Nachdem ich fertig gefrühstückt habe, geht es mir schon viel besser und ich kann auch wieder etwas klarer denken. Ich frage mich, ob Zero nicht eigentlich Unterricht hat. ,, Sag mal, Zero. Hat der Unterricht nicht schon Längst begonnen", frage ich ihn nach einem kurzen Blick auf den Wecker: schon 9 Uhr.

Zero sieht mich fragend an. Dann lächelt er. Es kommt mir vor, als würde er das immer öfter tun, je länger ich hier bin. Aber das bilde ich mir wahrscheinlich nur ein. Als er immer noch nichts sagt, sehe ich ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Doch er lächelt immer noch als er endlich antwortet: ,, Du schnallst es echt nicht oder? Heute ist Sonntag, du Dummerchen." Dummerchen? Was denkt der sich eigentlich? Hey, nur zur Erinnerung, ich bin gestern zweimal

(fast) zusammengebrochen und habe mir den Kopf aufgeschlagen! Wie würdest du dich dann bitte fühlen? Na ja, das würde ich jetzt am liebsten sagen. Tu ich aber nicht. Irgendwie will ich jetzt gerade nicht rumzicken. Stattdessen sage ich:,, Oh, ja, du hast Recht. Ich weiß auch nicht was mit mir los ist." Natürlich weiß ich, was mit mir los ist. Gestern ist so viel passiert, dass ich gerade echt nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Ich kann nicht anders als einmal leise zu schluchzen. ,,Mach dir keinen Kopf. Was immer es ist, das wird schon wieder." Und in Zeros tiefer, rauer Stimme, liegt so etwas mitfühlendes, tröstendes, dass ich nur noch lauter schluchze und die Augen zusammenkneife, damit ich ja nicht schon wieder heule. Doch es hilft nichts. Schon läuft mir die erste Träne über die Wange. ,, Du willst doch hier zur Schule gehen, nicht?" Diese Frage von Zero kommt so überraschend, dass ich eine Weile brauche, bis ich mir mit meinem Ärmel die Tränen wegwische und ,,Ja, schon" antworte. ,,Dann komm, ich zeige dir die Schule", meint Zero und reicht mir ein Taschentuch.

Die private Cross-Akademie ist riesig. Es gibt tausend Gänge und Klassenzimmer und zwei ziemlich große Wohnhäuser. Eines für die Mädchen und eines für die Jungen. Wir bekommen nur selten andere Kinder zu sehen. Zero meint, dass die meisten sonntags runter in die Stadt gehen. Doch das komische ist: ich höre kaum Gedanken ( und ich klammere mich nicht wie gestern an Zero!). Was ich zwar gut finde, aber auch verwirrend. Als ich also ein junges Mädchen mit Brille und zwei hellbraunen Zöpfen sehe, das mir ganz nett erscheint, bleibe ich kurz stehen und konzentriere mich ganz auf sie, bis ich weiß, was sie denkt: Nämlich dass Zero heute noch besser aussieht als sonst und ob ich wohl seine Freundin bin. Und dann sieht sie schüchtern zu Boden und läuft an uns vorbei während sie denkt, dass sie gegen eine Schönheit wie mich wohl keine Chance hat. Schönheit? Ich möchte ihr schon fast sagen

dass ich finde, dass ich mit meinem zerzausten Haar, der Wunde am Kopf und dem unförmigen Kapuzenpulli wohl kaum als Schönheit durchgehe und dass ich auch nicht Zeros Freundin bin. Doch der nimmt mich an der Hand und zieht mich weiter und bewahrt mich damit vor der großen Dummheit, mich gleich am ersten Tag als Gedankenlese-freak zu outen. Wir gehen immer nach oben bis wir offenbar unser Ziel erreicht haben: Die Plattform auf dem Dach. ,,Von hier oben kannst du das ganze Gelände sehen", sagt Zero und führt mich an den Rand der Plattform. Und wirklich, ich sehe alle Orte, die er mir zuvor gezeigt hat: die Pferdeställe, die Koppel, das Haus des Schulleiters, die Wohnhäuser…. Stopp mal. Ich dachte es gäbe nur zwei. Aber von hier aus sieht man, dass es zwei Brücken gibt die von der Schule wegführen. Die, die wir benutzt haben und eine, die zu einem weiteren Wohnhaus führt. Zwar kann man es von hier aus nicht ganz genau erkennen, aber es sieht fast so aus wie ein kleines Schloss. ,,Zero", frage ich , ,,was ist das da für ein Wohnhaus? Wieso sieht es aus wie ein Schloss?" Zero überlegt kurz, bevor er antwortet:,, Vor kurzer Zeit gingen hier auch… sehr reiche Kinder zur Schule. Aber sie haben die Schule verlassen. Nach.. dem Unfall." ,,Äh, was war denn das eigentlich für ein Unfall?" ,, Du stellst eindeutig zu viele Fragen", behauptet Zero bevor er sich umdreht und sagt:,, Du wolltest doch unbedingt den Rektor sprechen. Er dürfte inzwischen da sein, schätze ich."

