Finding the Key
Kapitel 5
Ich wachte langsam auf, drückte meine Lider aber fest zusammen, damit meine Augen sich nicht öffneten und somit der glückseligen Nacht, die ich verbracht hatte, ein Ende bereiteten. Meine Träume waren bloß das gewesen – Träume. Keine Alpträume, keine Verwirrung, kein Terror.
Nur ich. Nur Edward. Wir unterhielten uns. Hielten uns an den Händen. Liefen durch tiefe Wälder, während er mir und ich ihm Fragen stellte. Aber er bekam auch Antworten, ich nicht. Auf jede Frage, die ich ihm stellte, bekam ich eine Antwort, die ich nicht hören konnte. Ich war so verwirrt, dass ich die Hand nach ihm ausstreckte, damit er zu mir kam. Dann legte sich Frieden über meine Träume und ich tauchte in einen leichten, ruhigen Schlaf ein mit nichts mehr als dem sanften Klang seiner Stimme und der Melodie eines Liedes, das ich nicht kannte.
Aber nun war es zu spät. Ich war wach, und hier mit geschlossenen Augen liegen zu bleiben, änderte nichts daran. Ich setzte mich auf und fuhr mir mit beiden Händen durch mein zerzaustes Haar und dann über mein Gesicht. Ich schnappte nach Luft.
Edwards Geruch, dieser süße, fast hypnotische Duft, füllte meine Nase und meinen Verstand. Ich atmete tief ein, wollte mehr, und bekam es. Der Geruch war überall in meinem Zimmer. Ich musste mich so an ihn gewöhnt haben, nachdem ich gestern so viel Zeit mit ihm verbracht hatte, dass es mir nicht aufgefallen ist, dass der Geruch meiner Kleidung und meinem Haar anhaftete.
Es war mir egal, wie es passiert war. Alles, was zählte, war dass ein Teil von ihm immer noch bei mir war, bis ich ihn wieder sehen konnte.
Bald, hatte er gesagt.
Aber wie bald war bald? Heute Nachmittag? Heute Abend? Nächste Woche?
Der Gedanke an die letztere Option ließ meine Mundwinkel absacken. Nein, so lange konnte er nicht warten, oder? Der Gedanke daran war abscheulich, aber ich konnte es mir sowieso nicht aussuchen. Er hatte mir keine Telefonnummer gegeben und ich hatte keine Ahnung, wo er wohnte.
Nicht etwa dass ich losgezogen wäre, um sein Haus zu suchen, mit der Absicht, nach ihm Ausschau zu halten, bis ich ihn sah – so weit war ich noch nicht. Aber es wäre eine Option.
Resigniert über die Tatsache, nichts machen zu können außer zu warten, kletterte ich aus dem Bett und machte mich für den Tag fertig.
Eine Stunde später stand ich in der Küche auf der Suche nach Frühstück. Ich war zuvor geschlagene fünf Minuten vor der Dusche gestanden und hatte das Wasser angestarrt, bevor ich mich selbst als Idiotin beschimpft hatte und hineingetreten bin. Der Gedanke darauf, auf die Dusche zu verzichten, nur um Edwards Geruch in meinem Haar zu behalten? Allein der Gedanke daran war mir peinlich. Also trat ich unter das Wasser und begann mit meiner normalen Routine.
Das Shirt, das ich gestern getragen hatte, war natürlich eine andere Sache.
Ein Klopfen an der Tür erschreckte mich und ich ließ die Müslischachtel, die ich in meiner Hand gehalten hatte, fallen. Sie landete mit einem sanften Rumps auf dem Boden, gefolgt von dem Geräusch der herausrollenden Cerealien. Ich beließ die Unordnung vorerst so und lief die kurze Entfernung bis zur Eingangstür. Mein Puls war unregelmäßig, als ich mir selbst sagte, ich müsse mich beruhigen. Wahrscheinlich war es nur ein Nachbar, oder der Postbote, oder ...
