Chapter Three: Helpless

„Hören Sie, ich weiß, ich habe Sie belogen, aber müssen Sie mir deswegen gleich den Arm brechen?"
Eigentlich fragte sich ein Teil in seinem Inneren, ob diese grobe Behandlung wirklich nötig war. Sam konnte immer noch nicht mit Bestimmtheit sagen, dass der Fremde ein Hexer war, der Dean in dieses Höllenhaus geschickt hatte. Widerwillig ließ er den Anderen los. „Wieso haben Sie gelogen? Haben Sie etwa irgendetwas mit dem Verschwinden der Menschen in diesem Wald zu tun?"
Der Ältere drehte sich um und rieb sich mit betretener Miene den Arm. Scheinbar tat es ihm nicht nur aufgrund der Schmerzen Leid, dass er gelogen hatte. „Nein, ich habe wirklich nichts damit zu tun. Ich befürchtete nur, dass Sie mir niemals zuhören würden, wenn ich Ihnen meinen wirklichen Namen verrate. Ich habe in letzter Zeit schon zu oft erlebt, dass man mich ansieht, als wäre ich ein armer Irrer, wenn ich mich vorstelle."
Sam runzelte verwirrt die Stirn. Bedeutete das etwa, dieser Kerl war irgendein Verrückter? „Wieso? Wer sind Sie denn?"

Sein Gegenüber holte aus der rechten Hosentasche den Geldbeutel hervor, um seinen Ausweis vorzuzeigen. „Mein Name ist Holloway. Peter Holloway."
Die Augen des jüngeren Winchester wurden vor Erstaunen groß, während er den Ausweis eingehend auf seine Echtheit hin prüfte. Dieser sah verdammt echt aus! Jedenfalls wesentlich echter als die Dinger, die Dean ihm sonst immer andrehte. „Sie sind Peter Holloway? Der Peter Holloway, Professor für Parapsychologie an der CSU (Cleveland State University)? Der Mann, der versucht hat nachzuweisen, dass es sich bei den seltsamen Unfällen am Ufer des Lake Erie vor drei Jahren um paranormale Aktivitäten handelte?"
Holloway seufzte frustriert auf. „Ja, die Betonung liegt auf
versucht. Außerdem hat man mich rausgeworfen, nachdem dieser ,Versuch' komplett fehlgeschlagen ist. Nun ja, fehlgeschlagen ist er eigentlich nicht, nur wollte mir keiner glauben. Wahrscheinlich haben die eh nur darauf gewartet, dass ich irgendetwas Dummes tue, damit sie mich entgültig absägen können."

Deans Bruder konnte Verzweiflung in den Augen des Professors aufblitzen sehen und verstand sie nur zu gut. Man kämpfte jahrelang gegen Menschen an, die eine andere Sicht auf die Welt nicht zählen lassen wollten, wenn diese nicht ihren Vorstellungen entsprach. Und wenn man seine eigene Meinung dennoch durchsetzen wollte, wurde man prompt wie ein Aussätziger behandelt.
Mit Mühe schluckte er die in ihm aufsteigende Wut wieder hinunter. Hier ging es nicht um seinen Vater, sondern um seinen älteren Bruder, der immer noch in dieser Parallelwelt feststeckte. Falls Holloway Recht hatte.
Er wusste nicht, weshalb, aber tief in seinem Inneren glaubte Sam dem Älteren dessen Geschichte. Selbst wenn sein Verstand ihn immer noch davor warnte und die Angst um Dean ihn dazu treiben wollte, einen Schuldigen für diese Situation zu finden.
„Und jetzt sind Sie hier, weil sich an diesem Ort vielleicht die nächste Chance bietet, Ihre Theorien zu beweisen.", vermutete er ohne eine Spur eines Vorwurfs in der Stimme.
Dennoch senkte der Professor leicht beschämt den Kopf. „Ja, eigentlich hatte ich das auch vor. Aber dann verschwand Brian Foster und ich wollte plötzlich einfach nur helfen." Er sah auf und blickte dem Jüngeren direkt in die Augen. „Ich habe einen Neffen in dem Alter. Ich meine, ich weiß nicht, was dem Jungen dort in dieser Welt gerade zustößt, aber ich vermute, es ist nichts Gutes."

