Chapter Four: Fears & Errors
Nachdem er durch das Portal getreten war, sah sich Sam mit einem unguten Gefühl im Bauch um. Er fühlte sich plötzlich niedergeschlagen und mutlos, als hätte ihm eine unsichtbare Macht eine zentnerschwere Last auf die Schultern gelegt.
Er warf einen Blick auf das Haus vor ihm. Angst stieg in ihm auf, Angst vor dem, was er vielleicht in dessen Inneren vorfinden würde. Doch er schluckte sie hinunter, unterdrückte sie. Wenn dieses Amulett ihn nicht schützen konnte, war Furcht das Letzte, was er in diesem Gebäude gebrauchen konnte.
Entschlossen machte er sich auf den Weg, als er aus den Augenwinkeln heraus etwas Merkwürdiges bemerkte, das ihn innehalten ließ. Er richtete den Strahl seiner Taschenlampe darauf und trat näher, um sich zu versichern, dass er sich auch nicht getäuscht hatte.
Stirnrunzelnd betrachtete er den Salzkreis, welcher ihn entfernt an die Umrisse von Leichen am Tatort eines Mordes erinnerte. Hatte Dean etwa auf diese Weise versucht, sich gegen imaginäre Dämonen zu verteidigen? Wenn ja, dann hatte sich sein Bruder entweder vor Angst beinahe in die Hose gemacht oder ihm war die Munition ausgegangen. Denn sonst ging der ältere Winchester eher zum Angriff über, als sich in die Defensive drängen zu lassen.
Es sei denn...
Er seufzte. Es sei denn, Dean hatte jemanden verteidigen müssen. Den Jungen? Und wenn ja, vor wem oder was hatte er Brian beschützt? Und war es ein realer Gegner oder nur eine Halluzination gewesen?
Mit einem letzten Blick auf das weiße Oval wandte er sich ab und lief auf das Haus zu.
Am Fuße des Aufgangs zur Eingangstür blieb er stehen, um sich zu überlegen, wie er weiter vorgehen sollte.
Wenn Holloway Recht hatte, wäre jeder Dämon, auf den er in diesem Gebäude traf, eine Halluzination. Allerdings glaubte der Professor nicht an Dämonen, was seiner Theorie einen Dämpfer verpasste.
Sam zögerte. Sollte er auf dieses Amulett vertrauen? Oder sollte er damit rechnen, in dem Gebäude auf reale böse Kreaturen zu treffen?
Die Unruhe in seinem Inneren wurde immer stärker, obwohl er nicht angeben konnte, aus welchem Grund. Dean und er hatten in den letzten Monaten so viele übernatürliche Dinge gejagt, dass sich seine Beunruhigung eigentlich nicht so weit über das Normalmaß hinaus steigern sollte. Zumindest sollte er wissen, was genau ihn so nervös machte.
Aber das konnte er nicht. Es fühlte sich an, als würde eine fremde Macht auf ihn einwirken, ihn davon abbringen wollen, das Haus zu betreten.
Doch er musste es tun.
Entschlossen stieg er die ersten Stufen hinauf, bis ihn urplötzlich eine heftige Vision innehalten ließ. Ein stechender Schmerz breitete sich in seinem Kopf aus, während Bilder in schneller Folge vor seinem inneren Auge abgespult wurden. Zuerst konnte er keine Einzelheiten erkennen, sondern nur erahnen, dass die Ereignisse, die ihm gezeigt wurden, im Inneren des Hauses stattfanden.
Oder stattgefunden hatten, berichtigte er sich im Stillen, als er begriff, wessen Tode er gerade miterlebte. Die Fotos aus den Zeitungsausschnitten des Professors halfen ihm dabei, sie zu identifizieren.
Sondra Michaels, David Graham, Samuel Martin, Laura Kensington und Marcus Thompson waren in diesem Gebäude aus Angst gestorben, verfolgt von einem unsichtbaren Grauen, das nur sie hatten sehen können. Ihre Schreie hallten in Sams Kopf wider, brachten diesen fast zum Bersten.
