Chapter One: Disappeared
Panik roch in Sam hoch, während er um die Bäume in der Nähe herumlief und immer wieder den Namen seines Bruders rief. Nirgends konnte er auch nur den kleinsten Hinweis darauf entdecken, was Dean zugestoßen war. Und was ihn noch mehr frustrierte, war die Tatsache, dass er auch das Haus aus seiner Vision nirgendwo finden konnte.
„Deeeeeaan? Deeeeaan? Sag doch irgendwas, wenn du mich hören kannst! Deeaan!"
Das konnte doch nicht wahr sein! Sein Bruder konnte nicht einfach so verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen!
In seiner Verzweiflung wandte er sich dem Erdboden zu, kniete sich an der Stelle hin, an der er Dean zuletzt gesehen hatte, und durchwühlte mit den Händen das vielfarbige Laub, das den Boden bedeckte. Vielleicht war Dean ja urplötzlich unter die Erde gezogen worden und hatte keine Gelegenheit mehr gehabt zu schreien. Doch der Waldboden wies keinerlei Anzeichen für diese Theorie auf, weder aufgelockerte Erde noch Spuren von Fingern, die sich verzweifelt irgendwo festzukrallen versucht hatten.
Langsam stand Sam auf und ließ die Schultern mit einem frustrierten Seufzen sinken, während er seinen Blick ziellos schweifen ließ.
„Deeeean!", rief er noch einmal, bevor er verzweifelt und wütend das Laub vor ihm in die Luft kickte. „Wo zum Teufel steckst du?"
Was nützten ihm diese verfluchten Visionen, wenn er dieses verdammte Haus nicht finden konnte?
Er schloss die Augen, versuchte, sich zu konzentrieren. Als er sie wieder öffnete, lag ein entschlossenes Funkeln darin.
Er würde dieses dämliche Gebäude und seinen Bruder finden. Und wenn er dafür den ganzen Wald umgraben musste!
Unterdessen behielt Dean seinen vermeintlichen kleinen Bruder genau im Auge und studierte dessen Verhalten, um Anzeichen auf eine eventuelle Besessenheit feststellen zu können. Oder dafür, dass „Sam" vielleicht doch nicht besessen war. Als der Andere drohend näher kam, hob der Ältere der Winchester-Brüder abwehrend die Hände. „Hey, Mann, kein Grund, sich so aufzuregen. Ich habe nicht vor, dir irgendwas anzutun."
„Sam" schnaubte zornig. „Ach wirklich nicht? Hältst du mich etwa nicht für einen Freak? Einen gefährlichen, abnormalen Freak mit einer Begabung, die dir einerseits Angst macht, die du aber andererseits am liebsten selbst haben würdest? Ist es nicht so? Fühlst du dich etwa nicht benachteiligt? Bist du etwa nicht eifersüchtig auf meine Fähigkeiten? Würdest du mich nicht allzu gerne umbringen, um mich endlich los zu sein? Damit ich nicht zu einer Gefahr für dich werde und du nicht ständig mit deiner eigenen Mittelmäßigkeit konfrontiert wirst?"
Über Deans Gesicht glitt verwirrtes Lächeln. Was war bloß plötzlich in seinen Bruder gefahren? Lag dessen verändertes, aggressives Verhalten etwa an diesem Ort? „Was redest du da? Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich nicht für ein Monster halte."
„Lügner!", unterbrach ihn der Andere und auf einmal wurden „Sams" Augen vollkommen schwarz.
Dean wusste sofort, was das bedeutete, und wich entsetzt zurück. Nein, nicht Sam, nicht sein kleiner Bruder, betete er im Stillen, doch er wusste, dies würde nichts helfen.
Als sich der Jüngere leicht duckte, um sich auf sein Opfer zu stürzen, reagierte Dean instinktiv: Er zog blitzschnell seine Waffe und schlug seinen Angreifer mit dem Griff der Pistole bewusstlos.
„Tut mir wirklich Leid, Kleiner. Aber das ist nur zu deinem Besten."
Mit einem gequälten Seufzen sah er dabei zu, wie sein vermeintlicher Bruder ohnmächtig zu Boden ging und fluchte leise. Er hatte gewusst, dass dies irgendwann passieren würde. Sams außergewöhnliche Fähigkeiten mussten Dämonen anziehen wie das Licht die Motten. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis einer von ihnen beschloss, dem Körper seines kleinen Bruders einen Besuch abzustatten. Davor hatte er sich schon die ganze Zeit über gefürchtet, seit Sam ihm gestanden hatte, dass er Visionen hatte und zudem auch noch Dinge mit Hilfe seiner Gedanken bewegen konnte.
