Anmerkungen der Autorin:

Nach dem Prolog nur ein paar kurze Worte, woher der rote Faden dieser Geschichte kommt. Ich habe im Zug von TFA in meiner Begeisterung eine Unmenge an Metabetrachtungen zu den einzelnen Charakteren geschrieben. Nachdem im Net (allerdings überwiegend im englischsprachigen Bereich) schon genug Meta-Essays für alle möglichen Aspekte zur Verfügung stehen, kam mir die Idee, meine Metas nicht einfach nur als weiteren Essay zu präsentieren, sondern den Versuch zu wagen, eine Geschichte daraus zu machen.

Da aber meine Geschichten alle den Anspruch haben so canonkonform und die Figuren so "in character" wie möglich zu sein, hat sich ein interessantes Phänomen aufgetan. Manchmal sieht ein Charakter die Dinge nämlich vollkommen anders, als andere (zum Beispiel ich) sie sehen. Das betrifft zum Beispiel den Ablauf von Geschehnissen in der Vergangenheit.

Das Spielchen zwischen Eigenwahrnehmung/Fremdwahrnehmung kommt uns ja auch im echten Leben oft genug unter. So sehen sich Bösewichte zum Beispiel eher nicht als böse (wie Adam Driver sehr richtig zu Kylo Ren angemerkt hat) und Dinge, die man als Kind seinen Eltern anlastet, sind bei nüchterner Betrachtung vielleicht eher das Ergebnis bestimmter Umstände, als das von mangelnde Liebe und Zuwendung.

Der Versuch eine Metabetrachtung in eine "in character" Geschichte zu übersetzen ist also nicht ganz einfach. Ich werde versuchen, die Grätsche zwischen dem, was ich für den Ablauf der Ereignisse bzw. die Ursachen halte und dem, was die Charaktere sich dazu denken, so gering wie möglich zu halten.

Ich möchte an dieser Stelle aber dezidiert festhalten, dass (trotz Metagrundlage) Dinge, die die Charaktere in meiner Geschichte sagen nicht automatisch das widerspiegeln, was ICH für den tatsächlichen Ablauf der Dinge halte. Sie sehen die Dinge so, wie sie sich in ihrer Wahrnehmung darstellen.

Ich werde dafür an einer anderen Stelle in der Geschichte dafür sorgen, dass auch meine Version der Dinge zur Sprache kommt. Das als Erklärung nur, falls sich jemand an dieser Diskrepanz stoßen sollte.

Das nun folgende erste Kapitel kann ich aus inhaltlichen Gründen in kein anderes Kapitel einfügen. Es steht daher alleine, ist aber vom Konzept her eigentlich ein zweiter Prolog.

Ich habe mir hier die Freiheit genommen, ein wenig mit dem metaphysischen Aspekt zu spielen, nachdem ja auch Star Wars selber in TFA mit dieser Thematik gespielt hat (Stichwort: Machtgeister). Es wird das einzige Kapitel dieser Art bleiben, wenngleich ich in der Fortführung der Geschichte für aufmerksame (!) Leser auflöse, was dieses Kapitel im ersten Moment an Fragen aufwerfen könnte.

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Kapitel 1

Zeit: undefiniert; kurz nach der Zerstörung der Starkiller Basis

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Ein flüchtiges Gefühl streifte ihn, so als würde ein zarter Schleier über seine nackte Haut wehen. Sanft streichelnd. Umhüllend. Liebkosend.

Falsch.

Nein, nicht falsch.

Ungewohnt. Einfach ungewohnt.

Er versuchte, noch weitere sinnliche Eindrücke zu bekommen, mehr von seinem materiellen Körper zu erspüren. Sich über das Gefühl von Fleisch und Begrenzung wieder in der Wirklichkeit zu verankern.

Schwer und erschöpft waren die Empfindungen, die durch seinen Geist drifteten.

Erstaunlicherweise alles andere als unangenehm. Mehr wie sanfte Wellen, die langsam und träge durch sein Bewusstsein drifteten. Wie das Wasser einer ruhig vor sich hinplätschernden Quelle das ihn forttrug und irgendwann schließlich einfach wieder niederließ. Untergetaucht und eingehüllt in ein zeitloses, unendlich erscheinendes Meer aus Weichheit und Dunkelheit.

