für mich, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie Teil meiner Erinnerungen sind, die durchzubrechen versuchen. So etwas ist nie in Jacksonville passiert, also muss ich auf der richtigen Spur sein. Ich wünschte nur, ich könnte den richtigen Schlüssel finden", schloss ich. Meine Stimme war vor lauter Frustration ein wenig rau.

„Schlüssel?"

„Ja, weil mir nichts besseres einfiel, habe ich begonnen, meine Erinnerungsblitze so zu nennen. Es fühlt sich so an, als wären da viele verschlossene Türen in meinem Gehirn, weißt du? Abgeschlossene Türen mit Erinnerungen, die dahinter warten. Hier und da öffnet sich eine und ich bekomme so einen kleinen Blitz zu sehen ..."

„Und du suchst nach dem Schlüssel, der dir alle öffnet?"

„Ja", sagte ich und war erleichtert, endlich jemanden zu haben, der mich verstand. Mit Edward zu sprechen war so leicht, so natürlich, während er neben mir durch die Straßen von Port Angeles lief. Wir mussten einander irgendwie sehr nahe gestanden haben und ziemlich gute Freunde gewesen sein, nicht bloß Bekannte. Ich hatte noch nie leicht Freundschaften geschlossen und es ist mir nie leicht gefallen, mit Fremden zu plaudern. Aber Edward? Es fühlte sich an, als konnte ich ihm alles sagen – als ob ich ihm schon einmal alles über mich erzählt hatte.

So wie viele andere Dinge, die passiert waren, seit ich zurückgekommen war, ergab das keinen Sinn für mich. Deshalb nahm ich es so hin. „Würdest du mir helfen? Würdest du mir ein bisschen über mein Leben in den Monaten erzählen, in denen ich hier gewesen bin?"

Er hörte unmittelbar auf zu laufen. Nein, er hörte nicht einfach nur auf. Er erstarrte buchstäblich zur Salzsäule, wo er gerade stand. Dies verursachte wieder ein kleines Blitzen in meinen Gedanken, ein weiteres Klicken, jedoch ohne passender Türe, die sich öffnete. Frustration wallte wieder in mir hoch. „Edward?" Ich bewegte mich, nachdem ich gesprochen hatte, und ging auf ihn zu. Ich streckte meine eigene Hand aus, um seine zu berühren. Sie war kalt, genauso wie die von Alice und dem Arzt gewesen sind, aber genauso wie bei deren Berührungen hatte ich es irgendwie schon erwartet, dass sie kalt ist.

Wie nah war ich diesem stillen, aber wunderschönen jungen Mann und seiner Familie wirklich gestanden? Ich stand nicht gerade auf Berührungen, dafür hatte ich zu viel von Charlie in mir. Also warum fühlte es sich so natürlich an, ihn zu berühren? Mehr als das, es fühlte sich notwendig an.

Er kam langsam wieder zu sich und blinzelte erst, bevor sich seine restlichen Züge entspannten. „Ja, das könnte ich", antwortete er endlich und sein Mund verzog sich zu einem weiteren schiefen Grinsen. Mein Herz machte wieder einen Hüpfer und ich widerstand dem Drang, meine freie Hand an meine Brust zu legen, um mein Herz zu beruhigen. In dem Moment wurde mir klar, dass unsere Finger in einander verschlungen waren, nachdem meine Hand seine berührt hatte.

Keiner von uns bewegte sich, um die Verbindung nicht zu unterbrechen.

Sein Lächeln wurde breiter und er drückte meine Finger, als ob er zur gleichen Zeit wie ich bemerkt hätte, dass wir uns an der Hand hielten. Meine Knie fühlten sich wieder so an, als würden sie einzig und allen wegen seines Lächelns unter mir nachgeben.

„Ich weiß nicht, ob dir das jemals jemand gesagt hat, aber dein Lächeln ist gefährlich", sagte ich ein wenig atemlos. Ich konnte nicht anders, als zurückzugrinsen.

„Nicht in diesen Worten, nein", antwortete er. Das Lachen klang in seiner Stimme mit. „Aber man hat mir mal gesagt, dass ich dazu tendiere, die Mädchen vom Hocker zu reißen."

Ich dachte über diese Bezeichnung nach. Vom Hocker reißen. Mit dem kritischsten Auge, das ich unter seinem stechenden Blick aufbringen konnte, dachte ich über ihn, seine Wirkung auf mich und meine Reaktion nach.