Und dann überkam ihn eine Vision von seinem älteren Bruder. Deans Miene war schmerzverzerrt, seine Augen wirkten leer ohne das entschlossene Feuer, das sonst in ihnen loderte. Er war eindeutig vollkommen verzweifelt, als hätte er sich bereits aufgegeben. Immer wieder huschten seine Blicke zu einem Punkt auf dem Fußboden. Egal was der Ältere der Winchester-Brüder dort zu sehen glaubte, es trieb ihm die Tränen in die Augen.
Mit einem schweren Seufzer hob Dean seine Waffe und führte sie mit einer quälend langsamen Bewegung zu seiner Schläfe. Sam konnte den Schuss beinahe körperlich fühlen, während er miterleben musste, wie sein Bruder in seiner Vision mit toten Augen zu Boden sank und leblos liegen blieb.
„Neeein!"
Mit diesem Schrei kam der jüngste Winchester wieder zu sich und realisierte, dass er inzwischen bereits direkt vor der Eingangstür stand.
Egal was ihn da drin erwarten würde, egal wer ihn davon abhalten wollte, dieses Gebäude zu betreten, er musste es tun! Er musste verhindern, dass Dean aus welchem Grund auch immer Selbstmord beging.
Er wollte schon versuchen, das Schloss zu knacken, als die Tür von allein aufsprang. Stirnrunzelnd stieß er sie weiter auf und trat zögerlich über die Schwelle, nachdem er den Lichtstrahl seiner Taschenlampe vorsorglich durch die Eingangshalle hatte schweifen lassen.
Kaum war er in das Haus hineingegangen, fühlte er plötzlich eine wohltuende Wärme auf seiner Brust, die sich langsam auf seinen ganzen Körper ausbreitete. Irritiert blickte er an sich herunter und stellte überrascht fest, dass das Amulett intensiv zu leuchten begonnen hatte.
Zuerst wollte er es sich vom Hals reißen, aus Angst, es könne noch wärmer werden und sich in seine Brust brennen. Aber das geschah nicht. Stattdessen fiel diese unerklärlich starke Nervosität von ihm ab und er konnte wieder freier atmen, ohne dass die Angst ihn am Denken hinderte.
Erleichtert atmete er auf. Das Amulett schien doch ganz hilfreich zu sein, ging es ihm voller Hoffnung durch den Kopf.
Wachsam sah er sich in der Eingangshalle um, doch direkt vor ihm konnte er keine Spur von seinem Bruder entdecken. Plötzlich hörte er aus dem Gang rechts von ihm ein leises Klicken, als hätte gerade jemand seine Waffe nachgeladen.
Eilig betrat er den Flur und hoffte, noch nicht zu spät gekommen zu sein. Der Strahl seiner Taschenlampe wanderte über den mit einem wertvollen Perserteppich ausgelegten Boden, bis er die Gestalt erreichte, die Sam genau gegenüberstand.
Über sein Gesicht glitt ein erfreutes Lächeln. „Dean!" Sein Bruder war gesund, noch am Leben –
und hielt mit entschlossener Miene seine Waffe auf den Jüngeren gerichtet. In diesem Moment wurde Sam klar, wen Dean aus Angst ermorden würde.
Dennoch stand er einfach nur geschockt da, als der erste Schuss sich löste.
Nachdem er sich voller Wut dazu entschieden hatte, den Dämon schnellstmöglich zu verfolgen und zur Hölle zu schicken, prüfte er zuerst das Magazin seiner Waffe. Wie er vermutet hatte, war es inzwischen leer, doch das würde ihn nicht aufhalten. Er hatte noch genügend Munition dabei.
Während er das leere Magazin auswechselte, setzte er sich mit entschlossenen Schritten in Bewegung, als er den Lichtstrahl bemerkte, der auf ihn zukam. Er blieb stehen und sah augenblicklich auf.
„Dean!", hörte er die Stimme seines Bruders sagen und hob sofort seine Pistole.
Er wollte den Mistkerl nicht töten. Noch nicht. Die Kugeln würden dieser Kreatur sowieso nichts anhaben können, sondern nur Sam verletzen. Aber vielleicht konnte er durch einen gezielten Schuss den Dämon dazu bringen, seinen Wirt zu verlassen.
