A/N: Thanks for your kind reviews! I've never imagined that you'll like my first try. First I've thought, it would be just a one chapter fanfic only. But Anne never does what she should. ;-) Thanks for reading. Enjoy!
Gilbert saß gebeugt über seinem Anatomiebuch. Er war so in Gedanken versunken, daß er gar nicht hörte, wie eine Kutsche vor seinem Haus hielt. Eigentlich sollte er sich auf seine Lektionen konzentrieren. Nächste Woche standen wieder Prüfungen an. Aber trotz seines Ehrgeizes und seiner Selbstdisziplin schweiften seine Gedanken immer wieder ab. Auch wenn er noch so sehr versuchte, nicht an sie zu denken, drängte sie sich immer wieder in sein Bewußtsein. Anne in einem langen dunkelgrünen Kleid, welches ihre Figur umschmeichelt und bei jeder Bewegung von ihr sich sanft bewegt. Anne beim Tanzen, wie ihr rotes Haar im Licht der Kronleuchter glänzt und ihre grau-grünen Augen strahlen. Annes glockenhelles Lachen, auch wenn es nicht ganz so fröhlich klang, als wenn sie zusammen mit ihm über etwas gelacht hatte. Aber vielleicht war das nur Wunschdenken und er bildete sich das ein. Anne am Arm dieses Roy Gardner… Er schüttelte heftig den Kopf. Nein, daran wollte er unter keinen Umständen denken! Vielleicht hätte er dem Drängen von Charlie und Moody doch nachgeben sollen und wäre mit zum Ball gegangen.
„Reiß dich zusammen, Gilbert Blythe und konzentrier dich!", dachte er und beugte sich wieder über seine Aufzeichnungen. Diesmal gelang es ihm tatsächlich bei der Sache zu bleiben und er war wieder so sehr in die Materie vertieft, daß er richtig zusammen schrak, als es plötzlich an der Tür klingelte. „Wer mag das um diese Zeit wohl sein?", dachte er. „Bestimmt haben Moody und Charlie wieder ihren Schlüssel vergessen". Kopfschüttelnd stand er auf und ging mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen zur Tür. Mit Schwung öffnete er die Tür und erstarrte ruckartig in seiner Bewegung. Da stand ausgerechnet von allen Menschen auf dieser Welt SIE vor seiner Tür. „A-Anne!" stammelte er.
Anne schlug das Herz bis zum Halse, als sich die Tür öffnete und ihr plötzlich Gilbert gegenüberstand. Er lächelte. Aber als er sie erblickte, gefror sein Lächeln auf seinen Lippen. Anne erschrak, als sie ihn ansah. Nicht nur, weil sein Lächeln bei ihrem Anblick erstarb. Sondern vielmehr, weil er so – ja, wie sah er aus? Abgekämpft? Verhärmt? Hoffnungslos? Deprimiert? Seine Haut hatte eine blasse, ungesunde Farbe, unter seinen Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab. Seine Wangen waren eingefallen. Seine kräftige Statur war schmal geworden, so das seine inzwischen zu groß gewordene Kleidung locker an ihm herabhing. Aber das Schlimmste für sie war, das dieser Funke in seinen Augen, der seine Lebensfreude und seinen mit soviel Unverschämtheit gepaarten Charme ausdrückte, erloschen war.
Es war ein Fehler gewesen, hierher zu kommen. Sie würde ihn nur noch mehr verletzen, als sie es ohnehin schon getan hatte. „Gilbert, es tut mir leid. Ich hätte nicht herkommen sollen", sagte sie mit leiser Stimme. Sie blickte ihn lange mit traurigen Augen an und drehte sich dann langsam um, um zu gehen.
Gilbert traute seinen Augen nicht. Da stand sie plötzlich vor ihm. Wunderschön wie immer. Aber heute abend ganz besonders . Auch wenn er ihr dunkelgrünes, leicht durchscheinendes Abendkleid unter ihrem Mantel nur erahnen konnte, wußte er, wie sehr es ihrer schlanken Figur schmeichelte. Aber warum war sie nicht auf dem Ball? Als er in ihr Gesicht schaute, fiel ihm auf, daß sie noch blasser als sonst aussah. In ihren großen grau-grünen Augen erkannte er ihre Unruhe. Was hatte sie so aufgebracht? Und warum kam sie damit ausgerechnet zu ihm? Plötzlich veränderte sich der Ausdruck in ihren Augen zu einer unendlichen Traurigkeit. Er konnte sie kaum verstehen, so leise sprach sie zu ihm, um sich anschließend von ihm abzuwenden.