Wie einfach es am Ende ist, dachte er bei sich und fühlte, wie seine Gedanken, sein bewusstes Ich, langsam aber unaufhaltsam beiseite geschoben wurden. Bis nur noch ein wirres Durcheinander aus Gefühlen und Eindrücken übrig blieb … und uralten, sorgfältig verborgenen Erinnerungen.

Das unbeschwerte Lachen seines Vaters. Das Gefühl zu fliegen und wieder aufgefangen zu werden, in starken Armen.

Das weiche, geliebte Gesicht seiner Mutter. Ihre wunderschönen Augen, in den wenigen kostbaren Momenten seiner Kindheit, die ihm mit ihr vergönnt gewesen waren.

So voll von Liebe.

Das strahlende Gesicht seiner Mutter verschwamm langsam zu einem leuchtenden Nebel, der sich bis an die äußersten Ränder seiner Wahrnehmung drängte, ihn vollkommen ausfüllte. Er verstärkte die angenehme Empfindung dieses herrlich diffusen Zustands zwischen Schwere und Schweben.

Bevor alles um ihn herum langsam wieder heller wurde.

Bevor er die Stimme bewusst wahrnahm. Die Stimme und … die Worte.

Gib dich keinen Illusionen hin, Kylo Ren. Wir können dir den Tod nicht gestatten. Noch nicht."

Es dauerte ein wenig, bis die noch funktionierenden Reste seines Bewusstseins den Sinn der Worte erfassten und die Stimme, diese Stimme, wiedererkannt hatten. Unendlich lange war sie stumm geblieben. Hatte seine Bitten, sein demütigendes Flehen um Führung und Leitung ignoriert.

Zu lange.

Jetzt wollte er ihr nicht mehr antworten. Warum auch? Für ihn gab es nichts mehr zu tun. Nichts, dass es lohnte, in Worte gefasst zu werden. Keine Unzahl an Entscheidungen mehr, die überlegt und gegeneinander abgewogen werden mussten. Kein Streben nach dem besten Ergebnis mehr, aus einer Vielzahl an Möglichkeiten.

Dennoch erhob sich in ihm ein nur allzu bekanntes Gefühl. Umgeben von einer Aura eisiger Kälte, begann es durch seine weiche Welt zu driften.

Enttäuschung.

Und ein plötzliches Bedürfnis zu widersprechen.

„Er fühlt sich gut an, der Tod."

Das, was du jetzt fühlst ist nicht der Tod. Was du spürst ist der Fluss der Macht, in den du eingebettet bist. Er hat dich vom Rand des Todes zurückgebracht und erhält dich nun in diesem Zustand. Allerdings nicht für lange. Deine Zeit misst sich in Wahrheit nur noch in Momenten."

Die Antwort war interessant genug um die kleine Mühe aufzuwenden und eine weitere Frage zu stellen.

„Warum es dann aufhalten?"

Er überließ sich der Vorstellung, auf ewig in diesem Zustand zu verbleiben. Sein bewusstes Ich loszulassen, den Schmerz, seine Zweifel und die damit verbundene Qual zu vergessen. Einfach in die ihn umgebende Harmonie zu driften und sich in ihr aufzulösen.

Bis ihn die Stimme wieder zu sich holte.

Damit du akzeptieren kannst."

Er wiederholte die Worte in seinem Geist, versuchte ihren Sinn zu erfassen. Rollte sie träge nach vor und wieder zurück. Es nützte nichts, er verstand sie nicht.

„Ist es nicht besser so? Ich war am Ende nicht gut genug", wagte er den Versuch einer Entgegnung. „Ich habe verschont, wo ich hätte zuschlagen müssen. Ich war nachgiebig, wo ich unerbittlich hätte sein müssen. Ich war leichtfertig und habe damit meinen Sieg vertan. Das hat mich vernichtet."

Es erstaunte ihn, wie leicht ihm dieses Eingeständnis fiel. Wie wenig die Erkenntnis seines letztendlichen Versagens dieses neue Gefühl von innerer Ruhe störte.

Das war neu für ihn, aber dieses noch nie erlebte Gefühl von … Zufriedenheit, fühlte sich stark an, souverän. Es gefiel ihm.

