Finding the Key

Kapitel 9


Das gleichmäßige, konstante Piepsen war das erste Geräusch, das ich registrierte. Ich kniff meine Augen fest zusammen, während ich versuchte, es einzuordnen, hatte Angst, sie zu öffnen, aus Gründen, die ich nicht recht benennen konnte. Ich bewegte mich, spürte ein Ziehen an meiner Hand und eine feste Matratze unter mir, und ich wusste, wo ich war.

Krankenhaus.

Nein. Das war nicht richtig. Ich lag auf etwas Festem, aber es war nicht unbequem. Die Luft um mich herum war süß, duftend, nicht der klinische, antiseptische Geruch, den ich so gut von meinen bisherigen Krankenhausaufenthalten kannte. Es war ... blumig? Nein, das war auch nicht richtig. Nicht ganz. Aber es kam dem schon nah.

Meine Augen flatterten auf.

Sofort sah ich den Grund für den blumigen Duft, ein riesengroßer Strauß mit den verschiedensten Blumen stand auf dem Tischchen neben meinem ... Bett? Nein, es war eine Couch. Ich konnte die Rückenlehne sehen. Das unbekannte Aroma, völlig anders als die Blumen? Ich hatte noch nicht gesehen, wodurch dies verursacht wurde.

Aber ich konnte immer noch das hektische Piepsen eines Herzmonitors hören und einen Zug an meiner Hand spüren. Monitore und Infusionen gehörten nicht in ein Wohnzimmer. Ich schloss verwirrt wieder meine Augen. Träumte ich wieder?

"Nein, tust du nicht, Bella."

Kalt und warm. Hart und beruhigend. Durch die Berührung an meiner Wange geriet der Monitor neben mir fast außer Kontrolle. Die Stimme drang bis tief in mein Innerstes, zog mich vorwärts, und meine Augen öffneten sich wieder.

Ich drehte mich zu ihrer Quelle, aber mein Blick war nicht klar.

"Bella, Love?"

Noch eine kalte Berührung. Mein eigener Atem und das Piepsen des Monitors waren die einzigen Geräusche im Zimmer.

Ich zwinkerte wieder, damit meine Sicht sich klärte, und starrte direkt in zwei rabenschwarze Augen.

"Edward", keuchte ich.

Meine Hände hoben sich, um mein Gesicht zu bedecken, aber ich konnte meine Augen nicht von ihm abwenden. Unsere Blicke verschmolzen ineinander, wir konnten nicht wegsehen und die Augen nicht schließen. Ich war wie erstarrt, gefangen von seinem intensiven, durchdringenden Blick und den unmissverständlichen Gefühlen, die ich darin sah.

Ich hörte gedämpfte, entfernte, wiederhallende Stimmen. Eine, die ich kannte. Eine, die ich liebte. Es war seine Stimme, Edwards Stimme. Und meine. Aber seine Lippen bewegten sich nicht und ich sprach nicht. Die Unterhaltung fand in meinem Gehirn statt.

Du sagtest, du liebst mich.

Du wusstest das bereits.

Aber es ist trotzdem schön, das zu hören.

Dann, aus dem nirgendwo:

Du bist jetzt mein Leben.

Ich schnappte nach Luft und wartete wieder auf die Schmerzen. Sie kamen nicht. Nur Stille. Ich konnte nicht einmal mehr das Piepsen des Monitors hören. Die Stille war ohrenbetäubend. Ominös. Sie erstreckte sich zwischen uns, unsere Blicke waren in einander gefangen. Ich begann zu zittern, weil Geräusche zurückkehrten - ein mächtiges, rauschendes Geräusch, wie ein herannahender Zug.

Er knallte mit voller Kraft in mich und ich wusste, ich hätte mich jetzt gekrümmt und wäre zu Boden gefallen, wenn ich nicht schon liegen würde. Ich wollte meine Augen schließen, aber sie gehorchten mir nicht. Sie hielten immer noch Edwards Blick fest.

Diese vielen Bilder. Es war zu viel. Sie kamen immer und immer und immer wieder über mich und kämpften gegen mein Gehirn an wie eine Armee auf ihrer Mission. Ich wimmerte und meine Augen schlossen sich endlich.

Edwards schwarze Augen. Ein wütendes Gesicht über dem Tisch in einem Biologielabor, wütend und wunderschön.

Ein gekrümmter Finger am anderen Ende des dicht bevölkerten Speisesaals. Ein Zwinkern. Ein schiefes Lächeln. Ein sich drehender Flaschenverschluss und lange, blasse Finger.

Ein schwarz-weißer Computerausschnitt auf der Suche nach Fantasien, die allzu wirklich waren.

