Finding the Key

Kapitel 6


Nachdem ich zum vierten Mal hingefallen war, bin ich stehen geblieben. Mir war kalt und es war nass und ich bin in einem Haufen verrotteter Blätter gelandet, aber das war mir egal. Mir war alles egal, wirklich. Ich war deprimiert und am Boden zerstört, und daher blieb ich am Boden. Meine Welt hatte sich auf eine nicht abzustreitende Wahrheit beschränkt, und das innerhalb einer kurzen Unterhaltung. Edward Cullen hatte gesagt, er sei ein Vampir. Er könnte für meine Flucht aus Forks und die darauf folgenden Verletzungen und den Spitalsaufenthalt verantwortlich sein. Oder auch nicht. Und ich spürte aus den Tiefen meiner Seele einen Sog, dass ich von dem Waldboden aufstehen und so schnell wie möglich zu ihm zurücklaufen sollte.

Irrational. Es gab kein anderes Wort dafür, außer vielleicht, dass ich verrückt war. Verrückt traf es ebenso gut.

Ich bemühte mich, meinen Atem unter Kontrolle zu bringen und mein Herzrasen zu beruhigen. Ich musste nachdenken, aber ich hatte nicht viel Glück. Es war unmöglich, bei dem anhaltenden Pochen meines plötzlich auftretenden Kopfschmerzes und den aufgewühlten Gefühlen, die von allen Seiten über mich hereinbrachen, nachzudenken. Also saß ich da, atmete tief durch und berührte die Narbe auf meiner Hand. Ich berührte sie, starrte sie an und versuchte so intensiv wie nie zuvor, die Türen in meinem Gedächtnis offen zu bekommen. Sie regten sich nicht – meine Vergangenheit war mir nach wie vor so ein großes Rätsel wie zu der Zeit, als ich in Phoenix aufgewacht war.

Als ich in Phoenix aufgewacht war ...

Ich erinnerte mich an etwas, als ich so da saß, kalt und zitternd am Waldboden. Es war keine vergessene Erinnerung, keine Tür, die sich in meinem Unterbewusstsein öffnete. Dies war etwas, an das ich mich von meiner Zeit im Krankenhaus erinnerte. Nachdem der Unfall mich so vieler Erinnerungen beraubt hatte. Ein in der Zeit eingefrorener Moment, eine Sekunde, ein Herzschlag. Ich sah einen blassen, schönen jungen Mann in meinem Krankenzimmer stehen. Er stand stockstill wie eine Statue und starrte mich mit Besorgnis und Erleichterung an, während ich meine Verletzungen und meine Schmerzen analysierte, die ich beim Aufwachen am ganzen Körper spürte. Eine samtene Stimme sprach zu mir, die ersten Geräusche, die ich außer dem Piepsen der Monitore hörte.

Edward. Edward war in meinem Zimmer gewesen. Ich hatte ihn angestarrt, als wäre er irgendein Fremder von der Straße ... und dann war er weg. Während ich gezwinkert hatte, war er wie ein Geist verschwunden.

Weil ich ihn nicht erkannt hatte.

„Edward", sagte ich laut, meine Stimme wandelte sich in ein Schluchzen und ich hob meine Hände vor mein Gesicht.

„Bella?"

Ich bewegte mich nicht, reagierte nicht, weil es nicht die Stimme gewesen war, die ich hören wollte. Nah, aber nicht nah genug. Dennoch erkannte ich sie.

„Hi, Alice."

Sie ließ sich neben mich auf den Boden fallen, aber weit genug entfernt, dass wir uns überhaupt nicht berührten. Wir sprachen nicht. Alice saß einfach bei mir, während ich über all die verwirrenden Gedanken nachdachte, die in meinem Kopf herumschwirrten und am Rande meiner Wahrnehmung leise Kopfschmerzen verursachen.

„Wir waren auch Freunde, oder?", sagte ich und brach schließlich die Stille.

„Ja", antwortete Alice nach einem Augenblick. „Wir waren auf dem Weg, beste Freundinnen zu werden."

Ich hob meinen Kopf, um sie anzusehen. „Was meinst du damit, wir waren auf dem besten Weg dorthin?"

„Es ist kompliziert, aber ich sehe Dinge, Bella. Dinge, die in der Zukunft passieren, und ich sah uns als beste Freundinnen, bis ..." Sie verlor den Faden, aber sie musste nicht zu Ende sprechen. Ich wusste, was sie meinte.

„Vor dem Unfall", bemerkte ich trocken. Sie nickte einfach als Antwort.