„Edward!"
Ich schnappte nach Luft, sobald ich die Türe geöffnet und ihn gesehen hatte, wie er da auf meiner Türschwelle stand, als würde er jeden Tag hier auftauchen. Alle meine Instinkte wollten, dass ich mich vorwärts bewegte, um mich in seine Arme zu werfen. Meine Beine bewegten sich sogar ein bisschen in diese Richtung, aber ich hielt mich unter Kontrolle.
„Guten Morgen", antwortete er sanft, hob seine Hand und fuhr mit einem Finger die Linie meines Kiefers nach. Ich zitterte als Antwort, aber das hatte nichts mit der Temperatur seiner Haut zu tun.
„Was tust du hier?", rief ich aus und trat dann einen Schritt nach vorne, als er seine Augenbraue hob. „Nicht dass ich nicht froh bin, dass du hier bist, denn das bin ich. Sehr sogar. Ich habe nur nicht erwartet, dass ..."
Er brachte mich zum Schweigen, indem er mir einen Finger auf die Lippen legte. Meine Augen wanderten fragend zu seinen.
„Eines der Dinge, die ich früher immer getan habe, war, dich jeden Morgen zur Schule zu fahren", erklärte er. „Ich dachte vielleicht, wenn ich bei dieser Routine bleibe, könnte dir das helfen, ein paar weitere Schlüssel zu finden. Außerdem habe ich dir auch versprochen, dass wir uns bald wieder sehen, oder?"
„Ja", stimmte ich ihm zu und war erleichtert, dass ich nicht wochenlang warten musste, so wie ich es fast befürchtet hätte. Dies war besser, als ich es hätte planen können. „Ähm, möchtest du herein kommen? Ich muss meine Unordnung in der Küche aufräumen und ..."
„Ja, gerne", sagte er und betrat das Haus, als ich mich zur Seite bewegte, um ihn herein zu lassen. „Du kümmerst dich um das Müsli", sagte er grinsend und berührte meine Nase mit seiner Fingerspitze, „und ich hänge meinen Mantel auf."
„Woher weißt du, dass ich das Müsli ausgeleert habe?"
„Ich hab dich gehört, gerade als ich zur Eingangstür gekommen bin."
„Du hast das gehört?", fragte ich erstaunt. Die kleinen Dinger hatten kaum ein Geräusch gemacht, als ich sie verschüttet hatte, und ich war hinten in der Küche gewesen. Wie ...? Dann führte meine Frage zu einer weiteren Frage, einer, von der ich gestern zu fasziniert gewesen war, um sie zu stellen.
„Ist das irgendwie so wie gestern, als du gewusst hast, dass Charlie draußen vor dem Restaurant auf mich wartete? Wo ich dir doch nicht mal erzählt hatte, dass er in Port Angeles war? Was, hast du ein Super-Gehör, was Väter und Frühstück betrifft?"
Ich wollte einen Scherz machen, aber der Ausdruck auf seinem Gesicht wischte das Lachen aus meinem. Seine Lippen arbeiteten, öffneten und schlossen sich, während ein neuer Krieg auf seinem Gesicht tobte.
„Ja", sagte er grimm, „so ähnlich."
Ich starrte ihn mit offenem Mund an. „Es war nur ein Scherz", sagte ich. Meine Stimme klang atemlos.
„Ich wünschte, es wäre nur ein Scherz", sagte er in einem trostlosen Tonfall. „Wenn du fertig gegessen hast", sagte er, bevor ich ihm wieder eine Frage stellen konnte, „würde ich dich gern zu einem weiteren Ort bringen, an dem du ... wir gewesen sind, als du hier gelebt hast."
Ich beäugte ihn grüblerisch und fragte mich, ob der Kampf hinter seinen Augen jemals wirklich aufhören würde.
„Und du wirst es mir erklären?", fragte ich. „Das alles?"
