Hoffnung

Schlussendlich hatte Cobra diesen Kuss nicht wirklich bereut. Zwar hatten sie sich nicht mehr geküsst, doch irgendwie war ihm schon klar geworden, dass ihre Beziehung zueinander nun weitaus mehr als Freundschaft war. Der Dragonslayer konnte es einfach nicht beschreiben. Oder besser gesagt, er wollte es nicht. Cobra hatte Angst, ihre jetzige Beziehung zu zerstören.

Sie teilten sich das Bett, assen gemeinsam, erzählten sich gegenseitig ihre Geschichten und Erinnerungen, trainierten gemeinsam... Kinana schien eine spezielle Fähigkeit in Take-Over-Magie zu haben, ganz besonders für Schlangenverwandlungen. Seit einem Monat lebten sie in diesem Schloss und lernten sich wieder kennen. Alles fühlte sich so... seltsam an.

Cobra sass auf seinem Bett und betrachtete das Gewitter, das draussen tobte. Im Nebelgebirge schien selten die Sonne, auch der Mond und die Sterne bekam man selten zu Gesicht. Meistens gab es Nebel, daher der Name. Wenn es kein Nebel gab, dann regnete es und nicht selten kam dazu noch ein Gewitter. Ein Grund mehr, warum das Nebelgebirge ein so gutes Versteck für dunkle Gilden sein konnte.

Neben ihm hörte er Kinanas sanften, regelmässigen Atem. Er staunte immer wieder, wie viel dieses zierliche Mädchen eigentlich aushalten konnte. Sie beschwerte sich nie über etwas. Weder über die Tatsache, dass sie im Garten des Schlosses sein konnte, wenn sie draussen sein wollte. Noch über die Erinnerungen, die jede Nacht in Form von Albträumen wieder zu ihr kamen. Cobra wusste nicht wie viel Mal er mitten in der Nacht deswegen aufgewacht war und sie dann tröstend in seinen Armen gewiegt hatte.

Mit der Zeit hatten beide beschlossen einen Weg zu finden, damit diese Erinnerungen sie nicht noch mehr folterten. Die Beruhigungstechniken, die der Dragonslayer zwar gelernt doch nie wirklich gebraucht hatte, waren da eine grosse Hilfe.

Cobra seufzte. Immer hatte er ihr geholfen, sie unterstützt, mit ihr trainiert in den letzten Monaten. Kinana hatte ihm immer wieder Sachen anvertraut. Geheimnisse, die sie selbst ihren Freunden in Fairy Tail nicht verraten hatte. Weil die Feen es wohl nicht verstehen würden. Und immer wieder hat Cobra ihr zugehört, sie getröstet sobald die Lilahaarige in Tränen ausgebrochen war.

Doch er? Auch wenn sie sich gegenseitig ihre Geschichten erzählten, nie hätte er ihr anvertrauen können, wie stark er sich für seine Taten schämte. Er brachte es einfach nicht übers Herz ihr mehr Sorgen zu machen, als sie sicht eh schon über ihn machte. Reue fühlte Cobra immer mehr für seine Verbrechen, die er in beiden Oracion Seis getan hatte.

Mit jedem Tag der vorüber ging, desto mehr verstand Cobra was er nun für Kinana fühlte. Als Schlange war es normal, dass seine Gefühle nicht über Freundschaft hinaus gegangen waren. Doch die Lilahaarige war eigentlich die ganze Zeit ein verwandelter Mensch gewesen, eine wunderschöne junge Frau. Seit er dies wusste, schaffte er es nicht mehr nur Freundschaft für sie zu fühlen.

Kinana war das wundervollste Wesen, das ihm jemals begegnet war. Und mit seiner blut- und schandbefleckten Vergangenheit verdiente er sie einfach nicht. Doch gleichzeitig war die zierliche Lilahaarige sein Licht, dass aus ihm einen besseren Menschen machen konnte. Cobra wollte nicht zurück in die Dunkelheit, komplett von ihr verhüllt werden.

Er liebte sie. Nun war es ihm klar, dass er für ihr Liebe fühlte. Zwar folterte es ihn daran zu denken, dass er und Kinana nicht ihr Leben lang im Schloss der ehemaligen Oracion Seis bleiben konnten. Vielleicht würden sie auch nie gemeinsam leben können. Das Gefühl seiner Liebe allein brachte so viel Wärme in sein Herz, so wie Cobra es noch nie in seinem Leben gefühlt hatte. Doch die Probleme, die damit verbunden waren, machten ihn unglücklich. Wenn es nur um sich selber ginge, wäre es keine Schwierigkeit gewesen. Doch dem Dragonslayer ging es nur um Kinana. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie seine Gefühle erwiderte. Sie würde unter der Trennung mehr leiden als er.

