Wut und Scham

Brain hatte dieses Landschloss mit Magie versehen. Da die Mitglieder von Oracion Seis schlecht jede Woche in einem nahegelegenen Dorf Proviant und Getränke einkaufen konnte, wurde die Vorratskammer nie leer. Nie hatten Cobra und die anderen an Nahrung, Medizin und sonstigem gefehlt. Das Landschloss war immer sauber gewesen, die einzige Unordnung kam von den Sachen, die er, Racer, Midnight und sogar manchmal Hoteye überall liegen liessen, zu Angels grossem Ärger.

Auch war das Schloss mit einer Magie versehen, sodass es unsichtbar im Auge von Aussenstehenden blieb. Nur die Mitglieder von Oracion Seis wussten, wie das Landschloss zu finden war. Zwar war es seit sieben Jahren unbewohnt, schliesslich hatte Midnight ein anderes Hauptquartier für die neue Oracion Seis ausgesucht. Doch der Zauber funktionierte immer noch, als Cobra und Kinana in die Lichtung kamen, wo das unsichtbare Schloss sein sollte. Allerdings hatte der Giftdragonslayer gemerkt, dass durch die jahrelange Abwesenheit dieser Zauber etwas nachgelassen hatte. Egal, er war immer noch stark genug um das Schloss vor unerwünschten Besucher unsichtbar zu halten.

Gestern Abend waren sie angekommen und da Kinana viel zu erschöpft war um weiter gehen zu können, hatte Cobra sie in sein altes Schlafzimmer gebracht. Die ganze Nacht hatte er bei der Lilahaarigen Wache gehalten. Zwar hatte er bemerkt, dass sein Zimmer sich nicht verändert hatte in diesen sieben Jahren, jedoch wollte er sich nicht an seine Zeit hier erinnern. Er musste nun überlegen, was nun mit Kinana passieren sollte. Und mit ihm. Weder sie noch er könnten in diesem Schloss bleiben, dieser Unterschlupf war nur vorübergehend ein Versteck. Zwar wären sie fürs Leben versorgt, dank diesem Zauber. Doch Cobra erschien diese Perspektive einfach falsch. Ein Leben abseits der Menschen, der Welt, nur auf sich alleine gestellt bis zu ihrem Tod. Das war mehr ein Gefängnis als ein Ort um zu leben.

Das war es doch schon immer gewesen, Brain hatte sie hier gefangen gehalten, sie alle fünf. Und keiner von ihnen hatte es gemerkt nicht einmal Cobra selber. Diese Tatsache nervte ihn. Für Brain waren sie immer nur Schachfiguren gewesen, wenn auch wichtige wenn er sie jahrelang in diesem goldenen Käfig eingesperrt hatte, ohne dass sie es überhaupt bemerkt hatten.

Nein, Cobra konnte nicht in alle Ewigkeit hier leben. Zwar war es ein gutes Versteck für einige Tage, vielleicht Wochen. Doch alleine für den Rest seines Lebens? Niemals! Gut, wenn er Kinana bei sich behalten würde, wäre er auch nicht allein. Doch er wollte nicht ihr dieses Scheinleben in einem goldenen Käfig geben. Sie verdiente besser. Besser als ein Leben mit ihm, einem Schwerverbrecher, der wohl nicht mehr ihrer Freundschaft würdig war. Sobald sie aufwachte, würde er sie fragen wo ihr neues Zuhause war. Danach würde er sie dorthin zurück bringen und er... würde wohl Fiore verlassen. Wahrscheinlich wäre Desierto ein gutes Ziel, sein Heimatland. Der Dragonslayer hatte zwar kaum mehr Erinnerungen an dieses Land und wahrscheinlich weilte seine Familie nicht mehr unter den Lebenden. Zwar schmerzte es ihn Kinana wieder einmal zurück zu lassen, doch es war besser für sie.

Er hatte bis jetzt am Fenster gestanden und in die Morgendämmerung hinaus geschaut. Plötzlich hörte er jedoch wie Kinana sich im Bett regte. Sofort rannte er zu ihr und zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass sie zwar noch müde, jedoch ausgeruht aussah.