„Was ist in ‚das alles' beinhaltet?" Seine Hände steckten tief in den Taschen seiner Jeans, wobei ich nicht wusste, ob er sich damit zurückhalten wollte, mich zu berühren, oder ob er damit seinen innerlichen Kampf eindämmen wollte. Alles, was ich wusste, war, dass das fast schon körperliche Bedürfnis, ihn zu berühren, seit gestern überhaupt nicht weniger geworden war, aber er stand weit genug von mir entfernt, sodass ich das nicht konnte.
„Du weißt schon, alles. Dein Gehör, woher du von Charlie wusstest, was du gestern gemeint hast, als du sagtest, dass es deine Schuld wäre, dass ich gegangen bin." Ich machte eine Pause, überlegte kurz und beschloss, hinzuzufügen, dass ich seltsame Dinge als normal hinnahm, obwohl sie es nicht waren. „Und über deine Hand und die deiner Schwester, jetzt, wo ich darüber nachdenke. Weil sie sich anfühlen, als ob du sie gerade aus dem Gefrierfach genommen hättest."
„So gut ich es kann", versprach er mir in einem leisen Flüstern. „Du isst, und dann gehen wir", schlug er vor und deutete auf das, was von dem Müsli übrig geblieben war.
Ich schüttelte meinen Kopf. Ich konnte kein Essen in meinen Magen zwingen, so wie ich keine Flügel ausbreiten und davonfliegen konnte. Mit der Aussicht auf mehr Zeit mit Edward, mehr Zeit, die mir helfen würde, meine Vergangenheit zu verstehen und mir vielleicht weitere Türen öffnen würde, war kein körperliches Bedürfnis stärker aus diese Hoffnung.
„Ich bin nicht wirklich hungrig", sagte ich und lief bereits zur Eingangstür, um mir meinen Mantel anzuziehen.
„Bella. Du m...", er machte eine Pause, „du solltest etwas essen."
Ich starrte ihn böse an, oder versuchte es zumindest, dann lief ich zurück in die Küche und holte mir einen Müsliriegel. Ich wedelte damit herum und ging durch die Eingangstür.
Meine Beine hielten abrupt an, als ich einen silbernen Volvo sah, der vor Charlies Haus geparkt war.
Der selbe silberne Volvo, der gehupt hatte, als ich vor ein paar Tagen Alice getroffen hatte. Ich wirbelte zu ihm herum.
„Das warst du? Vor ein paar Tagen vor der Schule, als ich mich mit Alice unterhalten hatte? Du warst derjenige, der sie gerufen hat und mit ihr davon gefahren ist?"
„Ja."
„Warum?"
Er seufzte. „Ich dachte zu dieser Zeit, es wäre das Beste, Bella."
Jetzt war ich wütend. „Das Beste? Wieso? Warum? Mich im Dunkeln tappen zu lassen? Von dir weg? Du wusstest also, dass ich zurück war. Du wusstest, dass ich hier war. Aber du hast versucht, weg zu bleiben, hast sogar versucht, Alice weg zu halten? Ich ... Edward, das verstehe ich nicht."
„Ich weiß, und ich weiß, wie sehr die doppelte Moral hasst oder unbeantwortete Fragen, aber hier ist nicht der beste Ort, um diese Fragen zu beantworten", sagte er. Seine Augen blickten zu den Nachbarhäusern. „Also wenn du mir genug vertrauen kannst, um mit mir mitzukommen, werde ich dir alles beantworten, wenn wir dort sind."
Er brachte mich durcheinander. „Natürlich vertraue ich dir", antwortete ich ihm, ohne über den Widerspruch meiner Fragen mit seiner Aussage nachzudenken. Ich wusste einfach, dass es die Wahrheit war.
„Das solltest du nicht", sagte er wieder mit dem trübseligen Tonfall von zuvor. „Aber du wolltest schon früher nicht auf mich hören. Ich nehme an, es ist nichts Außergewöhnliches, wenn du es auch jetzt nicht tust."