Sam nickte zustimmend. „Ja, das befürchte ich auch."
Plötzlich kam ihm ein erschreckender Gedanke und er sah sich beinahe hilflos um. „Aber was ist, wenn wir ebenfalls schon in dieser Welt festsitzen und das alles hier nur eine Halluzination ist?"
Peter runzelte alarmiert die Stirn. „Haben Sie etwa das Haus gesehen? Oder wären Sie bereit, aus Angst jemanden zu töten?"
Deans Bruder schüttelte den Kopf. „Nein. Aber sind das wirklich die Voraussetzungen dafür, mit dem Fluch belegt zu werden? Ein zehnjähriges Kind würde doch ganz sicher keinen Mord an einem Menschen begehen. Genauso wenig wie mein Bruder."
Der Ältere runzelte überrascht die Stirn. „Sie arbeiten mit Ihrem Bruder zusammen?" Als Sam ihm daraufhin einen irritierten Blick zuwarf, winkte er entschuldigend ab. „Was ich eigentlich fragen wollte, war, ob Sie sich dessen wirklich sicher sind. Können Sie mit hundertprozentiger Bestimmtheit sagen, dass Ihr Bruder niemals in seinem Leben einen Menschen aus Angst töten würde?"
Der jüngere Winchester wollte nicht darüber nachdenken. Ja, Dean konnte aufbrausend sein und versteckte seine Gefühle oft solange hinter einer coolen Fassade, bis sie in einem Wutanfall hervorbrachen. Aber er würde nie einen Menschen töten, nur weil er sich vor diesem fürchtete. Einen Dämon vielleicht, aber ganz sicher keinen Menschen.
Und selbst wenn: Was für eine Art Mensch musste das sein, wenn Dean bereit war, diesem eine Kugel in den Kopf zu jagen?

„Ich kann das nicht.", brachte der junge Mann mühsam hervor, obwohl es ihm sichtlich schwer fiel, seinem Vater zu widersprechen. „Nicht Sam. Nicht meinen kleinen Bruder."
John seufzte, senkte mit gequältem Blick den Kopf. „Ich weiß, ich habe dir immer eingeschärft, Sammy zu beschützen und dafür zu sorgen, dass ihm nichts zustößt. Aber wenn es uns nicht gelingt, den Dämon auszutreiben, ist das nicht mehr dein Bruder, sondern ein Monster, das ohne zu zögern Menschen quälen und töten wird, wenn wir es nicht aufhalten. Und Sam würde auch erwarten, dass wir ihn umbringen, bevor ein Dämon in seinem Körper Morde begeht."
Dean machte sich los und wandte sich ab. Sein Blick fiel auf das Gebäude und im Stillen verwünschte er es dafür, was es seinem kleinen Bruder angetan hatte.
Warum waren sie nur hier herausgefahren? Weshalb hatten sie nicht erst gründlich recherchiert, wie Sam es vorgeschlagen hatte? Wieso hatte er nur seinen Willen durchgesetzt und darauf bestanden, sich erst den „Tatort" anzusehen?

Das viktorianische Haus schien ihn zu verhöhnen. Es wirkte wie eine Festung, die sich uneinnehmbar gegen den Mond direkt hinter ihm abhob. Es schien ihm sagen zu wollen, dass er es zwar betreten durfte, seinen Bruder jedoch trotzdem nicht befreien konnte.
Mit einem entschlossenen Blick drehte er sich zu seinem Vater um. „Und wenn wir Sam finden, bevor es zu spät ist?"
John nickte verstehend. „Beeilen wir uns, damit wir ihn noch retten können. Vertreiben wir diesen Mistkerl aus seinem Inneren und schicken ihn zurück in die Hölle, bevor er Sam vollständig vernichtet."
„Ja, Sir.", stimmte ihm Dean zu und folgte ihm, als dieser auf das Gebäude zueilte.
Tief in seinem Inneren war er froh, dass sein Vater hier war und ihm beistand. Sonst wäre er bei dem Gedanken, vielleicht seinen eigenen Bruder töten zu müssen, noch durchgedreht.

