Finding the Key
Kapitel 7
Intermezzo – Edward
Ich ließ Bella vor Charlies Haus aussteigen und es fühlte sich an, als wäre mir ein Teil meines Herzens herausgerissen worden. Ich sah ihr zu, wie sie die paar Stufen zum Haus hinaufging. Ich wollte ihr folgen, wollte an ihrer Seite sein und dort bleiben. Für immer.
Wenn die Blicke, die sie mir über die Schulter zuwarf, etwas zu bedeuten hatten, war ich nicht der Einzige, dem es so ging. Diese Idee ließ mich aufgeregt fühlen und nervte mich gleichzeitig. Deswegen zwang ich mich, den Gang einzulegen und von der Bremse zu steigen.
Ich fuhr weg und mir fiel meine Unterhaltung mit Carlisle wieder ein. Ich runzelte die Stirn, denn jetzt wollte ich nicht daran denken. Ich wollte nie wieder daran denken. Die Absicht hinter seiner Theorie war sowieso vergebens, denn es würde nie Wirklichkeit werden.
Ich wollte bleiben und hören, was sie ihm wohl erzählte, aber ich musste den Wagen zurück nach Hause bringen. Ich hatte es letztes Jahr geschafft, dass die Nachbarn Charlie nicht informieren mussten, dass ihr Haus von jemandem in einem Volvo beobachtet wurde, und das wollte ich auch so beibehalten.
Es dauerte überhaupt nicht lang, zurück zum Haus zu fahren und den Wagen in der Garage abzustellen. Alice wartete natürlich bereits auf mich. Ich wusste allein anhand ihres Gesichtsausdrucks, dass sich ihre Selbstzufriedenheit während meiner Abwesenheit nicht mal um ein Grad abgekühlt hatte.
Ich seufzte.
"Wie passt all deine Überheblichkeit in so einen kleinen Körper hinein?"
"Das ist eine Gabe", grinste sie zurück, stand von der Stufe auf und hüpfte beinah auf mich zu. "Wann kommt sie zurück?"
Ich verdrehte die Augen. "Alice, es gibt noch so viele Dinge, über die wir uns erst klar werden müssen. Außerdem hat sie immer noch keinen Sinn für Selbstschutz."
Alices kleine Hand hob sich und sie schlug sich damit an die Stirn. Ich war überrascht. Ich hätte eher erwartet, dass sie mich schlagen würde. "Wann wirst du endlich akzeptieren, dass sie zu uns hierher gehört? Zu dir? Um Himmels Willen, Edward. Ich habe es dir doch gesagt. Sie war bereits auf dem Weg zurück zu dir, als ich sie gefunden hatte. Wenn ich zwei Minuten später gekommen wäre, hätte ich sie quer durch den Wald aufspüren müssen."
"Das weiß ich", sagte ich und fuhr mir mit der Hand durch mein bereits zerzaustes Haar. "Das bedeutet aber nicht, dass ich es auch verstehe."
Diesmal musste Alice seufzen. Sie stand direkt vor mir und musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um meine Wange zu berühren. "Auf manche Dinge musst du einfach vertrauen, Edward."
Ich versuchte, ihr Lächeln zu erwidern, aber ich war mir ziemlich sicher, dass es ziemlich gezwungen aussehen musste.
Aus einem mir unbekannten Grund, schien sie Mitleid mit mir zu haben und ließ das Thema fallen. Aber natürlich nicht, ohne ein oder zwei Mal die Augen zu verdrehen. "Charlie wird in drei Stunden eingeschlafen sein", kündigte sie mir an, als sie sich umdrehte, um ins Haus zu gehen. "Wirst du es so lange aushalten?"
Ich sah sie böse an und knurrte sogar als Zugabe. Aber ihrer Reaktion nach zu schließen hätte ich auch leise sein können. Alice lachte mich bloß aus und hüpfte davon.
Drei Stunden.
Nach dem einen Jahr der Qual, das ich während ihrer Abwesenheit überlebt hatte, sollten die drei Stunden wie im Flug vergehen.
Aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor.
Ich starrte mein Spiegelbild im kleinen Badezimmerspiegel eine Zeit lang an, nachdem ich mich fürs Bett fertig gemacht hatte. Ich wusste nicht, warum ich annahm, ich würde anders aussehen, aber ich kontrollierte es trotzdem. Alles, das ich sah, war die selbe, blasse Erscheinung, die selben dunkelbraunen Augen.
Gab es einen Unterschied? Vielleicht. Zumindest erinnerte ich mich nicht daran, vor heute ohne Grund in dämliche, breite Grinser ausgebrochen zu sein. Und auch nicht einfach so aufzulachen. Aber bevor ich den Blick von meinem Spiegelbild abgewandt hatte, hatte ich beides getan.
Ich hörte Charlie in seinem Schlafzimmer schnarchen und tappste leise den kurzen Korridor entlang zu meinem Zimmer. Ich hatte es nicht eilig, dorthin zu gelangen, da ich wusste, dass ich nur schwer einschlafen würde, da mir immer noch Erinnerungen fehlten.
Ich begann mir langsam zu wünschen, ich hätte ein paar zusätzliche Bücher mitgebracht und fragte mich, welche wohl noch hier sein würden. Ich freute mich auf das, was ich womöglich hier zurückgelassen hatte, drückte die Tür auf und musste mich beherrschen, um nicht so laut nach Luft zu schnappen, dass Charlie aufwachte.