Ohne es wirklich zu merken glitten Tränen aus seinem gesunden Auge über seine Wange. Zum ersten Mal seit vielen Jahren weinte er wieder. Es tat ihm wirklich gut. Cobra schluchzte leise auf. Wenn er nur nicht den Weg der Dunkelheit gegangen wäre, vielleicht wäre alles besser geworden. Doch dem war leider nicht so und er wusste nicht, wie er für seine zahlreiche Verbrechen büssen konnte. Er liebte Kinana, das allein machte ihn ein wenig glücklich. Doch niemals könnte er ihr das Leben schenken, das sie verdiente. Gleichzeitig aber wollte er sie nicht aufgeben. Als Dragonslayer war er natürlich besitzergreifend, doch er wollte nicht die Frau verlieren, für die er kämpfen wollte um besser zu werden.

„Erik, was ist los?", riss ihn Kinanas liebliche Stimme aus seinen verzweifelten Gedanken. Cobra drehte sich zu ihr um, blickte in ihr besorgtes Gesicht. Diese Reinheit, diese Unschuld in ihren Augen genügte, um das Fass überlaufen zu lassen.

Cobra presste Kinana gegen sich, vergrub sein Gesicht in ihrem Hals und weinte leise weiter. Er spürte wie die Lilahaarige seine Umarmung erwiderte, ihn tröstend hin und her wiegte. Bis jetzt war es immer er gewesen, der sie getröstet hatte. Doch dieses Mal war es umgekehrt. Cobra fand sich so dumm. Er hatte immer gedacht, weil er der Stärkere war, musste er sie beschützen. Dabei brauchte er es genauso wie Kinana. Schluchzend sagte er schliesslich leise: „Es tut mir so Leid."

„Was denn?"

„Alle Verbrechen, die ich getan habe. Alles, was dazu geführt hat, dass... ich dich nicht lieben kann wie du es verdienst..."

Es war raus, endlich. Cobra spürte wie Kinana wegen seinen Worten zusammen zuckte, doch er konnte hören, wie gleichzeitig Trauer und Freude sich in ihren Gedanken vermischten. Trauer, weil es ihr ebenfalls klar war, welche Schwierigkeiten und vielleicht wieder jahrelange Trennungen ihre Liebe bringen konnten. Freude, weil auch sie dasselbe fühlte wie er.

„Ich habe dir doch schon verziehen, Erik. Kaum als du es mir erzählt hast, habe ich dir verziehen. Du weisst, dass es Fehler waren und du trägst doch nicht die ganze Schuld dafür. Du verdienst eine zweite Chance. Ich... ich..."

Kinana brachte kein Wort mehr hervor, auch sie begann zu schluchzen. Doch Cobra wusste sehr wohl, was sie ihn sagen wollte. Allerdings waren Worte ungenügend um ihm zu sagen, wie tief ihre Liebe ging. Sachte legte er eine Hand an ihrem Nacken und legte seine Lippen auf ihrem weichen Mund. Es war besser als der Kuss vor einem Monat, denn dieses Mal waren die Gefühle erkennbar.

Dieses Mal war die Lilahaarige nicht überrascht, sie schmiegte sich sogar am Dragonslayer um die liebevolle Berührung zu vertiefen. Der Kuss blieb sanft, Cobra wollte für einmal nicht grob sein. Vor allem nicht mit Kinana. Langsam versiegten seine Tränen und er entsiegelte langsam ihre Lippen. Eng umschlungen legten sie sich wieder auf die weiche Matratze.

„Was wird nun aus uns werden?", fragte Kinana, die ihren Kopf auf seine harte Brust gelegt hatte. Cobra streichelte ihr samtiges Haar. Gerne hätte er ihr geantwortet, doch er wusste nicht was er ihr sagen sollte. Er wusste es doch selber nicht!

„Willst du wirklich noch nicht zurück nach Fairy Tail?", fragte er. Diese Diskussion hatten der Dragonslayer und die Lilahaarige noch oft gehabt in letzter Zeit. Ihm tat es immer noch ein bisschen weh, dass Kinana von den Feen aufgenommen wurde. Doch mittlerweile war er ihnen doch sogar dankbar, dass sie sich um Kinana gekümmert hatten.

„Ich habe es dir schon gesagt, Erik. Solange deine Zukunft zu ungewiss ist, will ich bei dir bleiben. Und ich werde es auch!", sagte Kinana bestimmt, was Cobra zum Schmunzeln brachte. Dann aber wurde er wieder ernst und murmelte: „Länger können wir in diesem Schloss nicht bleiben. Wir sind zwar fürs Leben versorgt, doch unser Leben kann nicht hier weiter gehen. Ausserdem sind zu viele unangenehme Erinnerungen damit verbunden. Ich kann hier nicht weiter leben."

„Was wollen wir dann tun? Durch das Land reisen bis sich etwas ergibt?", hauchte Kinana. Auch sie hasste diese Ungewissheit, in der sie nun leben sollten. Cobra konnte ihr es nicht verübeln. Doch er hatte Hoffnung, eines Tages eine mehr oder weniger Situation zu haben. Zwar müsste Kinana dann sicher zurück nach Fairy Tail, doch bis es soweit war könnte es Jahre dauern. Und die Vorstellung jahrelang an Kinanas Seite zu sein gefiel ihm ungemein.