Und wenn dies nicht funktionierte und er seinen Bruder nicht retten konnte, dann würde er Sam erlösen, bevor das Ding in dessen Inneren noch die Seele des Jüngeren auffraß.
So wie er es seinem Vater versprochen hatte.
Er wusste, dass er seinen Gegenüber beim ersten Schuss verfehlen würde, selbst als dieser den Lauf der Waffe genauso hypnotisiert ansah wie ein Reh das Fernlicht eines Autos in der Nacht. Doch Sam schaffte es gerade noch rechtzeitig, aus der Schusslinie zu springen. Eilig brachte er sich hinter der nächsten Ecke in Sicherheit und drückte sich in der Eingangshalle schützend gegen die Wand, während hinter ihm zwei weitere Kugeln in Wände und Einrichtungsgegenstände einschlugen.
Frustriert stöhnte der jüngere Winchester auf. Aus welchem Grund hatte es sein Bruder plötzlich auf ihn abgesehen? Was war es, das ihm solche Angst machte, dass er bereit war, ein Familienmitglied zu töten? „Warum zum Teufel schießt du auf mich?"
Diese in seinen Augen verdammt dreiste Frage machte Dean für mehrere Sekunden sprachlos. Wollte dieser Mistkerl ihn etwa verarschen? „Du weißt ganz genau, wieso. Was hast du mit meinem Vater gemacht, du verdammter Hurensohn?"
Nun war es der Jüngere, dem es für kurze Zeit die Sprache verschlug. „Dad ist hier?", entfuhr es ihm.
Das gab seinem Bruder den Rest. „Nenn ihn nicht deinen Dad, du verschissenes Arschloch. John Winchester ist Sams Vater, nicht deiner. Also, tu gefälligst nicht so verdammt unschuldig.", brüllte er dem Anderen zornig zu.
Dieser runzelte irritiert die Stirn. Was ging hier vor sich? „Aber ich bin Sam."
Dean konnte nicht glauben, was er da hörte. Wie konnte dieser Mistkerl nur so hinterhältig sein? Als würde er diesem Drecksack glauben, dass sein kleiner Bruder wieder die Kontrolle über seinen Körper hatte! „Nein, bist du nicht! Du bist ein verfluchter Dämon, der Sams Körper in Besitz genommen hat und mir jetzt vormachen will, es wäre wieder alles in Ordnung."
Der jüngere Winchester blinzelte ein paar Mal verwirrt, bis ihm ein Licht aufging. „Du hast Angst davor, dass meine Kräfte Dämonen anlocken könnten, die dann die Kontrolle über mich übernehmen?"
Fassungslos blieb Dean, der sich gerade an seinen „Feind" hatte anschleichen wollen, stehen und versuchte vergeblich, aus dessen Taktik schlau zu werden. Wollte dieser Typ ihn etwa nur verarschen? Oder hinhalten, bis John Winchester tot war?
„Und wenn ja? Was geht es dich an?", konterte er herausfordernd, doch ein Teil von ihm war bereits verunsichert.
War es wirklich möglich, dass Sam den Dämon hatte aus seinem Körper vertreiben können?
Der Jüngere atmete erleichtert auf. Das klang nach einem Fortschritt.
„Dieses Haus, es konfrontiert diejenigen, die es betreten, mit ihren Ängsten. Vor allem mit denen, die einen dazu bringen könnten, einen anderen Menschen zu töten. Also, fürchtest du dich davor, dass ich irgendwann von einem Dämon besessen sein könnte? Einem Ding, das mich innerlich auffrisst, sodass du dich gezwungen siehst, mich umzubringen? Um dich und vielleicht auch Dad zu beschützen?"
Sein Bruder wusste inzwischen nicht mehr, was er von dem Anderen halten sollte. War das wirklich alles nur ein Trick, um ihn reinzulegen? „Was soll das werden, hä? Wenn du mich umbringen willst, dann tu es endlich. Ich habe keinen Bock, mich von dir zu Tode quatschen zu lassen."
Dean klang leicht verunsichert, wie jedes Mal, wenn er versuchte, möglichst cool rüberzukommen, ging es Sam durch den Kopf.