Edward stand in der hintersten Ecke meines Zimmers.
"Edward", zischte ich. Ich ging in mein Zimmer und schloss die Tür leise hinter mir. "Was ... wie bist du hier hereingekommen?" Trotz der Fragen fiel es mir sehr schwer, nicht auf Bett zu springen, um ihm näher zu sein und mich in seine Arme zu kuscheln.
"Durchs Fenster", sagte er einfach, aber da lag etwas in seinen Augen, ein beinah bohrender Blick. "Ich dachte bloß ... Wenn es dir unangenehm ist, kann ich gehen", fügte er hinzu und wedelte mit der Hand in Richtung des geöffneten Fensters.
"Nein!", sagte ich laut. Ich erstarrte instinktiv und lauschte, ob Charlie in seinem Zimmer aufgewacht war. Zum Glück hörte ich nichts außer sein leises Schnarchen, das den Gang entlang zu hören war.
Ich machte einen langsamen Schritt nach vorne, meine Arme hingen leblos hinab, damit ich meinem inneren Verlangen nicht nachgab und sie nach ihm ausstreckte. "Nein, ist schon gut. Natürlich ist es gut. Ich war bloß ein wenig überrascht."
Edward beobachtete mich genau, sein nun vertrautes, halbes Grinsen war in seinem Gesicht zu erkennen. "Das warst du beim ersten Mal auch", sagte er leise.
"Beim ersten Mal? Machst ... machst du das öfters? Dass du dich ins Schlafzimmer von irgendwelchen Mädchen schleichst?"
"Nicht von irgendwelchen Mädchen, Bella", sagte er leise. "Nur in deines."
In meinem Bauch flatterte etwas komisch. Nervosität und ... Unsicherheit. Edward war hier bei mir gewesen? In meinem Schlafzimmer? Was hatten wir ... hatten wir es getan? War es möglich, dass ich nicht nur meine erste Liebe, sondern auch meinen ersten Liebhaber vergessen hatte? Die unerwünschte Hitze stieg mir wieder in die Wangen und ich hob meine Hände, um sie zu bedecken.
"Ich wünschte, du würdest das nicht tun", sagte er leise und kam auf mich zu.
"W-was tun?", stotterte ich. Mein Herz hämmerte in einem sehr unnatürlichen Rhythmus in meiner Brust.
"Dein wunderschönes Erröten zu bedecken", kommentierte er. Nun stand er vor mir, legte seine Hände auf meine und zog sie von meinem Gesicht. "Ich habe das vermisst."
"G-Gewohnheit", stieß ich durch das heftige Klopfen unter meinen Rippen aus. Ich konnte weder dieses Klopfen, noch das Zittern in meiner Stimme beruhigen.
Er neigte seinen Kopf zur Seite und sah mich an. "Bella? Was ist denn?" Seine kühle Hand legte sich nun an mein Gesicht, seine Augen wirkten besorgt. "Dein Herz rast ja."
"Du kannst es hören?"
Er lächelte, bloß ein wenig. "Ja, Bella. Ich kann das hören, wenn man bedenkt, dass es mir viel näher ist als eine Schachtel Frühstücksmüsli, und es bedeutet mir auch sehr viel mehr."
Ich öffnete den Mund, um nachzufragen, aber er kam mir zuvor. Irgendwie kannte er meine Frage, noch bevor ich sie gestellt hatte. "Zuerst erzählst du mir, warum es so rast."
Natürlich errötete ich wieder. "Ich ... ich glaube nicht, dass ich dafür bereit bin, Edward. Ich meine, ich erinnere mich an ein paar Sachen, aber ..."
Nun sah er verwirrt aus. "Bereit wofür?"
Meine verräterischen Augen wanderten zum Bett und dann wieder zurück zu seinem Gesicht, bevor ich wegsehen musste. Durch meinen Kopf blitzten einige Bilder. Bilder, bei denen ich womöglich noch röter wurde. Ich erinnerte mich an seine Küsse von vorhin und meine Gedanken übertrugen diese Bilder auf andere Erinnerungen an Filme, die ich gesehen hatte - Filme voll fahriger Hände und sich aneinander reibender Körper. Sie fühlten sich nicht wie echte Erinnerungen an, aber ich konnte mir nicht ganz sicher sein. Und wenn er öfters hier geblieben war? Ich schluckte hart und konzentrierte mich auf einen Knopf an seinem Hemd, als würde dieser sämtliche Mysterien des Universums beantworten können. Ich sah zurück zu seinem Gesicht, als er gluckste.
"So ist das nicht", sagte er und es lag keine Spur von Gelächter in seiner Stimme. "Ich sehe dir gern beim Schlafen zu", sagte er schließlich. Sein Daumen strich über meine Wange.
"Das hört sich unglaublich langweilig an", kommentierte ich, als ich mich genug entspannt hatte, um meine Stimme wieder zu finden. Aus irgendeinem Grund fiel es mir schwer, die Bilder der Filme zu verbannen, aber ich versuchte es.
"Überhaupt nicht. Du sprichst im Schlaf. Das kann ziemlich erleuchtend sein."