„Morgen", murmelte er nur. Die Lilahaarige sah ihn an und lächelte zurück: „Guten Morgen, Erik. Wo sind wir hier eigentlich?"

„An einem Ort, wo uns niemand finden wird. Jedenfalls werden wir vorübergehend hier bleiben", antwortete er ausweichend. Kinana runzelte leicht die Stirn, sie hatte sein Zögern bemerkt. Jedoch war er ihr dankbar, dass sie nichts sagte.

„Kinana, wir können nicht immer hierbleiben, du noch weniger als ich. Schliesslich hattest du ein Zuhause während den letzten sieben Jahren bekommen. Davon will ich dich nicht wegreissen. Ich werde dir dorthin zurückbringen."

„Und was passiert dann mit dir?", protestierte sie, wobei Cobra zusammenzuckte. Er hatte nicht mit einer so heftigen Reaktion gerechnet. Allerdings hatte er auch nicht auf ihre Gedanken aufgepasst. Er konnte dies nicht tun, dafür respektierte er die Lilahaarige viel zu sehr.

Kinana wartete nicht auf seine Antwort, sondern setzte selbstlos hinzu: „Solange deine Zukunft noch ungewiss ist, muss und will ich bei dir bleiben!"

Cobra wollte ihr sagen, dass dies unmöglich war, dass er ihr kein glückliches und vor allem ehrliches Leben schenken konnte. Doch kein Laut kam über seine Lippen. Einerseits rührte dem Giftdragonslayer die Tatsache, dass Kinana bei ihm bleiben wollte, doch das sollte nicht sein. Sie musste zurück zu diesem Ort, wo sie sicher und glücklich leben konnte. Was an seiner Seite nicht möglich war. Doch in ihrem jetzigen Zustand würde jedes Argument nichts machen können. Als letzte Hilfe sagte Cobra schliesslich zögernd: „Aber was ist mit deinen Freunden, deinem Zuhause?"

„Fairy Tail wird schon ohne mich klar kommen, ich bin ja nur eine Barmaid", entgegnete Kinana. Für sie war es vielleicht eine einfach Antwort wie jede andere, doch für Cobra war dies ein Grund mehr diese Gilde zu hassen. Cubelios... Kinana... war die ganze Zeit in Fairy Tail gewesen. Eine ungeheure Wut stieg in ihm auf. Diese Gilde, diese verdammte Gilde! Sie trugen nicht nur die Schuld daran, dass wegen ihnen er und Kinana während sieben Jahren getrennt waren. Sie hatten ihm sogar seine einzige Freundin weggenommen und sie zu einer Dienerin gemacht. Cobra ballte die Fäuste zusammen. Titania konnte von der ach doch so seltenen Freundschaft zwischen ihren Gildenkameraden Loblieder singen, Fairy Tail hatte ihm schlussendlich seine beste Freundin weggerissen. Das machte keinen Sinn. Wenn den Feen Freundschaft wirklich so wichtig war, warum hatten sie dann zwei Freunde auseinander gerissen? Glaubten sie etwa, dass er als dunkler Magier nicht in der Lage war Freundschaft zu fühlen? Dass er dafür nicht würdig war?

„Erik, was ist los?", hörte er Kinanas Stimme wie aus weiter Ferne. Doch er war nicht im Stande zu antworten. Eher murmelte für sich selbst: „Fairy Tail, ich werde dich immer hassen..."

„Warum Erik?", riss Kinana ihn aus seinen Gedanken. Sie schien mehr erstaunt als böse über seine Aussage. „Fairy Tail hat mich aufgenommen, nachdem wir getrennt wurden und ich meine Erinnerungen verlor. Ohne ihnen wüsste ich nicht was aus mir geworden wäre. Du solltest Fairy Tail dankbar sein, dass ich dort ein Zuhause gefunden habe. Ich weiss zwar, dass du zu diesen Oracion Seis gehörst, einer von Fairy Tails grössten Erzfeinden. Einiges habe ich schon mitbekommen in den letzten Tagen. Doch ich bin sicher, dass du eigentlich keine böse Natur hast. Du brauchst doch Fairy Tail nicht zu hassen, wirklich. Erik, du brauchst doch nur auf dein Herz zu hören."