Als wir am Büro des Rektors ankommen, bin ich komischerweise ein bisschen aufgeregt und irgendwie verspüre ich den Drang, meine Kapuze wieder aufzuziehen. Doch jetzt ist es eh zu spät, denn schon hat Zero an der Tür geklopft du es ertönt ein freundliches ,,Herein". Zero nimmt mich an die Hand ( sonst würde ich wohl noch morgen hier stehen), öffnet die Tür und betritt mit mir zusammen das Zimmer. Es ist ein relativ geräumiges Büro. Ich stehe nicht weit vom Schreibtisch entfernt ( der in der Mitte scheinbar durchgebrochen ist) hinter dem der Rektor sitzt. Sein schulterlanges Haar ist zu einem Zopf gebunden und er trägt eine Lesebrille. Erst als Zero sich einmal kurz räuspert, sieht er zu uns auf. Der Schreck steht ihm ins Gesicht geschrieben, als er mich erblickt ( Toll- dank meiner Haare werde ich mich wohl niemals vorstellen müssen). Da ich nicht weiß, was ich sonst tun oder sagen soll, ziehe ich den Brief meiner Tante aus der Tasche an meinem Pulli, in die ich ihn heute morgen noch schnell gesteckt habe, und überreiche ihn dem Rektor. Während er liest, konzentriere ich mich auf seine Gedanken um zu erfahren was in dem Brief steht:

Lieber Kayen,

wenn du diesen Brief liest, dann bin ich leider nicht mehr. Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast. Du warst mir immer ein guter Freund und ein ausgezeichneter Partner. Du bist der einzige, dem ich wirklich vertraue. Deshalb möchte ich dich um einen letzten Gefallen bitten: Ich bitte dich, kümmere dich gut um Sayo. Sie hat sonst niemanden mehr und wenn du es nicht tust, dann werden die Vampirjäger sie höchstwahrscheinlich aufspüren und töten. Doch ich weiß, bei dir ist sie sicher.

Tschüss und nochmals tausend Dank

Rin

P.S: Ich sollte dir vielleicht sagen, dass Sayo inzwischen ein Vampir ist. Aber biete ihr bloß keine Bluttabletten an oder sie wird dich hassen!

Hier endet der Brief. Tante Rin. Also ehrlich, sie dachte also, dass ich sie oft ignoriert habe, weil sie mir gleich am ersten Tag eine Bluttablette anbot, worauf ich zugegebenermaßen ziemlich allergisch reagierte. Aber ich hasse nun mal Vampire und ich will einfach nicht so sein wie sie. Der Rektor reißt mich aus meinen Gedanken, indem er aufsieht und mich warm anlächelt. Doch damit kann er nicht verbergen, wie bestürzt er offensichtlich über Rins Tod ist. Dann sagt er: ,, Du bist also Sayo. Herzlich willkommen. Es freut mich wirklich sehr, dich kennen zu lernen. Deine Tante hat mir viel von dir erzählt.

Vor allem, dass du ziemlich taff bist." Taff? Das hat sie gesagt? Nein, ich bin alles andere als taff. Ich bin so feige, denn wenn es darauf ankommt, dann bin ich jedes Mal schwach. So wie jetzt auch, denn ich merke, dass ich schon wieder drauf und dran bin zu heulen und weil das niemand sehen soll renne ich so schnell ich kann aus der Tür, durch das ganze Gebäude, über den Hof und bleibe erst stehen, als ich ein kleines Stück Wald erreicht habe, wo ich meinen Tränen schließlich freien Lauf lasse. Ich weiß nicht, wie lange ich schon dort auf dem kalten Boden sitze und weine, als ich höre wie sich jemand neben mich setzt und sagt: ,, Hab ich dich endlich gefunden, taffe Heulsuse." Ich kann nicht anders als Zero für diese Bemerkung den Ellenbogen so fest in die Seite zu rammen, wie ich nur kann. Der hustet und schnappt nach Luft, aber es tut mir trotzdem nicht im geringsten Leid. ,, Wieso reagierst du eigentlich dermaßen hysterisch, wenn jemand das Wort taff sagt?", will er wissen und fügt lächelnd hinzu:,, und jetzt hau mich bloß nicht gleich wieder." Auch wenn mich seine Art momentan tierisch nervt, beschließe ich, ihm die Wahrheit zu sagen:,, Weil ich immer taff sein wollte, und immer dachte, ich bin es auch, aber als es darauf ankam, habe ich total versagt." ,,Ach echt? Wieso", hakt Zero nach. Aber ich habe jetzt keinen Bock, ihm das alles zu erzählen, also antworte ich:,, Ist ne lange, lange Geschichte. Soll ich dir jetzt hier wirklich meine ganze Lebensgeschichte erzählen?" ,,Ich hab gerade Zeit", gibt er zurück. Schließlich gebe ich nach. Ich habe das Gefühl, es wäre gut, es einfach mal alles zu erzählen und das unerklärliche Gefühl, dass er mich verstehen wird.