Er atmete einmal tief durch und beschloss zu handeln. Zögerlich gab er seine Deckung auf und betrat mit erhobenen Händen erneut den Flur. „Ich will dich nicht umbringen, Mann. Ich bin dein Bruder, verdammt. Kapierst du's denn nicht? Ich bin gerade erst hier reingekommen. Ich musste durch ein Portal gehen, um hierher in diese Welt zu gelangen. Alles was du glaubst, gesehen zu haben, meine Besessenheit, dieser Dämon in meinem Körper, Dad... Das alles waren Halluzinationen, die das Haus und der Fluch, der auf ihm liegt, erzeugt haben. Es war nicht echt. Egal, was du hier drin erlebt hast: Es ist nur in deiner Vorstellung passiert."
Hoffnung keimte in Dean auf. Konnte das möglich sein? Es würde auf jeden Fall bedeuten, dass es seinem Bruder gut ging und sein Vater noch am Leben war.
Nach außen hin ließ er sich jedoch nichts anmerken, sondern hob skeptisch die Augenbrauen, während er seine Taschenlampe direkt auf Sams Gesicht richtete. Dieser blinzelte geblendet und drehte seinen Kopf etwas zur Seite, um den Älteren im Auge behalten zu können.
„Ach ja? Nette Theorie. Hast du vielleicht auch Beweise dafür, dass du derjenige bist, für den du dich ausgibst? Denn selbst wenn ich dir glauben würde, was ich nicht tue, könntest du immer noch eine der Halluzinationen sein, von denen du gerade erzählt hast. Oder denkst du wirklich, dass ich dich für realer halte, nur weil du nicht mehr so dämlich kicherst?"
Dem Jüngeren blieb vor Verblüffung der Mund offen stehen. „Ich habe dämlich gekichert? Was ist denn das für ein dämliches Klischee? Wahrscheinlich hast du dir auch noch vorgestellt, ich würde mit der Axt hinter dir herrennen wie Jack Nicholson in Shining hinter seiner Familie."
Dean konnte sich nur mühsam ein überraschtes Lächeln verkneifen. Dieser Gesichtsausdruck konnte wirklich nur von seinem kleinen Bruder stammen. Kein Dämon konnte so fassungslos-doof gucken, wie Sam es des Öfteren tat, wenn man ihn ärgerte.
Die Hoffnung in seinem Inneren wurde größer, obwohl die Angst vor einer Täuschung durch eine böse Macht noch nicht völlig verschwunden war.
Vielleicht sollte er seinen Gegenüber noch etwas testen. Nur um ganz sicher zu gehen.
Plötzlich fiel sein Blick auf das runde Amulett um den Hals des Anderen, welches ihn sofort faszinierte. Die uralten, verschnörkelten Symbole darauf waren in mehreren konzentrischen Kreisen angeordnet, die zur Mitte hin immer kleiner wurden. Fast wie eine hypnotische Spirale, nur dass sie sich nicht drehten. Zudem schien das Schmuckstück leicht zu glühen.
Und er war sich sicher, dass der besessene Sam diese Kette nicht getragen hatte.
„Und wofür ist eigentlich dieses Teil um deinen Hals gut, hä? Woher hast du das eigentlich? Etwa aus nem Museum geklaut?"
Der Jüngere runzelte verwirrt die Stirn. Glaubte Dean ihm etwa schon? Wahrscheinlich. Sonst sähe er immer noch wütend aus und würde jeden Versuch, vernünftig mit ihm zu reden, von vornherein abblocken.
Aber was sollte er antworten? Da war so'n Typ im Wald, der nach Beweisen für die Existenz von Geistern gesucht hat. Und ich habe ihm instinktiv vertraut, weil er so verplant wirkte und außerdem ein Parapsychologe ist, dessen Arbeit ich bewundere. Ja, ganz sicher nicht. Sein Bruder würde ihn die nächsten Jahre über damit unentwegt aufziehen und er hatte keine Lust, Dean noch mehr Möglichkeiten zu liefern, mit denen dieser ihn ärgern konnte.
„Von Peter.", rutschte es ihm heraus, wofür er sich sofort hätte ohrfeigen können.
Diese Antwort klang, als würde er Holloway schon länger kennen.