„Das hätte ich selbst nicht besser formulieren können", lachte ich.

Wir liefen weiter, seine Hand hielt dabei immer noch meine. Ich warf ihm einen Blick zu und er grinste noch immer sein schiefes Grinsen.

„Was?"

„Nichts. Ich hab mich nur gerade etwas gefragt." Er machte eine Pause und sah zu mir herüber. „Bedeutet das, dass ich dich vom Hocker reiße?"

Ich stolperte, als seine Augen tief in meine blickten. Er hielt mich so schnell fest, dass ich kaum aus dem Takt unserer Schritte kam. „Ich würde sagen, das ist offensichtlich, oder?

Seine Lippen bewegten sich, aber ich hörte ihn nicht sprechen. Und, um ehrlich zu sein, war ich momentan zu sehr von ihm gefesselt, als dass ich darüber nachdenken konnte. Ich war mir sicher, dass ich später noch genug Zeit dafür haben würde.

Wir liefen weiter und ignorierten die Leute, an denen wir vorbei gingen. Edward erzählte mir etwas über unsere Schulkameraden, um mir bei dem Versuch zu helfen, die verschlossenen Türen meiner Erinnerungen zu öffnen. Er gab mir Namen vor, zu denen ich überhaupt nicht die passenden Gesichter parat hatte: Jessica, Tyler, Angela, Ben, Lauren, Mike. Ich war mir nicht ganz sicher, aber ich glaubte, ein böses Grinsen zu erkennen, als der letzte Name keinerlei Erinnerung in meinem verschlossenen Gehirn hervorrief. Ich dachte aber nicht allzu lang darüber nach. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mich in dem wundervollen Klang seiner Stimme zu verlieren.

Ich erzählte ihm von den kleinen Erinnerungen, die ich bereits gehabt hatte, den kleinen Bildern und Geräuschen. Einige davon kannte er nicht – wie das fantastische blaue Feuer, das ich mir vorgestellt hatte. Aber bei einigen anderen Bildern konnte er diese in richtige Geschichten für mich verpacken. Geschichten über Dinge, die wirklich passiert waren, als ich hier gewesen bin.

So fand ich heraus, dass ich Recht gehabt hatte wegen den kreischenden Reifen und der Unterhaltung mit dem Arzt. Offensichtlich hatte der Fahrer auf einer Eisplatte am Parkplatz die Kontrolle über seinen Van verloren und hätte mich beinahe überfahren, aber ich war mit nichts mehr als einer Beule am Kopf davongekommen. Sein Vater, Carlisle Cullen, hatte mich nach dem Beinahe-Unfall behandelt. Ich konnte mich zwar noch nicht an die ganze Szene erinnern, aber zumindest wusste ich, dass ich echte Erinnerungen zurückbekam.

Wir befanden uns gerade vor einem Restaurant, als seine Geschichte von dem schlitternden Van endete, und er blickte hoch. Ich war gespannt, sein halbes Lächeln wieder zu sehen. Er starrte die Tür des Restaurants für eine lange Zeit an, bevor er mit seinen scotchfarbenen Augen wieder mich anblickte.

„Bist du hungrig, Bella?"

Ich hatte keinen Hunger. Zumindest wollte ich nichts zu essen. Aber ich war mit einer verrückten Ahnung besessen, dass er verschwinden würde, wenn ich nein sagte. Es war völlig irrational, das wusste ich, aber das lockerte das Gefühl keineswegs. Ich wollte ihn bei mir behalten, wollte, dass er weiter sprach.

„Ich könnte schon etwas essen", antwortete ich ihm schließlich.

Er hielt die Tür für mich auf und wir beide traten in das dunklere Innere des italienischen Restaurants. Ich wollte ihm gerade eine weitere Frage stellen, als die Kellnerin nach Luft schnappte.

„Du bist zurück!"

Ich konnte zwar das Lächeln und die überschwängliche Begrüßung der Kellnerin verstehen, aber das bedeutete nicht, dass mir das gefallen musste. Dafür war sie zu attraktiv.

Dann wurde mir klar, dass Edward sie nicht einmal angesehen hatte. Er blickte immer noch mich an.

„Oh", sagte sie dann. „Ihr seid beide zurück. Das wär' dann wohl ein Tisch für zwei, oder?"

Meine Augen flogen zu der Kellnerin, denn sie hörte sich genau so verwirrt an, wie ich mich fühlte. Zurück? Was meinte sie damit, wir wären beide zurück?