Deans rechte Hand wanderte in die Innentasche seiner Jacke, doch das, was er suchte, befand sich nicht dort, wo es eigentlich hätte sein sollen.
Verflucht, er hatte das Tagebuch seines Vaters im Wagen liegen lassen! Wie sollte er ohne John Winchesters Notizen eine Dämonenaustreibung durchführen?
Aus der Seitentasche seiner Jacke holte er eine Packung Salz hervor und zog einen weiten Kreis um den bewusstlosen Körper. Das würde den Dämon hoffentlich solange in Schach halten, bis Dean mit dem Tagebuch zurück war.
Der panikerfüllter Schrei eines Kindes ließ ihn aufhorchen. Er hob alarmiert den Blick und sah in die Richtung, aus welcher der Schrei gekommen war. Sofort hielt er fassungslos inne. Direkt vor ihm, nur wenige hundert Meter entfernt, zeichnete sich die Fassade eines Hauses zwischen den Bäumen ab. Viktorianischer Stil. Einstöckig mit Dachboden und reich verzierter Fassade. Wie Sam es ihm beschrieben hatte.
Dean wandte sich an den Bewusstlosen, während er das Salz wieder einsteckte. „Ist das vielleicht das Haus, das du in deinen Träumen gesehen hast?"
Er stöhnte leise frustriert auf, als er das Kind erneut schreien hörte, und sein Blick wanderte unruhig zwischen dem Gebäude und seinem vermeintlichen Bruder hin und her. Wen sollte er zuerst retten? Sam oder den Jungen? Den Jungen oder Sam?
Er wusste, sein Bruder würde es ihm und auch sich selbst nie verzeihen, wenn seinetwegen ein Kind starb. Aber Dean würde es sich niemals verzeihen können, wenn Sam draufging, obwohl der Ältere ihm hätte helfen können.
Ein letzter Blick auf den Bewusstlosen ließ ihn eine schwere Entscheidung treffen. Sein Bruder konnte hoffentlich gegen den Dämon ankämpfen, der Kleine war aber ganz sicher nicht in der Lage, sich wirkungsvoll zu wehren. Außerdem bestand die Möglichkeit, dass die dunkle Magie dieses Ortes Sam verändert hatte und er wieder normal werden würde, sobald Dean den Bann gebrochen hatte.
Und es war ja nur ein einfacher Job: Rein ins Haus, sich das Kind schnappen, wieder verschwinden und dabei hoffen, dass der Dämon, der Sam vielleicht gerade besetzte, nicht inzwischen dessen Körper vollständig aushöhlte. „Ich bin bald wieder da. Warte hier auf mich und kämpf gefälligst gegen diesen dämonischen Mistkerl an, falls einer in dir drinsteckt. Hast du verstanden?", verabschiedete er sich und stürmte los, direkt auf das Haus zu.
Verdammt! Er hatte es gewusst! Sie hätten zuerst die Familie des Jungen befragen und weitere Nachforschungen über das Haus anstellen sollen, bevor sie sich den Tatort ansahen. Dann hätten sie sich besser vorbereiten können und Dean wäre nicht einfach so verschwunden!
Aber nein, der gnädige Herr, sein älterer Bruder, hatte ja unbedingt herausfinden wollen, wie man in diesem Wald von einer Sekunde auf die andere verloren gehen konnte. „Der Wald liegt direkt auf unserem Weg in die Stadt. Da könnten wir uns doch auch zuerst den Tatort ansehen.", hatte er vorgeschlagen und dabei seine Neugier geschickt heruntergespielt.
Sam schnaubte wütend auf. Eigentlich geschah es Dean ganz recht, dass er gerade am eigenen Leib erfahren hatte, wie man in diesem Wald so schnell verschwinden konnte.
Der Jüngere der Winchesters seufzte verzweifelt auf. Nein, das sollte er nicht denken. Selbst wenn der Dickkopf seines Bruders seiner Meinung nach manchmal einen Dämpfer verdient hatte, wünschte sich Sam auf keinen Fall, dass Dean irgendeiner bösen Macht zum Opfer fiel.
Doch das würde diesem wahrscheinlich zustoßen, wenn sein jüngerer Bruder nicht bald dieses verdammte Haus fand.
Über ihm begann es zu dämmern und Sam seufzte frustriert auf. Wenn er das Gebäude schon tagsüber nicht entdecken konnte, wie sollte er es dann nachts ausmachen können?
Doch er wollte hier nicht weg. Nicht ohne Dean!