Gemeinsam betraten die beiden Männer das Haus und sahen sich mit gezogenen Waffen und eingeschalteten Taschenlampen in der Eingangshalle nach Spuren um. Doch sie konnten keine Hinweise darauf finden, dass Sam das Gebäude durch diesen Raum betreten hatte.
Daher wollten sie auf der Außentreppe nachsehen, ob der jüngste Winchester wirklich durch den Haupteingang gekommen war und überhaupt die Möglichkeit bestand, dass er sich im Haus aufhielt.
Aber dazu kamen sie gar nicht mehr. Bevor sie die Tür erreicht hatten, schlug diese mit einem lauten Knall zu und ließ sich selbst mit Gewalt nicht mehr öffnen. Auch als Dean sein halbes Magazin auf das Holz abfeuerte, prallten die Kugeln nur wirkungslos daran ab.
Frustriert wollte er dagegen treten, doch sein Vater hielt ihn zurück. „Nicht. Das würde nichts bringen. Das Gebäude will uns nicht gehen lassen, egal was wir auch tun. Hoffen wir, dass Sam hier drin ist und wir ihn rechtzeitig finden."

Plötzlich spürte der Jüngere eine fremde, bösartige Präsenz hinter sich. Ein kurzer Blick zu John hinüber bestätigte ihm, dass sein Vater sie ebenfalls fühlte. Dieser nickte ihm kaum merklich zu und Deans Finger krallten sich vor Anspannung in den Griff seiner Waffe.
Fast gleichzeitig wirbelten beide Männer herum, aber der Schatten in ihrem Rücken war schneller als sie und längst verschwunden, als sie ihre Pistolen auf seinen früheren Standort richteten.
Doch der Jüngere hätte schwören können, dass er aus den Augenwinkeln heraus Sams teuflisch verzerrtes Gesicht erkannt hatte.
Was zur Hölle war nur mit seinem Bruder geschehen?

„Dean würde niemals einen Menschen töten. Außerdem haben Sie mir immer noch nicht verraten, wie der kleine Junge in Ihre Theorie passt." Sam verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust und musterte den Professor mit herausforderndem Blick.
Dieser senkte seufzend den Kopf. „Ja, ich muss zugeben, dass Brian Foster eine mit meiner Theorie nicht kompatible Variable darstellt."
Fassungslos starrte der Jüngere ihn an. „Eine nicht kompatible Variable?"
Hilflose Verzweiflung schlich sich in Holloways Miene. „Ja, ich weiß, das war nicht gerade die richtige Wortwahl. Aber bisher sind hier nur Erwachsene verschwunden, die alle aufgrund unterschiedlicher einschneidender Erlebnisse in ihrer Vergangenheit bereit waren, zum Schutz ihrer selbst oder anderer einen Mord zu begehen."
Fahrig blätterte er in seinen Unterlagen und zeigte Sam mehrere Zeitungsausschnitte, während er fortfuhr. „Sondra Michaels wurde drei Jahre vor ihrem Verschwinden vergewaltigt. Sie sagte damals mehrmals aus, dass sie ‚diesen Mistkerl töten würde, wenn er ihr noch einmal zu nahe käme'. David Graham, ein Geschäftsmann aus Minnesota, wurde von seinen Kollegen als skrupellos beschimpft. Sie bezeichneten ihn wortwörtlich als ‚einen Mann, der um seinen Ruf und sein Geschäft zu retten, über Leichen gehen würde'. Samuel Martin, ein Afroamerikaner aus Texas, floh vor Anhängern des Ku-Klux-Klans mit seiner Familie hierher und bekräftigte vor Freunden, dass er alles tun würde, um seine Familie zu schützen. Laura Kensington zog mit ihrer kleinen Tochter nach Greyview, nachdem sie sich von ihrem gewalttätigen Mann getrennt hatte. Sie gab damals im Prozess gegen ihn an, sie würde auf gar keinen Fall zulassen, dass ihr Ex-Mann ihrem Kind etwas antun würde. Kurz bevor sie verschwand, wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Marcus Thompson wurde vor fünfzehn Jahren zu Unrecht zum Tode verurteilt und schaffte es, vor der Polizei zu fliehen. Der Polizist, den er vor seiner Flucht niedergeschlagen hatte, beschrieb ihn als ein in die Enge gedrängtes Tier, das zum Äußersten greifen würde, um nicht in der Todeszelle zu enden."