Ich starrte sein ironisches Lächeln einen Augenblick lang an, war sehr verwirrt, trat dann an ihm vorbei und ging zur Beifahrerseite des Volvos, um einzusteigen. Er starrte mir nach, zwinkerte ein paar Mal, bevor er seinen Kopf schüttelte und zu mir ins Auto kam.
Auf unserer Fahrt über den Highway waren wir still. Überhängende Bäume befanden sich zu beiden Seiten der Straße. Es war fast klaustrophobisch einengend. Die Stille zwischen uns im Wagen linderte dieses Gefühl überhaupt nicht. Ich konnte sehen, wie sich seine Hände um das Lenkrad verkrampften und wieder locker ließen. Sein Mund bewegte sich lautlos und ich fragte mich, was wohl so schrecklich sein konnte, dass wir mitten ins Nirgendwo fahren musste, damit er es mir erzählen konnte.
Als er schließlich die Stille beendete, standen wir vor seinem Wagen am Anfang eines Pfades, der in die Wälder führte.
Meine Augenbrauen waren zusammengezogen, als ich zu ihm hoch sah. „Wir ... wir waren wandern?", fragte ich zweifelnd und starrte verunsichert in die Bäume. „Mir habe zwar große Lücken in meinem Gedächtnis, Edward, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht der Typ für große Wanderungen bin."
Ich hatte mich bis jetzt in seiner Anwesenheit so wohl gefühlt, dass mir die Bäume um uns herum wie ein Gräuel vorkam. Zur selben Zeit war ich da und fühlte mich so echt. Ich war keine Wanderin und war auch überhaupt nicht gern draußen. Mein Lieblingsort war irgendwo, wo es warm und trocken war, normalerweise mit einem guten Buch in meiner Hand.
Zu meiner großen Überraschung brach er in Gelächter aus. Das war das erste Geräusch, das er machte, seit wir das Haus verlassen hatten, und der Klang seiner Stimme füllte die Luft um uns herum aus, half jedoch nicht ganz, um die Schauer, die mir über den Rücken liefen, verschwinden zu lassen.
„Nein, Bella. Wenn es eines gibt, das du nicht bist, dann bist das du als Wanderin", brachte er hervor, als sein Lachen langsam abklang. „Ich weiß nicht, ob es je eine größere Untertreibung als diese hier gegeben hat. Und wenn, dann habe ich sie sicher noch nicht gehört. Ja, wir kamen schon mal hier her, aber wir waren nicht wandern, nicht wirklich. Aber wir waren einmal hier, als wir uns abseits der anderen unterhalten mussten."
„Und das, was du mir sagen musst, musst du mir hier sagen, wo uns nur die Bäume zuhören?"
„Ja, so auf die Art." All sein Lachen war nun aus seinem Gesicht verschwunden, sämtlicher Humor war fort. Ich konnte wieder seinen inneren Kampf beobachten und zusehen, wie er über sein Gesicht tobte. Er bewegte seine Lippen mit Worten, die ich nicht hören konnte. Offensichtlich war der Krieg in seinem Kopf mit voller Macht wieder zurückgekehrt.
„Kommst du mit mir mit?"
Ohne zu fragen, nahm ich sofort seine Hand und ließ mich von ihm durch den Irrgarten an Bäumen um uns herum führen. Wir wanderten eine lange Zeit still vor uns hin, nur die Geräusche des Waldes waren zu hören. Ich sah wieder, wie er seinen Mund still bewegte, nur ein leises Summen oder Zischen drang zu meinen Ohren vor.
„Edward, was ist das?", fragte ich schließlich. „Was verbirgst du vor mir?"
Er legte seinen Kopf zur Seite. „Warum glaubst du, ich verberge etwas vor dir, Bella?"