Ich wandte meinen Blick zu meinen Händen. Meine Finger verschränkten sich und gingen wieder auseinander, die Narbe war ein blasses weiß gegen die umliegende Haut. Mein Zeigefinger folgte der Linie des Halbmondes und ich blickte mit tränennassem Gesicht zu Alice.

„Edward hat das nicht gemacht."

Alices einzige Reaktion war, dass sie leise Luft holte. Ihr Gesicht war immer noch komplett ausdruckslos. „Du hast dich erinnert?" Sie klang zweifelnd.

„Nicht an das, was passiert ist, nein. Ich weiß es einfach hier drinnen", sagte ich sanft und hob meine Hand mit der Narbe an mein pochendes Herz. „Er würde mir nicht weh tun. Was immer ich gesehen habe, was immer auch passiert ist, er war es nicht."

„Was du gesehen hast?"

Ich nickte. „Als wir uns vorhin unterhalten haben, Edward und ich." Ich musste aufhören. Sogar seinen Namen zu sagen, erinnerte mich schmerzlich an seinen Gesichtsausdruck, kurz bevor ich vor ihm davongelaufen war. „Als er mir erzählt hat, ..." Ich wedelte mit der Hand, konnte nichts mehr sagen.

Alice kam mir zur Hilfe. „Als er dir von unserer Familie erzählt hat", schlug sie vor und eine blasse, kalte Hand überbrückte die Entfernung und legte sich auf meine. „Du kannst es ruhig sagen, weißt du. Es ist nicht so, als wüsste ich nicht, dass ich ein Vampir bin."

Ich konnte nicht anders, als zusammenzuzucken. Nicht von ihrer kalten Hand, aber von der ruhigen, fast beiläufigen Bestätigung dessen, was ich vorhin als Streich betrachtet hatte. War sie immer so ungezwungen angesichts dieser Tatsache gewesen? Und ich?

Ich wusste es nicht, aber ich hatte keine Angst mehr, als ich hier mit Alice saß.

Ich starrte unsere Hände eine lange Zeit über an. Während ihre Hand eiskalt wie immer war, bemerkte ich es gar nicht, weil ich auch eine Wärme spürte. Die Wärme unserer Freundschaft, die nach kurzer Zeit abgebrochen worden war, aber ich hoffte, dass wir sie wiederbeleben und erneuern konnten. Als unsere Blicke sich trafen, als ich das Lächeln in ihren bernsteinfarbenen Augen sah, dachte ich, dass wir das vielleicht schaffen konnten.

„Ja", sagte ich, als ich meine Stimme wieder fand. „Ich habe vorhin etwas gesehen, eine Erinnerung. Als meine Narbe genauso glitzerte wie Edwards Gesicht, habe ich mich an etwas ... erinnert. Ein Bild. Ein Bild von Edwards Mund hier." Ich berührte die Narbe. „Sein Mund ... und Schmerzen. Solche Schmerzen habe ich noch nie zuvor erlebt."

„Woher weißt du dann, dass er dir nicht weh getan hat, wenn du nur diesen einen Augenblick gesehen hast?"

„Ich weiß es einfach", sagte ich ernst. „Er war es nicht."

Ein geheimnisvolles Lächeln erschien auf Alices Gesicht, es war fast schon zufrieden, und ich wusste, dass ich Recht hatte, egal, was ich in dieser kurzen Erinnerung gesehen hatte. „Du solltest ihn das wissen lassen", sagte sie locker, „bevor er sich selbst dafür bestraft, dass er dich davongejagt hat."

Mein Mund klappte auf. „Was?"

„Das ist Teil seiner zweifelhaften Ausstrahlung", lächelte sie. „Ein übermäßiger Sinn von persönlichem Schuldbewusstsein, mit einer Prise Angst dazu. Das ist ziemlich nervig", seufzte sie dramatisch, „aber wir haben alle gelernt, damit umzugehen. Und wir lieben ihn trotzdem."

„Aber ... ich brauchte einfach ... es war zu viel für mich. Ich brauchte einfach ein bisschen Zeit zum Nachdenken, um das alles irgendwie zu verarbeiten. Nicht, dass ich recht weit damit gekommen wäre. Und dann hat mein Kopf zu pochen begonnen, als ob er in zwei Hälften zerfallen würde, und ich ... ich wollte nicht ... Scheiße, ich muss zu ihm zurück und ihm alles erklären ... Alice, weißt du ... ich weiß nicht, wo er ..."

Mein Kopf wirbelte herum, um hinter mich zu blicken. Meine Augen versuchten, den Pfad zu finden, auf dem ich hierher gelangt war.

Aber Alice war schon auf den Beinen und hielt mir eine Hand hin. „Natürlich, Bella", sagte sie mit einem Lächeln. „Komm, ich bringe dich nach Hause."