Wütende Augen in einem dunklen Wagen, als seltsame Männer mich umzingelten. Die selben Augen an einem Restauranttisch. Der süße Duft von ihm, der von der geborgten Lederjacke kam, die ich trug.

Sein wunderschönes, unsicheres Lächeln, als er mir anbot, mich zur Schule zu fahren.

"Bella? Bella! Was passiert hier?"

Sein Lieblingsessen war Berglöwe. Emmetts war Grizzlybär.

Eine verborgene Lichtung mitten in einem Wald, die Sonne hell auf seiner funkelnden Haut.

Seine kühle Hand auf meiner, seine Wange auf meiner Brust. Ein masochistischer Löwe, der sich in ein dummes Lamm verliebt hatte.

Schneller als ich mich je außerhalb eines Flugzeuges bewegt hatte war ich an seinen Rücken geklammert, wie ein Rucksack.

Der erste Kuss, meine Attacke. Upps.

Er schlief neben mir, seine leise Stimme summte in mein Ohr. Mein Schlaflied. Er saß in meinem Schaukelstuhl, Arme geöffnet, wartete auf mich.

Ich hörte ihn spielen. Esmes Lied. Meines. Lernte seine Familie kennen. Meine Familie.

Baseball. Und James. Hektisches Packen, verabschieden, meine Flucht aus Forks. Ungeduld und ein Ballettstudio. Mein Engel. Der mich aus der Dunkelheit zurückrief.

Schwarz. Es war wieder völlig dunkel um mich, das Nichts drückte sich gegen mich. Ich wartete, schnappte nach Luft, wartete darauf, dass es mich verschlang und ich verschwand.

"Bella."

War es eine Erinnerung? Oder geschah das jetzt?

Seine leise, süße Stimme war eine Liebkosung, eine Verlockung, so, wie es immer gewesen war, so, wie es immer sein würde. Ich griff danach und nahm sie. Meine Augen öffneten sich.

"Edward ...", sagte ich, meine Stimme war leise, heiser. Ich war mir nicht einmal sicher, ob meine Stimme hörbar war, aber es war egal. Er hörte mich, denn ich wusste, er würde mich verstehen.

Es gab so vieles, das ich sagen wollte, aber ich konnte meinen Mund nicht bewegen. Der intensive Schmerz war weg, aber stattdessen blieb eine knochentiefe Erschöpfung zurück. Es kostete mich alle Anstrengungen, meine Augen offen zu halten.

"Müde", schaffte ich gerade noch, bevor ich den Kampf gegen meine Lider verlor. Ich streckte blind meine Hand aus, um seine zu finden. Ich fand sie und seufzte tief und zufrieden.

"Sie sind alle offen", sagte ich, aber es hörte sich gemurmelt an, als es herauskam. Ich war mir nicht sicher, ob er mich verstanden hatte. "Du warst ..."

Aber meine Übermüdung gewann, bevor ich zu Ende sprechen konnte.


Die Stimmen weckten mich auf.

"Alice."

"Edward, ich sagte es dir doch schon. Bald."

"Und du kannst wirklich nichts Spezifischeres sagen?"

"Ehrlich, Edward, man möchte meinen, dass man nach über hundert Jahren wenigstens ein bisschen gelernt hätte, sich in Geduld zu üben."

Ich lachte.

Edward war vor meinem nächsten Herzschlag neben mir.

"Bella?"

Ich lächelte, bevor ich meine Augen öffnete. Ich war sowohl gespannt, als auch erleichtert, dass seine Stimme so nah war.

Er war wirklich da, direkt neben mir, kein Echo im Nebel, das unerreichbar und unantastbar war.

Als sein Gesicht in mein Blickfeld kam, streckte ich meine Hand aus und tastete blind umher, bis ich endlich seine kühle, harte Haut berührte. Ich seufzte, obwohl es sich mehr wie ein Schnurren anhörte. Dies war die Versicherung, dass ich nicht mehr in einer Traumwelt war, sonder mich in der lebhaften Realität befand. Edward an meiner Seite, Edward berührte mich. Es gab keinen anderen Ort, keinen anderen Menschen, bei dem ich so empfand.

"Edward", brachte ich durch meine trockene Kehle hervor und hustete ein wenig.

"Lass mich Carlisle holen", sagte Edward sanft und wollte schon aufstehen.

"Nein!" Der vehemente Ausruf kam als Krächzen und mein Griff festigte sich an seiner Hand. Ich fühlte mich aber so schwach, dass ich mich fragte, ob er das überhaupt spürte.

Offenbar war meine Absicht aber deutlich genug, sodass Edward sich wieder hinsetzte und stattdessen nach Carlisle rief.

Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis Carlisle mich abgecheckt und mir die Sensoren des Monitors und die Infusion abgenommen hatte. Für das Letztere musste ich meine Augen schließen. Er brachte mir Eiswürfel und ich nahm einen in den Mund, während er arbeitete, um meine mitgenommene Kehle zu beruhigen. Aber dennoch sprach ich nicht, außer wenn er mich fragte, wie ich mich fühlte. Ich starrte einfach Edward an, und er mich.

Dieser Moment war zu privat, und er war nur für Edward allein gedacht. Also wartete ich, bis Carlisle wieder gegangen war, er seine medizinische Ausrüstung mitgenommen hatte, und ich griff wieder nach Edwards Hand.

"Können wir irgendwohin gehen", ich hielt inne und sah mich im Wohnzimmer um, "wo wir weniger in der Öffentlichkeit sind?"

"Natürlich", stimmte er bereitwillig zu.

Ich zog meine Ellenbogen an und drückte mich hoch. Sogar diese kleine Bewegung sorgte dafür, dass sich alles in meinem Kopf drehte. Ich zog eine Grimasse.

"Erlaube mir", sagte er. Seine Stimme hatte den perfekten Rhythmus einer früheren, eleganteren Zeit angenommen. Er hob mich einfach hoch in seine Arme und hielt mich dicht an seinen Körper.

"Lass mich nicht fallen", neckte ich ihn.

"Ich glaube, das schaffe ich schon, Bella", lachte er zurück, und ich war erleichtert, dass ein wenig der Anspannung wirklich von ihm abgefallen war. In Edwards Lächeln lag vom ersten Moment an etwas Magisches, und es fühlte sich wie eine wahre Heimkehr an, es wieder zu sehen.

Innerhalb kürzester Zeit waren wir in seinem Zimmer. Edward setzte sich auf eine große Ledercouch und ich saß auf Edwards Schoß. Seine Arme lagen fest genug um mich herum, dass ich wusste, dass er mich genauso wenig loslassen wollte, wie ich losgelassen werden wollte.

"Du sagtest", begann er. "Direkt, nachdem du zurückgekommen bist, sagtest du, sie wären offen. Bedeutet das ..."

Ich lächelte. "Ja, Edward. Ich erinnere mich an alles. Alles ist wieder da, jedes schiefe Lächeln, jeder Blick quer über den Biologietisch, der außer Kontrolle geratene Van und das Baseball-Spiel. Jetzt ist alles wieder da, die Türen sind alle offen."

Ich hielt inne und biss mir auf die Lippe. Ich wusste, was gesagt werden musste, was ich sagen musste, aber es fiel mir schwer, die Worte auszusprechen. Alles, das er während des letzten Jahres wegen mir durchmachen musste ... ich hatte schon Reue empfunden, bevor meine Erinnerungen zurückgekehrt waren, aber dies – zu wissen, was ich alles zurückgelassen hatte, jede Emotion nochmals zu spüren auf unserem gemeinsamen Weg – meine Taten in Phoenix waren umso schrecklicher. Ich wusste nicht, was ich getan hätte, wenn er mich je auf solche Weise verlassen hätte, aber ich konnte es mir vorstellen. Ich erschauderte.

"Bella?"

"Es tut mir so Leid, Edward", schaffte ich nach einigen tiefen Atemzügen.

Seine Hand, die meinen Rücken hoch und hinunter gestrichen war, hielt an. "Wofür auf Erden müsstest du dich womöglich entschuldigen?"

"Ich habe dich vergessen. Habe den besten Teil meines Lebens vergessen. Ich sagte, ich würde dich für immer lieben, und dann habe ich dich ohne weiteres verlassen ..."

Ich bekam nie die Gelegenheit, meine Entschuldigung zu beenden. Edward drehte mich genug herum, damit er mich in die Arme schließen konnte. Er küsste meine Entschuldigung mit einer Verzweiflung fort, die ich noch nie zuvor von ihm gespürt hatte, nicht einmal im Moment unserer Verabschiedung vor so langer Zeit in seiner Garage.

Seine Lippen bewegten sich rücksichtslos auf meinen, seine Hände verwoben sich in mein Haar. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, wie man atmete, wie man dachte, aber Edwards Mund wischte sogar dieses grundlegende Wissen weg. Ich brauchte es sowieso nicht. Mit Edwards Lippen auf meinen, mit seinem berauschenden Duft in meiner Nase, mit seinem köstlichen Geschmack in meinem Mund, waren atmen und denken bloß unwichtige Ablenkungen.

Erst als sich in meinem Kopf alles zu drehen begann, nahm Edward seine Lippen von meinen. Obwohl er nicht wie ich den Sauerstoff benötigte, mussten wir beide nach Luft schnappen, während unsere Körper zusammen blieben und unsere Köpfe sich an der Stirn berührten. Er verteilte weiter sanfte Küsse auf meiner Haut, meinen Wangen, meinem Kiefer, in der sensiblen Mulde unter meinem Ohr, und ich kämpfte danach, die richtigen Worte zu finden.