Schwer atmend hielt der Professor für einen Moment inne und der jüngste Winchester verstand plötzlich dessen Reaktion. Peter versuchte nur, die Dinge, die er nicht begriff, in einen sinnvollen und logischen Zusammenhang zu bringen und sich so zu erklären. Holloway war kein Jäger, so wie Dean oder John. Seine Waffen bestanden nicht aus Silberkugeln, Messern oder Schwertern. Er verließ sich auf seine Recherchen, sein Wissen, seine Bücher und Statistiken.
Im Grunde genommen war Sam ihm sehr ähnlich. Wenn sein Vater ihm nicht von klein auf das Jagen beigebracht hätte und er nicht die letzten Monate ständig mit seinem älteren Bruder zusammen gewesen wäre, würde er wohl auf ähnliche Art und Weise übernatürliche Fälle aufklären.

„Ich begreife nicht, warum dieser Junge verschwunden ist.", riss ihn das bestürzte Murmeln des Professors aus seinen Gedanken.
„Dann sollten wir das so schnell wie möglich herausfinden." Mit entschlossener Miene sah er Peter an, obwohl er sich tief in seinem Inneren beunruhigt fragte, was ihn wohl in diesem Haus erwarten würde. „Wir sollten einfach das Portal in diese Parallelwelt öffnen, nachprüfen, weshalb es auch Brian erwischt hat, und ihn und meinen Bruder retten, bevor es zu spät ist."

Wie gebannt starrte er auf den Punkt, an dem Sam seiner Meinung nach noch vor wenigen Sekunden gestanden hatte. Nur mühsam und wie durch dichten Nebel drang Johns Stimme zu ihm hindurch. „Dean! Deeean! Hörst du mich?"
Er schluckte hart, bevor er sich langsam anwandte. „Ja, Sir."
Kaum konzentrierte er sich ganz auf seinen Vater, schaffte er es, die Panik in seinem Inneren wieder unter Kontrolle zu bringen und aus seiner Starre zu erwachen. „Hast du mitbekommen, wo der Junge hingerannt ist? Vielleicht sollten wir mal nach ihm sehen?"
John musterte ihn kurz mit nachdenklicher Miene, bevor er langsam nickte. „Er ist da lang gelaufen.", erklärte er und deutete auf den Gang hinter seinem Sohn. Den Flur, der in den Nebentrakt des Hauses führte. „Gehen wir ihn suchen."
Erleichtert darüber, wenigstens für ein paar Sekunden nicht darüber nachdenken zu müssen, wie er Sam noch retten konnte, folgte Dean seinem Vater.

Während sie im Schein ihrer Taschenlampen den Gang entlang eilten, hatte der Jüngere das Gefühl, beobachtet zu werden. Immer wieder warf er nervöse Blicke hinter sich, doch er konnte nur Schatten erkennen, die ein Eigenleben zu führen und die beiden Winchesters zu verhöhnen schienen. Und immer wieder befürchtete er, dass sein kleiner Bruder sich inzwischen in einen dieser Schatten verwandelt hatte und nun als körperloser Dämon auf der Suche nach Brian Foster durch das Haus streifte.
Aus diesem Grund war er froh, als sie das große Wohnzimmer am Ende des Flures erreichten, in das John den Jungen hatte verschwinden sehen.
Der Raum könnte aus einer teuren Landvilla stammen, ging es Dean durch den Kopf, während er jede Sekunde erwartete, dass ein Butler namens James durch die Tür kam und ihm einen Scotch on the Rocks anbot. Was er bestimmt nicht abgelehnt hätte. Er hätte den hochprozentigen Alkohol sogar pur getrunken, obwohl ihm sonst ein kühles Bier wesentlich lieber war.

