Es geht weiter mit dem zweiten Teil.
Danna - II
Ein scharfer Laut ertönte, als die Saite riss.
Tetsu hielt mitten in seiner Erzählung inne und starrte überrascht auf das Shamisen, dessen wohlklingende Stimme auf einmal so misstönend verstummt war. Dann sah er den roten Tropfen auf den weißen Kimono fallen und erschrak.
„Saya, hast du dir wehgetan?", fragte er und krabbelte zu ihr herüber.
Wie betäubt betrachtete Saya die haarfeine Wunde an ihrem Finger, aus der langsam, wie im Traum, noch mehr Rot hervorquoll. Sie musste an ihn denken, unwillkürlich, vielleicht seiner Augen wegen, und leugnete es sofort.
„Zeig mal her", forderte Tetsu, ohne ihre Geistesabwesenheit zu bemerken, und zog ihre Hand an sich. Seine Berührung trieb ihr Wärme in die Wangen, jedes Mal, immer noch, und die unliebsame Erinnerung zerstob unter dem Aufwallen ihrer Gefühle. Verlegen wollte sie Tetsu ihre Finger wieder entziehen, aber er hatte sich bereits in tiefster Konzentration darüber gebeugt. Nachdenklich gab er ein lang gezogenes „Hm" von sich, setzte eine Miene auf, die er sich wohl von Susumu abgeguckt hatte, und äußerte dann gewichtig: „Also, für so nen kleinen Kratzer blutet es doch verdammt viel…"
Saya musste kichern und jeder Schmerz verflog. Immer noch mit leicht gerötetem Gesicht ließ sie zu, dass Tetsu ihren Finger ungeschickt verband, mit einem Streifen seines Ärmels. Er war ihr nah, sehr nah, sie meinte, seine borstigen Haarsträhnen kitzelnd an ihrer Stirn zu fühlen, und eine tiefe weiche Sicherheit breitete sich in ihrer Brust aus: dies war er, ihr einzig Wahrer, und dies war Liebe. Dieses Gefühl würde sie beschützen, mit all ihrer Kraft.
Als Tetsu aufsah, war auch sein Gesicht rot; er wagte nur einen kurzen Blick in Sayas dunkle Augen und wandte sich dann schnell ab, manchmal immer noch so schüchtern und unbeholfen wie das Kind, aus dem er stetig herauswuchs.
„Tut es weh?", fragte er sie murmelnd.
Saya schüttelte den Kopf und wünschte sich, das Geheimnis wäre nicht da, dieser dunkle Fleck, der auf ihrem Tag lag und den sie nicht mit Tetsu teilen konnte, mit niemandem, obwohl er beständig über ihren Gedanken schwebte und selbst ihre Träume vereinnahmte.
Es war besser so, sagte sie sich nachdrücklich, während sie Tetsu mit einem Lächeln bedeutete, mit seiner Geschichte fortzufahren. Er, froh über eine Ablenkung, machte sich wieder mit großen Gesten an die Schilderung seines ruhmvollen Kampfes gegen Saizo das Schwein.
Sie lachte und vergaß den kleinen roten Fleck auf dem schneeweißen Stoff.
Suzu deutete auf Sayas Hand. „Was ist das?"
Eilig zog sie die Hand wieder unter den Ärmel ihres Kimonos zurück, lächelte und schüttelte den Kopf. Eigentlich hatte sie Tetsus Verband abnehmen wollen, bevor sie hergekommen war, aber dann hatte sie es doch nicht über sich bringen können. Die Erinnerung an den kurzen Augenblick süßer Nähe glühte in dem Stoffteil wie ein unsichtbarer Funke.
Es war schwer zu sagen, was Suzu dachte, aber sein starrer Blick ruhte einen Moment länger auf Sayas Gesicht, als es ihr lieb war. Wieder stieg ihr Farbe in die Wangen und sie musste verlegen zu Boden sehen. Obwohl sie ihn so nicht mehr sah, spürte sie das Lächeln dennoch, das seine Mundwinkel verzog.
„Das war Tetsu, oder?" Wie immer, wenn er diesen Namen aussprach, war Suzus Tonfall eine schwer zu bestimmende Mischung aus verborgenen Gefühlen, die ineinander glitten wie Wasser und Blut. Verstohlen blickte Saya auf. Seine Augen gaben keinerlei Aufschluss, trügerisch ruhig, dieses in sich verschlossene Rot. Sie hatte das Gefühl, er könne durch sie hindurch sehen.
Da es keinen Sinn hatte zu leugnen, neigte sie den Kopf, klopfenden Herzens. Sie verstand es nicht, dieses törichte Gefühl von Angst, das sie in Suzus Gegenwart befiel – er mochte sich verändert haben, aber er war immer noch ein Freund, und noch dazu einer, dem sie sehr dankbar sein musste.