Ich wusste, dass ich im Schlaf sprach, Renée und Phil zogen mich des Öfteren deswegen auf. Ich hatte sie in meiner tiefen Frustration in Jacksonville sogar gefragt, ob ich jemals etwas über Forks gesagt hatte. Natürlich hatte ich das nicht. Nur gedankenloses Geplapper über meinen Tag, sagte Renée.
"Und Charlie? Er ist ... einverstanden damit?"
Edward lachte wieder. "Das bezweifle ich. Um genau zu sein, bin ich mir ziemlich sicher, dass er dein Fenster zumauern würde, wenn er wüsste, dass ich jede Nacht hierher komme. Charlie hat einen tiefen Schlaf."
Mein Pulsschlag beruhigte sich ein wenig, oder so weit, wie es nur ging, wenn Edward mir so nahe war. Oder er mich berührte. Oder er mich ansah, als würde er mich gleich wieder küssen.
"Du hast meine Frage nicht beantwortet", sagte Edward und brach die Stille.
Ich strengte mein Gehirn an. Frage? Ich hatte etwa etwa eine Million Fragen für ihn. Fragen, auf die ich Antworten brauchte, aber ich konnte mich einfach an nichts erinnern, das er mich gefragt und das ich nicht beantwortet hätte.
Er musste die Verwirrung auf meinem Gesicht bemerkt haben, denn er wurde sofort etwas deutlicher. "Du sagtest, du erinnerst dich an zwei Dinge. In einem ging es darum", sagte er, nahm meine rechte Hand in seine und streichelte mit seinem Finger die halbmondförmige Einbuchtung. "Ich war bloß neugierig, was das andere war."
"Oh, das."
"Ja, das. Woran hast du dich erinnert?"
"Nur an etwas Kleines, und es zählt nicht einmal wirklich als Erinnerung. Jedenfalls keine Tür, die sich öffnet. Es war etwas, wovon ich damals dachte, es wäre eine Halluzination gewesen, als ich in Phoenix aufgewacht war. Ich habe mich an dich erinnert, Edward. Du warst da und hast darauf gewartet, dass ich aufwachte, und ich fragte dich, wer du warst." Ich musste hier innehalten und mir die Emotionen aus der Kehle räuspern. "Und dann warst du fort."
Er war leise, als ich endete. Leise und sehr reglos. Als ich ihn beobachtete, dachte ich wieder zurück an diesen Moment im Krankenhaus. Ich ging alles durch, das ich wusste und das ich langsam kombiniert hatte, auch ohne die damit einhergehenden Erinnerungen.
Ich schnappte nach Luft, als sich eine Verbindung aufbaute, eine, die ich bis jetzt nie als wichtig erachtet hatte. Bis ich seine Familie kennengelernt hatte.
"Der Arzt", sagte ich und antwortete Edwards verwirrtem Gesichtsausdruck. "Dein Vater, Carlisle. Er war der Arzt, der mich in diesem Hotelkorridor gefunden hat. Derjenige, der mich genäht und mich ins Krankenhaus gebracht hat", sprach ich voll Überzeugung. Ich wusste, dass das stimmte, und fragte nicht wirklich nach.
Edward schloss seine Augen und murmelte etwas, das ich nicht hören konnte.
"Edward?"
"Ja, Bella. Carlisle war dort. Er hat die Wunde an deinem Kopf versorgt."
Wir saßen nun auf dem Bett und sahen uns an, also streckte ich meine Hand nach seiner aus. Unsere Finger verschlungen sich automatisch in einander. Er war beinahe zögerlich. Dann berührte einer seiner langen Finger meine Narbe und die Erinnerung, die mich zum Davonlaufen brachte, kehrte wieder zurück. Die Erinnerung, die ohne Kontext keinen Sinn machte. "Warum habe ich Forks verlassen, Edward?"
Meine Frage war ein Flüstern, beinahe zu leise, als dass ich es hören konnte, aber ich wusste, er hatte mich verstanden. Sein ganzer Körper wurde steif, und ich merkte, dass das immer geschah, wenn er gestresst oder unentschlossen war.
"Bitte", sagte ich in dem selben, leisen Tonfall. "Bitte, ich muss es wissen."
"Ich wünschte nicht", sagte er schließlich.
"Warum? Ich weiß, dass es nicht deine Schuld war", erklärte ich und deutete auf die Narbe. "Ich weiß, dass du das nicht getan hast."
"Aber ich habe es getan, Bella. Es war meine Schuld. Es war ganz allein meine Schuld."
Ich erinnerte mich daran, was Alice im Wald über Edward gesagt hatte von schwerer persönlicher Schuld und Angst. War das mehr davon, oder war es wahr? Waren meine Überzeugungen eher das, was ich wollte, als das, was wirklich wahr war?
"Meine Welt ist ein gefährlicher Ort", sagte er schließlich, "und noch gefährlicher für dich. Meine Art ... wir interagieren mit Menschen nicht", er hielt zögerlich inne, "außerhalb des Offensichtlichen. Aber unsere Familie ist anders. Wir haben mehr Mitgefühl mit dem menschlichen Leben, ein Bewusstsein dafür, und wir haben gelernt, unseren Durst mit dem Blut von Tieren statt mit Menschenblut zu stillen. Wenn wir der selben Lebensweise folgen würden wie unsere Brüder, Bella, hättest du es niemals lebend aus meinem Haus geschafft."
