Sara kaute nervös auf ihrer Lippe. Sie beobachtete Nick aufmerksam und fragte sich, was er wohl gerade dachte. Irgendwie war es eine Art von Ironie, dass ihr Leben ihn dem Moment, indem es gerade normal geworden schien, wieder völlig aus dem Ruder lief.

Anscheinend hatte sie es nicht verdient ein normales Leben zu führen.

„Kann ich Ihnen…ähm… dir ein paar Fragen stellen?" Nicks Frage riss Sara aus ihren Gedanken.

Sara blickte für ein paar Augenblicke nachdenklich in seine Augen. „Ja, natürlich."

„Okay…", Nick hatte spürbar Schwierigkeiten seine Frage zu formulieren, „Sind wir… verheiratet?"

„Nein."

Nick nickte nachdenklich. „Okay. Wer waren die ganzen Leute vorhin?"

Sara musste lächeln und Nick bemerkte, dass sie ein hinreißendes Lächeln hatte. „Deine Freunde und Arbeitskollegen."

Nick nickte erneut und blickte Sara ernst an. Er hasste die Tatsache, dass er sich nicht aufrichten konnte um ihr auf gleicher Augenhöhe ins Gesicht zu blicken. „Was sollte mir an dir auffallen?"

Sara war verblufft, dass Nick sich noch daran erinnern konnte. Schließlich war eben alles etwas hektisch gewesen.

Als Sara ihm antworten wollte, machte Catherine dem Gespräch ein jähes Ende, indem sie den Raum betrat.

„Hey, Nick. Es ist schön, dass du wieder unter uns bist." Nick guckte sie genau an, doch er konnte sich einfach nicht erinnern, wer sie war. Sie hielt eine Babytasche in der Hand, anscheinend hatte sie ein Kind mit.

Das nächste was sie sagte, richtete sie an Sara, während sie auf sie zuging. „Wir waren im Park spazieren. Sie schläft jetzt, also weck sie nicht auf."

Sara nickte und sagte: „Danke, Cath."

Catherine blickte die beiden noch einmal an und erkannte, dass Sara den nächsten Schritt alleine tun musste und verließ das Zimmer.

Nick sah ihr Stirn runzelnd nach. Seine Aufmerksamkeit richtete sich jedoch wieder auf Sara, als diese Anfing, mit ihm zu sprechen.

„Nicky, wir sind zwar nicht verheiratet, aber wir sind trotzdem eine Familie. Und vor ein paar Tagen habe ich unser Kind zur Welt gebracht."

Nick sah sie völlig perplex an. Er konnte nicht glauben, was sie sagte. Er beobachtete völlig regungslos, wie Sara ein Kind aus der Babytasche holte.

„Darf ich dir unsere Tochter vorstellen."

In diesem Moment war es Nick völlig egal, dass er höllische Schmerzen hatte, als er sich aufrichtete. Auch wenn er sich an Sara nicht mehr erinnern konnte, wusste er, dass sie die Wahrheit sprach. Dieses kleine Mädchen war seine Tochter.

„Darf ich sie in den Arm nehmen?", fragte er mit Tränen in den Augen.

Sara nickte. Auch wenn sie sich Sorgen um Nicks Zustand machte, wollte sie ihm diese Bitte nicht verwähren.

Sie legte Nick die Kleine in die Arme und passte dabei auf, dass kein Schlauch herausgezogen wurde.

„Hey, meine Süße.", sagte Nick mit sanfter Stimme zu seiner Tochter.

Sara beobachtete mit Zufriedenheit, wie Nick anscheinend, seinen körperlichen Zustand vergaß. Sie hätte sich niemals ausmalen können, dass er seine Tochter so offen empfangen und akzeptieren würde.

„Wie heißt sie?", fragte Nick.

Sara lächelte ihre Tochter an. „Ihr Name ist Ellie-May Stokes."

Nick richtete seine gesamte Aufmerksamkeit wieder auf seine Tochter. „Ellie-May, ein schöner Name."

Sara musste leise lachen. Wenn Nick wüsste, wie wichtig dieser Name für ihn war. Nick riss Sara aus ihren Gedanken, indem er sagte: „Sara."

Sara blickte auf. „Ja."

„Sie ist perfekt."

Sara grinste bei seinen Worten bis über beide Ohren. Auch wenn die Geburt nicht so gewesen war, wie sie sich vorgestellt hatte, war dieser Moment viel besser.


Sara sorgte dafür, dass Nick sich wieder hinlegte. Sie nahm Ellie-May und packte sie wieder in die Babytasche. Sorgfältig deckte sie ihre Tochter zu. Sie hatte immer noch Angst etwas kaputt zu machen, aber sie würde sich schon daran gewöhnen.

Nick lächelte. Er hatte keine Ahnung wer er war, aber er wusste, dass er glücklich war. Nick bemerkte, dass sein behandelnder Arzt hereinkam. Er hatte tiefe Sorgenfalten auf der Stirn. Nick hoffte, dass nicht er der Grund dafür war.

„Mr. Stokes, wir haben Ihre Tests ausgewertet.", sagte er und sah in seine Unterlagen.

Sara spürte, wie ihre Hände anfingen zu zittern. Sie wusste, dass sie schon längst kaputt gewesen wäre, hätte sie nicht ein klein wenig Hoffnung und ihre Tochter.

„Die Tests zeigen keinerlei physische Schäden. Anscheinend ist die Ursache für Ihre Amnesie psychisch bedingt." Der Doktor klappte seine Akte zu und blickte Nick an.

Nick wusste nicht, wie er reagieren sollte. Irgendwie fühlte er sich schuldig. „Kann man irgendetwas tun, damit ich mich wieder erinnern kann?", fragte er hoffnungsvoll.

„Bei Ihrer Vorgeschichte würde ich sagen, dass es eine Art Schutzvorrichtung ihres Gehirns ist. Bei richtiger Stimulierung ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie sich wieder erinnern können."

Nick war verwirrt. „Und was ist die richtige Stimulierung?"

„Es könnte alles sein. Ein Geruch, ein Geräusch oder auch ein Satz oder Ort.", erklärte der Arzt.

Sara war enttäuscht. Die Möglichkeiten waren nicht gerade begrenzt. Nick nickte nur. Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte.


Nick packte seine Sachen. Es waren drei Wochen vergangen, seitdem er aufgewacht war. Er konnte sich noch immer nicht daran erinnern, wer er war, aber er war froh, dass er endlich aus dem Krankenhaus herauskam.

Er war schon neugierig auf seine Wohnung und vor allem auf seinen Arbeitsplatz. Auch wenn er nicht einmal wusste, was seine Lieblingsfarbe war, wusste er noch alles über Forensik.

Er war gerade dabei seine Zahnbürste einzustecken, als Sara sein Zimmer betrat. „Alles fertig?", fragte sie.

Nick nickte nur. In den letzten paar Wochen war sie zu einem Teil seines Lebens geworden. Sie hatten ihn jeden Tag besucht und dafür gesorgt, dass er sein Leben ein Stück kennen lernte.

„Wir können los.", antwortete Nick.

Er war aufgeregt. Es war alles so neu und doch vertraut. Sara nahm seine Tasche und begleitete Nick zum Auto. Sie öffnete ihm die Tür und verstaute seine Sachen sicher im Kofferraum.

Dann setzte sie sich hinters Steuer und fuhr davon.

In ein neues Leben.