Er hatte ihr nie erklärt, weshalb er das tat. Er schien es nicht für nötig zu halten. Vom ersten Moment an hatte er sich ihr gegenüber bloß freundlich und zuvorkommend gezeigt. Fast, als hätte sich in der Zwischenzeit nichts verändert. Als gäbe es nur ein paar Gespräche unter Freunden nachzuholen.
Nie hatte er auch nur einen Finger an sie gelegt.
„Zeig doch mal."
Aber Suzu hatte sich verändert. Niemals zuvor hatte Saya ihn so sprechen hören, so gelassen und selbstbewusst, jemand, der seinen Platz in der Welt ganz genau kannte. Er gab nicht einmal Befehle, er stellte bloß nicht in Frage, dass sie das tun würde, was er sagte. Und Saya dachte auch nicht einmal daran.
Gehorsam streckte sie ihre Hand aus. Einen Moment lang dachte sie, er würde sie berühren, und fragte sich zugleich neugierig aber auch ängstlich, wie sich seine Haut anfühlen mochte. Aber Suzu betrachtete sie bloß, wie er immer alles musterte, seinen Kopf am angewinkelten Arm abgestützt, unter träge herabgesenkten Augenlidern hervor.
Die Farbe war das erste gewesen, was ihr an ihm aufgefallen war – ehemals ein sanftes Braun, das all seine Gedanken und Gefühle offenbart hatte, all seine Unsicherheit, Tetsu so ähnlich. Jetzt machte der rote Schimmer alles fremd und unnahbar. Hinter solchen Augen konnte sich alles verbergen. Hatte sie deshalb Angst? Aber was sollte es für einen Grund geben, Angst zu haben?
Als seine Neugierde befriedigt schien, schaute er wieder zu ihr auf. „Hast du ihm von mir erzählt?", erkundigte er sich in jenem gelassenen Ton, den nichts überraschen konnte.
Saya schüttelte den Kopf und spürte wieder den Stich in ihrer Brust. Nach kurzem Zögern zog sie das Schreibzeug heran, dass Suzu ihr geschenkt hatte – geschenkt, ohne es je ausdrücklich zu sagen; mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der er für Sayas Besuche bezahlte. Der zart geschwungene Füller, eine Kuriosität aus dem Ausland, lag noch fremd, aber schmeichelnd in ihren Fingern. Sorgsam setzte Saya einige Schriftzeichen nieder und schob dann Suzu das Papier hin.
Er las aufmerksam. „Ich dachte, wir hätten bereits darüber gesprochen, Saya." Ihr Name aus seinem Mund machte sie schaudern – er gab ihr das Gefühl, eine erwachsene Frau zu sein. Jemand, den er ernst nahm.
Sie neigte wieder kurz den Kopf, ergänzte das Geschriebene jedoch um einige weitere Worte.
‚Er würde sich sicherlich freuen, von dir zu hören.'
Das Lächeln kräuselte wieder seine Mundwinkel, geheimer Spott, vielleicht über sie, vielleicht über sich selbst. „Da wäre ich mir nicht so sicher", meinte er, erklärte diese Äußerung jedoch nicht. Stattdessen sah er Saya direkt an, schien sie abzuwägen. Sie wusste nicht, zu welchem Schluss er kam, aber als er weiter sprach, klang es völlig beiläufig: „Niemand soll davon erfahren, dass du mich triffst. Auch Tetsu nicht. Ich möchte es so." Sanft glomm sich sein Blick in ihren. „Ist das in Ordnung für dich, Saya?"
Wie konnte es das nicht sein? Saya verbeugte sich; flüchtig fragte sie sich, ob es die Geste einer Dienerin gegenüber ihrem Herrn war.
Suzu schien mit ihrer Antwort zufrieden. Er reckte sich, mit dieser fließenden Bewegung, die sie heimlich an ihm bewunderte. Wie eine seiner Katzen, diese unheimlich schönen Geschöpfe, die ihm überallhin zu folgen schienen.
Auch jetzt hatten sich zwei von ihnen zu seinen Füßen zusammengerollt. Eine schaute träge auf, als sie seine Bewegung spürte, und ließ den Kopf dann wieder auf die weichen Pfoten sinken. Saya hatte sich schon an den Anblick gewöhnt, schwarzes Fell an brauner Haut; es schien ein seltsam harmonisches Bild. Wie in einem verwunschenen Traum.