Entschlossen zog er seine Taschenlampe hervor und ließ ihren Strahl über die immer dunkler werdenden Bäume und Sträucher wandern. Dann marschierte er weiter, umkreiste jeden Baum und untersuchte den Erboden nach versteckten Löchern oder Fallen.
Irgendwohin musste sein Bruder doch verschwunden sein! Wäre seine Vision nur etwas präziser gewesen! Dann hätte er vielleicht auch gewusst, wie er zu diesem Haus kommen sollte, in dem der Junge und nun vermutlich auch Dean gefangen waren.
Plötzlich entdeckte er ein flackerndes Licht in südöstlicher Richtung vor ihm. Es sah aus wie der Schein einer Taschenlampe, deren Batterien langsam den Geist aufgaben.
Oder wie ein größeres Irrlicht, das laut der Sage Reisende im Wald in die Irre führte, wenn man ihm folgte.
Sam schüttelte leicht den Kopf, um diesen unsinnigen Gedanken abzuschütteln. Manchmal machten ihn Deans Verschwörungstheorien richtig paranoid. Solche Vermutungen hatte er in seiner Zeit an der Uni jedenfalls nicht angestellt. Und das trotz des intensiven Waffentrainings und Dämonenlehrgangs seines Vaters.
Wahrscheinlicher war die Möglichkeit, dass er sich geirrt hatte oder die Strahlen der untergehenden Sonne sich in irgendeinem weggeworfenen Stück reflektierender Alufolie spiegelten.
Oder das Licht kam aus dem Haus, das er schon die ganze Zeit über suchte.
Diese Idee machte ihm Hoffnung. Hoffung darauf, dass er seinen Bruder doch noch finden konnte, ohne vorher die Zeitungsarchive der Stadt durchsuchen zu müssen und stundenlang in der Bibliothek zu verbringen, während Dean litt.
Und wenn er genauso gepeinigt wurde wie der kleine Junge, dann litt sein älterer Bruder gerade Höllenqualen!
Sam musste sich beeilen. Er durfte nicht zulassen, dass er Dean verlor oder zu lange leiden ließ, bis er ihn nicht mehr retten konnte. Denn wenn er ehrlich war, war es sein älterer Bruder, der ihm half, diesen Kampf gegen das Böse durchzustehen, ohne durchzudrehen. Ohne Dean hätte er bestimmt beim Versuch, Jess' Mörder zu finden und zu töten, schon längst sein Leben verloren.
Daher zog er die Waffe, die sein Bruder ihm gegeben hatte, und schlich langsam auf das flackernde Licht in etwa dreihundert Metern von ihm entfernt zu.
Dean lief auf das Haus zu und ließ seinen Blick ungläubig über die rot-weißgestrichene Fassade schweifen.
Das Gebäude sah aus, als hätte sich ein Adeliger einen schmucken Stadtwohnsitz bauen lassen. Und zwar mitten im Wald.
Ein ziemlicher Aufwand für ein Gebäude, das an dieser abgelegenen Stelle kaum jemand zu Gesicht bekam.
Er zog seine Waffe und eilte die breite Treppe zur Haustür hinauf, vor der er zum Stehen kam. Selbst diese überraschte ihn. Sie war weder teilweise verwittert noch voller Spinnweben oder von einer dicken Staubschicht bedeckt. Entweder war hier Magie im Spiel oder der Besitzer hatte einen Ordnungsfimmel.
Wenn das Zweite zutraf, dann würde sich der Herr oder die Dame des Hauses wahrscheinlich prächtig mit Sam verstehen.
Bei diesem Gedanken zog Dean eine Grimasse und warf einen Blick zurück auf seinen vermeintlichen Bruder, der zum Glück immer noch bewusstlos am Boden lag. Er musste sich beeilen und durfte nicht zu viel Zeit mit unsinnigen Vermutungen verplempern. Das hatte ihm sein Vater schon oft genug eingeschärft.
Gerade wollte er den Türknauf packen und mit der Schulter gegen das Holz rammen, um die Tür aufzubrechen, als diese von allein ein kleines Stück aufschwang. Sofort wurde sein Griff um die Pistole fester, während er die linke Hand ausstreckte, um die Tür weiter aufzustoßen. Wachsam lugte er in die Dunkelheit des Hauses hinein, erhaschte jedoch nur Schatten undefinierbarer Herkunft.
Mit einem leicht frustrierten Seufzen kramte er seine Taschenlampe aus den Untiefen seiner Jacke hervor. Wenn sein Vater jetzt hier gewesen wäre, dann hätte ihm das nicht passieren dürfen. Nie ohne vorher die Taschenlampe anzuschalten die Tür eines stockdunklen Hauses öffnen. Schließlich konnte wer-weiß-was dahinter lauern.
