-12. Besprechung
Derweil in einem kleinen Haus in Wales…
Mit jeder Minute die verstrich, wuchs Sarinas Anspannung. Immer wilder pochte das Herz in ihrer Brust, drohte sie ob der immer größer werdenden Nervosität in sich bald den Verstand zu verlieren. Mit ineinander verhakten Fingern ging sie im Wohnzimmer auf und ab, warf hier und da einen Blick aus dem Fenster, als könnte sie die Ankunft von Mrs. Kent herbeisehnen. Als ginge es schneller, wenn sie nur intensiv mit den Augen den Garten ansah. Als könne sie allein mit der Kraft ihrer Gedanken die Frau dazu zu bewegen schneller zu kommen. Wie gehetzt flog ihr Blick wieder einmal zur Uhr, die ihr zeigte, dass es noch gut fünf Minuten bis zum vereinbarten Eintreffen der Frau um 17.00 Uhr waren.
In der Gewißheit den Verstand zu verlieren, wenn sie so weitermachen würde, nahm Sarina schließlich auf einem der bequemen Sessel, die in einer Dreiergruppe vor dem Kamin standen, in welchem ein angenehm warmes Feuer loderte, platz. Ihren Blick in die Flammen gerichtet, hatte diese 'Ablenkung' dennoch nicht den Effekt, den sie sonst immer damit erzielte. Ihre Nervosität wich keineswegs. Zu viel hing für sie von diesem Gespräch ab und nicht zum ersten Mal mußte die junge Frau sich fragen, ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, mit Mrs. Kent in Kontakt zu treten.
'Doch, es war richtig!', bestätigte sie sich noch einmal im Gedanken, als es auch schon an ihrer Tür klingelte und Sarina den Blick gespannt auf die Tür richtete, während sie hörte, dass einer ihrer Hauselfen die Tür öffnete und Mrs. Kent kurz darauf bat, ihm zu folgen.
Der Weg von der Tür bis ins Wohnzimmer, wo Sarina auf ihren Gast wartete, nahm für diese keine Minute in Anspruch, so dass Sarina die Frau schon kurz darauf mit einem freundlichen, respektvollen "Guten Tag Mrs. Kent, wenn Sie Platz nehmen möchten?" begrüßte und mit der Hand höflich auf einen der freien Sessel wies.
Nachdem ihr Gast Platz genommen hatte, setzte auch Sarina sich wieder.
"Mrs. Kent", begann sie, nachdem diese sich etwas von den bereitstehenden Getränken genommen hatte, "ich bitte zu entschuldigen, dass ich Sie hergebeten habe, aber die Angelegenheit ist wichtig und ich wusste nicht, an wen ich mich sonst hätte wenden sollen."
Die Skepsis in Desiderias Blick war unverändert, seit sie das Haus der jungen Todesserin betreten hatte, welche sie selbst vor wenigen Wochen dem Dunklen Lord vorgestellt und deren 'Ausbildung' sie übernommen hatte.
"Miss di Cagliostro, es ist selbstverständlich, dass ich meinen Schützlingen auch noch für Fragen zur Verfügung stehe, wenn diese ihr Dunkles Mal erhalten haben. Weiterhin bin ich überzeugt, dass Sie um dieses Treffen nicht gebeten hätten, würde es sich nicht um eine Sache äußerster Dringlichkeit handeln." Forschend sieht sie die jüngere Frau dabei an, ehe sie einen Schluck Tee nimmt und abwartet.
"Nein…" Sarina, deren Finger immer noch ineinander verankert waren , atmete tief durch. Erst seit wenigen Wochen gehörte sie den Todessern an und was sie der Frau nun zu sagen hatte, könnte gut das Ende dieser 'Laufbahn' für sie bedeuten.
"Mrs. Kent, ich… Es ist sicher am besten, wenn ich ohne Umschweife zur Sache komme. Ich hatte vor drei Tagen eine Begegnung in Hogsmeade. Ich lernte einen Mann kennen, mit dem ich mich seither auch jeden Abend getroffen habe, mit dem ich auch heute Abend wieder eine Verabredung habe."
Ein spöttisches Lächeln umspielte Desiderias Lippen, die nun ihre Teetasse wieder auf dem Tisch abstellte.
"Miss di Cagliostro, Ihr Privatleben interessiert mich nicht. Erzählen Sie mir bitte nicht, dass Sie mich deswegen sprechen wollten!"
