Danna - III
An diesem Tag war der Himmel voller Wolken. Saya schaute zu ihnen auf und spürte, wie sich diese Rastlosigkeit und Unruhe in ihrem Herzen wieder fanden. Sie wünschte sich, dass der Regen endlich durchbrechen würde.
„Was ist los?"
Saya zuckte zusammen, als die Frage in ihre Gedanken einschnitt. Sie drehte den Kopf herum, weg von der unheilvollen Aussicht, und lächelte bemüht heiter. Suzu betrachtete sie, wie er eine seiner Katzenstatuetten mustern würde, abwartend und gedankenverloren.
„Es sieht tatsächlich nach Regen aus", meinte er dann. „Aber keine Sorge, ich bringe dich bis vor die Haustür."
Sie neigte den Kopf in angemessener Dankbarkeit und atmete tief durch. Schon den ganzen Tag über war sie nervös und konnte nicht mal einen Grund dafür nennen. Suzu hatte es natürlich gemerkt, war jedoch nicht weiter darauf eingegangen. Allerdings fand sie sein Lächeln noch beunruhigender als sonst, und als er ihr sagte, dass er sie in seiner Sänfte zurück nach Shimabara bringen würde, hätte sie beinahe abgelehnt. Aber natürlich handelte es sich weder um einen Vorschlag noch um ein Angebot.
Suzu saß nun neben ihr, während die Sänfte sanft schaukelnd durch die Straßen getragen wurde. Er trug eines seiner formellen Gewänder, prunkvoll und elegant, wie es sich für einen Sohn aus vornehmem Hause gebührte. Saya fand es immer noch erstaunlich, wie perfekt er in diese Rolle geschlüpft war, die so gar nicht zu seinem vorherigen Ich passen wollte. Aber seine Hände ruhten formvollendet auf den samtbedeckten Knien, der Stoff fiel in akkuraten Falten von seinen schmalen Schultern und die verzierte Haube auf seinem Kopf schwankte nicht einmal, wenn er nach draußen sah. Sein Auftreten war vollkommen.
Es bereitete ihr Schmerzen, ihn so zu sehen. Es rief ihr ins Bewusstsein, dass sie selbst ebenso in diesen Gewändern und diesem Verhalten gefangen war, wie ein Zuchtvogel in einem funkelnden Käfig. Bloß, dass dieser Zuchtvogel nicht einmal seine Stimme erheben konnte.
Saya dachte an den Tag, als Tetsu und sie am Fluss gewesen waren, er völlig frei und hemmungslos, leuchtend in seiner Begeisterung, seine Augen, die Sonne. In diesem Augenblick sehnte sie sich mehr denn je nach ihm und seiner Gegenwart.
„Wir sind da", äußerte Suzu. Sie blickte nach draußen, auf die Lampen von Shimabara, und wusste, dass das hier, was Suzu ihr unter seinem Schutz gewährte, das einzige war, was sie je an Freiheit bekommen würde.
Als er ihr aus der Sänfte steigen half und sie seine flüchtige Berührung fühlte, fragte sie sich unwillkürlich, was denn mit ihm und seiner Freiheit sei. Woher hatte er diese Selbstsicherheit, die jede seiner Gesten ausdrückte? Wofür lebte er? Hatte er in seinem Gefängnis etwas gefunden, das er selbst bestimmen konnte?
Suzu merkte, dass sie ihn ansah, und seine Mundwinkel verzogen sich nach oben, ein erschreckend künstlicher Ausdruck. In diesem Moment fasste sie einen Entschluss. Sie würde ihn fragen. Gleich morgen. Ohne Furcht und Zweifel. Ja, sie wollte es wissen. Sie wollte mehr über diesen Menschen erfahren, der ihr so fremd und doch so ähnlich war. Vielleicht – vielleicht konnte sie mit ihm das teilen, was Tetsu ihr mit seinem Lächeln geschenkt hatte…
„He! Lass die Finger von ihr!"
Der Ruf ließ Saya zusammenschrecken. Sie wusste sofort, wem die Stimme gehörte, und ihr Herz wurde leicht und froh – ihn endlich, endlich wieder zu sehen… Aber sofort wurde ihr klar, was das bedeutete, und alle Farbe floh ihren Wangen.
Tetsu war aus seinem Versteck hervorgestürmt und stand nun auf dem breiten Kieselweg direkt gegenüber der Sänfte. Seine Augen blitzten zornig, der rote Haarzopf stand zu Berge wie bei einem aufgescheuchten Stachelschwein.
„Hörst du schlecht?", rief er verärgert. „Fass sie bloß nicht noch mal an, Protzkopf!... Saya, komm her, ich beschütze dich!"