Dean sah dies genauso und diesmal konnte er ein Grinsen nicht unterdrücken. Die leichte Röte, die sich auf die Wangen des Jüngeren legte, ließ seine Angst schwinden. Kein Dämon würde sich so für diese Antwort schämen wie Sam, der genau wusste, dass er seinem Bruder damit mal wieder eine tolle Vorlage geliefert hatte. Ja, er war sich plötzlich ziemlich sicher, den echten Sam vor sich zu haben. Doch er würde dem Kleinen ganz bestimmt nicht offen die unendliche Erleichterung zeigen, die bei dieser Erkenntnis in ihm hochstieg.
Stattdessen würde er ihn lieber etwas ärgern, weil er sich soviel Zeit gelassen hatte. „Peter? Verstehe."
Sam räusperte sich verlegen, blickte kurz zur Seite, entschied sich aber dann, sich nicht so schnell von Dean in die Enge treiben zu lassen. „Ja, genau. Peter. Er hat mir geholfen, Nachforschungen anzustellen, was du ja nicht tun wolltest. Durch ihn habe ich erfahren, was es mit Haus auf sich hat und warum nicht jeder verschwindet, der diesen Wald betritt. In unserer Realität existiert dieses Gebäude nämlich nicht mehr, weil es abgebrannt ist. Nur so ein verdammter Fluch sorgt dafür, dass es in dieser Parallelwelt noch intakt ist. Deswegen mussten wir erst ein Portal öffnen, damit ich zu dir gelangen konnte. Und wenn du nicht darauf bestanden hättest, sofort hierher zu kommen, dann hätten wir das früher gewusst und du wärst nicht die ganze Zeit in diesem Haus mit deinen eigenen Ängsten konfrontiert worden."
Oh Mann, sein Bruder redete sich ja ganz schön in Rage, ging es dem Älteren durch den Kopf und er befürchtete schon, dass Sam bald Tränen in den Augen stehen würden. Und das wollte er auf jeden Fall verhindern. Gefühlsduseleien konnten sie jetzt am wenigsten gebrauchen.
„Oh, ‚Nachforschungen anstellen' nennt man das also heutzutage. Das erklärt, warum du so ewig gebraucht hast. War's denn wenigstens schön für dich?"
Sams Schultern sackten fassungslos nach unten. Er wollte Dean gerade seine Meinung geigen, um ihm begreiflich zu machen, dass er hätte draufgehen können, weil sie ohne Hintergrundinfos hier rausgefahren waren. Und sein Bruder hatte nichts besseres zu tun, als sich über ihn lustig zu machen!
„Hast du mir überhaupt zugehört? Du hättest sterben können, verdammt. Checkst du das nicht? Jeder der bisher hierher kam, ist tot. Vielleicht ist es der Junge ebenfalls schon. Und du stehst hier rum und machst dämliche Scherze."
Dean seufzte und beschloss einzulenken. „Hey, komm mal wieder runter. Ich weiß, wo der Junge ist. Und er ist noch am Leben. Ich meine, falls ich das nicht bloß halluziniert habe."
Sein Bruder atmete erleichtert auf und folgte dem Älteren, der ihm mit einer Handbewegung verdeutlichte, dass er ihn zu Brian führen wollte. „Na, wenigstens etwas."
Dean grinste in sich hinein. Er war wirklich unendlich froh, dass der Kleine nicht besessen war und er sich scheinbar alles nur eingebildet hatte. Am liebsten hätte er Sam umarmt, aber diesem Drang wollte er eigentlich nicht nachgeben. Ihn aufzuziehen war wesentlich lustiger und brachte seine Erleichterung genauso gut zum Ausdruck.
„Ich weiß, ich hätte das nicht sagen sollen. Schließlich sollten wir jetzt zuerst den Jungen retten und hier verschwinden." Deans Grinsen wurde breiter. „Aber ich war eifersüchtig, weil du Peter so gelobt hast. Es hörte sich an, als wärst du viel lieber mit ihm zusammen als mit mir. Woran liegt es? Ist er wirklich soviel attraktiver als ich?"
Der Jüngere warf ihm einen genervten Blick zu, sparte sich jedoch eine Antwort.
