Sie muss rennen, so schnell wie möglich rennen! Aber nur einige Meter hinter ihr hört sie das schleifende Geräusch von Julius Schritten, die durch seine Kopfverletzung seltsam unkoordiniert sind, beinahe so, als wäre er betrunken Achterbahn gefahren. Trotzdem ist der Agent schnell genug, um seiner kleinen Schwester dicht auf den Fersen zu sein. Sie hat nur eine Chance: Sich verstecken! Die Akademie ist riesig, aber Julius kennt all ihre geheimen Gänge und Räume. Was soll Dominique also tun? Immer wieder verflucht sie Tibor, der sie erst in diese ganze Situation gebracht hat und trotz Scarletts Drohungen das Weite gesucht hat, während das Mädchen dem Bruder eine Gute-Nacht-Geschichte zum Einschlafen vorgelesen hat. Verstehen kann sie es ja, aber trotzdem...

Entsetzt muss Dominique feststellen, wo sie gerade hingerannt ist: Letzter Flur der Schlafräume, Sackgasse. Die Türen sind abgeschlossen, es gibt nun keine Hoffnung mehr.

"Oh Schwesterchen, wo bist du?" Julius Rufe erinnern sie an einen schlechten Horror-Film, den sie vor langer Zeit einmal gesehen hat. Dort wurde das Opfer durch die Villa eines Psychopathen gejagt, bis es schließlich hinterrückts erstochen wurde. Und genau diesem Psychopathen würde Dominique jetzt mit Freuden in den Armen springen, wenn sie dadurch ihrem summenden Bruder entkommen könnte. Plötzlich greift eine Hand sie von hinten und drückt ihr den Mund zu, als eine starke Person sie in eines de Zimmer zieht. Das Mädchen versucht sich mit allen Mitteln zu wehren, aber gegen den starken Griff hat sie keine Chance. Sie wird durch das dunkle Zimmer in einen Schrank gezogen, dann endlich lässt die Person sie los.

"Wenn du jetzt schreist werfe ich dich aus dem Fenster. Was machst du hier, solltest du nicht auf Julius aufpassen?" Tibors Vorwurf lässt Dominique nur bedingt schuldig fühlen. "DU hast MICH im Stich gelassen, schon vergessen? Na warte wenn ich das Scarlett erzähle! Und Moment mal: ist das nicht Max Zimmer? Wie bist du hier reingekommen? Er wird dich umbringen wenn..."

"Vergiss eins nicht, Schwesterherz", presst Tibor hervor, während er wieder ihren Mund mit seiner Hand verschließt, "Du steckst genauso tief drin wie ich. Und wie ich hier rein gekommen bin bleibt Berufsgeheimnis." Wenn Tibor "Berufsgeheimnis" sagt meint er in neun von zehn Fällen Methoden, für die ein Normalsterblicher einen unbfristeten Aufenthalt in einem Knast kassieren würde. Für Dominique ist es jetzt ratsam, nicht weiter danach zu fragen. "Ok, aber was machen wir jetzt?" Sie flüstert, während sie nach verdächtigen Geräuschen draußen lauscht. "Ich meine wir können Julius unmöglich weiter so rumlaufen lassen, was wenn er sich oder andere verletzt? Und viel schlimmer noch: Es gibt gleich Abendessen und ich glaube kaum, dass wir uns etwas in Maximilians Kleiderschrank liefern lassen können." Es gefällt Tibor nicht, aber damit hat sie ausnahmsweise Recht. Außerdem wird es zwischen Max ganzen Anzügen langsam unangenehm heiß, eng und stickig. "Uns bleibt nur eins übrig: Wir müssen ihn ablenken."

Oh nein. Was "wir" bedeutet weiß Dominique nur zu gut: Wir müssen mein Auto waschen. Wir müssen die Kantine aufräumen. Wir müssen die großen Wachhunde ablenken. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz bei Tibor zu sein, dass ein "wir" in einem solchen Falle grundsätzlich nur Dominique bedeutet.

"Das kannst du nicht von mir verlangen, Tibor! Julius ist immer noch dein Bruder!"

"Falls ich dich daran erinnern darf: Er ist auch dein Bruder."

"Das ist nicht fair!", jammert Dominique, "Ich bin noch ein totaler Azubi in diesem Geschwister-Ding, und du bist hier der Superagent. Wie soll ich armes kleines Ding einen Agenten wie Julius ablenken?"

Selbst ihr Dackel-Blick funktioniert nicht, aber Tibor scheint sowieso gegen diese immun zu sein. "Tja, Opfer müssen leider gebracht werden. Sieh es einfach als Training."

Ein kalter Schauer läuft Dominique den Rücken runter, als er sie noch einmal anlächelt. Er wird sie doch nicht wirklich...? Aber bevor er sie aus den Schrank werfen kann, hören sie schon draußen Julius, der immer noch beängstigend gut gelaunt zu sein scheint.

"Oh Brüderchen, Schwesterchen wo seid ihr? Ich will mit euch spielen!" Seine Geschwister werfen sich gegenseitig einen vielsagenden Blick zu, keiner hat jemals zuvor in den Augen des anderen so viel Panik gesehen. Sobald dies alles vorbei ist wird keiner der beiden in der Lage sein, nachts ruhig zu schlafen.