„Halt die Klappe!", schrie Cobra laut auf, was Kinana ängstlich zusammen zucken liess. Der Dragonslayer ballte die Fäuste. Sie konnte dies nicht verstehen, wenn sie an Amnesie litt. Es war wieder einmal die Schuld dieser Feen. Mit keuchendem Atem sah er sie an und zischte wie eine Schlange: „Fairy Tail hasse ich nicht wegen den beiden Niederlagen. Wenn dies so wäre, hätte ich keinen Stolz. Ich hasse diese Gilde, weil... weil ich wegen ihnen von dir getrennt wurde!"

Mit diesen Worten rannte er blitzschnell aus dem Zimmer, eine perplexe und traurige Kinana auf dem Bett lassend.

Xxx

Cobra klammerte sich am Waschbecken fest. Immer wieder sah er sein Spiegelbild an und immer wieder blickte angewidert wieder weg. Er hasste das, was sein Spiegelbild ihm offenbarte. Ein Monster. Er war ein Monster. Es war ihm nie klar gewesen, dabei war es doch so klar gewesen. Brain, Oracion Seis, der Tower of Heaven. Er hatte nur Hass gekannt, nur Grobheit, nur Wunsch auf Rache. Man hatte ihm aus dieser Dunkelheit rausnehmen können, doch nie hatte sich ihm eine helfende Hand entgegen gestreckt. Vielleicht hatte Cobra diese auch nicht gesehen.

Die einzige die er gesehen hatte, war die Hand von Brain gewesen. Doch es war die falsche Hilfe gewesen. Brain wollte nur an die Macht gelangen und hatte dafür fünf Kinder ausgesucht, deren Kindheit weggerissen wurde. Fünf Kinder, die er leicht manipulieren konnte...

Cobra hatte immer gedacht, dass Oracion Seis die einzige Möglichkeit gewesen war seinen Wunsch zu erfüllen. Kinanas Stimme zu hören. Stattdessen wurde aus ihm ein gefürchteter dunkler Magier, ein Krimineller mit zahlreichen Verbrechen auf dem Gewissen. Anstatt sein Gebet zu erfüllen wurde ihm sein einziger wahrer Freund weggerissen und er hatte jahrelang im Gefängnis sitzen müssen, eigentlich lebenslänglich. Und nur Hass und Rache waren in seinem Herz gewesen. Er hatte nicht mal daran gedacht was Cubelios, Kinana, davon halten würde. Er hatte nur an sich selbst gedacht.

War dies alles wirklich wert gewesen? Hatte er sich gelohnt, dass er Brain gefolgt war und ein Verbrecher wurde, wenn es schlussendlich aus ihm nur ein Monster gemacht hatte? War es wirklich wert gewesen dies alles zu tun, um seine eigene Schwäche zu verstecken?

Die Ereignisse der letzten Tage und vor allem das Gespräch mit Kinana vorhin hatten Cobra extrem an sich selbst zweifeln lassen. Er hasste das, doch er wollte es nicht verneinen. Warum sollte er auch? Nichts änderte die Tatsache, dass er sein Leben verspielt hatte. Cobra würde immer mit dieser Scham leben müssen. Bis zu seinem Tod.

Ja, Scham. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er dieses schreckliche Gefühl. Cobra schämte sich für seine zahlreiche Verbrechen, er schämte sich Brain gefolgt zu sein, er schämte ein solch verdorbener Mensch zu sein. Doch auch Wut machte sich immer mehr in ihm breit. Wut auf die Anbeter Zerefs, die seine Kindheit zerstört hatten, auf Zeref selber, der Leben zerstörte. Wut auf Brain, der ihn manipuliert und schlussendlich verraten hatte. Wut auf Midnight, Racer, Angel und Hoteye. Wut auf Fairy Tail, auf alle offiziellen Gilden, auf dem verdammten Rat.