Es ist dein Erbe", stellte die Stimme nüchtern fest. Dein Erbe und dein Blut. Es macht dich wertlos für die Dunkle Seite."

Die fast teilnahmslos gesprochenen Worte berührten etwas in ihm. Eine tief in ihm verborgene, sorgfältig überdeckte und gut versteckte Stelle. Eine, die schon immer eine offene Wunde gewesen war.

Die Worte der Stimme kratzen an dieser Stelle, weil er die Wahrheit in ihnen nicht ignorieren konnte.

So bist du nichts Kylo Ren, weniger als nichts. Du möchtest etwas sein, aber du scheiterst in einem fort. Du bewegst dich nicht zwischen den Welten. Du schwankst und fällst unvorhersehbar von hier nach dort. Du bist der Herr deines Hauses, aber du beherrscht es nicht. Was könnte einer wie du der Dunklen Seite geben?"

Die schonungslosen Worte blieben nicht ohne Wirkung. Die ihn umspülende Wärme, der sanft wehende Schleier um seine Haut waren nicht länger angenehm. Die zarte Berührung auf seiner Haut rieb und scheuerte nun wie Sandpapier. Die zuvor wohlige Wärme begann heiß und schwer auf ihm zu lasten.

Die Stimme gewann zunehmend an Schärfe und Kraft.

Du und Deinesgleichen, ihr seid aus bedeutungslosen Wüsten gekrochen und was ist aus euch geworden? Wenig mehr als die nützlichen Sklaven mächtigerer Herren. Wer nicht herrschen kann, muss dienen. Du willst beenden, was vor dir begonnen wurde? Bis jetzt hat deine Stirn nur den Staub des Bodens berührt, über den dein Meister gegangen ist."

Die Vorstellung eines unbedeutenden, verschwendeten Lebens und eines einsamen Todes stieg in ihm auf, schien ihm die Luft abzuschnüren. In einem Versuch sich von diesem erstickenden Gefühl zu befreien stellte er fest, dass er sich nicht bewegen konnte. Nicht nach oben, nicht nach unten und auch zu keiner Seite. Ein Gefühl vollkommener Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins. Man gab ihm seine eigene Medizin zu schmecken und er fand sie furchtbar.

Stell dich der Wahrheit, Kylo Ren. Du willst ein Erbe sein? So wie du jetzt bist, bist du nichts. Ein loses Ende, gescheitert an dir selbst und Gescheiterte wie du …" , donnerte die Stimme, „ … überantwortet die Geschichte dem Vergessen."

Blut rauschte in seinen Ohren. Es wurde von seinem Herz in unnatürlich schnellem Rhythmus durch seinen Körper gehämmert.

Es gibt immer einen Weg. Das …", stieß er mühsam hervor „ … muss nicht mein Schicksal sein."

Das Licht um ihn herum wurde noch heller. So hell, dass es nicht mehr genügte, die Augen zu schließen um sich vor den gleißenden Strahlen zu schützen. Ein unerträglich weißes Licht, das mit aller Macht in seinen Körper eindrang, ihn ausfüllte und jeden einzelnen Nerv seines Körpers mit summen und mit vibrieren ließ.

„Wer soll das jetzt noch abwenden, Kylo Ren? Wer steht noch an deiner Seite? Sag es uns, WER?"

In seinen Ohren tobte und kreischte ein Sturm. Seine Gedanken waren nicht mehr in der Lage, all die Sinneseindrücke, die so plötzlich auf ihn einstürmten, zu verarbeiten. Das komplette Chaos, in das seine wundervolle, harmonische Welt gekippt war, von ihm fernzuhalten.

Er fühlte, dass er starb.

Als hätte das nun wirklich einsetzende Sterben seines Körpers einen Schleier von seinem inneren Auge gerissen, verstand Kylo Ren plötzlich. Was die Stimme ihm zu sagen versuchte. Was sie ihm zu zeigen versuchte.

All seine Begabungen, seine Fähigkeiten, diese enorme Kraft. Wozu?

Ja, die Macht durchdrang ihn, erfüllte ihn, aber sie hatte ihn nie wirklich mit der Welt um sich herum verbunden. Er war allein in seiner Einzigartigkeit, das war er immer schon gewesen. Zurückgewiesen in all seinen Hoffnungen und Wünschen.