Ich erschauderte bei seinen unfreundlichen Worten, als bei seinem Gesichtsausdruck eine Welle der Furcht mein Rückgrat hinablief. Erinnerte ich mich irgendwo tief in mir daran, wohin mein bewusstes Denken noch nicht gedrungen war? Es musste so sein, weil ich in dieses Haus gegangen war mit der bloßen Absicht, Edward wiederzusehen und mich bei ihm zu entschuldigen. Ich saß mit Alice im Wald, wusste, was sie war, und empfand nichts als angenehme Freundschaft. Es war keine Angst da gewesen.
Vegetarier. Das Wort hallte durch meine Gedanken und ich wusste, es war eine weitere Erinnerung. Es war ein Scherz, eine Art Wortspiel. Das war das, wie Edwards Familie sich selbst bezeichnete. Der einzige physische Hinweis auf diese wiedererlangte Erinnerung war ein leises nach Luft schnappen, aber Edward bemerkte es anscheinend nicht. Er beharrte immer noch auf seiner Geschichte und gab mir dringend benötigte Antworten, also unterbrach ich ihn nicht, um ihm zu erzählen, woran ich mich erinnerte. Dafür würde auch später noch Zeit sein.
"Aber wir sind eine Rarität in unserer Welt, Bella, weitab von der Norm. Die meisten betrachten uns mit einem Schulterzucken und Verwirrung, sie können nicht begreifen, warum wir unsere Natur für ein Leben voll Opfer hintan stellen würden. Sie sind komplett zufrieden damit, ihr Leben im Einklang mit dem grundlegenden Vampir-Kanon zu führen. Und manchmal kreuzen sich unsere Wege, und sie sind neugierig. Wir sind keine sozialen Kreaturen, die meisten entscheiden sich dafür, allein oder in Paaren herumzuziehen. Sehr selten auch zu dritt. Ein Trio hat uns gefunden, als wir dich zum Baseball spielen mitgenommen hatten."
"Baseball?", fragte ich völlig verwirrt und auch ein wenig belustigt. Edwards Gesichtsausdruck ließ mich aber verstummen. Ich nahm an, dass wir das ebenfalls später besprechen würden.
"Ein Mitglied dieser Gruppe, James", sagte er mit solchem Hass, dass ich tatsächlich zusammenzuckte. "Zuerst kam ihm an uns nichts seltsam vor, aber dann merkte er, dass du ein Mensch bist. Wir haben dich natürlich verteidigt, und das machte ihn wütend. Er hat Spaß daran, Menschen zu tracken, ihnen nachzuspionieren, die Tötung zu seinem eigenen Vergnügen hinauszuzögern. Und als wir dich verteidigten, wurdest du zu seinem nächsten Ziel."
Mein Griff an seiner Hand festigte sich, ich konnte dem logischen Verlauf seiner Geschichte folgen. "Also verließ ich Forks, um von diesem James wegzukommen zu versuchen."
Edward hatte anscheinend keine Worte mehr und die Stille erstreckte sich zwischen uns. Das war wenigstens eine Antwort auf die größte aller Fragen, die mich den Großteil des vergangenen Jahres gequält hatten. Ich wusste jetzt, warum ich Forks verlassen hatte, kannte das Geheimnis, das ich gehütet hatte, ohne zu wissen, wovon dieses Geheimnis gehandelt hatte. Natürlich hatte ich Forks im Geheimen verlassen. Ich zweifelte stark daran, dass ich Charlie ruhig ankündigen hätte können, dass ich ging, um einem durchgeknallten Vampir zu entfliehen.
"James hat das getan", sagte ich schlussendlich. Ich musste die Narbe nicht genauer erwähnen, weil Edwards Finger sie noch immer berührten. "Er hat mich gebissen."
Sobald die Worte ausgesprochen waren, zogen sich meine Augenbrauen zusammen. Ich konnte verstehen, dass Edwards Familie nicht die Norm für Vampire war, dass das, was ich vor dem heutigen Tag angenommen hatte, nur die Hollywood-Versionen des alten Mythos waren. Aber was war mit dem Beißen? War das auch ein Hollywood-Mythos?
"Bedeutet das nicht, dass ich jetzt wie du sein sollte?", fragte ich leise. Ich sah mit meinen Augen in seine goldenen.
"Das ist die andere Erinnerung, die du hattest, Bella. Als wir dich fanden, hatte James dich bereits ... die Verwandlung setzte ein. Ich konnte deine Wunde reinigen und es umkehren. Ich konnte dein Blutsystem von seinem Gift reinigen."
"Gift?"
Er lächelte, aber es erreichte seine Augen nicht. Sein Gesichtsausdruck war dafür zu schmerzverzerrt. "So entstehen neue Vampire. Unsere Zähne sind voll davon, unsere Münder füllen sich mit Gift, wenn wir trinken. Sobald du gebissen wirst, breitet sich das Gift in einem Blut aus und verändert auf seinem Weg deinen Körper. Das ist unglaublich schmerzvoll."
Ich erinnerte mich daran gut genug, die Erinnerung war noch ganz frisch von vorhin, als sie mich im Wald überrumpelt hatte. Ich zitterte ein wenig. Seine Hände festigten sich über meinen.