Doch vor allem war er wütend auf sich selbst. Er schämte sich dafür, dass er so ein schrecklicher geworden war. Und dabei sah er immer Kinanas Gesicht vor seinen Augen. Er hatte alles getan um ihre Stimme zu hören. Doch durch seine Taten hatte er sie schlussendlich verloren.

Sie war das einzige Wesen auf dieser verdammten Welt, auf das Cobra nicht wütend war. Das er einfach nicht hassen konnte. Früher war es ihm egal gewesen, was die Welt von ihm dachte. Doch seit Kinana endlich wieder ein Teil von seinem Leben war, sah er sich mit ganz anderen Augen, mit den Augen eben dieser verdammten, verdorbenen Welt. Und immer wenn er in den Spiegel des Badezimmers schaute, entdeckte er jemanden, der Kinanas Freundschaft und Zärtlichkeit gar nicht verdient hatte. Cobra, der blutrünstige Giftdragonslayer der dunklen Gilde Oracion Seis.

Mit einem wütenden Schrei schlug er mit der Faust in den Spiegel, der in tausend Stücke brach. Blut tropfte von seiner Hand, auch die Splitter zeigten rote Spuren auf. Das war Cobra egal. Somit blieb ihm der Anblick von diesem Monster erspart. Er wollte sich losreissen. Zwar würde es nichts daran ändern, dass er zahlreiche Verbrechen auf dem Gewissen hatte. Doch dieses Mal wollte er selber über sein Leben entscheiden können, auch wenn es nur wenige Alternativen haben würde. Und als ersten wollte er sich endgültig von Oracion Seis, also von Brains Einfluss, wegreissen. Und das ging nur, wenn der Dragonslayer sich sein Gildenzeichen wegnahm.

Cobra zog sein Oberteil aus und strich über das Gildenzeichen von Oracion Seis, das er auf seinem Rücken trug. Das was früher sein grosser Stolz gewesen war, war nur ein Schandfleck, der unbedingt verschwinden musste. Cobra wusste nur zu gut, dass es schwer und vor allem schmerzhaft sein würde dieser Fleck zu entfernen. Brain war wirklich ein kluger Kopf. Falls ein Mitglied von seiner Gilde versuchen würde Oracion Seis zu verlassen und darum sein Gildenzeichen entfernen wollte, würde dieser Vorgang mit grossem Schmerz verbunden sein. Je mehr man versuchte das Zeichen zu entfernen, desto mehr würde die Stelle höllisch brennen, die Haut würde wie ausgepeitscht sein. Brain wusste sehr gut was zu tun war, um jene Person doch noch umzustimmen, Oracion Seis nicht zu verlassen. Eigentlich hatte man keine Wahl. Doch Cobra war dafür bereit, bis zum Schluss wollte er durchhalten. Diese Folter würde nicht so schmerzhaft sein als wieder von Kinana getrennt zu werden. Das war eigentlich das Schlimmste...

Cobra legte so gut es ging seine rechte Hand auf seinen "Schandfleck" und konzentrierte darauf alle magische Energie, die er aufbringen konnte, um das Zeichen zu entfernen. Der Schmerz liess nicht lange auf sich warten. Fast hätte er die Hand weggenommen, doch Cobra musste durchhalten. Er musste sich davon befreien, egal was für Schmerzen er zu spüren bekam.

Es brannte schrecklich auf der Stelle, gleichzeitig fühlte es sich an, als ob man mit einer eisernen Peitsche auf dem Rücken schlug. Dazu kam noch, dass man ihm irgendwie ein kilometerlanges Schwert in den Rücken eingrub. Jedenfalls fühlte es sich so an. Der Schmerz war schrecklich, doch für Cobra war es nicht unerträglich. Geistliches Leiden war noch viel schlimmer, viel schrecklicher als alle Wehwehchen, die der Körper jemals bekommen konnte.