„Zurück?", fragte ich ihn, als die Kellnerin wieder gegangen war. „Waren wir schon einmal hier gewesen? Zusammen, meine ich."

Er starrte die Speisekarte vor ihm lange an, drehte sie auf dem Tisch herum. Er sah mir nicht in die Augen, als er schließlich antwortete. „Ja."

Das Wort hing zwischen uns. Er starrte auf das Holz des Tisches, ich starrte auf seinen seltsamen, bronzefarbenen Haarschopf. „Ich glaube, ich wusste das auch", sagte ich schließlich und sprang ein bisschen zurück, als sein Kopf hochzuckte.

„Wirklich?"

„Ja", gab ich zu. „Normalerweise laufe ich nicht herum und erzähle allen Fremden meine gesamte Lebensgeschichte, Edward, aber anscheinend kann ich mich bei dir nicht einbremsen. Ich kann das nicht erklären, aber es ist einfach so, weißt du? Und wenn ich mich dir nah genug gefühlt habe, um dir von Renée und Phil zu erzählen und warum ich nach Forks gekommen war, müssen wir ziemlich gute Freunde gewesen sein, richtig? Oder vielleicht ..." Ich spürte, wie mein Gesicht wieder errötete, und ich konnte nicht mehr weiter sprechen.

Die Kellnerin unterbrach uns, bevor er mir antworten konnte. Wir bestellten unsere Getränke, während sie Edward bedeutungsvolle Blicke zuwarf. Blicke, die er nicht sah, denn seine Augen waren völlig auf mich fixiert. Es hätte sich unangenehm anfühlen sollen, ich hätte normalerweise vor dieser Aufmerksamkeit zurückweichen sollen, aber die einzige Reaktion, die ich hatte, war eine Beschleunigung meines Herzschlags und das überwältigende Bedürfnis, meine Hand über den Tisch zu strecken und ihn wieder zu berühren.

Er sah meine Hand kommen und versteckte seine eigene unter dem Tisch. Seine Gesichtsausdrücke wechselten sich ab, wechselten alle paar Sekunden, als ob eine Art innerer Krieg hinter seinen goldenen Augen herrschte. Ich brach dies auf die einzige Weise, die mir einfiel.

„Liege ich falsch?", fragte ich und blickte auf die Stelle, wo seine Hand noch Momente zuvor gelegen hatte.

Der Krieg auf seinem Gesicht ging weiter. Seine Schultern verspannten sich und diesmal war ich mir sicher, gehört zu haben, wie er mit den Zähnen schliff. Ich wartete. Schließlich hob er seinen Kopf, um in meine Augen zu blicken. Ob er den Kampf gewonnen oder verloren hatte, wusste ich nicht. Er genauso wenig, wie es schien. Als er wieder sprach, war seine Stimme frei von sämtlichen Emotionen. „Nein, du liegst nicht falsch."

Wieder legte sich die Stille wie eine Decke über uns beide. Meine Augen betrachteten sein Gesicht und die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in den Magen. Ich war nicht die Einzige gewesen, die wegen meines Unfalls und der daraus resultierenden Amnesie gelitten hatte. Ich war nach Jacksonville gegangen, ohne darüber nachzudenken, was ich in Forks zurückließ, weil dieser Teil ein schwarzes Loch in meinem Gehirn war. Aber Edward ... War er da gewesen, hatte er auf meine Rückkehr gewartet, nur um zu hören, dass ich nicht wieder zurückkommen würde? Um dies von Gerüchten zu erfahren, von anderen, die darüber sprachen, und nicht von mir. Mitgefühl flutete durch meinen Körper. Ich streckte meine Hand wieder über den Tisch, bot ihm meine offene Hand in einer stillen Bitte an.

Ob der Krieg hinter seiner Stirn vorbei war oder nicht, er gab jedenfalls insofern nach, als er seine Hand wieder auf den Tisch hob und in meine legte. Unsere Finger verschlangen sich in einander, warm und kalt, und ich drückte seine dafür. Ich hörte, wie in dieser Sekunde so viele Türen klickten, mein Gehirn fühlte sich an wie eine Uhrenfabrik. Klick ... und eine Türe öffnete sich.

Es war eher ein Gefühl als ein Geräusch, eher eine Berührung als ein Bild. Seine Hand in meiner, kalt und stark, meine Finger strichen über seine Haut, seine Wange war an mein Herz gedrückt und ich fühlte den rasenden Puls darunter. Ein leiser Augenblick, in dem mein Körper den seinen wärmte.