Er konnte sie nicht gehen lassen. Was auch immer sie dazu gebracht hatte, zu ihm zu fahren, er mußte es wissen. Blitzartig machte er einen Schritt nach vorn und umfaßte sanft aber fest ihr Handgelenk. „Anne, warte! Bitte bleib.", sagte er ruhig. Sie drehte sich um, sah ihn an und ließ zu, daß er ihre Hand nahm und sie bestimmt ins Haus führte. Sie zitterte, als er ihr den Mantel abnahm und fragte sich, ob das an der Kutschfahrt durch die Kälte lag oder an der kurzen Berührung seiner Hände auf ihren nackten Schultern, die sie erschauern ließ. „Hoffentlich hat er das nicht bemerkt", dachte sie. Aber natürlich hatte Gilbert ihr Zittern gespürt. Er sah auch die Gänsehaut auf ihren Armen. Aber er wagte nicht zu glauben, daß er der Grund dafür war. Mit den Worten „Komm, setz dich vor den Kamin, dann wird dir wieder warm", führte er sie von dem Flur zum Sofa im Gemeinschaftsraum direkt vor dem Kamin. Als Anne sich neben ihn setzte, legte er ihr fürsorglich eine Decke über die Beine. Bevor er seine Hände wegnehmen konnte, ergriff sie sie mit den ihren. „Bitte, darf ich?", fragte sie zögernd. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll und habe Angst, mich mißverständlich auszudrücken. Wenn ich sie halte, bin ich ruhiger und kann klarer denken. Stört es dich?" Flehend sah sie ihn an.
Gilbert war fassungslos. Noch nie hatte sie ihn von sich aus berührt. Es ging ihm so unter die Haut, daß er es kaum ertragen konnte. Er mochte kaum daran denken, wie er zurecht kommen sollte, wenn sie nachher wieder weg war. Andererseits konnte er ihr ohnehin nichts abschlagen. Erst recht nicht, wenn sie ihn so anschaute. Er schüttelte den Kopf, unfähig zu sprechen.
Erwartungsvoll schaute er sie an. Aber sie schwieg beharrlich. Solange sie noch darüber nachdachte, was sie zu ihm sagen wollte, nahm er ihre Gestalt von Kopf bis Fuß in Augenschein. Ihre roten Haare trug sie für diesen Abend in Locken und hochgesteckt. Einzelne Strähnen hatten sich gelöst, umrahmten ihr Gesicht und fielen ihr auf die Schultern hinab. Und dann sah er etwas Goldenes glitzern. Ihm stockte der Atem. Sie trug seine Kette. Ungläubig starrte er das pinkfarbene Herz um ihren Hals an. Noch nie hatte er es an ihr gesehen. Und wie gut es zu ihrem Kleid und ihrer blassen Haut paßte. Eigentlich wollte er ja abwarten, bis sie anfing zu reden. Aber es platzte einfach aus ihm raus. „Du trägst ja die Kette, die ich dir zu Weihnachten geschenkt habe!" Überrascht beobachtete er, wie sie errötete. „Ich habe sie immer bei mir, seit Du-weißt-schon-wann. Sie ist ein Trost für mich und gibt mir Halt. So ist wenigstens ein Teil von dir noch bei mir." gestand sie. Unbewußt hatte sie wohl auf dem Weg zu ihm die Kette umgelegt. Gilbert verblüffte ihre Offenheit und Ehrlichkeit. Was auch immer sie beschäftigte, mußte stärker sein als ihr unbändiger Stolz. Denn offensichtlich hatte sie alle Schutzmauern um sich herum fallen lassen und sagte und tat einfach das, was ihr in den Kopf kam.
Er beschloß seine Chance zu nutzen. „Warum bist Du hier? Bei mir?", fragte er sie. Sie sah ihn an und antwortete schlicht: „Ich weiß auch nicht. Ich konnte einfach nicht anders.". Dann sprudelte es aus ihr heraus. „Ich weiß, ich bin absolut egoistisch und ich sollte nicht ausgerechnet zu dir damit kommen. Aber nur Matthew verstand es auf seine ruhige Art, mich zu beruhigen und mir die richtigen Fragen zu stellen, damit ich alles klarer sehen konnte. Und du…". Gilbert war fassungslos. Verglich sie ihn tatsächlich mit Matthew, dem wichtigsten Mann in ihrem Leben? Und was war mit Roy? Aber nach ihm wollte er nicht fragen. Stattdessen fragte er „Ist irgendetwas auf dem Ball vorgefallen?". Hatte sie sich vielleicht mit Roy gestritten? Er hatte sie doch wohl nicht bedrängt? Wut stieg in Gilbert auf und der unbändige Wille, sie vor allem und jedem zu beschützen. „Nein, eigentlich nicht. Unter diesen vielen Leuten habe ich es einfach nicht ausgehalten. Ich habe solch ein Heimweh nach Prince Edward Island und Avonlea. Und ich habe gedacht, wenn ich nur kurz mit dir reden würde, mit jemandem aus der Heimat, würde es mir besser gehen. Aber ich habe nur Christine gesehen. Und als ich dich nicht entdecken konnte, wollte ich nur noch raus an die frische Luft und allein sein und zur Ruhe kommen. Und dann habe ich Hals über Kopf den Ball verlassen. Nur Phil habe ich Bescheid gesagt. Und dann bin ich in die nächste Kutsche gestiegen, um nach Hause zu fahren. Ich wollte nachdenken, raus finden, was mit mir los ist. Tja, und dann hielt der Kutscher mit einem Mal bei dir vor der Tür. Unbewußt habe ich ihm wohl diese Adresse genannt. Ich bin so durcheinander und fühle mich so verloren. Und ich vermisse… Ist auch egal." Vor lauter Nervosität konnte sie kaum aufhören zu plappern. Gilbert hatte ihr die ganze Zeit aufmerksam zugehört. Sie hatte fluchtartig den Ball verlassen, ohne Roy Bescheid zu geben, nur um zu ihm zu fahren? Das wäre kaum zu fassen. Und dann stellte er die Frage, die sich ihm förmlich aufdrängte. „Wen oder was vermißt du denn so?" Konnte es denn wirklich sein, daß der Verlust von ihm sie so umtrieb? Nein, vermutlich war es nur der Verlust seiner Freundschaft.