„Ich denke, dies wäre momentan eine akzeptable Idee", erwiderte der Giftdragonslayer. „Allerdings denke ich, dass du zumindest deinem Master einen Brief schreiben solltest, damit er deinetwegen beruhigt sein kann. Fairy Tail wird immer noch dein Zuhause bleiben, deine Kameraden verdienen zu wissen, dass es dir mehr oder weniger gut geht."

„Mit dir an meiner Seite geht es mir gut. Also gut, ich werde Master Makarov einen Brief schreiben", hauchte Kinana, bevor sie sich zu ihm hochzog und ihn küsste. Cobra vertiefte die Berührung, glücklich darüber ein klein wenig Hoffnung in der Zukunft zu sehen.

Während die Lilahaarige sich wieder auf seiner Brust bequem machte, schloss er die Augen. Das Gewitter draussen tobte immer noch heftig, doch er hörte es nur wie aus weiter Ferne. Während er langsam einschlief, hörte er wie Kinana leise sang, um ihn noch ein wenig zu beruhigen. Ihre Stimme war wunderschön und fröhlich wie Glocken an einem Hochzeitstag. Während ihrer gemeinsamen Zeit im Schloss hatte sie noch sehr oft gesungen und nie hatte der Dragonslayer sich davon satt hören können...

Lay down your head and I'll sing you a lullaby
Back to the years of loo-li lai-lay
And I'll sing you to sleep and I'll sing you tomorrow
Bless you with love for the road that you go

May you sail far to the far fields of fortune
With diamonds and pearls at your head and your feet
And may you need never to banish misfortune
May you find kindness in all that you meet

May there always be angels to watch over you
To guide you each step of the way
To guard you and keep you safe from all harm
Loo-li, loo-li, lai-lay

May you bring love and may you bring happiness
Be loved in return to the end of your days
Now fall off to sleep, I'm not meaning to keep you
I'll just sit for a while and sing loo-li, lai-lay

May there always be angels to watch over you
To guide you each step of the way
To guard you and keep you safe from all harm

Loo-li, loo-li, lai-lay

Loo-li, loo-li, lai-lay...

Er kannte dieses Lied nicht. Doch es spiegelte irgendwie genau die kleine Hoffnung, die er und seine Geliebte für ihre Zukunft haben würden... Fast gleichzeitig schliefen Cobra und Kinana eng umschlungen ein.

Xxx

Makarov beobachtete Erza und Mirajane genau. Beide hatten sich über den Brief gebeugt, den er heute Morgen bekommen hatte. Einen Brief von Kinana...

Während einem Monat war sie verschwunden geblieben, ohne jegliche Neuigkeiten von sich zu lassen. Die Feen hatten fast die Hoffnung verloren die hübsche Barmaid jemals wieder zu sehen. Und jetzt bekam Makarov einen Brief von ihr...

Die Neuigkeiten hatten ihn zwar geschockt, vor allem weil Erzas Verdacht, Kinana wäre Cobras Schlange gewesen, sich schlussendlich bestätigt hatte. Doch Kinana war in ihrem Brief klar gewesen. Makarov hoffte einfach, dass Cobra sie auch gut behandeln würde, sonst würde Fairy Tail es ihm heimzahlen. Doch der late Mann glaubte nicht, dass es soweit kommen würde. Kinana hatte ganz klar geschrieben, wie sehr sie den Giftdragonslayer liebte...

„Mavis sei Dank, Cobra lebt noch", sagte Erza sichtlich erleichtert, Kinanas Brief gegen ihre Brust gepresst. Im letzten Monat hatte sie es sich zwar vor den anderen nicht anmerken lassen, vor allem nicht vor ihrem Team, doch Makarov und Mirajane wussten sehr wohl, wie schuldig sie sich fühlte bezüglich Cobras angeblichen Tod. Die Neuigkeit, dass er lebte und dass es Kinana gutging hatten ihr eine schwere Bürde von ihrem Herz genommen.

„Und was machen wir nun, Master?", fragte Mirajane schliesslich. Zwar war sie glücklich und erleichtert, dass es Kinana soweit gut ging, doch Sorgen machte sie sich um ihre Freundin trotzdem. Makarov seufzte und sagte schliesslich: „Kinana hat ihre Entscheidung getroffen. Solange Cobras Situation unsicher ist, will sie an seiner Seite bleiben. Doch sagen wir den anderen momentan noch nichts. Der Kampf gegen die neuen Oracion Seis ist noch zu frisch, warten wir bis Sachen über das Ganze gewachsen ist. Momentan wären Natsu und die anderen noch nicht bereit, diese Tatsache zu akzeptieren. Mit der Zeit, vielleicht. Die Zukunft ist noch ungewiss, lassen wir Cobra und Kinana ein wenig ihre gemeinsame Zeit geniessen. Kinana gehört immer noch zu uns, doch Cobra braucht sie jetzt mehr als wir."

Die beiden Magierinnen nickten. Sie gönnten Kinana ihre Liebe zu Cobra, doch die anderen Feen würden wahrscheinlich länger brauchen. Erza und Mirajane hofften einfach, dass die Lilahaarige zu Fairy Tail zurück kommen würde, ohne ihre Liebe zum Dragonslayer aufgeben zu müssen.