„Es tut mir so Leid", sagte ich, als ich mein Gesicht schließlich wieder hob. Meine Augenlider zwinkerten gegen die Feuchtigkeit, die sich dort angesammelt hatte, als die Erinnerung über mich hinweggespült war.

„Was?" Seine Stimme war flüsterleise, aber voller Ungläubigkeit.

„Es tut mir Leid, Edward. Du warst mir wichtig. Ich ... ich habe mich jetzt gerade an etwas erinnert. Eine Kleinigkeit, das Bild unserer Hände, dann deine Wange ..." Ich hob meine Hand an mein Herz, denn ich war nicht fähig, die Erinnerung an seine Tat in Worte zu fassen. „Du warst mir wichtig. Niemand hat je ... ich habe nie jemanden so nah an mich heran gelassen und ..." Ich stotterte jetzt. Ich hatte damit zu kämpfen, es richtig zu sagen, und versagte jämmerlich. „Ich bin gegangen, ohne dir auf Wiedersehen zu sagen." Meine Stimme brach bei meinem letzten Wort.

Seine Reaktion kam heftig und unverzüglich. Er zog seine Hand in einer rasend schnellen Bewegung, die ich kaum mitbekam, aus meiner, und sein Gesicht wandelte sich übergangslos von Verwunderung zu Wut. Zum ersten Mal fühlte ich in seiner Gegenwart, wie mir die Angst über die Wirbelsäule kroch. „Dir muss absolut nichts Leid tun, Bella. Nichts. Es war nicht deine Schuld, nichts davon war deine Schuld. Ich bin an allem Schuld. Ich alleine", schloss er. Seine Wut wurde weniger, war aber immer noch greifbar.

„Das glaube ich nicht", antwortete ich und war stolz darauf, dass meine Stimme nur ganz wenig zitterte.

Er schnaubte und lehnte sich zurück, um sich mit der Hand durch sein bereits zerzaustes Haar zu fahren. „Das tust du nie, besonders nicht, wenn du es solltest", sagte er resigniert. Wie konnte jemand von wahnsinnig wütend in nur wenigen Sekunden zu tödlicher Ruhe wechseln? Ich fragte mich, ob er wohl immer solche Stimmungsschwankungen hatte.

Ich wollte schon danach fragen, aber er legte den Kopf zur Seite und seufzte. „Charlie wartet auf dich, Bella."

Sein Tonfall klang so beiläufig, dass ich ohne nachzufragen aufstand. Ich sah zu, wie er ein wenig Geld auf den Tisch warf, um unsere Getränke zu bezahlen, und er führte mich durch das Restaurant und zur Tür hinaus.

Erst auf der Straße draußen erinnerte ich mich daran, dass ich ihm nicht erzählt hatte, dass Charlie mich hierher gebracht hatte. Oder dass wir ausgemacht hatten, uns für die Heimfahrt wieder zu treffen. Edward hatte seine Hand an meinen Ellenbogen gelegt und führte mich zu dem Streifenwagen. Er gab mir nicht die Gelegenheit dazu, ihn zu fragen, woher er das gewusst hatte.

Er öffnete die Beifahrertür für mich und schenkte Charlie ein Nicken als Begrüßung, bevor er zurück zu mir blickte. „Ein anderes Mal, Bella", sagte er sanft.

Dann, als ob er nicht anders konnte, ob er wieder seine Hand und seine Finger streichelten sanft über mein Gesicht.

„Bald?", fragte ich, unfähig, die Bitte aus meiner Stimme zu verbannen. Ich spürte, wie meine Brust sich verkrampfte und mein Pulsschlag sich beschleunigte. Ich wollte mich nicht von ihm verabschieden.

Ich erkannte wieder den inneren Krieg, der in ihm tobte, aber diesmal sah ich in seinen Augen, dass er aufgab. „Bald, Bella. Ich verspreche es dir."

Ich starrte ihn immer noch an, als Charlie zu fahren begann und den Heimweg nach Forks antrat.

Intermezzo – Edward

Sie lächelte. Sogar in ihrem Schlaf, wenn sie nicht mehr als leises Murmeln von sich gab, lächelte sie.