,,Also, ich bin geboren und aufgewachsen in den USA, obwohl meine Eltern hier aus Japan stammen. Du hast sicher schon mal von ihnen gehört, von der berühmten Vampirjägerfamilie Uchiha, in der übrigens jeder pinkes Haar hatte. Und sicher auch von meinen Eltern. Und dann weißt du sicher auch dass wir bis zu ihrem Tod in der verbotenen Stadt lebten, von der bis dahin niemand wusste. Verboten weil dort adelige Vampire und Vampirjäger zusammen versteckt lebten, um voneinander zu lernen. Damals war es mein größtes Ziel, die größte und mutigste Vampirjägerin in der Geschichte zu werden.

Na ja, jedenfalls waren meine Eltern gut mit den Reinblütern Collen befreundet. Unsere beiden Familien lebten zusammen in einer großen Villa. Meine Familie bestand aus mir, meiner Zwillingsschwester Mika und meinen Eltern. Auch die Collins hatten ein Kind. Sein Name war Daniel. Ich mochte ihn sehr, so sehr, dass ich vergaß, wie gefährlich die Reinblüter doch sind. Was er mir nur zu deutlich zeigte, als ich eines Tages von der Schule heimkam und ein Meer aus Blut vorfand. Alle waren sie tot. Meine Eltern, seine Eltern und bald auch Mika, die er in dem Moment voller Gier aussaugte. Es hatte wohl offensichtlich ein Kampf stattgefunden, denn auch er hatte schlimme Wunden. Als er mich erblickte, ließ er meine Schwester los und rannte auf mich zu. Ich stand nur steif vor Schock da, als er mir seine Zähne in den Hals rammte. Doch schließlich schaffte ich es ihn an eine Stelle an seiner zu treten, die ohnehin schon schwer verletzt war und er sank zu Boden. Ich rannte zu Mika, obwohl ich wusste, dass ich ihr nicht mehr helfen konnte. Sie flüstere: ,Du kannst mir nicht mehr helfen, Wenn eine von uns weiterleben soll, dann du, denn du bist perfekt. Und jetzt geh schnell und trink von Daniels Blut bevor sein Herz aufhört zu schlagen. Nur so wirst du nicht zum Level E. Ich hab dich lieb, Sayo.` Ich bereue bis heute, dass ich ihr auf diese letzten Worte keine Antwort gab, sondern tat, was sie sagte. Und obwohl ich damals noch nicht einmal Vampirzähne hatte, trank ich von Daniels Blut, so viel ich konnte. Das nächste, was ich weiß, ist dass ich bei meiner Tante aufwachte. Seitdem kann ich übrigens Gedanken lesen. Und ach ja: Seitdem hasse ich diese verdammten Vampire!" Die einzige Antwort, die Zero mir gibt, ist dass er mich traurig ansieht. Dann beugt er sich zu mir vor. Seine Zunge berührt zärtlich meinen Hals. Ich spüre wie sich zwei Vampirzähne langsam in meinen Hals bohren. Doch es tut nicht weh. Ich realisiere es noch nicht einmal richtig. Ich spüre nur wie mein ganzer Körper auf einmal warm wird und mein Gehirn ist wie benebelt. Es ist ein wunder, dass es überhaupt erfasst, was mich jetzt wie ein kalter Schlag trifft: Zero ist ein Vampir! Benebelt wie ich bin stoße ich ihn schwach weg und flüstere mit zitteriger Stimme: ,,Du bist ein Vampir!"

Keuchend antwortet er:,, Ja, das bin ich. Seit auch meine Familie von einem Reinblüter umgebracht wurde. Und auch ich hasse diese Biester so sehr. Hasst du mich jetzt, da du weißt, was ich bin, Sayo?" ,,Ich liebe dich", kommen die Worte ganz ohne jede Vorwarnung aus meinem Mund. Doch ich merke, dass sie wahr sind. Doch Zero hasst Vampire! Hasst er mich? Langsam beuge ich mich vor, presse meine Lippen gegen Zeros Hals, doch er weicht nicht zurück. Und als ich sein süßes Blut schmecke, explodiert der Geschmack auf meiner Zunge und mein Körper brennt plötzlich so heiß wie Feuer. Es ist so schön, so wunderbar, so erfüllend nach all diesen Jahren, dass ich mich regelrecht zwingen muss, mich wieder von Zero zu lösen. Mein Atem ist genau wie seiner nur noch ein Keuchen und ich ringe noch immer nach Luft als ich ihm die selbe Frage stelle, die er auch mir gestellt hat:,, Hasst du mich?" ,,Ich liebe dich", antwortet er. Wieder beugt er sich vor. Doch er beißt mich nicht. Stattdessen beißt er sich leicht in die eigene Lippe, ein paar Tropfen Blut erscheinen auf seiner Lippe und als er mich küsst, fühlt es sich an, als explodiert mein ganzer Körper vor Hitze und alles um mich herum verschwindet.