Er hatte nie genügt als der, der er war.

Das, was er war, gehörte nicht zur einen Seite und nicht zur anderen. Eine Manifestation der Macht und zugleich eine Verirrung. Eine beunruhigende Besonderheit, auf die niemand eine Antwort zu finden schien. Nicht einmal die infamen Irrlehren der Jedi, deren Antwort auf eine Machtfülle wie seine nur darin bestand, zu beschränken und zu verformen.

So war er der Welt letztendlich fremd geworden. So fremd, wie er auf sie schon immer gewirkt haben musste.

In dicke Lagen aus Stoff gehüllt, das Gesicht hinter unnachgiebigem Metall verborgen. Ein äußeres Skelett, das ihn stützte und durch eine Welt trug, die ihn nicht verstehen konnte und die er nicht mehr verstehen wollte. Eine abweisende, trennende Hülle, die all die Ängste und die Furcht in anderen hervorrief, die er selber in sich trug.

Seine an Besessenheit grenzende Suche nach Artefakten, die ihn mit seiner Abstammung verbanden. Mit Eltern, die nie versucht hatten, ihren verlorenen Sohn zurückzuholen. Tote Dinge, als Ersatz für eine Familie, die für ihn verloren war. Zu der er nie mehr zurückgehen konnte.

Die Stimme hatte recht. Trotz all seiner Fähigkeiten, seiner Einzigartigkeit, seiner vielen Versuche hatte er nichts erreicht, nicht das Geringste.

Er war ein Niemand.

Verdreht, verzerrt.

Pathetisch.

Diese kalte Wahrheit versetze ihn trotz seiner Agonie in solche Auflehnung und Wut, dass alle anderen Sinneseindrücke für den Bruchteil einer Sekunde dahinter zurücktraten. Vor der Macht seines Zorns einfach zurückweichen mussten.

Er konzentrierte all die ihm verbliebene letzte Kraft auf diese Gefühle, Wut und Zorn, ergab sich diesen Emotionen. Potenzierte und verdichtete sie in seinem Geist.

Nie wieder!

Sich dem Unvermeidlichen hingebend ließ er alles, ohrenbetäubend tosenden Sturm, abgrundtiefe Angst, gleißendes Licht und heiß brennenden Zorn in einer rauschenden Woge über sich hinwegfegen. Ihn verschlingen bis in seinen innersten Kern.

Das Gefühl, zerrissen zu werden, war unbeschreiblich. So als würde jede einzelne Zelle seines Körpers danach streben, in eine andere Richtung zu zerren und zu ziehen. So lange, bis er auch den letzten schwachen Widerstand aufgab und das Licht ihn zerbrechen ließ.

Spürte, wie der gescheiterte Versuch, der er gewesen war, in einem einzigen atemberaubenden Augenblick bis auf molekulare Ebene hinab zerfiel.

„Suche in dir selbst, Kylo Ren. DU allein bist die Antwort auf all deine Fragen. Verwandle deine Schwäche in Stärke. Nimm, was dir zusteht. Jage, was dir deine Macht streitig macht und vernichte, was immer sich dir in den Weg stellt", rief die eine Stimme, die aus Vielen bestand „Wir brauchen deinen Zorn, wir brauchen deine Leidenschaft. Wir brauchen deinen Hass!"

Kylo Rens ausgehungerte Seele sog die Worte auf wie einen Schwamm. Sie beflügelten ihn, gaben ihm einen Grund zu atmen. Sein Brustkorb begann wieder damit, sich zu heben und zu senken. Er nahm frische Luft wahr, die durch seine Lungenflügel strömte. Fühlte, wie sein wieder schlagendes Herz seinen Blutkreislauf erneut in Bewegung setzte.

Doch mehr noch als einen wieder erwachenden Körper spürte er endlich in sich die Dunkle Seite in all ihrer Macht.

Die berauschenden Worte der Stimme im Ohr erkannte er die Notwendigkeit, sich ein allerletztes Mal zu unterwerfen. Kylo Ren umarmte die Dunkelheit in sich und sie umarmte ihn.

Und so begann er damit, sich neu zu erschaffen.