Da der kleine Diskurs am Ende angelangt war, füllte Saya den kleinen Moment des Schweigens, indem sie Suzu mit einer geübten Geste Tee nachgoss. Er beobachtete den dunklen Strahl nachdenklich, nahm dann die Schale an sich und tippte gleichzeitig mit einem schwarz lackierten Fingernagel sacht auf das Schreibpapier. Saya verstand. Behutsam schraubte sie den Füller wieder auf, zog ein Blatt Löschpapier heran und neigte sich darüber.
Eine Zeitlang war nichts zu hören, bis auf das leise Kratzen des Stifts. Suzu nippte an seiner Schale. Manchmal streckte er seine andere Hand aus, um eine der Katzen zu kraulen und ihr ein weiches Schnurren zu entlocken.
„Waaas, sie ist schon wieder nicht da?"
Tetsus schnatternde Stimme veranlasste Hana, ihm hastig einen seidenen Ärmel auf den Mund zu drücken, um ihn zum Schweigen zu bringen. Die Hausmutter tolerierte zwar seine regelmäßigen Besuche, würde aber nicht sehr gnädig reagieren, wenn er die besinnliche Atmosphäre des Hauses und die Gäste darin störte.
„Ich habe es dir doch schon mal gesagt", zischte Hana, während sie nervös über die Schulter schaute, „Saya ist zur Zeit viel unterwegs, das gehört zu unserer Ausbildung dazu!"
„Aber ich sehe sie kaum noch!", klagte Tetsu. Es kam gedämpft durch den schillernden Stoff hindurch.
„Ich richte ihr aus, dass du hier warst." Mit entschiedener Geste drängte Hana den Sturkopf hinaus, ohne ihm noch groß zuzuhören. Tetsu fand sich erstaunlich schnell auf der Straße wieder, umgeben vom üblichen Lärm, der im lebhaften Viertel herrschte.
Bevor sie wieder hinter der Tür verschwand, zögerte Hana kurz. Ein Ausdruck wie Mitleid huschte schnell über ihr Gesicht und sie flüsterte rau: „Es tut mir leid." Dann war sie weg.
Tetsu war beunruhigt. Es war bereits das vierte Mal in Folge, dass er Saya nicht zu sehen bekam, und das ohne triftigen Grund. Hana wich direkten Fragen immer aus und er wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihm etwas verschwieg. Einmal hatte sie ihm patzig entgegen gehalten, dass es ihn schlicht und einfach nichts anginge.
Tetsu sah das anders. Wenn es etwas war, das Saya betraf, dann ging es ihn immer etwas an. Aber anscheinend war er der einzige, der es so empfand.
„Na schön", murmelte er vor sich hin und bedachte die geschlossene Tür mit einem finsteren Blick. „Es wird wohl Zeit, das hier auf meine Art anzupacken!"
Da er viel zu beschäftigt damit war, Pläne zu schmieden, bemerkte er den schwarzen Schatten nicht, der ihn vom Dach aus beobachtete. Als er Pläne schmiedend zurück ins Hauptquartier abzog, trugen lautlose Pfoten die Nachricht von seinem Tun weiter.
Hana sah sie stirnrunzelnd an.
„Ich weiß nicht, wie lange ich es ihm noch verheimlichen kann", machte sie klar. „Er ist zwar kein sonderlich heller Kopf, aber so langsam wird selbst er misstrauisch. Du musst es ihm sagen, Saya."
Saya presste die Lippen zusammen und sah zu Boden. Sie wusste, dass Hana Recht hatte. Und sie hasste es, Tetsu zu belügen. Aber Suzus Worte erklangen klar und deutlich in ihrem Kopf. Sein abschätzender Blick hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt, er verfolgte sie nachts, wenn sie schlaflos zur Decke starrte. Das vage Gefühl der Gefahr ließ sich nicht ignorieren.
Sie durfte es nicht sagen. Niemandem.
Hana schüttelte den Kopf. „Ich verstehe dich nicht, Saya. Schön und gut, dass du seine Gefühle schonen willst, aber… Es ist passiert, was passieren musste. Du bist nun mal, was du bist, und das kannst du nicht für immer vor ihm verbergen."
Saya regte sich immer noch nicht. Sie wagte es nicht in Hanas Gesicht zu sehen, aus Angst, die Freundin würde die Lüge sofort durchschauen. Nicht einmal Hana wusste, dass eben nicht das passiert war, was hätte passieren müssen.
Suzu redete nie über dieses Thema, aber seltsamerweise schien er ganz genau zu verstehen, welchen Widerwillen sie dabei verspürte, bei der bloßen Vorstellung im Bett eines fremden Mannes zu liegen. Also erachtete er es einfach als selbstverständlich, ihr das zu ersparen, auch wenn es ihm mehr Geld kosten musste, als sie es sich vorstellen konnte. Und sie nahm die Möglichkeit auch nur allzu dankbar an nicht mehr darüber nachdenken zu müssen.