Ich vertraute mir nicht genug, um sie zu berühren, denn meine Haut brannte immer noch von vorhin. Also blieb ich im Schaukelstuhl sitzen. Jedes ein- und ausatmen füllte den Raum mit ihrem Geruch und quälte mir auf die bestmöglichste Art und Weise.

„Edward", murmelte sie in die Dunkelheit. Sie drehte sich um und streckte sich auf dem Bauch liegend aus.

„Ich bin hier, Bella, Liebling", antwortete ich ihr. Meine Stimme war so tief, dass sie sie sicher nicht hörte, aber ich musste es trotzdem sagen.

Ich hatte es vorhin gesehen. Ich hatte ihre Reaktion gesehen und gehört, als wir uns vor Charlies Wagen trennten. Ich erinnerte mich daran, wie sie aussah, ihre körperlichen Veränderungen, als ich Dinge sagte, die man wohl als ein auf Wiedersehen interpretieren konnte. Offensichtlich erinnerte sie sich zwar nicht an mich, aber ihr Körper reagierte noch immer genauso.

Wie ich es mir in meiner ersten Nacht nach ihrer Rückkehr in diesem Zimmer gedacht hatte, erinnerte sich ihr Körper noch an mich, auch wenn sie ihr Gedächtnis verloren hatte. Und ich wusste nicht, was ich tun konnte, um ihr zu helfen.

Vor einem Jahr hätte ich nie beabsichtigt, Bella zu erzählen, was ich war, oder ich hatte zumindest gehofft, ihr das nie zu erzählen. Ich hatte gehofft, stark genug zu sein, um ihr weit genug entfernt zu bleiben, sodass sie nie das Verlangen hatte, es wissen zu müssen.

Aber nicht nur das hatte nicht funktioniert, Bella hatte es alleine herausgefunden. Klar, sie hatte von Jacob Black einen Schubs in die richtige Richtung bekommen, aber von mir waren keine großartigen Verkündungen notwendig gewesen. Ich musste einfach die Wissenslücken füllen und einige Hollywood-Mythen richtig stellen.

Diesmal gab es keinen Jacob Black. Keine abergläubischen Geschichten, die in die richtige Richtung wiesen. Oh, ich war mir sicher, dass er noch da war in seinem Reservat, und immer noch dachte, dass sein Vater ein abergläubischer Idiot wäre. Aber hier gab es keine Verbindung für Bella, keine Erinnerungen, die in dem kleinen Reservat Wirklichkeit wurden, sofern ich sie nicht selbst hervorrufen konnte. Also hatte sie keinen Grund, dorthin zu gehen. Kein Grund, um diese Komplikationen wieder hinzuzufügen.

„Bella, ich bin wirklich ein Vampir", sagte er in der selben sanften Stimme, die außerhalb ihres Gehörs lag. Sogar hier, während ich mit mir selbst sprach, wusste ich, was folgen würde. Diesmal würde sie sicher die Reaktion zeigen, die ich immer erwartet hatte. Sie würde schreiend weglaufen. Ohne Zweifel. Zuvor hatte sie monatelang Zeit gehabt, um ihre Schlüsse zu ziehen, um zu beobachten und nachzuforschen, sodass es kein Schock für sie war, als sie ihre Vermutungen bestätigt bekam.

„Nicht ...", murmelte sie und ich bemerkte die Beschleunigung ihres Herzschlags und ihrer Atmung. „Bitte ... bleib bei mir ..." Bella rollte sich auf die Seite und streckte suchend einen Arm aus.

Ich warf meine besten Absichten über Bord. Auf keinen Fall konnte ich ihr ihren Wunsch ausschlagen.

Eine Sekunde später war ich an ihrer Seite. Der Schaukelstuhl bewegte sich keinen Zentimeter, nachdem ich ihn verlassen hatte. Ich legte mich neben sie und schlang einen Arm um ihre Hüfte.

„Ich bin hier, Liebling", flüsterte ich und beugte mich zu ihr, um meine Lippen auf ihr Haar zu drücken. „Ich bin hier."

Ihre Atmung beruhigte sich, genauso wie ihr Herzschlag, und ich wusste genau, dass sie in einen tiefen, ruhigen Schlaf fiel.

Und dann entschied ich mich. Morgen würde ich sie zu dem einen Ort bringen, der am allermeisten für uns bestimmt war. Und ich würde es ihr sagen.

Und wenn sie, wie ich vermutete, geht, wenn ich es ihr sage – würde ich mein bestes tun, um sie endlich loszulassen.