"Du warst es, weißt du", sagte ich atemlos.

"Was war ich?", sagte er leise in mein Ohr. Ich zitterte. Sein kalter Atem an meiner Haut erzeugte die gegenteilige Reaktion und Wärme breitete sich in mir aus. Wärme und etwas anderes – etwas, das ich nicht komplett verstand.

"Du warst der Schlüssel, Edward."

Er zog sich zurück und sah mich mit verwirrtem Gesichtsausdruck an.

Ich fuhr fort, bevor er fragen konnte. "Bevor ich hierher kam, gab es nichts. Nur ein großes, schwarzes Loch in meinen Gedanken. Dann kehrte ich hierher zurück und kleine Dinge kamen zurück, belanglose Dinge. Nichts, das Sinn machte. Erst als ich dich sah, dich berührte, dich wieder in meinem Leben hatte, begann ich wirklich, etwas von dem wiederzuerlangen, das ich verloren hatte. Die wertvollsten Dinge, die ich verloren hatte.

Und dann, in meinem Schlafzimmer ..." Ich hielt an, weil er sich plötzlich versteifte. Instinktiv griff ich hoch und legte meine Hand an seine Wange. "Als ich zusammenbrach ..." Ich hielt wieder inne, aber nicht wegen einer Reaktion seinerseits, sondern weil diese Zeit mir langsam entglitt.

"Was ist passiert, Bella?"

"Ich bin mir nicht ganz sicher", sagte ich und meine Brauen zogen sich zusammen, als ich versuchte, mich zu erinnern. "Ich hatte mich verlaufen, suchte herum. Ich hörte deine Stimme, ich fühlte mich sicher, aber die Erinnerungen wollten einfach nicht zurückkehren. All die Türen waren versperrt. Da war ..." Ich hielt an und suchte nach dem richtigen Weg, um das zu erklären, "da war ein anderes Ich. Sie hat mich verspottet, hat mir meine Erinnerungen vorenthalten."

"Ein anderes Du?" Offenbar war ich nicht die einzige, die verwirrt war.

"So kann ich es am besten erklären. Sie sah aus wie ich und sprach mit mir. Sie sagte, sie wäre der Grund, warum ich mich nicht erinnern konnte, dass sie eine Art ... Barriere wäre, oder Schild oder so etwas, um meine Gedanken vor Schmerzen zu bewahren. Dass es mir nur weitere Schmerzen bringen würde, wenn ich mich erinnerte, also hielt sie die Türen deswegen verschlossen."

"Aber du hast sie geöffnet", sagte er sanft, "du hast einen Weg gefunden, um die Türen zu öffnen."

"Nein, Edward." Ich lächelte. "Du hast das getan. Ich habe gehört, wie du Esmes Lieblingslied gespielt hast. Ich war müde, erschöpft und frustriert, aber dann hast du zu meinem Schlaflied übergewechselt, die Türen öffneten sich und ich habe meinen Weg nach Hause wieder gefunden. Als ich meine Augen öffnete, als ich dein Gesicht sah, kamen die Erinnerungen zurück. Alle Erinnerungen. Jeder Moment, den wir zusammen verbracht hatten."

"Du hast um dich geschlagen", sagte er und der Schmerz, den er in diesem Moment erlitten hatte, war deutlich in seiner Stimme zu hören und in jede Linie seines Gesichts gezeichnet. "Als du deine Augen wieder geöffnet hast, wusste ich nicht, was nicht stimmte. Ich war ein wenig angespannt", meinte er und trug ansatzweise ein krummes Lächeln im Gesicht, "ich habe Carlisle eventuell geschlagen, ich weiß es nicht mehr."

Ich war mir nicht sicher, ob er mich aufzog oder nicht, aber es war egal. Das Resultat war dasselbe und ein kleines Lachen kam mir aus der Kehle und entwich meinen Lippen. Dann lächelte er voll, dasselbe schiefe Lächeln, das meinen Herzschlag jedes Mal beschleunigte.

"Ich habe dich vermisst", sagte ich in die Stille. "Auch als ich mich nicht an dich erinnern konnte, gab es da diesen Schmerz." Ich hob meine Hand und legte sie auf mein Herz. "Ich verstand es nicht. Ich wusste nur, dass ich herausfinden musste warum. Was ich vermisste, was ich außer meinen Erinnerungen noch verloren hatte."

"Ich habe dich auch vermisst, Bella. Mehr als ich mit Worten sagen kann." Er muss beschlossen haben, es mir auf andere Weise zu sagen, denn seine Lippen waren wieder auf meinen, glatt wie Glas und verführerisch. Sie bewegten sich mit meinen wie noch nie zuvor. Die unvertraute Wärme breitete sich von meinen Lippen nach außen aus und erfasste jeden Teil meines Körpers.