Plötzlich drang Hanas Stimme in ihre Überlegungen. „Oder ist es etwas anderes…? Verstehst du dich etwa so gut mit deinem Danna, dass du Tetsu dafür aufgeben willst?"
Erschrocken blickte Saya auf. Die Frage traf sie unerwartet. Ihre Finger verkrampften sich, sehnten sich nach einer Möglichkeit ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen. Gleichzeitig musste sie aber ein Lachen unterdrücken, das in ihr aufstieg. Allein die Vorstellung war lächerlich und absurd… es war nicht so mit Suzu, das würde es niemals sein. Konnte es nicht sein. Sie wollte es Hana erklären, ihr alles beteuern – aber ihre Finger blieben stumm.
„Ich möchte es so."
Er hatte so viel für sie getan.
Das einzige, was ihr blieb, war Schweigen. Und Hana ging irgendwann, beleidigt, verwirrt, ahnungslos.
In dieser Nacht fragte sich Saya, wie es dazu gekommen war, dass der Wille eines Freundes die Worte wirkungsvoller in ihr versiegelte als ihre Lippen.
Vielleicht, weil sie einfach keine mehr übrig hatte. Vielleicht wollte er tatsächlich alles für sich beanspruchen, was sie zu geben hatte.
Erzählen. Das war es, was Suzu von ihr verlangte, als einziges, wenn er sie zu sich rief – sie solle ihm erzählen. Was, spielte keine Rolle. In den ersten Tagen hatte er sie noch ausgefragt, darüber, was sie in der Zwischenzeit getan hatte, was neu in ihrem Leben war, was alt. Saya hatte keine Ahnung, worauf sich seine Neugierde richtete, und erzählte ihm einfach alles, was ihr einfiel, jedes mal in der Erwartung, er würde sich gelangweilt abwenden. Aber das passierte nie. Es schien nichts zu geben, was er nicht wissen wollte. Bald stellte er keine Fragen mehr, sondern wollte einfach nur hören – natürlich ein unpassendes Wort, hören, ein falsches, aber vielleicht passte es doch.
Saya dachte oft darüber nach. Zu sagen, Suzu würde sich für etwas interessieren, wäre zu viel. Es gab nichts bestimmtes, das seine Aufmerksamkeit gefesselt hätte. Er las ihre Schilderungen alltäglicher Ereignisse mit derselben nichts sagenden Miene, mit der er alle Angelegenheiten erledigte, und eine unfassbare Distanz legte sich zwischen ihn und die Außenwelt.
Manchmal, wenn sie mit ihm ‚redete', konnte sich Saya einreden, dass sich nichts verändert hatte. Verschoben, gewiss – erwachsen geworden, waren sie das nicht alle? Sie selbst, Hana, selbst Tetsu – warum dann nicht auch Suzu? Vielleicht beobachtete er sie jetzt etwas schärfer und seine Fragen waren alle eingehüllt von einer täuschenden Lässigkeit, Trägheit, wie die eines großen Raubtiers – aber es war Zeit vergangen. Es war normal, dass sich Menschen änderten. Konnte da nicht auch er aus seiner Gestalt hinausgewachsen sein, einen Schritt auf dem Wege des Erwachsenenwerdens zurückgelegt haben, den sie bloß nicht gesehen hatte?
Dann beobachtete sie wieder, wie das Grinsen auf seinem Gesicht aufflackerte, gespenstisch, unheilvoll, hineingemeißelt in eine Tierfratze, und alle Illusionen verflogen.
Warum also das Ganze? Warum diese ruhigen Stunden, abgeschieden vom Rest der Welt? Wozu diese heuchlerische Erinnerung an die Vergangenheit – wo doch die Gegenwart tot und verlassen in seinen Augen brannte?
Saya wusste auf diese Fragen keine Antwort. Aber sie kam Tag für Tag in diese stillen Kammern, umgeben von ausdruckslosen starren Tieraugen, und erzählte. Vielleicht war es bloß Einbildung, aber… trotz aller Distanz und Fremdheit schienen ihre stummen Worte Suzu zu erreichen. Auch wenn er nicht anders darauf reagieren konnte als mit demselben in sich verschlossenen Lächeln.
Und Tetsu dafür zu belügen… war das Mindeste, was sie tun konnte, um Suzu ihre Dankbarkeit zu zeigen, für alles, was er für sie tat.
Zumindest redete sie sich das ein, um einschlafen zu können.
Im nächsten Teil - das Finale!