Ich lachte schnaufend auf. „Oh, ich weiß nicht, wegen allem? Du bist zum Einen unheimlich kryptisch und du sprichst ständig, aber ich kann nicht hören, was du sagst, mit Ausnahme dieser seltsamen kleinen Zischlaute. Das treibt mich noch mehr in den Wahnsinn, als ich es schon bin", endete ich mit einem neckischen Lächeln.
„Ich versuche es, Bella. Ich versuche so sehr, einen Weg zu finden, um dir alles zu sagen, was gesagt werden muss, aber das ist nicht gerade das Einfachste auf der Welt, das zu formulieren. Es gibt einfach keinen einfachen Weg, das auszusprechen. Gott", sagte er mit einem Seufzen. Er hob seine Hand und fuhr sich damit durch sein bereits unordentliches, bronzefarbenes Haar. „Das letzte Mal war es leichter, wenn man das so sagen kann. Da war ich also, hatte mir fest vorgenommen, dass du es nie erfährst, und ohne jede Warnung kündigst du an, dass du es bereits herausgefunden hast. Alles, was ich tun musste, war, die Lücken zu füllen."
Ich spürte, dass ich seinen Monolog unterbrechen würde, wenn ich jetzt etwas sagte, also blieb ich still und hörte ihm zu. Aber wovon sprach er gerade? Was hatte ich herausgefunden?
„Und nun ... Mit all diesen Worten konfrontiert zu sein ... ich weiß nicht wie." Er blieb stehen und drehte sich um, um mich anzusehen.
Seine Hände kamen hoch und er legte sie an mein Gesicht. Seine Daumen strichen so sanft über meine Wangen, dass ich es kaum spürte. Sein kühler, süßer Atem streifte über mein Gesicht und ließ mich komplett erstarren.
„Du hast sicher bemerkt, dass es Dinge an mir, meiner Schwester und meinem Vater gibt, die im Vergleich zu allen anderen anders sind. Du hast auch zum ersten Mal all diese Dinge erkannt, aber du bist nie zurückgewichen, so wie andere es immer tun. Du hast mich immer wieder damit konfrontiert, hast Löcher in meine Abwehr geschlagen, bis du sie so sicher durchbrochen hattest, dass ich wusste, dass ich dich nie wieder gehen lassen könnte."
„Ich will nicht, dass du mich gehen lässt", flüsterte ich, aber er hinderte mich daran, weiterzusprechen, indem er beide Daumen auf meine Lippen legte. Die Intimität dieser Berührung brachte mich fast wieder dazu, dass meine Knie nachgaben.
Dann lehnte er sich näher zu mir und ich wusste, dass meine Knie gleich nachgeben würden. „Ich will ... will nur einmal noch ... bevor ..." Mit jedem Wort kam er näher, bis er das letzte Wort gegen meine Lippen sprach. Wegen der Trauer in seiner Stimme wollte ich ihn trösten, aber dann waren seine Lippen auf meinen und mein Gehirn vergaß alles um mich herum.
Hatte er mich schon einmal geküsst? Könnte ich das vergessen haben? Das schien mir nicht möglich zu sein. Seine Lippen bewegten sich sanft gegen meine. Sanft, aber mit einem Unterton – einem scharfen, fast schon verzweifelten Unterton. Ich hatte wieder eine Erinnerung. Ein neuerlicher, nebulöser Blitz, der knapp außerhalb meines Bewusstseins aufleuchtete – ein Blitz, der um diesen fast verzweifelten Kuss wirbelte.
Seine Hand glitt von meiner Wange in mein Haar, in das er seine Finger schlang und mich so bei sich hielt. Ich antwortete ebenso sanft, bewegte mich näher zu ihm, schlang meine Arme um seine Hüfte.
Und dann war er weg.
Ich brauchte einen Moment, um mich zu sammeln, um mein vom Kuss vernebeltes Hirn zu klären, und um mich zu erinnern, wie man atmet. Ich war zwar noch immer benebelt, aber schließlich gelang es mir, wieder Sauerstoff in meine Lungen zu bekommen.