Ich war verwirrt, als wir in eine andere Richtung gingen als die, aus der ich glaubte, vorhin gekommen zu sein, aber mit meinem ärmlichen Orientierungssinn hinterfragte ich das nicht. Meine Gedanken waren zu sehr damit beschäftigt, was ich wohl zu Edward sagen sollte, um das ganze nicht noch komplizierter zu gestalten."

Wir liefen eine Weile in Ruhe dahin, während mein eigenes Schuldbewusstsein stärker wurde und ich überlegte, wie ich mich entschuldigen sollte. Jede Version klang vollkommen erbärmlich, sogar in meinen eigenen Ohren. Die Frustration begann, an mir zu nagen, bis ich laut aufstöhnte.

„Kannst du es mir nicht einfach sagen, Alice? Mir alles erzählen, alles, das passiert ist?"

Alice seufzte. „Ich könnte schon, Bella, wenn du das möchtest. Aber es wäre nicht anders, als würde ich dir irgendeine Geschichte erzählen. Du wüsstest nicht, was wahr ist und was erfunden." Sie machte eine Pause und hielt eine Hand hoch, damit ich sie nicht unterbrach. „Natürlich weißt du, dass ich dich nicht belügen und Sachen erfinden würde, aber es würde dir so viel mehr bedeuten, wenn die Erinnerungen von dir selbst kämen statt von mir."

Ich war zwar sehr frustriert, aber wusste, dass sie Recht hatte. Ich wäre nicht glücklich, bis ich nicht meine eigenen Erinnerungen wieder zurück erlangt hätte. Nur zu wissen, was passiert war, war nicht genug. Ich wollte mich wieder erinnern können.

Nur vage hörte ich die Dinge, die sie mir im Plauderton erzählte, während wir wanderten, und sie verstummte komplett, als wir endlich das Dickicht der Bäume verließen. Ich starrte auf ein großes, wunderschönes weißes Haus mitten auf einer Lichtung. Die Geräusche von Musik, ein sanftes Klavierspiel, war über den Rasen vor uns zu hören. Ein Lächeln lag auf meinem Gesicht, bevor ich es selbst bemerkte.

„Claire de Lune", sagte ich und war ein wenig eingeschüchtert, eines meiner Lieblingsstücke so wunderschön gespielt zu hören.

„Ja. Er spielt es ... oft."

Und wieder bemerkte ich Alices Stimme nur am Rande meiner Wahrnehmung. Ich bewegte mich bereits vorwärts. Ich konzentrierte mich auf die tief bewegende Melodie und ließ mich von meinen Beinen vorwärts tragen, ohne dass ich es steuerte. Meine Beine wussten einfach, wohin sie mich bringen sollten, und blieben nicht still, bis ich auf der Veranda vor den offenen französischen Flügeltüren stand und ihm beim Spielen zusah.

Ich wusste es sofort, dass er meine Anwesenheit bemerkte. Die Töne am Klavier schwankten nicht, aber seine Schultern verkrampften sich. Er blickte nicht hoch, er hörte nicht zu spielen auf. Er schüttelte einfach seinen Kopf und spielte das Lied weiter.

„Edward?", fragte ich sanft.

In diesem Moment verklang das Klavier. Sein Kopf hob sich langsam, seine Augen suchten meine. Als er sprach, war seine Stimme immer noch wie Samt, immer noch hypnotisierend, aber mit ein wenig Unglauben in diesem einen Wort. „Bella?"

„Es tut mir Leid, dass ich weggelaufen bin, Edward", platzte es aus mir hervor. „Es war einfach so viel, so verwirrend, und dann dein Gesicht. Es glitzert so wie meine Hand und ich habe Kopfschmerzen bekommen. Dann habe ich eine neue Erinnerung gesehen, wie dein Mund über meiner Narbe lag und ich weiß, es war dumm, wie ich so weggelaufen bin, und es tut mir so Leid, aber ..."

Ich musste aufhören, denn seine Lippen waren im Weg. Mitten in meinem Geplapper hatte er die Entfernung zwischen uns überwunden. Er hatte sich so schnell bewegt, dass er innerhalb eines Augenblicks bei mir war. Ich war erstaunt, dass ich überhaupt sprechen konnte, wo er mir doch so nah war und einen so ungläubigen Gesichtsausdruck hatte, aber ich hatte es geschafft.