"Und du konntest es wieder aussaugen, wie etwa das Gift vom Biss einer Klapperschlange?"
"So ähnlich, ja."
Ich wusste, dass es ihm unangenehm war. Seine ganze Körperhaltung schrie dies förmlich.
"Warum hast du das getan?"
Er hätte nicht erstaunter wirken können, wenn mir plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen wäre und ich in einer Fremdsprache gesprochen hätte.
"Was?"
"Warum hast du die Verwandlung aufgehalten? Ich meine, wenn wir damals ... zusammen waren, warum hast du mich nicht wahrhaft mit dir zusammen sein lassen?"
"Hast du gehört, was ich sagte, Bella? Wir sind Monster, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir töten, um zu überleben. Sogar meine Familie, wir kämpfen immer noch mit uns selbst, damit wir unser Bewusstsein bewahren und keine Menschen umbringen. Jeder Tag ist ein Kampf, eine Entscheidung. Das willst du nicht." Er hielt einen Moment lang inne. "Du kannst nicht einfach ..."
Dann kam mir ein anderer Gedanke. Einer, der mich dazu brachte, ihm nicht mehr in die Augen zu sehen, sondern auf unsere ineinander verschlungenen Hände. Er wollte mich nicht verwandeln, weil er sich nicht für die Ewigkeit mit mir abgeben wollte. Nicht, wenn er die Gefühle, die ich gerade erst zu verstehen begann, nicht erwiderte ... Ich spürte ein überwältigendes Bedürfnis, meine Hand wegzuziehen. "Oh", sagte ich leise.
Seine freie Hand berührte mein Kinn, sodass meine feuchten Augen wieder in seine blickten. "Was?"
"Es ist nichts, Edward. Nur ... ich verstehe. Natürlich wolltest du mich nicht verwandeln." Mein Herz brach ein wenig, als ich das sagte. Seine Schultern entspannten sich und die Sorge verschwand aus seinem Gesicht. "Es war nicht so für dich."
"Es war nicht ... was?"
"Du bist weggeblieben, hast Alice ferngehalten, als ich zuerst zurückkam. Dann ... Du hast mich in Phoenix verlassen, bist nicht zurückgekommen, als du gemerkt hast, dass meine Erinnerungen weg waren. Wahrscheinlich war es auch eine kleine Erleichterung. Du musstest keinen Weg finden, mit mir Schluss zu machen oder ..."
Ich hatte nicht die Möglichkeit, den Satz zu beenden, da Edwards Körper meinen auf die Matratze drückte. Seine Hände umfingen meine Wangen und seine Lippen lagen sanft auf meinen. Sanft, aber mit etwas so Kraftvollem dahinter, dass ich den Kuss bis in meine Zehenspitzen spürte. Ich spürte ihn an jedem Zentimeter, an dem wir uns berührten. Er küsste mich, bis ich nach Luft schnappte, bis wir beide nach Luft schnappten, und dann lehnte er seine Stirn sanft an meine.
"Ah, Bella. Mein dummes, unsicheres Mädchen", murmelte er gegen meine Wange, "Phoenix ohne dich zu verlassen, war wahrscheinlich der schmerzhafteste Augenblick, den ich in meinem sehr langen Leben durchmachen musste. Wenn ich mich recht erinnere, mussten Carlisle und Alice mich in einem meiner schwachen Momente zurückhalten, damit ich dich nicht einfach aus diesem Krankenhausbett entführte und dich selbst geradewegs hierher zurückbrachte."
"Warum ..."
Er brachte mich mit einem weiteren Kuss zum Schweigen, diesmal sanfter und weniger eilig. "Deine Ärzte waren sich sicher, dass jeder Versuch, deine Erinnerungen zurück zu zwingen oder dir zu erzählen, was du abgeblockt hast, deine Genesung nur verzögern würden. Dass du dadurch noch mehr verletzt werden würdest und sich deine Erinnerungen weiter verschließen würden. Carlisle stimmte dem nicht zu, aber deine Mutter schon. Im Endeffekt mussten wir uns alle diesem Wunsch beugen. Auch Charlie. Obwohl das alles ziemlich schwierig für uns war."
Mein Gehirn wollte nicht wahr haben, was ich da hörte. Es machte schließlich keinen Sinn. Das war ja nur ich, nur Bella Swan, das ewige Mauerblümchen, und er war ... naja, so viel mehr als das. Aber als ich in die intensiven, topasfarbigen Augen sah, die mit so einer Macht in meine blickten, konnte ich einfach nicht an seinen Worten zweifeln. Ich konnte nicht an dieser zarten, beinahe zurückhaltenden Liebkosung meines Gesichts und meines Haars zweifeln, nicht an dem Körper, der sich an meinen drückten, den ... oh! Meine Wangen wurden sofort heiß und rot. Edward verstand anscheinend meine Reaktion und wich in der Zeitdauer eines Lidschlags von mir.
So peinlich und erregend es auch war, ihn hart an meinem Bein zu spüren, überzeugte mich mehr als seine Worte und sein Tonfall. Egal, dass wir in diesem Zimmer nichts gemacht hatten, auch wenn wir zusammen und allein waren, es hatte nichts mit mangelndem Begehren oder so zu tun. Auf beiden Seiten. Etwas anderes hinderte uns daran, diese Grenze zu überschreiten. Ich wünschte, ich wüsste, was es war.