Was seinen Bruder nur noch mehr anstachelte. Außerdem musste er unbedingt wissen, wer dieser ominöse Peter war. „Ich meine, das muss schon was Besonderes zwischen euch sein. Ihr kennt euch erst seit heute Nacht und er hat dir schon Schmuck geschenkt."
Mit einem frustrierten Stöhnen blieb Sam stehen. „Verdammt, Dean, das ist ein Schutzamulett, das mich vor dem Fluch schützen soll!"
Dean warf einen interessierten Blick auf die Kette. „Hast du für mich vielleicht die dazu passenden Ohrringe dabei?"
Sein Bruder ließ ihn einfach stehen und stürmte in das Wohnzimmer, wo er sich suchend umsah. „Wo ist Brian?"
Der Ältere seufzte ergeben. Der Kleine konnte manchmal so ein Spielverderber sein. „Er hat sich im Schrank versteckt. Aber jetzt mal im Ernst: Was war das für ein Typ?"
Sam drehte sich zu ihm um und sah Beunruhigung in den Augen des Anderen aufblitzen. „Er hat im Wald nach Beweisen für eine übernatürliche Macht gesucht, nachdem er von dem mysteriösen Verschwinden dieser Menschen gehört hat. Er ist Parapsychologe, weiter nichts. Er ist harmlos, ganz sicher."
Dean zog vor Verblüffung beide Augenbrauen nach oben. „Ach, du Scheiße. Du meinst, so ein Geisterjägertyp wie die Ghostbusters? So ein leicht verrückter, total verpeilter Kerl?"
Sein Bruder runzelte nachdenklich die Stirn und nickte dann langsam. „Ja, das kommt hin."
Über die Lippen des Älteren glitt ein Grinsen. „Oh Mann, das ist echt krass. Ist er mehr wie Egon oder doch eher wie Ray?"
„Irgendwie eine Mischung aus beiden. Aber doch eher wie Egon."
„Das dachte ich mir schon." Mit einem fassungslosen Kopfschütteln lief Dean zum Schrank hinüber und öffnete ihn. Zu seiner Erleichterung hatte sich Brian nicht vom Fleck bewegt.
Der Junge schien ebenfalls froh darüber zu sein, dass sein Retter gesund vor ihm stand. Dann fiel sein Blick auf den jüngeren Winchester. „Sam!", rief er erfreut aus und krabbelte aus dem Schrank.
Der Ältere sah seinen Bruder erstaunt an. „Ihr kennt euch?"
Sam zuckte unwissend mit den Schultern. „Ich habe ihn nur in meinen Träumen gesehen."
„Und ich dich in meinen.", erklärte der Zehnjährige ernsthaft. „Sie hat mir gesagt, dass du kommen würdest, um mir zu helfen."
Dean ging in die Hocke, um Brian direkt in die Augen sehen zu können. „Welche Sie? Wer hat mit dir gesprochen?"
„Die weiße Frau. Sie sagte, ihr Name wäre Catherine. Sie hat mich hierher gebracht."
Die beiden Brüder sahen sich überrascht an. Sam nickte langsam. „So hieß die Frau, die hier gelebt hat. Die Hexe, die den Fluch ausgesprochen hat."
„Aber sie war das nicht!" Brian schüttelte energisch den Kopf. „Sie hat doch nur gewollt, dass die Männer begreifen, warum sie solche Angst vor ihr hatten. Sie hat nicht gewollt, dass das Haus böse wird und Menschen umbringt. Das war der Zauber!"
Der jüngere Winchester runzelte nachdenklich die Stirn. Allmählich bekam alles einen Sinn. Holloway hatte Recht gehabt. Der Schutzzauber und der Fluch, mit dem Catherine die drei Männer belegt hatte, hatten zusammen ein Eigenleben entwickelt.
„Was für ein Zauber? Und von welchen Männer spricht er da?", riss ihn ein völlig verwirrter Dean aus seinen Gedanken.