Der Kuss dauerte nicht lang, oder nicht so lang, wie ich es mir gewünscht hätte, aber er war genug, um den endlosen Unsinn zu beenden, den ich von mir gab. Er beendete den Kuss, indem er seine Lippen zu meinem Kinn wandern ließ und von dort über mein Kiefer. Ich konnte jede Berührung seiner Lippen wie Feuer an meiner Haut spüren und musste ein Stöhnen unterdrücken.

„Ich schulde Alice so viel", murmelte er mir ins Ohr.

„Alice?", fragte ich verträumt. Mein Atem ging zu schnell, um ordentlich zu sprechen.

„Mmmh", murmelte er, seine Lippen bewegten sich weiter mein Kiefer entlang. „Wie brachte sie dich dazu, dass du dich wieder erinnerst?"

Obwohl es mich fast jedes Stückchen Kraft kostete, das ich aufbringen konnte, zog ich mich von seinen wunderbaren Küssen zurück, um hoch in sein Gesicht zu blicken. Ich musste ein paar Mal blinzeln, um einen klaren Kopf zu bekommen. „An was erinnern?"

„An alles. An deine Vergangenheit, unsere Vergangenheit. Unsere gemeinsame Zeit."

Ich war noch immer halb von seinen Küssen benebelt, aber meine Gedanken wurden schon ein wenig klarer, jetzt, wo er aufgehört hatte. „Ich habe mich noch immer nicht erinnert, Edward. Nur ... nur an zwei kleine Dinge. Nichts mehr als das."

Nun war er an der Reihe, verwirrt auszusehen. „Was meinst du damit, nur zwei Dinge? Wenn du dich nicht erinnerst, warum bist du dann hier?"

Schließlich schloss ich zu ihm auf. Mit einer ruhigen Hand griff ich nach unten zu seiner. Ich verschloss unsere Finger ineinander und drückte seine Hand an mein Herz. „Ich erinnere mich hier an alles. Auch wenn ich noch keine echten Erinnerungen als Bestätigung habe. Ich kann es nicht erklären, aber ich weiß, dass es so ist. Ich kenne dich. Und das ist genug für mich."

Sein Gesicht zeigte so einen herzzerreißend ungläubigen Ausdruck, dass ich nicht anders konnte, als meine Hände an seine kalten Wangen zu legen und zu lächeln. „Ich kann mich vielleicht nicht daran erinnern, wie es passiert ist, Edward. Ich erinnere mich nicht daran, welchen Pfad wir eingeschlagen hatten, um hierher zu kommen, aber das ist egal. Was zählt ist, dass wir hier zusammen sind."

Er legte seinen Kopf zur Seite, als ob er nach etwas Bestimmtem lauschte, das ich nicht hören konnte. Das tat er wahrscheinlich auch. Aber was auch immer er hörte, was auch immer mir entging, es sorgte dafür, dass ein neuerlicher Krieg hinter seinen Augen ausbrach. Diesmal sah ich keine Verzweiflung, keine Wut. Die dominierenden Emotionen waren eher Erleichterung und Ungläubigkeit.

„Nein. Ich verstehe das nicht, Bella, nach allem, was ich dir erzählt habe, bist du weggelaufen. Ich meine, ich wusste, dass du so reagieren würdest, aber das hat nichts daran geändert. Ich bin noch immer ein Vampir, ich bin noch immer für dich gefährlich."

„Ich bin weggegangen, weil ich Zeit brauchte, Edward. Nicht wegen dem, was du bist. Eines der klarsten und auch verwirrendsten Dinge ist, dass ich unseren Kuss wiedererkannte. Schon bevor du mir etwas gesagt hast, kannte ich deinen Kuss, wie er sich anfühlen würde, wie er sich dann wirklich anfühlte. Und du hast gesagt, ich hätte es schon zuvor herausgefunden, also machte es mir damals anscheinend nicht so viel aus, als dass ich dich nicht küssen würde, also warum sollte es diesmal an..."

Wieder wurden meine Worte von seinen Lippen unterbrochen. Diesmal hatte er auch seine Arme um mich geschlungen und mich vom Boden hochgehoben, bis meine Zehen gegen seine Schienbeine baumelten. Sein Griff um mich war fest, aber nicht unangenehm. Wenn überhaupt, klammerte ich mich noch fester an ihn und versuchte, ihm näher zu kommen. Die ganze Zeit über bedeckten seine sanften, achtsamen Küsse jeden Zentimeter meines Gesichts.

„Meine Bella. Meine wunderschöne Bella", murmelte er. „Du bist so komplett absurd, du reagierst nie so, wie du es solltest, oder wie ich es von dir erwarte. Und du solltest jetzt nicht hier sein, hättest nicht einfach so ein Haus voller Vampire betreten sollen, ohne dir darüber Sorgen zu machen, aber ich kann nicht anders als mich so zu freuen, dass du es doch getan hast."

