Nick wurde plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Ein Klingeln an der Tür hatte ihn geweckt. Schnell warf er einen Blick auf die Uhr. Es war 03: 27 Uhr morgens. In seinem Kopf rotierte es. Sara konnte es nicht sein, sie war noch arbeiten, außerdem würde sie den Schlüssel benutzen.
Nick rappelte sich auf, schnappte sich das Babyfon und ging zur Wohnungstür. Irgendwie hatte er ein ungutes Gefühl. Er machte sich Sorgen.
Er atmete erleichtert aus, als er Warrick vor seiner Tür erkannte.
„Warrick?", fragte er verwundert.
Warrick nickte und betrat einfach die Wohnung. Nick hatte ihn nicht einmal hereingebeten. „Ich wollte mal sehen, wie es dir geht?"
Nick runzelte die Stirn und beobachtete, wie Warrick sich aufs Sofa setzte. Er hatte eine große Tüte dabei. „Tust du das immer um halb vier Uhr morgens?"
„Ich habe gerade Pause.", antwortete Warrick knapp.
Er setzte sich aufs Sofa und war ein wenig verwundert, als Nick einfach stehen blieb. „Also, wie geht es dir?"
Nick rang einige Sekunden mit sich. Er wusste nicht, ob er Warrick wirklich sagen sollte, wie er sich fühlte. Aber was konnte er schon verlieren.
„Ich weiß nicht, ich fühle mich, ob ich hier nicht reingehöre. Alles ist anders, als ich es mir vorgestellt hatte."
Warrick richtete sich auf und sah ihn entsetzt an. „Weißt du was? Du bist ein Arsch."
Nick folgte seinem Beispiel. „Was?! Ich kenne dich doch nicht mal."
Warrick schüttelte seinen Kopf. „Aber ich kenne dich und lass dir gesagt sein, du benimmst dich wie ein Arsch."
Nick konnte nicht fassen, was er da hörte. „Warum?", war alles, was er heraus brachte.
Warrick stand auf und zeigte um sich. „Weil das hier genau das ist, was du immer wolltest."
Nick runzelte mit der Stirn. Er blieb sitzen. Es war halb vier Uhr morgens und ein Verrückter stand in seinem Wohnzimmer und sagte ihm, dass er ein Idiot sei.
Trotzdem hörte er zu, als Warrick sagte: „Sara tut alles für dich. Sie saß die ganze Zeit an deinem Bett, als du im Koma lagst, obwohl sie kurz zuvor ein Kind auf die Welt gebracht hat, nein, nicht ein Kind, dein Kind. Und sie saß auch an deinem Bett, als dein Stalker dich verfolgt hatte. Oh und als du lebendig begraben wurdest hat sie nicht eher aufgegeben, bis sie dich gefunden hatte. Also höre auf so einen Scheiß zu reden und benimm dich wie ein Mann."
Warrick hatte noch lange nicht alles gesagt, was er sagen wollte, aber er wusste, dass das erstmal genug für Nick war.
Er konnte auf seinem Gesicht lesen, dass Nick zwar nicht ganz verstand, was er ihm gesagt hatte, aber anscheinend hatte er die Botschaft verstanden. Und das war erst einmal wichtig.
Warrick beruhigte sich wieder und setzte sich. Im fiel ein, dass Ellie-May schlief, deswegen bemühte er sich jetzt besonders leise zu sein.
Es herrschte lange Zeit Schweigen. Schließlich war Nick es, der das Wort ergriff. „Was ist in der Tüte?"
Warrick musste lachen. „Ich habe keine Ahnung. Cath hat es mir eben in die Hand gedrückt. Es ist irgendwas für Sara. Und sie wollte noch wissen, ob ihr nachher zum Essen kommt."
Nick dachte darüber nach. Catherine hatte ihn schon vor ein paar Tagen gefragt und Sara hatte nichts Gegenteiliges gesagt, also erwiderte er: „Ja."
Warrick rieb sich die Hände. „Klasse. Soll ich euch drei abholen?"
Nick runzelte die Stirn, bemerkte aber das Leuchten in seinen Augen. „Ja, warum nicht."
Warrick drückte ihm die Tüte in die Hand und ging Richtung Tür. „Meine Pause ist bald zu Ende, also muss ich wieder ins Labor."
Nick nickte, stand auf und hielt ihm die Tür auf. Bevor er jedoch die Chance hatte diese zu schließen, drehte sich Warrick noch einmal um. „Nick, du musst es endlich sehen."
Nick war verwirrt. „Was sehen?"
„Dass Sara so sehr darum kämpft von dir geliebt zu werden."
Dann drehte er sich um und ging ohne ein weiteres Wort.
Der Schlüssel landete auf dem Wohnzimmertisch. Sara war völlig erschöpft. Sie wollte nur noch in ihr Bett. Sie hörte die Dusche laufen. Wahrscheinlich war es Nick.
Sie zog im Gehen ihre Schuhe aus und warf die Jacke auf den Boden. Sie würde es nachher wegräumen.
Sara gähnte. Sie konnte jetzt wirklich eine Portion Schlaf gebrauchen. Sie bemerkte nicht, dass sie in Richtung Schlafzimmer schritt und nicht ins Gästezimmer.
Plötzlich blieb sie wie vom Blitz getroffen stehen. Ihre Aufmerksamkeit wurde von etwas an der Tür zu Ellie-Mays Zimmer geweckt.
In rosa Buchstaben war ihr Name auf die Tür geschrieben. Erst jetzt bemerkte Sara, dass es nach Farbe roch.
Sie atmete tief ein und öffnete langsam die Tür. Ihre Müdigkeit war wie weggefegt. Sie musste sich am Türgriff festhalten, damit sie nicht umfiel.
Die Wände waren in rosa gestrichen und am Ende des Zimmers stand ein weißes Kinderbettchen, gleich neben einer Wickelkommode.
Sara bemerkte, wie sich ein Grinsen auf ihren Lippen bildete. Das Zimmer war perfekt. Der weiße Teppich passte zu den Gardinen und ließ den Raum warm wirken.
Sara schritt langsam ins Zimmer. Über dem Bett war ein Bild von ihr und Ellie-May.
Sie fing an zu lachen. Sie rannte zum Badezimmer, öffnete die Tür ohne zu zögern, riss den Duschvorhang zurück und fiel Nick um den Hals.
„Du hast es fertig gemacht.", gab sie lachend von sich, als sie um Nicks Hals geklammert auf und ab sprang.
Nick blickte sie an. Er war überrascht, doch es machte ihm nichts aus. Da stand sie. Mit total müden Augen, einem Grinsen im Gesicht, durchnässter Kleidung. Und er verliebte sich in sie.
„Sara, ich…", versuchte Nick zu sagen, aber Sara verstand schon.
Sie ließ ihn los und hob abwehrend die Hände. „Entschuldigung. Ich weiß, tut mir leid. Es ist nur, du hast es fertig gemacht."
Sie stieg wieder aus der Dusche und ging zur Tür. Das Grinsen in ihrem Gesicht war immer noch da. „Du hast es fertig gemacht.", wiederholte sie noch einmal mit einem Lachen.
Dann schloss sie die Tür hinter sich und brach zusammen. Sie hatte Nick noch nie so gesehen. Sein Oberkörper war mit Narben übersäht.
Sie hörte, wie er das Wasser ausstellte, also wischte sie sich die Tränen ab und stand auf.
Er durfte nicht sehen, dass sie weinte.
Es würde ihm nur wehtun. Und vor allem ihr.