Der Rothaarige wusste nicht wie lange er im Badezimmer blieb und das Gildenzeichen von Oracion Seis entfernte. Er wusste nur, dass er am Schluss beinahe das Waschbecken von der Wand riss als er auf dem Boden fiel und dass seine Gefühle durch den Schmerzen taub geworden waren. Cobra hörte kaum noch, wie sich die Tür des Badezimmers öffnete und eine entsetzte Kinana sich über ihm beugte. Als sie seine Wange berührte, wurde er von Dunkelheit umhüllt.

„Erik!"

Xxx

Als Cobra wieder aufwachte, befand er sich bäuchlings auf seinem Bett wieder. Seine blutende Hand war so gut es ging verbunden worden und jemand schmierte zärtlich irgendeine Salbe auf seinem Rücken. Das konnte doch nur Kinana sein. Vorsichtig bewegte er sich, doch alle seine Glieder waren wie eingeschlafen. Zudem fühlte sich sein Rücken ziemlich dumpf an.

„Oh, du bist wach", hörte er Kinanas liebliche Stimme. Grosse Sorge schwankte in ihrer Stimme mit, das konnte er sehr gut heraus hören. Es tat ihm leid, dass er ihr solche Sorgen bereitet hatte, doch Cobra hatte keine andere Wahl gehabt um das Gildenzeichen von Oracion Seis endgültig von seinem Rücken zu entfernen. Brain hatte wirklich an alles gedacht um die anderen Mitglieder zu überzeugen, dass sie Oracion Seis unter keinen Umständen verlassen sollten.

„Warum hast du das getan, Erik? Warum hast du dir unnötig solche Schmerzen zugefügt?", tadelte Kinana ihn und irgendwie hörte er sich an, dass sie gleich anfangen würde zu weinen. Verdammt, es tat Cobra schrecklich leid. Doch er hatte wirklich keine andere Wahl gehabt. Sachte drehte er den Kopf und aus dem Fenster sah er, wie die Sonne langsam unterging. Er war wirklich den ganzen Tag ohnmächtig gewesen. Noch nie war so geschwächt gewesen. Selbst bei seinem Kampf gegen Natsu hatte er nicht einen derartigen Schwächeanfall gespürt.

„Ich hatte keine andere Wahl, Kinana. Es war die einzige Möglichkeit dieses verdammte Gildenzeichen endgültig zu entfernen. Die einzige Möglichkeit, um mich endlich von Oracion Seis loszureissen", murmelte er. Er wollte sich aufsetzen, doch die Lilahaarige hinderte ihn daran. Der Giftdragonslayer konnte gut hören, dass sie seine Handlung nicht ganz nachvollziehen konnte. Wahrscheinlich würde dies kein Magier einer offiziellen Gilde können.

„Musstest du gleich deinen Rücken verbrennen? Du hättest doch einfach..."

„So einfach ist es nicht, Kinana", unterbrach der Rothaarige sie etwas hart. „Ich war niemals in einer offiziellen Gilde. Meine Gilde ist... war kriminell. Da konnte man nicht einfach so die Gilde verlassen und das Abzeichen mühelos entfernen. In einer dunklen Gilde geht es perfider zu und her. Brain, mein ehemaliger Master, wollte nicht, dass wir Oracion Seis verlassen. Auf unseren Gildenabzeichen hat er einen Zauber hinterlegt, der starke Schmerzen verursacht, sobald man versucht es zu entfernen. Die Schmerzen sind so stark, dass es einem normalerweise davon abhält die dunkle Gilde zu verlassen. Doch ich will nicht mehr zu Oracion Seis gehören. Diese Gilde hat aus mir nur ein Monster gemacht..."

Kinana seufzte, doch sagte momentan nichts, wofür er ihr dankbar war. Sie würde zwar nie nachvollziehen, welche Scham und Wut er in sich trug, doch wenigstens konnte sie seine Tat von vorhin verstehen. Seufzend rieb sie seinen lädierten Rücken und flüsterte: „Du bist doch kein Monster Erik. Du warst vielleicht ein gnadenloser Verbrecher, doch obwohl ich mich nicht daran erinnere bin ich mir sicher, dass du einfach nicht abgrundtief böse bist. Wenn dies so wäre, wärst du wohl kaum so fürsorglich mit mir umgegangen. Du hast doch noch ein Herz."