„Das stimmt nicht", brachte ich hervor, als meine Stimme zu mir zurückkehrte.

„Was stimmt nicht?"

„Ich habe mir Sorgen gemacht, Edward. Ich hatte solche Angst davor, weil ich so ein Idiot gewesen und davongelaufen war, dass ich dich verloren hätte."

„Oh, Love", kicherte er in mein Ohr, „du wirst mich nie verlieren. Der einzige Grund, warum ich hier bin und nicht draußen nach dir suche, um dir alles besser zu erklären, war, dass ich nicht so ein Desaster wie beim ersten Mal anrichten wollte.

Langsam ließ er mich wieder zurück auf meine Füße, aber seine Arme behielt er weiterhin eng um mich geschlungen. Als ob er unsere Trennung genauso wenig noch länger ertragen konnte wie ich. Seine Augen musterten mein Gesicht, das mit Sicherheit rot und geschwollen war, weil ich zuvor geweint hatte. Er bemerkte es anscheinend nicht. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war einem Staunen nah.

Ich errötete. Auch wenn ich wusste, dass dies meinem geschwollenen Gesicht nicht gerade Vorteile verschaffen würde, konnte ich es nicht aufhalten. Ich errötete nur noch mehr.

„An was hast du dich erinnert?", fragte er mich plötzlich. Seine kühlen Finger strichen über mein überhitztes Gesicht.

„E-Entschuldige?", stotterte ich. Alles an seinem Gesichtsausdruck verursachte immer wieder Aussetzer in meinem Gehirn.

„Du hast gesagt, du hast dich an etwas anderes erinnert, etwas anderes als die Erinnerung an deine Narbe."

„Oh, das." Verfluchte Wangen, dachte ich, würden die jemals wieder abkühlen?

Aber bevor ich ihm sagen konnte, dass ich mich daran erinnerte, ihn im Krankenhaus gesehen zu haben, erklang irgendwo hinter ihm eine tiefe, brummende Stimme.

Edward rollte mit den Augen.

„Oh, sie ist hier, alles in Ordnung", sagte jemand und ich hörte, wie jemand mit schwerem Schritt sich uns näherte. Ich verspannte mich.

„Ha!", rief die Stimme hinter ihm triumphierend auf, als er uns erreichte, und mein Kinn klappte nach unten. Neben einem weiteren wunderschönen und perfekten Gesicht war die Größe des Kerls in der Tür beinahe surreal. Er war, mit einem Wort, riesig. Ich hatte wahre Bodybuilder in der Schule gesehen, aber sie waren nichts im Vergleich zu dem Kerl in diesem Haus. Er strahlte mit jedem Atemzug Stärke aus.

„Willkommen zurück, Bella", sagte er, als er näher kam. Innerhalb einer Sekunde hatte er mich aus Edwards Armen gezogen, mich an der Hüfte gepackt und mich im Kreis herumgewirbelt. Ich hatte mich verkrampft, als er mich hochgehoben hatte, aber das war unnötig, wie sich herausstellte. So stark er aussah, so sanft war er auch. „Es war todlangweilig hier ohne dich."

Ich konnte spüren, wie mein Gesicht knallrot wurde, als er mich wieder absetzte. Ich schwankte ein wenig, und meine Hände kamen hoch, um mein Gesicht zu bedecken.

„Tja, zumindest weiß sie noch, wie man errötet", lachte er los. „Das ist ja schon mal was."

Meine Wangen wurden, wenn überhaupt möglich, noch röter.

„Sehr subtil, Emmett", sagte Edward. Der leichtere Tonfall in seiner Stimme überraschte mich, und ich sah rechtzeitig hoch, um ein Funkeln in seinen topasfarbenen Augen zu bemerken. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach auch grinsen. Es blieb mir nicht verborgen, dass er seinen Arm um meine Taille schlang, sobald ich mit meinen Beinen wieder fest am Boden stand. Ich entspannte mich an seiner Seite und hoffte, dass meine Wangen sich noch in diesem Jahrhundert wieder ein bisschen abkühlen würden.

„Bella, das ist mein Bruder Emmett", sagte er. Der Humor war noch immer deutlich in seiner Stimme zu hören.

Emmett starrte mich erwartungsvoll an, dann sackte sein Gesicht ab. „Tja, zur Hölle. Sie hat wirklich alles vergessen, oder? Das ist geradezu beleidigend."

Ich spürte, wie Edward sich neben mir wieder versteifte, aber ich selbst fühlte nichts von dieser Spannung. Stattdessen entkam mir ein Lachen. Ich tat nichts dagegen. Es fühlte sich einfach gut an, zu lachen, zu lächeln. Gut. Einfach. Und sehr, sehr richtig.