„Das war ...", begann ich, aber Edward unterbrach mich.
„Ich bin ein Vampir, Bella."
Ich brauchte eine Sekunde, eine Minute. Ich wusste, ich musste komisch ausgesehen haben, wie ich eulenhaft zu ihm hochgeblinzelt hatte, aber ich hatte eindeutig meine Fähigkeit zu sprechen verlernt. Wie konnte ich auch sprechen, wo ich mich doch gerade mal daran erinnerte, wie man atmet?
„Du bist ... Entschuldigung?"
„Der Grund hinter all deinen Fragen? Sie laufen alle in einer Antwort zusammen. Wir sind Vampire, wir alle. Alice, Carlisle, die anderen in meiner Familie, an die du dich noch nicht erinnerst."
Ich schüttelte meinen Kopf, Unglauben breitete sich in mir aus. Warum machte er das? Warum warf er mit solch unglaublichen Lügengeschichten herum? Ich wusste, was wahrscheinlich die Antwort darauf war. Was sonst könnte es sein? Ich fühlte mich verletzt und vergaß die letzten Effekte seines Kusses.
Zum Glück klang meine Stimme eher wütend als verletzt, als ich wieder sprach.
„Was ist das", sagte ich mit zitternder Stimme. „Eine Art krankzer Scherz?"
„Scherz?", fragte er mit Unglauben in seiner Stimme.
„Ja, Scherz. Einer auf die Art ‚gehen wir mit Bella mitten ins Nirgendwo und ärgern wir sie'. Wenn du glaubst, du bist der Erste, der mir einen Streich spielen will, dann irrst du dich."
„Einen Streich?" Er spuckte das Wort förmlich aus, seine Schultern verspannten sich. Dann erschien Resignation in seinem Gesicht. „Du bist ausgeflippt."
„Wärst du das nicht? Sei ehrlich, Edward. Vampire? Das ist Stoff für Science Fiction, für Hollywood, nicht für das echte Leben. Außerdem ist es nicht nur gerade Tag, sondern die Sonne kommt zur Abwechslung sogar mal hervor. Oder zumindest ist sie das irgendwo über diesen Bäumen", bemerkte ich und deutete auf ein paar Lichtstrahlen, die bis an den Waldboden hindurchreichten. „Ich bin nicht gerade eine Fachfrau für solche Sachen, aber die Grundlagen kenne ich."
„Hollywood kriegt nicht viel richtig auf die Reihe", sagte er. Seine Stimme klang leer, fast schon tot.
Dann wurde mir klar, dass warum auch immer er mir diese unmögliche Idee vorgesetzt hatte, er mich nicht ärgern wollte. Niemand konnte so tiefen Schmerz vormachen, wie ich ihn auf seinem Gesicht sah.
„Edward, bitte", sagte ich und hatte das Bedürfnis, ihn zu trösten, also legte ich meine Hand auf seine Brust. „Sag mir einfach, was ..." Meine Worte verloren sich, als mein Gehirn meine Sinne einholten.
Sein Hemd war dünn, es war nur ein simples, weißes Hemd, das er in seine Hose gesteckt hatte. Aber irgendetwas stimmte nicht. Stimmte überhaupt nicht mit dem, was ich unter meiner Hand spürte.
Ich erstarrte. Ich spürte nichts außer dem Material seines Hemds unter meinen Fingern. Den Stoff und die kühle, granitene Härte seiner Brust. Eine Brust, die sich anscheinend nicht hob und senkte so wie meine. Eine Brust, die keinen antwortenden Herzschlag darunter hatte.
Bevor ich das alles verarbeiten konnte, bewegte eine sanfte Brise das Blätterdach über uns auseinander und ein einzelner Sonnenstrahl brach durch die Blätter hindurch. Dieser eine Sonnenstrahl wärmte die Haut meiner rechten Hand und beleuchtete meine Narbe. Sofort waren wir von dem Licht, das sich auf meiner Narbe brach, eingefangen.