Meine Position auf seinem Schoß war bestenfalls gefährlich und nicht gerade bequem. Mein Hals war in einem unangenehmen Winkel verdreht, also drehte ich mich um, um ihn besser anzusehen, und ich platzierte meine Knie jeweils außerhalb seiner Beine. Ich registrierte die Tollkühnheit dieser Bewegung erst, als ich versuchte, seinen berauschenden Küssen näher zu kommen, und mein Körper drückte sich an ihn wie noch nie zuvor.

Wir schnappten beide nach Luft.

Leicht zitternd zog ich mich zurück, um ihm in die Augen zu sehen. Ich hatte sie in jeder Variation gesehen, zumindest dachte ich das. Hell, da er gerade getrunken hatte, bis hin zu schwarz vor Durst, und jede Schattierung dazwischen. Aber ich hatte seine Augen noch nie so gesehen – hungrig auf eine Art, die nichts mit Blut zu tun hatte, weder meinem, noch das von irgendeiner anderen Kreatur.

Ich wusste, dass das der Hunger war, den ich da sah, weil das war das einzige Wort, das beschreiben konnte, was ich empfand. Ein brennender Hunger, der unter meiner Haut kribbelte, meinen Herzschlag beschleunigte und mein Blut zum Summen brachte wie noch nie zuvor.

Das war ein Bedürfnis. Körperlich und neu, beängstigend und aufregend. Mein Kopf senkte sich, suchte wieder nach seinen Lippen, während mein Körper sich langsam, experimentierend auf seinem bewegte.

Ich stieß wieder an ihn, spürte etwas Hartes unter mir und ein Lauffeuer brach in meinen Venen aus. Ich verlor mich in dem Gefühl und merkte gar nicht, dass er unter mir versteinert war. Nicht, bis ich mich wieder zu ihm beugte, um ihn wieder zu küssen, und seine steinernen Lippen komplett steif unter meinen vorfand.

"Edward?", fragte ich zögerlich. Meine Stimme klang, als würde sie nicht mir gehören, tief und heiser mit der Begierde, die immer noch in jedem Nervenende saß. Begierde und ein Bedürfnis, das beinah schmerzhaft wurde.

Und dann war er weg.

Ich brauchte eine Minute, um mit dem plötzlichen Verlust seines Körpers unter mir und dem Schock seiner Abwesenheit klarzukommen, und ich sah mich um. Er war immer noch da, so weit wie möglich von mir entfernt, wie er konnte, um immer noch im selben Zimmer mit mir zu sein.

"Edward?", fragte ich wieder. Die Verwirrung überlagerte nun die Begierde in meiner Stimme. "Was ist los?"

"Du ..." Er hielt inne und fuhr mit seiner Hand über sein Gesicht aus Granit. "Du sagtest, du erinnerst dich an alles."

"Ja", antwortete ich und merkte, dass ich die Augenbrauen zusammenzog.

"Dann weißt du auch noch, was ich dir in dieser ersten Nacht in deinem Zimmer gesagt habe. Ich darf nie die Kontrolle bei dir verlieren, Bella. Du bist zu zerbrechlich. Das", er wedelte mit der Hand in meine Richtung, wo ich noch immer heftig atmend saß, "ist keine Option für uns."

Ich musste mich anstrengen, mich auf seine Worte konzentrieren, während ich ihn anstarrte. Mein Körper litt noch immer an den Nachwirkungen meines kürzlich entdeckten Bedürfnisses. Langsam kehrten aber meine höheren Hirnfunktionen zurück. Genauso wie eine Erinnerung an die Zeit in diesem Dunst, das höhnische Ich, das von der Nacht erzählte, in der Edward erklärte, warum wir uns nie so nah kommen durften.

"Ja, ich erinnere mich", sagte ich schließlich. Mein Stirnrunzeln hatte sich nicht geglättet, wenn überhaupt, so waren die Falten noch tiefer geworden. Im Zimmer wurde es immer stiller, als unsere Atmung sich beruhigte. Das Bedürfnis, das vorhin so außer Kontrolle geraten war, hatte sich gelegt und ich konnte wieder nachdenken. Ich brauchte nur ein paar Sekunden, um die Lösung zu finden.

Ein Lächeln erstrahlte auf meinem Gesicht und ich erhob mich von der Couch. Es überraschte mich nicht, dass meine Beine zitterten. Ich schaffte es dennoch, zu ihm zu gehen, blieb direkt vor ihm stehen und legte meine Hand an seine Wange. Sein Gesichtsausdruck war gequält, sein Kopf zur Seite geneigt.