„Diese Frau wurde von drei Männern in ihrem Haus verbrannt, die Angst vor ihr hatten, weil sie die Gabe hatte, Menschen zu durchschauen. Sie hat vor ihrem Tod versucht, sich durch diesen Fluch zu schützen, der den Männern zeigen sollte, wovor sie sich eigentlich fürchteten. Und mit dem Zauber hat sie einen abgetrennten Bereich im Keller geschützt, damit niemand außer ihr ihn betreten und das Zauberbuch stehlen konnte, das sie dort versteckt hielt. Dieser Raum war feuerfest und Holloway vermutet, dass diese Mauern den Brand überstanden haben könnten."
Der Ältere seufzte. „Das heißt also, der Fluch hat sich, während die Hexe starb, auf das Haus und diesen Raum übertragen. Und nun sorgt er zusammen mit dem Schutzzauber dafür, dass Menschen, deren Ängste sie zu einem Mord treiben würden, hierher gelangen und den Tod finden. Richtig?"
Sam nickte zustimmend. „Ja, so ungefähr."
Entschlossen stand Dean auf. „Okay, dann finden wir den Raum und zerstören ihn. Dann wäre der Schutzzauber weg und alles wieder in Ordnung."
„Nein.", unterbrach ihn Brian. „Man kann ihn nicht zerstören. Dafür ist die Magie, die ihn beschützt, zu stark. Aber man kann den Zauber aufheben, wenn man das Buch hat. Sie sagte, ich könnte den Zauber aufheben. Weil ich unschuldig bin, oder so."
Der ältere Winchester warf ihm einen leicht vorwurfsvollen Blick zu. „Und warum bist du dann nicht schon längst in den Keller runtergegangen?"
Auf dem Gesicht des Jungen erschien ein völlig verängstigter Ausdruck. „Da unten gibt es ganz viele Dämonen. Die werden mich umbringen, wenn ich mich dem Raum nähere."
Dean sah zu seinem Bruder hinüber. „Soviel zu dem Fluch."
Dieser wandte sich mit einer zuversichtlichen Miene dem Zehnjährigen zu. „Keine Angst, Brian. Wir sind hier, um dir zu helfen. Wir werden nicht zulassen, dass irgendein Dämon dir etwas antut."
Der Junge nickte tapfer, zitterte jedoch immer noch am ganzen Körper.
Sam hätte ihm diese Sache gerne erspart, doch Dean sah das anders. „Wo ist der Keller?"
Brian führte sie durch den Gang und die Eingangshalle in den hinteren Teil des Hauses, in dem sich die Küche befand. Währenddessen sah er sich immer wieder verängstigt um und klammerte sich an den jüngeren Winchester, der ihm seine Hand angeboten hatte.
Doch so wachsam die beiden Brüder auch waren: Sie konnten nichts Verdächtiges erkennen, obwohl die Furcht des Jungen auch sie verdammt nervös machte. Aber sie beruhigten sich damit, dass das, was Brian auch immer sehen mochte, nur Halluzinationen waren, die ihnen dreien keinerlei körperlichen Schaden zufügen konnten. Dennoch atmeten sie erleichtert auf, als der Kleine in der Küche vor einer weißen Tür stehen blieb und wortlos darauf deutete.
Brian warf einen verängstigten Blick nach hinten auf die Brüder, als er etwas entdeckte, das sein Herz beinahe zum Stillstand kommen ließ: Ein scheußliches Monster mit roten, glühenden Augen, langen scharfen Krallen und dunkler stachelbesetzter Haut, das hinter den Winchesters stand und ihn zornig anfauchte.
Dean erkannte sofort, was mit dem Jungen los war. „Egal was du siehst, Kleiner: Es ist nicht echt. Es nur eine Halluzination, eine Einbildung, verstehst du? Dieses Ding ist nicht imstande, dir etwas anzutun.", versuchte er diesen zu beruhigen, doch der Junge beachtete ihn gar nicht.
Seine Augen waren weiterhin auf das Monster gerichtet, das nun mit seiner rechten Klaue ausholte, um ihn zu schlagen.
Sam und Dean keuchten erschrocken auf, als plötzlich wie aus dem Nichts drei tiefe blutige Wunden auf der linken Wange des Jungen erschienen, die aussahen, als wären sie von einer mit scharfen Krallen bewehrten Klaue verursacht worden.