Wir entspannten uns endlich zusammen und ließen diese riesigen Hürden hinter uns, und so verbrachten wir den Rest der Nacht damit, uns zu unterhalten. Wir unterhielten uns endlos.
Er erzählte mir mehr über seine nächtlichen Besuche, wann sie begonnen hatten und warum. Ich fand es komisch, dass wir eine gewisse Zeit lang nicht miteinander gesprochen hatten, in einem gewissen Sinne nicht zusammen gewesen waren. Das Konzept kam mir völlig fremd vor. Aber er war so ernst, als er es mir erzählte. Ich hatte keine Wahl, außer seine Erklärung der stillen Trennung anzunehmen, die folgte, nachdem er mich vor dem Van gerettet hatte, und der Tag, an dem es endlich herauskam. Ich fragte mich, wie es wohl für mich gewesen war, ihn jeden Tag still und vor sich hin grübelnd zu sehen. Ich dachte, ich wüsste genau, wie ich mich gefühlt hätte, wenn er wieder begonnen hatte, mit mir zu reden. Es wäre dem sehr nahe gewesen, wie ich mich jetzt fühlte.
Ich erzählte ihm von meinem vergangenen Jahr in Jacksonville, meiner Schule und dem College, für das ich mich entschieden hatte. Davon, dass ich bei Phils Spielen gejubelt oder ihn und meine Mutter getröstet hatte, wenn sie verloren hatten. Ich sprach auch kurz über meine verzweifelten Momente und meine Bemühungen, das wieder zu erlangen, was ich nach dem Unfall verloren hatte.
Ich wollte aber nicht über mich selbst sprechen. Diese Geschichten waren nicht interessant, nur ein Leben, das ich zu leben versuchte, eines ohne wirklichem Sinn.
Er erzählte mir mehr von sich selbst, mürrisch, oder so kam es mir anscheinend vor, davon, wie seine Familie sich zusammengefunden hatte, über seine eigene Verwandlung von einem sterbenden Jungen zu dem wunderschönen Unsterblichen in meinen Armen, über ihre verbesserten Sinne und dass er die Gedanken der Leute um ihn herum lesen konnte. Dies sorgte sofort dafür, dass meine Wangen sich röteten, als ich mich daran erinnerte, woran ich gedacht hatte, als er mir zum ersten Mal erzählte, dass er nachts in mein Zimmer kam. Ich entspannte mich wieder, als er mir sagte, dass meine Gedanken aus einem noch immer unbekannten Grund immun vor seiner Gabe waren.
Als wir uns unterhielten, veränderten wir unsere Lage, bis wir beide auf dem schmalen Bett lagen. Mein Kopf war auf dem Kissen, sein Rücken lehnte am Kopfteil. Unsere Hände waren weiterhin ineinander verschlungen, außer wenn er mit meinen Fingern spielte. Ich kämpfte darum, meine Lider offen zu halte. Edward kommentierte dies nicht, bis er mich dabei erwischte, wie ich ein Gähnen unterdrücken wollte.
"Es ist schon nach zwei Uhr morgens, Bella. Du solltest schlafen", sagte er in seinem samtenen Flüstern. "Du hast einen langen Tag hinter dir."
Das stimmte wohl. Ich konnte mich nicht daran erinnern, einen Tag mit so vielen Informationen und emotionalen Wechselbädern der Gefühle erlebt zu haben. Im wahrsten Sinne des Wortes war ich geschockt, dass ich es so lang ausgehalten hatte. Und dennoch musste ich darum kämpfen, wach zu bleiben. "Ich will nicht", säuselte ich, "was, wenn du morgen früh weg bist?"
"Werde ich nicht. Versprochen." Er lehnte sich zu mir, um mir einen sanften Kuss auf meine Lippen zu hauchen, und ich seufzte in seinen Mund. "Ich habe viel zu lang ohne dich gelebt, Bella, Liebes. Ich glaube nicht, dass ich das noch einmal überstehen könnte."
"Aber du musst", murmelte ich. Meine Augen schlossen sich bereits, meine Gedanken drifteten ab und ich war zufrieden in seiner kühlen Umarmung. Mein Bewusstsein schaffte noch zwei letzte Worte, bevor ich in die Unwissenheit der geistigen Erschöpfung abrutschte. "Eines Tages ..."
Intermezzo - Edward
Ihre letzten Worte wiederhallten in meinem Kopf, während sie schlief. Eines Tages. Eines Tages. Eines Tages.
Ich beobachtete ihr wunderschönes Gesicht, die leichten Falten auf ihrer Stirn waren geglättet, als sie immer tiefer und tiefer schlief. Ich hatte ihr so vieles erzählt, das ich ihr nie erzählen wollte, sie hätte so vieles fragen sollen, hat es aber nicht getan.
Die eine Frage, die ich nie beantworten wollte, war nun ausgesprochen. Die Frage nach dem warum, als James sie gebissen hatte. Ich hatte Mühe gehabt, es umzukehren, damit sie sterblich blieb. Wie ich Bella aber kannte, war das Thema damit noch nicht beendet - nur zur Seite geschoben, damit sie mehr über unsere gemeinsame Vergangenheit erfahren konnte.