„Kaum zu glauben, dass ich euch je vergessen konnte", gab ich wahrheitsgemäß zu.

„Edward erzählte uns immer, dass du zu dickköpfig warst, als gut für dich gewesen wäre", meinte Emmett. Edward zischte neben mir. „Tja, das hast du doch. Du brauchst es nicht abstreiten. Vielleicht muss sie nur ein wenig ihrer Dickköpfigkeit dazu verwenden, um sich wieder zu erinnern, anstatt alles zu vergessen. Dann wäre alles wieder klar."

„Ach", sagte Edward sarkastisch, „also warum ist mir das noch nicht eingefallen? Wenn du uns jetzt bitte entschuldigst ..."

Ich sah hoch, als Edward verstummte. Meine Augenbrauen zogen sich zusammen, als seine Hand hoch kam, um sein Gesicht zu bedecken. „Oh, bei allem, was heilig ist", murmelte er. Dann drehte er sich mit ernstem Gesicht zu mir herum. „Sieht so aus, als wäre bei uns allem das Limit unserer Geduld erreicht", flüsterte er mir ins Ohr.

„Was meinst du damit?", fragte ich und sah besorgt zu ihm hoch.

„Meine Familie. Sie haben dich auch alle vermisst, Bella. Sie wollen dich zuh... zurück begrüßen und willkommen heißen."

Meine Zähne bissen besorgt auf meine Unterlippe. Edward war die eine Sache, aber seine Familie? Mein Herz hatte vor lauter Aufregung Aussetzer in meiner Brust. Ich war ziemlich sicher, dass ich nicht gerade gut darin war, den Eltern vorgestellt zu werden. Ich schluckte und nickte, und ich wiederholte immer wieder, dass ich diese Leute alle schon einmal getroffen und mich offensichtlich nicht zu einem völligen Idioten gemacht habe. Nicht, wenn sie mich alle so gern wieder sehen wollten.

Du hast das schon mal gemacht, sagte ich mir selbst, du kannst es wieder tun.

„Bella?"

Wir alle drehten uns zur Tür herum und ich musste wieder nach Luft schnappen. Langsam gewöhnte ich mich an die Schönheit der Familie Cullen, sofern man sich je daran gewöhnen konnte. Aber die helle Stimme hinter mir, sanft und unsicher, ließ mich erstarren, genauso wie die klassische, etwas altmodische Schönheit der Frau, die neben dem Arzt stand.

„Ich bin Esme", sagte sie und ging langsam zu uns. „Es tut mir Leid, euch so zu unterbrechen, aber ich konnte mich nicht zurückhalten, sobald ich eure Stimmen gehört hatte. Willkommen zurück." Sie griff nach meinen Händen, als sie nah genug war, nahm sie in ihre und drückte sie sanft. „Es tut so gut, dich wieder zu sehen, Sweetheart."

Die Emotion in ihrer Stimme verwirrte mich, aber nur an der Oberfläche. Genauso wie mit dem Arzt, Carlisle, und Alice und Edward, gab es auch hier eine Verbindung. Eine, die tief in meinem dickköpfigen, verschlossenen Gedächtnis lag, aber sie war da. Das wusste ich in der Tiefe meiner Seele, ich gehörte hierher.

Der Arzt stand genau hinter ihr, eine Hand hatte er an ihren Rücken gelegt. „Bella", begrüßte er mich warm. „Wir hatten uns im Krankenhaus gar nicht richtig begrüßt", sagte er und warf Edward einen Blick zu, der mich verwirrte. „Ich bin Carlisle."

„Schön, euch beide zu treffen", sagte ich und lächelte, als ich erneut errötete. „Euch wieder zu treffen, meine ich."

Als ich bemerkt hatte, dass Alice mich zu ihrem Haus gebracht hatte anstatt zu meinem eigenen, war es mir egal gewesen, solange ich Edward wieder sehen konnte. Ich wollte ihn sehen und mich für meinen abrupten Abgang im Wald entschuldigen. Ich wollte versuchen, ihm zu erklären, warum ich so reagiert hatte. Ich hatte dies hier nicht erwartet, von seiner gesamten Familie begrüßt zu werden.

Ich hätte nervös sein sollen oder zumindest hätte ich mich unwohl fühlen müssen. Ich meine, ich war von Vampiren umgeben. Von aller Logik, die mein verwirrter Verstand aufbringen sollte, hätte das eine sehr üble Tatsache sein sollen. Aber es war mir egal. Ich fühlte mich, als wäre ich zu Hause angekommen.