"Och kommt schon, wo seid ihr denn? Ich tu euch doch nichts, ihr braucht euch nicht zu verstecken." Sie hören, wie die Tür zu Maximilians Zimer geöffnet wird. Dominique befürchtet, dass allein das Pochen ihres Herzens sie verraten könnte, und aus dem Augenwinkel sieht sie, dass es Tibor ähnlich zu ergehen scheint. Plötzlich bleibt Julius direkt vor dem Schrank stehen, wartet einige endlos erscheinende Sekunden, und setzt dann seinen Rundgang durch das Zimmer fort. "Kommt schon, wir wollen doch noch zusammen spielen, oder? Wo sind denn meine beiden Geschwisterchen?" Er geht wieder zurück zur Tür, nur um völlig unvermittelt die Richtung zu ändern und mit einem lauten "Brüderchen!" blitzschnell die Schranktür aufzureißen.

Tibor hat in seinem Leben viel durch gemacht, wurde mehrfach angeschossen und gefoltert, und noch nie hat er geschrieen.

Bis jetzt. Aber welcher Mensch würde das nicht, wenn der kleine Bruder mit einer Platzwunde und einem Massenmörder-Grinsen vor einem in einem dunklen Zimmer steht? Dominique jedenfalls sieht so aus als würde sie jeden Augenblick in Ohnmacht fallen, was aber Julius keineswegs zu interessieren scheint.

"Jetzt können wir endlich spielen." Er grinst sie weiter an, während er versucht seine Geschwister aus den Schrank zu zerren. Sogar Tibor hat Mühe, sich dagegen zu wehren. Eines muss man Julius lassen: Er ist in den letzten Monaten um ein vielfaches stärker geworden. Zu seiner Überraschung muss er feststellen, dass seine kleine Schwester sich gar nicht die Mühe macht, sich aus Julius Griff zu befreien. Normalerweise kämpft sie in jeder auswegslosen Situation, aber jetzt muss Julius sie nicht einmal ziehen, damit sie läuft. Sitzt der Schock noch zu tief? Nein, den Gesichtsausdruck kennt Tibor, Dominique hat definitiv einen Plan.

"Du hast uns gefunden, Julius. Gut gemacht. Was wollen wir denn jetzt spielen?" Sie klingt, als wäre sie bei bester Laune. Ist sie jetzt etwa auch verrückt geworden? Julius ist auch überrascht über ihren Sinneswandel, lässt sich aber nicht irritieren. "Wie wäre es mit Mensch-ärgere-dich-nicht? Und anschließend eine Runde Maumau, Monopoly, Karaoke..." Bei den Wort Karaoke läuft Dominique ein kalter Schauer über den Rücken, sie zweifelt sehr an den Sangeskünsten ihrer Brüder. Aber sie lässt sich nichts anmerken und lächelt einfach weiter. "Das klingt doch gut, oder Tibor?" Anstelle zu antworten nickt er einfach nur heftig. Er weiß nicht was sie vor hat, aber er hofft inständig, dass ihr Plan gut ist. Julius scheint zufrieden über die neue Begeisterung und lässt auch ihn los, der gleich Dominique etwas zu flüstert. "Was hast du vor?"

Ratlos zieht sie die Schultern hoch, was Julius in seiner Freude nicht bemerkt. "Ich habe keine Ahnung, aber wir dürfen ihn nicht aufregen, schon vergessen? Wir müssen da jetzt durch, und ja: Ich würde mir auch lieber drei Zähne ohne Betäubung ziehen lassen ." Das heißt was, denn wie Tibor machen Zahnärzte sie nervös. Dieses beängstigende Gefühl, schutzlos ausgeliefert zu sein, während man ertragen muss, dassim Mund mit seltsamen Geräten hantiert wird. Gemeinsam gehen sie die Treppe hoch, genau jene schicksalshafte Treppe, die Julius einige Stunden zuvor herunter gestürzt ist. Der Blutfleck ist immer noch leicht zu sehen, was Tibor einen kleinen Stich verpasst. "Falls wir den heutigen Tag überleben sollten erinnere mch bitte daran, mich weniger mit Julius zu streiten, verstanden? Zumindest mit weniger Schlägereien." Große Worte für Tibor, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben seiner Geschwister so schwer wie möglich zu machen.

"Hast du was gesagt?" Julius dreht auf der Treppe um und starrt Tibor an, sein Grinsen ist verschwunden und ist einer unerkärlichen Sorge gewichen. Plötzlich wird alles schwarz...

"Tibor, antworte mir!" Etwas hartes trifft sein Gesicht, aber das sind nicht die einzigen Schmerzen, die der Agent spürt. Nach und nach merkt er, dass jeder Teil seines Körpers höllisch schmerzt, dann öffnet er die Augen.

"Julius..." Sein Bruder steht direkt über ihn, ein Lächeln kehrt auf sein Gesicht zurück. Ein erleichtertes Lächeln, kein Horrorfilm-Grinsen. Und noch etwas ist anders, nur kann Tibor nicht auf Anhieb sagen, was.

"Du hast Glück, Mann", erst jetzt hört er auch, dass Al da ist, "Dein Kopf ist härter als die Rocky Montains. Du bist noch am Leben."

"Ja, noch", fügt Julius hinzu, auch wenn er es nicht ganz ernst meint. "Seit wann bist du ein solcher Trottel und stürzt die Treppe runter? Du warst verflucht lange bewustlos."

Treppe? Jetzt weiß Tibor, was an seinem Bruder anders ist. Die Platzwunde ist verschwunden, sein Kopf ist völlig unversehrt. Also war es nicht Julius.

"Julius, zum Glück bist du da!" Er kann nicht anders, die Freude, seinen Bruder im Normalzustand zu sehen überwältigt ihn. Was allerdings nicht auf Gegenseitigkeit beruht. "Ähm Tibor was hast du genommen? Du machst mir gerade Angst..."