Ich konnte nicht anders, ich lehnte mich nach vorne und legte meine Lippen an ihre Stirn. Ich atmete ihren berauschenden Duft ein und spürte, wie sich das verräterische Gift in meinem Mund sammelte, aber ich drückte ihr stattdessen nur einen Kuss auf ihre weiche, warme Haut.
Edward. Ich werde sie einmal untersuchen müssen. Wir müssen es wissen, du musst es wissen. Ob die Amnesie von dem Gift verursacht wurde ...
Ich hatte den Kopf geschüttelt, als er das gedacht hatte. Er kannte meine Einstellung zu Bellas Verwandlung, womit sie zu solch einem Leben verdammt wäre. Er hatte es wieder versucht, damit ich "den Sinn erkennen konnte", aber damals hatte ich mich vor Carlisles Gedanken abgeschottet.
Carlisle hatte viele Theorien. Mein Vater lebte im wahrsten Sinne des Wortes für Theorien, sie zu beweisen oder zu falsifizieren, für die stundenlangen Nachforschungen in jede Richtung, in die seine Annahmen ihn führten. Soweit ich betroffen war, konnte Carlisle so viel recherchieren und theoretisieren, wie er wollte.
Die Frage, ob Bellas Amnesie durch James' Gift verursacht worden war oder nicht, würde für immer ein Rätsel bleiben, weil ihr Blut nie wieder damit in Kontakt geraten würde.
"Edward ..."
Bellas leise, schläfrige Stimme drang durch meine Gedanken.
"Schlaf, Bella Love."
"Bleib", murmelte sie, "bitte bleib. Geh' nicht ..."
Ich konnte nichts gegen das Lächeln tun, das sich auf meine Lippen schlich, als sie die selben Worte sprach wie in dieser ersten, schicksalhaften Nacht, in der ich hierher gekommen und geblieben war, um ihr beim Schlafen zuzusehen.
Die Nacht, in der sich meine ganze Welt verändert hatte.
"Ich gehe nirgendwohin", flüsterte ich zu ihr zurück. Ich schlang meine Arme um ihre Hüfte und zog sie näher an meinen Körper. Aber als ich die Worte aussprach, erkannte ich die Unehrlichkeit in ihnen. Eines Tages würde ich sie verlassen, oder genauer gesagt, sie würde mich verlassen. Ihre menschliche Lebensspanne würde sie mir rascher nehmen, als es sogar die Amnesie gekonnt hätte. Bis ich ihr auf meine eigene Art folgen konnte.
Das war der Weg, den ihr Leben einschlagen würde ... einschlagen sollte. Und ich hatte nicht vor, etwas zu tun, um das zu ändern. Das Einzige, das diesen Vorsatz je ins Wanken bringen konnte, kam mit ihrem nächsten Atemzug, ihren letzten Worten, bevor der Tiefschlaf sie zum Schweigen brachte.
"Ich liebe dich."
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Langsam erwachte ich, mein Bewusstsein kehrte schrittweise zu mir zurück. Ich war mittlerweile fast daran gewöhnt, dass ich erholt und energiegeladen aufwachte. Nach einem Jahr voll permanenter Erschöpfung war das eine erfrischende Veränderung.
Ich drehte mich um, hatte meine Augen noch geschlossen, und mein Arm rutschte in Richtung Bettkante. Ich suchte nach etwas, ohne wirklich zu wissen wonach. Ich fand nichts, nur eine freie, kühle Stelle im Bett neben mir.
Erst als ich die Leere spürte, merkte ich, wonach ich gesucht hatte. Oder eher, nach wem.
Edward.
Ich spürte, wie mein Herz sich in meiner Brust verengte. War es also ein weiterer Traum gewesen? Ich drehte mich auf den Rücken und seufzte. Mit einem Arm bedeckte ich meine Augen. Natürlich war es ein Traum gewesen. Ich hatte an mein Treffen mit Edward gedacht und ihn in eine Art alte Fantasie hineinverwoben. Ausgerechnet Vampire, Schönheit und Liebe.
Trauer erfüllte mich. Es war ein schöner Traum gewesen.
"Guten Morgen."
Ich setzte mich gerade auf und keuchte dabei seinen Namen. "Edward!"
Ich war aus dem Bett hinaus und in seinem Schoß, noch bevor mein Herz drei flatterige Schläge zustande gebracht hatte. "Du bist hier."
"Natürlich", sagte er und hatte mein liebstes, schiefes Lächeln im Gesicht. "Ich sagte dir doch letzte Nacht, dass ich bleiben würde."
"Dann war es also real?", fragte ich und lehnte mich zurück, um in seine warmen, goldenen Augen zu blicken. Meine Hand hob sich, ich legte sie an seine kalte Wange.
"War was real?"
"Als ich gerade eben aufwachte, war ich mir sicher, dass ich das gestern nur geträumt hatte."
"Ich bin kaum das, woraus angenehme Träume gemacht sind, Bella."
"Doch, wenn ich diejenige bin, die träumt", gab ich zurück. Ich bedeckte mit meinen Fingern seine Lippen, als er so aussah, als würde er protestieren.