Ich sah wieder hoch und sah, dass zwei weitere zu uns gestoßen waren. Zwei blonde Personen. Die eine war eine wunderschöne Frau, von der man nie für möglich hielt, dass solch eine Schönheit außerhalb von Photoshop existieren konnte. Der andere war genauso schön, aber etwas wilder und zurückhaltender.

Edward stellte sie mir als Rosalie und Jasper vor.

Aus irgendeinem Grunde blieben sie in einiger Entfernung stehen. Und das kam auch nicht überraschend für mich. Ich fühlte mich nicht unbehaglich, obwohl Rosalie neben einem immer noch grinsenden Emmett stand und mich ansah, als wäre ich etwas Schmutziges, auf das sie getreten war, als sie ihre Lieblingsschuhe trug. Und Jasper ... ich war mir nicht ganz sicher wegen Jasper. Aber er stand nahe bei Alice, ich stand neben Edward, und alle schienen damit zufrieden zu sein.

„Wir lassen euch beide nun in Ruhe. Wir wollten euch nicht stören, wir wollten dich nur begrüßen", sagte Carlisle, als die Unterhaltung langsam verstummte. Seine Augen wanderten abwechselnd zu all seinen Kindern, als ob er sie warnen würde, ihn nicht zu hinterfragen. Niemand tat es. Sie alle begannen, sich mich einem Lächeln im Gesicht und dem Versprechen, mich bald wieder zu sehen, zurückzuziehen.

Emmett kam nach vorne und zerzauste mir mein Haar. „Mach nichts Komisches, wenn ich nicht da bin", sagte er.

„Komisch?", fragte ich.

„Du weißt schon. Die Stufen runterzufallen, über deine eigenen Beine zu stolpern und am Hintern zu landen? Das Übliche halt." Er machte eine Pause und beobachtete mich genau. Ich spürte deutlich, wie mein Gesicht wieder hochrot wurde. „Da ist es wieder. Ich bin ein Meister darin."

Edward machte ein Geräusch, das mich dazu brachte, an seiner Seite aufzuschrecken, aber Emmett lachte einfach und ließ zu, dass Rosalie und Esme ihn aus dem Zimmer zogen.

Ich drehte mich wieder zu Edward um und runzelte die Stirn. Ich war überrascht, als ich sah, wie er Carlisle anstarrte. Ihre Augen starrten einander ungebrochen an und hier und da bewegte Edward leicht seinen Kopf. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich geschworen, dass sie sich gerade unterhielten. Ich blickte mit verwirrten Augen zu Edward, aber er drückte mich als Antwort nur an sich und schüttelte den Kopf.

Er rollte mit den Augen, drehte sich zurück zu mir und starrte an einen Punkt über meiner Schulter. Ich versuchte, mich umzudrehen, um zu sehen, worauf er starrte, aber seine Arme waren wieder um mich gelegt und ich konnte mich nicht umdrehen.

„Du könntest dein Grinsen wirklich abstellen, Alice."

„Das hab ich schon versucht", trällerte sie zurück, „und es hat nicht funktioniert." Die Zufriedenheit in ihrer Stimme war, trotz dass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, nicht zu überhören.

„Übrigens", fügte er hinzu, obwohl seine Augen nun wieder auf mir ruhten, „ich dachte, du hättest gesagt, du wolltest sie nach Hause bringen", bemerkte Edward.

„Ich hab sie doch nach Hause gebracht", antwortete sie, „ich hab dir nur nicht gesagt, in welches zu Hause."

Ihr glockenhelles Lachen war noch zu hören, als sie schon auf dem Weg nach oben war.

Ich kicherte und Edwards schaute mir wieder tief in die Augen. „Was?", fragte er. Seine Stimme war ein Flüstern.

„Nichts. Nur was Alice gesagt hat, so fühlt es sich auch an. Fast so, als wäre ich zurück nach Hause gekommen."

Wenn Edward gedacht hat, dass Alice selbstzufrieden war, dann zweifelte ich daran, dass ihr Gesichtsausdruck dem von Edward jetzt gerade das Wasser reichen konnte. Er wirkte selbstgefällig, zufrieden und ... glücklich. Das breite Lächeln war genug, damit meine Knie wieder nachzugeben drohten.

„Dir geht es wirklich gut mit all dem hier", sagte er im selben langsamen Tonfall.

„Mit was?"

„Mit allem. Ich, meine Familie. Mit dem, was wir sind."

Ich verzog meine Braue. „Warum sollte ich das nicht sein? Aber ich gebe zu, es ist ein wenig verunsichert, von sieben der schönsten Menschen, die ich je außerhalb der Vogue gesehen habe, umgeben zu sein."