"Dann gibt es da nur eine Lösung, oder?"

"Bella", seufzte er, als ich noch näher kam und meinen Körper an seinen drückte.

"Du weißt, dass es stimmt", sagte ich, aber ohne große Überzeugung. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wusste er es nicht.

"Was weiß ich?"

"Die Lösung ist, dass du mich verwandelst, Edward. Dann bin ich nicht mehr so zerbrechlich."

Das Lächeln der Überzeugung, dass dies der bestmögliche Handlungsverlauf sein könnte, schmolz eine Sekunde später dahin, als er mich hochhob und mich zurück zur Couch trug, wobei er mich dabei so wenig wie möglich berührte.

"E-Edward?", stotterte ich und starrte ihn verwirrt an.

"Das ist keine Lösung, Bella."

"Natürlich ist es das", konterte ich.

"Ich werde dein Leben nicht beenden."

"Das wirst du doch nicht, verstehst du das nicht? Durch dich würde es erst beginnen", sagte ich und versuchte, die Distanz zwischen uns zu schließen, aber er sprang weg, noch bevor ich halb versucht hatte, von der Couch aufzustehen.

"Ich werde dich nicht in ein Monster verwandeln, werde dich nicht zu solch einer Existenz verdammen."

Seine ständigen Abweisungen und seine beharrliche Einstellung, die Verweigerung dessen, wovon ich wusste, dass es die einzige Lösung war, rief eine Wut in mir hervor, die ich noch nie zuvor erlebt hatte. Alles, das wir durchgemacht hatten ... War das alles umsonst gewesen?

"Also was dann? Du liebst mich. Ich bin jetzt dein Leben, oder so ähnlich hast du gesagt, aber wir werden was tun, Edward? Mein Zölibat ausstrecken, so lang mein menschliches Leben andauert? Du küsst mich, berührst mich aber sonst nicht weiter? Du wirst als Siebzehnjähriger bei mir bleiben, wenn ich im mittleren Alter bin und du dich als mein Sohn ausgeben musst? Oder als mein Enkelsohn, wenn ich alt werde? Was für ein Leben ist das?"

"Bella, du warst krank. Du weißt nicht, was du ..."

Ich hielt eine Hand hoch und unterbrach ihn. "Ich weiß genau, was ich sage, Edward Cullen. Ich sage, dass ich dich liebe und dass ich mein restliches Leben, meine restliche Existenz mit dir verbringen will. Ich habe die Hölle durchgemacht, als ich meine Erinnerungen an dich verloren hatte, als ich mich durch das Nichts voll Nebel und Verwirrung kämpfen musste, in dem ich gefangen war, um dich wieder zu finden. Ich will dich auf jede Art lieben, die es gibt, und nicht bloß Händchen halten und verstohlen küssen, wodurch wir beide keuchend und frustriert zurückbleiben. Ich, wir haben mehr als das verdient."

Edward hatte sich nicht bewegt, hatte nicht einmal geatmet. Er war still wie ein Stein am anderen Ende des Zimmers und starrte mich mit einem Gesichtsausdruck an, der aussah, als ... hätte ihn jemand in Brand gesteckt.

Ich versuchte aufzustehen, zu ihm zu gehen, aber meine Beine waren schwach von der Zeit, die ich in dem Dunst gefangen gewesen war. Sie begannen sofort heftig unter mir zu zittern, als ich aufstand. Zornig auf meine Schwäche ließ ich mich wieder mit einem Schnauben auf die Couch fallen. Edward bewegte sich immer noch nicht.

Als er sich nach fünf langen, quälenden Minuten noch immer in keinster Weise bewegt hatte, wusste ich, dass ich meine Antwort bekommen hatte. Er würde mich nicht verwandeln. Er würde mich nicht berühren.

Er liebte mich, aber nicht genug, um mich für immer bei sich haben zu wollen. Nicht genug, um mich auf jede erdenkliche Weise zu lieben.

"Alice?", rief ich aus. Meine Stimme war nur unmerklich lauter als mein normaler Tonfall. Es war egal, ich wusste, sie würde mich hören.

"Ja, Bella?", antwortete sie wenige Sekunden später hinter der geschlossenen Tür von Edwards Zimmer.

"Kannst du mich bitte nach Hause bringen?"

Die Tür öffnete sich und sie kam herein. Auf ihrem Gesicht lag keine Überraschung und keine Verwirrung, weshalb ich sie bat, mich zu fahren. Natürlich nicht. Jeder innerhalb oder in der Nähe des Hauses hatte meine wütenden Worte gehört. Ich fragte mich, ob sie das kommen gesehen hatte, aber ich fragte nicht danach. Ich wollte es nicht wissen.