Doch von Brian fehlte jede Spur.
Ein irres Kichern riss ihn aus seinen Gedanken und er warf seinem Vater einen nervösen Blick zu.
Es war Sams Stimme gewesen, daran bestand kein Zweifel. Und er hatte sich angehört wie der durchgeknallte Jack Nicholson in Shining. Dean sah beunruhigt zur Tür hinüber und wäre nicht überrascht gewesen, wenn sein kleiner Bruder mit einer Axt in der Hand und bösartigem Grinsen ins Zimmer gestürmt wäre.
Allein schon die Vorstellung versetzte ihm, bildlich gesprochen, einen schmerzhaften Schlag in die Magengrube. Verzweifelt ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen, als ihm ein kleines Detail auffiel. Rechts vor ihm stand ein alter Schrank, etwa zwei Meter hoch und einen Meter fünfzig breit. Die beiden Türen waren geschlossen, doch unter der linken lugte ein wenige Zentimeter langes Stück eines Schnürsenkels hervor.
Er gab seinem Vater ein lautloses Zeichen. Dieser nickte nur und schlich sich leise zur Wohnzimmertür, um diese zu bewachen, während sein Sohn sich um Brian kümmerte.
Dean ging vorsichtig zum Schrank hinüber und öffnete ihn behutsam. Wie er erwartet hatte, saß der Kleine zusammengekauert zwischen alten Decken und Mänteln und zitterte am ganzen Körper. Als er den jungen Mann erblickte, stieß er einen erstickten Schrei aus und presste sich die Hände vor die Augen.

„Hey, keine Angst, Kleiner. Wir bringen dich hier raus.", flüsterte Dean ihm zu und versuchte, dabei so cool und zuversichtlich wie möglich zu wirken.
Brian senkte die Hände und starrte ihn mit großen Augen voller Entsetzen an. „Da ist ein Dämon in diesem Haus."
Der Ältere der Winchester-Brüder nickte langsam. „Ja, hör mal, das ist nur mein Bruder Sam. Wir kümmern uns um ihn und werden ihn davon abhalten, dir irgendetwas zu tun. Okay?"
Der Junge runzelte zweifelnd die Stirn und schüttelte leicht den Kopf. „Das ist nicht Sam."
Dean konnte sich nicht helfen, aber diese Antwort jagte ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken und er hatte Mühe, sich davon nichts anmerken zu lassen. „Wir bringen das in Ordnung und werden den Dämon aus seinem Körper vertreiben. Verstanden? Wir bringen das in Ordnung!" Er seufzte leise, bevor er die trotzige Antwort, zu welcher der Junge ansetzte, einfach abwürgte.
„Am besten bleibst du weiter hier drin, bis wir dich wieder abholen, und gibst keinen Mucks von dir.", erklärte er bestimmend, bevor er die Schranktür schloss.

Er wollte nicht hören, dass es für seinen kleinen Bruder wahrscheinlich keine Chance mehr gab. Schon gar nicht von einem verängstigten Zehnjährigen.
Mit einem entschlossenen Funkeln in den Augen drehte er sich zu John um, der ihn nachdenklich, sogar mit leichtem Bedauern musterte.
Als wolle er ihm gleich sagen, dass er sich am besten schon mal einen Smoking für Sams Beerdigung kaufen solle.
„Wir bringen das doch in Ordnung, Dad. Oder?", hakte er zögernd nach, obwohl er eine negative Antwort auf seine Frage eigentlich gar nicht hören wollte.

Doch bevor sein Vater überhaupt etwas erwidern konnte, geschah es.
Ein leises Sirren ertönte, bevor sich die Klinge eines Schwerts so tief von hinten in den Oberkörper des Älteren bohrte, dass die Spitze aus seiner Brust herausragte. John gab ein ersticktes Keuchen von sich, Blut rann an seinem Mundwinkel herunter.
Dean starrte geschockt auf sein großes Vorbild, den Anführer seiner Familie, und setzte sich viel zu langsam in Bewegung.
Mit einem grausamen Ruck wurde sein Vater aus dem Raum gezogen. Das irre Kichern des Dämons in Sams Körper hallte in den Ohren seines großen Bruders wider, während dieser seine Waffe zog und hinter den beiden herstürmte.
Mit Entsetzen musste er beobachten, wie John von seinem jüngeren Sohn über den Boden des Flurs geschleift wurde und „Sam" sich immer mehr veränderte. Seine Augen glühten in der Dunkelheit, seine Hände verwandelten sich in scharfe Klauen und seine Haut begann sich zu verfärben.
„Dean! Schieß!", brüllte ihm sein Vater noch zu.

Er sah sich die Waffe heben, mit zitternden Händen auf den Dämon zielen, der immer noch das Gesicht seines kleinen Bruders trug, und drückte ab. Immer und immer wieder. Doch die Kugeln verfehlten ihr Ziel.
Johns Körper verschwand in der Dunkelheit, seine gepeinigten Schreie zerrissen die Stille des Hauses, bevor sie entgültig erstarben. Und mit ihnen das irre Lachen des Dämons.