Sarina schluckte, der Spott in der Stimme der anderen Frau war ihr nicht entgangen. Tief durchatmend nickte sie dennoch.
"In gewisser Weise schon… der Name dieses Mannes ist Remus Lupin, er ist Lehrer in Hogwarts und… nun, ich bin unsicher, ob ich diese Bekanntschaft weiterpflegen kann, ohne in den Kreisen der Todesser in ein… nun, schlechtes Licht zu geraten."
Den Blick unschlüssig auf die ältere Todesserin gerichtet, atmete Sarina erneut tief durch. Bei allen Befürchtungen wie die Antwort von Mrs. Kent ausfallen könnte, so durchzieht sie doch auch eine gewisse Erleichterung. Zumindest die Frage, ob sie es ihr sagen sollte, war nun geklärt….
Desiderias Augenbrauen zuckten bei dem Namen des Mannes leicht nach oben. Dieses kleine, dumme italienische Gänschen hatte offenbar keine Ahnung, wen sie da an der Angel hatte… Eine glückliche Fügung des Schicksals, den man sich auf jeden Fall nutzen sollte. Dennoch einen zurechtweisenden Blick aufgesetzt räusperte sie sich leicht.
"Miss Di Cagliostro… Ein Lehrer aus Hogwarts, da können Sie davon ausgehen, gehört der anderen Seite an, widerspricht zumeist allen unseren Werten. Weshalb also haben Sie sich überhaupt ein weiteres Mal mit ihm getroffen, nachdem Sie erfahren haben, wer er ist?"
Wenn Sarina auf diese Frage auch vorbereitet war, so breitete sich in diesem Moment doch ein unbehagliches Gefühl in ihrem Magen aus.
"Ich dachte… es könnte vielleicht nicht schaden, wenn man… Kontakte nach Hogwarts unterhält… Vielleicht könnte man Informationen erhalten, die es dem Dunklen Lord ermöglichen schneller an sein und damit unser aller Ziel zu gelangen."
Ihre Überlegungen, dass sie damit auf der Rangleiter ein wenig nach oben klettern könnte, behielt sie in diesem Moment jedoch für sich. Auch ihr war bereits durchaus bewusst, dass die Konkurrenz gerade unter den weiblichen Todessern groß war und sie hatte eigentlich nicht vor, sich Stück für Stück hochzuschlagen. Es mußte wohl einen Weg geben, dies schneller zu erreichen und Lupin wäre ein perfektes Sprungbrett um gleich in den höheren Rängen zu landen.
"So, glauben Sie?" Desiderias Augenbrauen zuckten skeptisch nach oben. Diese junge Frau hatte etwas an sich, das ihr nicht gefiel. Vielleicht lag es daran, dass sie zu… offensichtlich naiv war und dies zu deutlich nach außen auftrug.
"Bitte entschuldigen Sie, wenn ich falsch gehandelt haben sollte, Mrs. Kent…"
"Nun ist es nicht mehr zu ändern, also sollte man diese Begegnung auch zu nutzen wissen", erwiderte Desideria in zurechtweisendem Ton und atmete tief durch. "Treffen Sie sich heute noch einmal mit Lupin. Verabreden Sie ein erneutes Treffen für morgen Abend. Unterhalten Sie sich mit ihm, zeigen Sie Interesse an seinem Beruf. Aber nicht zu offensichtlich! Ich hoffe, das ist Ihnen klar, er darf keinen Verdacht schöpfen, dass sie sich nur mit ihm treffen, um ihn auszuhorchen."
Eindringlich richtete Desideria ihren Blick auf die junge Frau. "Dem ist doch so, nicht wahr, Miss di Cagliostro?"
"Natürlich Mrs. Kent! Nichts anderes bewog mich dazu, diese Bekanntschaft zu vertiefen!"
"Sehr schön", nickte Mrs. Kent, um sich im selben Moment bereits mit einem Nicken wieder zu erheben. "Ich werde mich morgen Nachmittag wieder bei Ihnen melden."
Sarina brachte Mrs. Kent noch zur Tür. Nachdem sie diese geschlossen hatte, lehnte sie sich mit dem Rücken dagegen, die Lippen von einem Lächeln umspielt. Diese Hürde zumindest war einmal genommen.
Rasch ging sie nach oben in ihr Schlafzimmer, zog sich um und verließt kurz darauf ihr Haus, um nach Hogsmeade zu apparieren.