„Das liegt vor allem daran, dass du die einzige Person bist, die mir wichtig ist", murrte Cobra, während er ihr Streicheln genoss. Es hatte einen so beruhigenden Einfluss auf ihm. Er war glücklich, dass sie auf seine letzte Antwort hin nichts entgegnete. Es stimmte. Momentan war Kinana das einzige auf dieser Welt, an das er noch wirklich hing.

„Ich wünschte, ich könnte mich an unsere gemeinsame Zeit erinnern", murmelte Kinana nach einer Weile, während die Salbe auf dem Rücken des Dragonslayers schliesslich trocknete. Cobra murrte nur. Im Nachhinein wäre es ihm lieber wenn sie sich nicht erinnern würde. Die Taten, die er vor ihren damaligen Schlangenaugen vollbracht hatte, waren nun nicht für ein so reines Mädchen gedacht, wie sie es nun war. Wieder einen Grund sich zu schämen.

„Mir ist schon klar, dass wir zusammen schlimme Sachen gemacht haben. Doch wir hatten sicher auch schöne Momente zusammen gelebt, oder?", fragte Kinana. Sie klang beinahe verzweifelt. Litt sie etwa so sehr unter ihrer Amnesie?

„Wir haben uns gegenseitig viel zu erzählen", murmelte Cobra mehr für sich. Auch wenn er nicht wollte, dass sie sich an seine schrecklichen Verbrechen erinnerte, auf der anderen Seite hatte sie ein Recht zu wissen, was sie sich aneinander bedeutet haben, was ihr gemeinsames Leben gewesen war. Ausserdem, so stark es auch wehtun konnte, er wollte wissen, was sie in Fairy Tail erlebt hatte. Vielleicht hatten die Feen nicht gewusst, wer Kinana war. Cobra war zu erschöpft um überhaupt noch wütend zu sein.

Doch gerade in diesem Augenblick hatte er keine Lust zu reden und zu erzählen. Müde setzte er sich auf, Kinanas Proteste nicht achtend. Er fühlte sich so erschöpft, sein Verstand war nicht mehr ganz klar. Kaum bemerkte er, wie Kinana ihn zu sich umdrehte und ihm ins Gesicht schrie: „Du sollst dich doch noch ausruhen! Dein Rücken ist in einem schrecklichen Zustand und leider können wir weder auf Wendy noch auf Porlyushika zählen um dich zu heilen! Ausserdem möchte ich dann endlich wissen, was zwischen uns ist und..."

„Halt die Klappe", murrte er und da sie keine Anstalten machte sich zu beruhigen, zog er sie einfach auf seinem Schoss und legte seine Lippen auf ihren Mund, damit sie endlich aufhörte zu reden wie ein Wasserfall. Kinana sah ihn mit erschrockenen Augen, jedoch stiess sie ihn nicht von sich. Zu spät wurde Cobra bewusst, was er da gerade machte. Verdammt, was war bloss in ihm gefahren? Er konnte sie doch nicht einfach so küssen, nicht das Mädchen, das einst seine Schlange gewesen war.

Doch bald schaltete sich ihr beider Verstand aus und beide gaben sich dem Kuss hin. Kinana schmiegte sich noch mehr gegen Cobra, um diese angenehme Berührung zu vertiefen, während er sie so auf seinem Schoss setzte, dass die Stellung für sie angenehm wurde.

Der Giftdragonslayer wusste nicht mehr, was nun aus ihm und der Lilahaarigen werden sollte. Doch momentan war ihm das egal. Wahrscheinlich würde er später den Kuss bereuen, doch diese atemberaubende Nähe war es einfach wert.

Cobra presste Kinana noch fester gegen sich und küsste sie noch leidenschaftlicher. Kurz entsiegelte sie ihre Lippen und hauchte atemlos: „Waren wir früher genauso?"

„Nein", antwortete er nur bevor er abermals von ihren Lippen Besitz ergriff. Zum allerersten Mal in seinem Leben fühlte er sich irgendwie... vollkommen.