Er beobachtete mich einen Moment lang, sein Gesicht war immer noch ernst, und dann verwandelte es sich wieder in ein Lächeln. Ich war mir sicher, dass er nicht weiter protestieren würde, also ließ ich meine Hand auf seine Schulter fallen und lehnte meinen Kopf an seine Brust, wo ich der Stille lauschte.
Ich war glücklicher denn je, aber gleichzeitig auch nicht.
Ich hatte so viel über Edward und unser gemeinsames Leben, als ich hier wohnte, erfahren. Es kam mir so unwirklich vor, dass dieser atemberaubend schöne Junge mir irgendwie verfallen war. Besonders ohne Erinnerungen, an die ich mich klammern konnte und die mich überzeugen könnten, dass es real war. Da waren bloß Geschichten, so wie Alice es gesagt hatte. Sie kamen mir aber nicht real vor, ohne dass ich persönliche Rückerinnerungen hatte. Als ob man in einer Geschichtestunde saß, die Geschichte der Bella Swan für Anfänger. Und wie im Unterricht war es interessant, aber es gab keine tiefergehende Verbindung.
"Was denkst du?"
Seine Stimme riss mich aus meinen verstörenden Gedanken. "Nichts", sagte ich leise.
"Noch etwas, das sich nicht verändert hat, Bella. Du bist immer noch eine schreckliche Lügnerin."
Ich zog mich zurück und schnappte nach Luft. "Du sagtest doch, du könntest meine Gedanken nicht lesen."
Er gluckste. "Kann ich auch nicht, aber dein Körper reagiert ebenso auf deine Lügen. Und diese kann ich ausgezeichnet hören. Erzähl' es mir, bitte."
Ich überlegte einen Moment lang, ergab mich aber dem Unvermeidlichen. Ich dachte nicht, dass ich diesem intensiven, fordernden Blick jemals widerstehen könnte.
"Ich dachte nur an etwas, das Alice gestern gesagt hatte, als ich sie bat, mir von all dem erzählen, das ich versäumt hatte, all die Dinge, an die ich mich noch immer nicht erinnern konnte. Sie sagte, dass es nicht das selbe wäre, dass es wäre, als würde ich eine Geschichte erzählt bekommen und mehr nicht." Ich seufzte und kuschelte mich fester an seine Brust. "Und sie hatte Recht."
"Nur sag ihr das nicht, dann bekommen wir das selbstgefällige Grinsen nie wieder aus ihrem Gesicht", sagte Edward, aber obwohl er nur scherzte, lag kein Humor in seiner Stimme. "Du willst sie zurück", sagte er schließlich.
"Ja, das stimmt. So glücklich ich auch bin." Ich schlang meine Arme enger um ihn. "Und ich bin glücklich. Ich fühle mich nur unvollständig. Vielleicht bin ich gierig, ich weiß es nicht. Aber ich will das alles, Edward. Es fühlt sich beinah ... leer an, ohne die ganze Geschichte zu kennen. Wie die Notizzettelversion meines Lebens, und nicht wie der ganze Roman."
"Dann sehen wir mal, was ich tun kann, um deinem Glück ein wenig voran zu helfen. Finden wir den Roman, finden wir ein paar weitere Schlüsselereignisse dafür." Er lächelte und tippte mir an die Schläfe.
Ich lächelte bei dieser Aussicht, spürte eine Erleichterung in meiner Brust bei dem Gedanken daran, einen weiteren Tag mit Edward zu verbringen und daran zu arbeiten, die fest verriegelten Türen in meinen Gedanken zu öffnen. Zögerlich kletterte ich von seinem Schoß und machte mich an die schnellste Dusche aller Zeiten. Ich wühlte in meinem Schrank nach sauberer Kleidung, die ich mit mir ins Bad nehmen konnte.
Außerhalb des Schranks ertönte ein seltsames Geräusch, als ich nach meinen Socken griff. Ein leises Summen, eine verfolgende Melodie. Sie klang seltsam vertraut, zumindest das wenige, das ich trotz dem plötzlichen Hämmern in meinem Kopf hören konnte.
Mein Kopf. Ich zuckte zusammen, als die Kopfschmerzen von gestern im Wald mit ungehemmter Kraft zurückkehrten. Plötzlich. Intensiv. Und sie wurden mit jeder Sekunde schlimmer. Die Musik hatte aufgehört, aber nun erklang ein seltsames Geräusch, ein Vibrieren. Es hörte sich an wie ein vibrierendes Handy.
Ich schnappte dann nach Luft, als die Schmerzen sich weiter und schlimmer als zuvor in mir ausbreiteten. Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich wäre. Ich schloss meine Augen und fiel auf den Boden meines Schrankes, meine Jeans fiel vergessen auf den Fußboden.
"Bella?"
Edward war rasch neben mir, seine kühlen Hände umgriffen mein Gesicht. "Bella, was ist denn?"
"Kopf", flüsterte ich, denn alles, das lauter war, wäre eine Qual gewesen. Meine Hände waren zu Fäusten geballt und drückten sich an meine Schläfen. Ich versuchte, es wegzuzwingen. "Schmerz."
Ich konnte nichts weiter sagen. Die Schmerzen waren alles, das ich fühlte, alles, das da war, und ich folgte ihnen in die Dunkelheit.