Sie hatte gewußt, daß er es schaffen würde, mit nur ein paar Fragen, Klarheit in ihre Gedanken zu bringen. Alles in ihr schrie die Antwort auf seine Frage: „DICH!". Gilbert war nie das Problem gewesen, sondern immer die Lösung. Mit einem Mal wurde ihr alles klar. Warum Roy ihr nicht genug war und ihr nicht helfen konnte. Warum sie unbedingt mit Gilbert sprechen mußte, zu ihm wollte. Weil sie nur ihn wollte… „Das wollte ich schon machen, seitdem ich dich das erste Mal gesehen habe", flüsterte sie.
Anne ließ seine Hände los. Gilbert fing an zu verzweifeln. Schon wieder würde er sie verlieren. Sobald er ihre Wärme nicht mehr an seinen Händen spüren konnte, wußte er, daß es vorbei war. Wie sehr hatte er auf den Hauch einer weiteren Chance gehofft! Und als sie vorhin so unerwartet vor seiner Tür stand und ihn danach mit diesem unergründlichen Blick aus ihren grau-grünen Augen anschaute, war er sich fast sicher, daß sie zu Sinnen gekommen war und sich endlich ihre Gefühle für ihn eingestanden hatte. Nun hatte er mit seiner indiskreten Fragerei alles ruiniert. Resigniert senkte er seine Augen. Ihr so nah und doch so fern zu sein, war kaum auszuhalten. Da konnte er ihren Anblick nicht auch noch ertragen. Zumindestens solange nicht, bis er sich wieder gesammelt hatte. Er schaute auf seine Hände, die eben noch ihre schmalen zarten Fingern gehalten habe. Ihre Worte „Das wollte ich schon machen, seitdem ich dich das erste Mal gesehen habe", hatte er in seiner Verzweiflung völlig überhört.
Anne betrachtete Gilberts Gesicht, als er plötzlich seinen Kopf senkte. Sie konnte die Verzweiflung in seinen Augen daher nicht sehen. Ihr Blick wanderte nach oben. „Oh, diese braunen Locken!" Ständig mußte er sie aus seinem Gesicht streichen, weil sie ihm in die Augen fielen. Seit sie ihn bei Sonntagspicknick bei den Barry's erstmals gesehen hatte, wollte sie mit ihren Händen durch seine Haare fahren und sie durcheinander wuscheln. Zum ersten Mal seit den vielen Jahren, die sie sich nun kannten, würde sie den Mut dazu aufbringen und ihren unbändigen Stolz überwinden. Langsam hob sie ihre Hände. Gilbert sah und ahnte nichts davon, weil er weiterhin nur auf seine Hände starrte. Sie hob ihre Hände weiter und näherte sie seiner Stirn, als sie noch einen kurzen Moment zögerte. Aber dann faßte sie sich ein Herz und strich langsam und gefühlvoll mit beiden Händen durch sein Haar.
Gilbert sah irritiert auf. Er konnte diese Berührung zuerst überhaupt nicht zuordnen. Als er sah, wie nah Anne ihm war und das sie ihm so zärtlich durch die Haare strich, konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ungläubig sah er sie an. Sie aber sprach kein Wort.
Nachdem sie ihm durch die Haare gefahren hatte, ließ sie ihre linke Hand wieder sinken. Die rechte aber verblieb sanft in seinem Nacken. Sie bemerkte nicht, daß er sie wieder ansah. Ihr Blick senkte sich von seinen Haaren über sein gutaussehendes Gesicht zu seinem wohlgeformten Mund mit seinen rosigen Lippen. Sie traute sich nicht, ihm in die Augen zu sehen, weil sie fürchtete dann den Mut zu verlieren. Langsam lehnte sie sich vor und zog Gilberts Kopf sanft zu sich heran. Dann berührte sie seine Lippen sacht mit den ihren.