Der kleine Lichtstrahl wanderte über den Parkettfußboden, einen Sekretär, einen massiven Schrank und einen kleinen Abstelltisch, während Dean sich ausgiebig in der Eingangshalle umsah. Links vor ihm führte ein Gang in den hinteren Bereich des Hauses und rechts von ihm ein weiterer Flur in einen Nebentrakt.
Alles war blitzsauber, von Spinnweben oder Staub keine Spur. Als würde dieses Gebäude noch bewohnt werden.
Die Assoziation mit einem anderen, ähnlich aussehenden Haus kam ihm in den Sinn. „Willkommen in Halliwell Manor! Und wo stecken jetzt Phoebe, Piper und Prue? Bitte lass die Hexe, die hier wohnt, so aussehen wie Alyssa Milano.", murmelte er leise vor sich hin, als er auf einmal ein leises Wimmern hörte.
Der Junge!, ging es ihm durch den Kopf. Er tat ein paar Schritte nach vorne in die Richtung, aus welcher der Laut gekommen war, als plötzlich hinter ihm die Eingangstür mit einem lauten Knall ins Schloss fiel. Dean zuckte kurz erschrocken zusammen und wirbelte herum. Nichts.
Er atmete tief durch und ermahnte sich dann im Stillen, nicht so verdammt schreckhaft zu sein. Immerhin konnte auch ein heftiger Windstoß für das Zuschlagen der Tür verantwortlich gewesen sein.
Als er sich umdrehte und die Suche nach dem Jungen eilig wieder aufnahm, huschte ein schwarzer Schatten lautlos hinter seinem Rücken an ihm vorbei und folgte ihm dann in den hinteren Teil des Gebäudes.
Mit vollster Konzentration darum bemüht, sowenig Geräusche wie möglich zu verursachen, schlich Sam durch das Unterholz auf das Licht zu.
Wenn Dean ihm hier nur einen dummen Streich spielte, um ihn zu erschrecken, dann konnte dieser aber was erleben!
Denn inzwischen war sich der jüngere Winchester sicher, dass der Lichtstrahl von einer Taschenlampe herrührte.
Jedenfalls hoffte er das.
Seine Schusswaffe in der rechten und seine eigene Taschenlampe ausgeschaltet in der linken Hand tat er mehrere Ausfallschritte nach links, den Blick immer nach vorne gerichtet, wo der Lichtstrahl suchend über Bäume, Sträucher und den Waldboden wanderte.
Als dieser in seine Richtung zu kommen drohte, duckte sich Sam eilig hinter eine Kastanie mit breitem Stamm und wartete mit angehaltenem Atem darauf, dass der Besitzer der Taschenlampe an ihm vorbeiging.
Selbst wenn es nicht Dean war, so war es doch in Sams Augen ziemlich verdächtig, dass eine einzelne Person abends ganz allein in einen Wald umherspazierte, in dem schon mehrere Menschen spurlos verschwunden waren. Und dann schlich diese Gestalt auch noch wie ein Verbrecher durch das Unterholz, als führte er irgendetwas im Schilde!
Vorsichtig linste er hinter dem Baum hervor und warf einen Blick auf die fremde Person. Endlich konnte er mehr erkennen: Es war eindeutig ein Mann und ganz sicher nicht Dean. Der Typ war über eins neunzig groß, eine Körpergröße, von der sein älterer Bruder meilenweit entfernt war. Dazu einen dunklen Mantel, schwarze Hose, schwarze Schuhe. Und dann dieser verstohlene Blick, als hätte er etwas zu verbergen.
Plötzlich blieb der Fremde stehen, sah sich um und holte dann aus der Innentasche seines Mantels ein altes Buch hervor. Er schlug es auf und ließ den Schein seiner Taschenlampe über die Seiten wandern.
Sam hörte ihn etwas leise murmeln. Es klang wie eine Beschwörung. War dieser Typ etwa für Deans Verschwinden verantwortlich? War er ein Hexer und hatte dem Älteren der Winchester-Brüder einen Fluch angehängt? Oder rief er gerade irgendein Monster, das diesen Wald heimsuchen sollte?
Ohne weiter darüber nachzudenken gab Sam seine Deckung auf, trat hinter dem Baum hervor und zielte mit seiner Waffe auf den Rücken des Unbekannten. „Keine Bewegung! Hören Sie auf zu lesen und drehen Sie sich langsam zu mir um!"