Saya erbebte am ganzen Körper. Er wusste nicht… konnte nicht… sie musste ihm erklären… Aber ihre betäubten Gedanken blieben stumm. Hilflos sah sie zu Suzu.
Er hatte sich nicht gerührt. Im Gegensatz zu ihr schien er absolut nicht überrascht von diesem Auftritt zu sein. Keine Falte erzitterte. Und dann beobachtete Saya erstarrt, wie sich im Schatten seines Gesichts ein Grinsen ausbreitete… er drehte sich herum und sah Tetsu direkt an.
Mit dem schleichend sanften Tonfall: „Lange nicht gesehen, Tetsu."
Die Veränderung, die Tetsus Gesicht ergriff, war verheerend. Der rechtschaffene Zorn verschwand und ließ seine Züge leer und schlaff zurück, die Augen weit und von einem Entsetzen erfüllt, dessen Ausmaße Saya erschreckten. Sein Blick sog sich an Suzu fest, als hätte der Rest der Welt soeben aufgehört zu existieren.
Seine Lippen formten zaghaft Silben: „Su…zu?"
Suzu schien sich an dieser Reaktion förmlich zu weiden, seine Stimme triefte vor verstecktem Hohn. „Das ist aber kein sehr freundlicher Empfang, Tetsu. ‚Protzkopf' könnte man leicht als beleidigende Äußerung auffassen…" Seine Augen glommen rot. Saya war fasziniert davon, wie vom kalten Starren einer Schlange. So hatte sie ihn noch nicht gesehen. Es war, als wäre all das Dunkle, Verzerrte, was sie bisher in ihm nur geahnt hatte, auf einmal ans Tageslicht getreten.
Da vertiefte sich plötzlich sein Grinsen wie über einen geheimen Scherz. „Und das", fügte er tückisch hinzu, „wo ich doch die süße Saya bis hierher mitgenommen haben, damit sie nicht nass wird…"
Tetsus Blick flackerte; diese Bemerkung riss ihn aus seiner ganz persönlichen Fassungslosigkeit, zurück in die Realität. Saya sah ihm an, wie er blitzartig die Situation erfasste – Suzu, das Schwert an seiner Seite, sie selbst, kaum eine Armlänge von ihm entfernt, und den Hass in Suzus Augen…
Ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Aufschrei – nein, nicht, du verstehst das falsch, bitte -, aber da hatte Tetsu bereits seine beiden Schwerter gezogen und rannte auf Suzu zu, Verzweiflung und bittere Entschlossenheit in seinen Augen.
Saya beobachtete alles wie in Zeitlupe – Suzu schien alle Zeit der Welt zu haben, sein eigenes Schwert in einer flüssigen Bewegung aus der Scheide zu ziehen, immer noch dieselbe Fratze zur Schau tragend, wie eine Dämonenmaske aus einem Schauspiel – während sie hinter sich aufgeregte Stimmen hörte und die Sänftenträger nach Hilfe riefen – aber schon trafen die beiden Klingen aufeinander und schrammten aneinander entlang , hässlich kreischend und im Schein der unzähligen Laternen aufblitzend – die Blicke der beiden Gegner immer fest ineinander verschränkt, aber stumm, ebenso wie Saya ohne Worte, da es keine Worte gab, die irgendetwas wieder gutmachen konnten.
Es war bloß ein kurzer Schlagabtausch, aber Saya kam es vor wie eine Ewigkeit. Noch nie im Leben hatte sie solche Angst gehabt. Und sie hätte nicht einmal sagen können, um wen.
Dann war es vorbei. Die Schwerter lösten sich voneinander, mit einem festen Versprechen nach mehr, und ließen Stille zurück, nur durchbrochen vom hastigen Atem der beiden Kontrahenten. Suzus schwerer Yukata lag auf dem Boden, zusammen mit der kostbaren Haube, so dass seine braunen Arme enthüllt wurden und die weißen Haare frei schwangen. Zum ersten Mal, seit Saya ihn wieder getroffen hatte, erblickte sie seine wilde, ungebändigte Gestalt. Er legte den Kopf in den Nacken, endlich unbelastet, und lachte.
„Du hast dich überhaupt nicht verändert, Tetsu!" Seine heisere Stimme war fast schon ein Zischen. „Ich habe gewartet und gewartet – aber ich habe gelernt, geduldig zu sein. Du sollst noch leben. Oh ja." Ruckartig schob er sein Schwert in die Scheide zurück. Tetsu starrte ihn gebannt an, als wolle er sich den Anblick für immer ins Gedächtnis einbrennen.
„Meister!" Einer der Männer aus seinem Gefolge näherte sich Suzu ehrerbietig. „Ist mit Euch alles in Ordnung? Sollen wir diesen Mann festnehmen lassen?"