Aber irgendetwas stimmte mit diesem Licht nicht.
Zum Einen gab es zu viel davon. Die Prismen, die meine Narbe reflektierte, waren normalerweise nicht so zahlreich. Verwirrt hob ich meine Augen. Und ich verstand.
Der Sonnenstrahl, der meine Narbe zum Strahlen brachte, löste das selbe Phänomen auf Edwards Gesicht und dem V-förmigen Ausschnitt seiner Brust unter seinem Hemd aus.
Edwards Gesicht, seine Haut ... sie waren genauso wie meine Narbe.
Kalt. Reflektierend.
Meine Augen wanderten von seinem hübschen Gesicht zu der Narbe, die mich im vergangenen Jahr so oft beruhigt hatte - die Narbe, über die ich strich, um meine aufkommende Panik zu bekämpfen. Die Narbe, meine halbmondförmige Narbe. Wenn ich sie ansah, hatte ich sie immer verkehrt herum betrachtet. Aber so wie sie jetzt lag, flach gegen seine bewegungslose Brust und nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, konnte ich eine Symmetrie erkennen, die mir zuvor noch nie in den Sinn gekommen war. Der Halbmond sah genauso aus wie ein Mund.
Es war nicht bloß eine Narbe. Es war ein Bissmal.
Ich schnappte nach Luft, atmete dreimal schnell hintereinander ein und aus, al seine Tür in meinem Geiste so schmerzhaft aufknallte und die Erinnerung so dermaßen überrannte, dass ich meine Augen vor lauter Schmerz schließen musste.
Edwards Mund über meiner Narbe. Ich konnte sein entschlossenes Gesicht in meiner Erinnerung sehen, konnte seine Lippen an meiner Haut sehen. Diese kühle Lippen und dieser Schmerz jagten durch meinen ganzen Körper.
Und dann der Schmerz. So viel Schmerz, dass ich geblendet war. Meine Hand brannte schlimmer als vorstellbar, während der Schmerz jeden meiner Gedanken einnahm.
Du musst es jetzt tun.
„Bella ...?" Die geflüsterte Frage erreichte mich kaum. Ich trat einen Schritt nach hinten.
„Nein", sagte ich sanft und entfernte mich einen weiteren Schritt von ihm. Die Hand mit meiner Narbe kam hoch und legte sich halb über meinen Mund.
Das Bild war da, so wie die anderen. So klar, dass ich es sofort als Erinnerung erkannte, eine echte Erinnerung. Ein Kopfschmerz tauchte plötzlich und rasend schnell hinter meinen Augen auf. Ich zuckte zusammen und schloss die Augen wieder. Ich versuchte, den Schmerz so gut es ging auszublenden, sodass ich wieder denken konnte.
Panik, oder war es Schock? Was auch immer von diesen beiden es war, es war stärker als alles, das ich je zuvor gefühlt hatte. Es schwappte in mir hoch und ließ meinen ganzen Körper extrem zittern, sodass ich ihn kaum mehr unter Kontrolle hatte. Auf unsicheren Beinen trat ich einen weiteren Schritt zurück, dann noch einen, da ich Distanz brauchte. Um nachzudenken, um zu atmen, um von diesem wahnsinnigen Schmerz wegzukommen.
Warum war er weggeblieben? Warum hatte er Alice weg gehalten? Warum sah er aus, als würde er mit jedem Schritt, den ich mich von ihm entfernte, in das selbe tiefe Loch fallen wie ich.
"Nein", sagte ich leise.
Ich wusste nicht, was ich abstritt, den Schmerz, die Erinnerung oder die Glaubhaftigkeit dieser Erinnerung? Es konnten viele Dinge sein oder auch alle zusammen. Alles, was ich wusste, war, dass ich von hier weg musste. Ich musste fort. Ich musste nachdenken, bevor es mich in Stücke brach, bevor mein Kopf auseinanderbrach.