"Klar mach ich das", sagte sie einfach und ging zu mir herüber, wo ich auf der Couch saß. Sie streckte ihre Arme aus, als würde sie mich tragen wollen. Als ich versuchte aufzustehen, schüttelte sie bloß den Kopf. "Deine Beine sind nicht stark genug für Stufen, Bella. Du wirst hinfallen und das wird dir kaum bei deiner Genesung helfen."

Ich wusste, dass sie Recht hatte. Die paar Minuten, die ich vor Edward gestanden hatte, hatten sie überanstrengt. Ich entspannte mich und ließ mich von ihr hochheben. Ich war beinah einen Kopf größer als Alice, aber sie trug mich so mühelos, als wäre ich ein Kind.

Die Tränen begannen über meine Wangen zu laufen, als ihre Arme sich um mich legten. Ihre kalte Umarmung fühlte sich so vertraut und gleichzeitig auch so falsch an. Dies waren die falschen Arme, die mich hielten, diese Arme brachten mich weg von allem, das ich je gewollt hatte und niemals haben konnte.

Ich sprach, bevor wir die Türe seines Zimmers durchschritten hatten. "Wenn du deine Meinung änderst ..."

Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen, weil ich wusste, dass er seine Meinung nicht ändern würde. Und wenn ich es aussprach, würde ich nur noch verzweifelter klingen. Stattdessen vergrub ich meinen Kopf an Alices Schulter und ließ den Tränen freien Lauf. Ich dachte, ich hörte Alice etwas sagen, dass sie Edward einen Idioten schimpfte, aber ich weinte zu sehr, um wirklich sicher zu sein.

"Bella?"

Charlies besorgte Stimme war das Einzige, das mich dazu brachte, dass die Tränen aufhörten und ich wieder etwas die Fassung zurück erlangte. Weil es für Charlie keinen Sinn machen würde, wenn er sah, wie die zierliche Alice mich zum Haus trug, ging sie stattdessen neben mir und stützte mich, während wir auf das Haus zugingen.

"Was ist passiert? Geht es dir gut? Carlisle sagte, ich könnte dich nicht besuchen und ich war halb verrückt vor Sorge ..."

"Es geht ihr gut, Charlie", sagte Alice mit ihrer glockenhellen Stimme, dann murmelte sie etwas, das zu leise war, damit ich es hören konnte. "Nur müde von ihrer Krankheit."

Charlie war jetzt neben uns und streckte seinen Arm aus, um ihren Platz zu übernehmen. "Ich hab sie, Alice", sagte er. "Danke, dass du sie nach Hause gebracht hast."

"Überhaupt kein Problem."

"Warum hat E..."

Ich sah hoch, als er seine Frage nicht beendete, und sah, dass Alice ihre Hand gehoben hatte und ihren Kopf in Charlies Richtung schüttelte. Eine Art Austausch fand zwischen ihnen statt, aber ich war zu sehr darin verloren, meine eigenen Emotionen unter Kontrolle zu halten, um mir darüber Gedanken zu machen. Ich ließ mich einfach von meinem Vater ins Haus führen und auf die Couch setzen und lauschte schweren Herzens, wie Carlisles Mercedes sich vom Haus entfernte.

Alice war weg. Sie würde nicht zurückkommen. Mein Leben mit den Cullens wurde auf eine Weise beendet, die ich nie für möglich gehalten hätte. Ich wartete darauf, dass die Tränen kamen, aber die Trauer ging schon über die Tränen hinaus. Ich war zu taub für diese Emotion.

Ich hörte Charlies Stiefel auf den Stufen hoch und wieder runter traben. Sekunden später spürte ich, wie ich in Grandma Swans alte Steppdecke gewickelt wurde. Charlies Hände strichen mir über die Schultern, bevor er sich in seinen Sessel fallen ließ.

"Bella?"

Mit meinen nun trockenen Augen sah ich ihn an und ich musste ein paar Mal blinzeln, um den Ausdruck auf seinem Gesicht zu deuten. Auch nach dem Zwinkern konnte ich es nicht genau definieren.

"Was ist mit dir geschehen bei den Cullens?", fragte er, als ich nicht antwortete.

"Ich bin ... zusammengebrochen, glaube ich. Meine Erinnerungen kamen langsam wieder zurück und ich ... verlor das Bewusstsein oder so."

Charlie nickte, als würde dies mit seinen Vermutungen übereinstimmen. "Und sind sie? Zurückgekommen, meine ich?"

"Ja", sagte ich leise. Die Tränen versuchten, wieder meine Augen zu füllen. Ich hätte erfreut sein müssen. Ich hätte lächeln und lachen müssen, aber das Lachen lag mir momentan ferner als der Mond und die Sterne.

"Bella."

Ich sprach nicht. Ich konnte nicht, bei all den Gefühlen, die meine Kehle belegten. Ich konnte ihm nur in die Augen sehen.