Suzu streifte ihn kurz mit einem gleichgültigen Blick. „Ich wünsche zum Anwesen zurückzukehren", sagte er bloß und wandte sich ab. Die anderen Schaulustigen, die der kurze Kampf angelockt hatte, wichen vor seinem kalten Starren zurück. Tetsu stand immer noch da wie versteinert.
Als Suzu an ihr vorbei zur Sänfte schritt, konnte sich Saya immer noch nicht rühren. All ihre Glieder schienen kalt und taub, ihr Kopf war völlig leer. Suzu blieb kurz bei ihr stehen und sah in ihr Gesicht. Ergeben und auf alles vorbereitet erwiderte sie seinen Blick.
„Es ist nicht die Stummheit, die Menschen daran hindert miteinander zu reden", sagte er leise. „Es ist ihre eigene Dummheit."
Saya fühlte die Worte wie ein Urteil. Sie senkte den Kopf und hörte nur noch, wie er in die Sänfte stieg und diese sich in Bewegung setzte. Ihr war, als könne sie gleichzeitig die Tür des Vogelkäfigs zufallen hören.
Als Tetsu sie ansprach, schüttelte sie bloß den Kopf und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Der erste Regentropfen fiel zu Boden.
Nachdem Suzu wieder auf dem Anwesen angekommen war, zog er sich in seine Räumlichkeiten zurück und schickte seine Diener weg. Tsumuri und Nazuki kamen ihm entgegen und schmiegten ihre Köpfe in seine Hände, stumme Schatten mit ausdruckslosen Augen, aber warm und zutraulich unter seinen Fingern. Er kraulte sie geistesabwesend, während er all die schweren Stoffe von sich abwarf wie eine lästige Hülle und dorthin schritt, wo sein Heiligtum aufgebahrt lag.
Vor dem schwarzen Schädel kniete er nieder und sah in die leeren Augenhöhlen.
„Sie hat ihm tatsächlich nichts erzählt", meinte er, als würde er ein altes Gespräch fortsetzen. „Ebenso wie er ihr verschwiegen hat, was zwischen uns vorgefallen ist. Und das alles bloß, weil sie einander zu beschützen vorgeben!" Sein abruptes Lachen scheuchte Nazuki auf; sie schüttelte sich und ein zarter Glockenlaut erklang.
Suzu nahm den Schädel in die Arme, die kalten Gebeine schmiegten sich an seine Haut. „Keine Sorge, Meister", flüsterte er. „Ich habe nicht nur aus Spaß mit ihnen gespielt – er wird leiden. Wenn er erst herausfindet, dass er durch seine Einmischung ihre einzige Möglichkeit zerstört hat, ihrem Schicksal zu entkommen… und begreift, dass er nichts dagegen tun kann, dass sie zu dem wird, was sie werden muss."
Ein Rascheln ließ ihn aufblicken. Tsumuri hatte irgendwoher ein Blatt Papier hervorgekramt und spielte nun damit. Zwischen ihren kleinen Händen konnte Suzu die ordentlichen Schriftzeichen Sayas erkennen. Sein Blick ruhte eine Zeitlang darauf, schwer und voller Gedanken, die er nicht einmal mit dem Toten teilte.
„Es ist töricht zu schweigen", sagte er schließlich. „Aber das macht es einfacher."
Seine Hand nahm wieder das langsame Streicheln des Schädels auf.
„Er wird leiden."
ENDE
...Eigentlich ist dies weniger das Ende als vielmehr der Beginn - zumindest für Sayas und Tetsus Geschichte in diesem Kontext. Aber da es mir von Anfang an darum ging, Suzu in dieser Konstellation zu präsentieren, schließt diese FF hier. Sie ist erheblich länger geworden, als ich angenommen hatte, und der letzte Teil scheint mir nicht wirklich gelungen... aber es ist ein gutes Gefühl, "Ende" darunter zu setzen
Es tut mir leid, wenn die Leser hier mit mehr Action gerechnet haben - ich bin schon immer eher der reflexive Typ Schreiber gewesen, daher ging es eher um die Entwicklung bestimmter Motive. Die Frage, die ich persönlich am spannendsten finde, ist die der Beziehung zwischen Suzu und Saya. Ich muss sagen, nachdem ich heute morgen wieder durch Kurogane geblättert habe (um die Namen der Katzenmädels herauszufinden '''), ist mir aufgefallen, dass ich Suzu wohl ziemlich beschönigt habe. Der grausamen Wahrheit bin ich anscheinend doch nicht gewachsen T-T Es ärgert mich, dass ich ihn nun doch noch ziemlich OOC dargestellt habe, aber anders wäre diese FF wohl nicht zustande gekommen.
Ich würde mich sehr über Kommentare und Meinungen freuen - besonders auch über Vermutungen, die ihr beim Lesen über den Ausgang des Ganzen hattet Vielen Dank fürs Lesen!