Edward stoppte mich mit seinem Blick. „Das habe ich nicht gemeint, Bella."

„Oh, du meintest das...", ich brach ab und wedelte mit meiner Hand in seine Richtung, „alles?"

„Ja, das alles. Sag es, Bella." Seine Stimme war zu einem seidenen, gepeinigten Flüstern geworden.

Ich musste Luft holen und mich beruhigen, sodass das Wort klar über meine Lippen kam und nichts von der Unbehaglichkeit durchdrang, die ich trotz dem herzlichen Willkommen der Cullens gespürt hatte. Weil er hatte Recht. Wenn ich es nicht aussprechen konnte, dann hatte ich keinen Grund, um länger hier zu bleiben. Es half nichts, dass er mich anstarrte, als ob er von mir erwartete, dass ich jeden Moment wieder davonlaufen würde. Und wenn meine Unbehaglichkeit darüber, dass ich seine Familie getroffen hatte, in meiner Stimme mitschwang, würde er es vielleicht falsch auffassen.

Es war ein Test, und ich war fest entschlossen, ihn zu bestehen.

„Vampire." Ich hauchte das Wort mehr, als dass ich es tatsächlich aussprach, und ich spürte, wie ich mich an seiner Seite entspannte. Sogar noch mehr spürte ich, wie er sich mit mir mit entspannte.

Mit seinem immer noch um mich gelegten Arm lehnte Edward sich zu mir und umfasste meinen Mund in einem weiteren langsamen, sanften Kuss. Seine kühlen, gläsernen Lippen liebkosten meine. Sein Mund schluckte mein glückseliges Stöhnen, als seine Zunge gegen meine Unterlippe strich. Der Teil meines Gehirns, der noch fähig war zu denken, fragte sich, wie ich jemals eine Minute damit verbringen konnte, Edward nicht zu küssen. Auch ohne meinem rasenden Herzen und meinen wackligen Knien fühlte es sich an, als hätte ich Zeit verschwendet.

Edward zog sich zurück, als er merkte, wie ich unter meinem wachsenden Schwindelgefühl taumelte. Sein schiefes Lächeln half nicht, um meine Fähigkeit, aufrecht zu stehen, zu unterstützen. Ich hörte irgendwo in der Nähe ein leises, klingendes Geräusch. Eine Uhr, die zur vollen Stunde ertönte. Als ich in Edwards hypnotisierende Augen starrte und mich bereits auf die Zehenspitzen gestellt hatte, um ihn wieder zu küssen, endete der siebte Stundenschlag.

Sieben Uhr. Und die Realität hatte mich wieder ereilt.

„Oh Scheiße, Charlie!"

Edward hob eine seiner perfekten Augenbrauen hoch. „Sollte ich mir Sorgen machen, wenn mein Kuss dich an deinen Vater erinnert?"

Ich starrte ihn eine Minute lang mit offenem Mund an und versuchte, die beiden Gedanken in meinem Kopf zu vereinen, und musste dann lachen, als er mir wieder sein schiefes Lächeln schenkte. „Nein. Es ist nur ... Ich hab ihm keine Nachricht oder so hinterlassen, als wir heute Morgen losgefahren sind."

War es wirklich erst heute Morgen gewesen, dass Edward vor meiner Tür aufgetaucht war? Es kam mir viel, viel länger vor. Als ob es im vorigen Leben gewesen wäre.

„Ich verstehe." Edward nickte, nur ein kleines Lächeln blieb in seinem Gesicht zurück. „Ich bringe dich nach Hause."

„Nein!" Der Protest war mir entschlüpft, bevor ich ihn aufhalten konnte. Meine Arme verkrampften sich aus purem Reflex um ihn herum. „Ich will nicht ... es gibt noch so viel, das ich noch nicht sagen oder erklären konnte ..."

Aus irgendeinem Grund kam sein Lächeln in vollem Ausmaß zurück, genauso wie das Leuchten in seinen hübschen, topasfarbenen Augen. „Mach dir keine Sorgen, Bella."

„Aber ...", protestierte ich wieder. Ich konnte den Schauer der Unbehaglichkeit nicht erklären, der meinen Rücken hinablief, als ich daran dachte, von hier wegzugehen und diesen Tag zu Ende gehen zu lassen.

Sein Finger an meinen Lippen brachten mich zum Schweigen, und als er sich nach unten beugte, um meine Nasenspitze zu küssen, verlor ich meine Fähigkeit zu denken und zu protestieren.

„Ist schon gut, Love. Du wirst schon sehen."