"Ich will nicht so tun, als würde ich deine Verbindung zu den Cullens, oder ihre Verbindung zu dir, verstehen. Ich habe zum ersten Mal in Phoenix einen kleinen Teil davon erlebt, als ich sie im Wartezimmer beobachtet habe. Sie, also Carlisle, Alice und Edward", er hielt kurz inne, als ich bei Edwards Namen zusammenzuckte, aber nur ganz kurz. "Sie sahen so aus, wie ich mich fühlte. Hilflos und grün vor Angst. Und dann, als deutlich wurde, dass du zu Renée nach Jacksonville ziehen würdest, waren ihre Gesichter, vor allem seines, wieder ... Ich weiß, da ging mehr vor sich, als dass er bloß dein erster Freund war."

Ich konnte immer noch nicht sprechen. Alles, das ich tun konnte, war meinen Vater anzustarren.

"Ich weiß, dass da etwas an den Cullens ist, das nicht ... naja, das nicht normal ist."

Ich fand meine Stimme wieder, um dies möglichst rasch zu bestreiten, aber Charlie hielt bloß seine Hand hoch.

"Ich bin nicht gerade eine Leuchte, Bella, aber ich bin auch kein Idiot. Außerdem bin ich ein Cop. Wenn du denkst, dass ein Junge, eine ganze Familie, meiner Tochter, meinem einzigen Kind, so nahe kommt, ohne da genauer nachzuforschen, dann kennst du mich nicht recht gut. Vielleicht lag es daran, dass ich es vermisste, dich hier zu haben, vielleicht wollte ich dir damit helfen oder dir näher kommen, indem ich mehr über diesen Jungen herausfand, der mir ohne dir hier genauso verloren vorkam wie ich, aber ich begann, über ihn und seine Familie Nachforschungen anzustellen. Ich fand ein paar sehr verwirrende Dinge, und diese Dinge sorgten dafür, dass ich weiter nachhakte. Ich weiß nicht, wer oder was sie sind, aber ich weiß, dass das nicht ein Arzt und seine Adoptivkinder sein können. Zumindest nicht, wenn man tiefer gräbt."

Mein Kinn sackte nach unten. Wenn Charlie sich die Vergangenheit der Cullens angesehen hatte und etwas nicht normales dahinter vermutete, warum waren sie dann noch da? Oder war Charlie doch so wie ich - unfähig oder unwillig, ihre Geheimnisse zu enthüllen, weil er das Gute in ihnen sah? Die Ironie blieb mir nicht verborgen. Die Tatsache, dass Charlie dies einfach akzeptierte, war nicht länger wichtig.

"Wie ich schon sagte, ich will nicht so tun, als würde ich deine Verbindung zu ihnen verstehen, aber ich weiß, dass es sie gibt. Du liebst sie, und sie lieben dich. Ich kann das deutlich hören, wann immer ich mit ihnen spreche oder wenn du mit ihnen sprichst."

Charlie wusste anscheinend nicht mehr, was er sagen sollte, und das überraschte mich nicht. Ich glaube, ich habe ihn noch nie so viel in einer Unterhaltung reden gehört. Nicht, wenn nicht Billy Black der Gesprächspartner war und es um die Chancen der Mariners ging. Er stand auf und ging zurück zu mir. Er strich mir wieder über die Schultern.

"Ich hatte Angst, als Carlisle anrief und mir sagte, du wärst krank und würdest bei ihnen bleiben, dass die Zeit gekommen war, wo du mit ihnen ziehen würdest, wo auch immer sie hingehen, wenn sie weiterziehen. Ich bin froh, dass ich falsch gelegen bin, dass ich noch einmal die Gelegenheit habe, dich zu sehen. Dass ich dir sagen kann", er hielt inne. Die selben Gefühle, die vorhin meine Kehle belegt hatten, mussten nun seine ergriffen haben. "Dass ich dir sagen kann, dass ich dich liebe, Bells."

"Dad", brachte ich hervor, aber sonst nichts. Ich wollte ihm sagen, dass ich nirgendwohin gehen wollte, außer nach Jacksonville, um für das College zu packen. Dass ich ihn an Weihnachten besuchen kommen wollte, dass ich nie mit ihnen weiterziehen würde, weil es jetzt ganz sicher nicht mehr dazu kommen würde. Alles, das ich schaffte, war aber ein geflüstertes: "Ich liebe dich."

Charlie ließ mich dann allein und gewährte mir meine Privatsphäre. Und ich tat das, was ich schon tun wollte, seit ich das Haus der Cullens verlassen hatte. Ich rollte mich zusammen und weinte wegen allem, das ich gewonnen, und wegen allem, das ich wieder verloren hatte.