Voller Wut und Verzweiflung, gefangen in dem Schock über das, was er gerade hatte mit ansehen müssen, ließ Dean zu, dass seine Beine unter ihm nachgaben und er kraftlos zu Boden sank. Seine Waffe glitt ihm aus den Händen und schlug auf dem Teppich auf.
Nur langsam formte sich ein entschlossener Gedanke in seinem Kopf, der ihm wieder Kraft gab, auszustehen.
Er würde diesen Mistkerl umbringen. Und wenn er dabei draufging!

Ungeduldig und nervös hörte Sam dabei zu, wie Peter die Beschwörung vorlas.
Er kannte die Sprache nicht, es war auf jeden Fall kein Latein, aber er hoffte inständig, dass es wirkte. Und darauf, dass es möglichst schnell wirkte.
Seinem Bruder blieb vielleicht nicht mehr viel Zeit.
Um sich abzulenken, beobachtete er Holloway. Dieser schien selbst erhebliche Zweifel daran zu haben, dass die Worte, die er rezitierte, irgendeinen Effekt haben würden. Der Professor hielt seinen Blick gesenkt, immer nur auf das Buch in seinen Händen gerichtet, als fürchtete er, eine Enttäuschung zu erleben, sobald er aufsah.
Auf diese Weise entging ihm jedoch das plötzlich vor ihm auftauchende, blau-weiße Licht, das sich schnell ausbreitete und mit jedem weiteren Wort der Beschwörungsformel allmählich die Form einer Tür annahm.

Wie gebannt starrte Sam auf die Vorgänge und seufzte erleichtert auf, als er durch das Portal hindurch einen Blick auf das Haus aus seiner Vision erhaschen konnte.
Holloway dagegen hatte mit dieser Entwicklung gar nicht gerechnet und zuckte erschrocken zurück, als er geendet hatte und endlich aufblickte.
Dann legte sich ein triumphierendes Lächeln auf sein Gesicht. „Es hat funktioniert. Es hat wirklich funktioniert."
Er wollte schon einen Schritt auf das Portal zu gehen, als der Jüngere ihn zurückhielt. „Sie sollten da nicht reingehen."
Peter runzelte verwirrt und leicht ungehalten die Stirn. „Warum nicht?"
Sam seufzte leise. „Hören Sie, Sie sind bestimmt jemand mit großem Wissen, aber haben Sie schon jemals gegen einen echten Dämon gekämpft?"
Der Professor schüttelte irritiert den Kopf. „Nein, aber das sind doch nur Halluzinationen. Man wird mit seinen schlimmsten Ängsten konfrontiert, die einen dazu bringen könnten, einen Mord zu begehen. Diese Dämonen wären nicht echt."
Oh Mann, da glaubte jemand an Magie, aber nicht an Dämonen, ging es dem jüngsten Winchester durch den Kopf. Er beschloss, eine andere Strategie einzuschlagen. „Und was ist, wenn wir nicht zurückkehren können? Irgendjemand, der über diesen Ort Bescheid weiß, muss die anderen Menschen warnen, damit nicht noch mehr Leute verschwinden."

„Na schön." Widerwillig gab sich Holloway geschlagen und holte aus seiner Manteltasche eine uralte Kette hervor, an der ein runder Anhänger mit geheimnisvollen Symbolen hing. Er übergab sie Sam. „Das ist ein Schutzamulett, das den Träger vor Zaubern schützen soll, welche die menschlichen Sinne verschleiern. Das hilft Ihnen vielleicht."
Der Jüngere bedankte sich und warf einen überraschten Blick auf den Anhänger, bevor er sich die Kette um den Hals hängte. Er unterdrückte den Impuls, Peter zu fragen, ob er dieses Schmuckstück aus einem Museum gestohlen hatte. Schließlich hatte er nicht Dean vor sich, ermahnte er sich im Stillen.
„Passen Sie auf sich auf.", verabschiedete sich der Professor von ihm und Sam konnte Hilflosigkeit und Nervosität in seinen Augen aufblitzen sehen.
Selbst viel zu beunruhigt, um irgendetwas zu sagen, nickte er nur, bevor er auf das Portal zutrat und mit einem entschlossenen Schritt darin verschwand.