Dann drehte ich mich um und lief, so schnell ich konnte, ohne zurückzublicken, weil wenn ich zurückgeblickt hätte, wäre ich hier geblieben.
Intermezzo - Edward
Ich sah ihr zu, wie sie davonlief. Was hätte ich sonst tun können? Schließlich hatte ich das bekommen, was ich wollte. Bella, wie sie schreiend davonlief. In Ordnung, sie hat zwar nicht geschrien, aber die ständige Wiederholung von "Nein" kam dem nahe genug. Zum ersten Mal hatte ich Recht damit gehabt, wie Bella reagieren würde.
Es war die Ironie des Schicksals, dass das bei der einzigen Sache war, die ich mir anders gewünscht hätte. Es war eine kleine Hoffnung, aber sie war da gewesen. Es war Beweis genug, dass die ständige Pein in meiner Brust da war, auch wenn die kleine Hoffnung nun komplett verschwunden war.
Es dauerte lange, bis sie weit genug weg war, damit ich die Geräusche ihrer Schritte nicht mehr so laut hörte. Ich hörte auch ein paar Mal, wie sie leise über ihre Füße stolperte. Zum Glück hörte ich, dass sie nicht mehr ständig „Nein" sagte. Auch habe ich keine Tränen bemerkt. Ich glaube nicht, dass mich dann noch irgendetwas hätte aufhalten können, ihr zu folgen. Sogar wenn sie stolperte, fiel es mir schwer, zurück zu bleiben.
Ein beharrliches Vibrieren an meinem Oberschenkel unterbrach meine Gedanken. Ich sah auf das Display meines Handys und seufzte.
„Gut gemacht, Edward", kreischte Alice mir ins Ohr. „Du hättest das auch ein wenig besser machen können, weißt du. Ich hab dir gesagt, dass du das langsam angehen musst, oder? Aber nein, Edward Cullen, der Meister der Raffinesse, muss sofort damit herausplatzen. Und du hast mir vorgeworfen, dass ich kein Taktgefühl hätte."
Sie machte eine Pause und ich hörte sie seufzen. „Um Gottes Willen, es wäre kein größerer Schock gewesen, wenn du gleich einen Umhang angezogen und du ihr deine spitzen Zähne gezeigt hättest."
„Alice ...", brummte ich böse.
„Ja, ja. Was auch immer. Wir unterhalten uns später. Ich hab das Haus verlassen, sobald ich gesehen habe, dass sie davon gelaufen ist, und ich bin in ein paar Minuten bei ihr. Geh zurück nach Hause, Edward. Ich kümmere mich darum. Ich bringe sie nach Hause."
„Was meinst du mit ‚du kümmerst dich darum'? Alice, sie ..."
Ich verstummte, als mir klar wurde, dass ich mit niemandem mehr sprach. Alice hatte bereits aufgelegt.
Beinahe war ich besorgt genug, um Bellas Geruch zu folgen, wohin auch immer sie gegangen war. Nicht um sie zu stören, aber um zuzuhören. Um sicher zu gehen, dass Alice es nicht schlimmer machte mit ihrer bezaubernden Fähigkeit, sich über Hindernisse hinwegzusetzen, um das zu bekommen, was sie wollte. Raffinesse war auch nicht gerade Alices Stärke.
Stattdessen starrte ich an die Stelle, an der sie noch gestanden war, bevor sie sich umgedreht hatte und zurück zum Auto gelaufen war. Was auch immer Bella gerade durchmachte, was auch immer in ihren stummen Gedanken vor sich ging, als sie voll Unglauben in mein glitzerndes Gesicht geblickt hatte, es war stark genug, um dafür zu sorgen, dass sie vor mir davon lief.
Ich würde diese Entscheidung von ihr akzeptieren.
